Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Beethoven        home

4. Sinfonie B-dur op.60

- Neubearbeitung und Ergänzung 2012 -



Man liest immer wieder, dass für Beethoven die Komposition der 4. Sinfonie nach den Anstrengungen der Eroica und der nachfolgenden 5. quasi eine Erholung gewesen sei. Im Gegensatz zu den beiden Nachbarwerken komponierte er die Vierte in viel kürzerer Zeit als bei ihm gewohnt, nämlich im Sommer und Herbst des Jahres 1806. Beethoven hat auch dieses vermeintlich heitere und nicht so anspruchsvolle Werk durch seine Handschrift geprägt und den Interpreten manche Nuss zum Knacken hinterlassen. Ohne dass es dem Hörer bewusst wird, zählt doch Beethovens Vierte in technischer Hinsicht zu seinen schwierigsten Schöpfungen. Nur ein Partiturstudium teilt uns mit, mit welcher Kunstfertigkeit und Raffinesse Beethoven zu Werke gegangen ist. Der erste Satz beginnt mit einer langsamen Einleitung, mich erinnern diese 38 Takte immer an den Anfang der Genesis, wo nach Luther geschrieben steht: „... und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe, .......und Gott sprach: Es werde Licht!" Ob Beethoven daran auch gedacht hat, muss reine Spekulation bleiben, uns bleibt nichts anderes übrig, als die musikalischen Parameter zu beschreiben. Diese Einleitung ist zweiteilig konstruiert: unter dem fünf Takte lang im pp ausgehaltenen b von Holzbläsern und Hörnern agieren unisono die Streicher mit einer langsamen, absteigenden Melodie, die auf dem Ton ges in T. 5 stehenbleibt und im folgenden Takt in allen Instrumenten den Ton f, also einen halben Ton tiefer, erreicht. Der folgende Abschnitt ist etwas bewegter, die 1. Geigen gehen schrittweise voran, das Fagott, später die Bässe, setzen einen klanglichen wie harmonischen Kontrast, auch die Holzbläser und Hörner übernehmen die Bewegung der 1. Violinen, die in Takt 13 wieder den Anfang erreicht. Note für Note werden nun die ersten fünf Takte wiederholt, aber nun nicht wieder wie in Takt 6 zum Ton f geführt, sondern nun verharrt die Musik auf dem Ton ges. Nun beginnt der 2. Teil, alles einen halben Ton höher, unaufgelöste Vorhaltsakkorde vermehren die Spannung, in Takt 34 wird für den Moment einer Achtelnote A-dur, die von B-dur entfernteste Tonart, erreicht. Dann folgt eine mit Spannung geladene Überleitung von drei Achteln in T. 35 und im folgenden Takt erstrahlt nun das gesamte Orchester im strahlenden F-dur, also der Dominattonart von B-dur, bis dahin gilt noch das Tempo des Beginns und ab T. 39 beginnt der Hauptsatz, das Allegro vivace, die Grundtonart wird erst in T. 43 erreicht.

Manche Dirigenten, z. B. viele der jüngeren, nehmen die Einleitung zu schnell, Andante con moto. Spannungsvoll klingt sie bei Furtwängler, Celibidache, Erich Kleiber, Klemperer (1957), Gardiner und Pletnjew, etwas starr in den Toscanini-Aufnahmen, statuarisch bei Karajan (1953). Die langsamste Aufführung bietet uns der junge Barbirolli mit 4‘19 Minuten. Dann folgt die Überleitung, die Kubelik spannend vorführt und natürlich Furtwängler, dessen Aufnahmen von 1943 geradezu ein Lehrstück organischen Musizierens sind, wobei sich Spannung und Entspannung zwingend abwechseln. Beide Aufnahmen stammen aus derselben Konzertserie vom Juni 1943 noch aus der alten Philharmonie. Die erste aus der nichtöffentlichen Generalprobe vom 27. 06., bisher nur auf LP veröffentlicht (DGG 18 817 und Heliodor 88 023), ist mir die liebste. Die zweite aus dem Konzert vom 30. Juni ist zwar stellenweise (live-Situation!) noch zwingender, wird aber hier und da durch Publikumsgeräusche gestört. Hinweisen möchte ich noch auf den Takt 21, in dem die Bratschen anders wie im vergleichbaren T. 9 eine Viertelnote vor den restlichen Streichern einsetzen, es soll alles leise gespielt werden, jedoch zu hören sein. Aufmerksam sind hier Klemperer, Ansermet, Toscanini-39, Schuricht-58, Szell-63, Konwitschny, Otterloo, Karajan-77, C.Kleiber, Gardiner, Goritzki, Tilson Thomas, Hickox sowie de Vriend. Vier Takte später folgt eine Pizzicatostelle der Celli und Kontrabässe G-dur absteigend, wiederum leise. Diese Pizzicatotöne in G-dur sind für das Fortschreiten der Musik von großer Bedeutung und dürfen keineswegs vernachlässigt, also zu leise gespielt werden. Richtig klingt es bei Klemperer-66, -68, -69, Szell, Mrawinsky, Schuricht-58, Solti-50, Otterloo, C.Kleiber, Skrowaczewski, Tilson Thomas, Kuhn und P.Järvi. Erich Leinsdorf lässt das Allegrotempo bereits mit dem strahlenden F-dur in T.36 beginnen, statt wie vorgesehen in T.39.

Das folgende Allegro vivace wird von den meisten Dirigenten recht gut getroffen, es darf jedoch nicht gehetzt klingen (Fey). Übrigens lässt Furtwängler in den Aufnahmen von 1943 die Pauken in den Takten 61-64 nicht mit den Streichern und Trompeten spielen, wie in der Partitur niedergeschrieben, sondern mit Holzbläsern und Hörnern. In den späteren Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern hält er sich an den Notentext.

Im Vergleich zur Eroica verläuft der Kompositionsplan des 1. Satzes der 4. Sinfonie recht konventionell, eine Ausnahme bildet das 2. Thema, dass in zwei getrennten Abschnitten (T. 107 ff – Fagott, Oboe, Flöte und T. 141 ff Klarinette, Fagott) daherkommt. Die beiden Teile des 2. Themas bleiben Episoden im Satzgefüge, die die Musik kolorieren, jedoch im weiteren sinfonischen Prozess keine Rolle spielen. Die kurze Durchführung und die Reprise bleiben formal im Rahmen des von Haydn und Mozart vorgegebenen Formschemas. In der Durchführung fügt Beethoven eine neue Episode ein, sie kontrastiert sozusagen das Hauptthema, intoniert zuerst von der Flöte, dann vom Fagott. Dieser neue liedhafte Gedanke (T. 221 ff) wird zuerst von den 1. Geigen und Celli gespielt, danach von Holzbläsern übernommen, eine besondere Rolle teilt der Komponist hier der sanft klingenden Klarinette zu, die auch an anderen Stellen innerhalb der Sinfonie glänzen darf. In Takt 223 bzw. 227 fügt Beethoven der Melodie einen kurzen Vorschlag zu, der von den meisten Orchestern auch befolgt wird. Ansermet, Karajan-BPh, Suitner, Kegel, Barenboim, Hogwood und Goodman lassen den Vorschlag jedoch als reguläre Viertelnote spielen, das klingt dann nicht mehr so keck. Norrigton (nur LCPL) wiederum erweitert diese Lesart auch auf die Takte 231 und 235, wo jedoch keine Vorschläge eingezeichnet sind, auch Hogwood lässt in T.235 so artikulieren. Kommen wir zum Ende der Durchführung und damit auch zum Beginn der Reprise. Eine von Beethovens bemerkenswertesten Einfällen ist der Kontrapunkt der Pauken immer mit dem selben Ton c zu den immer dringlicher agierenden Violinen beim Übergang von der Reprise zum Finale der 5. Sinfonie. Bereits in der 4. probiert der Komponist diesen Kniff aus, T. 311-332. Der Unterschied ist der, dass Beethoven in der 5. bestimmte Tonlängen, Viertel, in den letzten acht Takten die doppelt so schnellen Achtel, notiert. Hier in der 4. Sinfonie ist es ein Tremolo, ein Wirbel, auf dem Ton b, der dem Spieler Gestaltungsraum lässt. Der Beethovens Musik sehr zugeneigte Hektor Berlioz meinte in Bezug auf diese Takte sinngemäß: „Die Pauke trommelt hier alle Streicher zusammen bis zum strahlenden B-dur" (Anfang der Reprise). Die meisten Dirigenten scheinen Berlioz‘ Diktum nicht zu kennen oder können nicht seiner dort dargelegten Auffassung folgen. In keiner der von mir hier vorgestellten Interpretationen tritt die Pauke als antreibendes Instrument deutlich hervor, auch das Crescendo ab T. 325 bleibt außer von Furtwängler leider weitgehend unbeachtet! Bei Szell-63 hören wir ab T. 327 ein leichtes Crescendo, bei Rattle T. 330, alle anderen ziehen lediglich im letzten Takt vor der Reprise die Lautstärke, zusammen mit allen Streichern, an.

Nach dem dynamischen vorwärtsdrängendem Allegro bringt der 2. Satz (Adagio) ein Innehalten. Er beginnt mit einem Ostinato der 2. Geigen, nicht die Hauptsache, sondern nur die Begleitung zum Thema, das im 2. Takt beginnt, eine sieben Takte lange langsam absteigende und später wieder aufsteigende Kantilene in den 1. Geigen, später im Holz. Der Ostinatorhythmus gewinnt im Laufe des Satzes immer mehr Bedeutung und baut sich in den Takten 38-40 zu einem Höhepunkt auf. Eine gelungene Disposition dieser Stelle ist bei Ferencsik, Leibowitz, Kegel, Muti und Abbado-01 zu beobachten. Nach einem erneuten Aufbäumen des Ostinatos in T. 49 bewegt sich die Musik wie ratlos weiter, bis sie in die wohl schönste Stelle dieses Satzes mündet: das Duett der beiden Geigen, dem sich später weitere Bläser und die Pauke zugesellen. Dann beginnt in T. 65 die Reprise. Gleich in ihrem fünften Takt meint man bei Immerseel, Herreweghe, Kubelik, Kegel, Mackerras, Brüggen, Skrowaczewski, Gielen, Vänskä und anderen falsche Töne zu hören. Diese Dirigenten jedoch machen in den Takten 69-71 die Gleichzeitigkeit von Dreier- und Zweiergruppen ganz deutlich: während Streicher und Holzbläser einen Rhythmus aus Sechzehntel-Triolen spielen, bleiben Oboe und Horn im normalen Sechzehntel-Rhythmus und spielen jeweils auf der 2, dass passt dann nicht genau zusammen und man hört deutlich, wie „falsch" sie spielen, obwohl es so komponiert ist. Damit die Musik nicht aus dem Tritt gerät, lässt Beethoven zur selben Zeit die Bässe in „beruhigenden" Achteln fortschreiten.

Bei einer zurückhaltenden, distanzierten Interpretationshaltung kann das Adagio leicht zu einer schwarz-weiß-Aufnahme werden.

Gute Einspielungen: Walter-59, Furtwängler, Blomstedt, Jochum (1954), Klemperer (1966), Wand (1988), Mengelberg (1940), Cluytens, Maag, Abbado, Zinman, Davis, Wand-88, Solti-50, Carlos Kleiber, Immerseel, Antonini, Brüggen, Herreweghe, Vänskä.

Auch wenn Beethoven den 3. Satz Menuetto überschrieben hat, trägt er in Wirklichkeit Scherzo-Charakter, daraufhin weisen nicht zuletzt auch die hemiolischen Zweier-Rhythmen im Dreiviertel-Takt (die ersten vier Takte des Beginns) hin, was das Taktgefühl stört, ein typischer Beethoven-Einfall.

Kurz vor Ende des Scherzos (T. 79 ff) spielen bei angehaltenem B-dur-Akkord die Celli und Kontrabässe aufsteigend (wieder hemiolisch) die Töne b-f, d-b und f-d, die danach von 1. Geigen und Holzbläsern mit den F-dur Akkordnoten in selbiger Bewegung wiederholt werden, letztere treten bestens hervor, nur die tiefen Töne der Bässe kaum. Wie vorgesehen deutlich hört man sie bei Klemperer-57 und 60, Schuricht-42, Suitner, Giulini, Skrowaczewski, Abbado-01 und Rattle. Alle HIP-Interpretationen versagen hier gänzlich, da das Blech zu laut spielen darf.

Die Violinen eröffnen das Finale mit einer wirbelnden Streicherkette aus Sechzehntel-Noten, die vom ganzen Orchester fortgeführt wird. Bei genauerem Hinsehen/-hören sind es zweigliedrige Figuren aus Sechzehnteln, die ständig perpetuiert werden und dem Satz Energie zuführen.

In der Durchführung T. 131-144 steuert eine den Zielton es‘‘ an, in T. 138 ist es der Zielton g‘‘ und zuletzt im T. 144 der Zielton b‘‘, also eine Aufwärtsbewegung, die die einzelnen Töne des Es-dur Dreiklangs zusammensetzt. Monteux, Kempe, Erich Kleiber, Krips, Ferencsik, Szell, Maag, Abbado, Chailly, Immerseel, Zinman, Skrowaczewski, Brüggen, Barenboim, Dohnanyi, Kubelik und Pletnjew lassen diesen Anstieg von es‘‘ zu b‘‘ deutlich werden. Selten werden die Reprisen in Beethovens Werken schulmäßig eingeführt, auch in diesem Finale hat sich der Komponist etwas Ungewöhnliches ausgedacht: leise, huschend spielt der Fagottist den Beginn des 1. Themas, ein Prüfstein für die Nerven des Spielers. Deutlich hört man die Sechzehntel bei Cluytens, Kletzki, Otterloo, Ferencsik, Szell, Gielen, Kegel, Herreweghe, Vänskä, Gardiner, Hogwood, de Vriend, Abbado-WP, Haitink, Rattle, Barenboim und Pletnjew, bei Leibowitz überschlägt sich der Fagottist fast.

Die den ganzen letzten Satz prägenden Sechzehntel-Streicherfiguren (besonders Takt 149-160) scheinen Inspirationsquelle für das Scherzo von Schumanns 2. Sinfonie C-dur gewesen zu sein, nur: Beethoven führt sie zum Ziel, Schumann jedoch kann sich ihrer nur durch einen Befreiungsschlag erwehren.



Furtwängler

Berliner Philharmoniker

DGG

1943

36‘11

5

ohne Publikum

Furtwängler

Berliner Philharmoniker

DGG

1943

35‘31

5

live - mit Publikum

Blomstedt

Staatskapelle Dresden

Berlin Classics

1978

35‘38

5

sehr sorgfältig, Orchester sehr transparent, I schwungvoll, II immer unter Spannung

Klemperer

Philharmonia Orchestra London

EMI

1957

35‘38

5


Kleiber, Carlos

Bayerisches Staatsorchester

Orfeo

1982

29‘11

5

live – mit sehr viel Begeisterung vorgetragen, frisch, wie am ersten Tag, sehr transparent

Furtwängler

Wiener Philharmoniker

SWF

1953

34‘49

5

live

Furtwängler

Wiener Philharmoniker

EMI

1951

35‘48

5



Wand

Sinfonie-Orchester des NDR

RCA

1988

35‘12

4-5

 

Monteux

London Symphony Orchestra

Decca

1960

34‘21

4-5

lichtdurchflutet, klar, durchsichtig, in den schnellen Sätzen stringent, immer hellwach

Skrowaczewski

RSO Saarbrücken

Oehms

2005

33‘31

4-5

sehr sorgfältig, alles ganz klar, musikantisch, mitreißend, I mit Schwung, sehr aufmerksam, II hellwaches Musizieren

Jochum

Berliner Philharmoniker

DGG

1954

37‘13

4-5

 

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1962

30‘48

4-5

 

Gielen

SWF Sinfonie-Orchester Baden-Baden

EMI

1993

31‘32

4-5

I schwungvoll, transparent, voller Energie und Überschwang, II Andante fein ziseliert

Walter

Columbia Symphony Orchestra

CBS

1959

31‘56

4-5

 

Walter

New York Philharmonic

CBS

1952

30‘28

4-5

 

Klemperer

Philharmonia Orchestra London

M&A

Living Stage

1960

34‘29

4-5

live Wien

Klemperer

Berliner Philharmoniker

Testament

1966

37‘18

4-5

live Berlin

Klemperer

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

Andante

1954

33‘34

4-5

live Köln

Solti

London Philharmonic Orchestra

Decca

forgotten records

1950

30‘47

4-5

natürlicher, unverkrampfter Zugang zu Beethoven im Gegensatz zu später, locker, hell, strahlend, Solti scheint intensivst geprobt zu haben, Fagott in der E. zu viel Vibrato, langer Atem im langsamen Satz

Thielemann

Wiener Philharmoniker

Sony

2009

36‘43

4-5

live – I lebendig, durchsichtig, spannender Übergang zum Finale, II mit langem Atem, III Allegro molto!, IV lebendig, Orchestergruppen sehr gut gegeneinander abgesetzt

Cluytens

Berliner Philharmoniker

EMI

1960

33‘29

4-5

im Vergleich zur Karajan-Aufnahme zwei Jahre später sitzt hier der Hörer etwas näher am Orchester, Holzbläser noch deutlicher, sehr durchsichtig, IV Musik hat Zeit zum Atmen, weniger Drive

Krips

London Symphony Orchestra

Everest Lingen Deutsche Austroton Boscol

1960

32‘12

4-5

W

Abbado

Wiener Philharmoniker

DGG

1988

34‘56

4-5

live

Jochum

Berliner Philharmoniker

DGG

1961

37‘10

4-5

 

Jochum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1968

36‘00

4-5

 

Wand

Gürzenich Orchester Köln

Club Français du Disques Testament

1956

35‘28

4-5

 

Wand

Sinfonie-Orchester des NDR

RCA

2001

36‘42

4-5

live

Kleiber, Erich

Concertgebouw Orchester Amsterdam

BWS

1950

34‘00

4-5

live – sehr langsame E, stringent, Blick immer nach vorn gerichtet, akurate Orchesterleistung – eingeengtes Klangspektrum, leichtes Rauschen und Knistern der Acetatplatten

Sawallisch

Concertgebouw Orchester Amsterdam

EMI

1991

34‘30

4-5

I E kein pp, trotzdem Spannung, II sehr durchsichtig und klar, jedoch etwas distanziert, T. 79 f und 83 f Bässe zu leise, III und IV sorgfältig

Maag

Orchestra di Padua e del Veneto

Arts

1994

36‘05

4-5

transparenter Klang, farbige Holzbläser, I Allegro etwas zurückhaltend, jedoch kein Nachteil, II „in der Ruhe liegt die Kraft" – sympathische Interpretation

Kegel

Dresdner Philharmonie

Capriccio

1982

35‘45

4-5

durchsichtiges Klangbild, aufmerksames Musizieren unter besonderer Beachtung von Beethovens Partiturangaben, II langsam ohne Spannungseinbruch, III sachlich

Schmidt-Isserstedt

Wiener Philharmoniker

Decca

P 1970

36‘34

4-5

I E sehr langsam, zögernd, HT unspektakulär, nimmt trotzdem für sich ein, gilt auch für Sätze 3 und 4, II lässt sich Zeit, Streicher können ihre Parts ohne Druck ausformulieren

Leibowitz

Royal Philharmonic Orchestra

Chesky

1961

29‘32

4-5

Orchester nicht auf höchstem Niveau, Klang weniger farbig, I mit Schwung, Blick nach vorn, duftige Pizzicati der Bässe, Pauke ab T. 311 präsent, jedoch ab T. 325 kein Crescendo, II liebevoll modelliert


Szell

Cleveland Orchestra

Sony

1963

31‘42

4

alles sehr präsent, sehr helles Klangbild, plastische Pizzicati der Bässe, die 4. auf dem Seziertisch, II ohne Wärme und Duft, III Trio etwas pauschal

Kletzki

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1965

33‘21

4

sehr solide, Kletzki lässt die Holzbläser nie zu kurz kommen

Abendroth

Rundfunk Sinfonie-Orchester Leipzig

Berlin classics

1949

31‘32

4

klanglich akzeptable Nachkriegsaufnahme, I sehr langsame Einleitung ohne Durchhänger, inspiriertes Allegro, II Konzentration, Atmosphäre

Masur

Gewandhausorchester Leipzig

Philips

1972

35‘10

4

I E eher sachlich, HT mit Schwung, hier und da ein wenig burschikos, II mit mehr Ruhe als später, III musikantisch, solide, IV Fagott am Anfang der Reprise zu beiläufig, geschäftig

Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1987

33‘55

4

 

Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Telarc

1988

31‘51

4

I sehr genau und mit Schwung, trotzdem etwas blass, keine Pauke ab T. 311, Andante, etwas nüchtern, IV Streicher ein wenig zu mechanisch

Kubelik

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

audite

1979

35‘11

4

live – I E sehr langsam, HT nicht so schnell, K. nimmt sich Zeit für Details, epische Darstellung, II liebevolles Nachzeichnen der Melodiebögen, Atmosphäre, IV Fagott zu Beginn der Reprise zu sehr im Hintergrund

Kubelik

Israel Philharmonic Orchestra

DGG

1975

34‘46

4

I langsame E, HT etwas schneller als 1979, Streicher qualitativ nicht ganz auf der Höhe des SOBR, II ruhig, ausgeglichen, jedoch nicht ganz die Dichte von 1979, III gelassen

Otterloo

Residenz Orchester Den Haag

Philips Challenge

1957

32‘01

4

 

Otterloo

Concertgebouw Orchester Amsterdam

RCO

1972

30‘22

4

live

Tilson Thomas

English Chamber Orchestra

Sony

1982

34‘40

4

verkleinertes Sinfonie-Orchester, I Wechsel der Violinen T. 66 ff und 269 ff gut zu verfolgen, II immer im Fluss, gespannt, T. 13 ff Holz akustisch genau getrennt, III und IV sauber, jedoch nur solide

Kempe

Münchner Philharmoniker

EMI

P 1974

32‘38

4

I E sehr langsam, Klangproportionen gefährdet, da Bläser lauter als Streicher, HT frisch, musikantisch, II gesanglich, III Trio als deutlicher Kontrast, IV gut

Maazel

Cleveland Orchestra

CBS Sony

1977

32‘14

4

Sinfonie ohne Pauken? I M. regelt den Ablauf, etwas distanziert, T. 66 ff Ablösen der Geigen gut zu verfolgen, II Andante, mehr Anteilnahme, III solide, IV Virtuosität herausgekehrt

Karajan

Philharmonia Orchestra London

EMI

1953

33‘56

4

 

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1977

32‘08

4

 

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1983

31‘23

4

 

Karajan

Berliner Philharmoniker

Testament

1985

31‘58

4

live

Mengelberg

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips Grammofono u. a.

1940

35‘59

4

live

Mengelberg

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Telefunken u. a.

1938

32‘40

4

 

Ansermet

Orchestre de la Suisse Romande

Decca

1958

35‘23

4

 

Ansermet

Philharmonia Orchestra London

BBCL

1958

35‘37

4

live

Rattle

Wiener Philharmoniker

EMI

2002

33‘31

4

live – I spannungsvoller Übergang zum Allegro, angeraute Streicher in ff-Tutti, II nüchtern, stellenweise nur Routine

Pletnjew

Russisches Nationalorchester

DGG

2006

32‘56

4

 

Böhm

Wiener Philharmoniker

DGG

1971

35‘16

4

 

Klemperer

Wiener Philharmoniker

Testament

1968

39‘43

4

live Wien

Klemperer

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

EMI

1969

41‘09

4

live München

Muti

Philadelphia Orchestra

EMI

1985

33‘17

4

I transparentes Klangbild, in Tutti-Passagen jedoch kompakt, etwas eingedunkelt, II gepflegter Klang, pastos, ruhig, ausgeglichen, IV Begleitstimmen meist weniger deutlich, auch im 1. Satz

Barenboim

Staatskapelle Berlin

Teldec

1999

35‘56

4

I körperhafter Orchesterklang, Bass als Fundament spürbar, gewichtig, mit Nachdruck, transparenter Klang, II Klang bei Tuttistellen etwas fest, B. lässt sich Zeit, Musik wirkt etwas gedehnt. III Trio deutlich langsamer

Weingartner

London Philharmonic Orchestra

EMI

1933

29‘48

4

I E ruhig und konzentriert, schwungvolles Allegro, II Andante, fließend, trotzdem mit Atmosphäre – im Ganzen sehr modern anmutend

Toscanini

BBC Symphony Orchestra

EMI

1939

30‘13

4

 

Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1951

30‘48

4

live

Toscanini

NBC Symphony Orchestra

M&A u.a.

1939

33‘10

4

live

Schuricht

Conservatoire Orchester Paris

EMI

1958

33‘23

4

I französisches Holz, II mehr Andante, hell und licht, immer bewegt, III und IV Musik immer im Fluss, Fagott zu Beginn der Reprise zu leise – Bassbereich insgesamt unterbelichtet

Davis

Staatskapelle Dresden

Philips

1993

34‘54

4

transparentes Klangbild, insgesamt sehr gediegen, Allegrosätze nicht so locker, III Trio deutlich langsamer

Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1972

35‘02

4

I E T. 33 Einsatz der Bässe zwar leise, aber ganz deutlich, mit Schwung, jedoch immer gewichtig, II 1. Takt steht losgelöst zum folgenden da, breit, aber nicht zu langsam, stellenweise zu viel Vibrato, z.B. Fg T. 63 f, IV 2. Thema wenig profiliert, atemlos durch den Satz – Orchesterklang rauer, nicht so geschliffen wie bei den BPh

Bernstein

Wiener Philharmoniker

DGG

1978

34‘14

4

live – sorgfältiger als 1964, jedoch nur mäßige Inspiration, I E geringe Spannung, HT recht flott, II T. 54 ff nüchtern, insgesamt eher sachlich, III trocken, ohne Herzblut, IV läuft so

Konwitschny

Gewandhausorchester Leipzig

Berlin Classics

~1960

35‘02

4

I alles genau abgewogen, weniger schnell, II an den Tutti hätte noch mehr gearbeitet werden können, III frisch, IV mäßig inspiriert

Ferencsik

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1961

35‘52

4

 

Ferencsik

Ungarische National-Philharmonie

Hungaroton Delta

1976

33‘46

4

 

van Zweden

Residenz Orchester Den Haag

Philips

2003

32‘34

4

Klangbild wenig farbig, I keine einheitliche Phrasierung von Fagott, Oboe und Flöte in T. 107-112, geringere Spannung, II korrekt, III locker

Böhm

RIAS Symphonie-Orchester Berlin

audite

1952

36‘33

4

 

Masur

Gewandhausorchester Leipzig

Philips

1991

33‘34

4

I E T. 13 Pizzicati zu leise, Bläser T. 27 ff zu unbeteiligt, HT noch mehr Drive, streicherbetontes Klangbild, II ruhelos, nüchtern, III Trio konzentrierter als 1972

Scherchen

Royal Philharmonic Orchestra London

Westminster

Tahra

1954

29‘04

4

sachliches, partiturbezogenes Musizieren, schnelle Tempi, außer im 2. Satz, da fehlen Ruhepunkte, warum am Ende eine Stretta? Holz genau zu unterscheiden, kräftige Pizzicati der Bässe; Beethoven wusste schon, warum er beim 4. Satz „non troppo" hinzufügte, Scherchen nicht – farbloses Klangbild

Fischer, Ivan

Budapest Festival Orchestra

Channel Classic

2010

33‘07

4

Beethovens 4. als „Sport für Orchester"

Leinsdorf

Boston Symphony Orchestra

RCA

1968

34‘32

4

I Allegrotempo bereits T. 36, T. 141-148 Klarinetten lauter als Fagotte, II Andante, immer im Fluss, etwas prosaisch, Temporelation zwischen Satz 3 und 4 nicht angepasst, IV sachlich

Weller

City of Birmingham Symphony Orchestra

Chandos

1988

34‘15

4

Weller stellt sich hinter das Werk, gepflegt, solide, mehr referiert als erlebt, wenig aufregend

Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI

1987

35‘44

4

live – I spannungsvolle E, danach relativiert sich dann alles wieder, Allegro ma non troppo, entspanntes Musizieren, Pauke T. 311??, II in großen Bögen musiziert, jedoch viel zu langsam, zäh, III nur keine Eile IV „seht, Beethoven wollte es doch nicht so schnell haben"


Hickox

Northern Sinfonia

ASV Resonance

1985

36‘03

3-4

Hickox stellt sich hinter das Werk, etwas schwerfällig, wenig Spannung, durchsichtiges Klangbild, II Wechsel zwischen Trp/Pk und Holz in T. 17, 19 und 21 wenig deutlich, III wenig spritzig, phlegmatisch

Nelson

Ensemble Orchestral de Paris

naïve

2006

32‘30

3-4

Klang in den Sätzen I, III und IV sehr von den Geigen geprägt, im Tutti zusätzlich von Trompeten, etwas unbekümmertes Musizieren

Keilberth

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

unveröffent-licht

1958

34‘28

3-4

live – Keilberth stellt sich hinter das Werk, solide Kapellmeisterarbeit, I E Andante, mäßiges Allegro, II wie durchgespielt – Orchester von Weltklasse weit entfernt

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

Sony

1964

32‘42

3-4

insgesamt wenig sorgfältig, vordergründig – am Ende von Bernsteins Sturm- und Drangzeit, man kann jedoch seine Freude daran haben

Mackerras

Royal Liverpool Philharmonic

EMI

1994

30‘52

3-4

 

Szell

Cleveland Orchestra

CBS/UA

1947

29‘33

3-4

Szell und seine Cleveländer am Anfang ihres gemeinsamen Weges zum Erfolg und Ruhm, Orchester spieltechnisch und klanglich ohne das spätere Format

Kuhn

Haydn Orchester von Bozen und Trient

col legno

2006

34‘54

3-4

live – durchsichtiger Klang, ausgewogen, insgesamt nicht locker, Streicher bei lauten Stellen etwas breiter, II T. 54 ff weniger Poesie, III wenig spritzig, eher handfestes Musizieren – Publikum mucksmäuschenstill

Mrawinsky

Leningrader Philharmonie

Melodya

1973

31‘11

3-4

live – I E etwas nüchtern, Tutti-Akkorde scharf, schnelles Allegro, etwas unausgeglichen, Pauke T. 283 ff und 311 ff ??, II bewegt, sehr hell, Innigkeit ?, T. 54-57 1. Geige lauter als 2., IV Oberstimmen führen oft zu sehr

Mrawinsky

Leningrader Philharmonie

Praga

1955

33‘59

3-4

live – etwas belegter Klang, wenig transparent – I das Orchester muss sich anfangs erst auf das sehr schnelle Tempo einstellen, Pauke?, II Hauptstimmen, meist 1. Geige, dominieren zu sehr, Duett der beiden Geigen T. 54-57 wenig spannend, III Trio etwas lustlos, IV nicht immer mit der sonst von M. gewohnten Präzision

Giulini

La Scala Philharmonic Orchestra

Sony

1993

38‘21

3-4

I langsames Allegro, fast schon zäh, Temporelation zwischen den Sätzen I und II stimmen nicht, II T. 24 f sehr dick, alles fließt so dahin, abgemilderte Kontraste, III und IV ohne Energie

Morris

London Symphony Orchestra

IMP

P 1987

34‘39

3-4

I Übergangstakte 36-38 ohne Überzeugungskraft, II Andante heruntergespielt, III Trio T. 130-136 ohne Profil, IV T. 5-12 Geigen nur ein Klangteppich ohne Struktur, nicht ausgeschöpft – Klangbild wenig farbig

Suitner

Staatskapelle Berlin

Denon

1983

36‘56

3-4

I ohne Energie, wenig Spannung, II mehr referiert als empfunden, III zu fest, kaum vivace, fast gemütlich, Trio ohne Pep, IV gediegen

Casals

Marlboro Festival Orchestra

Sony

1969

38‘08

3-4

live – Casals dirigiert eine illustre Künstlerschar, darunter viele bekannte Solisten; insgesamt nicht so durchgeformt wie bei gestandenen Orchestern – I E etwas vorsichtig, HT mehr beschaulich, durchsichtig, II Atmosphäre, III beschaulich, IV warum artikulieren die 1. Geigen T. 114-117 anders als zuvor? wenig Spannung

Schuricht

Berliner Philharmoniker

DGG History

1942

34‘27

3-4

abgesehen von lauten Tutti entferntes Klangbild, II langsamer als 58, tut der Musik gut – technische Aufbereitung von History wenig optimal, Pegelschwankungen

Barbirolli

New York Philharmonic Orchestra

Dutton

1936

33‘18

3-4

live - I sehr langsame E, dabei fast keine Spannung, T. 270-278 undeutlich, II langsam, zäh, T. 64 kieksendes Horn – wenig transparent, vor allem bei lauten Stellen


Sawallisch

Radio-Orchester der italienischen Schweiz

aura

1964

33‘18

2-3

I E kein pp, vieles grob oder undeutlich, II bemüht, starr im Tutti, T. 42 nur 1. Vl deutlich zu hören, restliche Streicher ein Brei – pauschales Klangbild, wahrscheinlich ungenügende Probenzeit


Chailly

Gewandhausorchester Leipzig

Decca

2009

29‘29

3-5

eine andere Sinfonie auf der Grundlage von Beethovens Partitur; Orchestervirtuosität auf die Spitze getrieben; Chailly als Verfechter von Beethovens Metronomangaben, bleibt da nicht B. Musik, seine Poesie (2. Satz) auf der Strecke?, an jeder Ecke Orchesterlärm



Interpretationen in historisch informierter Aufführungspraxis:

Herreweghe

Königlich Flämische Philharmonie

Pentatone

2004

33‘10

5

immer hellwaches Musizieren, frisch, lebendig, sehr durchsichtig, gute Klangbalance, II Andante, Spannung trotzdem gehalten

Vänskä

Minnesota Orchestra

BIS

2004

33‘32

5

Vänskä hat Musik und Orchester fest im Griff, genaue Umsetzung der dynamischen Vorzeichen, I klar durchsichtig, mit Schwung, II alles fein ziseliert, Atmosphäre

Zinman

Tonhalle Orchester Zürich

Arte Nova

1998

29‘46

5

federnde Akkorde, glasklar, I immer den Blick nach vorn, II Andante molto mosso, alles sehr genau, wie mit einer Lupe betrachtet, IV ansteckende Fröhlichkeit, immer ganz locker – hier erkenne ich, im Gegensatz zu Chailly, Beethovens 4. wieder


Schiff, Heinrich

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Berlin Classics

1992

31‘47

4-5

hier wird bei etwas langsamerem Tempo mit viel mehr Anteilnahme musiziert als bei P. Järvi, mit dem selben Orchester, I T. 66 ff und T. 269 ff Wechsel der Violinen ganz deutlich, II Andante, konzentriert, Atmosphäre

Mackerras

Scottish Chamber Orchestra

hyperion

2006

31‘29

4-5

live

Dausgaard

Schwedisches Kammerorchester

Simax

1999

31‘35

4-5

verkleinertes Sinfonie-Orchester, Notentext akribisch umgesetzt, I frisch lebendig, duftige Pizzicati der Bässe, II sehr durchsichtig, fließend, Atmosphäre, III blitzsauber, IV fröhlicher Ausklang

Abbado

Berliner Philharmoniker

DGG

1999

32‘45

4-5

 

Harnoncourt

Chamber Orchestra of Europe

Teldec

1990

34‘13

4-5

live – immer hervorstechende Trompeten, I deutlicher Wechsel bei den Violinen, Pauke T. 325 ff kaum Crescendo, II klar, spannungsvoll, III Trio deutlich langsamer, IV aufgrund des schnellen Tempos einige Unsauberkeiten, etwas lärmend, Klarinette T. 37?

Fey

Heidelberger Sinfoniker

hänssler

2001

30‘05

4-5

Tutti immer vom Blech beherrscht, I E mit Spannung, A. molto, stellenweise leicht und federnd, helle Pauke, II trotz relativ zügigem Tempo immer Spannung, Ostinato-Begleitung weniger hervorgehoben,     III Trio langsamer, IV präzise wie ein Uhrwerk, jedoch Maschinenmusik


Järvi, Paavo

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

RCA

2005

31‘07

4

klinisch sauberes Musizieren, technische Seite bravourös gelöst, Seele der Musik jedoch nicht geweckt

Goritzki

Deutsche Kammerakademie Neuss

claves

1990

33‘05

4

I Übergang zum Allegro wenig motiviert, T. 325 ff kaum Steigerung, II Musik im Fluss – insgesamt eher wie ein Pflichtstück, geringere Inspiration

Norrington

SWR Sinfonie-Orchester Stuttgart

hänssler

2002

31‘04

4

live

de Vriend

Netherlands Symphony Orchestra

Challenge

2008

32‘45

4

Orchesterleistung nicht auf höchstem Niveau, keine interpretatorischen Überraschungen

Interpretationen in historisch informierter Aufführungspraxis mit Originalinstrumenten:

Brüggen

Orchester des 18. Jahrhunderts

Philips

1990

31‘59

5

in den schnellen Sätzen jubelnd, lebendig frisch, Adagio trotz Andante-Tempo sprechend musiziert


Immerseel

Anima Eterna

ZigZag

2005

32‘06

4-5

I Adagio-Allegro molto, II immer präsente Pauke, jedoch nie aufdringlich, III und IV immer frisch und lebendig – schöne Pizzicati der tiefen Streicher

Gardiner

Orchestre Revolutionaire et Romantique

DGA

1993

31‘53

4-5

strahlende, lebensfrohe Interpretation, I Andante-Allegro molto, II mehr mit dem Verstand als mit dem Herzen, III und IV sehr schnell – Unterschied zum Sinfonie-Orchester nur noch minimal

Norrington

London Classical Players

EMI

1987

30‘36

4-5

 

Antonini

Kammerorchester Basel

Sony

2007

32‘14

4-5

I lebendig, Drive, sehr helle Pauke, II Atmosphäre, IV Allegro molto, T. 37 ff Fagott?

Hogwood

Academy of The Ancient Music

Decca

1986

35‘13

4-5

I sich Zeit lassend, II ruhig, beseelt, III gute Dynamik, IV frisch und lebendig


Goodman

The Hanover Band

Nimbus

1988

31‘54

4

I reibungsloser Ablauf, sauber, das einzig Überraschende ist die helle Pauke, II Andante, etwas unruhig, III und IV klanglich wenig geschlossen, da etwas Hall, Fagott T. 184 (Reprise) verwaschen

von der Goltz

Freiburger Barockorchester

unveröffentlicht

2011

33‘34

4

live – Runfunkmitschnitt – extreme Darstellung, I viel Drive, con brio, sehr durchsichtig, Pauke immer präsent, II Klangrede, Spannungsbogen, III artistisch, IV musikalischer Sturm



Anmerkungen zu Interpreten und Interpretationen:

In den Aufnahmen der 4. Sinfonie erleben wir einen anderen Willem Mengelberg, als wir ihn von der Eroica her kennen, der Notentext bleibt weitgehend unangetastet und als Richtschnur respektiert, persönliche Auslegungen findet man eher im Live-Mitschnitt. Zwei Aufnahmen, wahrscheinlich seine einzigsten, stehen hier zur Diskussion: eine Studio-Einspielung von Telefunken aus dem Jahr 1938 sowie ein Konzertmitschnitt des niederländischen Rundfunks AVRO, veröffentlicht u.a. von Philips. Die erste Aufnahme zeigt weniger Präsenz als der Live-Mitschnitt, der jedoch etliche klangliche Unebenheiten aufweist. In den schnellen Sätzen wird zügig musiziert, im Kopfsatz auch con brio mit ausgesprochenem Drive. Im Finale respektiert Mengelberg die Tempoüberschrift „ma non troppo". Im langsamen Satz, für den sich der Dirigent viel Zeit lässt, ist seine formende Hand und sein Klangsinn stets zu spüren, viel Espressivo in den lyrischen Abschnitten. Im Live-Konzert hört man das Orchester leider kaum piano spielen.

Arturo Toscaninis Einspielungen hinterlassen bei mir einen zwiespältigen Eindruck: der Kopfsatz mit der sehr langsamen Einleitung überzeugt in allen Aufnahmen, das Adagio lässt er zwar im Andante-Tempo spielen, trotzdem gelingt es ihm bei der BBC-Aufnahme Spannung aufzubauen und Atmosphäre zu schaffen, beim NBC Orchester vermisst man dies jedoch, obwohl sie objektiv etwas langsamer gespielt werden. Das Scherzo und Finale klingen dagegen stellenweise wie durchgepeitscht. Beim Finale gefällt mir noch am besten die 51er-Rundfunkaufnahme, zwölf Jahre zuvor mit dem selben Klangkörper wirkt die Musik zu sehr gehetzt, am Ende der Durchführung, T. 165-181, auch ermattet.

Toscanini und Bruno Walter beherrschten in den frühen 50er Jahren in den USA in Sachen Beethoven-Sinfonien den Schallplattenmarkt. Beide Dirigenten können jedoch nicht als Antipoden, wie Toscanini – Furtwängler, angesehen werden. Auch Walter bevorzugte zügige Tempi, ging bei seiner Arbeit mit den Orchestermusikern jedoch konzilianter vor, war weniger unerbittlich und pflegte einen ganz anderen Probenstil. Den ewig mit den Leistungen unzufriedenen Toscanini respektierte man, Walter schloss man ins Herz. Ihm gelangt das Cantare, das Singen, was auch Toscanini immer wieder von seinen Musikern forderte (Probenmitschnitte belegen dies), ungleich überzeugender. Gerade hier in der 4. Sinfonie wird das m. E. ganz deutlich und stellt Walters Aufnahmen nach vorn. Beide gefallen, in der früheren Aufnahme stellt sich im Adagio weniger Ausdruck ein als 1959, diese CD weist ein deutlich wärmeres Klangbild auf, hat aber ein wenig Hall. Hier wirkt sich die inzwischen verbesserte Klangtechnik aus.

Zur 4. Sinfonie von Beethoven hatte Otto Klemperer, zumindest in seiner letzten Lebensdekade, eine starke Affinität, setzte er sie doch, meist zusammen mit der 5. Sinfonie, immer wieder aufs Programm. So sind hier fünf Konzertmitschnitte und seine einzige Studioeinspielung aufgeführt. Klemperers 4. überzeugt auch: zupackend, klar, durchsichtig, die Holzbläser nicht als Mischklang, sondern immer genau zu orten, ziemlich tempokonstant, nie gefühlig ohne als kühl angesehen werden zu müssen. Am gelungensten finde ich seine Londoner Studioeinspielung aus dem Jahre 1957, die auch durch ein geschlossenes und abgerundetes Klangbild am meisten für sich einnimmt. Der drei Jahre zuvor entstandene Mitschnitt mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester überzeugt interpretatorisch genauso, leider spielt das Orchester, vor allem die Streicher im Scherzo und im Finale, etwas rau, weniger gepflegt. Drei Jahre nach der Studioproduktion gastierte Klemperer mit seinem Philharmonia Orchester bei den Wiener Festwochen im großen Musikvereinssaal. Die Konzerte wurden vom Rundfunk mitgeschnitten, ohne auf Tonträger überspielt zu werden. Vereinzelt tauchten Raubkopien auf dem Markt auf, erst 2011 erschien bei Music&Arts eine seriös betreute Gesamtaufnahme inclusive einiger Ouvertüren. Ab diesem Jahr bringt der Dirigent nicht mehr die bisherige Ruhe für die langsame Einleitung auf, sonst sind keine Änderungen festzustellen, von einigen Unebenheiten im Zusammenspiel abgesehen, das Klangbild ist jedoch weniger differenziert. Zeitlich ist sie ein wenig schneller als die Studioaufnahme. Eine der seltenen Gastspiele am Pult der Berliner Philharmoniker fand 1966 in der damals neuen Philharmonie statt, der Kopfsatz der Sinfonie erklingt nun nicht mehr ganz so frisch wie früher, auch bei den restlichen Sätzen ist das Tempo ein wenig zurückgenommen. Der Klang der Rundfunkaufnahme ist nicht optimal, zu kompakt und nicht immer ganz präsent. Die Aufnahme ist eher interessant unter dem Aspekt „wie klingen die Berliner Philharmoniker unter einem anderen Dirigenten als unter ihrem Chef HvK?" Klemperer hat in den Proben wohl viel Mühe aufbringen müssen, um den Orchestergruppen, vor allem dem Holz, den antrainierten Mischklang wieder abzugewöhnen. Vielleicht aufgrund des hohen Alters des Dirigenten mit vermindertem Reaktionsvermögen wird die Musik in den beiden letzten Aufnahmen nun langsamer und gewichtiger, nicht immer so geschliffen wie früher, vorgetragen. Die Tutti-Akkorde fallen noch etwas kräftiger aus, klingen nun aber auch etwas schwerfälliger, den jeweiligen Spannungsbogen hält Klemperer jedoch noch immer in den Händen. Bei den Wiener Philharmonikern sind einige kleine Ungenauigkeiten nicht zu überhören. Das Finale im Münchner Konzert klingt geradezu monumental, am Ende der Durchführung bleibt jedoch fast die Luft weg. Klanglich ist diese Aufnahme die beste aller Klemperer-Mitschnitte.

Gleich zwei Aufnahmen aus dem Jahr 1958 kann man unter Leitung vom Schweizer Dirigenten Ernest Ansermet hören, jedoch mit verschiedenen Orchestern. Bei Decca im Rahmen einer Gesamtaufnahme mit seinem Orchestre de la Suisse Romande, sowie ein Konzertmitschnitt aus der Usher Hall in Edinburgh, hier leitet er das Philharmonia Orchestra London. Ansermet hat sich gerade nicht als Beethoven-Dirigent hervorgetan, von seinen Tugenden Klarheit, Präzision, Kultiviertheit zeugen auch die vorliegenden Platten, es sind sehr solide Aufführungen, denen man gerne zuhört. Eine Besonderheit der Decca-CD sind die französischen Holzblasinstrumente, die mit für ein helles Klangbild verantwortlich sind, m. E. aber besser zu französischer Musik oder Strawinsky passen.

Neben der Eroica und der Neunten hinterlässt Wilhem Furtwängler bei der 4. Sinfonie die stärksten Eindrücke. Wie bekannt bringt er Beethovens Partitur in seiner unnachahmlichen Art zum Klingen, auch wenn Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Aufnahmen festzustellen sind, hat man den Eindruck, dass es sich jedesmal um eine neue Auseinandersetzung handelt. Da sind zunächst die beiden Mitschnitte von 1943 aus Berlin, einige Jahre hat man gedacht, dass sie identisch seien. Vor den öffentlichen Konzerten fand eine Generalprobe statt oder wurde eine Rundfunkaufnahme erstellt, diese Aufnahme ohne Publikum wurde von der DGG unter der Bestell-Nr.18 817, einige Jahre später beim Billiglabel Heliodor unter der Best-Nr.88 023 als Aufnahme des Berliner Rundfunks veröffentlicht. Als die von der russischen Besatzung beschlagnahmten und in die Sowjetunion verbrachten Bänder der Reichsrundfunkgesellschaft 1987 nach Berlin zurückkehrten, war auch eine Aufnahme des Konzerts vom 30. 06. 43 aus der Alten Philharmonie dabei, darunter auch die 4. Sinfonie. Die Unterschiede der beiden Aufnahmen sind nicht gravierend: in der Einleitung herrscht eine gespannte Ruhe, danach klingt der Anfang des folgenden Allegros wie eine triumphale Befreiung. In den Takten T. 281 ff, Überleitung zur Reprise, kann man Furtwänglers Gestaltungskunst staunend erleben. Im Adagio herrscht eine Spannung vom ersten bis zum letzten Takt, Furtwängler lässt hier wie selbstvergessen musizieren. Im schnell genommenen Scherzosatz hebt er das Trio durch ein etwas langsameres Tempo, wie vorgegeben, ab. Die Spielfiguren der Geigen zwischen den Bläsern moduliert WF in unnachahmlicher Art. Mit einem schnell und lebendig musizierten Vivace klingt die Sinfonie aus. Das Klangbild der ersten Aufnahme, ohne Publikum, ist etwas stumpf, das der zweiten präsenter, jedoch immer noch kompakt, leider sind hier etliche ärgerliche Geräusche, nicht nur des Publikums, mit eingefangen.

Gegen Karl Böhms Deutungen der 4. Sinfonie ist im Grunde genommen nichts einzuwenden. Er versteht es, in der Einleitung einen Spannungsbogen aufzubauen, das folgende Allegro klingt frisch musiziert, alle Instrumente kommen zu ihrem Recht. Auch im langsamen Satz geht es bei reduziertem Tempo ähnlich zu. Das Scherzo klingt jedoch zu ernst, ohne ein wissendes Lächeln zieht es am Hörer vorbei, das gilt auch für das Finale, alles klingt sehr korrekt und seriös. Eine emotionale Anteilnahme ist kaum zu erkennen. Die Tempi der RIAS-Aufnahme sind außer im Scherzo etwas langsamer als in der späteren Aufnahme, sie klingt etwas herber und das Klangbild ist eindimensionaler. Die Wiener Philharmoniker spielen lockerer als das Böhm ungewohnte Fricsay-Orchester, der Klang verfügt hier über mehr Wärme, das Finale wird jedoch auch hier ohne Esprit durchgezogen.

Eugen Jochum hat insgesamt vier Schallplatten-Aufnahmen der 4. Sinfonie hinterlassen. Bei den ersten beiden stand er am Pult der Berliner Philharmoniker in der Jesus-Christus-Kirche, danach schuf er noch zwei Gesamtaufnahmen für Philips mit dem Concertgebouw Orchester und für EMI mit dem London Symphony Orchestra, letztere liegt mir jedoch nicht vor. Dass er für seinen DGG-Zyklus mit den Berliner Philharmonikern und dem Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks die Vierte zweimal in die Rillen bannte, kann nur mit der verbesserten Klangtechnik, nun in Stereo, erklärt werden. Interpretatorisch ist die ältere der jüngeren jedoch vorzuziehen, sie klingt mir etwas geschlossener. In der Anlage lehnt sich Jochum an Furtwänglers Vorstellung an, der 2. Satz (1954) klingt fast wie eine Kopie der Aufnahmen des älteren Dirigenten. Jochums Streicher spielen immer etwas voluminöser als die anderer Dirigenten, vielleicht klingen deshalb auch die Scherzi und Finalsätze etwas schwerfällig, weniger spritzig oder locker. Die Aufnahme mit dem Concertgebouw Orchester kann nicht nur mit einem besseren Klang aufwarten, hier wird auch schlanker, ohne mit dem Nachdruck der älteren Aufnahmen, musiziert, was ihr nicht zum Nachteil gereicht. Im Tempovergleich ist sie die schnellste.

Vom ungarischen Dirigenten Janos Ferencsik liegen mir zwei Aufnahmen vor, mit der Tschechischen Philharmonie Prag und dem Ungarischen National Orchester (Staatliche Philharmonie), die sich interpretatorisch kaum von einander unterscheiden. Erfreulicherweise lässt der Dirigent auf beiden CDs die Holzbläser nicht aus den Augen, es ist eine Wonne, bei allen sich bietenden Gelegenheiten den Fagotten zu begegnen, Beethoven schuf gerade für dieses meist vernachlässigte Instrument in der 4. einige wunderbare Stellen. Der Klang der Supraphon-CD wird (zu) sehr von den 1.Geigen beherrscht.

Wie bei allen Beethoven-Sinfonien, die unter Herbert von Karajans Leitung eingespielt wurden, kann der Interessierte unter verschiedenen Aufnahmen wählen, hier bei der 4. sind es fünf. Die älteste wurde 1953 mit dem Philharmonia Orchestra London eingespielt, die restlichen mit den Berliner Philharmonikern. Im Vergleich lässt sich beobachten, wie der Dirigent die langsame Einleitung von Aufnahme zu Aufnahme schneller spielen lässt, 1953 benötigte er noch 3:05 Minuten, 1962 waren es 3:00, 1977 2:58, 1983 wesentlich schneller mit nur noch 2:39 und in der letzten Aufnahme, einem Konzertmitschnitt aus der Londoner Royal Festival Hall, reichen ihm noch 2:30 Min. Dabei kann man zu dem Schluss kommen, dass die Spannung darunter leidet, es ist jedoch nicht so, sie ist insgesamt gering und stellt sich in allen Einspielungen erst ganz zum Schluss ein. Der Hauptteil wird sehr zügig, con brio, absolviert, leider verzichtet HvK in den Ecksätzen auf die Wiederholung. Insgesamt gesehen überwiegt in allen schnellen Sätzen die große Linie vor einem Blick auf Details. Das Adagio nimmt er schneller als manch ein anderer Dirigent, lässt den Musikern jedoch genügend Zeit zu artikulieren, außer 1983, hier bleibt die Poesie des Satzes fast auf der Strecke. Auch hier nahm er sich beim Philharmonia Orchester deutlich mehr Zeit. In den Takten 17, 19 und 21 (auch 50 – 55) sind die Bläser bei Karajan nur Klangfarbe, Otto Klemperer z. B. stellt die Akkorde genau nebeneinander. Das Scherzo wird locker gespielt, 1962 fast sportlich, das Trio wie verlangt ein wenig langsamer. Beim Finale zählt Karajan auch zu den schnelleren Dirigenten, bei der Virtuosität der Berliner Philharmonikern kann er sich dass erlauben, die ewig zu wiederholenden Achtelfiguren in den Violinen wirken hier nicht starr. Der Klarinettenbegleitung zum 2. Thema T. 37-44 schenkt HvK leider wenig Aufmerksamkeit.

Von allen Aufnahmen ist die 62er die geschlossenste, in den anderen wird der Blick mehr auch auf Details gerichtet. Die Philharmonia-Aufnahme klingt noch etwas grau, der Streicherklang kommt ziemlich dicht aus den Lautsprechern und die Holzbläser klingen nicht so ausgeglichen wie bei der Berliner Konkurrenz. So überraschte es nicht, als 1963 die Gesamtaufnahme der DGG auf dem Markt erschien und sogleich als Klangereignis bewundert wurde. Bei der 1977er Aufnahme hat man den Klang noch im Bassbereich verbessert und den Instrumenten mehr Kontur verliehen, damit erhält das Orchester noch mehr Körper, interpretatorisch sehe ich indes keine Fortentwicklung, im Gegenteil, viele Tutti-Akkorde klingen noch lauter, aber auch etwas fester, starrer, und es wird insgesamt nicht mehr ganz so locker musiziert. Übrigens ist das Klangbild mit etwas Hall „angereichert". 1983 erhält nun das Blech noch mehr Gewicht, das dem Klangbild Festlichkeit verleiht, aber auch seine Präsenz vermindert. Der Londoner Konzert-Mitschnitt erinnert an die Vorgänger-Aufnahme, allerdings lässt HvK seinen Musikern wieder etwas mehr Zeit, der Anfang des Menuettos klingt etwas verwaschen.

Holländische Orchester haben immer wieder die Beethoven-Sinfonien gespielt, eine ganze Reihe von Platten- und auch live-Aufnahmen ist verfügbar. Willem van Otterloo, ein Jahr älter als Karajan, ist in Deutschland nie recht bekannt geworden, obwohl er ein Dirigent mit außerordentlichen Fähigkeiten war. Die meiste Zeit seines Lebens (1949-72) widmete er Hollands zweitem Orchester, dem Residenz Orchester Den Haag, mit dem er eine ganze Anzahl von Platteneinspielungen in guter bis hervorragender Qualität vorlegte, die dankenswerterweise unlängst auf CDs überspielt wurden (Challenge). Daneben leitete er auch die Wiener Symphoniker, auch hier sind einige Einspielungen wiederaufgelegt worden. Zwei Aufnahmen der 4. Sinfonie sind hier aufgeführt, mit dem Residenz Orchester und dem Concertgebouw Orchester, beide zeugen von Otterloos sorgfältigem Umgang mit Beethovens Notentext, die Einspielungen sind sehr durchsichtig, nuancenreich, die Tempi angemessen, seine besondere Aufmerksamkeit widmet er dem Fagott, das in den vielen Solostellen gebührend herausgestellt wird. Beide Aufnahmen sind in etwa gleichwertig, beim ersten und letzten Satz ziehe ich die ältere Aufnahme vor, beim Adagio die live-Aufnahme, das etwas ruhiger dargeboten wird. Auch Bernard Haitink, der heute zu den großen alten Dirigenten gezählt wird, hatte bei der 4. eine gute Hand. Im 1. Satz, der frisch und lebendig musiziert wird, überzeugt er mit duftigen Pizzicati der Bässe. In den Takten 269-276 lassen sich die Stimmen der 1. und 2. Violinen deutlich unterscheiden, das gelang auch Otterloo überzeugend. Das Tempo des 2. Satzes scheint mir ein wenig zu schnell genommen, das Menuetto ist eher konventionell, das Finale gefällt mir da eher, obwohl er über Beethovens „ma non troppo" hinwegsieht.

Das Hervorstechendste an Günter Wands Beethoven-Deutung ist die kompromisslose Klarheit der Darstellung, sein Klangbild ist immer durchsichtig und die Tempi scheinen mit Beethovens Vorstellungen im Einklang. Am besten vermittelt Wand dieses Konzept in seiner Studio-Aufnahme aus dem Jahr 1988, dabei wird er mit Kräften von der Aufnahmetechnik unterstützt, die alle Instrumente plastisch abbildet, so dass eine klangschöne Aufnahme entstanden ist. Die Allegrosätze werden lebendig, im richtigen Maß, nicht überhitzt gespielt. Wand legt Wert auf eine genaue Beachtung von Beethovens Artikulationszeichen, z. B. sf oder fp. Immer deutlich und präsent, jedoch ohne sich nach vorn zu spielen, hört man die Pauke. Die langsame Einleitung und der Adagiosatz werden keineswegs gedehnt dargeboten, die Musik bleibt immer lebendig, trotzdem Ruhe ausstrahlend, die Gefahr einer gewissen Starre tritt nirgends zutage. Im Vergleich aller mir bekannten Wand-Produktionen, dazu gehören auch noch drei hier nicht erwähnte Rundfunk-Mitschnitte, fällt auf, dass der Dirigent sein Konzept des Werkes seit der ältesten bis zur letzten Aufnahme kaum verändert hat. Die Platte mit seinem Kölner Gürzenichorchester von 1956 überzeugt ebenso wie die von 1988, nur klanglich kann sie da nicht mithalten, der erste Satz erscheint mir hier etwas trocken. Klanglich wieder übertroffen wird sie vom Konzertmitschnitt von 2001 aus der Hamburger Musikhalle. Allerdings sind die Tempi jetzt ein klein wenig zurückgenommen, die Aufnahme entstand ca. 10 Monate vor seinem Tode, Wand war damals bereits 89 Jahre alt.

Von Leonard Bernstein sind zwei komplette Zyklen auf dem Markt, eine mit den New Yorker Philharmonikern, aufgenommen zu Zeiten, als er Chefdirigent des Orchesters war, und eine spätere mit den Wiener Philharmonikern aus dem großen Saal des Wiener Musikvereins, die auch als Video/DVD angeboten wird. Beim musikantischen Ansatz der New Yorker tönt überschäumende Lebensfreude aus den Lautsprechern, die Tutti-Akkorde wirken oft wie gepeitscht, insgesamt geht Ausdruck vor genauem Musizieren, dann klingen mir einige Abschnitte doch etwas zu pauschal. Im langsamen Satz wünschte ich mir mehr Sensibilität, die Takte 54 ff werden zu nüchtern durchgezogen. Anders die Wiener Aufnahme: hier geht alles mehr „gesitteter", sorgfältiger zu, Bernstein lässt den Philharmonikern mehr Zeit, leider muss man feststellen, dass die Aufnahme insgesamt nur eine mäßige Inspiration aufweist. Der 2. Satz wird eher sachlich gespielt, auch hier vermisse ich in den Takten 54 ff mehr Herzblut. Scherzo und Finale sind ansprechend musiziert, jedoch mit wenig Spiritualität.

Die 9 Beethoven-Sinfonien stehen mit Charles Mackerras zweimal zur Verfügung: Mitte der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts nahm er sie mit dem auf Schallplatten nicht so oft anzutreffenden Royal Liverpool Philharmonic Orchestra für EMI auf, 2006 gab er den Zyklus in mehreren Konzerten in der Usher Hall Edinburgh zum Besten, hier stand ihm das vertraute Scottish Chamber Orchestra zur Verfügung, in der 9. Sinfonie holte er sich jedoch das Philharmonia Orchestra. Der Vergleich im Falle der 4. Sinfonie fällt eindeutig zugunsten des Scottish Chamber Orchestras aus. Es musiziert frisch, lustbetont, in den Tutti strahlend, besonders die Holzbläser profitieren von dem durchsichtigen Klangbild. Der langsame Satz ist m. E. etwas zu schnell und strahlt deshalb wenig Ruhe aus. Das Finale fällt etwas ab, man meint, die Kraftreserven bei den Streichern sei ziemlich aufgebraucht und die Konzentration ließe nach, das kann den überaus positiven Eindruck dieser Interpretation jedoch nur wenig schmälern. Die Aufnahme mit den Musikern aus Liverpool ist eindimensionaler, durchschnittlicher, vor allem gefällt mir das blasse Klangbild wenig, die Holzbläser kommen nicht so gut heraus wie später. Der 2. Satz zeigt wenig Poesie. Scherzo und Finale werden glatt heruntergespielt, „executiert", man hat den Eindruck einer Pflichtaufführung.

Roger Norrington wagte als einer der ersten Dirigenten Beethovens Sinfonien auf Originalinstrumenten und in historisch informierter Aufführungspraxis mit seinen London Classical Players zu spielen und auch auf CD zu veröffentlichen, die Platten sorgten bei den Musikfreunden ab der Mitte der 80er Jahre für Erstaunen, aber auch Skepsis bis hin zur Ablehnung. Mittlerweile hat sich die Diskussion auch aufgrund der Fülle seiner Nachfolger entkrampft. Norrington selbst hat seine London Classical Players aufgelöst und sich größeren Formationen zugewandt. Zuletzt leitete er 10 Jahre lang das Radio-infonie-Orchester Stuttgart, dem einst Sergiu Celibidache als Chefdirigent vorgestanden hatte. Einen größeren Gegensatz in der Musizierhaltung lässt sich kaum ausmachen, da müssen in Norringtons Anfangszeit spannende Proben stattgefunden haben, als er verlangte, auf Vibrato weitgehend bis völlig zu verzichten, nicht nur bei Werken des Barocks und der Klassik, auch bei romantischen Kompositionen bis hin zu Bruckner. Beim Hören der Aufnahmen mit den London Classical Players erleben wir die „reine Lehre", beim SWR Orchester abgeschwächt, da keine Originalinstrumente verwendet werden, neuere Forschungsergebnisse vorlagen und auch der Schwung der Pionierzeit im Laufe der Jahre verflogen ist. Die Tempi sind sehr flott, allein die langsame Einleitung bleibt unangetastet, der 2. Satz ist hier Andante, in der SWR-Aufnahme noch etwas schneller, ob Beethoven das so gemeint hat? Auf der LCPL-CD erhält der punktierte Begleitrhythmus eine überdeutliche Dimension, die sich fast über das gesamte musikalische Geschehen stülpt, einseitig, aber auch faszinierend. Insgesamt gesehen gefällt mir diese Produktion mehr, da sie einen authentischeren Eindruck hinterlässt. Von Norringtons Mitstreitern (Goodmann/Huggett, Hogwood, Harnoncourt) und Nachfolgern (Gardiner, Immerseel, Dausgard,Schiff, Fey, Antonini, von der Goltz) gefällt mir Immerseels Interpretation noch am besten, da alle Beteiligten stets hellwach bei der Sache sind und die Unterschiede zwischen herkömmlicher und HIP-Musizierweise am wenigsten nivellieren. Gardiner und sein Orchester sind die Berliner Philharmoniker unter den Alte-Musik-Klangkörpern.

Nicht unbedingt ein Beethoven-Spezialist ist Claudio Abbado, von ihm sind zwei Gesamtaufnahmen der 9 Sinfonien und zusätzlich Mitschnitte von Konzerten der Berliner Philharmoniker (Sinfonien Nr.1-8) vom Februar 2001 aus Rom auf dem Markt, alle DGG. An diesen Aufnahmen lassen sich anschaulich Abbados Wandlung seiner Beethoven-Sicht in den Jahren 1988-2001 verfolgen. Die erste Aufnahme ist ein Konzertmitschnitt der Wiener Philharmoniker, an dieser Aufnahme ist kaum etwas auszusetzen, es ist eine ausgesprochen schöne Einspielung, das Orchester spielt sehr korrekt und aufmerksam, mit einer weitgespannten Dynamik vorbildlich, die auch immer wieder pp-Stellen erlaubt, wie z. B. gleich zu Beginn in der langsamen Einleitung oder im langsamen Satz, der mit viel Atmosphäre aufwartet. In der elf Jahre später entstandenen Studioproduktion aus der Berliner Philharmonie legt der Dirigent erstmals die neue Urtextausgabe von Jonathan Del Mar (Bärenreiter-Verlag) zugrunde. Abbados Anlage der 4. Sinfonie hat sich nicht wesentlich geändert, aber die Musiker, vor allem die Streicher, verzichten nun weitgehend auf Vibrato, wodurch der Klang an Klarheit und Prägnanz zulegt, jedoch das Weiche und Verbindliche einbüßt. Außerdem setzen Hörner und mehr noch Trompeten auffallende Akzente, sowohl im Bläserchor als auch in Tuttiakkorden. Die Tempi der Sätze sind etwas schneller geworden, aber im Ausdruck erscheint mir die Musik nun etwas neutraler. Bei der Kenntnis seiner letzten Aufnahmen von 2001 wird nun offensichtlich, dass sich Abbado und seine Philharmoniker 1999 noch im Anfangs- oder Experimentierstadium im Umgang zumindest mit der 4. befanden, die nun gewonnene Sicherheit und auch Routine ermöglicht ein rundherum lockeres und spannenderes Musizieren, gleich der Übergang von der Einleitung zum Allegro lässt aufhorchen. Der Klang des Orchesters ist jetzt saftiger, bei der Dynamik ist Abbado leider wieder nachlässiger geworden. Alles in allem liegt hier eine gelungene Interpretation vor.

Der russische Pianist und Dirigent Michail Pletnjew möchte sich auch bei der Interpretation der 4. Beethoven-Sinfonie nicht in die übermäßig lange Reihe seiner Kollegen stellen, zu ausgetreten scheinen ihm die bekannten Pfade, womit er nicht unbedingt falsch liegt. Zu Beginn der Sinfonie steht eine sehr theatralische Einleitung: die Anfangstakte 1-5 sowie später 13-17 werden deutlich langsamer und gewichtiger gespielt als alle restlichen Takte. Ab T. 33 ein deutliches Ritardando und in Takt 36-38 knallt Pletnjew den Hörern Trompeten und Pauken um die Ohren. Einige Takte später, im Allegro T. 48, schon wieder ein Ritardando, danach rast die Musik überschäumend davon. Auch vor dem 2. Thema wieder etwas langsamer, T. 121 zieht er das Tempo wieder etwas an, ab.T. 149 wieder das Grundtempo. Das alles wird wiederholt. Am Ende der Durchführung hätte nun der Musikdenker Pletnjew ab T. 311 herausheben können, wie nach und nach die Pauke das gesamte Orchester zur Reprise zusammentrommeln lässt, wie es sich Berlioz gedacht hat, jedoch weit gefehlt, hier wird das bewährte Fahrwasser nicht verlassen. Der 2. Satz ist hier weniger spektakulär ausgefallen, nur kleine Tempomodifikationen. Die beiden letzten Sätze überzeugen noch mehr, der Schlusston des Menuetts kommt wie ein Schuss. Mit dem Finale wird die Sinfonie schwungvoll zu Ende gebracht, lärmende Pauke, hervorragende Orchesterleistung.

Zuletzt noch Anmerkungen zu den Wiederholungen im 1. , 3. und 4. Satz:

Die Exposition des 1. Satz wird von den meisten Dirigenten beachtet, Ausnahmen sind: Furtwängler, Abendroth, Schuricht-42, Walter, Barbirolli, Mrawinsky-73, Kletzki, Ferencsik-76, Solti-50, Karajan, Cluytens, Szell, Leibowitz, Celibidache, Kempe, Mengelberg-38, Weingartner, Toscanini-BBC und -51, Scherchen, Erich und Carlos Kleiber und Otterloo.

Auf beide Wiederholungen im Scherzo verzichtet Mengelberg-38, nur auf die zweite: Böhm-52, Weingartner, Furtwängler, Szell-47 und Solti-50. Die Wiederholung der Exposition des 4. Satzes fehlen bei: Walter, Kempe, Scherchen, Karajan, Erich und Carlos Kleiber, Celibidache, Kubelik-79, Szell-63, Abendroth und Otterloo-72.

eingestellt am 16. 10 .05

ergänzt am 18. 03. 12

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