Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Johannes Brahms

Rhapsodie für Altstimme, Männerchor und Orchester op.53

Altrhapsodie"

(Text aus Goethes „Harzreise im Winter")

 

Neubearbeitung 2019

 

14 Jahre lang stand die Altrhapsodie unverändert im Klassik-Prisma. Jetzt ist es Zeit, das dort geschriebene einer Überprüfung zu unterziehen, auch deswegen, da 15 „neue“ CDs zu sichten und einzuordnen sind.

 

Bei der sogenannten Altrhapsodie verwendet Brahms Ausschnitte aus Goethes Gedicht Harzreise im Winter. Es ist nicht die erste Vertonung dieser Verse, bereits 1792 hatte Goethes Freund Johann Friedrich Reichardt die Verse für Singstimme und Klavier vertont, die Brahms in einer Liedersammlung kennengelernt hatte. Die Situation des vom Dichter als „verzweifelt umherirrend“ beschriebenen Jünglings gemahnte den Komponisten als Abbild seiner eigenen augenblicklichen Lebensumstände. Die Komposition lässt einen Blick auf die seelische Verfassung des 36jährigen Brahms zu, der sich zunächst auch unsicher war, so etwas Privates in die Öffentlichkeit zu bringen.

Brahms Komposition gliedert sich in drei Abschnitte, der erste ist allein dem Orchester vorbehalten. Mit schwermütigem Ausdruck, durch mehrere Molltonarten geführt, und schleppendem Tempo skizziert der Komponist seinen Schmerz, seine Ausweglosigkeit und Weltfluchtflucht, bevor er die Altistin mit den Worten „Aber abseits wer ist’s?“ beginnen lässt (Abschnitt zwei).  – Hier sollte die Frage, warum Brahms einen Alt und nicht einen Bass wählt, nicht umgangen werden. Vermutlich sollte die Frauenstimme mehr Distanz zum Textinhalt vermitteln.  – Der Duktus des Gesangsabschnitts, im etwas schnelleren Tempo,  orientiert sich an der vorherigen c-Moll-Stimmung und gipfelt in der appellativen Frage „Ach, wer heilet die Schmerzen?“ Im dritten Abschnitt, nun in C-Dur mit Beteiligung eines Männerchores, schwingt letztlich die Gewissheit des Trostes mit.

 

Die Temporelationen zwischen den  drei Teilen des Werkes sollten stimmen:

Adagio – Poco Andante – Adagio. Der Mittelteil wird leider bei vielen der sonst gelungenen Aufnahmen zu langsam genommen (z.B. Kubelik, Markevitch, Fricsay, Sanderling) oder regelrecht verschleppt (Böhm, Krauss). Sinopoli nimmt das Tempo recht frei!

Der Männerchor darf nicht zu sehr im Hintergrund agieren und sollte textverständlich sein! Hier ist seitens des Dirigenten und des Aufnahmeteams eine gute Klangregie gefordert. Ältere Einspielungen haben es da schwerer (Monteux, Busch, Krauss), aber auch bei neueren steht es hier nicht immer zum Besten (Böhm, Muti, Davis). Bei Aufnahmen mit ausländischen Chören stört oft ein Akzent (Walter, Monteux, Boult-Sinclair, Blomstedt, Markevitch).

 

 

Hier noch einige Hinweise zu ausgewählten Stellen:

 

Bei der exponierten Stelle „… aus der Fülle der Liebe trank“ (T.64-69 und bei der Wiederholung) atmen fast alle Sängerinnen vor „der“ nach. Nur wenige schaffen den großen Bogen auf einem Atem: Janet Baker, Yvonne Naef und Christa Ludwig, jedoch nur in der Klemperer-Aufnahme. Anna Larsson greift hier bei den hohen Tönen zum Falsett.

 

Im einleitenden Orchesterteil erinnern mich die Takte 9-11 an die Musik in der Waltrauten-Szene aus dem Vorspiel von Wagners Götterdämmerung. Einige Takte später werden sie eine Terz höher wiederholt.

Auch eine weitere Stelle zeigt auf Wagner: „Ach wer heilet die Schmerzen...“, das klingt doch nach dem Tristan-Vorspiel des dritten Aktes (T. 34-37). Brahms damalige Befindlichkeit und Tristans Leiden und Nicht-Sterben-Können treffen hier musikalisch zusammen. Ich glaube nicht, dass der jüngere Brahms den Tristan gekannt hat, die Altrhapsodie entstand 1869, der Tristan wurde vier Jahre zuvor in München uraufgeführt. 

 

1862/63 gab es jedoch einen – gescheiteten – Versuch  in Wien den Tristan uraufzuführen, die erste Wiener Aufführung erfolgte dann 1883, längst nach der Entstehung der Altrhapsodie. Der Erstdruck der Partitur erfolgte allerdings bereits 1860 bei Breitkopf und Härtel in Leipzig.

Theoretisch lässt sich noch folgendes konstruieren: Ende 1863 gab Wagner in Wien ein Konzert, u. a. mit dem Tristan-Vorspiel und Isoldes Liebestod. Da wirkte auch der Pianist Carl Tausig mit, der sowohl mit Wagner als auch Brahms in engem Kontakt stand. Möglicherweise hat Tausig oder Peter Cornelius, ebenfalls ein Freund beider Komponisten, dem musikalisch-neugierigen Brahms, der zur selben Zeit in Wien weilte, Musik von Wagner, u.a. aus Tristan, zugestellt und/oder sogar vorgespielt, ob das Vorspiel zum 3. Akt dabei war, lässt sich heute nicht beweisen. Auch ein Besuch einer Tristan-Aufführung durch Brahms ist nirgends belegt, weder bei den ersten vier Aufführungen 1865 in München, noch bei der Neuinszenierung 1869, wiederum in München.

Entgegen der immer wieder zitierten Meinung, Wagner und Brahms seien ihr Leben lang aufgrund gegensätzlicher musikalischer Weltbilder verfeindet gewesen, lässt sich belegen, dass Brahms Wagners Musik studiert und einiges geschätzt hat. So war er einige Jahre im Besitz des Autographs von Wagners Meistersingern. Soweit die Tatsachen.

Persönlich glaube ich nicht, dass Brahms von Wagner abgeschrieben hat, dass konnte er sich als damals schon renommierter Komponist nicht erlauben. Für mich ist jedoch interessant, dass ich in der Literatur noch nirgends einen Hinweis auf diese Ähnlichkeit gefunden habe.

 

Die Solostimme wird, wie von Brahms angegeben, bei den meisten Interpretationen tatsächlich von einer Alt-Stimme gesungen. Der Solopart reizt jedoch auch Mezzosoprane, hier sind es: Christa Ludwig, Grace Hofmann, Jard van Nes, Dagmar Pecková, Anne-Sophie von Otter sowie Nathalie Stutzmann.

 

5

Dagmar Pecková

Jiří Belohlávek

Philharmonischer Chor Prag                         Prag Philharmonia

Supraphon

1999

13‘32

 

eindringlich gestaltet, sowohl vom Gesang als auch vom Orchester, Behlolávek lässt tief in das Orchester blicken, schöner Klang

5

Elisabeth Höngen

Ferdinand Leitner

Berliner Liedertafel

Berliner Philharmoniker

DGG      Preiser

1952

13‘01

 

insgesamt viel Spannung, sehr gute Textverständlichkeit, Singstimme vorgezogen, Chor deutlicher als in den meisten anderen Aufnahmen, für die Zeit der Aufnahme guter Klang

5

Christa Ludwig

Otto Klemperer

Philharmonia Chorus and Orchestra London

EMI

1962

12‘24

 

5

Anne-Sophie von Otter

James Levine

Arnold-Schönberg-Chor

Wiener Philharmoniker

DGG

1992

12‘27

 

live – engagiertes, ausdrucksstarkes Singen; präsenter Chor, differenziert singend, muss jedoch hinter der Sängerin Platz nehmen, bei „Herz“ (vier vor F) ist das z nicht zusammen; Levine steuert ein sanguinisches Musizieren bei, große Szene!

5

Anna Larsson

Gerd Albrecht

Dänischer National Chor

und Sinfonie-Orchester

Chandos

2003

11‘54

 

 

 

 

 

4-5

Janet Baker

Adrian Boult

John Alldis Chor

London Philharmonic Orchestra

EMI

1970

11‘42

 

souverän singende Baker, Chor etwas kompakt, aber ziemlich textverständlich, fließende Tempi, zu Beginn deutliche sf, gute Transparenz

4-5

Helen Watts

Ernest Ansermet

Chor des Radio Suisse Romande

Pro Arte Chor Lausanne

Orchestre de la Suisse Romande

Decca

1965

13‘11

 

ausgeglichende Singstimme, Chor textverständlich, akustisch der Altistin nachgeordnet, Ansermet sorgt für ein strukturbezogenes und klares Musizieren, fließendes Tempo, am Anfang bereits Andante

4-5

Anna Larsson

Marek Janowski

Dresdner Philharmonie und Chor

Rundfunkaufnahme unveröffentlicht

2003

11‘51

 

live, ▼

4-5

Aafje Heynis

Wolfgang Sawallisch

Wiener Singverein

Wiener Symphoniker

Philips   Decca

1962

12‘35

 

4-5

Aafje Heynis

Eduard van Beinum

Königlicher Männergesangverein

Concertgebouw Orkest Amsterdam

Philips   Decca

1958

12‘43

 

4-5

Jard van Nes

Herbert Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestra and Chorus

Decca

1989

13‘26

 

4-5

Jard van Nes

Bernard Haitink

Tanglewood Festival Chorus

Boston Symphony Orchestra

Philips

1993

14‘46

 

4,5

Mildred Miller

Bruno Walter

Chor des Occidental College

Colmbia Symphony Orchestra

CBS     Sony

1961

12‘23

 

Sängerin expressiv und textverständlich, Chor mit amerikanischem Akzent, zurückgesetzt, Walter stellt seine Brahms-Kompetenz auch hier unter Beweis

4-5

Marian Anderson

Fritz Busch

Männerchor der Schola Cantorum  New York Philharmonic Orchestra

Guild

1950

12‘32

 

live, ▼

4-5

Marian Anderson

Pierre Monteux

Munchipal Chorus

San Francisco Symphony Orchestra

RCA

~1951

12‘25

 

4-5

Ann Hallenberg

Philippe Herreweghe

Collegium Vocale Gent

Orchestre des Champs-Elysees

PHI

2011

11‘25

 

Hallenberg singt mit weniger Mitleiden, objektiver; Solistin und Chor in guter Balance, auch innerhalb des Orchesters, gute Textverständlichkeit

4-5

Nathalie Stutzmann

John Eliot Gardiner

The Monteverdi Choir

Orchestre Revolutionaire et Romantique

SDG

2007

12‘49

 

live, ▼

4-5

Nathalie Stutzmann

Colin Davis

Chor und Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

RCA

1992

13‘00

 

4-5

Marjana Lipovček

Claudio Abbado

Ernst-Senff-Chor

Berliner Philharmoniker

DGG

1988

12‘58

 

Solistin singt am Text entlang, Textverständlichkeit nicht ganz top; guter Chor, der noch etwas präsenter hätte sein können; Abbado eher objektiv, zurückhaltend, im Gegensatz zu Levine, richtige Temporelationen

4-5

Grace Hoffmann

Rafael Kubelik

Chor und Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1962

15‘11

 

live – souveräne Gestaltung des Soloparts, ziemlich überzeugender Chor, leider lässt Kubelik zu gezogen spielen, kein Unterschied zwischen Adagio und poco Andante

4-5

Jessye Norman

Riccardo Muti

Choral Arts Society of Philadelphia

Philadelphia Orchestra

Philips

1989

12‘18

 

große Stimme, rhythmisch genau, Textverständlichkeit, Norman bei einer kleinen Opernszene; Chor weniger präsent, gute Orchesterleistung, richtige Temporelationen

4-5

Sigrid Onegin

Kurt Singer

Berliner Ärzte-Chor

Staatskapelle Berlin

Preiser

1929

13‘16

 

Frau Onegin erfreut mit einem ausdrucksstarken Vortrag, zeitbedingte Portamenti, Stimme vorgezogen, Chor etwas rau und zurückgesetzt, ebenso das Staatsopernorchester

 

 

 

 

4

Lucretia West

Carl Schuricht

Südfunk Chor

Stuttgarter Lehrergesangverein

SDR Sinfonie-Orchester

hänssler

1964

12‘14

 

4

Alice Coote

Robin Ticciati

Chor des Bayerischen Rundfunks

Bamberger Symphoniker

Tudor

2009

11‘50

 

helle Altstimme, auch in der Tiefe nicht verschattet, gute Textverständlichkeit, Alice Coote scheint jedoch nicht glaubhaft vermitteln zu können, wovon sie singt, bei der Stelle „das Gras steht wieder auf“ vermisst man die Pause nach Gras; Ticciati wählt ein fließendes Tempo, wobei ihm besonders zu Beginn viel Spannung gelingt, der Chor wird eher als Block präsentiert, beim ersten Einsatz setzt er eine Idee zu früh ein

4

Anna Larsson

Michel Plasson

Ernst-Senff-Chor

Dresdner Philharmonie

EMI

1998

11‘57

 

4

Brigitte Fassbaender

Giuseppe Sinopoli

Philharmonischer Chor Prag

Tschechische Philharmonie

DGG

1982

14‘19

 

Solistin macht sich der innewohnenden Dramatik des Stücks zu eigen, ihr Gesang wirkt wie erlebt, nicht nur vorgetragen, manchmal auch ein wenig künstlich, Vibrato; Chor, präsenter als üblich,  singt leider wenig idiomatisch („där“), Sinopoli hochromantisch, arbeitet mit deutlichen Rubati, insgesamt gute Balance, (zu) langsames Tempo

4

Monica Sinclair

Adrian Boult

Croydon Philharmonic Choir

London Philharmonic Orchestra

Nixa

P 1957

11‘58

 

helle, offene Altstimme, direkt aufgenommen, Chor mit englischem Akzent, zurückgesetzt, adäquate Orchesterleistung, fließendes Tempo, dynamische Differenzierung nicht ausgeschöpft

4

Annette Markert

Kurt Sanderling

Rundfunkchor Berlin

Berliner Sinfonie-Orchester

Capriccio

1990

13‘20

 

Solistin rhythmisch nicht sattelfest: bei „Die Öde verschlingt ihn“ kommt das „ihn“ viel zu früh; guter Chor, könnte noch präsenter klingen, Dirigent übernimmt im Poco Andante das vorige Tempo

4

Maureen Forrester

Ferenc Fricsay

RIAS Kammerchor

Radio Sinfonie-Orchester Berlin

DGG

1957

15‘53

 

expressiver Gesang bei grenzwertigem Vibrato, zuverlässiger Chor, jedoch hinter Solistin platziert; Fricsay wählt ein langsames Einheitstempo, die sf am Anfang kommen zu milde, dritter Abschnitt feierlich schreitend

4

Yvonne Naef

Hans Vonk

Niederländischer Radio Chor und Sinfonie-Orchester

Pentatone

2001

12‘32

 

Solistin mit starkem Vibrato und angestrengter Höhe, jedoch langem Atem, Chor präsent und ziemlich textverständlich, aufgehelltes Orchester, Temporelationen gewahrt

4

Kathleen Ferrier

Fritz Busch

Chor und Orchester des Dänischen Rundfunks

Danacord

1949

13‘51

 

Chor stellenweise präsent, dann auch wieder undeutlich, störende Plattengeräusche – s. u.

4

Lioba Braun

Karl-Friedrich Beringer

Windsbacher Knabenchor

Österreich-Ungarische Philharmonie

hänssler

1996

13‘56

 

Lioba Braun first! – Stimme von der Technik ganz nach vorn geholt, starkes Dauervibrato, wirkt auf Dauer ermüdend, Chor wird „überstimmt“, gute Orchesterleistung, feste Tempi, Poco Andante hebt sich von den langsamen Abschnitten davor und dahinter ab, sehr gute Transparenz; eine Neuabmischung könnte ein besseres klangliches Resultat bringen

 

 

 

 

3-4

Lucretia West

Hans Knappertsbusch

Wiener Akademie-Chor

Wiener Philharmoniker

Decca

1957

13‘56

 

3-4

Oralia Dominquez

Paul Kletzki

Wiener Singverein

Wiener Symphoniker

Orfeo

1954

14‘20

 

live – Singstimme mit viel Vibrato, kein idiomatisches Deutsch, Stimme vor dem Chor, der kompakt aufgenommen ist, Intonationsmängel, p-Einsätze zu laut, Kletzki bringt die Tempounterschiede zwischen den Teilen nicht heraus, insgesamt etwas langsam

3-4

Stephanie Blythe

John Nelson

Ensemble „A sei voci

Ensemble Orchestral de Paris

EMI

2003

12‘01

 

Stimme wenig variabel, schafft die tiefen Töne nur mit Mühe, grenzwertiges Vibrato, Nelson steuert einen werkdienlich stimmungsvollen Orchesterpart bei, gute Transparenz, Chor als Block, mit weniger Transparenz, Singstimme vorgezogen

3-4

Christa Ludwig

Karl Böhm

Wiener Singverein

Wiener Philharmoniker

DGG

1976

16‘02

 

3-4

Kathleen Ferrier

Clemens Krauss

London Philharmonic Choir and Orchestra

Decca

1947

15‘54

 

Ferrier seht das langsame Tempo souverän durch, Chor und Orchester klanglich zurückgesetzt, schleppende Tempi, besonders im poco Andante, s. u

3-4

Dunja Vejzovic

Christoph Eschenbach

Houston Symphony Chorus and Orchestra

Virgin

1992

13‘49

 

Solistin mit geringerer Ausdruckskraft, einigermaßen textverständlich, Chor klingt kultiviert, aber zurückgesetzt, Orchester zu neutral und etwas langsam

 

 

 

 

3

Irina Archipova

Igor Markevitch

Staatlicher Akademischer Chor

Staatliches Sinfonie-Orchester der UdSSR

Philips

1963

12‘45

 

eine zwiespältige Aufnahme, da sowohl Frau Archipova als auch der Chor nicht über eine idiomatische Aussprache verfügen, der Chor ist im Gesamtklang zurückgesetzt, Markevitch kann mit seiner Tempowahl nicht ganz überzeugen

 

 

 

 

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen

 

Marian Anderson

 

Die afroamerikanische Sängerin trat bereits in den 1930er Jahren in Europa auf, hier ist sie allerdings nahezu vergessen. In meinem Archiv stehen zwei Aufnahmen der Altrhapsodie, die in zeitlicher Nähe Anfang der 1950er Jahre entstanden sind. Marian Anderson verfügt über eine angenehme Stimme, mit guter Textverständlichkeit und engagiertem Vortrag, das gilt für beide Aufnahmen. Mit Pierre Monteux entstand eine Studio-Produktion mit dem San Francisco Symphony Orchestra, deren Chefdirigent er damals war, bevor er zum Boston Symphony Orchester wechselte. Er entwickelt eine dramatische, leidenschaftliche Darstellung bei hinreichender Transparenz. Der Männerchor ist leider aufnahmetechnisch zurückgesetzt.1950 engagierte Fritz Busch Frau Anderson für das Human Rights Day Concert in der Metropolitan Oper, das Schweizer Guild-Label hat den Rundfunk-Mitschnitt vor ein paar Jahren veröffentlicht. Hier ist die Sängerin vor Orchester und Chor platziert, sie singt jedoch stellenweise etwas pathetisch und in der Höhe etwas gepresst (vielleicht auf Grund des großen Saals), nicht so bei Monteux. Den Chor hört man viel deutlicher, jedoch nicht immer idiomatisch. Busch steuert eine adäquate Orchesterbegleitung bei mit einem hymnischen Schluss in den letzten Takten.

 

Kathleen Ferrier

 

Liebhaber der Stimme von Kathleen Ferrier, wozu auch ich mich rechne, werden von meiner Einordnung enttäuscht sein. Letztendlich kann aber nur der Gesamteindruck ausschlaggebend sein.

 

 

Lucretia West

 

Von einer weiteren amerikanischen Altistin, Lucretia West, sind zwei Interpretationen der Alt-Rhapsodie greifbar. Ihre Stimme ist nicht immer sicher geführt und weist an einigen Stellen Intonationsmängel – Höhenprobleme – auf. Als einzige mir hier bekannte Sängerin singt sie im ersten Abschnitt Sträucher statt des auf Goethe zurückgehende Sträuche. Die erste Aufnahme entstand 1957 in Wien mit Hans Knappertsbusch am Pult. Der Orchesterklang ist weniger aufgefächert und stellenweise etwas pathetisch, Details scheinen dem Dirigenten weniger wichtig zu sein. Der Männerchor klingt nicht recht homogen, sondern kompakt und ist hinter die Altstimme platziert. Insgesamt muss man von einem flächigen Klangbild sprechen. Auf Grund der anders gearteten Musikauffassung von Carl Schuricht, der die zweite Aufnahme betreut, ist der Klang dieses Mitschnitts heller und durchsichtiger, ein an Wagner gemahnendes Geraune sucht man hier vergebens. Schuricht wählt auch ein schnelleres Tempo, wobei sich die drei Abschnitte nicht so deutlich voneinander abheben. Die beiden Chöre singen textverständlich und sind präsent in den Gesamtklang integriert.

 

 

Aafje Heynis

 

Innerhalb von nur vier Jahren hat Aafje Heynis die Altstimme in Brahms‘ Altrhapsodie für das holländische Philips-Label übernommen, jedes Mal ein Gewinn für die Diskographie. Bei der ersten Aufnahme stand Eduard van Beinum, ein ausgewiesener Brahms-Interpret, am Pult, der eine klare Vorstellung vom Werk hat und sie auch umsetzt, zusammen mit der Altistin und seinem Orchester wäre es eine Spitzenaufnahme geworden. Leider agiert der Königliche Männerchor nicht auf diesem Niveau, er singt nicht immer so intonationssauber, wie man es heute hört, ist kompakt aufgenommen und muss hinter Frau Heynis Stimme zurücktreten. Bei der Neuaufnahme stand Wolfgang Sawallisch am Pult der Wiener Symphoniker, deren Chefdirigent er damals war. Auch dieser Dirigent kann die Brahms-Musik glaubhaft vermitteln. Frau Heynis gelingt ein ausdrucksvolles Singen, man glaubt ihr, was sie singt, das Klangbild ist heller und offener als früher. Der Chor übertrifft durch Präsenz und Genauigkeit seine holländischen Kollegen. Ein Wermutstropfen leider auch hier: Sawallisch müsste die Dynamik an leisen Stellen mehr zurückfahren.

 

 

Christa Ludwig

 

Christa Ludwig hat uns zwei unterschiedliche Aufnahmen hinterlassen. Mit Otto Klemperer lief sie 1962 zu großem Format auf: Hochdramatisch (Einleitung) und expressiv klingt diese Aufnahme, Tempokontraste werden ausgespielt, da darf man auf einen etwas zu frühen Einsatz der Ludwig bei Buchstabe D hinweghören. Der junge Philharmonia Chor singt textverständlich, muss aber hinter der Altistin zurücktreten. Im durchsichtigen Klangbild lässt sich die (bekannte) Philharmonia-Oboe immer orten.

Im Jahre 1976 erfolgte eine Neuaufnahme mit dem musikalisch ganz anders gearteten Karl Böhm am Pult. Ludwigs Stimme ist mittlerweile gealtert, sie versucht nun mit starkem Vibrato gegenzusteuern, was jedoch dazu führt, dass die Stimme an Deutlichkeit verliert, vielleicht ist auch ihre Luftreserve reduziert. Wie ist es sonst zu verstehen, dass die Sängerin bei der Stelle „Die Öde verschlingt ihn“ vor dem Poco Andante die Silbe „-schlingt“ verkürzt? Der sonst so pingelige Karl Böhm hat das durchgehen lassen. Der Dirigent lässt wuchtig aufspielen, bleibt im Tempo jedoch zu zäh.

 

 

Nathalie Stutzmann

 

15 Jahre nach Stutzmanns Studio-Produktion aus München unter Leitung von Colin Davis erschien ein Konzertmitschnitt unter Leitung von John Eliot Gardiner und seinen langjährigen Mitarbeitern. Diese Einspielung ziehe ich der ersten auf Grund des stimmigeren Gesamteindrucks vor. Stutzmann singt hier mit etwas weniger Vibrato als in München. Es herrscht eine gute Balance zwischen Solistin und Chor, dessen Leistung überzeugt, auch auf Grund der guten Textverständlichkeit. Gardiner bleibt trotz eines aufgewühlten Beginns insgesamt doch objektiv. Colin Davis lässt keinen Zweifel daran, dass es sich hier um ein hochromantisches Stück handelt. Er lässt das Orchester einen Mischklang ausbreiten, der jedoch weniger transparent klingt. Der Männerchor des BR singt zwar gepflegt, leider jedoch zu zurückhaltend.

 

 

Jard van Nes

 

Die holländische Mezzosopranistin ist vor allem als Konzertsängerin, weniger als Opernsängerin, bekannt. Innerhalb von vier Jahren entstanden zwei Studio-Aufnahmen mit der Altrhapsodie. Ihre Stimme und ihr Gesang erinnern mich entfernt an Marta Mödl, sie besitzt jedoch mehr Konturen. In beiden Aufnahmen überzeugt sie durch ausdrucksvollen Gesang. 1989 stand Herbert Blomstedt in San Franscisco am Pult, der das Orchester zu genauem Spiel anleitet, man hört wunderbare Pizzicati und die Temporelationen stimmen. Der Männerchor ist klanglich etwas zurückgesetzt und singt mit englischem Akzent, das trübt leider etwas den positiven Gesamteindruck. Vier Jahre später war sie in Boston mit Bernard Haitink verbunden, der zum Satzende eine zunehmende Dramatik entwickelt, insgesamt jedoch ein langsameres Tempo bevorzugt. Auch hier tritt der Chor etwas zurück, verfügt aber über eine bessere deutsche Aussprache.

 

 

Anna Larsson

 

Zwei Aufnahmen aus demselben Jahr: Bei Chandos dirigiert Gerd Albrecht Männerchor und Orchester des Dänischen Rundfunks und sorgt für gute Temporelationen sowie eine hervorragende Balance zwischen den einzelnen Gruppen, so wird der Chor nicht an den akustischen Rand gerückt. Larsson singt mit guter Textverständlichkeit und ausgeglichen, im Ausdruck jedoch etwas weniger stark als Dagmar Peckova. Der Dresdner Konzertmitschnitt unter Leitung von Marek Janowski klingt etwas lebendiger als die Studio-Produktion, die Tempokontraste fallen noch etwas deutlicher aus. Leider agiert der Chor nicht auf der Höhe der Dänen, er setzt auch zu Beginn zu zögerlich ein, dagegen ist die Orchesterleistung zu loben.

Bereits fünf Jahre vorher produzierte die EMI ebenfalls mit der Dresdner Philharmonie und dem Berliner Ernst-Senf-Chor unter Leitung von Michel Plasson u. a. die Altrhapsodie. Auch damals wurde der Solopart bereits Anna Larsson anvertraut, an der exponierten Stelle „...aus der Fülle der Liebe trank“ wechselt sie zur Kopfstimme, auch bei der Wiederholung. Chor, leider zur sehr als Block aufgenommen, und Solistin musizieren hier auf Augenhöhe. An der Orchesterbegleitung ist wenig auszusetzen, Plasson vermeidet einen pathetischen Ausdruck und bleibt eher sachlich neutral.

 

 

eingestellt am 27.05.05

neu bearbeitet am 10.05.19

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