Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Anton Bruckner

3. Sinfonie d-Moll

„Wagner – Sinfonie“

 

Diese Sinfonie ist nicht Bruckners dritte, sondern seine fünfte. Eine Sinfonie in f-Moll sowie eine in d-Moll gingen der heute als erste und zweite gezählten voraus, die allerdings von Bruckner als nicht seinen Absichten entsprechend wieder verworfen wurden. „Giltet nicht“ hat der Komponist an anderer Stelle geschrieben. Die Komposition der vorliegenden 3. Sinfonie begann Bruckner im September des Jahres 1872 und wurde am letzten Tag des folgenden Jahres abgeschlossen. Der Komponist schrieb ins Manuskript „Vollständig fertig 31. Dez.1873 nachts“. Die Sinfonie ist mit ihren 2056 Takten in dieser Fassung die längste aller Bruckner-Sinfonien. Zeitmäßig wird sie jedoch von der 5. und 8. Sinfonie noch übertroffen. Die Anzahl der Takte relativiert sich mit den jeweils von den Dirigenten gewählten Tempi. So benötigt Jonathan Nott für den ersten Satz in der Erstfassung 22’34 Min, während Haitink mit den Wiener Philharmonikern in der kürzeren Zweitfassung den ersten Satz in 21’28 Min hinlegt. Lorin Maazel, der die noch etwas kürzere Drittfassung von 1889 gewählt hat, braucht 22’36 Min. Alle drei Interpretationen liegen zeitmäßig eng beieinander, auch wenn die Anzahl der Takte unterschiedlich sind.

Bereits im September 1873 reiste Bruckner mit dem Manuskript der vorläufig fertiggestellten Sinfonie sowie der Partitur der vorangegangenen 2. Sinfonie in c-Moll von Karlsbad, seinem Urlaubsort, nach Bayreuth zu dem von ihm hochverehrten Richard Wagner, der mit dem Bau des Festspielhauses beschäftigt war, und legte diesem die beiden Partituren vor. Eine der beiden Sinfonien wollte Bruckner Wagner widmen, dieser sollte sich für eine der beiden entscheiden. Wagner wählte die 3. mit eingeflochtenen Zitaten aus Tristan, Lohengrin und Walküre. Ob Wagner diese bei seiner – vermutlich oberflächlichen – Durchsicht erkannt hat, ist nicht gewiss. Jedenfalls erhielt die d-Moll-Sinfonie den Beinamen „Wagner-Sinfonie“, der blieb auch den nachfolgenden überarbeiteten Fassungen erhalten.

Bruckner bemühte sich bei den Wiener Philharmonikern um eine Uraufführung, die jedoch verweigert wurde, ein Grund für die Ablehnung war auch ihre Länge. Auch eine Überarbeitung samt Kürzungen (1874, wird nicht gezählt) ließ die Wiener Musiker kalt. Bruckner arbeitete inzwischen an seiner 4. Sinfonie in Es-Dur, die 3. ließ ihn aber nicht los und es kam zu einer erneuten Überarbeitung 1876/77. Der Hofkapellmeister Johann Herbeck sagte zu, die inzwischen von 2056 auf 1815 Takte gekürzte Neufassung der Sinfonie (=2. Fassung) in Wien aufzuführen. Bei dieser Kürzung verzichtete Bruckner auf viele der Generalpausen und eliminierte weitgehend die Wagner-Zitate. Leider verstarb Herbeck unerwartet etwa zwei Monate vor dem angesetzten Termin. Bruckner wurde gebeten, selbst die Uraufführung zu übernehmen. Der Abend gestaltete sich für den als Orchesterleiter unerfahrenen Komponisten jedoch zu einem Reinfall, zu einem Fiasko. Es wird berichtet, dass das Publikum noch während der Aufführung der Sinfonie nach und nach den Saal verließ, zuletzt sollen nur 7 Personen bis zum Ende ausgeharrt haben.

Trotz dieses Misserfolges fand sich ein Verleger, Theodor Rättig, die 2. Fassung nach einer Revision in den Druck zu befördern. Es war der erste Druck einer Bruckner-Sinfonie überhaupt. Der Druck der Erstfassung von 1873 wurde 1944 von Robert Haas für die Bruckner-Gesamtausgabe vorbereitet, konnte jedoch aufgrund der Kriegswirren nicht mehr verwirklicht werden. Erst im Jahr 1977 wurde sie von Leopold Nowack, Nachfolger von Robert Haas als wissenschaftlicher der Bruckner-Gesamtausgabe, verwirklicht.

Auch die Zweitfassung blieb letztlich erfolglos und wurde nicht aufgeführt. In seinem Schaffensdrang wandte sich Bruckner neuen Sinfonien zu. Etwa 10 Jahre später, inzwischen war die 8. Sinfonie entstanden, die vom Hermann Levi bestellt und zur Aufführung gebracht werden sollte, gelang es Bruckners Schülern und dem Verleger Rättig den Komponisten zu überzeugen, einen Erfolg mittels einer erneuten Revision zu versuchen. Bruckner war nicht angetan von dieser Idee, da Levi die Aufführung der 8. Sinfonie verweigerte. Schließlich kam es jedoch zu einer neuen Umarbeitung der 3. durch den Komponisten sowie Franz Schalk. Der Revision fielen weitere Abschnitte zum Opfer, vor allem im Finale. Die Arbeit war 1889 abgeschlossen und wurde ebenfalls von Theodor Rättig gedruckt. Die Uraufführung dieser dritten, aber erneut geglätteten, Version erfolgte am 21. Dezember 1890 unter Leitung von Hans Richter in Wien. Ein weiterer Druck dieser Fassung erschien 1959 und wurde von Leopold Nowack veranlasst und in die Bruckner-Gesamtausgabe aufgenommen.

Erst mit dem posthumen Druck der Erstfassung im Jahre 1977 ist es der Musikforschung und uns Musikfreunden möglich, den verwickelnden Weg dieser längsten Bruckner-Partitur über einen Zeitraum von 26 Jahren nachzuvollziehen. Die nachträgliche Uraufführung der Erstfassung erfolgte am 1. Dezember 1946 durch die Staatskapelle Dresden unter Leitung von Joseph Keilberth.

 

Hinweise zu den einzelnen Sätzen, bezogen auf alle der hier behandelten Fassungen.

 

Vorweg gesagt: Wenn im Folgenden von Themen gesprochen wird, folgt man der herkömmlichen Art. Richtiger wäre jedoch von Themenkomplexen zu reden, da das jeweilige musikalische Material mehrfach nach seinem Erklingen weitergeführt sowie mit neuem ergänzt wird. Man könnte schon von Minidurchführungen sprechen, bevor die eigentliche Durchführung beginnt.

 

1. Satz: Der Satz beginnt pp und steigert sich bis zum Takt 36. Takt 5 trägt die Trompete das 1. Thema vor, es wird vom Horn und Holzbläsern fortgeführt. Dazu schreibt der Komponist einen Orgelpunkt auf d, ausgeführt von Celli und Bässen.  Der erreichte Höhepunkt T. 37 ist gleichzeitig auch der Beginn des 2. Themas (bis T. 78). Trotz weniger ff-Episoden verläuft das Thema ruhig und wechselt zwischen Streichern und Holzbläsern. Die meisten Musikologen sehen jedoch diese beiden Themen als ein Ganzes, sie kommen so auf drei, statt auf vier Themen im 1. Satz. Damit käme das 1. Thema auf exakt 100 Takte. Takt 79 beginnen die Trompeten erneut mit dem 1. Thema jetzt in a (Orgelpunkt a), dazu entwickelt Bruckner ein Gespräch von Trompeten mit Holzbläsern, in Engführung. Das ist eine Besonderheit dieser 3. Sinfonie, immer wieder werden Themen bei ihrer Wiederholung in Engführung präsentiert, womit gleichzeitig eine Steigerung sowie eine Spannungszunahme erreicht wird. Die Wiederholung des 2. Themas beginnt T. 119, wird aber nicht durchgeführt, sondern T. 135 vom 3. Thema abgelöst. Hier führt Bruckner seinen bekannten und immer wieder genutzten Rhythmus aus einer Vierteltriole sowie zwei Vierteln pro Viervierteltakt ein, auch in Umkehrung. Das 4. Thema steht als Ziel einer Verdichtung ab T. 171, wechselnde zweitaktige Sequenzen (Holz und Blech) aus Halben Noten. Hinein gewoben ist der gregorianische Choral „Crux fidelis“, den die 1. Trompete marcato vorzutragen hat. Dieser Choral ist nur hier zu hören, in den folgenden beiden Überarbeitungen wird er wieder eliminiert.

 

2. Satz: Der Beiname „Wagner-Sinfonie“ leitet sich von den blockhaft eingeschobenen Zitaten aus „Tristan und Isolde“ T. 25-27 und „Lohengrin“ („gesegnet sollst du schreiten“) T. 234-241, wenige Takte vor Satzschluss. Während der Tristan-Abschnitt schon wieder verschwunden ist ehe man ihn richtig wahrgenommen hat, wird der Lohengrin-Abschnitt wie auf einem Präsentierteller im ff dargeboten, sofern die 1. Trompete mit Gefühl agiert. Dem Tristan-Abschnitt begegnet der Hörer auch in den beiden folgenden Fassungen, dort in größerem Gewand, der Lohengrin-Gesang bleibt nur eine Episode der Erstfassung. Bei einer ersten „rhythmischen Durchsicht“ (= Überarbeitung im Jahr 1876) änderte Bruckner das musikalische Material des 2. Satzes der Erstfassung und schuf daraus ein vollständiges neues Adagio. Bei der Uraufführung 1877 durch Bruckner wurde es gespielt, gelangte jedoch nicht in den Druck. Folglich wurde es nicht aufgenommen. Erst nachdem Leopold Nowack dieses Fragment 1980 einzeln veröffentlichte, kam es zu wenigen CD-Aufnahmen, hier ist es nur in der Einspielung von Vänskä vertreten.

 

3. Satz: Im Pianissimo der Streicher beginnt das Scherzo, ziemlich schnell und von viel Energie getrieben. Recht bald jedoch geht Bruckner zu akkordischem Spiel über, wobei das Blech auf lange Strecken den Ton (ff und fff) angibt. Ein anmutiges Trio in der Satzmitte soll im selben Tempo gespielt werden. In den meisten Einspielungen vernimmt man jedoch ein wesentlich langsameres Tempo. In der folgenden Bearbeitung (1877) verlängert Bruckner am Ende das Scherzo um 41 Takte. Diese wurden zwar in die Stimmen eingeklebt, im Druck jedoch nicht übernommen. In folgedessen wird sie kaum gespielt und aufgenommen. In den Aufnahmen von Vänskä, Schaller und Thielemann-Wh wird es beachtet. Man findet das verlängerte Scherzo in der Studienpartitur der Zweitfassung (1877) von Leopold Nowack.

 

4. Satz: alla breve: Mit einem energischen Crescendo innerhalb der ersten 8 Takte beginnt das Finale – in Sonatensatzform, in Takt 9 wird das 1. Thema ff erreicht. Der Themenkopf leitet sich aus dem 1. Thema des Kopfsatzes ab, das Thema wird zweimal hintereinander dargeboten, bei der Wiederholung einen Ton höher. Nach einer Generalpause sowie vier Überleitungstakten, beginnt in T. 69 das 2. Thema, Bruckner konzipiert es als Doppelthema. Ein echter Ohrwurm ist die Polka, die die Streicher anstimmen, während gleichzeitig Holz und Hörner (abwechselnd) ein choralartiges feierliches Thema dagegenstellen. Das zweite Thema erscheint ziemlich ausgedehnt Der folgende Abschnitt, immer noch dem 2. Thema verbunden, kann etwas Leerlauf nicht verbergen. Die Stimmung wandelt sich mit dem 3. Thema ab T. 209.

In der Zweitfassung in den Takten 129 bis T. 154, sowie in der Drittfassung, jeweils direkt vor dem 3. Thema, erinnert der Komponist an die fallenden Streicherkaskaden aus Wagners Tannhäuser. Das Schlafmotiv aus der Walküre („In festen Schlaf verschließ ich dich“) bringt die Erstfassung in den Takten 279-291, in der Zweifassung in den Takten 219-231. In der Drittfassung hat es Bruckner eliminiert. Es folgen Durchführung und Reprise. Am Satzende hält Bruckner inne und erinnert an den Schlusssatz von Beethovens 9. Sinfonie, wenn der Bonn-Wiener Meister die Themen der vorangegangenen Sätze auszugsweise rekapituliert. Dieses Schema übernimmt Bruckner nun auch, aber bereits nach 14 Takten braust das Finale herein. Der Satz endet im triumphalen D-Dur.

In vielen Aufsätzen zu Bruckners 3. Sinfonie liest man von den vielen Wagner-Zitaten in der Erstfassung. Das entspricht nicht ganz den Tatsachen. Zwar werden viele in den folgenden Bearbeitungen eliminiert, das Tannhäuser-Motiv jedoch wird in den folgenden Fassungen neu eingeführt. Das kurze Tristan-Motiv im 2. Satz erscheint in allen Fassungen.  Wagners Musik ließ den Meister nicht los!

Der 4. Satz verlangt vom Dirigenten eine enorme Gestaltungskraft, wenn er nicht aufpasst, kann die Musik an vielen Stellen auf der Stelle treten, sie klingt dann spröde und wenig abwechslungsreich.

 

Zur Diskographie:

Bruckners 3. Sinfonie ist nicht die beliebteste Sinfonie des Meisters und kommt viel weniger zur Aufführung als die 4., 7., 8. und 9., entsprechend trifft man sie auch weniger auf Tonträgern. Heutzutage, wenn in der Regel alle Sinfonien eines Komponisten aufgenommen, gehört sie natürlich dazu. Früher konnte der Plattensammler nur auf wenige Einspielungen zurückgreifen. Die aktuell meistgespielte Fassung ist die 3.in der Fassung von Nowack, die sich philologisch auf dem höchsten Stand befindet. Zunehmend begegnet man aber auch der Erstfassung von 1873.

 

Näheres über Bruckners Sinfonien, speziell auch der 3., erfährt der Musikfreund in der Abhandlung von Hans-Joachim Hinrichsen „Bruckners Sinfonien – Ein musikalischer Werkführer“, München, 2016.

 

 

1. Fassung 1873

 

Gemäßigt, misterioso – Adagio, feierlich – Scherzo, ziemlich schnell – Finale Allegro

 

5

Herbert Blomstedt

Berliner Philharmoniker

BP Media

2017

63‘15

 

live,

5

Herbert Blomstedt

Gewandhausorchester Leipzig

Querstand

1998

62‘30

 

live,

5

François-Xavier Roth

Gürzenich-Orchester Köln

myrios

2022

61‘37

 

deutliches Musizieren, bei zunehmender Lautstärke verdichtet sich der Klang, sehr gute dynamische Differenzierung, besonders auch im p-Bereich, I Klang T. 377-425 etwas aufdringlich plebejisch, IV vorwärtstreibend, Klang der Gruppen gut aufeinander abgestimmt

 

5

Yannick Nezet-Seguin

Sächsische Staatskapelle Dresden

Profil Hänssler

2008

71‘17

 

live, I bewegt, zielstrebig nach vorn, T. 410 1. Pos. etwas hervorgehoben, T. 479 ff. „Schlafmotiv“ fein gewoben, II gute dynamische Gestaltung, mit langem Atem, feierlich, IV expressive Darstellung

 

   

4-5

Jonathan Nott

Bamberger Symphoniker

Tudor

2003

63‘00

 

I Nott aufmerksam am Pult, mit langem Atem, gute Transparenz, aufgefächertes Klangbild, III ziemlich schnell, wie vom Komponisten gewollt, differenzierte Dynamik, IV großbogige Gestaltung, straffes und prägnantes Musizieren

 

4-5

Eliahu Inbal

Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt

Telefunken

1982

65‘24

 

I sehr klar, auch noch im ppp, sehr gute dynamische Differenzierung, II leider zurückhaltend, III Dynamik noch nicht am Limit, IV T. 73 ff. Vl. wenig präsent, später besser

 

4-5

Kent Nagano

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

HMF

2003

68‘35

 

I Durchf. etwas rau, wenig Druck nach vorn, etwas gezogen, II mit langem Atem, sehr gute Transparenz, III hier weniger T, IV geradlinig, nicht zelebriert – eine etwas zwiespältige Angelegenheit

 

   

4

Roger Norrington

London Classical Players

Virgin

1995

57‘10

 

HIP-Interpretation – I fließendes Musizieren, schnelleres Tempo als üblich, auch beim SWR, transparentes Klangbild, II korrekt, Dirigent eher zurückhaltend, III Balance nicht immer top, IV 1. Th. eckig und kantig, insgesamt nüchtern

 

4

Roger Norrington

SWR Sinfonie-Orchester Stuttgart

hänssler

2007

60‘28

 

HIP-Interpretation – I 1. und 2. Th. bei T. 69 ff. weniger deutlich als früher, weniger transparent, beim Wechsel Hrn.–Trp. T. 101 ff., Hörner deutlich leiser abgebildet, einige Tempowechsel, II zögerlich, ohne Druck nach vorn, am Satzende mit Pk. (nicht in der Partitur), III auch hier nicht alle Balancewünsche erfüllt, IV etwas weicher

 

4

Simone Young

Hamburger Philharmoniker

Oehms

2006

68‘31

 

I Young bemüht sich Längen zu vermeiden, einige wenige Stellen mit unklarer Stimmführung, II feierlich, manchmal auch schwerblütig, IV durchschnittliche Tempi, 2. Th. nach Partitur etwas langsamer, Blech dominiert im Wesentlichen das Klangbild

 

4

Marcus Bosch

Sinfonie-Orchester Aachen

Covuello

2006

67‘31

 

live, I Partitur-gerechtes Musizieren, II mehr bewegt als feierlich, III Scherzo und Trio im selben Tempo, IV Musik klingt wie nur durchgespielt, ohne persönliche Teilnahme

 

4

Markus Poschner

ORF Radio-Sinfonie-Orchester Wien

Capriccio

2022

56‘50

 

I Präzision des Zusammenspiels nicht immer auf höchstem Niveau, das trifft auch auf die Transparenz zu, T. 333 ff. Beschleunigung, II T. 222 (Pause) entfernt, III T. 19-24 sowie T. 111-116 Blech zu plakativ, Trio differenzierter, IV eher sachlich, abgeklärt als emotional

 

   

3-4

Georg Tintner

Royal Scottish National Orchestra

Naxos

1998

77‘43

 

I ausgewogenes Musizieren, langatmig, jedoch auch Leerlauf, Musik kommt vor der Reprise fast zum Stillstand, Trp. und Pos. deutlich präsenter als Hörner, II schwerblütig, erhabene Ruhe,

 

 

 

2. Fassung 1877

 

Gemäßigt, mehr bewegt, misterioso – Andante. Bewegt, feierlich, quasi Adagio – Scherzo, ziemlich schnell – Finale Allegro

 

 

Änderungen: Bruckner verwendet das Material aus Erstfassung, bringt jedoch neue Verknüpfungen, Generalpausen um die Hälfte gekürzt, I Choral „Crux fidelis“ neu eingeführt, bleibt in späteren Fassungen erhalten, II Lohengrin-Zitat beibehalten, danach nicht mehr verwendet

   

5

Michael Gielen

SWR Sinfonie-Orchester Baden-Baden und Freiburg

hänssler                      SWR Classic

1999

55‘29

 

sorgfältig erarbeitet, nie schleppend, prägnante Rhythmik, klare Artikulation, sehr gute Balance und Transparenz

 

5

Giuseppe Sinopoli

Sächsische Staatskapelle Dresden

DGG

1990

59‘03

 

I klares Musizieren, zupackend, aber auch die lyrischen Partien nicht überspielend, Klang immer gut austariert, II Musik immer im Fluss, sehr gute Balance, III/IV Blöcke gegenübergestellt

 

5

Osmo Vänskä

BBC Scottish Symphony Orchestra

hyperion

2000

62‘20

 

insgesamt sehr sorgfältig, ausgewogener Klang, gute Balance und Transparenz, I überwiegend energischer Zugriff, T. 41 und 91 Sechzehntel etwas verwischt, II Neufassung 1876: mit langem Atem, III spielerischer Umgang mit dem musikalischen Material, zusätzlich neu komponierte Coda, IV bewegt, die einzelnen Themen wie Blöcke gegenübergestellt, triumphierender Satzschluss

 

   

4-5

Georg Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1992

59‘26

 

Solti sorgt für einen kraftvollen Vortrag, dynamischer Reichtum, IT. 72-79 Fl. und Ob. neben Trp. zu leise, sollten jedoch nach Partitur immer hervortreten, II hier insgesamt interpretatorischer Leerlauf, in der Partitur so verankert, III drängend, IV sehr bewegt, unruhig, T. 197 ff. Blech zu sehr vor den Holzbläsern, auch T. 259 ff.

 

4-5

Christian Thielemann

Wiener Philharmoniker

Sony

2021

61‘05

 

live, I Tempo ab T. 325 angezogen, danach etwas bewegter, deutliches Fg. T. 511-514, T. 527 erneut accel., II langsamer Satz, aber immer bewegt, dynamisch ausgewogen, III prägnant musiziertes Scherzo, Trio etwas langsamer, transparent, gute Balance, zusätzlich neu komponierte Coda, IV Thielemann folgt der Partitur, deutliche Blöcke

 

   

4

Nikolaus Harnoncourt

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Teldec  

1994

54‘24

 

live, I Trp. anfangs zu sehr zurück, Instrumente; die hervortreten sollen, stellenweise zu leise, zu zurückhaltend; IV spürbare Vitalität gepaart mit scharfer Klanglichkeit im Blech

 

4

Bernard Haitink

Wiener Philharmoniker

Philips

1988

61‘30

 

Harnoncourt stellt sich hinter die Partitur, I überwiegend ernste Stimmung, mehr kontrolliert als emotional aufgeladen, gezügeltes Tempo, etwas zäh, II Tannhäuser-Anklänge T. 41 ff. sehr leise, nur angedeutet, III tänzerisch sowohl im Scherzo als auch im Trio, IV viel dichter Blech-Klang, herabgesetzte Spannung

 

4

Gerd Schaller

Philharmonie Festiva

Profil Hänssler

2024

54‘14

 

live, I nüchtern im Ausdruck, ziemlich feste Tempi, zusätzliche Pk. T 384-386, II laut Partitur soll es bewegt gespielt werden, jedoch nicht – wie hier – schnell, zunehmende Spannung zum Satzende, III lebendig, gute Transparenz, mit neu komponierter Coda, IV 1. Th. wünschte man sich lebendiger, 2. Th. gut, deutliche Tannhäuser-Motive

 

 

 

2. Fassung 1877 - Ausgabe Oeser 1878, Stichvorlage 1888

 

Gemäßigt, mehr bewegt, misterioso – Andante. Bewegt, feierlich, quasi Adagio – Scherzo, ziemlich schnell – Finale Allegro

 

 

Änderung gegenüber Fassung 1877 Nowack: I geänderte Durchführung T. 325-342, dann T. 405-414, III keine neue Coda, IV nicht sehr einfallsreich aufgrund der vielen Wiederholungen

 

5

Christoph von Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Decca

1993

57‘23

 

klares Klangbild, breite Klangskala, an einigen wenigen Stellen Stimmführung nicht immer wünschenswert deutlich, sehr gute Transparenz, III sehr lebendig

 

   

4-5

Bernhard Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1963

56‘51

 

I deutlich bewegter als bei WP, frischer, jedoch auch etwas rustikaler Vortrag, heller und offener Klang, II immer bewegt, Hrn. T. 39 unsauberer Einsatz, IV das Schematische der Kompositionsweise zusätzlich hervorgeholt

 

4-5

Rafael Kubelik

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

audite

1970

57‘37

 

live, insgesamt etwas stumpfer Klang, jedoch deutliches Musizieren, Stimmführungen deutlicher als beim COA, breites Klangbild, Holzbläser zurück, III belebtes Trio, IV variable Tempi, T. 87-89 zusätzlich mit Trp.

 

   

4

Daniel Barenboim

Berliner Philharmoniker

Teldec

1995

59‘31

 

live, Dynamik im Bassbereich gut differenziert, I zurückhaltendes Tempo, Balance im ff / fff nicht immer top, II sich Zeit lassend, mit langem Atem, IV Barenboim als Koordinator, sachlich

 

   

3-4

Daniel Barenboim

Staatskapelle Berlin

DGG

2012

57‘26

 

live, ähnlich wie 1995, dunklerer Klang, teilweise etwas stumpf, II Stimmführung geht an lauten Stellen etwas unter, III ungeduldig, T. 89-94 etwas verwaschen, Klang kaum aufgefächert, I V das trifft auch hier zu

 

3-4

Jascha Horenstein

BBC Northern Symphony Orchestra

BBCL

1963

57‘46

 

live, I Stimmführungen nicht immer klar, Holz hat an lauten Tutti-Stellen keine Chance, zu plakativ, II Blech im ff gepresst, sehr bewegt, III T. 111 ff. wie gehämmert, auch am Satzschluss, IV Intonation nicht immer gelungen, Klang wie in früheren Sätzen

 

3-4

Rafael Kubelik

Concertgebouw Orchester Amsterdam

RNM

1954

56‘56

 

live, etwas enges Klangbild, Stimmführungen nicht immer zu orten, immer wieder kieksende Hörner, bei lauten Abschnitten auch gepresst, insgesamt etwas nüchtern, I Änderungen im Notentext bei Ziff. V T. 519-548, laute Abschnitte oft plakativ

 

3-4

Lovro von Matačić

Philharmonia Orchestra London

BBCL

1983

58‘54

 

live, I Begleitung von Vl. und Va. in den ersten 40 Takten zu leise, Cresc. T. 35, 43 und später bleiben unbeachtet, in den vielen Tutti-Stellen spielen Holzbläser kaum eine Rolle, Pk. durchgehend zu laut, immer wieder nicht vorgesehene Pk. Wirbel, II Stimmführungen nicht immer deutlich, einige wacklige Einsätze, III an einigen Stellen Musik dramatisiert, Akkorde nicht immer genau zusammen

  

 

   

3. Fassung 1889/90Ausgabe Nowack 1959

 

Mehr langsam, misterioso – Adagio, bewegt, quasi Andante – Scherzo, ziemlich schnell – Finale Allegro

 

 

5

Günter Wand

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

DHM            EMI

1981

54‘32

 

 

 

5

Günter Wand

NDR -Sinfonie-Orchester Hamburg

RCA

1992

53‘47

 

 

 

5

Mariss Jansons

Königliches Concertgebouw Orchester

RCO

2007

57‘49

 

 

live, sorgfältiges Musizieren mit langem Atem, intensive hellwache Gestaltung, Beachtung von Details, II kaum Tempounterschiede zwischen den beiden ersten Sätzen, weiches Musizieren, im lauten Tutti opulenter Klang, feierlich – ein Quäntchen überzeugender als in München

 

 

5

Lorin Maazel

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

1999

58‘08

 

 

Musik bleibt immer im Fluss, geschmeidiges Musizieren; klares, in die Breite gehendes Klangbild, breite Dynamik, II Maazel verleiht den einzelnen Themen ihr spezifisches Gesicht, III Trio deutliches Vogelgezwitscher, IV phantastische Orchesterleistung, plastisches Musizieren, nicht schleppend

 

 

5

Eugen Jochum

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

DGG

1967

53‘03

 

 

gelöstes Musizieren, ausdrucksstark, I ruhiges Tempo, vorbildlich gestaltete dynamische Abstufungen, ziemlich offenes Klangbild, weicher als später in Dresden, II Sensibilität für Bruckners Musik, mit langem Atem, III Trio etwas langsamer, IV T. 167 ff. weniger ruhig als später

 

 

5

Eugen Jochum

Staatskapelle Dresden

Eterna      EMI

1977

54‘36

 

Jochum hat Bruckners Partitur im Griff, sorgfältig und sauber, dichtes Klangbild bei lauten Tutti-Stellen, III derbe Tutti-Akkorde, IV gefällt besser als

 

 

5

Karl Böhm

Wiener Philharmoniker

Decca

1970

56‘26

 

große Bruckner-Nähe, helles und offenes Klangbild, I an lauten Tutti-Stellen geringere Balance, T. 35 cresc. nicht übersehen, II lebendige Darstellung, dynamische Gegensätze herausgestellt, III rhythmisch betontes Musizieren, Trio etwas langsamer

 

 

5

Marek Janowski

Orchestre de la Suisse Romande

Pentatone

2011

53‘05

 

breites Klangpanorama, I Janowski achtet auf genaue Abstufungen der Dynamik, vorbildlicher Spannungsaufbau, bewegtes Musizieren, Stimmführungen gut zu verfolgen, II sehr gute Balance und Transparenz, stimmungsvoller Ausklang, III Tempo sowohl im Scherzo als auch Trio schneller als üblich, IV sehr lebendig, Streicherbegleitung (Zweiunddreißigstel) immer deutlich

 

 

5

Klaus Tennstedt

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Profil Hänssler

1976

52‘00

 

live, überwiegend deutliches Musizieren, I übersichtlich, guter Spannungsaufbau, nicht gehetzt, II mit langem Atem, überzeugend, III guter Kontrast zwischen Scherzo und Trio, sehr farbiges Trio, IV Allegro nach Partitur, zweites Th. langsamer, nicht langsam, wie vorgesehen, zielstrebig das Satzende anpeilend

 

 

   

 

4-5

Riccardo Chailly

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

Decca

1985

55‘55

 

breites Klangfeld, hell, mit guter Balance und Transparenz, präsenter Bassbereich, überwiegend feste Tempi; in dieser Aufnahme tritt das Horn mehr nach vorn, anstelle der Trompete; III Trio etwas langsamer

 

 

4-5

Herbert Kegel

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig

Eterna                     ODE Classics

1978

51‘47

 

live, I sehr bewegt, nach vorn spielend, Musik immer unter Spannung, ziemlich feste Tempi, farbiges Klangbild, immer präsentes 1. Horn, II Kegel hat die Musik im Griff, gute Balance und Transparenz, bewegtes Musizieren, III Sch. zielgerichtet nach vorn, Trio deutlich langsamer, 1. Horn T. 57-64 deutlich, IV vorwärtstreibend, präsentes Tannhäuser-Motiv T. 139-146, insgesamt etwas rustikal

 

 

4-5

Stanislaw Skrowaczewski

Radio-Sinfonieorchester Saarbrücken

Oehms

1996

55‘15

 

 

4-5

Hans Rosbaud

SWF Sinfonie-Orchester Baden-Baden

SWR Classic

1960

55‘36

 

sauberes Musizieren, dynamische Gegensätze nicht so ausgeprägt wie bei späteren Produktionen, Holz gegenüber Blech zurückgesetzt, III Trio wesentlich langsamer: Tanz älterer Bauern? IV Inspiration nicht auf höchstem Niveau

 

 

4-5

Mariss Jansons

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

2005

55‘39

 

sorgfältig erarbeitet und dargeboten, breite dynamische Skala mit feinen Abstufungen, besonders auch im f-Bereich, ausgeglichene Tempi, das Blockhafte der Komposition gut herausgearbeitet

 

 

   

 

4

Stanislaw Skrowaczewski

London Philharmonic Orchestra

LPO-live

2014

56‘32

 

live,

 

4

Kurt Sanderling

Gewandhausorchester Leipzig

Eterna                    Berlin Classics

1963

63‘55

 

in allen Sätzen langsamere Tempi, besonders im Trio, I 3. Th. von anderen Instrumenten umspielt, sowohl bei Ziff. D und auch später, mit viel Nachdruck musiziert, II überwiegend ruhig, IV Blech ausdrucksvoll, jedoch etwas zäh, anfangs rustikal – gute Balance und Transparenz, offenes Klangbild

 

 

   

 

3-4

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1980

57‘05

 

I lärmend, penetrant nach vorn geholte Pk., Holz tritt nur an Solo-Stellen hervor, Blech übertönt fast alles, hier vermisst man Feinfühligkeit, II HvK lässt hier nicht „so schön wie möglich“ musizieren, raue Tutti-Stelle Blech-beherrscht, III Trio langsamer – Beziehung zum Werk?  vermutlich Sinfonie nur einmal, für die Plattenaufnahme, einstudiert

 

 

3-4

Andris Nelsons

Gewandhausorchester Leipzig

DGG

2016

60‘31

 

I Musik zerfällt in Abschnitte, zögerliches Tempo, nach Spannungsaufbau T. 30 sowie T. 460 geringfügiges Innehalten vor dem folgenden Takt (= 2. Th.), II hier adäquates Tempo, Musik klingt trotzdem gezogen, III etwas schwerblütig, trotz Allegro- Tempo, IV Trp. T. 105-108 kaum ausdrucksvoll, Musik vor T. 451 (Apotheose) gebremst, keine Verbindung der beiden Abschnitte

 

 

   

 

3

Sergiu Celibidache

SWR Sinfonie-Orchester Stuttgart

DGG

1980

61‘56

 

live, I immer wieder schleppendes Musizieren, T. 30 Lautstärke vor Höhepunkt bei Ziff. A zurückgenommen, nachlassende Lautstärke ab T. 31, Musik tritt auf der Stelle, auch in der Durchf., da hätte man mehr erwartet, herabgesetzte Balance, II Satz zerfällt in Abschnitte, III zu Beginn ein Aufatmen, da jetzt lebendig, leider nicht anhaltend, IV zäh

 

 

3

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI

1987

65‘24

 

live, noch langsamer als 1980, I Balance T. 20-30 wie ein Brei, bei Ziff. D muss Musik erst wieder in Gang kommen, ein Zusammenhang fehlt, II Hrn. T. 154 ff. nicht integriert, III man lässt sich Zeit, IV Tempowechsel bringen Unruhe

 

 

  

 

3. Fassung 1890Ausgabe Bruckner/Schalk, Edition Rätting

 

Mehr langsam, misterioso – Adagio, bewegt, quasi Andante – Scherzo, ziemlich schnell – Finale Allegro

 

        5

Carl Schuricht

Wiener Philharmoniker

EMI           Preiser     medici arts

1965

55‘12

 

I organisches Musizieren, Choral „crox fidelis (T. 199 ff.) deutlich, II offene Stimmführungen, stimmungsvoller Satzschluss, III Scherzo und Trio lockere Art, IV ausgewogen, 2. Th. (Streicher/Choral) ohne Überdruck, mit langem Atem dem Satzende zustrebend

 

5

George Szell

Cleveland Orchestra

CBS        Sony

1966

55‘22

 

 

   

4-5

George Szell

Staatskapelle Dresden

Andante

1965

51‘30

 

live,

4-5

Hans Knappertsbusch

Wiener Philharmoniker

Decca

1954

53‘39

 

 

   

4

Hans Knappertsbusch

Münchner Philharmoniker

Living stage   Melodram

1964

59‘11

 

live,

4

Hans Knappertsbusch

Bayerisches Staatsorchester

Orfeo

1954

51‘06

 

live,

4

Charles F. Adler

Wiener Symphoniker

Spa       M&A

1953

54‘18

 

I streng, entlang des Notentextes, heller Klang, jedoch etwas kompakt, besonders in Tutti-Abschnitten, II flüssige Lesart, III drängend gespieltes Scherzo, Trio im Tempo zurückgenommen, IV Allegro, Trp. T.105-108 wenig ausdrucksvoll, im lauten Tutti-Klang zu pauschal

 

   

3-4

Volkmar Andreae

Wiener Symphoniker

M & A

1953

50‘45

 

ziemlich geradliniges Musizieren bei festen Tempi, helles Klangbild, Dynamik vor allem im p-Bereich kaum top, I Blech meist vorn, teilweise penetrant, T. 32, 88 und 462 ohne Fermate, T. 325 Geigen überdecken Holz, T. 474 Horn zu früh, T. 526 ff. wenig transparent, II viel Bewegung im langsamen Satz, T. 155 Sechzehntel der Flöten schneller als Horn, III derbes Scherzo, abwechslungsreiches Trio, IV 1. Th. sehr schnell, brutale Blechattacken

 

3-4

John Barbirolli

Hallé Orchestra Manchester

BBCL

1983

52‘53

 

live, laute Tutti-Abschnitte mit gepresstem Klang, dabei herabgesetzte Balance und Transparenz, insgesamt stumpfer Klang, Dynamik nicht immer nach Partitur, an vielen Stellen leises Summen des Dirigenten, III Trio viel langsamer

 

3-4

Hans Knappertsbusch

NDR Sinfonie-Orchester Hamburg

Tahra

1962

60‘56

 

live,

   

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen

 

Hans Knappertsbusch (Bruckner/Schalk, Rätting 1890)

Der Dirigent Hans Knappertsbusch wird seit Jahren hauptsächlich mit dem Werk Richard Wagners verbunden. Er spielte nach dem Neubeginn der Bayreuther Festspiele 1951 bis zu seinem Tode eine führende Rolle auf dem Grünen Hügel. Die Mitschnitte des Bayerischen Rundfunks werden von vielen Musikfreunden noch heute hochgeschätzt. Neben Wagner widmete sich der „Kna“ hauptsächlich den Partituren von Anton Bruckner. Auch hier kann der Musikfreund auf etliche Mitschnitte zurückgreifen. Leider sind diese teilweise von minderer klanglicher Qualität. Studio-Einspielungen existieren m. W. nur von den Sinfonien Nr. 3, 4, 5 (Wiener Philharmoniker) und 8. (Münchner Philharmoniker). Die hier besprochenen vier Aufnahmen der 3. Sinfonie entstanden alle in dem Zeitraum von 1954 bis 1964. Knappertsbusch lässt in der Regel mit großem Nachdruck musizieren, er stellt mächtige Akkorde nebeneinander, das klingt dann wuchtig, wie ein gewaltiges Statement. Dabei hält sich der Dirigent nicht immer an die in der Partitur vorgegebener Dynamik, das klingt dann etwas pauschal. Auch die Stimmführungen sind nicht immer so deutlich geraten, wie man sie als Hörer gerne hätte, darunter leidet auch die Transparenz. Entsprechend ist der Klang belegt oder stellenweise auch verschleiert. Alle Trios nimmt Knappertsbusch deutlich langsamer als das umgebene Scherzo.  Etwas schwerfällig kommt auch das Finale aus den Lautsprechern. Das trifft vor allem auf das zweite Thema zu. Bruckner schreibt dort langsamer in die Partitur, nicht langsam. Die m. M. n. überzeugendste Darstellung ist die Studio-Einspielung mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahr 1954. Hier kann man ein deutliches Musizieren erleben, konzentriert, intensiv., mit dem relativ besten Klangbild. Die Beschleunigung im ersten Satz ab T. 77 bis Ziff. C steht zwar nicht in der Partitur, wirkt aber überzeugend. Als weniger glücklich empfinde ich das Nachlassen der Intensität in den T. 159 und 160.

 

 

George Szell (Bruckner/Schalk, Rätting 1890)

George Szell war in den 1950er Jahren bis zu seinem Tode 1970 einer der Hauptdirigenten bei den Salzburger Festspielen. Dort traf man ihn nicht nur am Opernpult mit den Wiener Philharmonikern, sondern auch immer wieder als Kapellmeister der führenden europäischen Orchester, die ab 1957 mit ihren Auftritten den Konzertprogrammen Glanz verliehen. 1967 brachte er auch sein Cleveland Orchestra ins große Festspielhaus. Zwei Jahre zuvor stand er am Pult der Staatskapelle Dresden, das Hauptwerk war Bruckners 3. Sinfonie. Er wählte die letzte Fassung aus dem Jahr 1890, die der Komponist zusammen mit seinen Schülern Schalk beim Verleger Rätting herausgebracht hatte. Ein Jahr später erfolgte in Cleveland eine Studioaufnahme für CBS. Es ist nicht leicht zu beurteilen, welcher Ausgabe man den Vorzug geben soll. Das Dresdner Orchester verfügte über eine lange Erfahrung mit Bruckner, standen doch regelmäßig Dirigenten wie Konwitschny, Böhm, Knappertsbusch, Kempe und Suitner am Pult der Kapelle, letzterer sogar als Chefdirigent. Österreichische Kritiker betonen eher eine authentische Darbietung der Dresdner Musiker und ziehen sie dem amerikanischen Vortrag vor. Die Studioaufnahme bildet eine sorgfältige Darbietung, Szell achtet auf Details und ein immer deutliches wie spannungsreiches Musizieren. Die Dynamik ist bestens abgestimmt, ebenso die Balance und Transparenz. Mit langem Atem wird der langsame Satz vorgestellt. Im Konzertmitschnitt mir der Dresdner Staatskapelle erlebt der Hörer etwas mehr Spannung und auch Dramatik. Das Orchester spielt jedoch mit weniger Schliff. Die erste Trompete klingt etwas (zu) scharf, alle Sätze außer dem Scherzo werden schneller vorgetragen. Das Tannhäuser-Zitat im Finale T. 139-146 kommt deutlicher heraus als in Cleveland, jedoch weniger schön. In beiden Interpretationen achtet Szell im Trio auf die Triller in den Bratschen, es ist nur eine Begleitung, belebt aber den Vortrag. Beide Interpretationen haben ihre Berechtigung. Letztlich muss der Hörer selbst entscheiden, welche Lesart ihm authentischer vorkommt.

 

 

Günter Wand (1889)

Anton Bruckners Sinfonien traten erst relativ spät in Günter Wands Fokus, dafür aber intensiver. Das Schallplattenpublikum war erstaunt über die Aufnahmen mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, heute WDR Sinfonie-Orchester Köln, die in den 1970ern und frühen 1980er Jahre in Köln in Zusammenarbeit mit der Deutschen Harmonia Mundi und der Electrola entstanden. Im Oktober 1971 führte der Gürzenich-Kapellmeister Wand Bruckners 8. Sinfonie in einem Konzert des Gürzenich-Orchesters Köln auf, das vom WDR mitgeschnitten und später von Harmonia Mundi als Doppel-LP auf dem Plattenmarkt angeboten wurde. Vielleicht gab dies den Anlass, alle 9 Bruckner-Sinfonien mit dem bekannteren Sinfonie-Orchester des WDR, bei dem Wand immer wieder zu Gast war, auf Schallplatte nach und nach herauszubringen. Es blieb nicht aus, dass der eine oder andere einflussreiche Kritiker Wand als Bruckner-Apostel titulierte. Das klang gut, war aber eine sehr einseitige Meinungsäußerung, die übersah, dass Wand in seiner jahrzehntelangen Eigenschaft als Kölner Generalmusikdirektor sich allen Musikepochen und Stilrichtungen erfolgreich zuwandte. Nur auf dem Plattenmarkt war er nicht vertreten, das traf auf den deutschen zu, aber nicht generell. Wand arbeitete damals bereits einige Jahre mit dem französischen Schallplattenclub „Club français du Disque“ zusammen, deren LPs nur Clubmitglieder erwerben konnten, jedoch nicht in den öffentlichen Verkauf gelangten. Der Ruf als „Bruckner-Apologet“ bewirkte jedoch, dass etliche Orchester ihn zu Gastspielen einluden und eine Bruckner-Sinfonie erwarteten. Beim NDR, deren Sinfonie-Orchester er in den 1980/90er Jahre leitete, stand auch immer wieder eine Bruckner-Sinfonie auf dem Programm, z. B. beim jeweiligen Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein-Musikfestivals. Auch in München, wo Wand öfter mit den Philharmonikern spielte, wurde einige Bruckner-Sinfonien gespielt. Sogar die Berliner Philharmoniker wollten Bruckner mit ihm spielen. All diese Konzert wurden mitgeschnitten und landeten nach und nach als CD auf dem Plattenmarkt.

Wands Musizieren zeichnet sich als geradlinig, korrekt, frei von Eigenmächtigkeiten aus, immer der jeweiligen Partitur verpflichtet. Eigene Vorstellungen treten nicht in den Vordergrund. So ist es nicht verwunderlich, dass sich seine Interpretationen über die Jahre hinweg kaum verändert haben. In einem Interview soll er einmal auf die Frage, ob er Beethovens 9. Sinfonie wie Toscanini oder eher wie Furtwängler dirigieren werde, geantwortet haben: wie Beethoven, das kann man so auch auf Bruckner übertragen. Da tritt sein Bekenntnis zu absoluter Werktreue stark in den Vordergrund. Die hier vertretenen Aufnahmen aus Köln und später aus Hamburg sind sich ebenbürtig, auch wenn mehr als 10 Jahre auseinanderliegen. Der spätere Konzertmitschnitt klingt im Vergleich ein wenig stumpf und besitzt eine etwas geringere Transparenz. Die frühere Studio-Produktion besitzt etwas mehr an Präsenz sowie ein breiteres Klangspektrum. Umgekehrt ziehe ich das Scherzo in Hamburg aufgrund einer lockeren Spielweise der WDR-Aufnahme vor.

 

Stanislaw Skrowaczewski (1889)

Der polnische Maestro hat sich in der Musikwelt einen Namen als kompetenter Bruckner-Interpret erworben, davon zeugen auch seine zahlreichen Aufnahmen. Von der 3. Sinfonie liegen mir zwei Aufnahmen vor, aus Saarbrücken mit dem Radio-Sinfonieorchester, der heutigen Deutschen Radio Philharmonie, mit der er viele Jahre als 1. Gastdirigent verbunden war, sowie ein Konzertmitschnitt mit dem London Philharmonic Orchestra. Ein lebendiges Musizieren ist auf beiden Aufnahmen zu erleben, das schließt auch variable Tempi mit ein. Heute seltener zu beobachten sind die gleichzeitigen Crescendi und Accelerandi, hier z. B. in T. 325-340 im Kopfsatz, die der Musik enorme Spannung verleihen, wie auch die unterschiedlichen gleichzeitig erklingenden Rhythmen in T. 392.400. Auch über die kurzen cresc.-Zeichen T. 35 (auch immer wieder später) geht der Dirigent nicht hinweg. Im langsamen Satz hält sich Skrowaczewski in der deutschen Aufnahme strenger an die Partitur als in der Londoner, in der die Balance nicht immer überzeugt, in welcher der Dirigent dem Orchester auch mehr Freiheiten erlaubt. In beiden Aufnahmen kommt die Engführung T. 57-70 nicht gut heraus. Im dritten Satz gefällt ein schlankes Musizieren, in London geraten die Tutti-Akkorde des Blechs leider weniger präzise als in Saarbrücken. Das Trio wird in beiden Aufnahmen etwas langsamer gespielt, gefällt aber durch einen kecken Ausdruck. Im Finalsatz wird das 2. Thema im Tempo etwas zurückgenommen, auch T. 315 ff. (Saarbr.), in London weniger. Hier wünschte man sich jedoch das Finale geformter. Der bessere Klang spricht eher für die Studio-Aufnahme, beim Londoner-Mitschnitt ist er teilweise etwas dicht, mit weniger Transparenz. Die Tempi bewegen sich im ähnlichen Bereich.

 

Herbert Blomstedt (1873)

Blomstedt widmet sich in den letzten 20 Jahren immer wieder Bruckners Sinfonien. Von der 3. liegen mir zwei Interpretationen vor, die erste wurde mit dem Gewandhaus-Orchester mitgeschnitten, die zweite mit den Berliner Philharmonikern. Im Tempo sind sich beide ähnlich: In Leipzig wird der Kopfsatz etwas mehr als eine Minute schneller gespielt, in Berlin sind es die Sätze 2 bis 4. Blomstedts Stärke ist es die Musik zielstrebig nach vorn zu treiben und Spannungsbögen von langer Hand vorzubereiten. Man kann immer wieder seinen langen Atem bewundern, auch jetzt noch, nachdem er die Mitte des 90. Lebensjahres bereits überschritten hat. Es fällt ihm nicht schwer die Musik lebendig zu halten und die Orchester zum prägnanten Spiel anzuhalten. Das Berliner Blech besitzt hier einen etwas schlankeren und gleichzeitig helleren Ton als das bei den Leipzigern.

 

Herzlichen Dank möchte ich den Freunden des Klassik-Prismas sagen, die einige Aufnahmen außerhalb meiner Sammlung zur Verfügung gestellt haben, zum Pläsier unserer Leserinnen und Leser.

 

eingestellt am 12.03.2025

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