Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Streichquartett f-Moll op. 95

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Artemis Quartett

Virgin

2005

18‘58

5

I Totaleinsatz, II alles glasklar und ausdrucksvoll, mit Wärme, IV auch die Struktur des Satzes im Fokus – Aufnahme mit Hall

Petersen Quartett

Berlin Classics

1989

18‘55

5

I stürmisch, mit Nachdruck, gute Lautstärkedifferenzierung, II trotz schnellen Tempos dichtes Musizieren, IV E molto espressivo

Prazak Quartett

Praga

2002

20‘52

5

sehr ausgeglichenes helles Klangbild, Instrumente bestens abgebildet, instrumental sehr sorgfältig, gute Tempowahl, I con brio, keine Wünsche offen, II con espressione, Vc T. 153 ff !!

Busch Quartett

EMI

1932

18‘40

5

technisch späteren Quartetten unterlegen, musikalisch jedoch keineswegs, I Sogwirkung, II innig, konzentriert, III viel Unrast wird mitgeteilt, piu Allegro!!

Budapester Streichquartett

Columbia Sony

1941

21‘00

5



Vegh Quartett

Valois naïve

1972

20‘53

4-5

I molto espressivo, alles sehr deutlich, Spannung, II sehr viel Spannung, man hört auf seine Partner, III die Teile A und B gut voneinander abgesetzt, Allegro könnte einen Deut schneller sein

Emerson String Quartet

DGG

1994

18‘39

4-5

I stürmisch, sehr gute Klangbalance, II ziemlich perfekt, jedoch etwas kühl, III Lautstärkedifferenzierung könnte noch etwas besser sein, IV die Emersons schlagen einen Bogen vom 1. zum 4. Satz

Juilliard Quartet

RCA

1963

21‘22

4-5

I musikantischer Ansatz, II mit viel Nachdruck, IV konzentriert, technisch perfekt bis zum Schluss, immer schlank

Juilliard Quartet

Sony

1982

21‘23

4-5

live – mit etwas weniger Druck, sich Zeit lassend, technisch nicht immer so perfekt wie früher, jedoch noch etwas näher am Text, II die ersten Cellotakte klingen wie hinuntergewürgt, nicht ganz die Konzentration der Vorgängeraufnahmen, III piu Allegro deutlich schneller, IV mit mehr Kraft, weniger Agitato

Juilliard Quartet

Sony

1970

20‘53

4-5

I dickerer, rauer, ruppiger Klang, II breites Panorama, Musik steht unter Spannung, weite Dynamik, III piu Allegro etwas schneller, IV Lautstärkedifferenzierung nicht optimal, stellenweise etwas grob, fulminanter Schluss

Alban Berg Quartett

EMI

1978

19‘34

4-5

genaue Darstellung hat Vorrang vor Ausdruck, Quartett hat mehr Körper als das Hagen Quartett, II intensiv

Hagen Quartett

DGG

1996

18‘10

4-5

vollkommen homogener Klang, I stürmisch, aber doch immer filigran, beinahe körperlos, artistisch, etwas kühl, II dichtes Musizieren, wenig Vibrato, tempokonstant, III energisch, IV Agitato, messerscharfe sf , atemberaubend

Budapester Streichquartett

Sony

1960

21‘35

4-5


Budapester Streichquartett

CBS UA

1951

21‘42

4-5

 

Guaneri Quartett

RCA

~ 1967

21‘43

4-5

warmer Klang, der sich von den tiefen Streichern aufbaut, 2. Thema langsamer, II gut, jedoch nicht mit der Spannung von Busch, Vegh, Alban Berg, III schärfer gezeichnet als 1989, IV konzentriert und dicht

Takács Quartett

Decca

2004

20‘21

4-5

I dichtes, gespanntes Musizieren, 1. Vl. in höchster Lage etwas dünn, II leicht, zerbrechlich, jedoch nicht leichtgewichtig, III B zurückhaltend, fast geheimnisvoll

Cleveland Quartet

Telarc

1991

20‘34

4-5

Klangfarbenpalette könnte etwas ausgeprägter sein, I energisch, con brio, fast orchestraler Klang, 2. Thema langsamer, III A müsste sich von B etwas absetzen, IV zupackend

Auryn Quartett

Tacet

2002-04

20‘34

4-5

I nicht zu schnell, mit Nachdruck, 2. Thema langsamer, II 2. Vl. klanglich etwas zurück

Brandis Quartett

HMF

1986

22‘30

4-5

Klangfarben der einzelnen Instrumente sehr gut eingefangen, I con brio, konzentriert, durchsichtig, II gespannt, Klang gut ausgehört, III A könnte etwas lockerer sein, IV sehr gutes Miteinander, aber etwas zu gelassen

Quartetto Italiano

Philips

1971

20‘22

4-5

I con brio, trotz vieler stacc. und sf klingen Instrumente noch rund, II konzentriert, III dem Ideal sehr nahe

Gewandhaus Quartett

NCA

2002

20‘11

4-5

geschlossenes Klangbild, II Tiefsinn vermeidend, schlicht, luzid

Borodin Quartett

Virgin

1987

20‘04

4-5

etwas Hall, I durchsichtig, con brio und lyrische Abschnitte gut miteinander verbunden, II immer flüssig, trotzdem gespannt, IV mehr Attacke als 2003

 

Griller Quartett

Dutton

1948

21‘38

4

I konzentriert, II T. 65-76 geheimnisvoll

Guaneri Quartett

Philips

1988

21‘51

4

I 2. Thema langsamer, Klang nicht mehr so sonor und geschlossen wie früher, II Klang der einzelnen Instrumente ausladender, T. 66 ff sensibler als 1967, III A kräftig, robust, Rhythmus könnte schärfer gezeichnet sein, IV E ohne Geheimnisse, unruhiger als früher, agitato-Charakter hier besser, instrumental jedoch weniger sorgfältig

Borodin Quartett

Chandos

2003

22‘11

4

con brio, alles sehr deutlich, könnte etwas schneller sein, II Andante, geringere Spannung, IV durchsichtig, könnte etwas zugespitzter gespielt sein

Vermeer Quartett

Teldec

1989

20‘45

4

II Mikrofone ganz nahe bei den Instrumenten, dichtes Musizieren, Lautstärkedifferenzierung lässt Wünsche offen, III trotz wenig Vibrato etwas breiter Streicherklang,

The Lindsays

ASV

2001

20‘05

4


Eroica Quartet

HMF

1999

22‘28

4

I sehr breites Klangbild, orchestral, gewichtige Darstellung, 2. Th. langsamer, II gespannt, III A etwas zäh, IV orchestral, mit viel Bogendruck

Talich Quartett

Calliope

1977

20‘15

4

I geringere Spannung, II schlicht, jedoch mit mehr Spannung, III B-Teil sehr deutlich, zu direkt, kaum piu Allegro

Ungarisches Streichquartett

EMI

1953

18‘42

4

I con brio, Blick nur nach vorn, nicht zur Seite gerichtet, II keine besondre Beziehung zum Satz, III A sehr locker, IV E weniger espressivo, Allegro agitato überzeugend – insgesamt zwiespältiger Eindruck

Smetana Quartett

Denon

1981

19‘36

4

I kein drive, etwas akademisch, II das musikalische Material fordert sie nicht (mehr), IV E wenig espressivo, mehr pflichtgemäß

Weller Quartett

Decca

1964

21‘39

4

klares durchsichtiges Klangbild, I 2. Th. langsamer, II vor allem klangschön, Cello stellenweise zu leise, geringere Spannung, IV kein agitato, könnte etwas schneller sein – insgesamt eher unbeschwerte Interpretation ohne Tiefsinn

 

Amadeus Quartett

DGG

1960

20‘41

3-4

I und IV mit breitem Strich, etwas ruppig, II kaum p, etwas pauschal, III B zu unruhig, 1. Vl. zu sehr im Vordergrund und führt immer

Melos Quartett

DGG

1984

19‘45

3-4

man hat den Eindruck, dass ihnen die Musik nicht genug bietet, abgesehen vom Kopfsatz, der in großer Geste molto con brio gespielt wird. Der Rest fällt jedoch mehr oder weniger stark ab, z. B. II zu schnell und zu laut, zu sehr an der Oberfläche

Tanejew Quartett

boheme

1985

21‘59

3-4

I viele Ecken und Kanten, ruppig, II viel Vibrato, durchsichtig, mit Spannung, III Intonationstrübungen, breit musiziert, etwas burschikos, IV könnte etwas schneller sein - nicht bis ins Letzte durchgearbeitet

The Lindsays

resonance

~ 1984

21‘45

3-4

I sehr hallig, zupackend, derb

Endellion Quartet

Warner

2005

21‘17

3-4

I kein richtiges brio, etwas unentschlossen, II nüchtern, III ohne Beethoven-Feuer, wenig piu Allegro, IV wenig agitato

Suske Quartett

Berlin Classics

1975

20‘17

3-4

viel Hall, sehr helles durchsichtiges Klangbild, Geigenton metallisch, I con brio, II Stimmführungen nicht immer klar, man spielt kein Quartett sondern Einzelstimmen, alles sehr direkt, kein mezza voce, III B zu unbekümmert, IV konzertant

 

Medici String Quartet

Nimbus

1990

19‘50

3

hallig, I erdenschwer, Bratsche sehr im Hintergrund, II Allegretto, 4 Einzelstimmen, kein Quartett, III unbekümmert, A und B müssten sich besser voneinander abheben, kein p, IV unbekümmert



Beethovens Streichquartett f-Moll op. 95 wird landläufig noch der mittleren Schaffensperiode zugerechnet, das passt so gut in unser Schubladendenken. Für mich ist es jedoch ein Werk des Übergangs zum Spätwerk, darauf deuten hin die jähen Stimmungswechsel im 1. Satz, Verwendung von Fuge und Fugato (2. Satz), rhythmisch scharf gezeichnete Motive und ihre Fortspinnungen im 3. Satz Teil A (vgl. Klaviersonate A-Dur op.101, 2. Satz), choralartige Einschübe im selben Satz Teil B, energiegeladene Themen und Motive, die durch den Satz gepeitscht werden (1. und 4. Satz). Auf kein anderes Werk Beethovens passt Goethes Diktum so treffend: „Zusammengefaßter, energischer, inniger, habe ich noch keinen Künstler gesehen." Das Quartett wird als „Quartetto serioso" betitelt, Beethoven selbst gab dem 3. Satz die Überschrift Allegro assai vivace ma serioso. Der Musikschriftsteller Paul Bekker deutet das Serioso wie eine Maske, die der Komponist über alle vier Sätze stülpt und erst zum Schluss wegzieht: „B. wirft die Serioso-Maske ab. Er ist nicht untergegangen im Gewühl der Leidenschaften, im Kampf mit dem Ernst des Lebens. Gerade die Versenkung in die scheinbar unergründliche Düsterheit der f-moll-Bilder hat sein Auge frei und seinen Blick empfänglich gemacht für den noch viel unergründlicheren Humor des Lebensspieles. Dieses innere Freiwerden, diese Wandlung vom klagenden und anklagenden Kämpfer zum überlegen lächelnden Betrachter spiegelt das f-moll-Quartett mit seiner überraschenden Schlußwendung." (in: Paul Bekker: Beethoven, Berlin 2/1912, S. 516)

Anmerkungen zu den Sätzen:

1. Satz: In den Takten 43, 46, 54, 56, 112, 114, 123 und 125 spielen die Mittelstimmen jeweils viermal hintereinander ein Sechzehntel-Motiv, wobei die Spieler kaum vermeiden können, jeweils die erste Sechzehntel-Note ein klein wenig zu betonen. Im jeweils folgenden Takt antwortet darauf das Cello mit Sechzehntel-Wechselnoten des-es, später f-g, wobei sich eine Vierergliederung ergibt. Aus dem Verlauf der Musik heraus müsste der Cellospieler meiner Überzeugung nach jedoch auch eine, wenn auch nur gerade angedeutete, Betonung auf der jeweils ersten Sechzehntel-Note bringen. Lediglich die Cellisten des Griller-, Gewandhaus-, Cleveland-, Auryn und Artemis Quartetts sind mit mir d’accord und betonen dementsprechend.

Der 2. Satz gliedert sich in abwechselnde A-Abschnitte und B-Abschnitte, von jeweils unterschiedlicher Länge. A beginnt immer mit einer Bassmelodie aus fallenden Noten, dem schließt sich ein gesanglicher Abschnitt an. In B bringt Beethoven zweimal eine Fuge, beim drittenmal reicht es nur noch zu einem Fugato, da A die Überhand bis zum Satzende gewinnt. Auf eine köstliche Stelle in diesem Satz möchte ich noch hinweisen, sie befindet sich im zweiten B-Teil, also dem zweiten Fugendurchlauf: zuerst intoniert die Bratsche das Fugenthema, dann folgt die 2. Violine, das Cello und zuletzt die 1. Violine in Engführung, also bevor das Cello das Thema durchgespielt hat, das lässt sich beim aufmerksamen Hören gut verfolgen. Danach beginnt die Bratsche wieder mit dem Fugenthema, jetzt jedoch nicht mit steigendem Quartsprung, sondern fallendem Quintsprung, also statt a‘-d‘‘ jetzt e‘-a. Die Bratsche möchte gern auch das Cello zu dieser Änderung überreden, jedoch vergebens, das Cello bleibt beim ursprünglichen Thema. Die Bratsche lässt jedoch nicht locker, versucht es ein zweites Mal, bewegt sich zum Cello hin in tiefere Lage und spielt das geänderte Thema nochmals, aber das Cello bleibt hart. Der Bratsche bleibt nichts anderes übrig, als sich mit Seufzermotiven zu trösten. Interessant der Übergang zum 3. Satz, der die Scherzo-Stelle einnimmt: die Musik steht am Ende des langsamen Satzes fasst still, dann erfolgt ohne (!) Pause unisono und forte zweimal das erste Motiv des 3. Satzes, es klingt wie ein Hilfeschrei oder ein dickes Ausfrufezeichen. Diese Stelle bedarf der besonderen Aufmerksamkeit einer jeden Quartettvereinigung. Leider spielen viele (lustlos) darüber hinweg oder machen unverständlicher weise eine kleine Pause zwischen den Sätzen (Vegh). Sehr gut klingt dieser Übergang bei Petersen (da tut sich jäh ein Abgrund auf) und Artemis.

Der 3. Satz gliedert sich in einen scherzoartigen A-Teil mit scharf geschnittenen Rhythmen und ein choralartigen Trioteil (B), der von der 2. Violine angeführt wird, während die 1. darüber Figurationen spielt. Nach dem zweiten B-Teil schreibt Beethoven zum Satzschluss ein schnelleres Tempo vor (piu Allegro), was manche Quartette jedoch nicht daran hindert, diesen Wunsch zu ignorieren: Amadeus, Borodin–03, Medici, Endellion, Talich. Sehr beherzt gehen Emerson, Artemis, Takasc diesen Schluss an.

Der letzte Satz beginnt mit einer konzentrierten siebentaktigen langsamen Einleitung, von Beethoven Larghetto espressivo überschrieben. Unverständlicherweise verkürzen das Auryn Quartett und das Medici Quartet gleich zu Beginn die mit Spannung geladenen Pausen. Nach 7 Takten beginnt der Allegretto agitato bezeichnete Hauptsatz. Einige Quartettvereinigungen scheinen das agitato überlesen zu haben: Gewandhaus, Weller, Endellion.

Vom Budapester Streichquartett liegen mir drei Einspielungen vor, die jeweils im Abstand von ca.10 Jahren aufgenommen wurden. Auch wenn der Klang heutigen Ohren nicht mehr ausreichend erscheint, gefällt mir die älteste Aufnahme aus dem Jahr 1941 am besten. Der 1. Satz wird energisch, con brio, jedoch schlank und mit viel Atmosphäre gespielt, die 51er-Aufnahme kommt da nicht ganz mit, erst 1961 knüpft man an diese Leistung wieder an. Der 2. Satz wird in allen drei Aufnahmen espressivo gespielt. Beim 3. Satz liegt auch die 41er-Aufnahme vorn, die folgende Produktion könnte im A-Teil ein wenig schneller und energischer sein, in der letzten kommt mir der B-Teil zu direkt daher. Auch im Finale läuft die frühe Aufnahme als erste durchs Ziel.

Beim Juilliard Quartett, das auch drei Aufnahmen hinterlassen hat, ist eine eindeutige Präferenz nicht möglich, so unterschiedlich fallen die einzelnen Sätze aus. Meine Favoriten sind von Satz zu Satz: 1 1982, 2 1963, 3 1963 und 1970, 4 1963 mit Abstand vorn.

Vom englischen Lindsay Quartet, auch als The Lindsays genannt, stehen zwei Aufnahmen zum Vergleich an. Die jüngere Aufnahme ist die eindeutig überzeugendere, das technische Niveau und die Quartettkultur haben sich hörbar verbessert, ob es daran liegt, dass inzwischen der Bratscher ausgewechselt wurde, kann ich nicht beurteilen.



eingestellt am 31.03.2011

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