Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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1. Klavierkonzert d-Moll op. 15

 

Brahms' Konzerterstling ist schon eine Wucht, von der Ausdehnung, vom dynamischen Ambitus her, aber auch vom vielfältigem kompositorischen Material, das in seinen drei Sätzen verarbeitet wird. Freilich fehlt ihm die Eleganz des Schumann-Konzerts oder anderer um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstandener Klavierkonzerte. Auch die Exzentrizität der beiden Liszt-Konzerte sucht man hier vergebens. Bekannt ist die Suche des jungen Komponisten nach der adäquaten Form seiner kompositorischen Ideen, zuerst als Sinfonie, dann als Sonate für zwei Klaviere, bis es endlich die heute bekannte Gestalt annahm. Es hat lange gedauert bis sich das op. 15 auf dem Konzertpodium durchsetzen konnte, inzwischen gehört es längst zum ehernen Bestand der Pianistenzunft. Auch auf Tonträgern ist es mehr als reichlich vertreten.

Hier noch einige Anmerkungen zu bestimmten Stellen:

1. Satz: Im Abgesang des Seitenthemas (T. 46-63, hier genau T. 52-57) kann der kundige Hörer einen Anklang an eine Stelle aus der viel später komponierten sogenannten Altrhapsodie op.53 vernehmen, wenn die Altistin singt „Menschenhass...aus der Fülle der Liebe trank! Einige Takte später, kurz vor Beginn der Solo-Introduktion, bereiten die Bässe und Celli diese vor, oder verbinden beide Formteile miteinander, wenn diese elfmal hintereinander d-a-d (tief) spielen (T. 85-90), genau diese Bewegung übernimmt das Klavier in der linken Hand, aufmerksame Dirigenten lassen ihre Cellospieler nicht zu leise bis unhörbar spielen, so dass dieser Zusammenhang auch deutlich wird: Reiner, Ancerl, Steinberg, Feldbrill, Harnoncourt, Kubelik-Orfeo, Rattle-Andsnes, Abbado-BP. Der kundige Hornspieler Brahms hat in seinem 1. KK den Hörnern immer wieder Solo-Stellen zugewiesen, so z. B. im 1. Satz kurz vor dem Ende der Exposition, dort endet das Thema mit dem tiefsten f, das das Horn spielen kann. Damit das f nicht vergessen wird, wie bei sehr vielen Dirigenten, ist es mit einem Akzent versehen. Dieser langgezogene Ton ist bei Reiner, Sanderling, Cameron, Giulini, Ansermet, Boult, Münch, Previn, Sawallisch, Jochum-Solomon, Fricsay, Mehta, Cantelli, Ancerl Chailly, Inbal sowie wenigen anderen festgehalten. Eigentlich ist es nur ein Farbtupfer in der Partitur.

2. Satz: Beim zweiten Einsatz des Klaviers T. 21 soll der Klavierspieler mit der linken Hand die Töne a und A (halbe Note) anschlagen, danach mit beiden Händen fortfahren, und zwar in der linken Hand genau dieselben Töne spielen, die 1. Fagott und 1. Horn zwei Takte zuvor gebracht haben (Imitation). Fast die meisten der Pianisten/-innen lassen diesen ersten Akkord mit a/A aus, angeblich hat ihn Brahms erst etwas später, jedoch vor Drucklegung, hinzugefügt. Man kann die beiden tiefen leisen Töne hören bei Backhaus, Katchen, Ashkenazy, Firkusny-56, Gutierrez, Angelich, Barenboim, Buchbinder, Pollini, Lupu, Grimaud und Tiberghien. Einen Takt später folgt erneut eine tiefe Hornstelle, diesesmal sogar mit einem Crescendo versehen, nicht vergessen von Haitik, Barbirolli, Leinsdorf-Rub, Davis, Mehta, Muti Sanderling und Inbal.

3. Satz: Nachdem das Rondothema zweimal erklungen ist (Klavier, Orchester) und das Klavier das Thema fortspinnt und mit einigen kurzen Trillern anreichert, spielt das Fagott eine fünftaktige Melodie dazu. Falls der/die Pianist/-in zu laut spielt, hört man sie kaum, diese Dirigenten  geben dem Fagott eine Chance: Szell/Serkin-68, Kubelik/Solomon, Jochum, Ansermet, Barbirolli, Haitink, Inbal, Monteux, de Wart, Reiner, Muti, Chailly, Harnoncourt und Tabakov.

Serkin, Rudolf

Szell

Cleveland Orchestra

CBS

1968

47‘00

5

 

Serkin, Rudolf

Szell

Cleveland Orchestra

CBS

1952

46‘25

5

 

Fleisher

Szell

Cleveland Orchestra

CBS

1958

47‘16

5

 

Curzon

Szell

London Symphony Orchestra

Decca

1962

49‘58

5

 

Arrau

Giulini

Philharmonia Orchestra

EMI

1960

51‘33

5

 

Rubinstein

Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1954

46‘14

5

 

Solomon

Kubelik

Philharmonia Orchestra

EMI

1952

47‘48

5

 

Sokolov

Wolff

RSO Frankfurt/M

Hessischer Rundfunk

1999

48‘10

5

live – unveröffentlicht! keinesfalls asketisch, sondern mit jugendlichem Überschwang, voller Kraft, geradezu lustbetont stürzt sich Sokolov auf op.15

Katchen

Monteux

London Symphony Orchestra

Decca

1959

47‘22

5

I erregende Orchesterexposition, in den ruhigen Episoden ab T. 123 schwingt die Unruhe des Anfangs noch mit. Monteux drängt nach vorn, gibt das Tempo und die Haltung vor, II klingt viel besser als die ein Jahr ältere Backhaus-Platte, T. 80 ff Horn tritt aus den Holzbläsern hervor, selten so überzeugend gehört

Katchen

Kempe

BBC Symphony Orchestra

ica-classics

1967

45'00

5

Live – I wunderbarer Ausgleich zwischen dramatischen und lyrischen Abschnitten, II schneller als bei Monteux, erfülltes Musizieren, III spannungsvoll, deutliche Hornrufe bei T. 331-337

Firkusny

Cantelli

New York Philharmonic Orchestra

AS discs

1955

45‘27

5

live – Totaleinsatz für op. 15

Pollini

Abbado

Berliner Philharmoniker

DGG

1997

44‘38

5

live

Gelber

Ansermet

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

Rundfunkaufnahme

1964

45‘59

5

live

Brendel

Abbado

Berliner Philharmoniker

Philips

1986

48‘37

5

 

Arrau

Cameron

Philharmonia Orchestra London

EMI

Warner

1947

46'48

5

 




Arrau

Kubelik

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1962

50‘05

4-5

live

Arrau

Haitink

Concertgebouw Orchester

Philips

1969

52‘44

4-5

 

Curzon

van Beinum

Concertgebouw Orchester

Decca

1953

46‘52

4-5

 

Curzon

Jorda

National Philharmonic Orch.

Decca

1946

46‘30

4-5

 

Backhaus

Boult

BBC Symphony Orchestra

EMI

1932

42‘42

4-5

 

Rubinstein

Leinsdorf

Boston Symphony Orchestra

RCA

1964

46‘59

4-5

 

Kapell

Mitropoulos

New York Philharmonic Orchestra

Hunt

1953

46‘32

4-5

live – I weniger Maestoso als Allegro, beherztes Tempo beim 1. Thema, furioser Durchführungsbeginn, Kapell lässt sich aber auch Zeit für die lyrischen Abschnitte und lässt die Musik aufleuchten, der 2. Satz wird im langsamen Tempo, der 3. wieder sehr rasch gespielt

Zimerman

Rattle

Berliner Philharmoniker

DGG

2004

51‘13

4-5

 

Graffman

Münch

Boston Symphony Orchestra

RCA

1958

44'04

4-5

I sehr gute Darstellung, aufgewühlte Orchesterexposition, spannungsvolles Miteinander, recht bewegtes Tempo, Klavier zeigt viel Espressivo, II konzentriert, die Holzbläser holen die Sonne in die Musik, III konzertante Darstellung, ziemlich überzeugend, dynamische Differenzierung im unteren Bereich noch nicht ausgeschöpft

Gelber

Decker

Münchner Philharmoniker

EMI

1965

48‘20

4-5

 

Gelber

Albrecht, Gerd

Radio-Sinfonie-Orchester Berlin

audite

1963

48'22

4-5

live

Andsnes

Rattle

City of Birmingham Symphony Orchestra

EMI

1997

48‘31

4-5

I eher episch als dramatisch, II Spannung trotz des langsamen Tempos gehalten

Ashkenazy

Haitink

Concertgebouw Orchester

Decca

1981

48‘43

4-5

I gute Orchesterexposition, Haitink begleitet sehr aufmerksam, auch hier typischer Ashkenazy-Klavierklang, jedoch nicht so störend wie bei Chopin oder Schumann, II Orchester bestens geformt!, III es fehlt etwas Drive

Malcuszynski

Rieger

Philharmonia Orchestra London

EMI

1953

46'15

4-5

I gewichtige Orchesterexposition, spannungsvoll, Brahmston, Dirigent und Pianist haben eine Vorstellung vom Werk und setzen sie um, II sehr ernsthaft, III bene!!

Kovacevich

Sawallisch

London Philharmonic Orchestra

EMI

1991

47‘55

4-5

I klanglich sehr gut gestaffelte Orchestereinleitung - Augenmerk auch auf die tiefen Streicher

Weissenberg

Muti

Philadelphia Orchestra

EMI

1984

46‘47

4-5

schlank, jedoch nicht leichtgewichtig

Pollini

Böhm

Wiener Philharmoniker

DGG

1979

46‘04

4-5

 

Pollini

Thielemann

Sächsische Staatskapelle Dresden

DGG

2011

44'38

4-5

live

Firkusny

Steinberg

Pittsburgh Symphony Orchestra

EMI

1956

45'31

4-5

etwas domestizierter und runder als bei Cantelli, im Studio gelingt es selten so zwingend als auf dem Podium, trotzdem eine sehr gute Interpretation, viel besserer Klang

Hough

Davis, Andrew

BBC Symphony Orchestra

Virgin

1989

48‘38

4-5

gute Darstellung ohne besondere persönliche Note

Gutiérrez

Prévin

Royal Philharmonic Orchestra

Telarc

1990

49‘05

4-5

Pianist hat eine Antenne für die kämpferischen wie lyrischen Abschnitte, Dirigent unterstützt ihn adäquat

Gimpel, Jakob

Kempe

Berliner Philharmoniker

EMI

1958

50‘44

4-5

Orchester besser als bei Jochum/Solomon, Solist und Orchester gut aufeinander abgestimmt, II piu Andante, helles Klangbild, Klavier hier etwas kernig, könnte mehr singen, III Kempe sorgt für abwechslungsreiches Orchestertableau

Kovacevich

Davis, Colin

London Symphony Orchestra

Philips

1979

47‘54

4-5

3. Satz fällt etwas ab

Duchable

Herreweghe

Philharmonisches Orchester Flandern

Rundfunkaufnahme

 

41‘08

4-5

unveröffentlicht – I schnellster 1. Satz (18’57), Tempo strickt durchgehalten, II eher ein Andante, Verzicht auf Drücker – auf keinen Fall eine riesige Pathetique, durch die Art des Vortrags rücken die Interpreten op. 15 in Schumann-Nähe, eine Neubewertung; viele mögen eine Kammerorchester-Ausgabe herauslesen

Freire

Chailly

Gewandhausorchester Leipzig

Decca

2006

46‘17

4-5

live, sehr offenes Klangbild - Augenmerk auch auf die tiefen Streicher, II T. 23-25 Celli und Kb. begleiten Klavier , III nicht so geformt wie Satz I und II, man spielt mehr nebeneinander als miteinander

Solomon

Maazel

RAI Orchester Turin

Guild

1956

48'13

4-5

live

Solomon

Jochum

Berliner Philharmoniker

Tahra

1954

42‘42

4-5

live

Gould

Feldbrill

Winnipeg Symphony Orchestra

WHRA

1959

44'56

4-5

live, I Gould schneller als später bei Bernstein, expressiv, ein (auf Tonträger völlig unbekannter) Dirigent und Solist auf gleicher Wellenlänge, packende Darstellung, II Gould auch hier molto espressivo, III energiegeladen – transparenter Klang, Klavier vorgezogen. Winnipeg SO Kein A-Orchester, spielt aber solide und engagiert

 


Backhaus

Böhm

Wiener Philharmoniker

Decca

1958

45‘36

4

 

Kuerti

Rescigno

Orchestre Métropolitain Quebec

Analekta

1998

48‘46

4

I 1.Thema nicht gemeiselt, T. 210 Horn zu zurückhaltend, Oktavtriller nicht so mächtig wie bei Curzon und Arrau, insgesamt eher lyrisch, II Flügel hier sehr plastisch aufgezeichnet, auch die Bässe raunen nicht nur, sehr klar und hell, T. 80 ff Klavierarpeggien endlich einmal durchsichtig und kein Brei

Barenboim

Barbirolli

New Philharmonia Orchestra

EMI

1967

51‘52

4

I Hauptthema langsam und kräftig, jedoch nicht gewaltig, II Barenboim meist ganz zart – kein Tempokontrast zw. 1. u. 2. Satz

Weissenberg

Giulini

London Symphony Orchestra

EMI

1971

50'16

4

I Tempi ähnlich wie bei Arrau/Giulini, sehr gewichtige Orchester-Exposition, insgesamt etwas schleppend, zu sehr das Maestoso betonend, Weissenberg sauber, jedoch ohne eine ausgeprägte Expressivität, III konzertant

Tiberghien

Belohlavec

BBC Symphony Orchestra

HMF

2007

50‘29

4

I man nimmt sich in den lyrischen Partien sehr viel Zeit: „verweile doch.....“, kein richtiger Tempokontrast zwischen den Sätzen I und II, II Holzbläser könnten ausdrucksvoller spielen, III T. 264-274 ohne Esprit , insgesamt am besten

Kempff

Konwitschny

Gewandhausorchester Leipzig

DGG

1957

45‘55

4

insgesamt lyrische Darstellung, Konwitschny ein aufmerksamer Mitgestalter, II schön gesungen

Gilels

Jochum

Berliner Philharmoniker

DGG

1972

51‘17

4

Musik des Sturm und Drang in der Abendsonne

Lupu

de Waart

London Philharmonic Orchestra

Decca

1974

48‘58

4

I alles zufriedenstellend, aber nichts, was aufhorchen lässt, II de Waart formt die Einleitung zu wenig, lässt nur spielen, auch T. 58-71, III Lupu bremst in lyrischen Abschnitten

Cliburn

Leinsdorf

Boston Symphony Orchestra

RCA

1964

45'57

4

I energische Orchesterexposition, Cliburn übernimmt Leinsdorfs Vorgaben, in der Dynamik etwas pauschal, helles transparentes Klangbild, kommt der Komposition entgegen, II angemessen, Klarinetten T. 44-46 mit offenem Klang, weniger rund, III sehr bewegt, mit Schwung, Orchester jedoch etwas eindimensional, Pianist T. 64-95 etwas ratlos

Serkin, Peter

Shaw

Atlanta Symphony Orchestra

Pro Arte

1985

48‘17

4

I Orchester nicht Partner, mehr Begleiter, Peter Serkins Ton nicht so schlank wie der seines Vaters, voller Einsatz, II Sohn nicht im Besitz von Vaters Expressivität

Zimerman

Bernstein

Wiener Philharmoniker

DGG

1983

54‘22

4

 

Then-Berg

Ancerl

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1958

47‘48

4

I sehr gute Orchesterexposition, T. 85-90 Vc! 2. Thema kräftig, selbstbewusst; aufgewühlt, ausdrucksvoll, dramatisch, in der Dynamik jedoch weniger differenziert, III gut gelungen T. 100-112 Holz, T. 443 ff Celli – Interpreten vermitteln sehr viel von Brahms‘ herber Schönheit und Wahrhaftigkeit

Schnabel

Szell

London Philharmonic Orchestra

EMI

1938

47‘04

4

I Schnabel vorwärtsdrängend, man meint er wäre immer zwei Takte voraus, II Adagio molto, III einige Fehlgriffe und unrunde Stellen

Buchbinder

Harnoncourt

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Teldec

1999

49‘32

4

I Exposition gut, lange Liegetöne (vor allem der Hörner) wie vorgeschrieben ff, jedoch alles langsam und zäh, wenig Tempokontrast zwischen den ersten beiden Sätzen, II Orchestereinleitung zu wenig gestaltet, bei der Wiederholung T. 59 ff gelingt es besser, III 2. Couple wenig saftig, T. 264-274 ohne Esprit

Rubinstein

Davis, Colin

BBC Symphony Orchestra

BBCL

1968

48‘52

4

live

Berman

Leinsdorf

Chicago Symphony Orchestra

CBS

 1980

43‘50

4

I geringes Ausdruckspotential, Berman setzt langsam ein, wird im Verlauf dann schneller, harmlose Oktavtriller, II Andante, glatt, wenig Ausdruck

Moravec

Belohlavek

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1989

48‘15

4

I Anfangsthema noch etwas scheu und unentschlossen, Moravec spannt in seiner Einleitung keinen Bogen, insgesamt weniger passionato, II hier passt der Ansatz viel besser, dynamische Gestaltung etwas blass, Rollenverteilung zw. Solo und Orchester nicht immer ganz klar

Angelich

Järvi, Paavo

Radio-Sinfonie-Orchester  Frankfurt

Virgin

2007

51'20

4

schlankes Klavierspiel ohne Fettansatz, Järvi aufmerksamer Mitgestalter – I insgesamt mehr entspannt (lyrisch) als gespannt (dramatisch), II geringere innere Spannung, Hörner hätten mehr Aufmerksamkeit verdient, III etwas konturlos

Oppitz

Davis, Colin

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

RCA

1989

50‘36

4

I man schlendert durch die Musik, II zieht sich ohne Höhepunkte dahin, III alles sehr solide aber wenig aufregend

Hansen

Fricsay

RIAS Symphonie Orchester Berlin

nomos

1953

47‘50

4

live – etwas hölzernes Klavierspiel, belegter Klang, Fricsay stellt sich auf Hansen ein, I T.124-129 Pianist und Orchester nicht genau zusammen, II fast Andante, Expressivität hält sich in Grenzen

 

Grimaud

Sanderling, Kurt

Staatskapelle Berlin

Teldec

1997

49‘10

3-4

I epische Abschnitte wenig Spannung, ohne Kontur, man wirft sich keine Spielbälle zu, das muss nicht unbedingt am Tempo liegen, II Brahms‘ sperriger Klaviersatz wird geradezu demonstrativ offengelegt

Rubinstein

Mehta

Israel Philharmonic Orchestra

Decca

1976

50‘00

3-4

 

Ax

Levine

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1983

50'02

3-4

I Musik episch ausgebreitet, die großen Ausbrüche des Flügels bleiben Episoden, gewichtige Interpretation, die jedoch wenig überzeugt, II Levine lässt das Orchester nur schön spielen, formt jedoch weniger die Themen und Motive, Ax zuverlässig, ohne die Espressivität eines Serkins, Solomons oder Pollinis,III im Ansatz wie Satz 1, geringe Spannung (vgl. T. 263-274) – in der tiefen Lage ein etwas bulliger Klang

Leonskaja

Inbal

Philharmonia Orchestra London

Teldec

1990

49‘59

3-4

I setzt Leonskaja bereits einen Takt früher mit dem Ton d ein? T. 150 ff gestaffelte Einsätze kaum zu hören, T. 255 ff man spielt nebeneinander her, vom Orchester werden Gestaltungsmöglichkeiten nicht genutzt, II während sich Grimaud durch den sperrigen Klaviersatz quält, läuft es bei Leonskaja „wie geschmiert“, III 1. Couplé etwas lustlos, Fugato zu langsam, T. 264-274 ohne Spannung – insgesamt etwas orientierungslos

Gould

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

Sony

1962

53‘06

3-4

live – I Orchester anfangs gewaltig aufbrausend, Gould lyrisch, am Klavier versunken, Durchführung nicht dramatisch, Bernstein lässt das Orchester sehr transparent spielen (25'38), II jeder scheint seiner Vorstellung nachzugehen, richtig gemeinsam erst ab T. 79, III verbummelt, Bernstein zieht Gould mit - insgesamt viel zu uneinheitlich

 


Sgouros

Tabakov

Philharmonisches Orchester Sofia

Capriccio

1993

48‘45

3

Pianist und Orchester farblos, wenig differenziert, oft spielen Holzbläser nebeneinander statt miteinander, kein Tempokontrast zwischen den Sätzen 1 und 2, 3. Satz lahm

Barto

Eschenbach

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

Capriccio

2012

54'52

3

 



Aufnahmen in historischer Aufführungspraxis und mit Originalinstrumenten: 

Rittner

Ehrhardt

L'Arte del Mondo

MDG

2011

46'28

4-5

live, Erard-Flügel von 1854. Die Bedeutung der CD begründet sich eher auf der Verwendung historischer Instrumente als auf der insgesamt engagierten Interpretation.

 

Bei einer Besprechung von Aufnahmen eines Klavierkonzerts ist es sicher ungewöhnlich, nicht mit einem Solisten, sondern mit einem Dirigenten zu beginnen. Das hat auch seinen Grund: von allen Begleitern, nein Mitstreitern, ragt eine Dirigentenpersönlichkeit, die hier mit fünf Aufnahmen vertreten ist, weit heraus, es ist George Szell. Keiner seiner Kollegen hat wahrscheinlich den Notentext bis in seine kleinsten Verästelungen genauestens studiert, verinnerlicht und bei den Aufnahmen mit den verschiedenen Solisten umgesetzt. Dabei hatte er nicht immer nur sein Paradepferd, das von ihm geschulte Cleveland Orchester vor sich, sondern auch das London Philharmonic Orchestra und das London Symphony Orchestra, deren Musiker genau auf seine Anweisungen eingehen. Auch wenn das Niveau der letztgenannten Orchester nicht ganz dem des Cleveland Orchesters entspricht, spürt man trotzdem den unbedingten Willen, Brahms‘ Musik bis ins letzte gerecht zu werden und auch Details, über die andere Dirigenten hinweggehen, nicht zu überspielen oder zu vernachlässigen. Hier einige Beispiele aus dem 3. Satz von op. 15: T. 64 f Hörner-Bratschen, zwar pp, aber man soll es hören; T. 163-166 langgezogenes Crescendo im Horn; T. 238-272 Fugato, die Streicher, später auch die Holzbläser, spielen messerscharf, so wirkt die Passage elektrisierend; T. 347 f 6 Achtel, nicht 4! An dieser Stelle fallen die letzten beiden Achtel, da pizzicato zu spielen, oft unter den akustischen Tisch. Das sind letztlich Kleinigkeiten, sie geben aber Zeugnis vom künstlerischen Gewissen des Interpreten. Alle von Szell dirigierten Einspielungen sind hervorragend, ein Ereignis, auch die Solisten Serkin, Curzon und Schnabel, jeder nach seiner persönlichen Art. Artur Schnabel fällt etwas heraus, obwohl er über ein mindestens ebenso tiefes Wissen über das Werk wie die anderen verfügt, reicht sein technisches Rüstzeug nicht ganz an das der genannten Kollegen heran, in den Ecksätzen sind einige holprige Passagen und Fehlgriffe nicht zu überhören. Davon abgesehen liegt hier jedoch eine vollgültige Aufnahme vor. Die Aufnahme mit Leon Fleisher kann als Musterbeispiel einer beherzten, leidenschaftlichen Interpretation gelten. Fleisher spielt männlich, kräftig, klar, vorwärtsdrängend, er lässt die lyrischen Passagen nicht trocken und weniger interessant erscheinen. Rudolf Serkin hat das 1. Klavierkonzert m. W.  viermal aufgenommen: 1946 in Pittsburgh mit Fritz Reiner, 1952 in Cleveland mit Szell, 1960 in Philadelphia mit Eugene Ormandy und dann nochmals 1968 mit Szell und dem Cleveland Orchester. Die Reiner-Aufnahme kenne ich nicht, die mit Ormandy wurde in den 60er-Jahren sehr oft im Radio gesendet, aus dieser Zeit ist sie mir noch in Erinnerung. Während Fleisher mit Szell eher eine im besten Sinne klassische Interpretation abliefert, nähert sich Serkin dem Werk seinem Naturell gemäß unruhiger, nervöser, rhapsodischer und deshalb persönlicher. 1952, der Pianist war damals 49 Jahre alt, und noch mehr 1968 meint man einer live-Aufführung beizuwohnen. Es versteht sich von selbst, dass die letztgenannte von der inzwischen verfeinerten Aufnahmetechnik profitiert. Ormandy wurde zu Recht von vielen Solisten als kundigen Begleiter geschätzt, so auch von Serkin (sehr gute Beethoven-Konzerte). Seinem Naturell gemäß fiel die Begleitung des 1. Brahms-Konzerts weniger streng ausgezirkelt aus, auch ließ er Serkin etwas mehr Gestaltungsraum. Auch diese Sicht überzeugte.

Clifford Curzons Einspielungen für Decca wurden von mal zu mal besser. Die älteste von 1946, dirigiert von dem Spanier Enrique Jorda leidet noch unter der unzureichenden Aufnahmetechnik, der Klavierton ist stellenweise noch verhangen, aber bereits in der Reprise des 1. Satzes trumpft Curzon mit mächtigen Oktavtrillern auf. Am meisten beeindruckt mich das Adagio, das sehr ruhig genommen wird, dabei kann sich die lyrische Schönheit des Satzes vom Anfang bis zum Ende beglückend entfalten. Auch in der folgenden Produktion mit dem Concertgebouw Orchester stoße ich immer wieder auf geglückte lyrische Abschnitte, hier auch im 1. Satz, während der zweite konzertanter erscheint. Auffallend die die Harmonie stützenden lang ausgehaltenen Töne der tiefen Streicher, die,  wenn vorgezeichet, (fast) immer präsent sind. Van Beinum arbeitet auch die Engführungen des 1. Themas sehr gut heraus. Leider hat das 3. Horn des Concertgebouw Orchesters nicht die Qualität des Kollegen vom Cleveland Orchester oder den Berliner Philharmonikern. Aus der Szell-Einspielung von 1962 hört man die langjährige Partnerschaft dieser beiden Künstler, die Aufnahme ist wie aus einem Guß. Szell wie immer genauer als andere: nur in dieser Aufnahme (sowie bei F. Reiner und A. Prévin) hört man in T. 35 den pp-Einsatz der Violinen mit Dämpfer so genau! Leider klingen die hohen Streicher in ff-Stellen manchmal etwas spitz, oder liegt dies am hellen Klangbild? Trotz des sehr langsamen Tempos (16’01) bricht im langsamen Satz die Spannung nicht ein. Von allen Szell-Platten klingt diese am Saftigsten, damals hatte die Decca-Technik einen großen Sprung nach vorn vollzogen (Culshaw). Curzon und auch Serkin haben immer das ganze Werk im Blick, sie bekommen jedoch von ihren Begleitern beste Unterstützung. Bei vielen anderen Pianisten wird man den Eindruck nicht los, als reihten sie nur Abschnitte an Abschnitte. Während man bei Schnabel und auch Kempff beobachtet,  sie spielten etwas angestrengt, nervös, als ob sie Obacht geben müssten, den schweren Brocken bis zum Ende zu bewältigen, kann man dies bei Curzon (übrigens Schnabel-Schüler) nicht feststellen, sein Klavierton ist gerade auch in den f/ff-Oktavgängen breit, voll und kräftig.

Ein anderer Pianist, der zeitlebens und darüber hinaus mit Brahms in Verbindung gebracht wurde und in Berlin seine Ausbildung erfuhr, war Claudio Arrau. Von ihm liegen mir vier Platten vor, die vorwiegend in den 60er-Jahren entstanden sind. Seine allererste mit dem Philharmonia Orchester unter Leitung von Cameron aus dem Jahre 1947 zeigt noch den mittleren Arrau: Der Klavierpart ist markant gezeichnet, die Tempi werden noch nicht gebremst, souverän setzt er Brahms' Vorstellung um. Glühend wird der Seitensatz (T. 166 ff und T. 390 ff) herausgestellt. Basil Cameron ist hier mehr als ein guter Begleiter, insgesamt liegt hier eine kraftvolle, ausdrucksstarke Interpretation vor, die jetzt wieder von Warner vorgelegt wurde. Die Dynamik ist, wie bei den meisten Aufnahmen bis zum Ende der 50er Jahre, etwas eingeebnet. Die Aufnahme mit Giulini, wieder dem Londoner Philharmonia Orchester, wurde nach ihrem Erscheinen zu Recht mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Giulini führt das Orchester sehr genau und gewichtig durch die Partitur, viele Details kommen wie bei Szell messerscharf und mit dem nötigen Nachdruck; das Zusammenspiel mit Arrau ist vorbildlich, alles wirkt überlegen und wie selbstverständlich, lediglich über die Tempi in den Ecksätzen ließe sich diskutieren. Zwei Jahre später entstand in München eine Konzertaufnahme, die von Orfeo veröffentlicht wurde. Arrau spielt hier freier und gelöster, wie von inneren und äußeren Fesseln befreit. Auch diese Lesart überzeugt, einige Ungenauigkeiten sind der live-Aufführung geschuldet. Bei der dritten Aufnahme wechselte der Pianist seine Plattenfirma, von der EMI zur holländischen Philips, der er bis zu seinem Tode (mit einer Ausnahme) treu blieb. Das lässt sich sofort am helleren luftigeren Klangbild ausmachen. Arraus Auffassung des Werkes hat sich jedoch kaum geändert, Haitink gelingt es vor allem in den Ecksätzen nicht, die Themen wie Giulini zu modulieren. Arrau fühlte sich vermutlich wohl beim eine Generation jüngeren Maestro, sein Spiel klingt ein wenig gelöster als bei Giulini. Zur Ehre Haitinks sei jedoch gesagt, dass er in der späteren Aufnahme mit Ashkenazy das Orchester bestens führt.

Der britische Pianist Solomon hat beide Brahms-Konzerte geliebt und immer wieder an seiner Interpretation gefeilt. Mir liegen vom ersten die Studio-Produktion von 1952 mit Rafael Kubelik, eine Berliner Aufnahme mit den Philharmonikern unter Leitung von Eugen Jochum sowie ein Mitschnitt aus Turin mit dem jungen Lorin Maazel am Pult vor. Solomon verbindet bei op. 15 klassische Strenge und Klarheit mit romantischer Empfindsamkeit, Kubelik ist ihm dabei ein hervorragender Mitstreiter. Die live-Aufnahme mit jochum ist im 1. Satz schneller, mehr Allegro als Maestoso, überzeugende Oktavtriller (auch bei Kubelik), im 2. Satz wird fiebriger musiziert als zwei Jahre zuvor. Das Konzert endet mit einer fulminanten Stretta. Leider ist der Klang der Aufnahme etwas stumpf und das Orchester besitzt hier noch nicht die spieltechnischen Qualitäten späterer Jahre, trotzdem liegt hier eine überzeugende konzertante Darstellung vor. Auch der Turiner Mitschnitt kann überzeugen, auch wenn sie insgesamt die langsamste Aufnahme ist. Solomon spielt auf gewohnt höchstem Niveau, in der kurzen Kadenz des Mittelsatzes ist der Hörer Zeuge expressivsten Klavierspiels. Auch hier ist die klangliche Präsentation insgesamt bescheiden.

18 Jahre nach dem Berliner Mitschnitt ging Jochum mit demselben Orchester und dem russischen Pianisten Emil Gilels ins Studio, um die beiden Brahms-Konzerte aufzuzeichnen, vielleicht kam Brahms‘ Jugendwerk für Gilels zu spät. Er hatte sich inzwischen vom stürmischen Heißsporn zum wissenden Stilisten gewandelt, der jedoch noch immer seine Pranke zeigen konnte, wenn es darauf ankam. Vielleicht brauchte er einen Dirigenten mit mehr Temperament, als Jochum damals zur Verfügung stand. Am besten gefällt mir hier der langsame Satz, der sehr erfüllt und durchsichtig musiziert wird, jedes Instrument hat seinen Platz. Auch Wilhelm Backhaus haben zeitlebens die Brahms-Konzerte begleitet. Wahrscheinlich durfte er als erster op. 15 1932 auf Schelllacks festhalten. Backhaus und Adrian Boult musizieren zusammen mit dem BBC Symphony Orchestra auf einer Wellenlänge. Der Solist spielt alles unangestrengt, locker, in durchgehaltenem flüssigenTempo und trotzdem eindringlich. Die spätere Einspielung mit Karl Böhm ist zwar nur geringfügig langsamer, wirkt jedoch um einiges bedächtiger, vor allem am Anfang, das muss am Klang oder/und dem Orchester liegen: im 1. Satz sind ungenaue Vorschläge bei den Trillern der 1. Geigen festzustellen, insgesamt ist das Hauptthema nicht zu einer Einheit geformt. Im 2. Satz klingen die gedämpften Violinen leicht seifig, T. 80 ff ist das Klavier fast nicht zu hören, insgesamt werden die Violinen klanglich zu sehr bevorzugt, im staccato klingen sie leicht spitz. Hier wurde leider eine Chance vertan! Etwas mehr als 20 Jahre später wurde eine weitere Aufnahme von op. 15 mit Böhm und den Wiener Philharmonikern aufgezeichnet, diesmal saß der junge Maurizio Pollini am Flügel und wurde von einer besseren Klangtechnik und einem gut vorbereiteten Orchester unterstützt. Alles gelang blitzblank, Pollini unangestrengt, er musste sich nichts mühevoll erarbeiten, auch Böhm dirigierte trotz seines hohen Alters noch erstaunlich frisch. Später hat diese Aufnahme noch eine starke Konkurrenz in Abbado und den Berliner Philharmonikern bekommen, die die Musik mehr auffächern, mehr Leidenschaft investieren. Im 2. Satz versucht Pollini die Oberfläche aufzubrechen und einen Blick darunter freizugeben, hier werden wir Hörer Zeuge eines Reifeprozesses an dem Werk. Inzwischen hat die DGG einen weiteren Konzertmitschnitt aus Dresden herausgebracht (auch als DVD), Christian Thielemann dirigiert die dortige Staatskapelle. Der Klangpegel ist etwas niedriger als in Berlin, auch etwas kompakter ausgefallen. Pollini verfügt auch mit 69 Jahren noch über eine fabelhafte Technik, Thielemann könnte noch mehr als Mitgestalter ins Geschehen eingreifen und das Orchester noch etwas mehr fordern, bei Abbado klingt der Orchesterpart etwas lebendiger. Am überzeugendsten gelingt das Finale, eine packende Darstellung, die der Abbado-Aufnahme ebenbürtig an die Seite gestellt werden kann.

Auch mit Alfred Brendel legten die Berliner unter claudio Abbado eine überzeugende Aufnahme vor. Welcher man den Vorzug gibt, bleibt letztlich Geschmacksache. Das ein Pianist seine Virtuosenlaufbahn ausgerechnet mit dem gerade nicht dankbaren d-Moll Konzert beginnt, ist ungewöhnlich, da ihm doch viel wirkungsvollere Konzerte, Sonaten ... zur Verfügung stehen. Trotzdem ist Bruno Leonardo Gelber eben mit diesem Werk der Sprung in die internationale Karriere geglückt, ich selbst konnte den jungen Pianisten Mitte der 60er Jahre mit op. 15 erleben. 1964 spielte er es im Kölner Funkhaus mit dem Rundfunk Sinfonie-Orchester unter Leitung des für französische und russische Musik bekannten Ernest Ansermet. Es ist eine jugendfrische Interpretation gelungen, die die Zuhörer noch heute begeistern kann. In der Durchführung des 1. Satzes stürmt Gelber mit einer Vehemenz durch die Oktavgänge, als hätte er schon längst voller Ungeduld auf diese Stelle gewartet. Ansermet, wie übrigens auch Fritz Reiner, schenkt dem Überleitungsmotiv nach dem Hauptthema (T. 26-44) mehr Aufmerksamkeit als fast alle anderen Dirigenten. Für den 2. Satz lassen sich die Interpreten Zeit und spielen sehr ausdrucksvoll. Ein Jahr später, Gelbers Kunst hatte sich dank vieler Konzerte schnell herumgesprochen, wurde eine schöne Plattenaufnahme unter Leitung des kaum bekannten Franz Paul Decker  von op. 15 gemacht, die Gelbers frühe Reife dokumentiert: vollgriffige Akkorde, leuchtender Diskant, mächtige Oktavtriller, sich Einlassen auf die vielen lyrischen Abschnitte, aber vor allem eine Beziehung zu Brahms‘ Musik. Der 3. Satz ist nur 14 Sek. langsamer als in Ansermets Konzertmitschnitt, muss jedoch ohne dessen Feuer auskommen. Inzwischen ist noch eine weitere Aufnahme mit Gelber auf CD erschienen, sie entstand 1963 mit dem gerade 20jährigen, noch nicht so bekannten, Pianisten. Gerd Albrecht sorgt für ein sehr durchsichtiges Klangbild und richtet seinen Blick auf Details und Zusammenhänge. Gelbers souveränes Klavierspiel, kerniger Ton, ist noch nicht ganz so feurig wie bei Ansermet, wollte er sich noch etwas zurückhalten? Beim Finale hätte man sich sowohl von Seiten des Orchesters als des Solisten etwas mehr Eleganz gewünscht.

Nun ist es Zeit, sich nochmals einem großen Alten der Klavierzunft zuzuwenden, ich meine Artur Rubinstein, von vielen Musikfreunden als der überragende Chopin-Spieler angesehen. Diese Meinung teile ich nur bedingt, sicher, er war ein sehr guter Anwalt der Klaviermusik seines polnischen Landsmanns, durfte viele Werke Zeit seines langen Lebens mehrmals aufnehmen, aber der Chopin-Spieler? Ich halte ihn eher für einen der besten Mozart-, Schumann- und Brahms-Pianisten, die Musik des letzteren, zumindest dessen Konzerte müssen ihm sehr am Herzen gelegen haben, immer wieder hat er sie aufgeführt und aufgenommen, dass 2. Konzert bereits 1929, das 1. jedoch erst 1954, dann gab es noch zwei weitere Aufnahmen in Folge. Vier Produktionen konnte ich zum Vergleich heranziehen, die Einspielung mit Fritz Reiner und dem Chicago Symphony Orchester von 1954, dann die zehn Jahre später produzierte mit Erich Leinsdorf und dem Boston Symphony Orchester, eine Londoner live-Aufnahme mit dem BBC Symphony Orchester unter Leitung von Colin Davis (1968) sowie nochmals eine Studio-Aufnahme mit dem 89jährigen Rubinstein und Zubin Mehta. Die Aufnahme mit Fritz Reiner ist singulär, der Dirigent hat wie Szell das Werk vollständig im Griff, das 1. Thema des Kopfsatzes, vom Orchester aufgewühlt dargeboten, hat in seiner Interpretation so eine nachdrückliche Ausstrahlung auf das folgende, dass es Rubinstein am Anfang des 2. Themas schwer hat, die Ruhe und Überlegenheit zum Singen finden. Schön gestaltet das Überleitungsthema nach dem Hauptthema in der Reprise (T. 259-276): die tiefen Streicher beherrschen das musikalische Geschehen. Der 2. Satz ist durchsichtig gehalten, wie auch bereits im Kopfsatz kann der Hörer Rubinsteins leuchtenden Diskant bewundern. Der 3. Satz schließt mit einem überzeugend gestalteten Finale. Der Klang der CD ist für die damalige Zeit erstaunlich gut. Erich Leinsdorf hatte nicht das Kaliber eines Fritz Reiner, unter seiner Leitung ist jedoch auch eine gute Aufnahme entstanden, die aber bereits im 1.Thema des Kopfsatzes nicht diese Unerbittlichkeit der Gestaltung des älteren Kollegen erleben lässt. Im Finale (Allegro non troppo) kann man feststellen, dass der Satz, obwohl eine halbe Minute länger als in der früheren Aufnahme gespielt wird, jedoch unruhiger und hektischer klingt. Rubinstein hält das Niveau von 1954. Der Londoner live-Mitschnitt vier Jahre später ist klanglich nicht immer ausgewogen, auch gibt es hier und da Ungenauigkeiten und Patzer (T. 231 f, 1. Satz), im Finale hätte das Fugato der Streicher und die sich anschließende Bläserstelle viel spannender und luftiger kommen können ( T. 238-274). Davis entschädigt uns mit einigen schönen Hornsoli, nicht nur im 1. Satz. Rubinsteins letzte Aufnahme erfolgte unmittelbar nach einem eindrucksvollen Konzert mit Zubin Mehta und dem Israel Philharmonic Orchestra in Tel Aviv. Vor allem das Publikum drängte, diese Sternstunde im Studio zu wiederholen. Sternstunden jedoch, lassen sich nicht so einfach herbeizwingen, so gelang auch hier nicht das Ersehnte. Rubinsteins Spiel ist, wie hätte man es anders erwarten können, viel herber, er spielt kaum noch so souverän wie in jüngeren Jahren. Sein früheres Vermögen, die Musik oder einzelne Abschnitte überzeugend zusammen zu fassen, gelingt 1976 nicht mehr, viele Partien gehen nur noch spröde von den Händen. Da kann Mehta nicht mehr viel retten, vom Orchester wunderbar gestaltet ist das Duett zwischen Geigen und Bratschen T. 286 ff, das von vielen einfach übergangen wird. Die CD hat eher einen Erinnerungswert.

Von dem russischen Meisterpianisten Grigory Sokolov gibt es kaum Schallplatten, im Studio scheint er sich nicht wohl zu fühlen, dafür um so mehr im Konzertsaal. Seit ca.zwanzig Jahren gastiert er auch regelmäßig in Deutschland, so 1999 im Saal der Alten Oper Frankfurt, in dem er mit dem Radio-Sinfonie-Orchester unter Leitung des damaligen Chefdirigenten Hugh Wolff das 1. Brahmskonzert aufführte, es wurde im Rundfunk zeitgleich gesendet: im 1. Satz hat das Orchester anfangs noch nicht richtig zu Brahms gefunden, das ändert sich jedoch sofort beim Einsetzen des Solisten, plastisches Klavierspiel, fulminante Oktavtriller, nie versiegende Kraft, der Diskant leuchtet (mehr als bei Zimerman), was vor allem auch im langsamen Satz bewundert werden kann. Der 3. Satz wird Allegro con fuoco gespielt, insgesamt ein überzeugendes Plädoyer für das frühe Brahms-Konzert!

Von Krystian Zimerman liegen mir zwei Aufnahmen vor: die erste entstand 1983 im Wiener Musikvereinssaal bei einem Konzert der Wiener Philharmoniker unter Leitung von Leonard Bernstein, sie ist auch auf Video auf den Markt gekommen. Bei ihrem Erscheinen wurde sie hochgelobt, was ich nicht ganz nachvollziehen kann; ja, es gibt einige faszinierende Stellen, aber insgesamt ist mir die Musik hier zu zäh, zu schwerfällig dargeboten, im 2. Satz tritt sie auf der Stelle. Vermutlich ist es eher Bernsteins als Zimermans Auffassung, die sich hier durchsetzen konnte. Damit übernimmt – Ironie der Zeit – der Dirigent zwanzig Jahre später die Tempovorstellung eines Glenn Gould, von der er sich damals öffentlich distanzierte. In der Aufnahme mit Rattle und den Berliner Philharmonikern  erleben wir den Pianisten viel selbstbewusster, eine Ohrenweide, wie er die Basslinie T. 131 ff sehr schön nachzeichnet. Das 2. Thema erklingt hier mit mehr Leidenschaft. Die Pizzicati der tiefen Streicher könnten etwas präsenter sein, auch wünschte ich mir das Tempo etwas stabiler. Der 2. Satz wird schneller gespielt und besitzt mehr Körper als 1983. Insgesamt gesehen eine gelungene Einspielung.

Fast alle jüngeren Interpreten spielen auf sehr hohem, technisch abgesichertem Niveau, allerdings meist ohne die persönlich erkennbare Stellungnahme. Nach der Unzahl der bisher veröffentlichten Aufnahmen ist es für sie nicht leicht, sich aus der Fülle der angebotenen Interpretationsmuster mit eigenen Ideen herauszuheben und die Aufmerksamkeit der Fachpresse wie des Publikums zu erhaschen.

Tzimon Barto hat in Zusammenarbeit mit Christoph Eschenbach Brahms' 1. KK vorgelegt. Das Klavier betritt fast wie verstört oder suchend das musikalische Geschehen und findet sich erst nach etlichen Takten zurecht, dabei wird das Tempo signifikant verlangsamt. Das scheint mir bei den mehr als hundert Einspielungen dieses Konzerts ein bedenkenswerter Ansatz zu sein, dem man seine Sympathie nicht versagen sollte. Leider wird diese Interpretation im weiteren Verlauf des Stückes durch eine fortdauernde willkürliche Tempogestaltung – ein Grundtempo lässt sich nicht heraushören – korrumpiert, indem die Interpreten alle Themen und Motive auf ihren (vermeintlichen) Ausdrucksgehalt abklopfen und darauf ihr Tempo abstimmen. Das 2. Thema wird stark abgebremst, nahezu bis zum Stillstand. Der strukturelle Zusammenhang des Satzes wird dabei weitgehend ignoriert.. Das ist interessant, aber bereits beim zweiten Hören wirkt diese Lesart arg manieriert. Der Tempokontrast zwischen den Sätzen 1 und 2 wird eingeebnet, da letzterer in einem gezogenen Tempo dargeboten wird. Das Rondo-Finale allein folgt dem gängigen Interpretationsmuster. Die Laufzeiten der einzelnen Sätze seien noch mitgeteilt: 25:18 – 17:01 – 12:36.

eingestellt am 23.10.09

letzte Ergänzung am 02.07.15                                              

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