Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Brahms      home

 

3. Klaviersonate f-Moll op. 5

 

Allegro maestoso – Andante espressivo – Scherzo: Allegro energico, Trio – Intermezzo, Rückblick, Andante molto – Allegro moderato ma rubato

 

Bei seinem ersten Besuch beim bewunderten Robert Schumann und seiner Frau Clara in Düsseldorf 1853 hatte der zwanzigjährige Brahms auch seine ersten Kompositionen im Gepäck und trug sie zum Erstaunen des Ehepaares vor, darunter auch die ersten beiden Klaviersonaten. Die dritte Klaviersonate wurde in Düsseldorf fertiggestellt und hinterließ einen großen Eindruck. Sie ist Brahms‘ letzte Klaviersonate und sein längstes Klavierwerk überhaupt. Vielleicht wurde sie von Schumanns dritter Klaviersonate op. 14 – „Konzert  ohne Orchester“ – in derselben Tonart  f-Moll beeinflusst, deren endgültige Fassung im selben veröffentlicht wurde. Es ist auch nicht ein Einfluss der Liszt-Sonate von der Hand zu weisen, die der junge Brahms bei seinem Besuch unlängst in Weimar vom Komponisten vorgetragen gehört hatte. Die reiche Harmonik, der orchestrale Stil sowie die enorme Expressivität von op. 5 deuten auf die Einflüsse Schumanns und Liszts hin.

Der erste Satz ist seinem Wesen nach, trotz Sonatenform, rhapsodisch zu nennen (Liszt?),  manche Stellen erinnern an seine Balladen op. 10, die allerdings erst später entstanden, vielleicht jedoch schon in seinem Kopfe gegenwärtig waren. Für den Interpreten wird sich anfangs die Frage nach dem Tempo stellen: Allegro oder Maestoso? Brahms wird aber eher an ein majestätisches Auftrumpfen des Themenkopfes gedacht haben. Das erste Thema beginnt mit einem rhythmisch betonten schroffen Motiv, das sich fast über die gesamte Tastatur ausbreitet. In Anlehnung an die Oberstimme aus Takt fünf folgt im übernächsten  Takt eine eher lyrisch geartete Fortsetzung, sie soll nicht langsamer, wie man es oft hört, sondern leiser gespielt werden. Untermalt werden diese Takte durchgehend mit dem bereits seit Beethoven bekannten Klopfmotiv. Dramatische und lyrische Abschnitte lösen einander ab. In der Durchführung bringt Brahms eine As-Dur-Episode, in deren Oberstimme der linken Hand über viele Takte hinweg leise und ausdrucksvoll eine imaginäre Cello-Melodie T. 88 ff. erscheint (Brahms schreibt hier: quasi Cello). Am Ende führt der Komponist seine Hörer mit einer Scheinreprise (T. 119 ff.) aufs Glatteis, die tatsächliche Reprise beginnt mit Takt 138. Der Satz endet mit einem triumphierenden wie eindrucksvollen Finale.

Dem zweiten Satz, einem Nocturne, hat der Komponist ein Liebesgedicht von C. O. Sternheim, Pseudonym von Otto Julius Inkermann (1823-1862), vorangestellt:

 

Der Abend dämmert,

das Mondlicht scheint,

da sind zwei Herzen in Liebe vereint

und halten sich selig umfangen.

 

In gleichmäßigem Voranschreiten wechseln sich die von Terzen- und Sexten-Seligkeit getränkten Themen in As-Dur bzw. Des-Dur ab. Die von Brahms vorgesehenen vielen Tempomodifikationen dürfen keineswegs übertrieben werden, sondern müssen sich organisch anpassen, ein Grundtempo sollte zumindest durchscheinen. In Anlehnung (?) an den Kopfsatz endet dieser langsame Satz mit einem von langer Hand aufgebauten abschließenden Höhepunkt, der sich über einen langen Orgelpunkt, anfangs über as, entwickelt. Die ersten Noten erinnern an Hans Sachsens Melodie aus dem „Fliedermonolog“ der Meistersinger: „Dem Vogel, der heut‘ sang, dem war der Schnabel hold gewachsen.“ Wagners Oper entstand jedoch viele Jahre nach der Klaviersonate.

Ein mächtiges knorriges Scherzo in der Grundtonart f-Moll, stemmt sich gegen die Ekstase am Ende des zweiten Satzes, soll es die vorausgegangenen Flausen vertreiben? Im ruhig genommenen Trio, übrigens im selben Tempo zu spielen, wendet sich Brahms wieder dem Des-Dur des zweiten Satzes zu. Von Brahms‘ früher Meisterschaft zeugt die kunstvoll gearbeitete Rückführung zum Scherzo mit Motiven des Trios und des Scherzos. Aber auch die Verwendung eines Themas in zweierlei Gestalt: Zu Beginn des Trios fließt das Triothema ruhig, leise, innig und etwas scheu dahin. Bei Beginn der Rückführung zum Scherzo erleben wir es jedoch in höherer Lage, jetzt jubelnd, wie triumphierend, alles Frühere abwerfend und Neuem entgegeneilend. Diese Ambivalenz eines Themas wird zu einem Kunstgriff des Hamburger Komponisten, sehr deutlich kann man dies im Kopfthema seines 2. Klavierkonzerts in B-Dur erleben. Auf ein weiteres Kompositionsmerkmal sei hier auch eingegangen, nämlich, dass Bass und Diskant sich oft in Gegenbewegung gegenüberstehen, also die rechte Hand nach oben strebt, während sich die linke mehr und mehr in tiefere Bereiche begibt.

Dem folgenden vierten Satz gab Brahms den Zusatz „Rückblick“. Vermutlich wollte er sich auf das Liebesduett im Andante-Satz, das jedoch nur eine Episode sein konnte, beziehen. Brahms wollte sich (noch?) nicht binden, tiefe Basstriolen markieren einen Trauermarsch.

Das abschließende Finale in Rondoform ist ein heterogenes Gebilde. Das Rondothema ist, ähnlich wie das erste Thema im Kopfsatz, aus zwei gegensätzlichen Teilen gearbeitet, wobei der erste die Oberhand gewinnt. Im ersten Couplet offenbart der Komponist sein Motiv, keine Liebesbindung einzugehen, er zitiert hier notengetreu in F-Dur das Lebensmotto seines Freundes, des Geigers Joseph Joachim, Frei aber einsam, f-a-e, dieses Motto  machte sich auch Brahms zu eigen und bringt es hier zweimal im schwärmerischen Tonfall, Freiheit ist ihm das Wichtigste, das f-a-e hat aber auch einen bitteren Überschwang, vor allem bei der Wiederholung T. 52 ff. zu hören, nämlich die Einsamkeit des Ungebundenen. Das zweite Couplet mit einer choralartigen Melodie in Des-Dur (!) führt in einer grandiosen Steigerung zum überschwänglichen Ende des Satzes.

Die Wiederholung der Exposition im Kopfsatz wird meistens gespielt, mit Ausnahme von Curzon, E. Fischer, Gieseking, Kempff-Orf u. -BBC, Hansen, Cherkassky, Anda, Katchen-49 und Freire. Auf die Wiederholung der ersten 10 Takte des Andantes verzichten Rubinstein-49, E. Fischer und Anda.

 

5

Solomon

EMI                      Testament

1952

38‘06

 

I kraftvoll, unruhig, aber auch sehr innig, viel Maestoso, passionato, II mit großer Ruhe, molto passionato, überlegen, V souverän – schade, dass EMIs Aufnahmetechnik Solomons diffizilen Klangfarbenzauber ausbremst

5

Grigory Sokolov

Opus 111

1993

39‘39

 

live – I kraftvoll, detailverliebt, im Tempo eher zögernd, II ziemlich tempofest, molto espressivo, Musik in den Takten 11-24 sowie 123-129 drängend, III elastisches Akkordspiel, spannungsvolles Trio, IV sehr konzentriert, V überzeugend, passioniert vorgetragen

5

Krystian Zimerman

DGG

P 1980

41‘25

 

I Themenkopf molto maestoso!, Fortsetzung T. 7 ff. mit tragischem Unterton, deutliches Musizieren mit großer Hingabe, Pianist bleibt bei der Cello-Stelle T. 88 ff. im Tempo, II klangvoller Espressivo-Stil, sehr klar, trotzdem viel Atmoshpäre, III klingt auftrumpfend, aber auch unentschlossen, kantables Trio, sehr gut geformte Rückleitung zur Scherzo-Wiederholung, IV konzentriert, V emotionsgeladene Kraft, Finale Grandioso – „die Leiden des jungen Brahms“, molto passionato

5

Zoltan Kocsis

Hungaroton

1983

39‘56

 

I mäßiges Tempo, kraftvoll, markant akzentuiert, Themenkopf deutlich ausformuliert, II con spirito, sehr gute dynamische und agogische Gestaltung, Atmosphäre, III energisch, farbenreiches Trio, IV schwerblütig, V schwärmerisches 2. Thema, im Tempo, souverän – sehr gute Transparenz

5

Clifford Curzon

Decca

1962

35‘40

 

I kraftvoll, immer deutlich, II mit langem Atem – Curzon strebt eher einer klassische, weniger hochromantische Deutung, an

5

Vladimir Ashkenazy

Decca

1991

36‘22

 

I emotionsgeladene Kraft, elastisch, empathisch, II bewegt, klar, eindringliche und geschmackvolle Darstellung, III souverän, IV konzentriert, differenziert, V Pedalisierung T. 90-99 genau umgesetzt – überzeugende dynamische Gestaltung

5

Matthias Kirschnereit

Berlin Classics

2017

36‘22

 

s. u.

5

Jewgenij Kissin

RCA

2001

37‘38

 

I wie orchestral, wild, jugendlicher Überschwang, jedoch auch zart und empfindsam, II ruhig, alle Facetten der Musik beleuchtend, überzeugend, III wildes Scherzo, IV überzeugend, V beim f-a-e-Abschnitt wünschte man sich mehr Ausdruck, stellenweise explosiv

5

Julius Katchen

Decca

1949

32‘50

 

s. u.

5

Julius Katchen

Decca

1962

38‘10

 

s. u.

5

Bruno Leonardo Gelber

Piano Classics

1992

35‘39

 

I mit Hingabe, Themenkopf etwas hektisch, II langsame Triller im ersten Thema, 2. Thema (T. 37 ff.) sehr zart und innig, ebenso auch der Beginn des Finales T. 144 ff., viel Atmosphäre, III knorrig, auftrumpfend, unwirsch, IV mit Feingefühl, V sehr engagiert, leidenschaftlicher f-a-e-Abschnitt, Schluss überschwänglich – an lauten Stellen drahtiger Flügelklang, schade

5

Walter Klien

Vox

P 1962

34‘48

 

jugendlicher Überschwang, feurig, erregt, markant akzentuiert, Drive, davon bleiben auch die ruhigeren Abschnitte nicht unberührt, II mit viel Klangsinn, Atmosphäre, III Trio etwas zu laut, IV nachdenklich, geheimnisvoll, V markant akzentuiert,  schwärmerischer f-a-e-Abschnitt, glaubwürdige Interpretation! – Flügel (alt?) mit eingeengtem Klangfarbenspektrum, klingt an sehr lauten Stellen etwas blechern, Dynamik im p-Bereich nicht ausgeschöpft

5

Tilman Krämer

Venus

2005

38‘39

 

I kraftvoll, con anima, Rubati, II Krämer nähert sich feinfühlig Brahms‘ Musik, mit viel Klangsinn, aber auch innerer Dramatik, III schwungvolles Scherzo, IV überzeugend, V sprechende Artikulation, kraftvoll, f-a-e-Stelle con espressione – manchmal fehlt ein pp

 

 

4-5

Artur Rubinstein

RCA

1949

32‘10

 

s. u.

4-5

Artur Rubinstein

RCA

1959

34‘26

 

s. u.

4-5

Geza Anda

audite

1957

32‘36

 

s. u.

4-5

Geza Anda

EMI           Testament

1957

34‘26

 

s. u.

4-5

Radu Lupu

Decca

1981

41‘17

 

I ruhiges Tempo, ausladend, kostet in den ruhigen Abschnitten die harmonischen Änderungen voll aus, facettenreicher Vortrag, II sehr gute dynamische Staffelung, mit großer Ruhe und Ausdruckskraft,  z. B. T. 144 ff. una corda, überlegen, III sehr deutlich, im Tempo jedoch zurückhaltend, V eher gelassen, kein jugendlicher Brahms – klares Klangbild

4-5

Nikolai Posnjakow

MTM

1983

39‘21

 

I Notentext aufmerksam gelesen, Musik scheint T. 109 still zu stehen, T. 131 misterioso gut getroffen, II Eintauchen in die Welt der Poesie, kleinste harmonische und melodische Wendungen sensibel nachgezogen, ausgeprägter Sinn für Proportionen, III Trio mit viel Klangsinn, IV sehr nachdenklich, V deutlich als Finale definiert, überzeugend – Musik gestaltet, sehr gute Differenzierung im p-Bereich

4-5

Gerhard Oppitz

Orfeo

1981

40‘11

 

I immer mit viel Nachdruck, akribisch ausformuliert, streng, unaufgeregte Art hier kein jugendlicher Brahms, II anfangs kein p, an Höhepunkten immer kontrollierter Ausdruck, jugendlich, energisch, V immer kontrolliert – kerniger und runder Klavierton

4-5

Gerhard Oppitz

Eurodisc       BMG

1989

39‘35

 

im Großen und Ganzen wie die Vorgänger-Aufnahme, im Klang etwas abgespeckt – III Scherzo nicht so zwingend wie früher, Trio etwas langsamer, IV nüchtern, sachlich, V jetzt mehr Feuer im Spiel

4-5

Jon Kakamatsu

HM USA

2003

35‘40

 

in den schnellen Sätzen kraftvoll, mit Schwung, locker, kerniger Ton; in den lyrischen Sätzen oder Abschnitten mit viel Klangsinn, jedoch eher sachlich statt emotional bestimmt -  III nachdenklich gespielte Takte in der Rückleitung vom Trio zum Scherzo T. 203-210, V f-a-e-Abschnitt gut getroffen, „Pferdegetrappel“ T. 78 ff. gut getroffen

4-5

Claudio Arrau

Philips   Decca

P 1972

41‘02

 

I Notentext akribisch durchleuchtet, z. B. Dreistimmigkeit T. 79 ff., mit viel Krafteinsatz, quasi orchestraler Wucht, aber auch Innerlichkeit, II immer sehr deutliche Arpeggien – Arrau ignoriert die Tatsache, dass er sich bei op. 5 um Musik eines Jugendlichen handelt und sieht die Komposition als reine Musik, wobei das Sperrige des Klaviersatzes hier deutlich herauskommt, ein Rückblick auf den jugendlichen Brahms, aber faszinierend

4-5

Murray Perahia

CBS     Sony

1990

38‘19

 

I sehr gepflegt, beinahe vornehm, man vermisst den entschiedenen Zugriff, „Cello-Stelle“ langsamer, II hier passt Perahias Ansatz besser, sehr ruhig, weicher Klang, phantasievoller Umgang mit dem Notentext, man wünschte sich etwas mehr an Passion, III Scherzo etwas glatt, Trio sensibel nachgezeichnet, IV auch hier mit Feinzeichner, V HTh ohne rechten Biss, f-a-e-Stelle sehr zart – jugendlicher Brahms?

4-5

Wilhelm Kempff

DGG

 1958

34‘34

 

s. u.

4-5

Shura Cherkassky

Orfeo

1968

34‘16

 

live – I mit Hingabe, konzentriert, die große Linie nachgezeichnet, deutliche Dreistimmigkeit T. 79 ff., mit großer Ruhe, gute dynamische Differenzierung, agogisch jedoch nicht immer eins mit Brahms, mit Feingefühl, jedoch weniger Innerlichkeit, III knorriger Brahms, im Trio weicher, IV nachdenklich, Basslinie T. 52 ff. gut nachgezeichnet, sonst wie das Scherzo – einige Fehlgriffe

4-5

Jonathan Plowright

BIS

2011

42‘12

 

I unterschiedliche Tempi, T. 131 langsam, II innere Ruhe,mit langem Atem, breite Klangfarbenpalette, Espressivo, III zugespitztes Scherzo, Trio deutlich abgehoben, differenziert, IV Adagio, schleppend, alter Brahms, V das Ambivalente dieses Satzes gut herausgearbeitet – sehr gute dynamische Differenzierung, etwas eingedunkelter Klang

 

 

4

Annie Fischer

BBCL

1961

34‘17

 

live – I mehr Allegro als Maestoso, drängend, auch in den ruhigen Passagen, II stellenweise etwas unruhig, Stimmverläufe T. 18-24 weniger deutlich, geringerer emotionaler Einsatz, III Trio ohne Geheimnisse, auch kein richtiges p, die Takte 133-153 fehlen!, IV expressiv, V T. 44 ff. rechte Hand nicht immer deutlich, linke Hand zu laut, jeweils das letzte Achtel T. 2 und im weiteren Verlauf nicht Staccato, zum Ende hin drängend – insgesamt emotionale Darstellung, die, trotz der genannten Mängel, letztlich doch überzeugt

4

Matthias Kirschnereit

Amati

1990

38‘15

 

s. u.

4

Lars Vogt

EMI

1998

36‘38

 

elastisches Klavierspiel, technisch sauber, konzentriert und energisch, geringere emotionale Stellungnahme, lässt sich wenig auf Brahms‘ Gefühlswelt ein, eher objektiv vorgetragen

4

Anton Kuerti

Pro Piano Records

1996

36‘36

 

I deutlich und sauber, farbenreicher Anschlag, jedoch ohne Druck und Überraschung, wenig Passion, II Musik erzählt, jedoch zu objektiv, weniger gefühlsbetont, III hier ein ganz anderer Brahms, energisch voran, V bei der F-Dur-Stelle wünschte man sich etwas mehr an Intensität

4

Wilhelm Kempff

Orfeo

1958

32‘10

 

live, s. u.

4

Wilhelm Kempff

BBCL

1969

33‘03

 

live, s. u.

4

Peter Rösel

Eterna                       Berlin Classics

1972

34‘01

 

I zupackend, etwas robust, in lyrischen Abschnitten geringes Espressivo, II bewegt, anfangs wie nur durchgespielt, poco piu lente mit mehr Anteilnahme, III wild, rhythmischer Schwung, Trio als Ruhepol, Pianist blickt mehr nach vorn als zurück, V Rösel lässt sich jetzt mehr auf das Potential des Satzes ein

4

Cyprien Katsaris

Teldec

1988

39‘06

 

I Maestoso als Tempo, „Cello-Stelle“ T. 88 ff noch langsamer, unaufgeregte Art, II zähes Tempo, innere Ruhe, farbiges Spiel, Emotionen jedoch auf Sparflamme, kaum Tempokontrast zu Satz 1, III überzeugende dynamische Differenzierung im Trio, IV gefällt, V auch hier zögerlich, erst zum Schluss überzeugend – insgesamt gepflegtes Musizieren

4

Dirk Joeres

ebs

1989

37‘42

 

I mehr gelassen, weniger drängend, II sehr ruhig und klar, T. 18-24 sowie T. 123-129 deutliche Dreistimmigkeit, piu lento T. 37 ff etwas sachlich, insgesamt im Ausdruck zurückhaltend, III Scherzo: wenig Feuer, Trio: gute dynamische Differenzierung, jedoch wenig Espressivo, IV geringere Spannung, V etwas verhalten

4

Elisabeth Leonskaja

Teldec

1990

40‘08

 

I beide Thementeile im selben Tempo, klare Artikulation, T. 84 f. deutliche Dreistimmigkeit, kein jugendlicher Überschwang, II fließend, Pianistin spart an Espressivo, eher sachlich als gefühlsbetont, III kämpferisch, Trio zurückhaltend, V immer kontrolliert, gefällig, zu neutral, ohne Biss – guter Flügelklang

4

Nelson Freire

CBS                Philips                   Sony

1967

32‘32

 

I kraftvoll, athletisch, Blick nach vorn, deutliche Dreistimmigkeit T. 79 ff., II zweites Thema nicht langsamer, Freire scheut emotionsbetonten Vortrag, III nach Notenvorlage, Trio anfangs zu laut, IV nachdenklich, abwartend, V f-a-e-Stelle mit geringer Expression, einige Durchhänger, es fehlt hier eine Klammer – vielleicht kommt Freire heute zu anderen Ergebnissen

4

Edwin Fischer

EMI        Andante

1949

28‘05

 

I fließende Tempi, sich vor Exaltiertheit hütend, II Fischer koppelt Crescendo mit Accelerando, T. 144 ff una corda und tre corde deutlich voneinander abgehoben – insgesamt eher sachlich als gefühlsvoll, klaviertechnisch nicht immer auf abgesichertem Niveau, vor allem im fünften Satz

 

 

3-4

Walter Gieseking

History

1948

31‘49

 

vermutlich Rundfunkaufnahme, laute Stellen teilweise übersteuert, Gieseking hebt in den Ecksätzen das der Sonate auch innewohnende Rhapsodische hervor – wechselnde Tempi, Themenkopf jeweils deutlich schneller und wilder, jedoch etwas holprig, einige Patzer, II Poco piu lente T. 37 ff. hier etwas schneller, abschnittsweise erfreulich feinfühlig, III wildes Scherzo, auf Kosten der Genauigkeit, polternd, ruhiges Trio

3-4

Daniel Barenboim

Teldec

1996

35‘34

 

I T. 57 ff. nicht deutlich, ausdrucksvolle (gedachte) Cello-Melodie T. 90 ff., insgesamt mehr die große Linie nachgezogen, verfremdeter Akkord bei 8’13, II bewegtes Tempo, geringe Innerlichkeit, III Trio mit Feingefühl, IV hier dringt Barenboim tiefer ins Stück, V Barenboim ringt nicht mit der Musik, fehlende Passion, Stellen vorgeführt – insgesamt ambivalent: über vieles flüchtig hinweg, dann wieder konzentriert bei der Sache

3-4

Elly Ney

Colosseum

1961

39‘02

 

I erstaunlich, über wie viel Kraft Elly Ney hier noch verfügt, trotzdem kein jugendlicher Brahms, T. 7 ff. langsamer und vorsichtiger, mehr Abschnitte als Zusammenhänge, II anfangs zu laut, stört die Atmosphäre, Vortrag insgesamt mit wenig Innerlichkeit, T. 183-186 linke Hand Noten nicht von Brahms, III holpriges Scherzo, wenig elastisch, Trio etwas langsamer, V zu zäh und vorsichtig, ohne Feuer – voluminöser Flügelklang, Klavierspiel insgesamt wenig geschmeidig

3-4

Igor Shukow

Telos

2000

39‘47

 

I Maestoso als Tempo, zögernd, Achtel-Akkorde T. 6 und T. 32 wie abgerissen, kein jugendlicher Brahms, II ziemlich harter Anschlag bei zunehmender Lautstärke, Abschnitte durch Tempo abgesetzt, kaum Innigkeit, III lapidares Scherzo, Trio wenig empfindsam, IV hier näher bei Brahms, V Musik kommt nicht richtig von der Stelle, rhapsodisch, f-a-e-Stelle zu selbstverständlich, ohne Innigkeit, spröde – dynamische Differenzierung im p-Bereich nicht ausgeschöpft

3-4

Barry Douglas

Chandos

2012

37‘14

 

I moderat, ernste Haltung, ausgewogen, II wie nur durchgespielt, ohne Stellungnahme, nüchtern, keine Innigkeit, III zupackendes Scherzo, Trio dynamisch zu eng, IV zart, melancholisch, V f-a-e-Stelle lässt aufhorchen, sonst kaum innere Dramatik – insgesamt ohne Brahms‘ Gefühlswelt

3-4

Wilhelm Ohmen

Opus

~ 1980

36‘40

 

I gestalterischer Ernst, Themenkopf etwas statuarisch, keine Extreme suchend, kein richtiges pp,  warum T. 123 ff. schneller? – II ruhige Art, Ohmen versenkt sich in Brahms‘ Gedankenwelt, ausgewogen, ohne Feinzeichnung und Delikatesse, III wenig elastisch, ohne Schwung, geglättetes Trio, V f-a-e nicht als etwas Besonderes herausgestellt, ohne innere Dramatik, zu gleichförmig – Klangbild etwas belegt

3-4

Andreas Boyde

Oehms

2006

38‘07

 

I klare Artikulation, ausgewogen, Rubati, gelassen, Cello-Stelle T. 88 ff. deutlich langsamer, Profil?, II pianistisch tadellos, gute Klangfarbenpalette, jedoch zu unbeteiligt, kaum Atmosphäre, starr, an Höhepunkten nur kaltes Feuer, III nur gekonnt, Trio anfangs zu laut, nur die Noten, V f-a-e-Stelle zu scheu, keine Aussage zum Notentext, schwerfällig, erst am Ende glaubhaft

3-4

Hélène Grimaud

Brilliant

1991

36‘02

 

I mehr Abschnitte als ein Ganzes, hier und da etwas hektisch, auch in V, II zögerliche Triller bremsen den gleichmäßigen Fortlauf, wenig emotionale Anteilnahme, T. 174 f. rhythmisch ungenau, auch hier Abschnitte, III wuchtiges Scherzo, Trio oberstimmenbetont, V wie nur durchgespielt, keine Aussage zum Notentext – Grimaud lässt sich (noch) nicht auf das Potentional der Sonate ein

3-4

Antatol Ugorski

DGG

1995

47‘05

 

I Satz zerfällt in Abschnitte, die deutlich gegeneinandergestellt werden, auf der einen Seite kraftvoll auftrumpfend, auf der anderen sehr weich und zart bei deutlich langsamerem Tempo, II Adagio molto, Dialogstelle (T. 37 ff. ) zäh, Akkorde fein ausgehört, insgesamt jedoch zu träge, III energisch, aber zögerlich, Trio langsamer, entrückt, empfindsam, IV Adagio, V keine überzeugenden Tempi, Satz zerrissen – Hallbeigabe, sehr persönliche Darstellung

 

 

3

Conrad Hansen

musicaphon

1960

35‘57

 

RIAS-Aufnahme - unaufgeregtes Musizieren, beinahe lustlos, II anfangs zu neutral, T. 37 ff. und 79 ff. dagegen gelungen, die jeweils folgenden con passione-Abschnitte leider ohne Passion, III grobkörniges Scherzo, IV gefällt von allen Sätzen am besten, V zweites Thema mit viel mehr Passion als erstes, insgesamt fehlt eine spürbare Hingabe, vom Schluss abgesehen – belegtes, stumpfes Klangbild

3

Inger Södergren

Calliope

1994

39‘45

 

I in Abschnitte mit unterschiedlichen Tempi unterteilt, langsame Teile sehr zögerlich, Rubati, II zärtlich, Höhepunkte werden zurückhaltend angegangen, abgesehen T. 164-175 am Ende, ohne Nachdruck, asketisch, III robustes, auftrumpfendes Scherzo, Trio wenig empfindsam, da zu laut, IV Rubati, accel. übersehen, V oft zu zögerlich, lahm, am Satzende tatsächlich Presto – insgesamt zu eklektisch, kein Jugendwerk

3

Idel Biret

Naxos

1989

37‘30

 

I mehr referierend als erlebt, II sehr bewegter Beginn, klingt insgesamt wie nur durchgespielt, erst bei poco piu lente ein wenig langsamer, T. 105 ff. dann wieder schneller, geringe emotionale Anteilnahme spürbar, III etwas hölzern, IV am besten getroffen, V insgesamt zu brav – etwas stumpfer Klang

 

 

2-3

Burkhard Schließmann

Bayer Records

1988

41‘40

 

I warum immer wieder Verlangsamungen, Musik läuft sich tot, ohne innere Dramatik, II gezogen, geringe Innerlichkeit, eindimensional, langweilig, keine Stellungnahme zu Brahms‘ seelischen Ergüssen – eine nur technisch abgesicherte Darstellung trifft nicht den Kern der Musik, auf Dauer ermüdend, kam die Aufnahme zu früh?

 

Anmerkungen zu Interpreten und Interpretationen

 

Artur Rubinstein

 

Rubinstein war ein veritabler Brahms-Interpret, beschränkte sich jedoch auf die Wiedergabe der Konzerte sowie einzelner Klavierstücke, sowie der f-Moll-Sonate, die er zweimal im Studio aufgenommen hat. Die erste Aufnahme entstand 1949, zehn Jahre später eine weitere, nun in Stereo. Rubinstein verfolgt mehr eine klassische als romantische Haltung, übertriebene Tempomodifikationen findet man bei ihm kaum. In der früheren besticht der Kopfsatz durch sein Agitato sowie ein Allegrotempo, man spürt den jugendlichen, drängenden Brahms. Der langsame Satz wird etwas schneller genommen – auf die Wiederholung der ersten zehn Takte wird verzichtet – trotzdem gelingt dem Pianisten ein verhaltenes Espressivo. Im energisch gespielten Scherzo, schneller als üblich, verzichtet Rubinstein in den Takten 63-68 im Bass auf das Staccato, auch 1959. Das Trio wünschte man sich etwas weicher und inniger. Das Finale gelingt weitgehend überzeugend, die Sechzehntel der rechten Hand T. 25 ff., auch T. 126 ff., werden zwar laut gespielt, jedoch nicht recht durchgeformt. Das Klangbild ist insgesamt präsenter als in seiner Stereo-Aufnahme. In dieser sind die Tempi, mit Ausnahme des vierten Satzes, jedoch etwas langsamer. Der langsame Satz erklingt nun ausdrucksvoller, sowie auch etwas weicher.

 

Wilhelm Kempff  

 

Kempffs Studio-Aufnahme der f-Moll-Sonate entstand 1958 für die DGG. Ich habe mich immer über diese Platte gewundert, da Brahms‘ knorriger Klaviersatz nicht unbedingt Kempffs pianistischen Möglichkeiten entgegen kam. Aber er scheute sich auch nicht, die beiden schweren Klavierkonzerte noch nach dem 2. Weltkrieg öffentlich vorzutragen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Aufnahmen und Mitschnitten der Sonate sorgt Kempff für einen hellen und immer durchsichtigen Klang, viele Stellen im Kopfsatz klingen leidenschaftlich, andere wiederum ruppig. Wie auch in anderen Aufnahmen folgt der Pianist nicht immer den im Notentext niedergeschriebenen Artikulationen: So werden z. B. die Viertel im Themenkopf T. 1-6 und auch später immer kurz, wie abgerissen, gespielt. Im Finale erlebt man es umgekehrt, da spielt Kempff jeweils die letzten staccato-Achtel im Themenkopf nie wie es sich der Komponist wünscht. Die Pesante-Stelle kurz vor Satzschluss nimmt Kempff – übrigens in allen Aufnahmen – schneller statt nachdrücklich gewichtig. Der langsame Satz erscheint zwar bewegt, aber immer klar und feinsinnig bei zurückhaltendem Espressivo, vom Schluss einmal abgesehen. Ohne pianistischen Druck, gelassen, hören wir das Scherzo, dann folgt aber ein geheimnisvolles Trio. Die nachschlagenden Oktaven in der Wiederholung des Scherzo-Teils (T. 83-86) werden jedoch spannungslos und holprig absolviert. Besser gemeistert ist der vierte Satz. Im Finale kommen die staccato-Noten etwas gestelzt.

Im selben Jahr der Studioaufnahme spielte Kempff die f-Moll-Sonate bei den Salzburger Festspielen. In der Anlage ähnelt sie der Studio-Produktion, sie wird jedoch mit etwas mehr Engagement vorgetragen, das offenbart sich im Andante mit seinem ruhigen, geradezu ätherischen Klang. Auch im Scherzo, wo Kempff mehr wagt als früher. Die technische Realisierung, ohne rettendes Sprungtuch, geht jedoch nicht so glatt vonstatten. So klingen die wechselnden Sechzehntel-Staccati im ersten Satz (T. 72 ff.) sehr erregt, sind technisch jedoch nicht ganz abgesichert; das spürt man auch auf weite Strecken im Finale, nicht immer werden die richtigen Tasten getroffen.

Ein weiterer Mitschnitt stammt aus London, der jedoch nichts Neues bietet. Kempff ist inzwischen 11 Jahre älter, widmet sich jedoch immer noch mit viel Hingabe der Sonate, wobei er die Tempi in den schnellen Sätzen etwas zurücknimmt. Der Finalsatz klingt etwas milder, so, als wolle er seine letzten Reserven an Konzentration und Kraft mobilisieren.

 

Geza Anda

 

Die beiden Studio-Produktionen mit dem ungarischen Pianisten Geza Anda entstanden in zeitlicher Nähe Ende des Jahres 1957. Da verwundert es nicht, dass sie sich interpretatorisch ähneln. Kraftvoll, technisch überlegen aber auch mit viel Passion sowie jugendlichem Schwung beginnt der erste Satz. Im Andante kann man Andas Klangsinn bewundern (auch in Satz 4), an Innerlichkeit wird jedoch etwas gespart. Der Analytiker weist deutlich auf den Gegensatz von una corda-Takten sowie tre corde hin (T. 144 ff.), diesen Unterschied hört man selten so genau. Beim Finale kehrt Anda wieder zur Darstellung des Kopfsatzes zurück. Worin liegen nun die Unterschiede in beiden Aufnahmen? Die WDR-Produktion, veröffentlicht von audite, punktet mit einem offenen Klangbild, bei der der Flügel gut abgebildet erscheint. Darin ist sie der EMI-Produktion mit ihrem geschlossenen Klang und mulmig klingenden Flügel deutlich überlegen. Im Trio gefällt mir letztere jedoch etwas besser, da Anda hier mehr Empfindung zulässt, übrigens auch im folgen Satz. Auch die ersten Takte des Trios werden wiederholt. In beiden Aufnahmen verzichtet Anda auf die Wiederholungen sowohl im ersten Satz als auch zu Beginn des Andantes.

 

Julius Katchen

 

Der frühverstorbene amerikanische Pianist hat der Musikwelt zwei überzeugende Aufnahmen der f-Moll-Sonate hinterlassen. Der 23-jährige Jüngling spielt den Kopfsatz kraftvoll, ungeduldig, konzentriert, scharf geschnitten und mit Drive. Aber auch die vielen innigen Abschnitte gelingen unter seinen Händen vorzüglich. Im langen Andante hält er sich dagegen noch etwas zurück. Knorrig, wie es Brahms erwartete, gelingt das Scherzo. Im Finale herrscht dann wieder jugendlicher Überschwang, der Satzschluss bleibt aber etwas lapidar. Das Klangbild dieser fast 70 Jahren Aufnahme ist erstaunlich gut. 13 Jahre später erfolgte dann eine Neuproduktion in Stereo, die in allen Sätzen ein wenig langsamer geraten ist, ohne jedoch an Schwung verloren zu haben, dagegen partiell noch mehr Intensität vorweisen kann, z. B. im zweiten Satz, der mit spürbarer Hingabe und Sinn für Proportionen aufwartet. Die dynamische Differenzierung hier ist vorbildlich, deutlich stellt Katchen den Unterschied zwischen una corda und tre corde heraus. Ein Zugewinn an Reife und Gestaltungskraft hört man auch im Finale. Erwähnt sei noch, dass das Klangbild der Aufnahme nun runder und farbiger geworden ist, mit etwas mehr Tiefenstaffelung.

 

Matthias Kirschnereit

 

KIrschnereit legte nach 17 Jahren eine zweite Aufnahme (Berlin Classics) der dritten Klaviersonate vor, die die erste (bei Amati) auf Grund der langen Erfahrung des Pianisten mit diesem Werk überflüssig macht. Die Tempi sind nun geraffter und flexibler ausgefallen, der Vortrag ist schlanker und lockerer, der langsame Satz erfreut nun mit einem weicheren und wärmeren Klang; dazu kommt eine bessere dynamische Differenzierung. Das Scherzo besticht durch seinen jugendlichen Ton, insgesamt eine reife, souveräne Aufnahme, die hoffentlich viele Sammler erreicht.

 

eingestellt am 18. 09. 2018

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