Das Klassik-Prisma


Bernd Stremmel

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3. Sinfonie F-Dur op. 90

Neubearbeitung und Ergänzung 2013



Allegro con brio – Andante – Poco Allegretto – Allegro



Brahms' 3. Sinfonie steht in der Geschichte der klassisch-romantischen Sinfonie einzigartig dar: alle vier Sätze schließen leise. Das gab es bisher noch nie. Alle Komponisten beendeten ihre Sinfonien immer im Forte oder Fortissimo. Keine Regel ohne Ausnahme: Joseph Haydns Sinfonie Nr.45 fis-Moll, die „Abschiedssinfonie“, die meisten Leser kennen den Hintergrund. Brahms verweigerte sich bei dieser F-Dur-Sinfonie mit Absicht der herkömmlichen Mode und stieß seinee ersten Hörer vor den Kopf, die einen triumphalen Ausklang erwartet hatten. Einige Kritiker meinten deshalb Resignation hieraus lesen zu müssen.

Gewaltig beginnt der 1. Satz mit seinen beiden lauten Bläserakkorden und der darauf folgenden Entladung. Wie hat Brahms diesen Anfang gemeint? Könnte die Sinfonie auch ohne die Bläserakkorde mit Takt 3 beginnen? Ich glaube kaum, das wäre Wirkung ohne Ursache. Diese Musik kann man nur als Antwort auf die beiden Bläserakkorde davor verstehen. Die ersten drei Noten (f-as-f') gehören als Kernmotiv zusammen und werden im Verlauf des Satzes mehrmals zitiert. Man könnte es wie ein kräftiges Einatmen deuten, dem ab Takt 3 das bewusste Ausatmen folgt. Wenn Brahms es so gemeint hat, hätte er zu den ersten beiden Akkorden jedoch ein Crescendo schreiben müssen, was aber unterblieb. Der mit Anweisungen äußerst sparsam umgehende Komponist traute vermutlich seinen Interpreten nicht, ließ es weg und hoffte darauf, das seine Absicht schon richtig verstanden würde. So beugte er von vornherein möglichen Übertreibungen vor. Wie gehen nun unsere Interpreten mit dieser Einleitung um? Etwa dreißig Einspielungen bringen anfangs mehr oder weniger ein Crescendo bei den Bläserakkorden, einige davon erst auf dem zweiten Ton, dafür aber umso kräftiger. Bei Furtwängler hat die Musik schon hier einen ganz großen Auftritt, er wiederholt das abgeschwächt in den Takten 49/50 und wieder am Anfang der Reprise T. 122 ff. Vor allem die älteren Dirigenten lassen die Sinfonie wie Furtwängler beginnen, z. B. Mengelberg, Knappertsbusch, Abendroth, Schmidt-Isserstedt, Jochum, Böhm, van Beinum, aber auch jüngere wie Skrowaczewski, Mackerras, Zinman, Gardiner, Chailly und van Zweden. Sogar der penible Günter Wand bringt das Crescendo. Mariss Jansons versucht es auch, aber es fehlt der Nachdruck, er bleibt auf halbem Wege stecken. Bei Barenboim fehlt der nötige Druck, erst am Anfang der Reprise klingt es überzeugender.

Nach den überleitenden wie gestampften Akkordbrechungen behandelt Brahms zu Beginn der Durchführung zunächst das 2. Thema, in der Exposition (T. 36 ff) stellen es grazioso Klarinette, dann Oboe vor, hier wird es Bratschen, Celli und Fagotten zugewiesen, allerdings melodisch verändert und Brahms schreibt jetzt (!) in ihre Noten: agitato, also drängender, schneller. Viele Dirigenten lassen ein wenig schneller spielen, ohne der Musik einen drängenden Charakter zu verleihen. Am besten setzt dies m. E. Furtwängler um, bei ihm stürmt hier die Musik nur so dahin und kommt erst ab T. 98 zur Ruhe. Auch der folgende Abschnitt bis zum Eintritt der Reprise wird von Furtwängler unnachahmlich intensiv gestaltet, da muss ich beim Hören jedesmal den Atem anhalten, dann das plötzliche Abbremsen, quasi wie bei einem Kollaps. Furtwängler setzt das Rubato, von Brahms für seine Musik sanktioniert, sinnstiftend ein. Die meisten anderen Dirigenten gehen da zurückhaltender (moderner) vor. Furtwänglers organisches Musizieren schlägt einen großen Bogen über die gesamte, zugegeben knappe, Durchführung, also von T. 71-121, ohne dass er einmal den Spannungsbogen unterbricht. Wer beherrscht heute noch diese Kunst der Zusammenschau, des Zusammenfassens?

Ab T. 101 rekapituliert der Komponist das Kopfthema, genauer seine drei ersten Töne (nun in Es-Dur): ganz langsam und leise wird es vom Horn ausdrucksvoll gespielt, Kontrabässe und Kontrafagott steuern einen Kontrapunkt bei. Dieses seltene Instrument wird von Brahms in den Ecksätzen seiner 3. Sinfonie eingesetzt, sowohl in Tutti-Passagen oder Solo-Stellen wie hier. Dirigenten sollten das Kontrafagott bei ihrer Klangregie nicht im Orchesterklang untergehen lassen. Sehr gut verfolgen kann man es bei van Beinum, Wand-95, Skrowaczewski-87 und Gardiner.

Die beiden Binnensätze sind ausgesprochen kammermusikalisch angelegt. Das 1. Thema ist nicht fest geformt, sondern wird abgewandelt, verlängert und verkürzt. Nach dem ungarisch angehauchten 2. Thema, vorgestellt von der Klarinette und dem Fagott, dananch von der Oboe und dem Horn, untermalt von langen Tönen der Streicher, folgen in der Mitte des Andantesatzes (T. 63 ff) einige aufgewühlte Takte, die die vorherige Idylle ablösen. Beteilgt ist hauptsächlich der Streicherchor. Celli und Bratschen, unterstützt noch von den beiden Fagotten, bringen Motive aus überwiegend vier Viertelnoten, anschwellend und sofort wieder abschwellend. Eine geformte Melodie wird hier nicht evident. Dazu schreibt Brahms eine ununterbrochene Begleitung der Geigen, rhythmisch um eine Sechzehntelnote nach hinten versetzt, was diese Stelle in eine permanente Unruhe versetzt. Bei der Darstellung darf die kompositorische Hierachie nicht vergessen werden, tiefe Streicher haben Vorrang. Die Geigen schlagen nach, nicht umgekehrt, wie bei N. Järvi. Karajan kümmert das wenig, alle Streicher legen sich dermaßen ins Zeug, dass in den Takten 63-69 nur noch ein Klangbrei übrigbleibt. Auch Kertesz, Herbig, Baschmet und Levine-CSO gehen in diese Richtung. Bei Norrington dagegen entbehrt diese Stelle jeglichen Ausdrucks. Mustergültig interpretieren sie Reiner, Rosbaud und Dorati. Auch Böhm, Keilberth, Solti, Mitropoulos, Kempe, Mackerras, Skrowaczewski, Chailly und Harding lassen noch im Sinne der Partitur spielen.

Noch sparsamer orchestriert ist der 3. Satz. Er ist kein Scherzo, eher ein Vertreter des von Brahms in die Literatur eingeführten Intermezzos. Das Thema des A-Teils ist auch bei Menschen bekannt, die mit Klassik nichts am Hut haben, da es einst als Erkennungsmelodie im Film Lieben Sie Brahms? eingesetzt wurde. Auf- und absteigende Cellokantilenen mit Seufzercharakter bestimmen den Tonfall des Vorder- und Nachsatzes. Im Mittelteil, wie ein Trio, begegnet man kurzatmigen Floskeln der Holzbläser begleitetet von Streichereinwürfen, die zweimal von ausdrucksvollen Streicherkantilenen abgelöst werden.

Der 4. Satz , ein f-Moll-Satz von düsterer Leidenschaft, beginnt unisono mit dem 1. Thema in Streichern und Fagotten, das gleich anschließend von Flöten, Klarinetten und Fagotten nach As-Dur abgewandelt und in lieblichere Gefilde geführt wird. Dann folgt ein Thema des Orchesters ohne Blech, das dem 2. Thema (mit seinen Triolen) des 2. Satzes entnommen ist (T. 40-50), pp und geheimnisvoll. Nur die aufmerksamsten Dirigenten lassen hier das Kontrafagott nicht im Gesamtklang untergehen, wie z. B. Wand-95, Skrowaczewski, Mackerras, Muti, Jansoins, an Zweeden. Dieser Einschub wird uns Hörern noch zweimal begegnen: als triumphierender Höhepunkt T. 167-170 sowie im verklärenden Finale T. 280 ff. Ab T. 52 beginnt das 2. Thema, die Melodie wird von den Celli und dem ersten Horn vorgetragen und von gezupften Tönen der Kontrabässe begleitet. So klingt es bei den allermeisten Dirigenten. Leider beachten sie nicht eine weitere Begleitstimme der Geigen und Bratschen, die mir sehr wichtig erscheint, da sie dem Thema mit ihren fortlaufenden Achteltriolen und nachfolgender Achtelnote etwas Drängendes, ja Entflammtes verleihen. Lediglich Mengelberg, Klemperer-WS, Furtwängler-Turin, Reiner, Swarowsky, Krauss, Jochum-BPh, Karajan-WPh, Wand, Celibidache, Sawallisch, Skrowaczewski, Harnoncourt, Levine, Gardiner, Mackerras, Harding und Bychkov haben die Wirkung dieser Triolen erkannt.

Noch eine Anmerkung zum Finale: formal gesehen ist der Satz T. 249 zu Ende, ohne einen überzeugenden Schluss. Brahms wusste das natürlich und lässt die Musik leise auslaufen, mit dem modifizierten ersten Thema und seiner Dur-Version in den Holzbläsern. Das klingt zusammen mit den Pizzicati der Streicher wunderbar duftig und gelockert (T. 252-266). Es klingt wie eine Erinnerung, wie ein Eintritt in eine andere Welt. Nur die Interpreten meinen hier Brahms nachhelfen zu müssen, indem sie etwa ab T. 250 das Tempo mehr oder weniger stark zurücknehmen (Ausnahme: Zinman). Dann klingt es schwerfälliger und der Hörer hat schon die letzten Takte im Ohr. Viel zu langsam lassen spielen: Mengelberg, Klemperer, Koussevitzky, Horenstein, Böhm, Kubelik, Sanderling, Scherchen, Knappertsbusch, Barbirolli, Boult-77, Keilberth-55, Celibidache, Kempe, Masur, Solti, Bernstein-WPh, Haitink, Kertesz, Mackerras, Eschenbach, Levine-WP, Maazel, Herbig, Tennstedt, Jansons, Bychkov und Dimitriev, übertrieben langsam bei Barenboim. Erst ab T. 267 (!) verlangsamt Brahms das Tempo, un poco sostenuto, er kombiniert hier auf wunderbare Weise noch einmal Motive aus dem ersten Thema (Holzbläser, Kontrabass, Horn) – das kann ganz spannend klingen – ruft dann noch einmal das Triolenthema auf, sanft gespielt von Holz und Blechbläsern zu einer Begleitung der Streicher, die Wagners Waldweben aus seinem Siegfried ähnelt, und beendet ab T. 301 leise und stimmungsvoll mit dem nach F-Dur gewandelten Hauptthema des 1. Satzes das Finale.

Noch ein Hinweis zur Auflistung: Innerhalb einer Kategorie ist kein Ranking beabsichtigt, jedoch sind die oben aufgelisteten m. E. den unteren doch überlegen.



Furtwängler

Berliner Philharmoniker

Myto Tahra

1954

37‘28

5

live

Furtwängler

Berliner Philharmoniker

EMI audite

1949

38‘33

5

W - live

Furtwängler

Berliner Philharmoniker

DGG

1954

36‘44

5

live

Walter

New York Philharmonic Orchestra

CBS Sony UA

1953

31‘10

5


Walter

Columbia Symphony Orchestra

CBS Sony

1960

33‘26

5


Klemperer

Philharmonia Orchestra London

EMI

1957

36‘39

5

W

Wand

NDR Sinfonie-Orchester

RCA

1995

36'44

5

W - live

Wand

NDR Sinfonie-Orchester

RCA

1983

35‘21

5

W

Szell

Cleveland Orchestra

CBS Sony

1964

34‘45

5


Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Teldec

1988

36‘39

5

W – ähnelt sehr Szells Aufnahme mit demselben Orchester, besitzt jedoch nicht immer dessen Wärme, II schöne Bläserdetails, IV stimmungsvoller Schluss

Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1957

34‘32

5

Reiner durchleuchtet die Partitur, nuancenreich, intensiv, II lässt sich viel Zeit, Atmosphäre, IV intensiv gestaltetes Finale: „definitiver Abschied“

Giulini

Philharmonia Orchestra London

EMI

1962

34‘46

5



Skrowaczewski

Radio-Philharmonie Saarbrücken

Oehms

2011

39'43

4-5

W

Abendroth

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Prag

Supraphon Tahra

1951

32'07

4-5


Abendroth

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig

Eterna Berlin Classics

1952

31'04

4-5


Cantelli

Philharmonia Orchestra London

EMI Testament

1955

33‘35

4-5

I und IV heroisch, mit Nachdruck, lastend, herb, II etwas schwermütig, nichts Liebliches, III bittersüß – transparenter Klang, frühes Stereo

Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1952

39‘03

4-5

W

Toscanini

Philharmonia Orchestra

Testament Cetra

1952

36‘02

4-5

W - live

Klemperer

Wiener Symphoniker

Orfeo

1956

34'00

4-5

W - live

Mrawinsky

Leningrader Philharmonie

Memoria

1978

32‘46

4-5

live – Aufnahmedatum nicht ganz gesichert

Levine

Wiener Philharmoniker

DGG

1992

38‘55

4-5

W

Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

History

1945

35‘54

4-5

W - live

Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

Music&Arts

1946

34‘03

4-5

W - live

Furtwängler

Berliner Philharmoniker

WFG UK

1951

35'21

4-5

live

Gielen

SWF Sinfonie-Orchester

hänssler

1993

34'30

4-5

Gielen lässt allein die Musik sprechen, ohne jeglichen Kommentar, stringentes Musizieren, fast keine Rubati, transparenter Klang- I lebendig, schlank, sehr deutlich, II Andante con moto, etwas nüchtern, III Musik immer im Fluss, IV Musik zieht fast atemlos am Hörer vorüber

Horenstein

SWF Sinfonie-Orchester

Vox TIM

~ 1956

35‘26

4-5

I schwungvoll, Intensität, souverän, II Ruhe und Atmosphäre, III eher ein Andante, jedoch sehr ausdrucksvoll, IV alles sehr deutlich, jedoch etwas zu langsam – unverfärbtes, transparentes Klangbild, Trompete hier und da wie ein Signal

Abbado

Staatskapelle Dresden

DGG

1973

37‘30

4-5

W

Abbado

Berliner Philharmoniker

rbb

1989

38‘13

4-5

W – live, unveröffentlicht

Rosbaud

SWF Sinfonie-Orchester Baden-Baden

SWR

1956

34'10

4-5

unveröffentlicht – strukturelle Darstellung, jedoch in keinem Moment trocken; Höhepunkte in den Sätzen ff, jedoch nicht exaltiert; fast keine Rubati; trotz des Alters hervorragende Transparenz

Keilberth

Bamberger Symphoniker

Telefunken

P 1963

34‘07

4-5

offenes, transparentes Klangbild, farbige Holzbläser, duftige Pizzicati, im Finalsatz gewisse Trompetenstellen dezent markiert

Keilberth

Wiener Symphoniker

Orfeo

1955

34‘42

4-5

live – Aufnahmetechnik nicht auf der Höhe der Zeit, eingeengtes Klangbild, Publikumsgeräusche halten sich in Grenzen, III Pizzicati der Kb etwas zu leise, Keilberth setzt den Mittelteil gut ab, Atmosphäre

Sawallisch

London Philharmonic Orchestra

EMI

1991

38‘43

4-5

W – Partitur werkgerecht umgesetzt, ohne eigene Note; schlankes Musizierten in den schnellen Sätzen auch pulsierend; rundes, transparentes Klangbild, Klangfarben der Instrumente gut abgebildet

Kempe

Münchner Philharmoniker

Acanta Scribendum

1975

32‘24

4-5


Kempe

Berliner Philharmoniker

EMI Testament

1960

32‘03

4-5


Ansermet

Orchestre de la Suisse Romande

Decca

1963

34'13

4-5

W – Ansermet bringt Licht in die Partitur, keineswegs ein bärbeißiger Brahms

Ansermet

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1966

33‘11

4-5

W – live, hell und klar, Brahms im Sonnenschein

Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1978

38‘43

4-5

W – sehr gute dynamische Differenzierung, gute Klangregie, I einzelne Stimmen dezent herausgestellt, Tempo etwas ruhig, besonnen, II Stimmverläufe gut herausgearbeitet, stellenweise kontemplativ, III etwas wehmütig, alles sehr sorgfältig austariert, IV gewichtig

Szell

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Decca

1951

31‘44

4-5


Schuricht

SWF Sinfonie-Orchester

Ades

1962

31‘28

4-5

I fast stürmisch, jedoch locker, unbeschwert, ohne Rubato, II und III Musik spricht aus sich selbst, Pizzicati der Kb. insgesamt zu leise, IV dramatisch

Klemperer

New Philharmonia Orchestra London

Testament

1971

41‘31

4-5

W – live – Klemperers letztes Konzert

Schmidt-Isserstedt

NDR Sinfonie-Orchester Hamburg

Acanta Scribendum FabFor

1969

33‘31

4-5

Musik insgesamt etwas weniger geformt als bei Walter, WF, Szell – warmes Klangbild, transparent, Schmidt-isserstedt richtet seinen Blick mehr nach innen als nach vorn

Giulini

Wiener Philharmoniker

DGG newton

1990

40‘41

4-5

W – live

Zweden

Niederländisches Philharmonisches Orchester

Brilliant

2002

33‘17

4-5

Mikrophone ganz nah an den Instrumenten, transparent, I differenziertes Musizieren, vielschichtig, II ausdrucksvoll, III T. 1-35 Holz zu leise, IV nicht mit der Intensität von Satz 1-3, T. 133-141 zu direkt

Swarowsky

Süddeutsche Philharmonie

Membran

~ 1972

33‘14

4-5

S. durchleuchtet die Partitur, transparent, Klangregie jedoch nicht von höchster Qualität, I inspiriert, II T. 63 ff Violinen zu laut, IV etwas nüchtern, „blutleere“ Orchestertutti, schöne Pizzicati - Identisch mit „Großes Orchester“ beim Label Weltbild


Jochum

London Philharmonic Orchestra

EMI

1976

36‘09

4

W

Jochum

Berliner Philharmoniker

DGG

1956

34‘26

4


van Beinum

Concertgebouworchester Amsterdam

Philips

1956

32‘50

4

Beinums Liebe zu dieser Musik ist überall spürbar; ein großer Aufriss, aber im Detail nicht immer hinreichend differenziert; helles hinreichend transparentes Klangbild; kaum Rubato

Dorati

London Symphony Orchestra

Mercury newton

1963

34'49

4

W – I bewegt, solide, II Gestaltung der T. 63 ff vorbildhaft, III die filigrane Begleitung sehr gut herausgearbeitet, Atmosphäre, IV schwungvoll, stringent – raue Geigen, besonders in hohen Lagen, sehr gute Transparenz, insgesamt kaum Rubati

Abbado

Berliner Philharmoniker

DGG

1989

37‘32

4

W

Boult

London Philharmonic Orchestra

Nixa

P 1957

36'21

4

W – I wenig Druck, weniger Brio, II viel Licht im Bläsersatz, farbenreich, IV 2. Th. wenig entflammt

Boult

BBC Symphony Orchesta

ica classics

1977

35'41

4

W – live – I mehr Brio, II etwas nüchtern, T. 63 ff Rollenverteilung zwischen Va./Vc. und Geigen nicht klar, geringere Ausdrucksdichte, IV poco sostenuto zu neutral – Pizzicati der Kb. oft zu leise, zu neutral

Skrowaczewski

Hallé Orchester Manchester

IMP

1987

40‘16

4

W

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1963

32‘10

4


Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1978

32‘09

4


Karajan

Wiener Philharmoniker

Decca

1960

32‘47

4


Leinsdorf

Philharmonia Orchestra London

EMI

1958

34‘39

4

W – I bewegt, emphatisch, mit Druck, II intensiv gestaltet, III bewegt, konzentriert, etwas nüchtern, IV schnell, aber wenig Nachdruck – helles Klangbild, in Tuttiabschnitten etwas kompakt, Streicher etwas rau

Jansons

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR classics

2010

38'45

4

W – live, I differenziert, mit Nachdruck, jedoch nicht immer mit höchster Spannung, II konzentriert, Klang im Tutti etwas dicht, III con espressione, Thema im Cello etwas dicht, IV etwas schleppend, weniger Spannung, vor allem am Ende

Levine

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1976

38'41

4


Kertesz

Wiener Philharmoniker

Decca

1973

37‘20

4

W – Kertesz tritt hinter die Partitur zurück, transparentes Klangbild, I spontanes Musiziergefühl, II Musik immer im Fluss, III Pizzicati der Kb. zu leise, IV überzeugt am meisten

Muti

Philadelphia Orchestra

Philips

1989

37‘24

4

W – Musik breit ausgemalt, vor allem in den Mittelsätzen weicher Klang, in lauten Tuttipassagen nicht immer optimal differenziert, Streicher dann mehr als Block, nicht genügend transparent – barocker Brahms

Krivine

Bamberger Symphoniker

Denon

1992

34‘38

4

W – I schnell, flüssig, ohne Beschwernis, durchsichtig, II Partitur farbenreich zu Gehör gebracht, III leicht, duftig, IV rhythmisch, stimmig – französischer Brahms???

Masur

New York Philharmonic Orchestra

Teldec

1993

35‘10

4

I gewichtig, con sentimento, II wechselnde Tempi, III A' ab T. 99 etwas langsamer – insgesamt solide, transparentes Klangbild, einige Publikumsgeräusche

Svetlanov

Staatliches Sinfonie-Orchester der UdSSR

Melodya Scribendum

1982

32‘26

4

im Dienst der Partitur, mehr objektiv als emotionale Hingabe, keineswegs kalt, immer gelassen, transparenter Klang

Belohlávek

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1989

34'25

4

I Anfangsakkorde unbefriedigend, sonst sehr solide, II deutliches Musizieren, III Atmosphäre, IV deutlich, jedoch wenig Feuer, etwas akademisch

Herbig, Günter

Berliner Sinfonie-Orchester

Berlin Classics

P 1979

35‘07

4

I 1. Th. mit breitem Pinsel, dicht an der Partitur, II neben der Klarinette auch immer deutlich das Fagott, bei T. 63 ff kein Konzept, III stimmungsvoll, IV solide

Bychkov

WDR Sinfonie-Orchester Köln

Avie

2002

37‘26

4

W – live, I mehr episch als dramatisch, 2. Fagott fast wichtiger als Klarinette?, II beinahe schon Adagio, facettenreich, ausdrucksvoll, III Begleitstimmen zu sehr im Hintergrund, IV deutlich, jedoch wenig Feuer, milde

Monteux

BBC Northern Symphony

BBCL

1962

36‘33

4

W – I mit geringerer Emphase, einige Stellen nicht ganz deutlich, II Celli und Bratschen T. 63 ff zu sehr von Geigen bedrängt, III vielschichtig, IV nicht so konzentriert, wie man es sonst von M. gewohnt ist

Janowski

Royal Liverpool Philharmonic Orchestra

ASV

P 1986

35‘43

4

W – werkbezogenes Musizieren, keine Übertreibungen, jeweils bewegte Tempi, wenig farbenreicher Klang, geringere Transparenz , insgesamt sehr solide

Krauss, Clemens

Wiener Philharmoniker

Preiser

1930

32‘22

4

solide Interpretation, II langsames Andante, unmotivierte Rubati, T. 63 ff Violinen zu laut, IV stringent, Höhrepunkt T. 167-171 etwas schwach

Barbirolli

Wiener Philharmoniker

EMI

1967

35‘06

4

I mit viel Nachdruck, II B. lässt sich Zeit, T. 63 ff Violinen zu laut, IV etwas schwerfällig – Wiener Oboe (mit teilweise zu viel Vibrato) fällt aus dem Holzbläserklang heraus

Ackermann

Tonhalleorchester Zürich

MMS forgotten records

1951

32'22

4

insgesamt sauber musiziert, eingeengte Dynamik, I wie selbstverständlich, II kaum ein Verweilen, III und IV beide Sätze etwas geglättet, das jeweils Besondere wird nicht so gut herausgearbeitet, keine eigene Handschrift

Chailly

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Decca

1991

37‘13

4

W – keine eigene Handschrift, geringe Spannung, nicht immer genügend differenziert, geglättet, stromlinienförmig, insgesamt solide

Rattle

Berliner Philharmoniker

EMI

2008

39'04

4

W – live, I Musik mehr referiert als erlebt, Ausnahme: Aufbau des 2. Höhepunktes T. 6-12, T. 50 ff wenig gestaltet, II etwas zögerlich, Pizzicati der Kb. wenig duftig, III R. lässt sich Zeit, T. 70-78 ausdrucksvoll, T.78-86 Achtelnoten der Bläser ungleich lang, IV laute Tutti-Passagen klingen bullig – Orchesterklang nicht auf der Höhe der Zeit

Maazel

Berliner Philharmoniker

DGG

1959

34‘14

4

I 1. Th. sehr bewegt, M. beschleunigt bei Crescendi und umgekehrt, II solide, III routiniert, glatt, T. 53-61 Celli zu leise, Pizzicati der Kb. ebenfalls, IV T. 167-171 kaum Höhepunkt

Weingartner

London Philharmonic Orchestra

EMI Arkadia

1938

29‘44

4

durchgehend lebendig, sachlich, jedoch nicht nüchtern, nur der Notentext – enges wenig transparentes Klangbild

Bashmet

Neues Russisches Sinfonie-Orchester

ica classics

2005

34'54

4

W – live, lebendig musizierte Ecksätze, con molto passionato, etwas aufgerauter Klang, II T.63 ff ohne formende Hand, III Thema im Cello zu sehr zurückgesetzt, Pizzicato der Kb.?

Sanderling, Kurt

Staatskapelle Dresden

Eterna RCA

1971

35‘29

4


Haitink

Boston Symphony Orchestra

Philips

1993

38‘30

4

W

Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1970

39‘23

4

W

Celibidache

SDR Sinfonie-Orchester

DGG

1976

34‘41

4

live

Eschenbach

Houston Symphony Orchestra

Virgin

~ 1992

39‘29

4

W – I Spannungsbögen, II langsam, III die ersten 40 Takte ohne Bläser, schleppend, IV Finale schleppt sich dem Ende entgegen – transparentes Klangbild


Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1988

33‘16

3-4


Böhm

Wiener Philharmoniker

DGG

1975

36‘42

3-4

die Aufnahme hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: einserseits überzeugt das sehr deutliche Musizieren, das auch Nebenstimmen ans Licht holt, die sonst unbeachtet bleiben, andererseits stören die recht langsamen, schleppenden, zähen Tempi, vor allen in den Mittelsätzen; hervorragend allein das Finale. NB: Die alte Wiener Oboe hat noch nicht ausgedient.

Bernstein

Wiener Philharmoniker

DGG

1981

42‘09

3-4

W – live

Suitner

Staatskapelle Berlin

Berlin Classics

1985

38‘44

3-4

W – I gewichtig, jedoch etwas zäh, II Adagio, pastos, jedoch kaum ausdrucksvoll, auch Satz III, IV gebremstes Tempo - transparentes Klangbild

Davis

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

RCA

1988

39‘43

3-4

W – I gewichtig, Blick auf Details, II Adagio, Musik teilweise ausgebremst, III zäh, IV gelassen, schwerfällig – gute dynamische Differenzierung

Mrawinsky

Leningrader Philharmonie

BMG

1972

32‘37

3-4

live

Järvi, Neeme

London Symphony Orchestra

Chandos

1988

39‘11

3-4

W – die Musik läuft so, von einer formenden Hand ist wenig zu spüren, gespreizter Klang, im ff aufgeplustert, I T. 50 ff wenig geformt, II T. 63 ff verschobene Taktschwerpunkte, IV As-Dur-Einschub ab T. 19 gleich zu laut

Mitropoulos

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Orfeo

1958

32‘25

3-4

live – I unwirsch, unruhig, hier und da Ausrufezeichen vor Mitropoulos wichtigen Stellen, II bewegtes Andante, unruhig, III hier geht M. Konzept auf, stärkster Satz, IV 2. Th. ohne Spannung – gepresstes, weniger präsentes Klangbild

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

Sony

1964

36‘22

3-4

W

Haitink

London Symphony Orchestra

LSO

2004

39‘35

3-4

W - live

Scherchen

Radio-Sinfonie-Orchester der italienischen Schweiz

Ermitage

1962

35‘03

3-4

Orchester nicht top, wenig homogen , I einige verwackelte Stellen, II fast schon Adagio, Musik gewinnt jedoch nicht, III T. 70 Crescendi zu früh, IV leicht gebremstes Tempo

Mengelberg

Concertgebouw Orchester Amsterdam

EMI Naxos

1931

35‘07

3-4

M. spart nicht mit Espressivo, mit romantischem Pathos, enges Klangbild, zeitbedingte Portamenti, II immer wieder störende Tempomodifizierungen, III bewegt, auch hier wechselnde Tempi

Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI

1979

37‘09

3-4

live

Knappertsbusch

Staatskapelle Dresden

Tahra Hunt

1956

37‘19

3-4

live

Knappertsbusch

Wiener Philharmoniker

Orfeo

1955

38'37

3-4

live

Knappertsbusch

Berliner Philharmoniker

History

1942

34‘01

3-4

live

Kubelik

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1983

39'20

3-4

W – I episch breit ausgewalzt, kein Feuer, II langsam, T. 36 ff ohne Ausdruckskraft, lahm, III es zieht sich hin, IV gelassen, schwerfällig


Tennstedt

London Philharmonic Orchestra

BBCL

1983

36'05

3

live – Orchesteralltag, Klang sowie Lautstärke nicht bestens differenziert, I wenig Brio, einige Stellen nicht genügend geformt, z. B. T. 50 ff, Solostellen differenzierter als Tuttiabschnitte, III zieht sich hin, Pizzicati der Kb. oft zu leise, IV ohne Feuer, keine Spannung – einige Publikumsgeräusche

Sanderling, Kurt

Berliner Sinfonie-Orchester

Capriccio

1990

41‘43

3

W

Knappertsbusch

Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart

hännsler

1963

42'18

3

live

Barenboim

Chicago Symphony Orchestra

Erato

1993

39‘14

3

W – I plakativ, Streicherchor wenig differenziert, oft wie ein Raunen, Hörner T. 109-111 wenig ausdrucksvoll, II Adagio, T. 63 ff wenig geformt, III MT etwas lustlos, Holzbläser klanglich wenig differenziert, IV im lauten Tutti lärmend, etwas schleppend, Retusche: T. 45/46 zusätzlicher Paukenwirbel

Sanderling, Thomas

Philharmonia Orchestra London

Darpro

1996

40‘04

3

W – vom Finale abgesehen total verschleppte Tempi, I T. 109-111 Hörner ohne Zusammenhang, II ohne Ausdruck und Wärme, keine rechte Entwicklung, III scheu, kaum Espressivo, wie ein Schwarz-Weiß-Foto


Dimitriev

St. Petersburger Philharmoniker

Czar

1992

32'53

2-3

zu hausbacken, zäh, keine richtige Spannung, Musik dümpelt vor sich hin, kaum eine Gestaltung, keine wirklichen Höhepunkte – Klangbild etwas topfig


Interpretationen nach historischer Aufführungspraxis und teilweise mit Originalinstrumenten:


Harding

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Virgin

2001

34‘58

5

W


Gardiner

Orchestre Revolutionaire et Romantique

SDG

2008

33'27

4-5

W - live

Zinman

Tonhalle Orchester Zürich

RCA

2010

36'01

4-5

W - live

Mackerras

Scottish Chamber Orchestra

Telarc

1997

35‘46

4-5

W


Norrington

London Classical Players

EMI

1995

33‘43

4

W

Norrington

SWR Sinfonie-Orchester Stuttgart

hänssler

2005

34'37

4

W - live


Harnoncourt

Berliner Philharmoniker

Teldec

1997

36‘54

3-4

W – live


Hinweise zu Interpreten und Interpretationen:

Arturo Toscanini

Umgekehrt zu Brahms' Liebe zu Italien, wo er oft zusammen mit Freunden Urlaubstage verbrachte, fühlen sich italienische Dirigenten zu seiner Musik hingezogen, in besonderem Maße auch Toscanini. Zwei Aufnahmen der F-Dur-Snfonie liegen hier vor, die innerhalb eines Monats am Ende des Jahres 1952 in New York bzw. London entstanden. Die letzte wurde in der Carnegie-Hall aufgezeichnet, das völlige Fehlen von Publikumsgeräuschen deutet auf keinen Konzertmitschnitt hin. Es soll angeblich Toscaninis letzte Aufführung dieser Sinfonie gewesen sein. Die Tempi sind hier breiter als man es von diesem Dirigenten gewohnt ist, die Musik profitiert davon: Hingabe und Intensität sprechen aus allen Sätzen. Das etwas eingeengte Klangbild ist bei f-Stellen nicht immer hinreichend transparent. Der Schluss des Final-Satzes leidet etwas unter der zu präsenten Oboe. Mit ähnlicher Werkauffassung präsentiert sich der Londoner Mitschnitt mit dem Toscanini bis dato unbekannten Philharmonia Orchestra. Alle Sätze mit Ausnahme des Finales werden etwas schneller musiziert, das Klagbild ist offener, transparenter als beim NBC Orchester. Ein Vorteil, wären da nicht die ständigen Störungen durch Husten, die sensiblen Musikfreunden das Zuhören verleiden können. Im Andante lässt Toscanini ab T. 63 die Geigen zu laut spielen. Die Aufnahme gipfelt in einem überzeugenden Finale. Der als rigoroser Verfechter des Notentextes bekannte Dirigent erlaubt sich doch einige kleine Retuschen. Im 1. Satz verstärkt er in den Takten 21 und 22 die aufsteigenden Achteltriolen der 2. Geigen, die gewöhnlich etwas mickrig bleiben. Im 4. Satz verstärkt er in den Takten 174-177 die Akzente der tiefen Streicher mit der Pauke. Diese Beigaben sollen Brahms' Absichten umso deutlicher werden lassen. Warum Toscanini jedoch beim pp-Schlussakkord die Streicher entgegen den Anweisungen des Komponisten arpeggieren lässt, wird sein Geheimnis bleiben.

Bruno Walter

Walters Interpretationen der 3. Sinfonie sind in allen Sätzen immer lebendig, entgegen seinen Altersgenossen verzichtet er weitgehend auf Rubato und hält die Musik immer im Fluss. In der älteren Aufnahme lässt er das Orchester sehr schnell spielen, ziemlich an der Grenze zum stolpern, atemlos. Die Aufnahme klingt für ihr Alter recht durchsichtig, da haben die Tontechniker gute Arbeit geleistet. Die zweite Aufnahme neun Jahre später ist in allen Sätzen etwas langsamer, verfügt über noch mehr Transparenz und klingt vielleicht auch etwas wärmer. Der Schluss des Finalsatzes ist hier ausdrucksvoller gespielt als früher.

Sergei Koussevitzky

Der aus Russland stammende Dirigent war nicht nur in den Vereinigten Staaten als Brahms-Dirigent hoch geschätzt. Nach Anhören der beiden CDs mit der 3. Sinfonie ist dies nicht verwunderlich, eine spürbare Hingabe zu Brahms' Musik spricht aus ihnen. Der Kopfsatz insbesondere aber auch das Finale werden schwungvoll, stringent dargeboten, aber auch intensiv gestaltet und an Espressivo wird nicht gespart. Letzteres gilt natürlich auch für die beiden Mittelsätze, wobei der dritte etwas schneller als gewohnt gespielt wird. Insgesamt ist der interpretatorische Ansatz derselbe, wenn auch die Aufnahme aus dem Jahr 1946 Satz für Satz etwas schneller gespielt wird. Beide Aufnahmen sind Rundfunkmitschnitte mit einem kompakten Klangbild, das jedoch noch Transparenz gewährleistet, die frühere Aufnahme gefällt mir aufgrund ihrer besseren Präsenz etwas mehr. Publikumsgeräusche halten sich in Grenzen.

Otto Klemperer

Wie mit einem Meisel formt Klemperer Brahms' Partitur. Das zeigt sich vor allem in den Ecksätzen, die mit viel Emphase und Spannung, wuchtig und intensiv dargestellt werden, dabei bleibt Klemperers Ansatz immer klar und durchsichtig. Das Andante wird atmosphärisch dicht gespielt und, wie auch im 3. Satz, sind die einzelnen Stimmführungen genau nachzuhören. Rubato ist bei Klemperer ein Fremdwort. Am besten gefällt mir die Londoner Studio-Produktion von 1957, die rundum gelungen ist und auch noch viele Jahre ihre Bedeutung als eine der gültigsten Darstellungen von Brahms' 3. behalten wird. Ein Jahr vor dieser Einspielung gastierte der Dirigent mit den Wiener Symphonikern im großen Konzerthaussaal, auf dem Programm stand auch die F-Dur-Sinfonie. Sie ist vor allem in den Ecksätzen je eine Minute schneller, das Klangbild ist durchsichtig, Publikumsgeräusche sind hier sehr selten. Im 3. Satz kommen die Pizzicati der Kontrabässe nicht ganz durch und im Finale ist der verklärende Schluss zu langsam und nicht immer klar. Klemperers dritte Aufnahme stammt aus dem Mitschnitt seines letzten Konzerts aus der Royal Festival Hall vom September 1971, er war damals 86 Jahre alt. Klemperers Gestaltungskraft zeigt sich noch immer, nur die langsameren Tempi, im 3. Satz auch etwas zäh, auch am Schluss, müssen wir als Tribut an sein Alter akzeptieren. Der Mitschnitt besitzt ein etwas eingeengtes Klangbild und ein leises Rauschen im Hintergrund.

Hermann Abendroth

Innerhalb eines dreiviertel Jahres entstanden die beiden Aufnahmen der 3. Sinfonie in Prag und Leipzig, jeweils mit den dortigen Rundfunk-Sinfonie-Orchestern. In ihnen erleben wir einen ausgewiesenen Espressivo-Dirigenten, der die Partitur mit seinen Musikern durchlebt. Meisterhaft werden in beiden, sich sehr ähnelten, Interpretationen Spannungsbögen aufgebaut und wieder zurückgenommen, die Musik ist immer in Bewegung, teilweise aufgewühlt. Auch das Andante, objektiv nicht schnell gespielt, wirkt in seiner Ausführung doch sehr lebendig. Wie genau Abendroth ab T. 41 abwechselnd jeweils zwei Bläser bei der Triolenmelodie klanglich trennt, findet man nicht oft und zeugt von hoher klanglicher Sensibilität. Leider lässt er wie so viele seiner Kollegen ab T. 63 die Geigen zu laut spielen und die Bratschen und Celli fast zudecken. Auffallend im 3. Satz ist die unterschiedliche Tempowahl: während anfangs und am Ende das Tempo zurückhaltend genommen wird, lässt der Dirigent den Mittelteil in einem schnelleren Tempo spielen, das überrascht zunächst, passt jedoch m. E. gut zum Aufriss dieses Satzes. Im Finalsatz bestimmt die thematisch bedingte rhythmische Energie ein stürmisches, nahezu rastloses Vorwärtreiben bis zum Satzende. Bezeichnend, dass Abendroth bei der Poco sostenuto-Stelle das Tempo nur wenig zurücknimmt, so kann die vorhergehende Erregung noch intensiv nachklingen. Insgesamt liegen hier mitreißende Interpretation mit den beiden Orchestern vor, die noch nichts von Ihrer Überzeugungskraft eingebüsst haben. Beide Aufnahmen zeigen ein offenes Klangbild, das vielen Produktionen aus der Nachkriegszeit aus westeuropäischen Ländern überlegen ist. Die Dynamik im p-Bereich ist leider zu pauschal. Der Musikfreund, der damals eine dieser Platten mit Abendroth erwarb, war für Jahre bestens bedient.

Wilhelm Furtwängler

Auch bei der 3. Sinfonie von Brahms erweist sich Furtwängler als ein Dirigent, der tief in des Komponisten Gedankenwelt eindringt und den Hörer dabei mitnimmt. Alle vier hier aufgeführten Aufnahmen sind Konzertmitschnitte aus seinen letzten Lebensjahren, die Myto- bzw. Tahra-CD sogar das Dokument seiner letzten Aufführung dieses Werkes überhaupt. Diese CD kam 2009 auf den Markt, und man kann von einem absoluten Glücksfall in der Diskographie dieser Sinfonie insgesamt sowie auch der des Dirigenten sprechen. Es ist zu wünschen, dass sich ein großes Label dieser Aufnahme annimmt und sie klanglich etwas aufputzt. Insbesondere der 1. Satz ist hier ein Musterfall organischen Musizierens, Furtwängler gelingt es, einen Spannungsbogen aufzubauen und wieder zurückzufahren, dann den nächsten anzuschließen, ohne dass sich dazwischen ein Loch auftut, auch dann nicht, wenn die Musik in der Ruhe für einen Moment fast still steht. Furtwängler gestaltet die Musik mit ihren Themen, Motiven und Fortspinnungen, man spürt überall die Intensität und Glut der Darstellung. Das gilt grano salis für alle vier Sätze. Hinweisen möchte ich noch auf den Beginn das 1. Satzes : wie WF in den beiden ersten Takten die Spannung aufbaut, wie bei einem Einatmen, dann ab dem dritten Takt der Musik freien Lauf lässt. Noch intensiver kann man das zu Beginn der Reprise ab T. 120 erleben. Hier zeigt sich ganz deutlich Furtwänglers Gestaltungskraft, die m. E. kein anderer Dirigent vor und nach ihm erreicht hat. Dieser Turiner Aufnahme kommt am nächsten der Berliner Mitschnitt aus dem Jahr 1949, der noch zu LP-Zeiten von EMI veröffentlicht wurde, nun in einer klangtechnischen Überarbeitung von audite erneut vorgelegt wurde. Auch die DGG-CD vom 27. 4. 54 besitzt diese Qualitäten, das Klangbild ist zwar immer präsent, die Mikrophone waren jedoch nicht ganz so nah wie in den vorgenannten Aufnahmen platziert, vielleicht klingt sie deshalb nicht ganz so zwingend. Zuletzt nenne ich einen Mitschnitt von der Ägypten-Tournee des Berliner Philharmonischen Orchesters aus dem Jahre 1951. Mitschnitte aus Kairo publizierte die DGG schon früher, die Aufnahme der 3. Sinfonie stammt jedoch aus Alexandria und ist gerade im 1. Satz mit klanglichen Mängeln, Verzerrungen, Wellen, verhaftet, sodass die Konzentration seitens des Hörers sicher nachlässt. Künstlerisch liegt die Aufnahme auf gleichem Niveau wie die der vorgenannten, jedoch bei etwas geringerer Intensität. Das Andante trägt WF con molto espressivo, wie mit heiligem Ernst vor, ohne dass die Musik stehenbleibt.

Die Mitschnitte aus Alexandria und Turin wurden noch nicht auf Tonband sondern auf Acetat-Platten gespeichert, was ein Grundrauschen und Rumpeln nach sich zieht, bei der Turiner Aufnahme fällt das jedoch weniger ins Gewicht. In dieser Aufnahme sowie in der aus Berlin-54 sind die Tempi in allen Sätzen ein wenig langsamer als in den beiden anderen. In der Berliner von 49 wiederholt WF auch die Exposition des Kopfsatzes, was ich hier sehr schön finde. Im Gegensatz zu den anderen Interpretationen lässt im Finalsatz die Intensität des Musizerens ein wenig nach und den Schluss empfinde ich abgemilderter, wie resignierend.

Zuletzt sollte noch angemerkt werden, dass Furtwänglers Interpretationen der 3. Brahms-Sinfonie in ihrer Art einzigartig und mit anderen nicht zu vergleichen sind.

Hans Knappertsbusch

Beim Hören von Knappertsbuschs Aufnahmen von Brahms' 3. stellt sich bei mir der Eindruck ein (zumindest in den Ecksätzen), er stelle sie neben die Sinfonien von Anton Bruckner, obwohl er das gewiss weit von sich weisen würde. Die Tempi sind breit ausladend, es wird immer gewichtig, mit viel Nachdruck und mit breitem Pinsel musiziert, im Bereich des 2. Themas des Kopfsatzes sogar zäh. Diese Musizierhaltung verfestigt sich von Jahr zu Jahr immer mehr, wobei die Tempi noch langsamer werden. Beim Stuttgarter Konzertmitschnitt steht die Musik stellenweise still. Aber es gibt auch Positives zu vermelden: in allen vier Darstellungen formt er in den Takten 33-40 mit langem Atem und ruhiger Hand sehr intensiv die Melodie der tiefen Streicher, ein Ereignis. Der Berliner Mitschnitt klingt noch gepresst, das Rauschen der Acetatplatten lässt sich nicht überhören. Die Tonkonserve des Mischnitts von den Salzburger Festspielen 1955 gefällt da schon viel besser. Unverständlich sind jedoch die Verzerrungen im 3. Satz T. 139-149 und T. 154-159 in den hohen Lagen der Geigen. Störend gerade in diesem Mitschnitt auch die vielen Huster. Das ist in Dresden besser, auch das Klangbild der Aufnahme ist der Salzburger überlegen, am meisten gefällt mir hier das Andante. Die Südfunk-Aufnahme hat mit transparentem Klang die Nase ganz vorn, wahrscheinlich kam das Konzert für Kna. jedoch zu spät. So langsam, so schleppend und zäh hat man diese Sinfonie nie wieder gehört, zumindest auf einer Platte.

George Szell

Szells Brahms-Deutungen gehören zu den Leuchttürmen seiner Diskographie. Die 3. in der Aufnahme mit dem Cleveland Orchestra wird sehr vielschichtig, ausdrucksvoll, konzentriert und in den Ecksätzen mit Brio gespielt, in den Binnensätzen lässt er sich genügend Zeit, um auf musikalische Zusammenhänge und Details hinzuweisen. Auf die frühere Aufnahme mit dem Concertgebouw Orchester trifft dies alles etwas weniger zu. Die Tempi sind in allen Sätzen etwas schneller, das fällt vor allem beim Andante auf, was jedoch nicht oberflächlich oder kühl dargeboten wird. M. E. ist die Temporelation zwischen den beiden letzten Sätzen nicht ideal. Negativ zu Buche schlägt der sehr helle Decca-Klang der frühen 50er Jahre mit seinen im f scharfen Geigen, dazu kommt die bekannt spitz klingende Oboe des COA aus diesen Jahren.

Eugen Jochum

Jochum musiziert die 3. Sinfonie eher aus dem Bauch heraus, weniger intellektgesteuert. Die großen Züge der einzelnen Sätze werden herausmodelliert, das Filigrane in Nebenstimmen jedoch scheint nicht so von Bedeutung zu sein, es überwiegt ein breiter Pinsel. Grandios z. B. der Beginn des Kopfsatzes, ein hochemotionaler Einstieg, das überzeugt. Dagegen lässt er im Andante beim 2. Thema T. 63 ff die Geigen so laut spielen, das die themenführenden Bratschen und Celli verdeckt werden , in der Londoner Aufnahme ist dies besser gelungen. Der 3. Satz wird mir in beiden Interpretationen etwas zu routiniert gespielt, die Begleitung der Bratschen und Celli im Mittelteil kommt mit nur wie nebenbei, die besondere Art des Satzes zwischen Andante und Finale wird nicht richtig herausgestellt. Jochums Auffassung kann sicher den Hörer faszinieren, sie wird aber der Partitur insgesamt nicht immer gerecht. Aufgrund der besseren Klangverhältnisse ziehe ich die EMI-Platte der DGG-Produktion vor.

Jewgenij Mrawinskij

Vom russischen Maestro stehen zwei live-Aufnahmen in meiner Sammlung. Die jüngere von 1978 ist der früheren eindeutig überlegen. Beim Leningrader Mitschnitt ist der Hörer Zeuge eines konzentrierten, ausdrucksvollen und rhythmisch bestimmten Orchesterspiels. Der 2. Satz gelingt atmosphärisch dicht, der 3. ist gespannt und strahlt viel Wärme aus. Beim Finalsatz wird aus einem Guss musiziert. Sehr schön auch der poetische Schluss, der nicht zu langsam genommen wird und in dem immer noch etwas Erregung aus der vorherigen Musik mitschwingt, hervorragend. Auch die klangliche Seite lässt sich hören: offen, transparent präsentiert sich das Orchester am angestammten Platz. Leider wird die Freunde an der CD durch immer wieder auftretende Huster und andere Geräusche gestört. Dies ist auch für die Moskauer Aufnahme von 1972 zu vermelden, die insgesamt weniger konzentriert und ausdrucksvoll aus den Lautsprechern kommt. Besonders die ersten beiden Sätze klingen mehr routiniert als erfüllt gespielt. Man hat den Eindruck, als komme das Orchester hier erst nach einer gewissen Einlaufzeit in Gang. Der 3. Satz gefällt durch sein konzentriertes und ausdrucksstarkes Spiel am besten, leider zeigt das 1. Horn am Anfang von Teil A' Schwächen. Auch die klangliche Seite kann sich nicht mit der des Leningrader Mitschnitts messen. Zu erwähnen sei noch Mrawinskijs weitgehender Verzicht auf Rubati.

Herbert von Karajan

Wie alle wichtigen Sinfonien hat dieser Dirigent die Brahms-Sinfonien mehrmals eingespielt, zyklisch insgesamt dreimal mit den Berliner Philharmonikern für die DGG. Beim Philharmonia Orchester fehlt sie als Einzige. Dafür existiert eine Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern, seine erste überhaupt, 1960 für Decca eingespielt. Auf dieser Platte hebt Karajan generell die Hauptstimmen und Oberstimmen hervor, Nebenstimmen müssen zurücktreten, dadurch entsteht bei mir der Eindruck des Geglätteten, des Polierten, strukturelle Gegebenheiten scheinen weniger interessant zu sein und müssen einem al fresco-Stil weichen. Das lässt sich gut im 2. Satz beim 2. Thema nachprüfen, wo Geigen und tiefe Streicher ziemlich unstrukturiert nebeneinanderher spielen. Der 3. Satz ist ziemlich ausdruckslos und glatt, es klingt wie auch anderswo nach Routine auf hohem Niveau, nichts ist falsch, aber eine Beziehung zum Werk lässt sich nicht erkennen. Die folgenden Aufnahmen mit seinem Berliner Orchester sind im Grunde ähnlich gestrickt, im Detail gibt es Abweichungen. Im Kopfsatz wird die Interaktion zwischen Oboen und Flöten auf der einen Seite mit tiefen Streichern auf der anderen in den Takten 50- 57 nicht deutlich. Pianissimo-Passagen werden oft nur leise p gespielt. Im Andante sind die punktierten Achteln der Klarinette in den Takten 3, 12, 19 und 21 zusammengebunden, dass sie als solche nicht wahrgenommen werden. Im 3. Satz lässt Karajan die Streicher und Bläser in großen Bögen, über die vorgesehenen Phrasierungsbögen hinaus, spielen. Überhaupt wird in den Binnensätzen ihr Hauptinstrument, die Klarinette, zu wenig herausgestellt. Insgesamt klingen die DGG-CDs etwas saftiger als die Decca-CD. Am besten gefällt mir davon die allererste von 1963. Seine letzte von 1988 ist in den Ecksätzen etwas drängender, ruppiger gespielt, in Details jedoch nicht immer so deutlich. Im Finale fehlen in den Tutti-Abschnitten die Holzbläser, zuviel Blech und Geigen! Die Pizzicati der Kb. klingen zu holzschnittartig fest, nicht so duftig wie früher. Am besten hier von allen vier Aufnahmen ist der langsame Satz, dem Karajan nun mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Rudolf Kempe

Rudolf Kempe hat den Zyklus der vier Brahms-Sinfonien zweimal für die Schallplatte eingespielt: am Ende der 50er-Jahre für Electrola mit den Berliner Philharmonikern und Mitte der 70er für Acanta/BASF mit den Münchner Philharmonikern, deren Chefdirigent er damals war. Die Aufnahmen der 3. Sinfonie sind ziemlich ähnlich. Die BPh waren damals noch nicht ganz auf dem geschliffenen Karajan-Niveau späterer Jahre, dafür geben sie jedoch den Blick auf Details frei und sind lebendiger im Innenbereich. Kempe lässt immer bewegt und locker spielen, ohne Druck, dabei hat er immer alle Stimmen im Fokus. Davon profitieren vor allem die Binnensätze. Der Finalsatz fällt m. E. etwas ab, es fehlt ihm an Glut, vor allem beim 2. Thema. Die Berliner bieten immer gehaltvolle Pizzicati der Kontrabässe, bei den Münchner sind sie zu leise. Der Anteil des gefühlsmäßig Bestimmten fällt bei Kempe etwas geringer aus.

Günter Wand

Wand setzt die Partiturvorschriften in alle Richtungen bestens um, ohne jemals ins Trockene abzugleiten. Klarheit der Darstellung und Spannung stehen in einem glücklichen Verhältnis. Wand kommt immer ohne emotionalen Druck aus, darin ist er der Gegenpol von Furtwängler. Er trifft die richtigen Tempi, ausgenommen beim Finalsatz, der eine Spur schneller sein könnte, vielleicht würde das dem Satz etwas mehr Intensität bringen. Die beiden hier aufgeführten Interpretationen ähneln sich sehr, die jüngere live-Aufnahme besitzt noch mehr Wärme im Streicherklang, die Aufnahme profitiert auch von der inzwischen verbesserten Klangtechnik.

Sergiu Celibidache

Auch von Celibidache liegen mir zwei Konzertmitschnitte vor, die sich von ihrer Diktion her wenig unterscheiden. Besser gefällt mir die Aufnahme mit dem Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart von 1976, da sie noch nicht ganz von Celis Hang zu breiten Tempi infiziert ist. Im 1. Satz lässt die gut strukturierte Themenfortspinnung ab T. 50 aufhorchen, leider sind die von Brahms immer wieder eingesetzten Pizzicati der Kontrabässe zu leise. Das Andante mutiert bei dem Dirigenten zu einem Adagio, es bleibt aber insgesamt belebt, bei den Münchner Philharmonikern kommt es auch zum Stillstand. Das Ausdruckspotential der Episode T. 63 ff wird nicht erfasst. Der 3. Satz wird sehr zurückhaltend gespielt, die kapriziöse Streicherbegleitung im Mittelteil ist leider kaum wahrnehmbar. Das Finale bleibt gelassen und besitzt wenig Intensität. Der Münchner Mitschnitt ist in allen Sätzen noch langsamer, im 3. Satz kommt die Musik kaum vom Fleck.

Kurt Sanderling

Sanderling wählt für seine Einspielungen der 3. Sinfonie breite (Staatskapelle Dresden), sehr breite Tempi (Berliner Sinfonie-Orchester), die ich für problematisch halte, da sie die Musik ausbremsen. Deshalb stimmt m. E. in der Dresdner Aufnahme die Temporelation zwischen den ersten beiden Sätzen nicht. Die beiden letzten Sätze werden immer besser, herb, inspiriert und glutvoll (Finale). Davon ist die spätere Berliner Interpretation weit entfernt, die, wieder abgesehen vom Finale, total verschleppt gespielt wird, teilweise zum Einschlafen, eine völlig entbehrliche CD!

Carlo Maria Giulini

Giulini besitzt das richtige Feeling für diese Musik. Seine Interpretationen ähneln denen von Klemperer, sind aber im Detail geschmeidiger. Das Andante ist immer im Fluss, con espressione, im 3. Satz gelingt es dem Dirigenten, das Filigrane der Konstruktion herauszuarbeiten. Das gilt vor allem für die Aufnahme mit dem Philharmonia Orchester, die fünf Jahre nach Klemperers stimmiger Einspielung mit demselben Orchester entstand. Der viel spätere Wiener Mitschnitt zeigt den selben Ansatz, ist insgesamt jedoch langsamer, im 3. Satz geradezu zäh, ausgenommen der Finalsatz, der noch um einiges schneller als früher gespielt wird. Klanglich ist dieser der Londoner Aufnahme überlegen.

Leonard Bernstein

Anders als bei den meisten Dirigenten, die zwei oder mehrere Interpretationen auf Tonträger vorlegen, die im Großen und Ganzen in eine Richtung gehen, legt Bernstein zwei unterschiedliche Auffassungen vor. In der emphatischen New Yorker Aufnahme zeichnet er meist die großen Linien nach, es wird überwiegend locker, burschikos, mit viel Espressivo, auch plakativ musiziert. Die Musik wird mehr gestreift als mit Anteilnahme gespielt. Z. B. kommen im 2. Satz die „Antworten/Kommentare“ der tiefen Streicher in den Takten 4/5, 8/9, 13-15 und 20 ziemlich unbeteiligt, lieblos, ohne rechten Klang. Auch der Schluss des Finalsatzes ist nur Routine. Anders die Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern: der beste Satz ist der zweite, den der Dirigent zum Adagio mutiert, jedoch ziemlich ausdrucksvoll spielen lässt. Im Kopfsatz herrschen Tempowechselbäder vor, das Hauptthema ist doch stark gezügelt und hat wenig Brio, der Satz zerfällt in Abschnitte. Der 3. Satz wird nun langsamer gespielt und überzeugt mehr, leider übertreibt Bernstein etwas die Seufzerstellen, der Schritt zum Sentimentalen ist hier ganz nah. Das Finale wird in gebremsten Tempo absolviert und das Werk endet hier übertrieben feierlich, wie zelebriert.

Stanislaw Skrowaczewski

Von der Darstellung her, der nuancenreichen und in den Mittelsätzen stimmungsvollen Umsetzung der Partitur unter Einbezug von Nebenstimmen etc., liegen hier eine der besten Interpretationen der 3. Sinfonie überhaupt vor. Mit Blick auf Skrowaczewskis Temperament, seine nicht immer glückliche Tempowahl, muss man diese Feststellung bei der Hallé-Aufnahme etwas relativieren. Die Neuaufnahme aus Saarbrücken ist in der Tempowahl überzeugender.

Bernard Haitink

Im Gegensatz zu Leonard Bernstein hat sich Haitinks Auffassung der F-Dur-Sinfonie kaum gewandelt. Der erste Satz der Amsterdamer Aufnahme ist etwas schwerfällig, fast lahm, dem 1. Thema fehlt es an Spannungskraft. Insgesamt liegt hier eine gewichtige, gepflegte, solide, aber etwas farblose Interpretation vor. Die dreiundzwanzig Jahre später in Boston erstellte ist im 2. Satz nun um eine Minute schneller, interpretatorisch jedoch kein Fortschritt. Lediglich die klangliche Seite könnte sich kaufentscheidend auswirken. Warum danach noch das Londoner Konzert auf den Plattenmarkt gehievt wurde, ist mir ein Rätsel, da sie hinter den beiden früheren CDs noch zurückfällt.

Claudio Abado

Schon in frühen Jahren war es dem damaligen Newcomer Abbado gegönnt, alle vier Sinfonien von Brahms aufzunehmen. Das besondere an dieser Produktion war, dass für jede Sinfonie ein anderes Orchester verpflichtet wurde: für die erste die Wiener Philharmoniker, für die zweite der Berliner Kollegen, für die dritte die Staatskapelle Dresden und die vierte das London Symphony Orchestra. Die Deutsche Grammophon Gesellschaft wiederholte ähnliches bei der Produktion der 9 Beethoven-Sinfonien mit Rafael Kubelik, bei der auch jeweils ein anderes Orchester mitwirkte. Nach diesen frühen Aufnahmen konnte der italienische Maestro nochmals alle Brahms-Sinfonien mit den Berliner Philharmonikern aufnehmen, deren Chefdirigent er noch im selben Jahr werden sollte. Die erste Aufnahme ziehe ich mittlerweile vor, auch wenn sie klanglich nicht mehr ganz an die spätere heranreicht. Damals in Dresden schien er eine ungezwungenere Haltung zu Brahms' Partitur gehabt zu haben, während die Berliner Aufnahme zwar konzentriert, aus einem größeren Erfahrungshintergrund heraus, jedoch auch etwas routiniert, mit weniger Passion gespielt wird. Die Atmosphäre in den Mittelsätzen erreicht die Berliner Produktion nicht ganz. Diese entstand im Anschluss an Konzerte in der Berliner Philharmonie, die vom Berliner Rundfunk übertragen und archiviert wurden. Der Unterschied zur Studio-Produktion besteht darin, dass Abbado im Konzert freier, gelöster spielt lässt, mehr Rubati erlaubt und den Blick auf Details freigibt. Das kann man gut beim Andante beobachten, das mehr Wärme und Intensität besitzt. Auch im Schlusssatz geht Abbado mit seinem Orchester mehr aus sich heraus. Auffallend hier die spätere (richtigere) Tempoverzögerung, nicht schon ab T. 249. Im Nachhinein wünschte ich mir, dass die live-Aufnahme auf CD erschienen wäre.

James Levine

Auch der amerikanische Dirigent Levine hat zwei Interpretationen der 3. Brahms-Sinfonie vorgelegt. Die erste entstand 1976 mit dem Chicago Symphony Orchestra. Mit Emphase nähert sich der 33jährige Maestro den schnellen Ecksätzen, der pralle Klang des Blechs ist nicht zu überhören, das 1. Th. des Kopfsatzes ist gleich ein großer Auftritt, die Musik wird mit breitem Pinsel gemalt. Aber Levine kann auch anders: das 2. Th. sowie der Bläserteil des 2. Satzes bis T. 22 sind differenziert nachgezeichnet, ab T. 23 lässt er die Streicher dann zu laut beginnen und die Musik wird dann plakativ. Jedoch birgt das Andante auch viele stimmungsvolle Momente. Der 3. Satz wird con molto sentimento überzeichnet und beim Finale punktet der Dirigent in den Tuttipartien durch ein rhythmisch betontes Orchesterspiel. Auch das inspiriert gespielte Satzende spricht für Levines Brahms-Affinität. Seine zweite Aufnahme wurde 1992 in Wien mitgeschnitten. Sie kündet von einem hörbar gereiften Brahms-Verständnis, nicht mehr der jugendliche Heißsporn, sondern der wissende Kapellmeister stand hier am Pult. Der Orchesterklang ist vielleicht etwas weniger farbenreich als früher, dafür wird jedoch insgesamt differenzierter gespielt, ohne Einbuße an Spannung. Viel lockerer und vielschichtiger gespielt klingt nun der 3. Satz und das Finale krönt diese Interpretation.

Roger Norrington legte 1995 mit seinen London Classical Players die erste Aufnahme nach historischer Aufführungspraxis vor und betrat damit interpretatorisches Neuland. Im 1. und 4. Satz wählt er schnelle Tempi, Rubati sind verbannt, sein Klangbild ist immer durchsichtig, als wenn die Partitur mit Röntgenstrahlen durchleuchtet worden sei. Im Kopfsatz vermisst man trotz des schnellen Tempos das Brio, das Nachdrückliche, auf mich macht er den Eindruck einer Taschenbuchausgabe. Das Andante hat Atmosphäre, der 3. Satz jedoch kaum. Die Pizzicati der Kontrabässe werden übergangen, irgendwie klingt die Musik etwas dürr, der Mittelteil wird etwas schneller gespielt. Den besten Eindruck hinterlässt das Finale, obwohl auch hier eine gewisse Glätte nicht zu überhören ist. Zehn Jahre später bringt Norrington die Sinfonie mit dem RSO Stuttgart in einer live-Aufnahme heraus. Außer im Finale werden hier alle Sätze etwas langsamer gespielt. Trotz des Zugewinns an Klangfülle klingt mir der Kopfsatz merkwürdig harmlos. Die restlichen Sätze ähneln der Vorgängeraufnahme, der Mittelteil des 3. Satzes wird nun noch schneller gespielt. Insgesamt gesehen werde ich mit Norringtons Aufnahmen dieses Werkes nicht recht glücklich. Die einzigste CD, die neben Norrington/LCLP Originalinstrumente verwendet, kommt von John Eliot Gardiner und seinem Orchestre Revolutionaire e Romantique. Auch er wählt, abgesehen vom Andantesatz, schnelle Tempi, teilweise noch schneller als jener. Aber Gardiner bleibt dabei auch unter Druck immer locker. Der spezifische Klang der verschiedenen Instrumente wird sehr differenziert wiedergegeben. Hörenswert das Hornsolo am Ende der Durchführung im 1. Satz T. 101-111, wenn der Solist normal gespielte Töne mit gestopften souverän miteinander verbindet. Nicht gefallen mir auf dieser CD im 3. Satz die wechselnden Tempi. Das große Plus seiner live-Aufnahme ist die Wärme, die vor allem die Mittelsätze, aber auch der Schluss des Finales ausstrahlen. Das Gegenteil davon ist der Mitschnitt von Nikolaus Harnoncourt und den Berliner Philharmonikern, der mir sehr distanziert und kühl erscheint, wenn das Vibrato wegfällt. Das Klangbild ist doch recht grau. Beim Kopfsatz vermisse ich die großen Bögen, er zerfällt leider in Abschnitte. Auch die nächsten beiden Sätze klingen seltsam unentschlossen, die Pizzicati der Kontrabässe bleiben ohne Ausdruckskraft. Einzig das Finale kann einigermaßen überzeugen. Charles Mackerras und Daniel Harding verwenden bei der 3. Sinfonie jeweils ein (erweitertes) Kammerorchester. Das Scottish Chamber Orchestra bleibt in den schneller Sätzen immer locker, ohne Druck, ebenso die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die noch etwas besser differenziert. Erfrischend hier auch die Pizzicati der Kontrabässe. Auch im Andante achtet Harding auf genaue Differenzierung im Klang und bei der Artikulation. Der Satz strahlt Wärme aus. Bei Mackerras ist der Klang etwas distanzierter. Im 3. Satz sind sich die beiden Orchester ebenbürtig. Auch der leidenschaftliche Finalsatz überzeugt bei beiden Dirigenten, jedoch auch hier übertrifft Harding beim Schluss durch mehr Differenzierung und Atmosphäre seinen Kollegen. Die neueste Aufnahme von Brahms' F-Dur-Sinfonie hat David Zinman mit dem Tonhalle Orchester Zürich vorgelegt, auch ein Konzertmitschnitt. Insgesamt gesehen ist auch diese eine hervorragende Aufnahme. Zwei Einwände beziehen sich einmal auf den Andante-Satz, der etwas schnell und nüchtern klingt und dessen 2. Thema etwas mehr geformt sein könnte, und auf den Schlusssatz, der im Vergleich etwas langsamer, entspannter gespielt wird. Lobend hervorzuheben ist jedoch das Finale dieses Satzes, in dem Zinman, im Gegensatz zu fasst allen anderen Dirigenten, in T. 249 nicht gleich in ein langsameres Tempo fällt und damit mehr Spannung hineinbringt.

W: Wiederholung der Exposition im 1. Satz

eingestellt am 06.08.04

letzte Ergänzung: 16.03.13

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