Das Klassik-Prisma

 

Bernd Stremmel

www.klassik-prisma.de

Diese Webseite ist urheberrechtlich geschützt.

Beethoven   home

 

Streichquartett cis-Moll op. 131

Opuszahlen geben nicht unbedingt die tatsächliche Reihenfolge der Entstehung von Kompositionen wieder, besonders dann nicht, wenn bei der Drucklegung unterschiedliche Verleger in Erscheinung treten, wie es z. B. bei Beethoven die Regel war. Sein Freund Karl Holz, gleichzeitig 2. Geiger im Schuppanzigh-Quartett, gibt an, dass B. bei der Komposition der drei vorangegangenen Quartette für den russischen Fürsten Nikolaus Galitzin (op.127, op.132 und op.130) weitere Einfälle, Themen, Motive zugeflossen wären, die aber nicht zum Zuge kamen. Die übrig gebliebenen „Brosamen“ reichten dann noch für ein weiteres Quartett großen Ausmaßes, das beim Druck die Opuszahl 131 erhielt, und nicht 133, diese wurde später der separat veröffentlichten Großen Fuge aus op.130 zugeteilt. Ein anderer Grund für die Beschäftigung mit weiteren Quartetten mag auch die enge Bekanntschaft des Komponisten mit dem Geiger Ignaz Schuppanzigh und seinem Streichquartett gewesen sein.

Beim cis-Moll-Quartett beobachten wir die Ausweitung der klassischen Satzzahl von vier (noch bei op.127) auf sieben Sätze. Allerdings zeichnete sich bereits eine Erweiterung der Sätze bei den vorangegangenen Quartetten an: auf fünf bei op.132 und sechs bei op.130. Beim Partiturstudium und Hören von op.131 stellt sich die Frage, ob einige Sätze als Überleitungen zu verstehen seien, um einen höheren Kontrast herbeizuführen. Der zu Lebzeiten bekannte und geschätzte Musikforscher Hugo Riemann will nur vier [Haupt-]Sätze sehen, die anderen drei sind für ihn nur „Übergangslieder“. Der bewährte klassische Formenkanon von Sonatensatz, Liedform, Variation, Tanz, und Rondo scheint B. nicht mehr zu genügen, er verwendet sie auch, ändert aber ihre Reihenfolge: Der Sonatensatz steht nun nicht am Anfang sondern am Ende. Dass ein Quartett mit einer ausgedehnten Fuge beginnt, war damals ein bestauntes Novum und strapazierte das Aufnahmevermögen der damaligen Musikkenner, die vielleicht die bizarre Große Fuge am Ende des B-Dur-Quartetts op.130 erlebet hatten. Diese neue Fuge klingt ganz anders, ein zweiteiliges ruhiges Thema wird nach und nach durch alle Stimmen geführt und erlebt eine kraftvolle Steigerung zum Ende hin. Die Satzformen der sieben Sätze erkennt man als Fuge-Scherzo-Rezitativ-Andante con variazioni-Rondo-Rezitativ-Sonatenform. Beethoven gibt ihnen folgende Tempi:

Adagio ma non troppo e molto espressivo-Allegro molto vivace-Allegro moderato-Andante ma non troppo e molto cantabile-Presto-Adagio quasi un poco andante-Allegro

Gustav Mahler fand, dass Beethovens späte Quartette durch eine Ausführung mit Streichorchester an Ausdruck gewinnen würden und richtete entsprechendes Aufführungsmaterial ein. Leonard Bernstein hat mit den Wiener Philharmonikern die Quartette op.131 und op.135 aufgeführt, die Mitschnitte wurden von der DGG veröffentlicht.

Das Fugenthema des 1. Satzes gliedert Beethoven in zwei Teile: 1. Teil Note 1-3 mit einem Bindebogen verbunden, 2. Teil Note 5-12 ebenfalls unter einem Bindebogen zusammengefasst. Dazwischen steht die punktierte Halbe mit dem sf-Zeichen, die als Ziel-Punkt des 1. und Ausgangspunkt des 2. Teiles aufgefasst werden muss, insofern liegt hier ein großer Bogen von zwölf Noten vor. Dieses Thema wird von den Interpreten unterschiedlich aufgefasst: während das Auryn Quartett deutlich zwei Abschnitte spielt (1-4, dann 5-12), fassen die meisten anderen Quartette alles unter einen Bogen. Auch die sf-Vorschrift bei Note 4 wird unterschiedlich gehandhabt: Beim Hollywood String Quartet z. B. ist es ein deutlicher Akzent, unmittelbar danach schwächt der 1. Geiger den Ton ab, beim Takács Quartett wird die komplette Halbe Note laut gespielt, was sicher nicht B. Intension trifft. Auch der 2. Satz trägt Züge eines Fugatos. In den Takten 31-36 fassen Cellisten immer drei (Bass-)Noten zu einem Motiv zusammen, so beim Suske Quartett, dem Borodin, Vermeer, Philharmonia und Gewandhaus Quartett. Im 3. Satz (Rezitativ) fehlt beim Paganini, Juilliard, Tokyo, Cleveland und Gewandhaus Quartett in T. 5 auf der Eins der Ton h der 2. Geige. Diese Quartette folgen dem  Autograph, dort fehlte er ursprünglich, wurde aber von B. mit Bleistift nachgetragen. Im Variationssatz hat der Komponist in Var.4 als Abschluss von meist zweiteiligen Phrasen einige kurze Pizzicati mit einer unmittelbar folgenden sf-Pizzicato-Note des Cellos ans Ende gesetzt, hier kommt es auf die Phantasie der Ausführenden an, die Spannung zu halten. Ganz wichtig ist dies im letzten Takt dieser Variation. Für die meisten Quartette ist hier Schluss und die nächste kann folgen. Eine weitaus überzeugende Lösung bietet das La Salle Quartett: Wenn im Takt 161 neben dem Crescendo der Geigen die Bratsche und das Cello einen kräftigen Pizzicato-Akzent vor dem Ziel bringen, fast wie ein Paukenschlag, kann man den Eindruck gewinnen, B. habe ursprünglich eine andere Fortsetzung der Musik in Var. 5 vorgesehen, nun aber nach der Attacke der beiden Instrumente die folgende Musik zur Sprachlosigkeit verurteilt, Var. 5-neu zieht ruhig, fast teilnahmslos vorüber. Das ist überragende  Interpretationskunst, die sich auf sorgfältigstem Partiturstudium gründet! Vegh-73 und Philharmonia Quartett sind auch auf Beethovens Spur, vollziehen jedoch nicht den letzten entscheidenden Schritt.

Hier die Interpretationen samt meinen Einschätzungen:

La Salle Quartett

DGG

1977

38‘40

5

 

Busch Quartett

EMI

1936

41‘02

5

 

Hagen Quartett

DGG

1996

40‘16

5

 

Alban Berg Quartett

EMI

1983

37‘48

5

 

Budapester Streichquartett

CBS    Sony

1940

36‘44

5

 

Quartetto Italiano

Philips   Decca

1969

42‘18

5

 

Prázak Qurtett

Praga

2002

38‘14

5

 

Petersen Quartett

Capriccio

1994

38‘11

5

 

Auryn Quartett

Tacet

2002/04

38‘40

5

 

Artemis Quartett

Virgin

2002

37‘58

5

 

Philharmonia Quartett Berlin

Thorofon

2001

40‘40

5

 

 

Tokyo String Quartett

RCA

1990/91

37‘24

4-5

 

Emerson Quartett

DGG

1994

35‘38

4-5

 

Vermeer Quartett

Teldec

1987

39‘03

4-5

 

Alban Berg Quartett

EMI    Warner

1989

36‘18

4-5

live

Calvet Qurtett

Teldec

1938

41‘37

4-5

 

Guaneri Quartett

Philips/Decca

1988

38‘00

4-5

 

Juilliard Quartett

CBS   Sony

1969

40‘32

4-5

 

Juilliard Quartett

RCA Testament

1960

40‘02

4-5

 

Budapester Streichquartett

CBS    UA

1951

38‘10

4-5

 

Belcea Quartet

ZigZag

2012

37‘54

4-5

 

Capet Quartett

EMI

1927/28

37‘05

4-5

 

Hollywood String Quartet

Capitol Testament

1957

38‘26

4-5

 

 

Budapester Streichquartett

CBS    Sony

1961

38‘37

4

 

Paganini Quartett

RCA    UA

1953

37‘17

4

 

Juilliard Quartett

CBS  Sony

1983

39‘20

4

live

Ungarisches Streichquartett

EMI

1953

34‘40

4

 

Ungarisches Streichquartett

M&A

1961

34‘18

4

live

Guaneri Quartett

RCA

P 1974

39‘29

4

 

Suske Quartett

Eterna   Brilliant

1980

40‘11

4

 

Takács Quartett

Decca

2003

38‘38

4

 

Vegh Quartett

Haydn Society M&A Scribendum

1952

37‘18

4

 

Vegh Quartett

naive

1973

40‘47

4

 

Gewandhausquartett Leipzig

NCA

1997

38‘07

4

 

Cleveland Quartett

Telarc

1995

39‘21

4

 

Amadeus Quartett

audite

1962

38‘44

4

 

Borodin Quartett

Chandos

2003

37‘55

4

 

 

Melos Quartett

DGG

1985

36‘00

3-4

 

Medici String Quartet

Nimbus

1990

39‘19

3-4

 

Amadeus Quartett

DGG

1963

39‘13

3-4

 

Talich Quartett

Calliope

1977

39‘32

3-4

 

The Lindsays

ASV Resonance

1986

43‘48

3-4

 


Tanejew Quartett

boheme

1985

37‘56

3

 

Eine der ersten Quartette, die das schwierige op.131 auf die Schallplatte bannten, war das französische Capet Quartett, insofern ein wichtiges Dokument. Alles klingt noch nicht ganz überzeugend, vor allem fehlt dem 1. Satz, obwohl nicht schnell gespielt, eine durchgehend wahrnehmbare Formung, die „sul ponticello“-Stelle im 5. Satz läuft etwas gleichgültig ab. Ein zeitbedingter Klang sollte beim Hören nicht überraschen. Wenige Jahre später spielte das deutsche Busch Quartett für HMV einige Beethoven Quartette ein, darunter auch das in cis-Moll. Durch ausdrucksvolles Musizieren, immer aus der Partitur heraus, gelingt den vier Musikern, die immer miteinander im Gespräch sind, eine glaubhafte Darstellung des diffizilen Stücks. Die Tempi in den schnellen Sätzen sind keineswegs überhitzt, dafür, wie im Falle von Satz 5, mit mehr Druck gespielt. In der dynamischen Palette wird das pp nicht ausgespart. Das gilt auch für das ebenfalls französische Calvet Quartett, das zwei Jahre nach dem Busch Quartett dasselbe Quartett für Telefunken einspielte. Im Vergleich zu letzterem spielt das Calvet Quartett objektiver, die Stimmen sind mehr getrennt, man könnte hier von einer mehr vertikalen als horizontalen Anlage sprechen, besonders fällt dies in der einleitenden Fuge auf, die in barockem Geist gespielt zu sein scheint. Ganz zart gelingt ihnen das Adagio ma non troppo T. 187 ff im Variationssatz. Die Tempi werden eher flexibel gewählt. Im 5. Satz möchten die Musiker deutlich machen, dass es sich hier um kein Scherzo handelt. Der folgende Zwischensatz wird sehr langsam mit dezentem Vibrato überzeugend vermittelt.

Auf dem Gebiet der ehemaligen K. und K.-Doppelmonarchie entstanden anfangs der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts mehrere Quartett-Formationen, von denen mindestens drei Weltberühmtheit erlangten: das Budapester Streichquartett, das Ungarische Streichquartett sowie das Vegh Quartett. Mit dem Wechsel von Europa zu den USA ging auch beim Budapester Streichquartett ein Wechsel der Plattenfirma einher: von der englischen HMV und ihrem amerikanischen Ableger RCA zur Columbia, besser als CBS bekannt. Von ihr erwartete man ein besseres Eingehen auf die Aufnahmewünsche des Quartetts, vor allem die Aufnahme der Beethoven-Quartette. Columbia ließ sich nicht bitten und schon begannen 1940 die ersten Aufnahmen. Leider wurde der Zyklus nicht vollständig aufgezeichnet. Etwa zehn Jahre später jedoch, nach Einführung der Langspielplatte, und weitere zehn Jahre später, zu Beginn des Stereo-Zeitalters, folgten zwei vollständige Serien. Im Falle von op.131 stelle ich die früheste (Schellack) Aufnahme aufgrund ihrer Stringenz und des stellenweise lustbetonten Musizierens an die Spitze, da kann die unzulängliche Aufnahmetechnik nicht stören. Die folgende Aufnahme kommt ihr nahe, wird im 1. und 4. Satz jedoch deutlich langsamer gespielt. Hier (1.) überzeugt jedoch das deutliche Verhältnis von Ober- zu Unterstimme. Im 5. Satz lässt die Spannung trotz nur geringfügig langsameren Tempos etwas nach. In der Stereo-Aufnahme setzen die Musiker mehr Vibrato ein, erreichen damit jedoch nicht eine höhere Deutlichkeit und Expressivität. Im 5. Satz kommt es zu Intonationsschwächen, die Viertel kommen nun nicht mehr so scharf gestochen und klingen nicht mehr so delikat wie früher. Klanglich steht die CD jedoch obenan, die Instrumente sind noch etwas mehr zusammengerückt, auch ist die Lautstärke jetzt weniger differenziert, einem pp begegnet man selten. Darf man hier von Verschleiß fast am Ende einer langen Karriere sprechen?

Das Ungarische Streichquartett zählte ab etwa 1935 bis 1960 zu den bekanntesten und geschätzten Quartettformationen. In den 50er-Jahren entstand für die französische EMI eine Gesamtaufnahme aller Beethoven-Quartette. Auf der CD spielt das Ensemble op.131 mit mehr Bogendruck als man es von anderen Formationen hört. Das Klangbild ist dicht und insgesamt ziemlich trocken. In allen Sätzen wählen die vier Musiker schnelle Tempi, hervorstechend die Sätze 2 und 5, und in der Gesamtspielzeit erreichen sie den Spitzenplatz aller hier vorgestellten Quartette, noch vor dem Emerson Quartett. Am besten gefällt der Variationssatz mit den gut voneinander abgesetzten Variationen. In der 6. Var. spielt das Cello tatsächlich wie gefordert die immer wiederkehrenden Sechzehntel-Motive im pp, in der folgenden hätte man sich etwas mehr Esprit gewünscht. Das amerikanische Label M&A hat vom Ungarischen Streichquartett eine Box mit live-Mitschnitten herausgegeben, darunter ist auch eine Aufnahme des cis-Moll-Quartetts. Die Interpretation entspricht im Großen und Ganzen der Studioaufnahme, jedoch mit dem Unterschied, dass hier live-Atmosphäre herrscht, die Musiker setzen aufs Ganze. Deshalb klingen viele Partien lebendiger, engagierter und ausdrucksstärker, die Tonschönheit ist nicht immer oberstes Ziel. Die dynamische Differenzierung vor allem im unteren Bereich fällt etwas (zu) großzügig aus. Satz 5 macht wegen des superschnellen Tempos einen etwas flüchtigen Eindruck, ist auch nicht ganz sauber gespielt, das bessert sich jedoch bald, wenn das Tempo zurückgenommen wird. Die vielen Störgeräusche auf der Aufnahme sollen nicht verschwiegen werden.

Während das Ungarische Streichquartett in den Jahren ihres Zusammenspiels in wechselnder Besetzung musizierte, traf man beim Végh Quartett immer dieselben Musiker an, so auch im Jahre 1952 bei ihrer ersten Gesamtaufnahme der Beethoven-Quartette. Mehr als zwanzig Jahre später stellten sie sich mit einer Neueinspielung, jetzt in Stereo, dem interessierten Publikum. Beim cis-Moll-Quartett kann man eine ähnliche Interpretationshaltung feststellen, jedoch gefällt mir die ältere Aufnahme aufgrund ihrer größeren klanglichen wie interpretatorischen Geschlossenheit etwas besser. Man spürt hier mehr Formbewusstsein, z. B. in der einleitenden Fuge, obwohl die Musik ruhig, fast schon kontemplativ ausgebreitet wird. Auch im 2. Satz wird nicht überstürzt musiziert. Im Variationssatz fühlt man einer Erzählung beizuwohnen, in Var. 6 freut man sich über die gute dynamische Differenzierung, die 7. Var. dagegen klingt doch etwas lahm, dagegen erfreut Satz 6 durch eine vitale Ausführung. Insgesamt ist in dieser Ausführung, der Vergleich sei einmal gestattet, mehr Klemperer drin als Böhm. Der Klang der Aufnahme ist kompakt und sehr trocken, jedoch fast immer transparent, die vier Streicher bilden ein festgefügtes Ganzes. In der späteren Aufnahme wird der Klang des Quartetts sonorer, besitzt auch eine noch größere Transparenz, ist partiell weicher als früher, damit verlieren die schnellen Sätze 2, 5 und 7 etwas von ihrer Aggressivität und auch Spannung. Im 2. Satz sind die Musiker mehr auf eine genaue Ausführung bedacht, als die vorgezeichnete Tempoangabe zu erfüllen.

Bekannt und geschätzt ist das ungarische Takács Quartett, das auch alle Beethoven-Quartette für Decca eingespielt hat. Beim unbefangenen Hören kann man den Eindruck gewinnen, dass die vier Ungarn das cis-Moll-Werk im Griff hätten, ich bin jedoch nicht ganz glücklich mit der Interpretation, da der Einsatz des Vibratos von den Spielern unterschiedlich gehandhabt wird, während sich der 1. Geiger zurückhält, bedienen sich die übrigen, vorweg der Cello-Spieler, umso mehr dieses Ausdrucksmittels. Das führt dazu, dass das Cello an parallelen Stellen die Bratsche zudeckt. Das sehr dichte Musizieren stört die Balance zwischen den Instrumenten. Der Umgang mit der Dynamik ist auch nicht optimal, sf ist ein Akzent und sollte nicht durchgehen als f gespielt werden.

Kaum bekannt in der Alten Welt ist das in den USA wirkende Paganini Quartett, das zwischen 1947 und 1953 elf Beethoven Quartette für RCA aufnahm. Das französische Label United Archives hat sie vor wenigen Jahren auf CD wiederveröffentlicht, darunter auch op.131. Die ersten beiden Sätze lassen aufhorchen: Ein Spannungsbogen löst den anderen ab, die Fuge ist aus romantischem Geist geformt, drängend der 2. Satz. Aber insgesamt bleibt doch ein zwiespältiger Eindruck: den Musikern geht etwas an artikulatorischer Feinarbeit ab, so inspiriert und mit breiter Ausdrucksskala der Variationssatz musiziert wird, bleiben doch viele Details unterbelichtet. Im Hinblick auf die virtuosen Passagen im 5. und 7. Satz kann das Quartett mit jüngeren Kollegen nicht mithalten. Die digitale Bearbeitung der ursprünglichen Bänder ist kaum zufriedenstellend, das zu dichte Klangbild bleibt in einem Einheitsgrau. Vom ebenfalls US-amerikanischen Hollywood String Quartet liegen die letzten Beethoven Quartette vor. Das cis-Moll-Quartett gefällt durch fließende Tempi, einen trotz Mono körperlichen Klang, in dem die Instrumente deutlich voneinander abgehoben sind. Auch die im Allgemeinen gute dynamische Differenzierung muss hervorgehoben werden. Im Vergleich zu anderen Quartetten kümmern sich die Musiker intensiver um die Überleitungssätze 3 und 6, die trotz ihrer Knappheit als bedeutende Musik dargestellt werden und nicht nur Verbindungen zwischen den benachbarten Sätzen sind.

Bedingt durch seine langjährige Schallplattenpräsenz galt das Amadeus Quartett nach 1950 bis zum Auftreten des Juilliard Quartetts Mitte der 60er Jahre bei vielen Kammermusikfreunden als Inbegriff höchster Streichquartett-Kultur. Fairerweise sollte man aber auch darauf hinweisen, dass, im Gegensatz zu heute, nur sehr wenige Quartette auf dem Plattenmarkt Paroli bieten konnten. Seinen damaligen Stellenwert relativierte sich zwangsläufig dann, als die in Amerika ausgebildeten Quartette auch in Europa auftraten und Platten einspielten. Gleichviel sollte jedoch erwähnt werden, dass Norbert Brainin und seine Kollegen jahrelang als gefragte Lehrer an der Kölner Musikhochschule ihr Wissen um die Quartett-Literatur sowie ihre Interpretationsweisen an jüngere Quartette, vor oder zu Beginn ihrer Karriere, weitergaben, wie z. B. an das Auryn Quartett.

Zwei Aufnahmen von op.131 stehen dem Musikfreund zur Verfügung, die bekannte DGG-Aufnahme von 1963 sowie, seit noch nicht langer Zeit, eine Studio-Einspielung des RIAS Berlin ein Jahr vorher aufgenommen und von audite veröffentlicht, diese ist m. E. die bessere. Ein Jahr später hat sich zwar nicht der Stil der Interpretation gewandelt, doch aber der Umgang mit dem Notenmaterial sowie die technische Bewältigung. Gleich in der einleitenden Fuge entdeckt man bei genauerem Hören eine Divergenz zwischen 1. Violine und den restlichen Instrumenten bei der Phrasierung der ersten vier Noten, genauer zwischen dritter und vierter Note. In der RIAS-Aufnahme sind sich hier alle vier Musiker einig. In den schnellen Sätzen lässt sich nicht überhören, dass das Quartett (DGG) bei zunehmender Lautstärke rauer spielt und auch kratziger, in der früheren Aufnahme wird sauberer musiziert. Der heikle Übergang von Var. 3 zu 4 im 4. Satz wird 1963 nicht gemeistert, ein Jahr früher klingt das besser. In den höchsten Lagen erhöht der 1. Geiger immer wieder den Bogendruck, was leicht zum Verschmieren der Töne führt, 1962 wieder weniger. Ich verzichte darauf, auf weitere Unebenheiten hinzuweisen, möchte auch nicht älteren Plattensammlern ihre Aufnahmen madig machen.

Etwa zur selben Zeit wie das Amadeus-Quartett trat das Quartetto Italiano in den Konzertsälen auf, seine Plattenpräsenz war jedoch geringer, insofern auch weniger Konkurrenz zum zuvor genannten Ensemble. Der Stil des italienischen Quartetts ist ein ganz anderer und vielleicht für viele Hörer bei der ersten Begegnung etwas befremdlich. Beim cis-Moll-Quartett wird immer mit (viel) Nachdruck musiziert, gleich schon in der Fuge klingt alles gewichtig und bedeutsam. Tiefsinn sollte man jedoch nicht mit einem langsamen Tempo verwechseln. Nichts bleibt nebensächlich, expressives Musizieren wechselt mit ausgelassenem in den Scherzo-Teilen ab, der körperliche Klang des Quartetts sollte nicht unerwähnt bleiben. Das Spiel bleibt immer sehr deutlich und führt zu einer geschlossenen Darstellung, die jedoch im Vergleich zu fast allen anderen Quartetten eine andere Haltung einnimmt, eine echte Alternative! Leider hört man auf der CD immer wieder sehr leise Verkehrsgeräusche im Hintergrund, die wahrscheinlich auf der LP vom Rumpeln der Plattenrillen übertönt wurden.

Von russischen Quartetten sind nur zwei in Europa bekannt geworden, das Borodin und das Tanejew Quartett. Beide wurden in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts gegründet und spielten lange Jahre zusammen, ältere Musiker wurden, wie bei anderen Ensembles auch, durch jüngere Kollegen ersetzt. Beim Borodin Quartett jedoch spielt auf der hier genannten CD immer noch das Gründungsmitglied Walentin Berlinski das Cello. Der Stil der Quartette hat sich infolge der Wechsel m. E. wenig geändert. Während in Mitteleuropa und den USA etwa in den 80er Jahren ein Wandel hin auf Verschlankung des Klangs, Schärfung des Tempos und der Dynamik beobachtet werden kann, scheinen die Russen davon unberührt geblieben zu sein. Die Aufnahme des Borodin Quartetts ist insgesamt uneinheitlich: Da stehen auf der einen Seite die fiebrig bzw. pulsierenden schellen Sätze 2 und 5, auf der anderen die langsamen Sätze, wie die einleitende Fuge, die sehr dicht klingen (mit sehr viel Bogendruck) und unter dem übermäßigen Vibrato des Cellos zu leiden haben. Schwachpunkt ist der Variationssatz, der insgesamt etwas grobkörnig daherkommt. Die einzelnen Variationen werden in ihren Eigenheiten nicht gegenübergestellt, im Finalsatz fehlt die Lockerheit. Ähnliches beobachtet man beim jüngeren Tanejew Quartett, der hohe Bogendruck und dazu eine etwas schwerfällige Gangart, den schnellen Sätze fehlt die spürbare Vitalität. Das größte Manko jedoch ist die fehlende Lautstärkedifferenzierung, alles klingt dann irgendwie gleich. Auch hier enttäuscht der Variationssatz, das Potential, das in der Musik steckt, wird nicht wahrgenommen und nicht dargestellt. Auch das Finale leidet unter einer rechten Gestaltung. Das Klangbild ist hell, jedoch ziemlich dicht mit Hallbeimischung.

Das La Salle Quartett wurde weltweit bekannt durch die Gesamtaufnahme aller Streichquartette der sogenannten Zweiten Wiener Schule, auch der von Alexander Zemlinsky, welcher zeitweise dem Schönbergkreis angehörte. Beeinflusst wurde die Musizierhaltung der vier Spieler auch vom Geiger und Lehrer Rudolf Kolisch, der mit seinem Aufsatz „Tempo und Charakter in Beethovens Musik“(1943) eine Abkehr vom romantischen Beethovenbild forderte (Tempofrage) und auch tatsächlich einleitete. Auf Kolischs‘ Untersuchungen aufbauend gelingt dem La Salle Quartett fast eine Modellaufführung der letzten Beethoven-Quartette. Im Kopfsatz von op. 131 wird überdeutlich: es ist eine Fuge, molto espressivo zieht die Musik am Hörer vorbei. Auch die anderen Sätze überzeugen, auf den sinnhaften Übergang von Var. 4 zu 5 im Andante habe ich bereits oben hingewiesen.

Lange Jahre beherrschten zwei Streichquartette die amerikanischen Konzertsäle, ihre Schallplattenaufnahmen wurden auch in Europa wahrgenommen und diskutiert, so waren sie auch dort immer wieder gern gesehene Gäste: das Juilliard und das Guaneri Quartett. Beide Formationen legten sämtliche Beethoven-Quartette zweimal auf Schallplatte vor. Das Juilliard Quartett begann seine Plattenkarriere bei RCA, wechselte dann zur Columbia (CBS). Das englische Label Testament hat einige der RCA-Platten auf CD wiederveröffentlicht, darunter auch Beethovens op.131, so stehen dem Interessenten nun drei Aufnahmen zur Auswahl. Am Gelungensten scheint mir die mittlere Aufnahme von 1969 zu sein. Die Juilliards spielen das Quartett wie eine Selbstverständlichkeit, spieltechnische Probleme sowie Schwierigkeiten in der Darstellung lassen sie erst gar nicht aufkommen. Die Differenzierungsmöglichkeiten in der Dynamik werden jedoch nicht ausgeschöpft, was auch in den beiden anderen Aufnahmen zu beobachten ist. 1960 wird nicht mit Vibrato gespart, die einleitende Fuge wird dicht ausgeführt, bleibt aber trotzdem transparent, ebenso der Finalsatz, der kräftig gespielt, mit ungeschönter Tongebung, aus den Lautsprechern kommt. In der letzten Aufnahme, live 1983, hat sich der Ansatz nicht wesentlich geändert, obwohl das Quartett, wie alle anderen auch, bei gewechselter Besetzung wieder neu erarbeitet werden musste, die Intonation vor allem der Primgeige, ist nun nicht immer sauber, op.131 wirkt nun nicht mehr so geschlossen wie in den früheren Aufnahmen, die Klangschönheit hat allerdings zugenommen.

Die Mitglieder des Guaneri Quartetts besuchten lange Jahre als Schüler, später als Lehrer das Marlboro Festival im amerikanischen Vermont. Bei Konzertaufführungen konnte man sie immer wieder auch als Stimmführer im Orchester erleben, so z. B. bei Pablo Casals. Im Falle vom cis-Moll-Quartett ist die spätere Philips-Aufnahme reifer als die frühere von RCA, die schöner klingt als später, klassischer, aber auch etwas harmloser. Das kann man ganz gut im Variationssatz beobachten: Das Thema kommt etwas blass daher, die Takte 66 ff klingen zu sehr nach Haydn, in der späteren Aufnahme entdecken die Musiker, wie keck die Noten gespielt werden können. Die Fuge auf der 88er-CD ist ausdrucksvoller, die Akzente kommen kräftiger, viele Stellen klingen einfach reifer, neu durchdacht. Allerdings hätte das Cello klanglich etwas zurückgenommen sein können. Die dynamische Differenzierung im p-Bereich ist nicht optimal.

Auch in den USA beheimatet ist das Cleveland Quartett, das für Telarc alle Beethoven-Quartette aufgenommen hat. Die Instrumente klingen wie ein solistisches Kammerorchester, es wird mit viel Bogendruck musiziert, was einen körperlichen Klang nach sich zieht, parallel dazu wird auch mit viel Vibrato gearbeitet. Im Variationssatz gerät die 6. Var. zu unruhig, die 7. bleibt etwas grob. Am besten gefallen die Sätze 5 und 6.

Der schlanke und differenzierte Vortragsstil des Tokyo Quartetts hat sicher etwas mit der Herkunft der Musiker zu tun, auch wenn mittlerweile Musiker von außerhalb Japans in das Quartett eingetreten sind. Der Kopfsatz des cis-moll-Quartetts wird fast schon im Andante-Tempo vorgetragen, und trotz eines schlanken Spiels schaffen die Musiker einen ausdrucksvollen Ablauf. Wer nicht genau zuhört, kann hier leicht überhören, dass hier eine Fuge vorliegt. Die dynamische Differenzierung ist besser als bei vielen anderen Quartetten, ebenso erfreut eine wunderbare Balance. Die Variationen werden übersichtlich vorgestellt. In den schnellen Sätzen begegnet man nie einem kraftmeierisch auftrumpfenden Vortragsstil, bei allem Druck bleiben die Tokyos immer auch vornehm.

Das Emerson Quartett steht im Ruf, alles technisch perfekt, in sehr schnellem Tempo zu spielen. Dabei ist der Abstand zu einer Gleichförmigkeit und Glätte des Spiels nicht sehr weit. Beim cis-Moll-Quartett herrscht eine schlanke Tongebung vor, Vibrato wird dezent eingesetzt. Die Fuge spielen die Musiker mehr horizontal als vertikal orientiert. Drängend, etwas ruppig, zieht der 2. Satz vorüber, rasend und hochvirtuos der 5., leider treten die Stahlsaiten schneidend hervor, atemberaubend die „sul ponticello“-Stelle am Ende. Im 4. Satz klingt der Beginn der 2. Var. wie mit einem Silberstift gezeichnet, weitere Höhepunkte sind die Variationen 6 und 7. Im Finale gefällt der gelungene Wechsel zwischen furiosen und ruhigen Passagen. Die dynamische Differenzierung geht nicht immer mit der technischen Perfektion einher.

Die von vielen Kritikern hochgelobte Aufnahme mit dem Melos Quartett kann im Vergleich mit anderen Aufnahmen nicht so recht überzeugen. Die vier Musiker arbeiten mit sehr viel Bogendruck, gelangen so zu einem kräftigen Spiel bei dichtem Klangbild, eine spürbare Vitalität eingeschlossen. Die Musik erscheint jedoch etwas plakativ und einförmig in der Gestaltung. Es werden mehr die großen Linien nachgezeichnet als mit differenziertem Spiel Beethovens Notentext umgesetzt, einige Intonationstrübungen beim Primarius. Der Name des Quartetts passt nicht so recht zu seiner Musizierweise.

Auch das österreichische Alban Berg Quartett hat sich einen festen Platz in der Interpretationsgeschichte vor allem auch der Beethoven-Quartette erobert. Die Studio-Aufnahme von 1983 ziehe ich dem späteren live-Mitschnitt vor. Das Quartett pflegt keinen asketischen Klang, Vibrato ist keineswegs verpönt, am wenigsten noch beim Cello, von dem wichtige Impulse ausgehen. In der beginnenden Fuge scheint ein vertikales Musizieren vor zu herrschen, 1989 dagegen eher ein horizontales, der Klang ist spröder und die Spieler setzen Akzente eher nach Gusto als im Notentext vorgesehen, insgesamt erlebt der Hörer hier eine individuellere Gestaltung. In beiden Aufnahmen pflegen die vier Musiker abwechslungsreiche Gespräche, was vor allem dem 4. Satz zugute kommt.

Das Hagen Quartett scheint bei seinem Musizieren auch historische Aufführungspraxen in seine Überlegungen zur Interpretation mit einbezogen zu haben, ohne jedoch gleich Darmsaiten aufzuziehen. Der Bogendruck ist weniger stark als bei vielen anderen Formationen. So klingt die Musik auch im cis-Moll-Quartett stimmlich sehr ausgewogen, ein Espressivo wird meist nur angedeutet, und nicht unter Einsatz von mehr oder weniger Vibrato hingesetzt. Damit geht auch eine gute dynamische Differenzierung einher.

Das Vermeer Quartett fand zur Zeit seines Bestehens weniger Beachtung als andere, was verwundert, da die vier Streicher doch sehr gute Leistungen ablieferten, was auch im cis-Moll-Quartett offenbar wird. Auf Vibrato wird weitgehend verzichtet oder nur dezent eingesetzt, vielleicht ist das auch Voraussetzung für die subtile Differenzierung. Eine schlanke präzise Tongebung führt zu einem farbigen Spiel, Genauigkeit geht vor einer zur Schau gestellten Virtuosität. Ein sehr gutes Klangbild rundet die erfreuliche Aufnahme ab.

Eine profilierte Darstellung liefert das Philharmonia Quartett Berlin ab, die Musiker sind (waren) sämtlich Mitglieder des Philharmonischen Orchesters. Es wird mit spürbarer Hingabe und viel Klangsinn musiziert. Dabei gelingt ein facettenreicher Vortrag, kein Dauer-Espressivo, sondern nur da, wo angebracht. Keine extremen Tempi, sehr gute Transparenz! Neben dem Berliner Philharmonia Quartett sind zwei weitere deutsche Formationen in die Weltklasse aufgestiegen, das Auryn Quartett sowie das Artemis Quartett. Das Auryn Quartett pflegt dabei einen etwas kraftvolleren Stil, setzt mehr Vibrato ein, daneben gibt es zahlreichen Ähnlichkeiten mit dem Artemis Quartett: die spürbare Hingabe beim Musizieren, die schlanke präzise Tongebung sowie die sprechende Artikulation. Die Auryn-Musiker heben in der Fuge die Dynamik als Gestaltungsmerkmal hervor, das klingt beim Artemis Quartett mehr linear und etwas distanziert. Im Variationssatz setzt das Auryn Quartett die Charaktere der einzelnen Variationen gut voneinander ab. Die Artemis-Musiker dagegen spielen entspannter und dabei auch etwas delikater. Der Prestosatz erfährt bei Auryn eine klangliche Schärfung, das Artemis Quartett kommt ohne dieselbe aus, ähnlicher ist es beim Finalsatz. Nachzutragen wäre noch, dass letzteres mehrmals Umbesetzungen verkraften musste. Außerdem wechseln die Geiger, wie auch das Emerson Quartett, ihre Pulte.

Wie etliche Streichquartette in den Reihen der Berliner Philharmoniker zu finden sind/waren (z.B. Drolc Quartett, Westphal Quartett, Brandis Quartett), bildeten sich innerhalb des Gewandhausorchesters Leipzig ebenfalls Quartette: das Suske Quartett wie das Gewandhaus Quartett. Das ältere Suske Quartett steht in der Tradition deutscher Quartettformationen: Es wird sehr solide musiziert, die Tempi sind maßvoll, Überschwänglichkeit des Ausdrucks ist nicht angesagt, dafür aber eine gute Balance und Transparenz. Der Klang spricht direkt an, er besitzt mehr Körperlichkeit als man es bei jüngeren Quartetten erlebt, wie z. B. beim Gewandhaus Quartett, das auch auf eine sehr lange Tradition zurückblicken kann. Die Musiker spielen schlanker, noch transparenter, vielleicht aber auch etwas distanzierter. Die Balance ist zumindest in Teilen des Variationssatzes zugunsten der 1. Geige und des Cellos verschoben, die „sul ponticello“-Stelle im Prestosatz bleibt zu brav.

Neben diesen beiden Ensembles mach(t)en auch das Petersen Quartett sowie das Leipziger Streichquartett von sich reden. Das Petersen Quartett machte Zeit seines Bestehens durch hochkarätige Konzerte und CDs von sich reden, der Bratscher Friedemann Weigle wechselte später zum Artemis Quartett. Die Aufnahme des cis-Moll-Quartetts überzeugt durch eine durchgeformte Interpretation von der ersten bis zur letzten Note. Das Ensemble bleibt immer locker, dabei wechseln Stellen mit großer Klangfülle immer wieder mit impressionistischen Stellen ab, auffallend der sparsame Umgang mit dem Vibrato. Das Thema im Variationssatz spielen die Musiker ganz zart, anfangs scheint nur eine Geige zu spielen, so gut gelingt der Wechsel. Der heikle Übergang von Var. 3 zu 4 ist hervorragend, stellenweise meint man, die Musik sei wie mit einem Silberstift gemalt. Erwähnt werden muss auch noch die außergewöhnlich gute dynamische Differenzierung.

Auch die Tschechei ist seit langen Jahren ein Quartett-Land, sehr bekannt waren das Janacek, Smetana und Prager Streichquartett. In dieser Übersicht sind sie leider nicht vertreten, dafür das Talich und das junge Prazák Quartett. Die Leistungen des Talich Quartetts sind bei op.131 nicht ausgereift. Festes Musizieren bei ständigem Einsatz von Vibrato kann nicht für sich gewinnen. Den schnellen Sätzen fehlt das Vorwärtsdrängen, der Druck, oder die Musik klingt sehr rau, wie im Finalsatz. Dem Variationssatz fehlt es an Spannung, das Cello schwächt längere Töne am Ende ab, spielt andererseits sf-Töne nicht kurz und prägnant (Var. 3). Demgegenüber glänzt das Prazák Quartett mit einer geschliffenen Interpretation: Zugespitztes, aber immer schlankes Musizieren, kräftige Pizzicati, bei lauten Stellen wird der Klang fast orchestral, Beethovens Dynamik wird mit großer Sensibilität umgesetzt. Sehr gute Transparenz und Balance!

Immer wieder machen Quartett-Formationen von den Britischen Inseln von sich reden, ich erwähne hier einmal das Griller Quartett, von dem ich jedoch keine Aufnahme von op.131 kenne. Die Lindsays wie das Medici String Quartet haben alle Beethoven-Quartette auf CD eingespielt. Die Lindsays pflegen einen sehr dichten Klang, bei nicht optimaler dynamische Differenzierung, dem Kopfsatz kann man noch Intensität zubilligen, bei den restlichen Sätze vermisst man sie hingegen. Mit viel Druck gehen sie durch die Sätze 2 und 5, sie klingen jedoch rau und kantig, die „sul ponticello“-Stelle ist nur bemüht. Beinahe orchestral, aber auch etwas holprig, geht op.131 mit dem Finalsatz zu Ende, dabei deckt im unisono-Spiel das Cello die Bratsche zu (T.31 ff). Zu dem nicht vorteilhaften Gesamteindruck tragen auch die im Vergleich langsameren Tempi bei. Auch das Medici String Quartet gefällt nicht besser. Auch hier ist ein dichtes Klangbild zu beobachten, bei dem Bratsche und Cello immer wieder hervortreten und die Balance stören. Schuld daran ist sicher auch der unterschiedliche Gebrauch des Vibratos innerhalb des Ensembles.

Erfreulich sind dagegen die Leistungen des Belcea Quartetts, das in den letzten Jahren in die Spitzengruppe der jüngeren Quartette aufrücken konnte. Gekonnt virtuos, temperamentvoll, rasend und (absichtlich?) rau klingen die schnellen Sätze. Insgesamt scheint das Ensemble mehr horizontal als vertikal zu spielen, was man sofort bei der einleitenden Fuge hören kann, dabei wird es den Ohren nicht immer leicht gemacht die Zusammenhänge zu hören oder die Stimmführungen zu verfolgen. Der Klang der 2. Geige und der Bratsche nähern sich an vielen Stellen zu sehr an. Als gelungen müssen die verschiedenen dynamischen Abstufungen genannt werden, z. B. im letzten Satz bei T. 153-155.

eingestellt am 15. 09. 2016

Beethoven   home