Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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4 Balladen für Klavier op. 10

Nr. 1 d-Moll, Andante

Nr. 2 D-Dur, Andante

Nr.3 „Intermezzo" h-Moll, Allegro

Nr.4 H-Dur, Andante con moto

Die vier Balladen op.10 entstanden in der Nachbarschaft der drei Klaviersonaten des Meisters. Einzig in der ersten bezieht er sich auf eine literarische Vorlage, die Ballade „Edward" von J. G. Herder, sie wurde übrigens viele Jahre später von ihm auch als Duett (op. 75 Nr. 1) vertont. Am bekanntesten wurde Herders Ballade durch die Vertonung von Carl Loewe.

Brahms‘ erste Ballade ist dreiteilig gestaltet: einem langsamen Beginn (A) folgt ein bewegter Mittelteil (B), danach endet das Stück in einem abgewandelten A-Teil (A‘). Im zweiten Stück fügt Brahms nach dem schnellen h-moll-Abschnitt (B) eine ebenso schnelle H-Dur-Episode (C) ein, molto staccato e leggiero zu spielen. Als Ausgleich zu der hurtigen Bewegung im Diskant und Bass schreibt Brahms dazwischen lang auszuhaltende Liegetöne, die hervorgehoben werden sollen. Dieser Abschnitt erinnert mich in der Stimmung sehr an die letzte Fantasie von Schumanns Kreisleriana op.16. Danach geht das Stück formal zurückgewandt zu Ende. Im Überblick erkennen wir folgende Form: A-B-C-B‘-A‘. Die dritte Ballade ist einfacher gestrickt: nach einem bewegten schnellen A-Teil, der wiederholt werden soll, folgt ein verträumter B-Teil in Fis-dur, ein Kuckuck mittendrin ist nicht zu überhören. Diese Ballade endet mit einem tonartlich modifizierten A-Teil. Das letzte Stück beginnt mäßig bewegt, espressivo vermerkt der Komponist für die Melodie der rechten Hand, was im Umkehrschluss eine Zurückhaltung bei der Lautstärke der Begleitfloskeln bedeutet. Auch im folgenden sehr ruhigen B-Teil (Fis-Dur) kümmert sich Brahms genau um die richtige Ausführung: mit innigstem Gefühl, ohne jedoch die Melodie (=Mittelstimme) zu stark hervorzuheben. Nach einer kurzen Reminiszenz des A-Teils folgt ein neuer Abschnitt, der mit seiner knappen Phrasierung etwas kurzatmig, resignierend klingt. Wichtig ist, dass die Interpreten hier im Tempo bleiben und nicht langsamer spielen, sehr gut getroffen hat diese Stelle Emil Gilels in der Brilliant-Aufnahme. An diesen Einfall wird sich der Komponist am Ende seines Lebens noch einmal erinnert haben, als er das Klavierstück op. 116 Nr. 5 schuf. Unsere vierte Ballade klingt mit einer Variante des B-Teils aus.

Sokolov

Opus 111

1993

26‘39

5

live – S. versetzt sich tief in Brahms‘ Gedankenwelt, geht dem Notentext auf den Grund, wie neu gehört, IV B sehr langsam, klingt wie depressiv, trostlos

Vogt

EMI

1998

25‘14

5

überzeugende Darstellung, schöner, runder Klavierklang

Kempff

DGG

1972

22‘43

5

immer schlanke Tongebung, Kempff als Nachschöpfer, bewegte Tempi, immer gesanglich

Kempff

Decca/DGG

1953

22‘45

5

trotz des Alters guter Klang, in der Darstellung der jüngeren Aufnahme ähnlich, Balladen 1 und 2 etwas langsamer, 3 und 4 etwas schneller als 1972

Oppitz

Eurodisc BMG

1989

24‘20

5

herber Brahms, kantig, teilweise verbissen, immer kerniger Klavierton, I im B-Teil in den ersten Takten Unterstimme deutlich hervorgehoben, IV langsam, etwas zu laut, im B-Teil deutliche Hst.

Benedetti Michelangeli

DGG

1980

25‘25

5

 

 

Rubinstein

RCA

1970

21‘43

4-5

immer mit Nachdruck gespielt, mehr klassisch, weniger romantisch, keine Tempoextreme, am besten die 2. Ballade

Gilels

Orfeo

1976

22'54

4-5

live

Gilels

Brilliant

1977

22‘42

4-5

live

Gilels

DGG

1975

24‘56

4-5

 

Krämer

Venus

2005

21‘22

4-5

jugendlich lockerer Vortragsstil, in den schnelleren Partien beherzt zugreifend, balladesker Ton

Benedetti Michelangeli

aura

1981

25‘29

4-5

live Lugano

Benedetti Michelangeli

aura

1977

27‘51

4-5

live Vatikan

Arrau

Philips

P 1979

24‘30

4-5

aus der Rückschau des Alters, gewichtig, mit Nachdruck, I im B-Teil gutes Cresc./Dim., II A schöne Arpeggien, jedoch wenig Duft, III ziemlich locker, mit viel Klangsinn in B, IV wehmütiger Ausklang

Tiberghien

HMF

2006

24‘13

4-5

keine Konzertsaalversion, eher intime, zerbrechliche Miniaturen, keine Extreme, liebevolle Gestaltung, als Alternative unbedingt zu empfehlen

Katchen

Decca

1964

20‘02

4-5

langsame Abschnitte nachdenklich, schnelle zupackend, I Cresc./Dim. im B-Teil nicht ganz ausgeschöft, III deutlicher Scherzocharakter, IV schneller alles üblich, Allegretto, Mitteilteil von B fast dramatisch, andere Sicht, die aber auch überzeugen kann

Zimerman

DGG

P 1979

24'10

4-5

I empfindsam, schlank, im B-Teil deutlich, jedoch nicht auftrumpfend, II A: bewegt, nicht schleppend, B: kräftig, aber maßvoll, schönes espressivo T. 139 bis zum Satzende, III Z. Hört in die Musik hinein und lässt den Hörer Anteil nehmen, IV B: mit weniger Ausdruck, fahl – schöner runder Klavierton, dem es jedoch etwas an Leuchtkraft mangelt

Afanassieff

Denon

1993

28‘22

4-5

immer mit sehr viel Nachdruck, die Stücke ganz in die Nähe der späten Klavierstücke op. 116-119 gerückt, weniger innig, wie gefroren, aus einer Distanz betrachtet

Boyde

Oehms

2006

25‘06

4-5

I A-Teil nachdenklich, B sehr offener Klang, etwas drahtig, II A ausdrucksvoll, schöne Arpeggien, B kräftig akzentuiert, III Fis-Dur Mittelteil etwas langsam, sehr zart vorgetragen, IV ausdrucksvoller B-Teil – insgesamt sehr ausgeglichen

Lahusen

BR

1997

23‘50

4-5

unveröffentlicht – insgesamt herb, balladesk, stimmig, II B-Teil sehr schnell, C-Teil liegende Noten kaum hervorgehoben, IV B Hauptstimme zu sehr markiert

 

Klien

Vox

~ 1957

23‘41

4

Brahms‘ Ecken und Kanten nicht abgeschliffen, herb, norddeutsch, I Cresc. In B zu früh, II gelungener Kontrast zwischen A- und B-Teil, IV anfangs Hst. verschwommen, schöner Schluss

Gould

CBS Sony

1982

29‘38

4

Gould ganz allein mit sich und Brahms, Ausdruckstiefe suchend (demonstrierend?), einige kleine Korrekturen am Notentext, Weltschmerz am Ende

Brendel

Philips

1989

22‘40

4

I klar, II A-Teil kaum dolce, insgesamt etwas nüchtern, III B Sinn für klangliche Valeurs, IV A-Teil rubato, rhapsodisch, B Mittelstimme zu undeutlich, zu viele Markierungen

Lubimov

Erato

1994

23‘15

4

klanglich abgespeckter Brahms, weniger romantisch, eher klar und objektiv, teilweise fast gläsern

Buchbinder

Teldec

2000

23‘26

4

II Tempo in A und A‘ aufgeweicht, in B und B‘ im f zu pauschal, III A: Auftaktachtel kaum markiert, IV in B wenig lento, zu prosaisch

Barenboim

Teldec

1996

21‘05

4

geglättet, nicht in die Tiefe gehend, nichts falsch gemacht, nur schön gespielt, im p etwas wattierter Klang

Rösel

Eterna Berlin Classics

1973

19‘27

4

I sehr bewegter B-Teil, II schnelles Andante, Liegetöne im C-Teil kaum zu hören, IV B-Teil weniger ausgezirkelt, eher Routine, B‘ Dialog zwischen rechter und linker Hand am Ende wenig ausgeprägt

 

Bishop-Kovacevich

Philips

1983

18‘50

3-4

pianistisch untadelig, in der Darstellung jedoch etwas pauschal, glatt, wie durchgespielt, teilweise auch zu schnell

 Hst. = Hauptstimme

Emil Gilels

Mit Emil Gilels liegen drei hochwertige Aufnahmen vor, wobei es mir schwer fällt, die eine der anderen vorzuziehen, alle treffen den Balladenton vorzüglich. Die live-Aufnahme des Labels Brilliant, zwei Jahre nach der Studio-Produktion der DGG entstanden, verfügt über mehr Unmittelbarkeit der Darstellung, etwas mehr Atmosphäre, den spröden C-Teil im letzten Stück rafft Gilels hier überzeugend zusammen, besser als zwei Jahre zuvor. Andererseits lässt die dynmamische Differenzierung einige Wünsche offen (2. Ballade, 4. Ballade B-Abschnitt). Im B-Teil der ersten Ballade sind anfangs die Schwerpunkte noch nicht austariert. Das An- und Abschwellen der Musik ist in der DGG-Aufnahme überzeugender gelungen. Das Klangbild der Brilliant-CD ist etwas belegter, aber immer präsent und transparent, sehr leises Publikum! Nun hat noch Orfeo den Mitschnitt eines Konzerts von den Salzburger Festspielen veröffentlicht. Am besten gefällt mir hier die 1. Ballade, der Balladenton wurde gut getroffen und das Verhältnis der beiden Hände ist ausgeglichen. Im C-Teil der 2. Ballade arbeitet Gilels hier die Vorschläge nicht deutlich genug heraus.

Arturo Benedetti Michelangeli

Einige der wenigen Werke von Brahms, die ABM in sein Repertoire aufnahm, waren die vier Balladen op. 10, die er auch für die Schallplatte aufnahm. Daneben brachte das italienische Label aura zwei weitere Mitschnitte auf den Markt. Alle drei Interpretationen zeugen von der tiefen Verbundenheit mit Brahms‘ Jugendwerk, obwohl der Pianist, wie viele seiner Kollegen auch, die Balladen eher aus der Rückschau nach langen Schaffensjahren darstellt. Das sollte man bedenken, der eine oder andere Hörer wird aus diesem Grunde meine Einstufung noch unten korrigieren wollen. Die Studioproduktion der DGG ist die abgerundetste, ausgewogenste und geschliffenste der drei, keineswegs steril. Feinste Klangschattierungen, die im Konzertsaal oft untergehen, werden dem aufmerksamen Ohr nicht entgehen. Bei aller Perfektion irritieren doch im 3. Satz die unterschiedlich artikulierten Zieltöne der Spielfiguren im A-Teil, welcher der Komponist sämtlich staccato gespielt haben wollte, auch in den beiden anderen Aufnahmen vermisst man dies. Letztere entstanden vor und nach der Studioaufnahme. Der 77er-Mitschnitt besticht durch die Gelassenheit, sein gelöstes, weniger strenges Klavierspiel. Im Nachhinein meint man, ABM sei hier noch auf der Suche und habe seine spätere Geschlossenheit noch nicht gefunden. In der letzten Ballade kann den einen oder anderen Hörer das Nachschlagen der rechten Hand stören. Der Klavierklang ist hier an einigen Stellen weniger durchsichtig und klar. Für alle Balladen benötigt ABM etwas mehr Zeit als später. Die 81er-Aufnahme folgt der Studioaufnahme weitgehend, erreicht sie jedoch nicht immer. Gleich im ersten Stück wird im B-Teil das Crescendo nicht zum Äußersten getrieben, im dritten nimmt er bei der Wiederholung des A-Teils die Musik anfangs zu sehr unter Pedal. Das Nachschlagen der rechten Hand in der letzten Ballade ist hier noch stärker. In beiden Mitschnitten verhält sich das Publikum vorbildlich diszipliniert!

eingestellt am 23.05.13

ergänzt am 06.04.14

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