Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Brahms      home

 

Violinkonzert D-Dur op. 77

 

Allegro non troppo – Adagio – Allegro giocoso, ma non troppo vivace

 

Neben dem Violinkonzert von Beethoven steht dieses in der Gunst sehr vieler Musikfreunde an vorderster Stelle. Da Brahms kein Geiger war, holte er sich bei seinem Freund Joseph Joachim Ratschläge zur Gestaltung der einen oder anderen Stelle. Viele Briefe gingen diesbezüglich hin und her. Letztlich hat der Komponist jedoch nur wenige Änderungsvorschläge, besonders solche zur Erleichterung des Soloparts, angenommen. Wahrscheinlich führten die Schwierigkeiten bei den ersten Geigenvirtuosen, die das Konzert öffentlich spielten, zu der Benennung als „Konzert gegen die Geige“.

Brahms hat den Kopfsatz seines Werkes in der Sonatenform angelegt, mit Orchester-Exposition, Solo-Exposition, Durchführung, Reprise und Finale, ihm wohnt also eine sinfonische Form inne, die es darzustellen gilt, z. B. den Primat der Themen innerhalb des Sonatensatzes, Bsp 1. Satz T. 153-164 Streicher. Leider wird dies von etlichen Dirigenten nicht wahrgenommen oder überspielt. Zunächst plante Brahms auch einen vierten Satz, ein Scherzo, verwarf den Gedanken jedoch wieder, das kompositorische Material könnte er für sein 2. Klavierkonzert herangezogen haben.

Einige Hinweise zu den drei Sätzen.

Der 1. Satz beginnt in pastoralem Ton von Fagotten, Hörnern und tiefen Streichen vorgetragen. Auf dem letzten Viertel des 6. Taktes setzt Brahms ein Akzentzeichen, was die Dirigenten zu einer Entscheidung auffordert, Brahms war bekanntlich ein Meister der Untertreibung sowie Mehrdeutigkeit; dachte er, dass diese Note hervorgehoben werden sollte, oder sind alle drei Noten in den Takten 6-8 insgesamt zu markieren oder vielleicht langsamer oder lauter bzw. leiser zu spielen? Wir wissen es nicht. Viele Dirigenten heben die mit Akzent versehene Viertel ein klein wenig hervor, bleiben aber im Tempo, wie z. B. Szell, Walter, Klemperer, Reiner, Steinberg, Sabata, van Beinum, Fricsay, Harnoncourt, Abbado, Rattle, Herreweghe, Oramo und Harding. Die meisten anderen geben den Takten 6-8 deutlich mehr Gewicht und werden dabei feierlich, manche auch zusätzlich langsamer, wie z. B. Pešek. Meiner Meinung nach sollte hier keine künstliche Unterbrechung entstehen, da nach den ersten acht Takten des Themas nun der zweite Teil folgt, wiederum mit acht Takten quasi als Antwort von der Oboe vorgetragen und von den Streichern begleitet wird, also eine Symmetrie entsteht. In Takt 41 beginnt das 2. Thema in der Dominanttonart A-Dur, leise, nach wenigen Takten soll die Musik allmählich lauter werden, doch in T. 53 verharrt sie plötzlich im Pianissimo, einige Takte später sogar im bei Brahms seltenen dreifachen Piano. Nur wenige Dirigenten verwirklichen das Crescendo mit plötzlichem Pianissimo nach dem Notentext: Kondraschin/Kogan, Dobrowen, Mitropoulos, Steinberg/Busch, Karajan/Mutter, Abbado/Shaham, Giulini, Harnoncourt und Chailly. In der folgenden Überleitung, erneut leise vorzutragen, ändert der Komponist unmerklich das Taktschema, weg vom Dreivierteltakt hin zu Fünfergruppen. Kaum ein Dirigent weist so deutlich auf das Geheimnisvolle dieser Stelle (T. 69-77) wie Kyrill Kondraschin. Dann folgt ein drittes Thema, in d-Moll, laut, zackig, mit viel Entwicklungspotential und leitet zur Soloexposition und damit Eintritt der Solo-Violine über. Ich muss jedoch noch einmal zu dem markanten Beginn dieses Themas, das der Hörer immer im Ohr hat, zurückkommen: Am Ende des 2. Taktes ist die Viertelnote mit einem Akzentzeichen versehen, sie soll betont, doch nicht zur Achtel degradiert werden, wie viele Dirigenten dies tun, z. B. Beecham, Reiner, Toscanini, Szell, Furtwängler, Schuricht, Barbirolli, Steinberg, Bernstein, Wand, Schmidt-Isserstedt und Jochum. Der Beginn der Soloexposition ist, ähnlich wie der Beginn der Orchesterexposition, zweiteilig gearbeitet, hier wie ein Ein- und Ausatmen, im 2. Teil steuern die Holzbläser Thementeile des ersten Themas bei, während sich der Solist in legato- und staccato-Spielfiguren langsam aussingt. Man könnte meinen, dass er sich so erst die Legitimation zum alleinigen Vortag des Themas erwerben müsse. Leider drosseln die meisten Dirigenten bereits etwa ab T. 120 das Tempo, Brahms sieht dies erst drei Takte vor dem Thema vor und schreibt danach sofort dem Solisten ein a tempo in die Noten, was jedoch die wenigsten beachten, da sie doch hier schön romantisch schwelgen können. Annähernd nach Partitur spielen hier Busch, Oistrach, Milstein, Szigeti, Francescatti/Bour, Szeryng/Monteux, Martzy/Wand, Zimmermann, Tretjakow, Kogan, Heifetz, Renardy, Scholz, Kremer/Harnoncourt, de Vito/Schwarz u. Jochum, Zehetmair, Weithaas und Gluzman. Neben Fagotten und Hörnern (pp) hat Brahms in diesen Takten eine weitere simple Begleitung in Achtelnoten den Bratschen zugeteilt und mit espressivo versehen, sie sollen also nicht unbeachtet bleiben, was jedoch meist zutrifft, lediglich Furtwängler, Walter, Kempe/Menuhin, Bour, Chailly und Harding erfüllen den Willen des Komponisten! Das vorher erwähnte markante 3. Thema wird in T. 246 jetzt dem Solisten zugewiesen, bei allzu vehementem Zugriff ist hier schon mal die eine und andere Saite gerissen. Sollte man den Komponisten an dieser Stelle einen Schelm nennen?  Während der Solist am Ende vom 2. Takt eine Viertel zu spielen hat, steht an derselben Stelle für Geigen und Bratschen eine Halbe!, entsprechend auch in T.488 der Reprise (rückwirkend ein Hinweis auf T. 79, dass die Viertelnote dort nicht als Achtel zu spielen ist). Da in T. 79 der Sachverhalt eigentlich als eindeutig zu bewerten ist, muss der Dirigent hier Stellung beziehen. Die meisten folgen dem Notentext und nehmen in Kauf, dass die Streicher länger klingen als der Solist. Andere aber finden dies vielleicht komisch und verkürzen die Halbe zu einer Viertel, wie z. B. Beecham, Ormandy, Mehta, Steinberg, Münch, van Beinum, Dobrowen, Sawallisch und Harnoncourt.

Nach dem Dominantseptakkord auf D im Takt 525 erfolgt die Kadenz des Solisten. Brahms hatte Joachim als Solist der Uraufführung gebeten, eine eigene beizusteuern, die sich bestens in das Konzert einfügt und seitdem von den meisten Geigerinnen und Geigern verwendet wird. Der Geiger Hugo Herrmann, der neben Joachim viel zur Durchsetzung des Konzerts getan hat, verfasste auch eine Kadenz, die man nur bei Huberman hören kann. Auch Kreisler schrieb sich eine für den eigenen Gebrauch, sie ist hier auch von Renardy, Menuhin, Ferras, Hoelscher und Capuçon zu hören. Kremer greift bei Karajan auch zu dieser Kadenz, bei Bernstein zu einem Präludium von Reger, bei Harnoncourt zu Georges Enesco. Isabelle Faust spielt eine Kadenz von Busoni, die wie die von Enesco kaum zu hören ist. Heifetz greift zu der seines Lehrers Leopold Auer, die er jedoch noch verändert. Diese hört man auch von Repin und Bell gespielt. Außer Kreisler haben noch Milstein, Kennedy und Vengerov Kadenzen für den Eigengebrauch verfasst. Ungeklärt bleibt die Urheberschaft bei Busch und Morini.

Am Ende der Einleitung zum 2. Satz, der von der Oboe beherrscht wird, erfindet Brahms eine wunderbar poetische Stelle: im Abgesang der Oboe T. 21 tritt auf der Grundierung durch das tiefe f der Hörner das Fagott viermal mit leisen steigenden Akkordbrechungen hinzu, im fünften Takt vom Horn in F-Dur abgelöst und zum Schluss von der Klarinette fortgeführt ebenfalls in F. Gelungen hört mit diese Takte bei Belohlavek(!), Reiner, Steinberg, Kempe, Schuricht, Ormandy, Fricsay, Wand/Martzy, Bour, Fedossejew, Tennstedt, Kondraschin/Kogan, Abbado/Shaham, Monteux/Milstein, Haitink/Szeryng und Furtwängler. Der Höhepunkt des Satzes befindet sich am Ende von T. 97, dem ein Crescendo vorangeht, das jedoch genau an dieser Stelle zurückgenommen wird. Einige Solisten (Neveu, Morini) steigern sich so in ihrem Part und verlegen den Höhepunkt Sekunden später in den folgenden Takt, vielleicht von der Partituranweisung espress. dolce beflügelt, das klingt wunderbar.

Der 3. Satz mit seinem „ungarischen“ Thema, in Doppelgriffen für die Solo-Violine, besitzt die größte Vitalität innerhalb des Konzerts und besticht durch seinen schwungvollen Gestus, beste Voraussetzung für einen nachhaltigen Erfolg.

Die technischen Schwierigkeiten der Solostimme, standen jedoch anfangs einer Verbreitung des Konzerts im Wege. Inzwischen steht es gleichberechtigt neben dem Beethoven-Konzert und wird immer wieder aufgeführt. Wilhelm Altmann berichtet im Vorwort der Eulenburg-Studienpartitur, dass der 12-jährige Bronislav Hubermann dem Komponisten das Konzert vorgetragen habe. Heute kann kein(e) ernstzunehmende(r) Geiger(in) an diesem Konzert vorbeigehen, aufgrund ihrer makellosen Technik geht leider auch die Individualität, die persönliche Ausstrahlung verloren, fast alle spielen nach dem gleichen Interpretationsmuster auf höchstem technischen Niveau. Auffallend ist auch, dass die Tempi in den ersten beiden Sätzen immer langsamer gespielt werden und damit den Charakter des Satzes verfälschen. Da kann sich beim Hörer schnell Langeweile einstellen. Leider gelingt es vielen (vor allem jüngeren) Dirigenten nicht da entgegenzusteuern. Man hat den Eindruck, als verfügten diese selbst nicht über eine adäquate Vorstellung der Interpretation aus der Partitur heraus.

 

5

Adolf Busch

William Steinberg

New York Philharmonic Orchestra

M&A

1943

34‘50

 

live, s. u.

5

Isabelle Faust

Daniel Harding

Mahler Chamber Orchestra

HMF

2010

36‘54

 

I Faust intensiv, ohne Überdruck, Harding bleibt ziemlich im Tempo, legt die Strukturen des Satzes frei, ohne in einen sachlichen Vortragsstil zu verfallen und dabei das romantische Wesen zu unterdrücken, II Faust mit viel Espressivo, Meisterin der Ornamentik, trotz der vielen schnellen Notenwerte immer ruhig, viel Atmosphäre, III bis ins Letzte durchgeformt, stringent und immer unter Spannung – sehr gute Transparenz und Partnerschaft, immer schlankes Musizieren

5

Jascha Heifetz

Fritz Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1955

34‘26

 

s. u.

5

Jascha Heifetz

George Szell

Cleveland Orchestra

M&A

1951

34‘20

 

live, s. u.

5

Fritz Kreisler

Leo Blech

Preußische Staatskapelle Berlin

EMI

1929

36‘05

 

s. u.

5

David Oistrach

Kyrill Kondraschin

Moskauer Philharmoniker

BBCL

1963

37‘53

 

s. u.

5

David Oistrach

Kyrill Kondraschin

Moskauer Philharmoniker

Melodya BMG

1952

38‘44

 

s. u.

5

Nathan Milstein

Victor de Sabata

New York Philharmonic Orchestra

Archipel

1950

36‘05

 

live, s. u.

5

Nathan Milstein

William Steinberg

Pittsburgh Symphony Orchestra

Capitol  EMI

1954

36‘03

 

s. u.

5

Henryk Szeryng

Pierre Monteux

London Symphony Orchestra

RCA

1958

39‘35

 

s. u.

5

Viktoria Mullova

Claudio Abbado

Berliner Philharmoniker

Philips

1992

39‘06

 

live – Orchester-Exposition, Beginn der Durchführung sowie der Reprise immer etwas schneller als das Folgende, strukturbezogenes Musizieren, einige Rubati, feinfühlige Übergänge, M. mit großer Einfühlsamkeit für die jeweiligen Stimmungen im Solopart, sehr gutes Miteinander, II spqannungsvolle Dialoge, atmosphärereich, III M. immer locker, Akkordspiel kommt weitgehend ohne Forcieren aus – klangschöne live-Aufnahme

5

Erica Morini

Bruno Walter

New York Philharmonic Orchestra

Archipel      Andromeda

1953

36‘56

 

live, s. u.

5

Erica Morini

George Szell

New York Philharmonic Orchestra

M&A

1952

34‘51

 

live, s. u.

5

Christian Tetzlaff

Thomas Dausgaard

Dänisches Nationales Sinfonie-Orchester

Erato

2007

38‘09

 

I ziemlich tempokonstant, mit Hingabe und großer Konzentration musiziert, Tetzlaff und Dausgaard beleuchten nahezu alle Facetten des Satzes, II erfüllt auch im etwas schnellerem Tempo, III sehr lebendig, Tetzlaff „springt“ zu Satzbeginn förmlich in die Musik

5

Gil Shaham

Claudio Abbado

Berliner Philharmoniker

DGG

2000

36‘57

 

Shaham, der Feinsinnige – bewundernswertes pp-Spiel, schlanker Ton, vertraktes Akkordspiel immer sehr sauber, sehr gute dynamische Gestaltung, mit Abbado in bester Partnerschaft, lerichte Tempomodifikationen, II überzeugende Spannungsbögen, gestalteter Klang, III con spirito – gute Tempi, sehr gute Transparenz und Balance, Optimum heutiger Geigenkunst

5

Thomas Zehetmair

Christoph von Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Teldec

1989

37‘37

 

I jenseits aller Routine, schlanke, präzise Tongebung sowohl beim Solisten als auch beim Orchester, souverän bewältigt, II sehr klare und durchsichtige Orchestereinleitung, mit viel Klangsinn, III con spirito - sehr gute Transparenz und Balance

5

Vadim Repin

Riccardo Chailly

Gewandhausorchester Leipzig

DGG

2008

39’47

 

I Repins Geigenton hat mehr Körper als der Shahams, souveränes Spiel, entschieden voran, wache Aufmerksamkeit, Chailly immer auch Blick auf Details, durchleuchtet den Orchestersatz, II Chailly sorgt für eine stärkere Verzahnung von Solo-Violine und Orchester, III vehement

5

Gidon Kremer

Nikolaus Harnoncourt

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Teldec

1996

36’41

 

live, s. u.

5

Antje Weithaas

 

Camerata Bern (33 Spieler)

Avi

2014

39‘41

 

live, Brahms-VK in erweitertem Kammermusikformat, dadurch verschieben sich auch Proportionen, mehr Transparenz alles in herkömmlichen Aufnahmen, Weithaas als Prima inter pares, sie nimmt sich ab T. 105 etwas zurück, um die thematische Entwicklung (Holz) nicht zu verdecken, an der tranquillo-Stelle T. 312 ff wünschte ich mir sie etwas lockerer. Im Adagio-Satz werden viele Details freigelegt, die Musik kann atmen. Das Finale ist sehr vital und viel durchsichtiger als in den meisten anderen Aufnahmen, Solistin und Orchester stehen nebeneinander.

 

 

4-5

David Oistrach

Otto Klemperer

Orchestre National de ORTF Paris

EMI

1960

40’48

 

s. u.

4-5

David Oistrach

Franz Konwitschny

Staatskapelle Dresden

Eterna      DGG

1954

39‘13

 

s. u.

4-5

David Oistrach

George Szell

Cleveland Orchestra

EMI

1969

40‘36

 

s. u.

4-5

Fritz Kreisler

John Barbirolli

London Philharmonic Orchestra

EMI

1936

37‘23

 

s. u.

4-5

Bronislaw Huberman

Artur Rodzinski

New York Philharmonic Orchestra

M&A

1944

35‘10

 

live – schlanker Geigenton, mit wenigen zeitbedingten Portamenti, Rodzinski sorgt für einen ziemlich transparenten Klang, ziemlich tempokonstant, in den Ecksätzen flüssiges Musizieren, gute Partnerschaft – II einfühlsame Gestaltung, III überlegen, nicht forciert vorgetragen – Zwischenapplaus nach Satz 1 und 2

4-5

Jascha Heifetz

Serge Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

RCA         History

1939

37‘06

 

s. u.

4-5

Nathan Milstein

Herbert von Karajan

Schweizerisches Festspielorchester Luzern

Tahra

1957

37‘09

 

live, s. u.

4-5

Ossy Renardy

Charles Münch

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Decca       Dutton

1948

37‘30

 

ziemlich tempokonstant, Geige mit fantasiereicher Artikulation, kraftvolles Spiel, intensives Ausloten der Partitur, souveräne Gestaltung, sehr gute Partnerschaft – II Oboe leider mit Dauervibrato

4-5

Arthur Grumiaux

Eduard van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips       Decca

1958

 38‘08

 

s. u.

4-5

Leonid Kogan

Kyrill Kondraschin

Philharmonia Orchestra London

EMI

1959

37‘29

 

s. u.

4-5

Leonid Kogan

Pierre Monteux

Boston Symphony Orchestra

Documents

1958

35‘30

 

s. u.

4-5

Dmitri Sitkovetzky

Neville Marriner

Academy of St. Martin-in-the-Fields

hänssler

1995

40‘46

 

schlanker, flexibler Geigenton, Academy in großer Besetzung, polierter Klang mit guter Transparenz, sehr gutes Miteinander, I Höhepunkte majestätisch, mäßiges Tempo, nicht ganz stabil, II große Vielfalt in der Artikulation,  Expressivität, mit langem Atem, III überzeugend

4-5

Katrin Scholz

Michael Sanderling

Kammerorchester Berlin

Berlin Classics

2006

38‘17

 

I schlankes, aber auch männliches Geigenspiel, sehr gutes Miteinander, gut aufgefächerter Orchesterklang, einigermaßen stabiles Tempo, II lebendiges Musizieren, jedoch weniger innerlich, sollte hier mehr Vibrato bei der Solo-Vl. und Oboe erlaubt sein? III musikalisch ziemlich top, ich hätte mir etwas mehr Feuer gewünscht

4-5

Isaac Stern

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS     Sony

1959

40‘08

 

s. u.

4-5

Isaac Stern

Thomas Beecham

Royal Philharmonic Orchestra London

Columbia   Philips         CBS   Sony

1951

40‘29

 

s. u.

4-5

Gioconda de Vito

Ferenc Fricsay

RIAS Symphonie-Orchester Berlin

audite

1951

42‘04

 

s. u.

4-5

Gioconda de Vito

Wilhelm Furtwängler

RAI Orchester Turin

Fonit Cetra         Andromeda

1952

42‘16

 

live, s. u.

4-5

Gioconda de Vito

Paul van Kempen

Orchester der Städtischen Oper Berlin

DGG     ACR

1941

39‘53

 

s. u.

4-5

Gioconda de Vito

Eugen Jochum

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Tahra   Andromeda

1956

41‘36

 

live, s. u.

4-5

Gioconda de Vito

Rudolf Schwarz

Philharmonia Orchestra London

EMI    Archipel   Amare

1953

40‘05

 

s. u.

4-5

Zino Francescatti

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS   Sony

1961

38‘02

 

s. u.

4-5

Zino Francescatti

Ernest Bour

SWF Sinfonie-Orchester

hänssler

1974

38‘20

 

s. u.

4-5

Renaud Capuçon

Daniel Harding

Wiener Philharmoniker

Virgin

2011

39‘40

 

I ziemlich überzeugende Darstellung, trotz einer Tempoverzögerung ab T. 136, sehr gutes Miteinander, II vielschichtig mit Atmosphäre, III kraftvoll vorwärtstreibend, umsichtiges Dirigat – gute Transparenz und Balance

4-5

Joseph Szigeti

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

Columbia  Diapason

1945

37‘50

s. u.

4-5

Joseph Szigeti

Hamilton Harty

Hallé Orchestra Manchester

HMV      Columbia

1928

36‘54

s. u.

4-5

Wolfgang Schneiderhan

Paul van Kempen

Berliner Philharmoniker

DGG

1953

39‘16

 

I ziemlich tempokonstant, männlich, sonorer Geigenton, aber nicht so geschmeidig wie z. B: Oistrach, Kogan oder Stern, van Kempen zuverlässiger Mitgestalter, der für ein deutliches Musizieren sorgt, II gelassen, ausdrucksvolle Gestaltung, III schwungvoll – transparenter Klang

4-5

Lisa Batiashvili

Christian Thielemann

Sächsische Staatskapelle Dresden

DGG

2012

37‘46

 

abgerundeter Orchesterklang mit Hall, gute Dynamik, souveräne Solistin, gutes Miteinander, I T. 206 ff Batiashvili saugt die Töne aus ihrer Geige, II viel Espressivo, große Bögen, III das Tempo springt nicht so an wie bei Faust, etwas ausladend, weniger gespannt

4-5

Tasmin Little

Vernon Handley

Royal Liverpool Philharmonic Orchestra

EMI

1991

38‘42

 

Little und Handley interpretieren das Konzert so, als spiele es von selbst, ohne ihr Zutun, schlanker, sauberer Geigenton, stimmungsvoll, Handley sorgt für strukturbezogenes Musizieren, übliche Tempomodifikationen, man wünschte sich etwas mehr Biss

4-5

Kyung Wha Chung

Simon Rattle

Wiener Philharmoniker

EMI

2000

41‘06

 

live – eine schöne Aufnahme mit sehr viel Spannung und Atmosphäre, II etwas zu viel Schönklang, III Interpretation könnte etwas mehr Pfeffer vertragen, die komponierte Musik (Vl./Va.-Hörner) als Höhepunkt vor dem erneutem Auftreten des Hauptthemas T. 83 ff klingt hier hier zu unterbelichtet

4-5

Johanna Martzy

Paul Kletzki

Philharmonia Orchestra London

EMI        Testament

1954

40‘56

 

souveränes Geigenspiel mit breiter Ausdrucksskala, Kletzki achtet auf prägnantes sowie einfühlsames Orchesterspiel, hinreichende Transparenz, etwas flächiger Klang

4-5

Johanna Martzy

Günter Wand

SDR Sinfonie-Orchester Stuttgart

hänssler

1964

38‘59

 

im Ansatz wie die EMI-Produktion, Wand agiert ähnlich wie schon Kletzki, gutes Miteinander, lebendige Gestaltung des langsamen Satzes, schwungvolles Finale – Solo-Geige klanglich vorgezogen

4-5

Christian Ferras

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1964

41‘14

 

s. u.

4-5

Ginette Neveu

Issay Dobrowen

Philharmonia Orchestra London

EMI

1946

38‘45

 

s. u.

4-5

Julian Rachlin

Mariss Jansons

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Warner

2004

40‘07

 

I ziemlich tempokonstant, Jansons achtet auf den sinfonischen Aufbau, Solist mit erzählerischem Ernst und wunderbarem Klangempfinden, exzellentes Geigenspiel, einige Spitzentöne klingen jedoch etwas dünn, II langsam, schön ausgesungen, III hier wünschte man sich noch etwas mehr Feuer

4-5

Gidon Kremer

Leonard Bernstein

Wiener Philharmoniker

DGG

1982

39‘23

 

live, s. u.

 

4

Erica Morini

Artur Rodzinski

Royal Philharmonic Orchestera London

Westminster

1956

38‘09

 

live, s. u.

4

Frank Peter Zimmermann

Wolfgang Sawallisch

Berliner Philharmoniker

EMI

1995

37‘40

 

gute Zusammenarbeit von Solist und Dirigent, in allen Sätzen stabile Tempi, Darstellung eher sachlich als emotional berührt, etwas kühl, Zimmermann (noch) ohne eigene Note

4

Adolf Busch

Hans Münch

Sinfonie-Orchester Basel

M&A

1951

37‘48

 

live, s. u.

4

Jascha Heifetz

Arturo Toscanini

New York Philharmonic Orchestra

IDIS  Doremi

1935

37‘01

 

live, s. u.

4

Henryk Szeryng

Antal Dorati

London Symphony Orchestra

Mercury    Philips

1962

39‘34

 

s. u.

4

Henryk Szeryng

Rafael Kubelik

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1967

38‘50

 

live, s. u.

4

Joseph Szigeti

Dimitri Mitropoulos

New York Philharmonic Orchestra

Strings

1948

38‘31

live, s. u.

4

Isaac Stern

Zubin Metha

New York Philharmonic Orchestra

CBS     Sony

1978

40‘03

 

s. u.

4

Nathan Milstein

Eugen Jochum

Wiener Philharmoniker

DGG

1974

37‘35

 

s. u.

4

Nathan Milstein

Pierre Monteux

Concertgebouw Orchester Amsterdam

RNM    APL

1950

37‘34

 

live, s. u.

4

David Oistrach

Antonio Pedrotti

Tschechische Philharmonie Prag

Multisonic    Supraphon

1961

38‘39

 

live, s. u.

4

Christian Ferras

Carl Schuricht

Wiener Philharmoniker

Decca

1954

39‘34

 

s. u.

4

Leonid Kogan

Karel Ancerl

Tschechische Philharmonie Prag  

Rundfunkaufnahme

1955

37‘34

 

live, unveröffentlicht, s. u.

4

Ginette Neveu

Antal Dorati

Residenz Orchester Den Haag

M&A

1949

40‘10

 

live, s. u.

4

Ginette Neveu

Roger Desormière

Orchestre National de France

SWRmusik      Tahra

1948

39‘43

 

live, s. u.

4

Ginette Neveu

Hans Schmidt-Isserstedt

NDR Sinfonie-Orchester Hamburg

Acanta

1948

39‘37

 

live, s. u.

4

Ulf Hoelscher

Klaus Tennstedt

NDR Sinfonie-Orchester Hamburg

EMI

1979

42‘13

 

I in der Orchesterexposition ziemlich tempokonstant, danach verlassen Solist und Dirigent diesen Ansatz zugunsten einer etwas freieren Gestaltung, Solist anfangs etwas nervös, etwas herb, verfügt nicht über den leuchtenden Ton vieler Jungstars, die jedoch geglätteter klingen, insgesamt ruhiges Tempo, II beim Eintritt des Solisten langsamer, insgesamt jedoch belebter Vortrag, III etwas mehr Feuer wäre von Vorteil – guter Klang, gute Transparenz

4

Ida Haendel

Sergiu Celibidache

Philharmonia Orchestra London

EMI     Testament

1953

40‘13

 

s. u.

4

Sarah Chang

Kurt Masur

Dresdner Philharmonie

EMI     Warner

2009

38‘59

 

I anfangs tempokonstant, beim Thema in der Solovioline T. 136 ff dann langsamer, etwas zu moderat, III etwas gezogen – Geigenton in exponierter Lage nicht immer sicher geformt

4

Anne-Sophie Mutter

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1981

40‘09

 

s. u.

4

Yehudi Menuhin

Rudolf Kempe

Berliner Philharmoniker

EMI

1957

40‘58

 

s. u.

4

Yehudi Menuhin

Wilhelm Furtwängler

Schweizerisches Festspielorchester Luzern

EMI

1949

40‘01

 

s. u.

4

Liane Issakadze

Veronica Dudawra

Staatliches Moskauer Sinfonie-Orchester

Melodya          Karussel

1984

39‘19

 

I herber Geigenton, passt gut zu Brahms, klangliche Schärfungen, kraftvolles Orchesterspiel, jedoch auch etwas robust, weniger delikat, Temposchwankungen, II Issakadze bemüht sich um einen nuancenreichen Vortrag, spannungsintensive Beredtheit, III Orchester hier etwas trocken – Solistin immer etwas nach vorn gezogen

4

Vadim Gluzman

James Gaffigan

Luzerner Sinfonieorchester

BIS

2015

39‘11

 

I Mainstream, jedoch intensive Gestaltung, etwas gemäßigtes, aber ziemlich festes Tempo, Geigenton mit Körper, kleines Innehalten vor T. 7, II/III etwas routiniert, wenig Redundanz, eingeengte Dynamik sowohl beim Solisten als auch beim Orchester

4

Arthur Grumiaux

Colin Davis

New Philharmonia Orchestra London

Philips

1971

39‘27

 

s. u.

4

Miriam Fried

Kurt Sanderling

Berliner Philharmoniker

Rundfunkaufnahme

1989

40‘48

 

live, unveröffentlicht – das Tempo passt sich zu sehr dem emotionalen Gehalt der Musik an, einige Intonationstrübungen, II Fried legt viel Wert auf ein ausdrucksvolles Spiel, gezogenes Tempo, III jetzt viel näher bei Brahms‘ Absichten

4

Shlomo Mintz

Claudio Abbado

Berliner Philharmoniker

DGG

1987

42‘09

 

Mintz übertrifft in punkto sauberes Spiel sehr viele Kollegen/-innen, I gute Darstellung, jedoch viel zu langsam, darunter leidet auf Dauer die Aufmerksamkeit beim Hörer, II fast schon träge – insgesamt gute Orchesterbegleitung

4

Gidon Kremer

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1976

41‘39

 

s. u.

4

Zino Francescatti

Dimitri Mitropoulos

Wiener Philharmoniker

Orfeo

1958

39‘12

 

live, s. u.

4

Victor Tretjakow

Yuri Temirkanov

Staatliches Sinfonie-Orchester der UdSSR

Brilliant

?

39‘29

 

Tretjakow spielt in dieser Aufnahme ausgeglichener als 1984, mit mehr Emotionen, das fällt deutlich im 2. Satz auf, auch das Orchester spielt gepflegter, jedoch etwas pauschal, der Pegel wird an lauten Stellen zurückgenommen

4

Victor Tretjakow

Wladimir Fedossejew

Großes Rundfunk- Sinfonie-Orchester der UdSSR

Melodya   Eurodisc

1984

40‘05

 

immer gewichtiges Musizieren, stellenweise unruhig, aufgewühlt, nervös, Fedossejew neigt etwas zum Auftrumpfen, breites Klangspektrum, I behäbiges Tempo, nicht stabil, Geigenton beim Akkordspiel (2. Th.) recht stahlig, II mit viel Espressivo, Geige vorn, Bläser zu kompakt, III temperamentvoll, Orchester etwas rau

4

Georg Kulenkampff

Hans Schmidt-Isserstedt

Berliner Philharmoniker

Telefunken    Dutton     Pearl

1937

37‘15

 

I in der Soloexposition T. 102 ff lässt der Dirigent die Pk. immer wieder an- und abschwellen, Tempomodifikationen, klarer Geigenton, immer wieder mit Vibrato angereichert, geradliniges Musizieren, Geige meist im Vordergrund, II ständiges Vibrato des Solisten stört, Orchester hier mehr in der Begleitrolle, III Solist bleibt im Ausdruck hier zu neutral – Pearl-CD mit ungefilterter Übertragung der Schellacks, aber auch höhere Präsenz und deutlichere Klangfarben vor allem der Bläser

4

Julia Fischer

Yakov Kreizberg

Niederländisches Philharmonisches Orchester

Pentatone

2006

40‘34

 

I im romantischen Geist=ungebunden, kein festes Tempo bei Orchester und Solistin, T. 27-40 etwas hölzern, das sehr hohe Niveau des Geigenspiels steht außer Frage, insgesamt fehlt es etwas an Spannung, II den Orchesterklang wünscht man sich weniger weich, stattdessen mehr aufgefächert, Frau Fischer setzt mehr Vibrato ein als z. B. I. Faust, III geigerisch untadelig, Tempo im mittleren Bereich, kein optimaler Klang

4

Leonidas Kavakos

Riccardo Chailly

Gewandhausorchester Leipzig

Decca

2013

41‘17

 

I sinfonischer Unterbau wird nicht deutlich, immer wieder Tempowechselbäder, Kavakos prüft T. 223 ff jeden Ton auf seinen Ausdrucksgehalt, er scheint jeden Ton genießen zu wollen, II deutliche Stimmführungen, immer sehr sauber gegeigt, sich Zeit lassend, viel Espressivo, III hier wie in II viel mehr der Partitur verpflichtet – sehr guter Klang

4

Baiba Skride

Sakari Oramo

Stockholm Philharmonic Orchestra

Orfeo

2009

41‘01

 

live – I kein stabiles Tempo, insgesamt weniger Spannung, II Skride singt auf ihrer Geige, spielt jedoch auch etwas unruhig, (zu) viel Vibrato, Orchester begleitet aufmerksam, III warum nicht zu Beginn lockerer?, insgesamt zu gewichtig, Orchester zu kompakt aufgenommen

 

 

3-4

Joshua Bell

Christoph von Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Decca

1995

39‘59

 

ein profilierter Geiger trifft auf ein weniger inspiriert klingendes Orchester: I Orchester besitzt in Abschnitten als Begleiter wenig Spannung und klingt oft zu leise, bis hin zur Unhörbarkeit (Pauke und Streicher in der Soloexposition), insgesamt ist die Lautstärkedifferenzierung jedoch gut, der tranquillo-Stelle T. 312 ff ermangelt es an Spannung, die Takte 349-360 erklingen ziemlich blutleer, der sinfonische Unterbau wird nicht deutlich, II etwas distanziert, III hier kaum Einwände – nur eine Pflichtaufgabe?

3-4

Nathan Milstein

Anatole Fistoulari

Philharmonia Orchestra London

EMI    Warner

1960

36‘07

 

s. u.

3-4

Christian Ferras

Rudolf Kempe

Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks

Archipel

1953

42‘17

 

live, s. u.

3-4

Henryk Szeryng

Bernard Haitink

Concertgebuw Orchester Amsterdam

Philips

1973

41‘13

 

s. u.

3-4

Ida Haendel

Hans Müller-Kray

SDR Sinfonie-Orchester Stuttgart

hänssler

1955

41‘03

 

s. u.

3-4

Ane-Sophie Mutter

Kurt Masur

New York Philharmonic Orchestra

DGG

1997

40‘40

 

live, s. u.

3-4

Kyoko Takezawa

Colin Davis

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

RCA

~ 1993

43‘11

 

I kein stabiles Tempo, manche Abschnitte sehr gedehnt bis zum Stillstand, Davis überlässt der Solistin die Führung, T. 304-311 zu sentimental, II Davis zieht, Musik stellenweise wie durchgeknetet, Tempo jetzt besser, aber nicht optimal, Orchester etwas schwerfällig

3-4

Vaclav Hudeček

Jirí Belohlavek

Prager Sinfonie-Orchester

Panton      Supraphon

1980

36‘59

 

Hudeček betont sehr den virtuosen Anteil in diesem Konzert, ohne damit ganz zu überzeugen, z. B. gelingt im Finale das Arpeggio T. 70/71 nicht nach Vorlage, bedenklich sind die vielen Vibrati,  auf fast jeder langen Note, das klingt weinerlich, kitschig, auch sentimental – Belohlavek und sein Orchester (wunderbare böhmische Holzbläser) kaum gegensteuern

3-4

Pinchas Zukerman

Zubin Mehta

Los Angeles Philharmonic Orchestra

RCA

1994

39‘50

 

s. u.

3-4

Benjamin Schmid

Christian Mandeal

Bukarester Philharmoniker

Arte Nova

1996

40‘11

 

I etliche Tempomodifikationen, Orchester meist nur in Begleitrolle und zu sehr im Hintergrund agierend, nur solide, II gute Einleitung, Schmid setzt hier viel Vibrato ein, Musik wirkt deshalb unruhig, schwacher Höhepunkt T. 97, III gefällt am besten

 

 

3

Maxim Vengerov

Daniel Barenboim

Chicago Symphony Orchestra

Teldec

1997

39‘33

 

I Andante con moto zu Beginn, insgesamt gebremstes Tempo, Barenboim baut keinen Druck auf, nur Begleiter, nimmt das Espressivo T.136 f nicht ernst, Orchester oft klanglich nach hinten gerückt, Musik zerfällt in Einzelabschnitte, Vengerov spielt genau, sauber, steuert jedoch nichts Eigenes bei, bleibt eher im Unbestimmten, II Orchester wird kaum aktiviert, III von der Gestaltung her nicht besser als die vorangegangenen Sätze, Hörner T. 255 ff nicht markiert, vor dem Höhepunkt T 265 wenig Crescendo

3

Endre Wolf

Antony Collins

Sinfonia of London

World Record Club       forgotten records

1958

41‘32

 

I anfangs im Andante-Tempo, die Musik schleppt sich hin, teilweise fast bis zum Stillstand, einige schnellere Abschnitte können den problematischen Eindruck nicht zum Positiven wenden, II Solo-Oboe mit viel Vibrato, der Orchesterbeginn zerfällt in Abschnitte, man vermisst den Blick auf das Ganze, III ohne rechte Überzeugungskraft, auch wenn er den besten Eindruck hinterlässt

3

Arabella  Steinbacher

Fabio Luisi

Wiener Symphoniker

Orfeo

2007

42‘33

 

I kein festes Tempo, schleppend, schwerfällig, stellenweise fast Stillstand, ist das noch ein Konzert? II T. 1 und 2 verlangsamt, Orchester eher neben als mit der Solistin, III kompakter Orchester-Mischklang, weniger differenziert, etwas zäh

3

Boris Belkin

Ivan Fischer

London Symphony Orchestra

Decca

1983

43‘18

 

I enorme Temposchwankungen, Brahms‘ Fingerzeige werden kaum beachtet, geschmäcklerisch, II sehr gut gestaltete Einleitung, Fischer sorgt für ein offenes Klangbild, Belkin verschenkt den Höhepunkt T. 96-98, III gemäßigtes Tempo, geringere Vitalität

3

Raphael Oleg

Libor Pešek

Royal Liverpool Philharmonic Orchestra

Denon

1991

40‘49

 

T. 8 zusätzlich verlängert, kein einheitliches Tempo, Satz zerfällt in Einzelabschnitte, sinfonischer Unterbau nicht hörbar, ziemlich spannungslos, II etwas nüchtern, III ohne spezifische Physiognomie, geringe Vitalität, brav – insgesamt etwas künstlicher Klang

 

 

2-3

Pinchas Zukerman

Daniel Barenboim

Orchestre de Paris

DGG

1979

40‘55

 

s. u.

 

2-3

Nigel Kennedy

Klaus Tennstedt

London Philharmonic Orchestra

EMI

1990

45‘47

 

Kennedy im Booklettext sinngemäß: romantische Musik dient der Vermittlung von Emotionen. Seine Interpretation jedoch ist eine träge Angelegenheit, die Musik tritt in den ersten beiden Sätzen auf der Stelle, im Adagio setzt er erst nach 2‘54‘‘ ein. Das Finale ist etwas besser, jedoch keineswegs feurig, auch hier wird die Musik eher buchstabiert.

2-3

Janine Jansen

Antonio Pappano

Santa Cecilia Orchester Rom

Decca

2015

38‘21

 

live - I E T. 6-8 ganz feierlich, Tempowechselbäder, übertriebenes Vibrato T. 304-311, Jansen neigt immer wieder zum Säuseln, Orchester tritt meist zugunsten der Solo-Vl. zurück, wie zu Mono-Zeiten, Solistin und Dirigent lassen sich nicht auf das Potential des Satzes ein! II Solistin streift oft die Grenze zum Sentimentalen, T. 75/76 geradezu kitschig, III Jansen neigt zu eklektischer Vortragsweise – man hat den Eindruck, dass der Dirigent seiner Aufgabe als verantwortlicher Leiter nicht gerecht wird

 

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen:

 

Fritz Kreisler

Aller aufnahmetechnischen Widrigkeiten zum Trotz empfehlen sich Kreislers Schallplatten als Klassiker des Brahms-Konzerts, auch wenn ihm andere Geiger technisch überlegen waren. Was sie von jenen abhebt ist der höhere Grad an Authentizität, denn Kreisler „…konnte (...)noch aus der örtlichen, zeitlichen und geistigen Nähe zu Brahms schöpfen – und uns die daraus geborene musikalische Vorstellungswelt durch seine Interpretation vermitteln“ (Joachim Hartnack). In der älteren Aufnahme (1929) stand Leo Blech am Pult, der für eine strukturbezogene Darstellung gekoppelt mit intensiver Gestaltung des Notentextes sowie für eine hinreichende Tempokonstanz sorgte. Im 2. Satz besticht Kreisler mit seinem erzählenden Ton. Die nur sieben Jahre später entstandene Platte mit John Barbirolli ist nicht ganz so bewegt ausgefallen, auch das Klangbild zeigt wenig Verbesserung. Kreisler musiziert hier etwas rhapsodischer (unruhiger) als früher. Die Herabstufung erfolgt aufgrund des hier jämmerlichen Oboenklangs des später anerkannten englischen Oboisten Leon Goosens, der auch im Adagio mit zu viel Vibrato aufwartet. Thomas Beecham trieb ihm das beim Wechsel in sein RPOL aus, siehe die Aufnahme mit Stern/Beecham.

Adolf Busch

Mit Adolf Busch sind zwei gegensätzliche Interpretationen des Brahms-Konzerts als Konzertmitschnitte überliefert, bei der ersten (1943) erleben wir Busch im Ausnahmezustand, danach (1951, ein Jahr vor seinem Tod) und eher normalen Bedingungen. In der New Yorker Aufführung erkenne ich die klassische Darstellung des Konzerts auf der Grundlage der Partitur. Mit spürbarer Vitalität und Hingabe sowie gestalterischem Ernst, bestens akzentuiert und nahezu in einem Tempo wird hier musiziert, wobei Solist und Dirigent sich in der Auffassung einig sind. Das Adagio wirkt trotz eines straffen Tempos doch noch gelassen und mit überschäumender Musizierlaune im Finale geht das Werk zu Ende. Trotz des kaum optimalen Klanges möchte ich allen jungen Geigern und Dirigenten, wenn sie das Brahms-Konzert aufführen wollen, diese CD zum Studium wärmstens empfehlen.

Die zweite Aufnahme von Adolf Busch entstand an seiner früheren Wohnstätte Basel mit dem dortigen Sinfonie-Orchester unter Leitung von Hans Münch, dem Bruder von Charles Münch. Auch in diesem Mitschnitt kann man die Qualitäten von Buschs Geigenspiel hören, Münch hatte gewiss andere Vorstellungen von der Darstellung des Konzerts wie sein Kollege William Steinberg, so hört man hier immer wieder leichte Tempoänderungen im Kopfsatz, trotzdem liegt hier eine glaubhafte Interpretation vor, die eine Höhereinstufung verdient hätte, wäre da nicht der schlechte klangliche Zustand der CD mit Gleichlaufschwankungen und Nadelsprung in den T. 22 zu 23 sowie ständigem Rauschen der Acetatplatten.

Joseph Szigeti

Innerhalb von zwanzig Jahren entstanden mit dem ungarischen Meistersolisten drei Aufnahmen des Brahms-Konzerts. 1928 spielte er es in Manchester mit dem Hallé-Orchester unter Leitung von Hamilton Harty ein. Klanglich unterscheidet sich die Platte wenig von denen von Kreisler, Huberman und anderen Geigern aus dieser Zeit: vorgezogene Violine, Orchester kompakt festgehalten und außer bei Tutti-Stellen zurückgenommen. Im Vergleich zu Kreisler fällt Szigetis genau fokussierter, etwas herber, jedoch schlanker unverzärtelter Geigenton auf, spätere Interpreten werden hier anknüpfen. Der Kopfsatz wird drängend, bei einigen Tempomodifikationen, jedoch weniger erlebend dargeboten. Auch das Adagio ist immer lebendig, wobei der Solist einen hohen Anteil hat. Nicht gefällt mir in diesem Satz der aufdringlich klingende Schalmeienton der Oboe. Das Finale überzeugt durch einen männlichen Vortragstil gepaart mit überzeugendem Tempo, das jedoch nicht immer stabil ist. Mit erheblich verbesserter Klangttechnik wurde Szigetis zweite Aufnahme in Philadelphia mit dem dortigen Orchester, das schon damals unter der Leitung von Eugene Ormandy spielte, für Columbia aufgezeichnet. Szigetis Geigenton ist hier viel vorteilhafter abgebildet. Ormandy lässt ziemlich tempokonstant spielen, außer die überraschend schnell genommenen Eingangstakte der Reprise, und befindet sich in gutem Einvernehmen mit dem Solisten. Das Orchester klingt immer noch kompakt, besitzt jedoch mehr Transparenz als in den anderen Szigeti-Aufnahmen. Der langsame Satz wird bewegter vorgetragen, auffallend der ausdrucksvolle Mittelteil, im Gegensatz zur Partitur allerdings nicht p gespielt. Für das Finale lässt man sich ein wenig mehr Zeit als in den anderen Aufnahmen, ohne dass ein Spannungsabfall zu verzeichnen ist. Aus dem Jahre 1948 ist ein Mitschnitt mit Dimitri Mitropoulos am Pult der New Yorker Philharmoniker überliefert. Hier stören jedoch die Laufgeräusche der alten Acetat-Platten. Der Solist verfügte jetzt nicht mehr über seine frühere technische Meisterschaft, einige Drücker sind kaum zu überhören. Im 2. Satz gelingt es dem Dirigenten nicht so konzentriert spielen zu lassen wie Harty und Ormandy in den Vorgängeraufnahmen. Beim Finale sieht es besser aus.

Jascha Heifetz

Heifetz hat das Violinkonzert zwei im Studio eingespielt, 1939 mit Serge Koussevitzky und dem Boston Symphony Orchestra, am bekanntesten ist jedoch die Aufnahme in Partnerschaft mit Fritz Reiner. Hinzu treten hier noch zwei Konzert-Mittschnitte mit Arturo Toscanini und George Szell. Viele Musikfreunde sind der Meinung, dass der Geiger seinen Part zu leicht und locker nehme, zu schön und weniger romantisch spiele, weniger herb, eine geringere Beziehung zu Brahms besitze als z. B. Oistrach, Milstein oder Schneiderhan. Letzteres mag stimmen, aber Heifetz setzt sehr genau den Notentext um, sicher auf seine persönliche Weise, nach seinem Geschmack und nimmt ihn jedoch ernster als viele seiner Kollegen, vor allem was die Behandlung der Tempi anbelangt, er wagt nur geringe Rubati aber wenige Tempowechsel. Beeindruckend sind die punktgenauen Wechsel bei der Artikulation. Die Solostellen T. 164 ff, T. 246 ff und T. 405 ff  werden wie verlangt f gespielt jedoch nicht pathetisch herausgestellt, sondern vom musikalischen Zusammenhang her gesehen. Im 2. Satz spielt Heifetz dolce, aber nicht süßlich, das Finale wird rhythmischer vorgetragen als auf anderen Platten. Fritz Reiner ist ihm dabei ein gleichgesinnter Partner bei stringentem und vitalem Musizieren, ein Interpretationsmerkmal ist auch, dass es gelingt Spannung und Entspannung auf engem Raum zu vollziehen, dies wird immer wieder einmal überspielt.

Heifetz‘ erste Einspielung, mit Koussevitzky, ist, was das Orchester anbelangt, etwas konventioneller ausgefallen. Die Einstellung des Dirigenten zum Notentext zeigt sich gleich zu Beginn in T.6/7: während Reiner im Metrum bleibt, verzögert Koussevitzky des Effektes wegen das Tempo. Das lässt sich an vielen anderen Stellen auch beobachten. Aber auch Heifetz genießt die Schönheit der Melodie, wenn die Geige zum ersten Mal das Hauptthema (T. 136 ff) spielen darf. Diese Einwände wiegen jedoch gering im Vergleich zu späteren Interpretationen. Das Klangbild ist aufnahmebedingt kompakt bei vorgezogener Solostimme.

Der Mitschnitt mit Toscanini am Pult ist nicht konkurrenzfähig in Bezug auf das ständige Grundrauschen im Hintergrund, sein entferntes Klangbild sowie die insgesamt geringere Präsenz. Der sonst als strenger Wahrer der Partitur bekannte Kapellmeister achtet kaum auf ein konstantes Tempo. Darin ist ihm sein Adept George Szell hier weit überlegen, wovon der Mitschnitt aus dem Jahre 1951 zeugt, der als einer der ganz wenigen Orchesterleiter für ein wohltuend einheitliches Tempo sorgt, ohne den romantischen Untergrund des Violinkonzerts zu verleugnen, eine große Interpretation! Das Klangbild ist zwar auch kompakt, hat aber mehr Transparenz und rauscht weniger. In beiden Mitschnitten ist der Pausenbeifall zwischen den Sätzen festgehalten.

Nathan Milstein

Der russisch-amerikanische Geiger hat das Violinkonzert von Brahms sehr oft im Konzertsaal vorgetragen und auch dreimal im Studio eingespielt, zum ersten Mal mit William Steinberg, mit dem er auch die Violinkonzerte von Beethoven, Mendelssohn, Bruch (1), Tschaikowsky, Dvorak und Glasunow aufnahm. Dirigent und Solist waren sich einig, das Konzert ohne die fast üblich gewordenen Tempomodifikationen und Rubati, also mehr im klassischen Stil aufzuführen, was nicht heißt, dass diese vollständig verbannt, jedoch weniger exzessiv eingesetzt werden. Milstein pflegte einen schlanken und doch ausdrucksstarken Geigenton, ein zuverlässiges Akkordspiel sowie die großen Bögen. Mich beindrucken immer wieder auch die deutlichen Wechsel in der Artikulation, auch noch im Piano, die dazu beitragen, die Musik lebendig werden zu lassen. Im atmosphärereichen 2. Satz überzeugen immer wieder organischer Spannungsaufbau und Lösen der Spannung. Die Mono-Aufnahme klingt noch leicht kompakt, Steinberg sorgt aber für eine gute Differenzierung des Orchesters. Am Anfang des Stereozeitalters wurde in London eine zweite Einspielung getätigt, Anatole Fistoulari leitete damals das Philharmonia Orchester. Die Aufnahme kann in keiner Weise mit der früheren mithalten, im Gegenteil: Der Dirigent bringt sich kaum als Mitgestalter ein, das Orchester spielt, zumindest im Kopfsatz, ziemlich lustlos und hängt sich mehr an den Solisten, als tätkräftig einzugreifen. Die vielen Pizzicati der Bässe im Finale sind zwar da, erfüllen aber nur selten ihre von Brahms zugedachte Funktion innerhalb des Kompositionsplanes. Eine vertane Change, da Milsteins nächste und gleichzeitig letzte Studio-Produktion mit den Wiener Philharmonikern und Eugen Jochum am Pult 14 Jahre später erfolgte, nachdem der Geiger zur DGG gewechselt war. Jochum folgt eher der traditionellen Auffassung, das macht sich gleich in den T. 6/7 bemerkbar, die deutlich abgesetzt werden. Milstein zählte damals bereits 71 Jahre, was man seinem Geigenspiel anmerkt, das zwar immer noch enorme Gestaltungskraft aufweist, m. E. jedoch etwas das Leichte und Lockere eingebüßt hat. Im Adagio kommen die Takte 56-59 nicht mehr so erfüllt und klar, der oben beschriebene Wechsel in der Artikulation geht nun nicht mehr so mit leichter Hand. Die Wiener Philharmoniker spielen weniger geschlossen als ihre amerikanischen Kollegen.

Zwei Konzertmischnitte sind aus dem Jahr 1950 erhalten, mit Victor de Sabata und den New Yorker Philharmonikern sowie mit Pierre Monteux und dem Concertgebouw Orchester. Kraftvoll, männlich, aber auch molto espressivo gestalten der italienische Dirigent und Milstein den Kopfsatz bei nur geringen Tempomodifikationen, es schließt sich ein erfüllt musiziertes und atmosphärereiches Adagio an. Das Finale ist sehr lebendig, vital, einfach  überzeugend. Beim Mitschnitt aus Amsterdam fallen die vielen Veränderungen beim Tempo auf, Monteux ist sicher ein starker Begleiter, dirigiert aber mit weniger Stil als später bei Szeryng. Klanglich kann dieser Mitschnitt nicht überzeugen, da die Geige zu sehr nach vorn gezogen ist, der Klang ist kompakt und wenig transparent, zudem stört das Rauschen der Acetat-Platten. Klanglich viel besser, aber auch musikalisch zufriedenstellender ist der Mitschnitt von den Luzerner Musikfestwochen 1957, damals leitete Herbert von Karajan sehr aufmerksam das damalige Festspielorchester.

Erica Morini

Die beiden angebotenen Mitschnitte des Brahms-Konzerts aus New York können klanglich nur ein schwacher Ersatz für eine Studio-Aufnahme sein, künstlerisch dagegen überzeugen sie mehr. Der Brahms-Dirigent Bruno Walter sorgte 1953 für ein tragbares sinfonisches Gerüst des Kopfsatzes mit einem spannungsvollen Aufbau bei ziemlich stabilem Tempo. Morini ist eine souveräne Solistin, geradezu wild gestaltet sie die staccato-Stelle T. 164 ff, setzt jedoch T. 362 aus, zwei Takte zuvor hört man ein undefinierbares Geräusch. Wunderbar ruhig und innig gestaltet geht der Mittelsatz vorüber, kraftvoll in überschäumender Musizierlaune das Finale. Bereits ein Jahr zuvor spielte die Solistin an gleicher Stelle das Brahms-Konzert, da stand George Szell am Pult. Er geht noch strenger zu Werke, nimmt sich mit Verve des Konzerts an, das ist schon faszinierend. So einen Totaleinsatz hört man heute fast überhaupt nicht mehr, da alles zu sehr im abgesicherten Modus abläuft. Im Bereich der Kammermusik fällt es allerdings besser aus. Leider ist der Mitschnitt an lauten Stellen übersteuert. Das Publikum in New York ist leider – für mich unverständlich – zu unruhig.  Morinis Studio-Aufnahme mit Artur Rodzinski entstand nach den Konzertmitschnitten, jetzt mit dem Royal Philharmonic Orchestra London. Rodzinski sorgt für ein stabiles Tempo in der Solo-Exposition, mit Eintritt der Solistin lässt das Tempo jedoch allmählich nach. An dieser Stelle achtet er trotz pp für deutliche Hörner, die sonst so oft unhörbar bleiben. Die oben erwähnte staccato-Stelle verläuft nun im Bereich des Normalen, dagegen erfreuen die T. 206 ff „Erinnerung an Wien“ besonders. Der 2. Satz klingt etwas trocken, im Finale brennt im Gegensatz zu den live-Aufnahmen nur ein warmes Feuer.

 Zino Francescatti

Eine vitale Gestaltung, gepaart mit rhythmisch genauer Artikulation, ein gesanglicher Vortrag, soweit es der jeweilige Notentext zulässt, sowie eine große Flexibilität sind die Hauptmerkmale von Francescattis Interpretation des Violinkonzerts von Brahms. Drei Aufnahmen stehen hier zur Diskussion. 1961 hat er es mit Leonard Bernstein in New York aufgenommen, der für einen sinfonischen Aufbau des Kopfsatzes sorgt, dabei zu Beginn die Takte 6-8 etwas hervorhebt aber das Tempo ziemlich stabil hält. Die Aufnahme ist durch ein ziemlich breites Klangbild ausgezeichnet, jedoch in den Ecksätzen bei lauten-Tutti-Stellen etwas kompakt ausgefallen. Im bewegt gespielten Adagio nehmen die gestalteten Spannungsbögen für sich ein und das Finale wird temperamentvoll sowie leidenschaftlich vorgetragen. Dieser sehr guten Aufnahme steht eine weitere zur Seite, die 1974 beim Südwestfunk unter Leitung von Ernest Bour im Studio aufgezeichnet wurde, Francescatti war damals bereits 72 Jahre alt, verfügte noch über die frühere Vitalität, jedoch ließ die Leuchtkraft seines Geigentons im Finale etwas nach. Noch mehr als Bernstein agiert Bour als Anwalt der Partitur, der u. a. die verschiedenen Stimmführungen offenlegt. Auch Francescatti verwirklicht Brahms‘ grazioso-Vorschrift in den Takten 312-330 hier am besten. Bei den Sätzen 2 und 3 bleiben kaum Wünsche offen.

Des Geigers älteste Aufnahme ist ein Konzert-Mitschnitt aus dem Jahre 1958 von den Salzburger Festspielen, am Pult der Wiener Philharmoniker stand Dimitri Mitropoulos. Hier klingt das Orchester weniger inspiriert, eher pauschal. Das Adagio besitzt eine geringere Intensität und das Finale hat zwar Vitalität, jedoch weniger Leidenschaft als bei Bernstein. Negativ ins Gewicht fällt der entfernte Klang mit einer insgesamt geringeren dynamischen Breite, in Tutti-Partien wirkt er recht kompakt, das gibt der Aufnahme auch eine gewisse Blässe.

Gioconda de Vito

Die italienische Geigerin ist vielen Musikfreunden kaum bekannt, ihr Wirkungskreis war hauptsächlich auf Europa beschränkt, die besten Jahre ihrer Karriere fielen in die Kriegszeit, damit hängt gewiss auch ihr schmales Plattenoeuvre zusammen. Ältere Musikfreunde, die sie evtl. noch im Konzertsaal erlebt haben, schwärmen von der kantablen Schönheit ihres Spiels, gepaart mit einer Differenzierung, die die anderer anerkannter Geigerinnen noch übertrifft. Im Gegensatz zu ihnen vermisst man vielleicht den beherzten Zugriff in den Ecksätzen. Was sagen ihre Aufnahmen? Gioconda de Vito hat das Konzert dreimal im Studio produziert, mit Paul van Kempen und Rudolf Schwarz für die Schallplatte, mit Ferenc Fricsay in der Berliner Jesus-Christus-Kirche für den Rundfunk. Daneben existieren noch Mitschnitte von Konzerten, hier sind Wilhelm Furtwängler und Eugen Jochum vertreten.

Die älteste Aufnahme entstand während des 2. Weltkrieges in Berlin. Paul van Kempen ist der Geigerin ein zuverlässiger Partner und sorgt für einen klassischen Stil, der auch von der Solistin mitgetragen wird, eher sachlich als gefühlsbetont, was besonders im Adagio auffällt. Der 1. Satz wird hier schneller gespielt als in den anderen vier Aufnahmen, wenn jedoch de Vito ins Spiel eingreift, geht das Tempo etwas zurück, wie auch in ihren anderen Interpretationen. Dem Finalsatz fehlt es etwas an Vitalität. Das Klangbild ist zeitbedingt kompakt und etwas entfernt. Die folgende Aufnahme entstand wieder in Berlin, für den RIAS, diesmal stand Ferenc Fricsay am Pult seines Orchesters. Fricsay ist nicht unbedingt als Brahms-Dirigent bekannt, bekennt sich jedoch für den sinfonischen Aufbau des 1. Satzes, in dessen Durchführung man vom Drive des Musizierens beeindruckt wird. Ausdrucksvoll erklingt der Mittelsatz, in dem die Geigerin einen hohen Bogendruck gepaart mit viel Vibrato bevorzugt (auch in den anderen Aufnahmen), jedoch nicht die genaue Stelle für den Höhepunkt in T. 97 trifft, das ist später auch so. Trotz des etwas langsameren Tempos des Finales strahlt die Musik im Vergleich zu den anderen Aufnahmen doch viel Vitalität aus, bewundernswürdig, auch in den anderen Aufnahmen, ihr Leggiero-Spiel in den Takten 37-48. Das Klangbild ist transparent und wird von den anderen Aufnahmen nicht getoppt.

Zwei Jahre später erfolgte dann in London die EMI-Studio-Produktion mit dem Philharmonia Orchester unter Leitung von Rudolf Schwarz. Schwarz macht nichts falsch, bleibt jedoch insgesamt zu sachlich. Im 2. Satz klingt das Orchester nicht so geformt wie bei Fricsay, der schon öfter bemängelte Klang der POL-Oboe passt nicht in das vom Komponisten wunderbar bereitete Stimmengewerbe. Im Jahre 1952 traf  de Vito in Turin mit Wilhelm Furtwängler zusammen, der überlieferte Mitschnitt kündet von einem guten Einvernehmen der beiden Musiker, romantisierende Tempomodifikationen müssen allerdings akzeptiert werden. Leider ist der Klang der Platte (professionell aufgenommen?) wenig zufriedenstellend, im 2. Satz sind die Bläser in den Takten78/79 kaum zu hören, auch wurde die Aufnahme auf Acetat-Platten, deren Zeit eigentlich vorbei war, gespeichert. Beim Mitschnitt mit Eugen Jochum fällt auf, dass sich de Vitos Geigenspiel immer noch auf derselben Höhe bewegt und dass sich ihre Interpretationsauffassung kaum geändert hat. Jochum ist ihr ein einfühlsamer Begleiter – akzeptabler Klang.

David Oistrach

Einer der bedeutendsten Interpreten der Brahmsschen Musik für Geige und insbesondere des Violinkonzerts war David Oistrach, es schien ihm wie auf den Leib geschrieben zu sein. Sein männlich kraftvolles Spiel mit rundem, klangvollem Ton von bewundernswürdiger   Tragfähigkeit überzeugte durch instrumentale Vollkommenheit, dazu trat eine gesunde selbstbewusste Grundhaltung des Musizierens. Unbedingt erwähnt werden muss auch die Tempokonstanz , die bei vielen Aufnahmen fehlt. Oistrach fühlte sich wohl selbst immer wieder zu diesem Konzert hingezogen, oft hat er es im Konzertsaal vorgetragen, zwei Mitschnitte sind in meiner Übersicht vertreten, dazu kommen vier Studio-Produktionen. Die älteste Einspielung stammt aus Moskau, am Pult des großen Radio-Sinfonie-Orchesters der UdSSR stand Kyrill Kondraschin, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Es ist eine Spitzenaufnahme, der Hörer muss jedoch über einige technisch bedingte Unzulänglichkeiten im Klaren sein: Die Geige wird in Solo-Abschnitten nach vorn gezogen und das Orchester nach hinten gerückt, auch die Transparenz entspricht nicht heutigen Maßstäben. Im 2. Satz, den Oistrach intensiv erzählt, stört das übermäßige Vibrato des 1. Horns. Der Klang der Aufnahme ist jedoch, im Vergleich zu den meisten anderen Aufnahmen aus der damaligen UdSSR, erstaunlich präsent. Zusätzlich wertet das schnellere Tempo in den Ecksätzen die Aufnahme auf. Eine weitere Aufnahme mit Kondraschin wurde 1963 in London auf einer Tournee der Moskauer Philharmoniker mitgeschnitten, das noch etwas schnellere Tempo führt zu einem lebendigen Vortrag bei verbesserten Klangverhältnissen. Diese findet man auch bei Oistrachs Studio-Aufnahme von 1960 mit Otto Klemperer in Paris. Hier kommt Oistrachs in höchsten Lagen noch voller Ton sehr zum Tragen. Man kann seine satten Doppelgriffe und Sexten sowie den in lyrischen Partien warmen Geigenton bewundern, der auch in vertrackten Passagen kaum forciert klingt. Leider stehen dem Klemperers maßvolle Tempi etwas entgegen. George Szell ist bei Oistrachs letzter Aufnahme auch nicht schneller, man beobachtet nun einen etwas erhöhten Bogendruck bei Oistrach, der ansonsten nach wie vor souverän agiert. Das Klangbild ist zwar transparent, jedoch etwas dichter, besonders in lauten Tutti-Abschnitten. Was diese Aufnahme so wertvoll macht ist, wie Szell den Anfang des Adagios zum spannenden Ereignis werden lässt, was sich dann bis zum Satzende fortsetzt. Auch das Finale ist so langsam wie bei Klemperer, aufgrund  eines höheren Grades der Lebendigkeit des Musizierens man merkt dies jedoch nicht. Eine empfehlenswerte Platte ist auch die mit Franz Konwitschny am Pult der Staatskapelle Dresden aus dem Jahre 1954, die für die Zeit ihrer Aufnahme recht gut klingt. Der 2. Satz kommt anfangs etwas gezogen, das ändert sich aber sofort mit dem Eintritt des Solisten. Der Mitschnitt aus Prag mit Antonio Pedrotti am Pult der Tschechischen Philharmonie bestätigt den besonderen Rang Oistrach bei der Interpretation des Brahms-Konzerts, ist aber mit klangtechnischen Mängeln behaftet; so dass sich bei der Fülle der genannten Aufnahmen keine Empfehlung ausgesprochen werden kann.

Yehudi Menuhin

Meine früheste Aufnahme des Brahms‘-Konzert mit Menuhin stammt aus dem Jahre 1949 und ist ein Mitschnitt von den Luzerner Festwochen. Furtwängler stand damals am Pult und sorgt für das sinfonische Gerüst  des Kopfsatzes und hält daran fest, wohlgemerkt in romantischem Geist. Inspiriert und atmosphärisch dicht folgt dann der 2. Satz. Furtwänglers Mitwirken macht die Aufnahme so wertvoll, da neben dem Mitschnitt aus Italien mit G. de Vito leider keine weitere Furtwängler-Aufnahme zu existieren scheint. Menuhin spielt innerhalb der Vorgaben, geigerisch jedoch nicht immer unangefochten, oft bemüht, hölzern, seine Tongebung ist wenig flexibel und hier und da gefährdet. Einen viel besseren Eindruck hinterlässt der Geiger auf der Studio-Einspielung mit Rudolf Kempe und den Berliner Philharmonikern, ich hätte mir jedoch noch mehr Farbe in seinem Spiel gewünscht. Kempe ist ein aufmerksamer Begleiter, im Kopfsatz scheint ihm der romantische Tonfall näher zu stehen als das die Erfüllung des sinfonischen Unterbaues. Der Klang ist jetzt offener.

Henryk Szeryng

Innerhalb eines Zeitraums von 15 Jahren entstanden mit Szeryng drei Studio-Aufnahmen, wobei jedoch die Qualität der Interpretation nicht mit der fortschreitenden Klangtechnik einherging. Eine Spitzenaufnahme ist die Produktion, die zusammen mit Pierre Monteux in London entstand. Monteux legt Wert auf eine deutliche Betonung des Sinfonischen, er lässt ziemlich tempokonstant spielen, Solist und Dirigent sind auf einer Wellenlänge und bilden ein sehr gutes Team, die Musik hat Kontur, trotz des Alters der Aufnahme erklingt die Musik transparent, mit Hingabe wird das Finale musiziert. Wenige Jahre später wechselte der Geiger von RCA zu Mercury. Mit demselben Orchester (LSO), jetzt stand Antal Dorati am Pult, wurde erneut das Brahms-Konzert eingespielt, ohne offensichtliche Notwendigkeit. Dorati ist ein Anwalt der Partitur, lässt insgesamt jedoch nicht so geschmeidig spielen und bietet etwas weniger Drive als Monteux, auch die Tempi sind weniger konstant. Das Adagio erscheint anfangs etwas nüchtern, der Übergang T. 14/15 kommt nicht ganz organisch. Das Finale fällt geringfügig schneller aus, ohne lebendiger zu wirken. Insgesamt ist die Aufnahme nicht so profiliert wie ihre Vorgängerin. Das gilt noch weniger für Szeryngs letzte Aufnahme mit Bernard Haitink und dem Concertgebouw Orchester. Die Orchester-Exposition ist etwas klobig geraten, ein deutlich langsameres Tempo führt hier zur Langatmigkeit, dazu kommen Tempowechsel, man spürt, dass der sinfonische Rahmen fehlt. Im 2. Satz ist die Einleitung der Bläser nur lose geformt, auf Grund des langsamen Tempos fehlt der Kontrast zwischen den Sätzen 1 und 2, darunter leidet die Spannung. Das Finale läuft wie von selbst, Haitink beschränkt sich auf eine solide Führung.

Besser gefällt der Konzertmitschnitt aus München mit Rafael Kubelik am Pult, auch wenn der Dirigent mehr die Rolle als Begleiter denn als Mitgestalter einnimmt, das sinfonische Gerüst des Kopfsatzes wird kaum deutlich. Auch hat die Klangtechnik den Solisten zu weit nach vorn gezogen, im Herkulessaal mag es ausgeglichener geklungen haben. Die Einleitung im Adagio kommt etwas geschwind daher, weniger ausdrucksvoll, der Eindruck bessert sich jedoch gegen Satzende. Am gelungensten erscheit das unbeschwert dahinziehende Finale.

Ginette Neveu

Die Karriere der französischen Geigerin dauerte eigentlich nur vier Jahre, sie starb bei einem Flugzugabsturz auf den Azoren, zusammen mit ihrem Bruder und Begleiter. Nur etwas mehr als eine Hand voll Aufnahmen, von denen die meisten noch vor dem 2. Weltkrieg entstanden sind, erinnern an die bedeutende Musikerin, darunter auch das Brahms-Konzert, das mit dem damals noch jungen POL unter Leitung des russischen Dirigenten Issay Dobrowen entstanden ist. Trotz der unausgereiften Klangtechnik lässt hier das männliche, konzentrierte und erfüllte Geigenspiel gut verfolgen, z. B. bei der Eröffnung des Finalsatzes mit dem scharf umrissenen Thema. Dobrowen agiert in guter Partnerschaft, kümmert sich um den sinfonischen Aufbau des Kopfsatzes und hält zu tempokonstantem Spiel an. Im Gegensatz zu vielen anderen Kolleginnen und Kollegen setzt sie den Höhepunkt im Adagio nicht in Takt 97, Brahms schreibt dort auf dem zweiten Viertel für die Orchesterinstrumente ein Diminuendo, sie sollen also leiser werden und der Solo-Violine, bei der diese Angabe fehlt, den Vortritt lassen. Ginette Neveu zieht mit einem ausdrucksvollen Spiel den Höhepunkt bis in den folgenden Takt und erfüllt damit m. E. genau den Willen des Komponisten, erst danach lässt sie den Abgesang folgen.

Nach ihrer Plattenaufnahme hat die Geigerin das Brahms-Konzert vermutlich immer wieder gespielt, darauf deuten die drei erhaltenen Konzertmitschnitte aus den Jahren 1948/49 hin. Leider sind die Rundfunkaufnahmen nicht das Gelbe vom Ei, der Mitschnitt vom 25.04.48 mit Roger Desormière entstand beim Südwestfunk in Baden-Baden und ist bei lauten Stellen total übersteuert, was immer wieder zu Verzerrungen führt, schade, denn der Dirigent lässt sehr partiturnah spielen. Knapp zwei Wochen später ist Neveu beim NDR Sinfonie-Orchester in Hamburg zu Gast, dessen Dirigent Hans Schmidt-Isserstedt in Bezug auf das Tempo des Kopfsatzes doch konzilianter verfährt als Dobrowen und Desormière. Das junge Orchester spielt noch nicht auf der Höhe der späteren Jahre, das ausdrucksstarke Spiel der Geigerin ist jedoch gut eingefangen, ein Höhepunkt ist auch hier wieder der Mittelsatz. Klanglich ist der Mitschnitt, der ein Jahr später in Den Haag mit dem Residenz Orchester unter Leitung von Antal Dorati entstand, den Vorgängern etwas überlegen, das Klangbild hat mehr Präsenz, ist aber auch kompakt wie bei allen anderen Aufnahmen. Das ständige Knistern und Knacken der Acetat-Platten wird jedoch viele Interessenten vom Kauf der Aufnahme abschrecken. Dorati ist der Niveu ein guter Partner. Am besten ist der Plattensammler noch mit der Londoner Studio-Einspielung bedient.

Isaac Stern

Drei Studio-Aufnahmen des Brahms-Konzerts hat Stern der Musikwelt hinterlassen, die älteste entstand 1961 mit Thomas Beecham in London. Hier liegt eine von beiden Künstlern in bester Partnerschaft verantwortete eher undramatische Interpretation vor, die jedoch Brahms‘ Gedankenwelt intensiv ans Licht bringt. Stern ist ein fabelhafter Geiger mit schönem biegsamen Ton, der auch in höchster Lage noch angenehm klingt. Die Sätze 1 und 2 werden gelassen angegangen, nie forciert, fast schon kontemplativ, es fehlt allerdings der Kontrast zwischen diesen Sätzen. Erst im Finale wird die Musik lebendiger und feurig, es ist jedoch mehr ein inneres Feuer, das nicht ansteckt. Es ist keineswegs auszuschließen, dass diese Musizierhaltung nicht jedem Freund des Violinkonzerts gefällt.

Auch die folgende Stereo-Einspielung mit Eugene Ormandy (1959) übernimmt im Großen und Ganzen den früher eingeschlagenen Weg. Sie wirkt, trotz fast gleicher Tempi in allen Sätzen, etwas lebendiger und farbiger. Damit kontrastieren Satz 1 und 2 hier besser. Stern setzt insgesamt mehr Vibrato ein, deutlich zu beobachten im 1. Satz, wenn die Solo-Violine das Thema übernimmt (T. 136-142). Am besten gefällt auch hier der Finalsatz.

Die letzte Aufnahme entstand in Zusammenarbeit mit Zubin Mehta in New York. Diesem gelang es jedoch nicht Brahms‘ Struktur des Kopfsatzes herauszustellen, die vielen Tempowechsel stehen dagegen, das oben erwähnte Thema in der Solo-Violine wird ziemlich ausgewalzt. Es hat den Eindruck, dass sich der Dirigent dem Solisten anpasst als ihm ein Gerüst zu bieten. Sterns fährt das Vibrato hier wieder mehr zurück, in höheren Lagen klingt sein Ton weniger gerundet als früher. Der Orchesterpart des Finales, das jetzt weniger lebendig gespielt wird, klingt etwas in Richtung pflichtgemäßer Erledigung.

Arthur Grumiaux

Grumiaux hat das Brahms-Konzert zweimal für das Philips-Label eingespielt, zunächst mit Eduard van Beinum und dem Amsterdamer Concertgebouw Orchester, der über die Einhaltung des sinfonischen Gerüsts wacht und eine Einheitlichkeit der Darstellung garantiert, dazu gehört auch die Einhaltung eines festen Tempos. Grumiaux erfreut mit einer intensiven Gestaltung des Soloparts, seine Tongebung tendiert mehr zum Herben als zum süßlich Schmeichelnden. Der 2. Satz wird bewegt genommen, überzeugend der zielgerichtete Aufbau zum Höhepunkt T. 97/98 hin, ein Quentchen weniger Vibrato bei der Solo-Oboe würde mehr gefallen. Das Finale wird mit Verve musiziert, könnte jedoch im Orchester stellenweise etwas lockerer ausfallen. Auch in der jüngsten Aufnahme hinterlässt Grumiaux noch eine sehr gute Figur, hat aber in Colin Davis und dem New Philharmonia Orchestra hier nicht adäquate Partner. Das Orchester klingt zwar geschliffener und der Klang ist abgerundeter, aber man spielt langsamer und zäher, das Sinfonische im Kopfsatz will nicht so recht durchblicken. Das Adagio gefällt besser, auch hier muss die Solo-Oboe erwähnt werden, die zu sehr hervortritt. Der Finalsatz ist langsamer als bei van Beinum und mit weniger Hingabe gespielt.

Leonid Kogan

In der Studio-Aufnahme mit Kyrill Kondraschin wählen die Künstler für den Kopfsatz ein im Vergleich recht zügiges Tempo, dem Dirigenten gelingt es den sinfonischen Gedanken zu wahren, lässt aber immer wieder geringe Tempoabweichungen zu. Ein phantasiereicher Vortrag mit Atmosphäre ist im Adagio zu vernehmen. Animato steigt Kogan in das Finale ein und das Orchester folgt ihm, was einen hervorragenden Eindruck hinterlässt. Das gilt auch für das Finale im Konzertmitschnitt mit Karel Ancerl und der Tschechischen Philharmonie vier Jahre zuvor, nicht jedoch für die beiden anderen Sätze. Der Solist ist klanglich immer vorgezogen und das Orchester agiert im Hintergrund. Auch hat man den Eindruck, dass Kogan führt und Ancerl samt Orchester nachziehen. Die Interpretation des 2. Satzes gefällt mir noch etwas besser, da lebendiger, als in der Studio-Produktion. Der Klang ist insgesamt kompakt sowie weniger präsent. Ein Jahr vor der Studio-Einspielung musizierte Kogan das Konzert in Zusammenarbeit mit Pierre Monteux und dem Boston Symphony Orchestra, der Mitschnitt ist u. a. bei Documents veröffentlicht. Auch hier erleben wir das souveräne plastische Geigenspiel des Solisten, der in bester Partnerschaft mit dem Dirigenten agiert, dabei achten beide auf flüssige und stabile Tempi. Ein lustbetontes Musizieren im Finale, wie es meist nur bei live-Aufnahmen zu beobachten ist, rundet den insgesamt sehr guten Eindruck ab. Leider kann die klangliche Seite da nicht ganz mithalten: Der Klang ist insgesamt kompakt, die Geige nach vorn gezogen und bei lauten Tutti-Stellen gibt es klangliche Verzerrungen, schade!

Ida Haendel

Das Beste auf Ida Haendels Einspielungen des Brahms-Konzerts ist ihr runder schöner Geigenton, der immer wieder den Hörer erfreut, besonders gut ist das im wunderschön ausgesungenen langsamen Satz zu verfolgen, sowohl beim Dirigenten Celibidache als auch bei Müller-Kray, letzterer nimmt das Tempo hier etwas schneller als sein Kollege. Weniger angetan ist man mit dem Umgang des Tempos im Kopfsatz, dass keinesfalls als stabil zu bezeichnen ist. Immer wieder, wenn die Geigerin nach einem Orchesteranschnitt einsetzt, wird sie zugleich langsamer und die Dirigenten folgen ihr dann, diese eigensinnige Auslegung ist nicht durch die Partitur abgedeckt. Bei Müller-Kray zerfällt der Satz in Abschnitte, die teilweise wie buchstabiert klingen. Zwei weitere Eigenwilligkeiten sollen noch erwähnt werden: In T. 96 spielt sie in beiden Aufnahmen staccato statt legato und in T. 364 legato statt non legato. Im Finale kommen die Musiker des POL erst in der zweiten Hälfte richtig in Fahrt, das SDR-Orchester spielt hier wenig geschmeidig.

Christian Ferras

Zweimal hat der französische Geiger das Brahms-VK im Studio aufgenommen. 1954 stand Carl Schuricht am Pult der Wiener Philharmoniker, der für ein schlankes Musizieren sorgt, der Klang ist von der Tontechnik in Tutti-Abschnitten jedoch zu kompakt aufgenommen und hat eine geringere Transparenz. Im Adagio ist der Hörer Zeuge einer genau gestalteten Exposition vor Eintritt des Solisten, übrigens ist der Klang hier wesentlich besser. Ferras spielt ziemlich souverän, im 2. Satz auch mit mehr Expressivität als vorher. Hier überspielt er leider die farbgebenden Töne a und h in den Takten und 72 f, übrigens in allen drei Aufnahmen. Zu Beginn des Finales spielt er im Thema die vier Achtel in T. 3 mehr legato als staccato, in der späteren DGG-Aufnahme Achtel 1-3 legato, Achtel 4 staccato. Damit wären wir bei Herbert von Karajan als Mitgestalter sowie aufmerksamer Begleiter, auch er ist ein Anwalt des Sinfonischen. Im Adagio glänzt der Geiger mit einem schönen Ton und Expressivität. Leider fehlt der ansonsten gelungenen Aufnahme im Finale etwas Drive.

Ein Jahr vor seiner ersten Studio-Produktion spielte Ferras das Brahms-Konzert in Frankfurt mit dem Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks, am Pult stand damals Rudolf Kempe. Leider sind hier die Tempi in allen drei Sätzen mehr oder weniger gezogen, so ergibt sich im Kopfsatz der sinfonische Unterbau wenig zu erkennen. Im Adagio tritt die Musik auf der Stelle und das Finale klingt zu bemüht, ohne richtige Überzeugungskraft, eine entbehrliche CD-Veröffentlichung.

Itzhak Perlman

Carlo Maria Giulini hatte sich durch bemerkenswerte Einspielungen der vier Sinfonien sowie der Klavierkonzerte mit dem Philharmonia Orchester einen Namen als Brahms-Dirigent erworben, was lag näher, ihn auch bei der Aufnahme des Violinkonzerts mit dem Jungstar Itzhak Perlman einzusetzen? Trotz gegenteiliger Meinung einiger Rezensenten finde ich diese Wahl problematisch, da sich Giulinis Musikauffassung, besonders der Tempi, inzwischen gewandelt hatte, hin zum Bedächtigen und Gewichtigen. So legt er hier im Kopfsatz, nach Tennstedt/Kennedy und Davis/Takezawa das langsamste Tempo hin, die Musik schleppt immer wieder bis hin zum Stillstand, auf Dauer wirkt dies auf den Hörer sehr ermüdend, auch wenn Perlman mit wunderbar ausgefeiltem Geigenspiel aufhorchen lässt. Übrigens wird die Solostimme, wie in Mono-Zeiten, immer wieder klanglich nach vorn gerückt. Auch im Adagio setzt sich diese Musizierweise fort, aufgrund der fast gleichen Tempi ergibt sich jedoch kein Kontrast zum Kopfsatz. Dazu kommt ein nahezu anämisches Musizieren. Im Finale besinnt man sich endlich auf ein „normales“ Tempo, jetzt aber zu spät.

Vier Jahre zuvor spielte Perlman das Brahms-Konzert im Amsterdamer Concertgebouw unter Leitung von Willem van Otterloo, mit Temperament, kraftvollem Ton, ausdrucksvoll, aber auch, wenn verlangt, sehr zart. Dieser Mitschnitt überzeugt mehr, kann jedoch trotz der schnelleren Tempi in den ersten beiden Sätzen nicht so recht begeistern, da die Musik für mein Empfinden insgesamt zu statisch erscheint. Der 2. Satz ist näher bei Brahms, es wird mehr musiziert als bei Giulini.

Pinchas Zukermann

Zukermans erste Aufnahme entstand mit dem Orchestre de Paris unter Daniel Barenboim, der seiner Aufgabe als Mitgestalter dieses Konzerts im Sinne der Partitur nicht gerecht wird. Der 1. Satz leidet sehr unter einem langsamen Tempo, das ständigen Wechsel unterzogen wird. Der Satz bleibt ohne Gestalt, da das Orchester mehr in den Hintergrund verschoben wird und nur an Höhepunkten auftrumpfen darf. Eine thematische Entwicklung der Streicher etc. parallel zum Solisten findet kaum statt, vgl. z. B. T. 152 ff, die Musik wird nur gefällig dargeboten, bei mir stellt sich gähnende Langeweile ein. Leider steuert der Geiger durch z. B. forciertes Spiel nicht in eine Gegenrichtung, ihm fehlt auch ein spezifischer Tonfall für das Brahms-Konzert. Durch Angleichung der Tempi besteht kaum ein Kontrast zwischen den ersten beiden Sätzen, die Einleitung zieht sich, kaum gestaltet, hin und auch weiterhin wird der Partitur kein Leben eingehaucht. Das Finale, in der Gestaltung einfacher, hinterlässt noch den besten Eindruck, kann aber die Platte nicht retten.

Fünfzehn Jahre später trifft sich Zukerman mit Zubin Mehta und dem Los Angeles Philharmonic Orchestra zur zweiten Aufnahme. Leider bringt auch diese Platte keinen Durchbruch, zwar hat Mehta die Musik besser im Griff, schlägt aber auch ein mäßiges Tempo an und baut kaum Druck auf. Im Adagio ist das Orchester besser strukturiert, bringt jedoch zu wenig Spannung und dem Finale fehlt es an Schwung. Insgesamt kann man sagen, dass Zukerman von seinen Dirigenten nicht gefordert und zu wenig unterstützt wird, schade.

Gidon Kremer

Gerade in dem Moment, als Gidon Kremers Stern am westlichen Geigenhimmel aufgegangen war, verpflichtete ihn die EMI zusammen mit HvK und den Berliner Philharmonikern zur Aufnahme des Brahms-Konzerts. Die Platte wurde damals in der Zeitschrift FonoForum überschwänglich gelobt, vor allem was Kremers Geigenqualitäten anbelangte, sein nuancenreiches, geschmeidiges und lupenreines Spiel, der runde Klang seines Instruments, der noch in den tiefen Lagen sehr sonor heraus kam, dass trifft sicher zu. Karajans Beitrag stellt sich heute so dar: Ein in den Orchester-Tutti schwerfälliges, aufgeblähtes und Oberstimmen-betontes Spiel steht dem schlanken Geigenton des Solisten gegenüber. Das Tempo, nicht unbedingt zügig, wird ab T. 120 deutlich langsamer, T. 224 kommt die Musik fast zum Stillstand, beim 3. Thema T. 246 ff geht es dann etwas schneller weiter. Auch wenn die Orchester-Einleitung zum Adagio gefällt, spielen die Musiker doch zu zurückhaltend, insgesamt herrscht hier wenig innere Spannung, es klingt fast schon unterkühlt. Auch der Finalsatz klingt etwas schwerfällig, es werden eher Einzelabschnitte als ein Ganzes geboten. Allein von der Orchestergestaltung her wäre auch eine Herabstufung gerechtfertigt. Kremers meisterhaftes Geigenspiel veranlasst mich jedoch zu dieser Wertung.

Einige Jahre später, Kremer stand inzwischen bei der DGG unter Vertrag, traf sich der Geiger mit Leonard Bernstein und den Wiener Philharmonikern. Das Klangbild des Mitschnitts ist jetzt viel offener, jedoch steht der Solist mehr im Vordergrund. Die Tempomodifikationen fallen weniger stark aus als früher, Bernstein steht m. E. in dieser Aufnahme der Routine nicht fern. Das Adagio wird jetzt lebendiger musiziert, enthält auch mehr Espressivo. Mit einem furiosen Einstieg beginnt der 3. Satz, mit spürbarer Hingabe geht es bis zum Ende weiter. Diese Auffassung kommt Bernsteins Musikempfinden entgegen, das Orchester agiert allerdings etwas (zu) robust.

Bei Nikolaus Harnoncourt und dem Concertgebouw Orchester begibt sich Kremer in den Bereich der Klangrede, er stellt sich auf Harnoncourts Vorstellung des Brahms-Klangs ein, auch seine Geige ist nun mehr geerdet als früher. Dirigent und Solist geben dem Konzert seinen klassischen Rahmen zurück, d. h. weiniger gefühlvolles Schwelgen, stattdessen klare Linien und ein ziemlich stabiles Tempo, auch besitzt der Klang insgesamt weniger Saft als in den früheren Aufnahmen. Der Adagiosatz überzeugt durch eine fantasievolle Gestaltung, auch das schwungvoll gespielte Finale, beginnend mit Kremers furios kraftvollem Einstieg, spricht für diese Interpretation.

Anne-Sophie Mutter

Mutters erste Aufnahme des Brahms-Konzerts entstand noch in Zusammenarbeit mit ihrem Mentor Herbert von Karajan, der ihr mit den Berliner Philharmonikern einen guten Rahmen vorgibt, in dem sich ihr natürlich und locker klingendes Geigenspiel gut entfalten kann. Keine gute Idee war es jedoch, beim Eintritt der Solo-Violine im 1. Satz das Tempo zu drosseln sowie hier und da zu modifizieren. Bei der Solostelle T. 304-311 bewegt sie sich mit reichlich viel Vibrato an der Grenze des guten Geschmacks. Am Anfang des 2. Satzes lässt der Dirigent die Stimmführungen sehr deutlich hervortreten, auch dann, wenn A-S. Mutter hinzutritt, leider hat die Technik die Violinstimme wie in guten Mono-Zeiten, jetzt eigentlich nicht mehr Karajans Klangästhetik, (zu) sehr nach vorn gezogen. Der 3. Satz ist eher gewichtig als locker gespielt. Hervorzuheben ist wie HvK T. 73 ff die Hörner ausdrucksvoll herausstellt, das hört man so deutlich kaum noch einmal. Die zweite Aufnahme wurde in New York mit den dortigen Philharmonikern unter Leitung von Kurt Masur mitgeschnitten. Der Dirigent ist für die schwerblütige Orchesterexposition verantwortlich, die kaum einen Blick auf den sinfonischen Unterbau des Satzes zulässt, die Musik tritt abschnittsweise wie auf der Stelle. Das starke Vibrato der Solo-Violine T. 304-311 kippt hier fast schon zur Sentimentalität um, ebenso in den Takten 479-484. Insgesamt hinterlässt die Interpretation einen bemühten bis zähen Eindruck. Das setzt sich auch im Adagio fort. Mutters oben wohlwollend aufgenommenes Geigenspiel ist jetzt einem manieriert klingenden Vortragsstil (Portamenti!) gewichen. Der Finalsatz wird belebter absolviert, kann aber den Gesamteindruck nicht mehr beeinflussen.

Herzlichen Dank sage ich allen Freunden des Klassik-Prismas, die mich mit weiteren Aufnahmen unterstützt haben.

eingestellt am 30.06.17

letzte Ergänzung am 27.08.17

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