Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

www.klassik-prisma.de

Diese Webseite ist urheberrechtlich geschützt.

Beethoven          home

Violinsonate A-Dur op. 47

Kreutzersonate“

Adagio sostenuto, Presto – Andante con variazioni - Presto

Beethovens Sonate A-Dur op. 47 nimmt in der Reihe seiner (sogenannten) Violinsonaten eine Sonderstellung ein. Auf dem Titelblatt der Erstausgabe von 1805 erfährt der Leser auch warum, dort ist vermerkt (in italienischer Sprache), dass es sich hier um eine Sonate für Klavier und Violine handelt, geschrieben im concertanten Stil, quasi wie ein Konzert. Ein solches Konzert für nur zwei Instrumente war bis dato unbekannt und hat auch keine Nachfolger gefunden. Beethoven hat die Sonate dem französischen Geiger Rudolphe Kreu(t)zer gewidmet. Die Uraufführung fand angeblich 1803 statt, am Flügel saß der Komponist, den Geigenpart hatte der Mulatte George Bridgetower, damals zu Besuch in Wien, übernommen, mit dem sich Beethoven jedoch kurz darauf überwarf, angeblich wegen einer jungen Dame, für die sich der Meister auch interessierte. In der Hoffnung, dass sich der damals berühmte Rudolphe Kreutzer der Sonate annahm und sie in der damaligen Musikwelt bekannt machen würde, widmete er sie dem französischen Geiger. Der Legende nach hat er sie jedoch nie öffentlich gespielt.

Die Sonate stammt aus Beethovens mittlerer Schaffensperiode, in der eine Reihe bedeutender Kammermusikwerke, aber auch das 3. Klavierkonzert in c-Moll entstanden, Werke des Sturm und Drangs. Die Musik steckt voller Überraschungen, plötzlichen Gefühlsausbrüchen und zeugt von Beethovens ungestümer Arbeitsweise. Auch heute noch stellt sie für die Ausführenden eine nicht minder große Herausforderung dar. Interessant ist, dass Beethoven dem Werk keine Tonart beigegeben hat, längst ist sie aber als Sonate Nr. 9 in A-Dur bekannt, was eigentlich nicht ganz korrekt ist: Die Geige beginnt zwar in A-Dur, das erste Thema des langen Sonatensatzes steht jedoch in a-Moll, das zweite in der Dominanttonart E-Dur. Auch darauf sollte noch hingewiesen werden: erstes und zweites Thema sind von der Aussage her ähnlich, auftrumpfend, trotzig, das zweite stellt keineswegs ein Innehalten dar. Auf einen Ruhepol wird jedoch keinesfalls verzichtet, in ganzen Noten bewegt sich die Musik T. 89-115 in E-Dur bis zum verminderten Akkord in D-Dur. Übrigens sollen die Ausführenden hier nicht ihr Tempo drosseln, wie z. B. Ida Haendel. Der Satz endet stürmisch in a-Moll, also müssen wir korrekt von einer a-Moll-Sonate sprechen.

Werfen wir noch kurz einen Blick auf den Beginn  des Satzes. Mit einem laut zu spielenden gebrochenen A-Dur-Akkord setzt der/die Geiger/in unbegleitet ein, es folgen, jetzt leise, sechs Doppelgriffe, dann drei Akkordbrechungen mit je drei Noten und einem angehängten cis‘‘ als Zielton. Nun folgt in ähnlicher Manier das Klavier. Die Geigerzunft ist sich nicht einig bezgl. der Artikulation dieser vier Takte, einige Spieler spannen einen großen Bogen vom ersten bis zum letzten Ton und unterbrechen nicht den Fluss der Musik: z. B. Kulenkampff, Perlman, Vengerov, Cerovsek und Seiler. Die große Mehrheit jedoch macht in T. 3 nach der Eins eine kleine Zäsur und setzt neu an, was aus Gründen der Gewichtung und Balance der beiden Abschnitte als fraglich erscheinen sollte. Max Rostal, dessen Ruhm als Geigenlehrer den als ausübender Künstler überstrahlt, nimmt als einziger die drei drei-Tonakkorde in T. 3 und 4 ganz langsam im Anstrich. Auch in den etwas später folgenden Takten 13-18 wird unterschiedlich artikuliert: Beethoven setzt auf die jeweilige Achtelnote auf der Eins in den Takten, 14, 15, 16 und 17 einen Punkt, d. h. sie ist kürzer zu spielen, so verfahren z. B. Kulenkampff/Solti, Szeryng, van Keulen, Martzy, Zukerman Haendel, Zehetmair; andere fassen diese vier Noten als Sechzehntel auf und spielen sie entsprechend kürzer, wie z. B. Faust, Capucon, Vogler, Kopatschinskaja, Cerovsek und Seiler.

Im Andante folgen dem Thema vier Variationen in F-Dur, die dritte in f-Moll. Im Thema setzt Beethoven in den ersten beiden Takten Betonungen nicht auf die Eins, sondern auf den synkopisierten folgenden Akkord, was im weiteren Verlauf fortgeführt wird. Nur wenige Pianisten und Geiger folgen hier Beethovens Vorstellungen, wie z. B. Gieseking, Istomin, Panenka, Moiseiwitsch, Smith, Seemann, Barbizet, Melnikov, Ashkenazy und Immerseel/Seiler.

Die Musik des dritten Satzes, einer italienischen Tarantella (Sechsachtel-Takt) nachempfunden, zieht im Presto dahin, wird jedoch, vergleichbar mit dem Kopfsatz, durch langsame Abschnitte (Zweivierteltakt), die jetzt als 2. Thema fungieren, im Fluss unterbrochen. Die Grundtonart des Finalsatzes ist A-Dur. Ursprünglich war dieser Satz als Finale der Violinsonate op. 30 Nr. 1 bestimmt, ebenfalls in der Tonart A-Dur.

Erwähnt sei noch, dass Beethovens op. 47 Leo Tolstois zu einer Novelle sowie Leos Janaceks zu seinem 1. Streichquartett „Kreutzersonate“ inspiriert hat.

Hier die Interpretationen im Überblick:

Busch, Adolf

Serkin

CBS  Sony

1941

28‘18

5

ohne W – I schlanker Geigenton, in der E bei längeren Noten leichtes Vibrato, Allegro mit Feuer, aber nicht übertrieben, II erfülltes Musizieren, spannungsvoll, III Presto, klassisch – sehr gute Partnerschaft, kompaktes Klangbild , geringere Transparenz, nur geringfügige Störungen

Milstein

Balsam

EMI

1957

28‘50

5

nur 1. W in Satz 2 V 3, I Geige führt etwas, interpretatorisch ähnlich wie Busch, jedoch größerer Ton, II in bewegtem Tempo, V 3 etwas etüdenhaft, jedoch mit viel Atmosphäre, III Klavier etwas zurück, klassisch

Taschner

Gieseking

Bayer Records

1951

31‘23

5

live, im 2. Satz nur die jeweils 1. V wiederholt – I ausdrucksvolle Darstellung, schwungvoll, dramatisch, II Th: Taschner formt den Notentext, Atmosphäre, III Drive, dämonisch, da fliegen schon mal die Fetzen – sehr gute Partnerschaft, verhältnismäßig guter Klang

Francescatti

Casadesus

CBS  Sony

1961

31‘17

5

alle W – ein aufeinander eingespieltes Team, I feurig, dramatisch, II fließend, ausgesprochen spielfreudig, glasklar, III ausgelassen; guter Kontrast zwischen den Sätzen

Kogan

Gilels

Doremi

1964

32‘36

5

live

Huberman

Friedman

EMI

1930

31‘52

5

nicht alle W – I mit viel Emphase, virtuos , romantisch, musikantisch, Portamenti, wird dem Nimbus KS gerecht, II (sehr) bewegt und lebendig, wenig Tempokontrast zu Satz 1, zwei Virtuosen am Werk, III Huberman mit rauem Ton, schöne Spiccati, immer ausdrucksvoll, in Richtung dämonisch - leichtes Rauschen der alten Schelllacks

Kopatschinskaja

Say

naive

2007

29‘57

5

ohne W in den Ecksätzen – immer leicht und locker vorgetragen, eigene Handschrift; I mit Hingabe musiziert, teilweise atemlos, K. saugt einige Töne aus ihrer Geige, an der Grenze zum Artifiziellen, II nuancenreich, delikat, atmosphärereich, III Geige kapriziös, keine Interpretation von der Stange, profiliert

Cerovsek

Jumppanen

Claves

2006

37‘39

5

alle W – I souverän bewältigt, genau das Gegenteil von Routine, II spannungsintensive Beredtheit, III mit Hingabe

Grumiaux

Haskil

Philips

Brilliant

1957

33‘42

5

ohne W in den Ecksätzen – I Grumiaux nimmt den vielen Achtelbewegungen (Füllstimmen) den Anstrich des Mechanischen, II wie eine Gesangsszene musiziert, III etwas (zu) entspannt, wenig Drive – sehr gute Partnerschaft, Klangbild etwas belegt

Kremer

Argerich

DGG

1994

37‘29

5

alle W – I u. III virtuos, jedoch etwas modern, kühl, schlackenloser Geigenton, II bewegt, V 1 und 2 sehr lebendig, vollendet!

Heifetz

Moiseiwitsch

EMI       RCA

1951

31‘17

5

W Satz 1 fehlt, sowie in Satz 2 bei V 3 die 2. W

Szeryng

Rubinstein

RCA

1958

32‘31

5

ohne W in den Ecksätzen

Ibraginova

Tiberghien

Wigmore Hall

2010

37'16

5

live, alle W – I Presto, mitreißend, souverän, wenig Vibrato, beste Partnerschaft, II spannungsintensive Beredtheit, III mit Hingabe – völlig ohne Störungen

Perlman

Argerich

EMI

1998

33‘34

5

W Satz 1 fehlt, live

Perlman

Ashkenazy

Decca

1973

37‘02

5

W Satz 1 fehlt

Vengerov

Markovitch

Teldec

1991

38'23

5

live, alle W – I zupackend, Blick nach vorn, Dynamik im unteren Bereich nicht ganz top, II bewegt geschmeidig, V 3 etwas langsamer, nachdenklich, V 4 Geige etwas fest, III temperamentvoll – sehr guter Klang, beste Partnerschaft

Zukerman

Barenboim

EMI

1972

34‘12

5

ohne W in den Ecksätzen

Zukerman

Neikrug

RCA

1991

37‘33

5

alle W

Szigeti

Arrau

Vanguard    Strings

1944

34‘53

5

live, ohne W im Kopfsatz


 

Heifetz

Smith

RCA

1960

32‘15

4-5

W Satz 1 fehlt

Kogan

Ginzburg

Brilliant

1952

38‘13

4-5

alle W, live

Oistrach, David

Oborin

EMI

1953

32‘53

4-5

nur W im 2. Satz

Oistrach, David

Oborin

Philips

1962

34‘09

4-5

nur W im 2. Satz

Stern

Istomin

CBS    Sony

1983

35‘04

4-5

W Satz 1 fehlt – I männlich, herb, klassisch, ohne Dämonie, II gelassen, aber intensiv, III konzertant, ausdrucksvoll – sehr gute Partnerschaft, Sterns Ton hat nicht mehr soviel Schmelz als früher, jedoch noch immer souverän

Szigeti

Bartok

Vanguard

EMI

1940

29‘31

4-5

live, ohne W

Frank, Pamela

Frank, Claude

M&A

1992

38‘30

4-5

alle W – I zupackend, mit Verve, inspiriert, II facettenreich, spannungsvoll, Triller der Geige in hohen Lagen etwas zu eng, III deklamatorische Prägnanz, pulsierend – sehr gutes Miteinander zwischen Vater und Tochter

Suk

Panenka

Supraphon

1967

39‘18

4-5

alle W – I sehr klar, bestimmt, viel Energie freisetzend, genaue Umsetzung von Beethovens Anweisungen, sehr gutes Miteinander, II mit intuitiver Einfühlsamkeit, III entschieden, das Besondere des Satzes bleibt jedoch unterbelichtet

Martzy

Antonietti

Rundfunkaufnahme

Coup d‘Archet

1956

35‘37

4-5

nur W des 2. Satzes – I temperamentvolle Darstellung, das Presto T. 19 hört sich auch als ein solches an! II mit Hingabe, delikat, Spannungsbögen, III teilweise wie atemlos – Jean Antonietti überzeugt, verharrt jedoch nur in der Rolle des Begleiters

Repin

Argerich

DGG

2007

38‘11

4-5

alle W – I

makelloses Musizieren, jedoch schwerer als etwa Busch/Serkin, II sehr bewegt, etwas äußerlich virtuos, III sehr sauber, wenig Druck – sehr gute Partnerschaft, Argerich immer auf dem Sprung, hervorragender Klang

Kulenkampff

Kempff

DGG

1935

30‘29

4-5

ohne W

Kulenkampff

Solti

Decca

1947

29‘15

4-5

ohne W in den Ecksätzen, im 2. Satz jeweils nur die 1. W

Capucon

Braley

Virgin

2009

36‘45

4-5

alle W – I technisch perfekt, mit Druck, intensiv gestaltet, jedoch ohne Widerstände, etwas (zu) glatt, II schön, gut, aber weniger intensiv gestaltet (im Vergleich z. B. mit I. Faust), III sorgfältig, nur die Musik


 

Haendel

Holecek

Supraphon

1962

30‘59

4

nur 1. W im Andante, live – I zupackend, spontanes Musiziergefühl, II jeweils kleine Pausen zwischen den Abschnitten, III Nebeneinander und Miteinander halten sich die Waage, einige kleine Patzer – Holecek nur gediegen, im Mittelsatz mit mehr Einfühlsamkeit

Ferras

Barbizet

EMI

1958

32‘57

4

nur W des 2. Satzes – I dämonisch, entfesselt, mitreißend, II Th zu viel Vibrato, V 1 Klavier etwas hölzern, V1 und 2 zu schnell, insgesamt ohne Delikatesse, III weniger Spannung als im Kopfsatz

Szeryng

Haebler

Philips

1979

34‘59

4

nur W des 2. Satzes

Dumay

Pires

DGG

2002

38‘19

4

alle W – I Dumay setzt sich hier und da über Beeth. Tempo- und Artikulationsvorschriften hinweg, seine Interpretation scheint von Rémenyi* beeinflusst zu sein: raue Tongebung, dramatische Darstellung, packend, teilweise auch übertrieben, Pires ordnet sich unter, II Geige nicht immer schlackenlos, Pires bringt Atmosphäre ins Spiel, III bei zunehmender Lautstärke Kratzen der Geige

Schneiderhan

Kempff

DGG

1952

41‘46

4

alle W

Schneiderhan

Seemann

DGG

1959

33‘06

4

ohne W in den Ecksätzen

Parikian

Tagliaferro

Concert Hall

forgotten records

1960

33‘47

4

ohne W in den Ecksätzen – I engagiert, jedoch ohne den Feinschliff und die selbstverständliche Leichtigkeit der ganz Großen, II stellenweise etwas vorsichtig, III etwas akademisch – an sehr lauten Stellen leichtes Klirren – Manoug Parikian war von 1949-57 Konzertmeister des POL

Rostal

Osborn

Decca

MCPS

1951

33’34

4

nur im 2. Satz die jeweils 1. V – I konzertante Darstellung, nichts falsch gemacht, II geringere Inspiration, etwas akademisch genau, III ohne rechten Drive

Vogler, Kai

Ishay

KV records

1996

36‘18

4

live, alle W – zupackend, betriebsam, jedoch ohne den erwünschten Feinschliff und die Differenzierung, dies fehlt vor allem dem Mittelsatz

 

Menuhin

Kempff

DGG

1970

40‘34

3

alle W –I E ohne richtige Spannung, kein Presto, Menuhin eher mit dem Material als mit der Musik beschäftigt, Zeugnis aus seiner Spätzeit als Geiger, der 2. Satz gelingt besser als die Ecksätze

 

Mutter

Orkis

DGG

1998

43‘45

2-3

live – alle W – I ASM mit viel Bogendruck, geschmäcklerische Temposchwankungen, T. 210 ff müsste sich die Geige zurücknehmen und dem Klavier den Vortritt lassen, der Satz zerfällt in Abschnitte, Artikulation in T. 29-33 und T. 245-349 vom Notentext nicht abgesichert, II zurückgenommene Tempi, Thema mit übertriebener Süße (ASM) vorgetragen, gewöhnungsbedürftige Triller, V 4 ohne Duft, Orkis trocken, ohne Inspiration, III Temposchwankungen teilen den Satz in Abschnitte, stellenweise säuselnder Geigenton – sehr persönliche Deutung!

Kolisch

Johansen

archiphon

1966

31‘42

2-3

ohne W in den Ecksätzen, im Mittelsatz nur die ersten W – spätes Dokument des verdienten Geigers und Beethoven-Forschers, technisch nicht immer abgesichert, so dass der Eindruck des Bemühten nicht von der Hand zu weisen ist, Kolisch scheint sich mehr um sein Instrument als um die gemeinsame Interpretation zu kümmern, Johansens recht trockenes und blutleeres Klavierspiel kann den Eindruck nicht zum Positiven wenden; insgesamt ohne artikulatorische Feinarbeit



Interpretationen in historischer Aufführungspraxis, teils mit Originalinstrumenten:

Faust, Isabelle

Melnikov

HMF

2006

35‘13

5

alle W – I technisch perfekt, mit Druck, intensivst gestaltet, souverän, con spirito, II bewegt, facettenreich, kapriziös, atmosphärisch dicht, III inspiriert, spannungsvoll – Spitzenleistung!!

Kurosaki

Nicholson

Accent

2008

35‘58

5

alle W – I mitreißend, virtuos, sehr gute Balance zwischen den Instrumenten, II bewegt, erfülltes Musizieren, III viel Drive, energisch

Zehetmair

Frager

Teldec

1985

35‘25

5

alle W – I Geige präsenter und deutlicher als Hammerflügel, expressiver Vortragsstil, II bewegt, wunderbar erfülltes Miteinander, III mit Verve, souverän

 

van Keulen

Minnar

Challenge

2014

36‘53

4-5

alle W – I resolut, zupackend, weniger Feinschliff, II etwas indifferent, Flügel stellenweise zu laut, Triller der Viol. In V 4 T. 12/13 und T. 48/49 nicht miteinander verbunden, III zupackend, etwas robust, ein grimmiger Beethoven

Schroeder

Immerseel

DHM

1987

39‘31

4-5

alle W – I suchende E, objektive Darstellung, gute Transparenz und Balance, II Th ziemlich spannungslos, im Gegensatz zu den folgenden Variationen, Absicht?, im V 3 Hammerflügel una corda, V 4 sehr abwechslungsreich, III mit mehr Temperament

 

Sailer

Immerseel

ZigZag

2009

40‘56

4

alle W – I Geige anfangs zu nah am Mikro, eigene Vorstellungen bei der Gestaltung einbringend, leichte Temposchwankungen, II den ganzen Satz im Tempo des Ths gespielt, gewöhnungsbedürftig, III der Notentext scheint die Musiker nicht herauszufordern



*Der Brahms-Freund und Biograph Max Kalbeck kolpotiert in dieser einen angeblichen Ausspruch des ungarischen Geigers Eduard Reményi „ … werde ich Kreitzer-Sonate spielen, daß sich Haare fliegen.“

Hinweise zu Interpreten und ihren Interpretationen:

Joseph Szigeti

Der ungarische Geiger Josef (Joska) Szigeti ist vielen Musikfreunden nicht mehr bekannt. In seinen besten Jahren sind infolge des 2. Weltkrieges kaum Schallplatten mit ihm aufgenommen worden. Aufgrund seiner Emigration in die Vereinigten Staaten war er jahrelang vom europäischen Musikleben getrennt und geriet in Vergessenheit. Immerhin sind einige Konzert-Mitschnitte und wenige Studio-Produktionen, allesamt in den USA entstanden, erhalten geblieben, so alle Beethoven-Violinsonaten mit Claudio Arrau und die von Mozart mit Horszowski als Klavierpartner. Von Beethovens Kreutzer-Sonate ist zusätzlich ein Konzertmitschnitt mit Bela Bartok überliefert. Letzterer ist leider klanglich nicht gut erhalten, viele Störungen der alten Acetat-Platten müssen in Kauf genommen werden, auch klingt die Musik sehr kompakt. Entschädigt wird der Hörer jedoch durch ein expressives Musizieren, wie es nur bei Gleichgesinnten zu beobachten ist. Das Thema des 2. Satzes wird intensiver gespielt als in der späteren Aufnahme mit Arrau, man hat den Eindruck, dass Szigeti und Bartok sich mehr in Beethovens Notentext versenken, wobei ihnen immer wieder beglückende Momente gelingen. Negatives soll jedoch auch nicht verschwiegen werden, so gelingen die Staccati der Violine in der Einleitung des Kopfsatzes etwas fahrig, im 2. Satz klingt die Geige an leisen Stellen teilweise wie verschleiert.

Das Klangbild des vier Jahre später mitgeschnittenen Konzerts mit Claudio Arrau am Flügel ist dem früheren weit überlegen, die Aufnahme verfügt über eine viel bessere Präsenz, der Geigenton ist klarer und hat hier viel mehr Kern, das Instrument klingt jedoch stellenweise auch etwas spitz. Die Sonate wird sehr engagiert, in den Ecksätzen auch mit Druck, vorgetragen. Überlegen erklingt der Mittelsatz, wenn auch nicht immer so intensiv gestaltet als früher.

Jascha Heifetz

Es gibt viele Musikfreunde, die Heifetz‘ schlanken Geigenton für Beethovens Musik wenig adäquat finden. Auch bemängeln sie die Leichtigkeit in Tongebung und Vortagsweise, letztlich bleibt dies jedoch Geschmacksache. Die Unterschiede zwischen beiden Aufnahmen liegen eher im klanglichen wie interpretatorischen Bereich. Es wird mit Hingabe spannungsintensiv musiziert. Benno Moiseiwitsch hat mit seinem souveräneren Spiel daran noch einen größeren Anteil als Heifetz‘ späterer ständiger Begleiter Brooks Smith, der zusammen mit H. noch etwas schnellere Tempi vorlegt. Man vergleiche diesbezüglich einmal den Variationssatz: In kammermusikalischer Feinabstimmung erklingt er 1951, Smith könnte 1960 hier mehr Klangsinn einbringen. Im Finale wird in beiden Produktionen ein Feuerwerk angezündet. In der älteren Aufnahme ist die Geige vorgezogen, dieser Mangel wurde später korregiert.

Georg Kulenkampff

Aufgrund der Kriegsereignisse und sein Bleiben im Nazideutschland ist der Name des Geigers Georg Kulenkampff heute ziemlich im Vergessenheit geraten, allein die posthume Uraufführung von Schumanns Violinkonzert ist manchen noch in Erinnerung. Seine wenigen Aufnahmen sind via CD nach und nach wieder zugänglich gemacht worden, auch die von Beethovens Kreutzersonate, von der sogar zwei Studio-Produktionen existieren. An beiden Aufnahmen, 1935 mit Wilhelm Kempff sowie 1947 mit Georg Solti, lässt sich nachvollziehen, dass hier ein Weltklassegeiger am Werk war. Welchen von beiden der Vorzug gebührt, lässt sich kaum sagen, da die Pianisten unterschiedliche Akzente setzen. Kempff ist der überlegene Gestalter, der mehr Persönlichkeit in die Interpretation einbringt. Georg Solti spielt technisch gekonnt, fünf Jahre zuvor hatte er den 1. Preis beim Genfer Klavierwettbewerb geholt, mit etwas mehr Druck und auch schneller als sein älterer Kollege, das kommt vor allem den Ecksätzen zu Gute, dem Finale wird in der jüngeren Aufnahme ein Schuss Dämonie mitgegeben, bei Kempff spielt man eher Allegro als Presto. Hier überzeugt der Variationssatz jedoch mehr, da interessanter und mit langem Atem gespielt, Kulenkampff geht darauf ein und so gelingt ihnen eine atmosphärereiche Interpretation.

David Oistrach

Die Musikwelt kennt David Oistrach als einen der zuverlässigsten und nobelsten Geiger, der auch kleinere und minder bedeutende Stücke mit seinem Spiel adeln konnte. Die Violin-Literatur, wie auch die Beethoven-Sonaten, befand sich bei ihm in den besten Händen. Zweimal hat er Beethovens berühmteste Geigen-Sonate im Studio eingespielt, jedes Mal saß sein langjähriger Partner Lev Oborin am Flügel. Es sind gute bis sehr gute Einspielungen geworden, die sich vor allem durch große Sorgfalt, weniger durch erregte Deutung des Notentextes und Spannung hervortun; die Tempi werden nicht an ihre Grenzen getrieben. Der Kopfsatz wird souverän gespielt, bei den vielen Doppel- und Mehrfachgriffen der Geige konnte Oistrach in der früheren Aufnahme kratzige Akkorde nicht vermeiden, in der späteren Philips-Produktion gelingen sie sauberer. Beim Variationssatz wird der Hörer Zeuge eines ausgeglichenen Spiels. Beim Finalrondo ziehe ich die ältere Platte vor, die bei schnellerem Tempo mehr Drive bietet und innere Erregung vermittelt.

Wolfgang Schneiderhan

Zwei Gesamtaufnahmen der Violinsonaten von Beethoven mit Schneiderhan liegen vor, die beide in Wien entstanden sind. 1952 wurde er von Wilhelm Kempff begleitet, sieben Jahre später saß sein langjähriger Begleiter Carl Seemann am Flügel. Schneiderhans Geigenspiel wird heute bei vielen Hörern, die mit der Generation von Zukerman, Perlman, Lin, Shaham und vielen anderen „aufgewachsen“ sind, als möglicherweise nicht mehr zeitgemäß eingestuft werden, da es (zu) herb, (zu) trocken und vielleicht mit (zu) geringem Temperament, gediegen und mit weniger Feinschliff und weniger betörender Klangfülle als Heifetz, also weniger interessant, aus den Lautsprechern tönt. Beethovens Musik bleibt er jedoch keinesfalls etwas schuldig. Man höre z. B. die ersten vier Takte der Einleitung, die Schneiderhan wie gemeiselt hinstellt! Die Aufnahme mit Kempff übertrifft die spätere mit Seemann in Kleinigkeiten. Kempff ist der größere Gestalter, nimmt sich im 2. Satz deutlich mehr Zeit und schafft ein spannungsvolles Miteinander. Das Finale klingt hier aufgekratzt, jedoch ohne irgendeine Dämonie. Die zweite Aufnahme zeigt eine deutliche Klangverbesserung gegenüber früher, technisch unterlaufen dem Geiger jedoch einige Unzulänglichkeiten, wie da wären spitze, nur angerissene Töne. Schwerer wiegt jedoch, dass Schneiderhan oft eine Idee zu tief intoniert. Die Spannung im Mittelsatz erreicht nicht die frühere Höhe, dagegen erhält das Finale etwas mehr Druck. Insgesamt vermisst man bei Schneiderhans Geigenton eine gewisse Ausstrahlung.

Leonid Kogan

Da von Kogan keine Studioeinspielung bekannt ist, müssen wir auf Konzertmitschnitte zurückgreifen, die auf höchstem bzw. sehr hohem Niveau anzusiedeln sind. In sehr guter Partnerschaft musiziert er 1952 mit dem hervorragenden, in der westlichen Welt aber nur Kennern bekannten, Grigory Ginzburg. Beethovens dynamische Anweisungen darzustellen sind den beiden Verpflichtung, die vielen sf werden immer sehr ernst genommen. Im Rondo nehmen sie das Tempo zurück, so klingt der Satz etwas akademisch, keine Publikumsstörungen, alle Wdhlg.

In der acht Jahre späteren Aufnahme aus dem Leningrader Konservatorium spürt man, wie das Publikum mitgeht beim Totaleinsatz, wenn Kogan und Gilels Beethovens Vorstellung der Musik vermitteln. Kogans Ton ist nun nicht mehr so locker wie früher, nicht mehr so geformt, stellenweise etwas fahriger und nicht immer so sauber wie 1952, darin ist die frühere Aufnahme dieser überlegen. Im 2. Satz jedoch zeigt Gilels viel mehr Inspiration als Ginzburg, der etwas zu passiv agiert. Das Finale schließt im Ausdruck an Satz 1 an und wird etwas schneller gespielt. Das Klangbild ist transparent, die Instrumente sind gut eingefangen, in den Ecksätzen fehlen die Wiederholungen.

 Henryk Szeryng

Im Vergleich der beiden Aufnahmen des polnischen Geigers Henryk Szeryng lässt sich ablesen, wie sich die Haltung der/s begleitenden Pianistin/en beim Gelingen dieses Stücks niederschlägt. Sowohl Rubinstein als auch Ingrid Haebler liefern eine tadellose Arbeit ab, Szeryng setzt dazu seine akribisch genaue Umsetzung des Notentextes. Die ältere Aufnahme ist kraftvoll in den schnellen Partien und ausdrucksvoll in den lyrischen, glasklar wird der Notentext umgesetzt, wobei Geiger und Pianist sich gegenseitig die Bälle zuwerfen. Der Variationssatz klingt sehr konzentriert und das Finale wird souverän bewältigt, etwas mehr Feinschliff hätte gut getan. Szeryngs zweite Klavier-Partnerin Ingrid Haebler spielt sehr zuverlässig und klar, ihr Akkordspiel ist etwas fest, sie kann sich jedoch leider nicht aus der Funktion der Begleiterin befreien, wodurch eine gleichberechtigte Partnerschaft hier nicht verwirklicht wird. Der Variationssatz wird langsamer gespielt und bringt weniger Spannung herüber. Das ist auch im Finale zu beobachten, hier zieht sich die Musik (Presto) etwas hin. Klanglich ist die Philips-CD der früheren Aufnahme überlegen.

Itzhak Perlman

Fast gleichzeitig mit der Zukerman/Barenboim-Aufnahme bei EMI brachte die konkurrierende Decca eine Gesamtaufnahme mit Itzhak Perlman und Vladimir Ashkenazy heraus, die sogleich mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurde, zu Recht, nach dem klingenden Resultat zu urteilen. Die beiden Künstler spielen im Kopfsatz sehr kultiviert, facettenreich und mit Verve. Die langsame Einleitung dieses Satzes klingt so, als wären die beiden auf der Suche nach dem Presto-Beginn. Der Variationssatz klingt sehr entspannt, die Musik ruht in sich selbst und das Finale wird souverän bewältigt. Ashkenazy und Perlman spielen in bester Partnerschaft. 25 Jahre später trafen Perlman und Martha Argerich in New York zusammen, auf ihrem Programm stand auch die Kreutzersonate, EMI brachte den Mitschnitt auf CD heraus. Der Kopfsatz (auch mit suchendem Beginn) wird nun spontaner, prickelnder und unruhiger dargeboten. Wenn auch nicht ganz so langsam wie früher klingt der Variationssatz intensiv, in einem guten Verhältnis von Spannung und Entspannung. Das pointiert artikuliert vorgetragene Finale verfügt jetzt über noch mehr Drive. Darstellerisch gehören beide Aufnahmen zu den besten des Marktes!

Pinchas Zukerman

Seit ihrem Erscheinen zu Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden die Beethoven-Sonaten mit dem Gespann Zukerman/Barenboim als gelungene Neuaufnahme in der Musikwelt begrüßt. Hier trafen zwei junge Künstler zusammen, die sich inzwischen in der Musikwelt einen Namen gemacht hatten, entsprechend groß waren die Erwartungen, die nicht enttäuscht wurden. Ein gut aufeinander eingespieltes Team legte bei der A-Dur Sonate op. 47 eine gelungene, klare wie strukturbetonte Interpretation vor, die im Kopfsatz etwas moderat ausgefallen ist. Zu loben ist auch die Aufnahmetechnik, die die ungleichen Instrumente gut abgebildet hat und in guter Balance hält. Für den langsamen Satz nehmen sich die Künstler genügend Zeit, so gelingt ihnen eine spannungsvolle und atmosphärereiche Darbietung (vor allem in der letzten Variation). Auch das Finale zieht con spirito, jedoch ohne Dämonie, an den Ohren des Hörers vorbei. Fast zwanzig Jahre später kommt eine weitere Aufnahme der Beethoven-Violinsonaten mit Zukerman auf den Plattenmarkt. Sein Klavierpartner ist nun Marc Neikrug, der sich bereits bei der Aufnahme der Mozart-Violinsonaten als einfühlsamer Begleiter erwiesen hatte. Auch hier ist ein partnerschaftliches Musizieren angesagt, die Sonate klingt etwas wärmer als in der EMI-Produktion. Zukermans Geigenton hat noch mehr Süße angenommen, Variation 4 im Andante sticht hier durch eine besondere Sensibilität hervor.

Ein herzlicher Dank geht an Freunde des Klassik-Prismas, der mir zwei Aufnahmen zur Verfügung stellten.

eingestellt am 18. 08. 2015

ergänzt am 24. 08. 2015

Beethoven          home