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Bernd Stremmel |
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Anton Bruckner
3. Sinfonie d-Moll
„Wagner – Sinfonie“
Diese Sinfonie ist nicht Bruckners
dritte, sondern seine fünfte. Eine Sinfonie in f-Moll sowie eine in d-Moll
gingen der heute als erste und zweite gezählten voraus, die allerdings von
Bruckner als nicht seinen Absichten entsprechend wieder verworfen wurden. „Giltet nicht“ hat der Komponist an anderer
Stelle geschrieben. Die Komposition der vorliegenden 3. Sinfonie begann
Bruckner im September des Jahres 1872 und wurde am letzten Tag des folgenden
Jahres abgeschlossen. Der Komponist schrieb ins Manuskript „Vollständig fertig
31. Dez.1873 nachts“. Die Sinfonie ist mit ihren 2056 Takten in dieser Fassung
die längste aller Bruckner-Sinfonien. Zeitmäßig wird sie jedoch von der 5. und
8. Sinfonie noch übertroffen. Die Anzahl der Takte relativiert sich mit den jeweils
von den Dirigenten gewählten Tempi. So benötigt Jonathan Nott
für den ersten Satz in der Erstfassung 22’34 Min, während Haitink mit den
Wiener Philharmonikern in der kürzeren Zweitfassung den ersten Satz in 21’28
Min hinlegt. Lorin Maazel, der die noch etwas kürzere Drittfassung von 1889
gewählt hat, braucht 22’36 Min. Alle drei Interpretationen liegen zeitmäßig eng
beieinander, auch wenn die Anzahl der Takte unterschiedlich sind.
Bereits im September 1873 reiste
Bruckner mit dem Manuskript der vorläufig fertiggestellten Sinfonie sowie der
Partitur der vorangegangenen 2. Sinfonie in c-Moll von Karlsbad, seinem
Urlaubsort, nach Bayreuth zu dem von ihm hochverehrten Richard Wagner, der mit
dem Bau des Festspielhauses beschäftigt war, und legte diesem die beiden
Partituren vor. Eine der beiden Sinfonien wollte Bruckner Wagner widmen, dieser
sollte sich für eine der beiden entscheiden. Wagner wählte die 3. mit
eingeflochtenen Zitaten aus Tristan, Lohengrin und Walküre. Ob Wagner diese bei
seiner – vermutlich oberflächlichen – Durchsicht erkannt hat, ist nicht gewiss.
Jedenfalls erhielt die d-Moll-Sinfonie den Beinamen „Wagner-Sinfonie“, der
blieb auch den nachfolgenden überarbeiteten Fassungen erhalten.
Bruckner bemühte sich bei den Wiener
Philharmonikern um eine Uraufführung, die jedoch verweigert wurde, ein Grund
für die Ablehnung war auch ihre Länge. Auch eine Überarbeitung samt Kürzungen
(1874, wird nicht gezählt) ließ die Wiener Musiker kalt. Bruckner arbeitete
inzwischen an seiner 4. Sinfonie in Es-Dur, die 3. ließ ihn aber nicht los und
es kam zu einer erneuten Überarbeitung 1876/77. Der Hofkapellmeister Johann
Herbeck sagte zu, die inzwischen von 2056 auf 1815 Takte gekürzte Neufassung
der Sinfonie (=2. Fassung) in Wien aufzuführen. Bei dieser Kürzung verzichtete
Bruckner auf viele der Generalpausen und eliminierte weitgehend die
Wagner-Zitate. Leider verstarb Herbeck unerwartet etwa zwei Monate vor dem
angesetzten Termin. Bruckner wurde gebeten, selbst die Uraufführung zu
übernehmen. Der Abend gestaltete sich für den als Orchesterleiter unerfahrenen
Komponisten jedoch zu einem Reinfall, zu einem Fiasko. Es wird berichtet, dass
das Publikum noch während der Aufführung der Sinfonie nach und nach den Saal
verließ, zuletzt sollen nur 7 Personen bis zum Ende ausgeharrt haben.
Trotz dieses Misserfolges fand sich ein
Verleger, Theodor Rättig, die 2. Fassung nach einer
Revision in den Druck zu befördern. Es war der erste Druck einer
Bruckner-Sinfonie überhaupt. Der Druck der Erstfassung von 1873 wurde 1944 von
Robert Haas für die Bruckner-Gesamtausgabe vorbereitet, konnte jedoch aufgrund
der Kriegswirren nicht mehr verwirklicht werden. Erst im Jahr 1977 wurde sie
von Leopold Nowack, Nachfolger von Robert Haas als wissenschaftlicher der
Bruckner-Gesamtausgabe, verwirklicht.
Auch die Zweitfassung blieb letztlich
erfolglos und wurde nicht aufgeführt. In seinem Schaffensdrang wandte sich
Bruckner neuen Sinfonien zu. Etwa 10 Jahre später, inzwischen war die 8.
Sinfonie entstanden, die vom Hermann Levi bestellt und zur Aufführung gebracht
werden sollte, gelang es Bruckners Schülern und dem Verleger Rättig den Komponisten zu überzeugen, einen Erfolg mittels
einer erneuten Revision zu versuchen. Bruckner war nicht angetan von dieser
Idee, da Levi die Aufführung der 8. Sinfonie verweigerte. Schließlich kam es
jedoch zu einer neuen Umarbeitung der 3. durch den Komponisten sowie Franz
Schalk. Der Revision fielen weitere Abschnitte zum Opfer, vor allem im Finale.
Die Arbeit war 1889 abgeschlossen und wurde ebenfalls von Theodor Rättig gedruckt. Die Uraufführung dieser dritten, aber
erneut geglätteten, Version erfolgte am 21. Dezember 1890 unter Leitung von
Hans Richter in Wien. Ein weiterer Druck dieser Fassung erschien 1959 und wurde
von Leopold Nowack veranlasst und in die Bruckner-Gesamtausgabe aufgenommen.
Erst mit dem posthumen Druck der
Erstfassung im Jahre 1977 ist es der Musikforschung und uns Musikfreunden
möglich, den verwickelnden Weg dieser längsten Bruckner-Partitur über einen
Zeitraum von 26 Jahren nachzuvollziehen. Die nachträgliche Uraufführung der
Erstfassung erfolgte am 1. Dezember 1946 durch die Staatskapelle Dresden unter
Leitung von Joseph Keilberth.
Hinweise zu den einzelnen Sätzen,
bezogen auf alle der hier behandelten Fassungen.
Vorweg gesagt: Wenn im Folgenden von Themen
gesprochen wird, folgt man der herkömmlichen Art. Richtiger wäre jedoch von
Themenkomplexen zu reden, da das jeweilige musikalische Material mehrfach nach
seinem Erklingen weitergeführt sowie mit neuem ergänzt wird. Man könnte schon
von Minidurchführungen sprechen, bevor die eigentliche Durchführung beginnt.
1. Satz: Der Satz beginnt pp und
steigert sich bis zum Takt 36. Takt 5 trägt die Trompete das 1. Thema vor, es
wird vom Horn und Holzbläsern fortgeführt. Dazu schreibt der Komponist einen
Orgelpunkt auf d, ausgeführt von Celli und Bässen. Der erreichte Höhepunkt T. 37 ist
gleichzeitig auch der Beginn des 2. Themas (bis T. 78). Trotz weniger ff-Episoden
verläuft das Thema ruhig und wechselt zwischen Streichern und Holzbläsern. Die
meisten Musikologen sehen jedoch diese beiden Themen als ein Ganzes, sie kommen
so auf drei, statt auf vier Themen im 1. Satz. Damit käme das 1. Thema auf
exakt 100 Takte. Takt 79 beginnen die Trompeten erneut mit dem 1. Thema jetzt
in a (Orgelpunkt a), dazu entwickelt Bruckner ein Gespräch von
Trompeten mit Holzbläsern, in Engführung. Das ist eine Besonderheit dieser 3.
Sinfonie, immer wieder werden Themen bei ihrer Wiederholung in Engführung
präsentiert, womit gleichzeitig eine Steigerung sowie eine Spannungszunahme
erreicht wird. Die Wiederholung des 2. Themas beginnt T. 119, wird aber nicht
durchgeführt, sondern T. 135 vom 3. Thema abgelöst. Hier führt Bruckner seinen
bekannten und immer wieder genutzten Rhythmus aus einer Vierteltriole sowie
zwei Vierteln pro Viervierteltakt ein, auch in Umkehrung. Das 4. Thema steht
als Ziel einer Verdichtung ab T. 171, wechselnde zweitaktige Sequenzen (Holz
und Blech) aus Halben Noten. Hinein gewoben ist der gregorianische Choral „Crux
fidelis“, den die 1. Trompete marcato vorzutragen
hat. Dieser Choral ist nur hier zu hören, in den folgenden beiden
Überarbeitungen wird er wieder eliminiert.
2. Satz: Der Beiname „Wagner-Sinfonie“
leitet sich von den blockhaft eingeschobenen Zitaten aus „Tristan und Isolde“
T. 25-27 und „Lohengrin“ („gesegnet sollst du schreiten“) T. 234-241, wenige
Takte vor Satzschluss. Während der Tristan-Abschnitt schon wieder verschwunden
ist ehe man ihn richtig wahrgenommen hat, wird der Lohengrin-Abschnitt wie auf
einem Präsentierteller im ff dargeboten, sofern die 1. Trompete mit
Gefühl agiert. Dem Tristan-Abschnitt begegnet der Hörer auch in den beiden
folgenden Fassungen, dort in größerem Gewand, der Lohengrin-Gesang bleibt nur
eine Episode der Erstfassung. Bei einer ersten „rhythmischen Durchsicht“ (=
Überarbeitung im Jahr 1876) änderte Bruckner das musikalische Material des 2.
Satzes der Erstfassung und schuf daraus ein vollständiges neues Adagio. Bei der
Uraufführung 1877 durch Bruckner wurde es gespielt, gelangte jedoch nicht in
den Druck. Folglich wurde es nicht aufgenommen. Erst nachdem Leopold Nowack
dieses Fragment 1980 einzeln veröffentlichte, kam es zu wenigen CD-Aufnahmen,
hier ist es nur in der Einspielung von Vänskä
vertreten.
3. Satz: Im Pianissimo der
Streicher beginnt das Scherzo, ziemlich schnell und von viel Energie getrieben.
Recht bald jedoch geht Bruckner zu akkordischem Spiel über, wobei das Blech auf
lange Strecken den Ton (ff und fff) angibt. Ein anmutiges Trio in
der Satzmitte soll im selben Tempo gespielt werden. In den meisten
Einspielungen vernimmt man jedoch ein wesentlich langsameres Tempo. In der
folgenden Bearbeitung (1877) verlängert Bruckner am Ende das Scherzo um 41
Takte. Diese wurden zwar in die Stimmen eingeklebt, im Druck jedoch nicht
übernommen. In folgedessen wird sie kaum gespielt und
aufgenommen. In den Aufnahmen von Vänskä, Schaller
und Thielemann-Wh wird es beachtet. Man findet das verlängerte Scherzo in der
Studienpartitur der Zweitfassung (1877) von Leopold Nowack.
4. Satz: alla breve: Mit einem energischen Crescendo innerhalb
der ersten 8 Takte beginnt das Finale – in Sonatensatzform, in Takt 9 wird das
1. Thema ff erreicht. Der Themenkopf leitet sich aus dem 1. Thema des
Kopfsatzes ab, das Thema wird zweimal hintereinander dargeboten, bei der
Wiederholung einen Ton höher. Nach einer Generalpause sowie vier
Überleitungstakten, beginnt in T. 69 das 2. Thema, Bruckner konzipiert es als
Doppelthema. Ein echter Ohrwurm ist die Polka, die die Streicher anstimmen,
während gleichzeitig Holz und Hörner (abwechselnd) ein choralartiges
feierliches Thema dagegenstellen. Das zweite Thema erscheint ziemlich
ausgedehnt Der folgende Abschnitt, immer noch dem 2. Thema verbunden, kann
etwas Leerlauf nicht verbergen. Die Stimmung wandelt sich mit dem 3. Thema ab
T. 209.
In der Zweitfassung in den Takten 129 bis T. 154, sowie in der
Drittfassung, jeweils direkt vor dem 3. Thema, erinnert der Komponist an die
fallenden Streicherkaskaden aus Wagners Tannhäuser. Das Schlafmotiv aus der
Walküre („In festen Schlaf verschließ ich dich“) bringt die Erstfassung in den
Takten 279-291, in der Zweifassung in den Takten 219-231. In der Drittfassung
hat es Bruckner eliminiert. Es folgen Durchführung und Reprise. Am Satzende
hält Bruckner inne und erinnert an den Schlusssatz von Beethovens 9. Sinfonie,
wenn der Bonn-Wiener Meister die Themen der vorangegangenen Sätze auszugsweise
rekapituliert. Dieses Schema übernimmt Bruckner nun auch, aber bereits nach 14
Takten braust das Finale herein. Der Satz endet im triumphalen D-Dur.
In vielen Aufsätzen zu Bruckners 3. Sinfonie liest man von den vielen
Wagner-Zitaten in der Erstfassung. Das entspricht nicht ganz den Tatsachen.
Zwar werden viele in den folgenden Bearbeitungen eliminiert, das
Tannhäuser-Motiv jedoch wird in den folgenden Fassungen neu eingeführt.
Das kurze Tristan-Motiv im 2. Satz erscheint in allen Fassungen. Wagners Musik ließ den Meister nicht los!
Der 4. Satz verlangt vom Dirigenten
eine enorme Gestaltungskraft, wenn er nicht aufpasst, kann die Musik an vielen
Stellen auf der Stelle treten, sie klingt dann spröde und wenig
abwechslungsreich.
Zur Diskographie:
Bruckners 3. Sinfonie ist nicht die
beliebteste Sinfonie des Meisters und kommt viel weniger zur Aufführung als die
4., 7., 8. und 9., entsprechend trifft man sie auch weniger auf Tonträgern.
Heutzutage, wenn in der Regel alle Sinfonien eines Komponisten aufgenommen,
gehört sie natürlich dazu. Früher konnte der Plattensammler nur auf wenige
Einspielungen zurückgreifen. Die aktuell meistgespielte Fassung ist die 3.in
der Fassung von Nowack, die sich philologisch auf dem höchsten Stand befindet.
Zunehmend begegnet man aber auch der Erstfassung von 1873.
Näheres über Bruckners Sinfonien,
speziell auch der 3., erfährt der Musikfreund in der Abhandlung von
Hans-Joachim Hinrichsen „Bruckners Sinfonien – Ein musikalischer Werkführer“,
München, 2016.
1. Fassung 1873 Gemäßigt, misterioso –
Adagio, feierlich – Scherzo, ziemlich schnell – Finale Allegro |
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Herbert Blomstedt |
Berliner Philharmoniker |
BP Media |
2017 |
63‘15 |
|
|
live, ▼ |
||||
5 |
Herbert Blomstedt |
Gewandhausorchester
Leipzig |
Querstand |
1998 |
62‘30 |
|
live, ▼ |
||||
5 |
François-Xavier Roth |
Gürzenich-Orchester Köln |
myrios |
2022 |
61‘37 |
|
deutliches Musizieren, bei
zunehmender Lautstärke verdichtet sich der Klang, sehr gute dynamische
Differenzierung, besonders auch im p-Bereich, I Klang T. 377-425 etwas
aufdringlich plebejisch, IV vorwärtstreibend, Klang der Gruppen gut
aufeinander abgestimmt |
||||
5 |
Yannick Nezet-Seguin |
Sächsische Staatskapelle
Dresden |
Profil Hänssler |
2008 |
71‘17 |
|
live, I bewegt,
zielstrebig nach vorn, T. 410 1. Pos. etwas hervorgehoben, T. 479 ff.
„Schlafmotiv“ fein gewoben, II gute dynamische Gestaltung, mit langem Atem,
feierlich, IV expressive Darstellung |
||||
|
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4-5 |
Jonathan Nott |
Bamberger Symphoniker |
Tudor |
2003 |
63‘00 |
|
I Nott
aufmerksam am Pult, mit langem Atem, gute Transparenz, aufgefächertes
Klangbild, III ziemlich schnell, wie vom Komponisten gewollt, differenzierte
Dynamik, IV großbogige Gestaltung, straffes und prägnantes Musizieren
|
||||
4-5 |
Eliahu Inbal |
Radio-Sinfonie-Orchester
Frankfurt |
Telefunken |
1982 |
65‘24 |
|
I sehr klar, auch noch
im ppp, sehr gute dynamische
Differenzierung, II leider zurückhaltend, III Dynamik noch nicht am Limit, IV
T. 73 ff. Vl. wenig präsent, später besser |
||||
4-5 |
Kent Nagano |
Deutsches
Symphonie-Orchester Berlin |
HMF |
2003 |
68‘35 |
|
I Durchf.
etwas rau, wenig Druck nach vorn, etwas gezogen, II mit langem Atem, sehr
gute Transparenz, III hier weniger T, IV geradlinig, nicht zelebriert – eine
etwas zwiespältige Angelegenheit |
||||
|
|||||
4 |
Roger Norrington |
London Classical Players |
Virgin |
1995 |
57‘10 |
|
HIP-Interpretation – I fließendes
Musizieren, schnelleres Tempo als üblich, auch beim SWR, transparentes
Klangbild, II korrekt, Dirigent eher zurückhaltend, III Balance nicht immer
top, IV 1. Th. eckig und kantig, insgesamt nüchtern |
||||
4 |
Roger Norrington |
SWR Sinfonie-Orchester
Stuttgart |
hänssler |
2007 |
60‘28 |
|
HIP-Interpretation – I
1. und 2. Th. bei T. 69 ff. weniger deutlich als früher, weniger transparent,
beim Wechsel Hrn.–Trp. T. 101 ff., Hörner deutlich
leiser abgebildet, einige Tempowechsel, II zögerlich, ohne Druck nach vorn,
am Satzende mit Pk. (nicht in der Partitur), III auch hier nicht alle
Balancewünsche erfüllt, IV etwas weicher |
||||
Simone Young |
Hamburger Philharmoniker |
Oehms |
2006 |
68‘31 |
|
|
I Young bemüht sich Längen zu vermeiden, einige wenige Stellen mit
unklarer Stimmführung, II feierlich, manchmal auch schwerblütig, IV
durchschnittliche Tempi, 2. Th. nach Partitur etwas langsamer, Blech
dominiert im Wesentlichen das Klangbild |
||||
4 |
Marcus Bosch |
Sinfonie-Orchester Aachen |
Covuello |
2006 |
67‘31 |
|
live, I Partitur-gerechtes Musizieren, II mehr bewegt als feierlich,
III Scherzo und Trio im selben Tempo, IV Musik
klingt wie nur durchgespielt, ohne persönliche Teilnahme |
||||
4 |
Markus Poschner |
ORF
Radio-Sinfonie-Orchester Wien |
Capriccio |
2022 |
56‘50 |
|
I Präzision des
Zusammenspiels nicht immer auf höchstem Niveau, das trifft auch auf die Transparenz
zu, T. 333 ff. Beschleunigung, II T. 222 (Pause) entfernt, III T. 19-24 sowie
T. 111-116 Blech zu plakativ, Trio differenzierter, IV eher sachlich,
abgeklärt als emotional |
||||
|
|||||
3-4 |
Georg Tintner |
Royal Scottish National Orchestra |
Naxos |
1998 |
77‘43 |
|
I ausgewogenes
Musizieren, langatmig, jedoch auch Leerlauf, Musik kommt vor der Reprise fast
zum Stillstand, Trp. und Pos. deutlich präsenter
als Hörner, II schwerblütig, erhabene Ruhe, |
2. Fassung 1877 Gemäßigt, mehr bewegt,
misterioso – Andante. Bewegt, feierlich, quasi Adagio – Scherzo, ziemlich
schnell – Finale Allegro |
|||||
Änderungen: Bruckner verwendet
das Material aus Erstfassung, bringt jedoch neue Verknüpfungen, Generalpausen
um die Hälfte gekürzt, I Choral „Crux fidelis“ neu
eingeführt, bleibt in späteren Fassungen erhalten, II Lohengrin-Zitat
beibehalten, danach nicht mehr verwendet |
|||||
5 |
Michael Gielen |
SWR
Sinfonie-Orchester Baden-Baden und Freiburg |
hänssler SWR Classic |
1999 |
55‘29 |
|
sorgfältig erarbeitet, nie
schleppend, prägnante Rhythmik, klare Artikulation, sehr gute Balance und
Transparenz |
||||
5 |
Giuseppe Sinopoli |
Sächsische Staatskapelle
Dresden |
DGG |
1990 |
59‘03 |
|
I klares Musizieren,
zupackend, aber auch die lyrischen Partien nicht überspielend, Klang immer
gut austariert, II Musik immer im Fluss, sehr gute Balance, III/IV Blöcke
gegenübergestellt |
||||
5 |
Osmo Vänskä |
BBC Scottish
Symphony Orchestra |
hyperion |
2000 |
62‘20 |
|
insgesamt sehr sorgfältig,
ausgewogener Klang, gute Balance und Transparenz, I überwiegend energischer
Zugriff, T. 41 und 91 Sechzehntel etwas verwischt, II Neufassung 1876: mit
langem Atem, III spielerischer Umgang mit dem musikalischen Material,
zusätzlich neu komponierte Coda, IV bewegt, die einzelnen Themen wie
Blöcke gegenübergestellt, triumphierender Satzschluss |
||||
|
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4-5 |
Georg Solti |
Chicago Symphony
Orchestra |
Decca |
1992 |
59‘26 |
|
Solti sorgt für einen kraftvollen
Vortrag, dynamischer Reichtum, IT. 72-79 Fl. und Ob. neben Trp. zu leise, sollten jedoch nach Partitur immer
hervortreten, II hier insgesamt interpretatorischer Leerlauf, in der Partitur
so verankert, III drängend, IV sehr bewegt, unruhig, T. 197 ff. Blech zu sehr
vor den Holzbläsern, auch T. 259 ff. |
||||
Christian Thielemann |
Wiener Philharmoniker |
Sony |
2021 |
61‘05 |
|
|
live, I Tempo ab T. 325 angezogen, danach etwas bewegter, deutliches
Fg. T. 511-514, T. 527 erneut accel., II
langsamer Satz, aber immer bewegt, dynamisch ausgewogen, III prägnant
musiziertes Scherzo, Trio etwas langsamer, transparent, gute Balance,
zusätzlich neu komponierte Coda, IV Thielemann folgt der Partitur,
deutliche Blöcke |
||||
|
|||||
4 |
Nikolaus Harnoncourt |
Concertgebouw Orchester
Amsterdam |
Teldec |
1994 |
54‘24 |
|
live, I Trp. anfangs zu sehr zurück, Instrumente; die
hervortreten sollen, stellenweise zu leise, zu zurückhaltend; IV spürbare
Vitalität gepaart mit scharfer Klanglichkeit im
Blech |
||||
4 |
Bernard Haitink |
Wiener Philharmoniker |
Philips |
1988 |
61‘30 |
|
Harnoncourt stellt sich hinter
die Partitur, I überwiegend ernste Stimmung, mehr kontrolliert als emotional
aufgeladen, gezügeltes Tempo, etwas zäh, II Tannhäuser-Anklänge T. 41 ff.
sehr leise, nur angedeutet, III tänzerisch sowohl im Scherzo als auch im
Trio, IV viel dichter Blech-Klang, herabgesetzte Spannung |
||||
4 |
Gerd Schaller |
Philharmonie Festiva |
Profil Hänssler |
2024 |
54‘14 |
|
live, I nüchtern im Ausdruck,
ziemlich feste Tempi, zusätzliche Pk. T 384-386, II laut Partitur soll es
bewegt gespielt werden, jedoch nicht – wie hier – schnell, zunehmende
Spannung zum Satzende, III lebendig, gute Transparenz, mit neu
komponierter Coda, IV 1. Th. wünschte man sich lebendiger, 2. Th. gut,
deutliche Tannhäuser-Motive |
2. Fassung 1877 - Ausgabe
Oeser 1878, Stichvorlage 1888 Gemäßigt, mehr bewegt, misterioso
– Andante. Bewegt, feierlich, quasi Adagio – Scherzo, ziemlich schnell –
Finale Allegro |
|||||
Änderung gegenüber
Fassung 1877 Nowack: I geänderte Durchführung T. 325-342, dann T. 405-414,
III keine neue Coda, IV nicht sehr einfallsreich aufgrund der vielen
Wiederholungen |
|||||
5 |
Christoph
von Dohnanyi |
Cleveland
Orchestra |
Decca |
1993 |
57‘23 |
|
klares
Klangbild, breite Klangskala, an einigen wenigen Stellen Stimmführung nicht
immer wünschenswert deutlich, sehr gute Transparenz, III sehr lebendig |
||||
|
|||||
4-5 |
Bernhard
Haitink |
Concertgebouw
Orchester Amsterdam |
Philips |
1963 |
56‘51 |
|
I deutlich
bewegter als bei WP, frischer, jedoch auch etwas rustikaler Vortrag, heller
und offener Klang, II immer bewegt, Hrn. T. 39 unsauberer Einsatz, IV das
Schematische der Kompositionsweise zusätzlich hervorgeholt |
||||
4-5 |
Rafael
Kubelik |
Symphonieorchester
des Bayerischen Rundfunks |
audite |
1970 |
57‘37 |
|
live,
insgesamt etwas stumpfer Klang, jedoch deutliches Musizieren, Stimmführungen
deutlicher als beim COA, breites Klangbild, Holzbläser zurück, III belebtes
Trio, IV variable Tempi, T. 87-89 zusätzlich mit Trp. |
||||
|
|||||
4 |
Daniel Barenboim |
Berliner Philharmoniker |
Teldec |
1995 |
59‘31 |
|
live, Dynamik im Bassbereich
gut differenziert, I zurückhaltendes Tempo, Balance im ff / fff nicht
immer top, II sich Zeit lassend, mit langem Atem, IV Barenboim als
Koordinator, sachlich |
||||
|
|||||
3-4 |
Daniel Barenboim |
Staatskapelle Berlin |
DGG |
2012 |
57‘26 |
|
live, ähnlich wie 1995,
dunklerer Klang, teilweise etwas stumpf, II Stimmführung geht an lauten
Stellen etwas unter, III ungeduldig, T. 89-94 etwas verwaschen, Klang kaum
aufgefächert, I V das trifft auch hier zu |
||||
3-4 |
Jascha Horenstein |
BBC Northern Symphony
Orchestra |
BBCL |
1963 |
57‘46 |
|
live, I Stimmführungen
nicht immer klar, Holz hat an lauten Tutti-Stellen keine Chance, zu plakativ,
II Blech im ff gepresst, sehr bewegt, III T. 111 ff. wie gehämmert,
auch am Satzschluss, IV Intonation nicht immer
gelungen, Klang wie in früheren Sätzen |
||||
3-4 |
Rafael Kubelik |
Concertgebouw Orchester
Amsterdam |
RNM |
1954 |
56‘56 |
|
live, etwas enges
Klangbild, Stimmführungen nicht immer zu orten, immer wieder kieksende
Hörner, bei lauten Abschnitten auch gepresst, insgesamt etwas nüchtern, I
Änderungen im Notentext bei Ziff. V T. 519-548, laute Abschnitte oft
plakativ |
||||
3-4 |
Lovro von Matačić |
Philharmonia
Orchestra London |
BBCL |
1983 |
58‘54 |
|
live, I Begleitung von Vl. und Va. in den ersten 40 Takten zu leise, Cresc. T.
35, 43 und später bleiben unbeachtet, in den vielen Tutti-Stellen spielen
Holzbläser kaum eine Rolle, Pk. durchgehend zu laut, immer wieder nicht
vorgesehene Pk. Wirbel, II Stimmführungen nicht immer deutlich, einige
wacklige Einsätze, III an einigen Stellen Musik dramatisiert, Akkorde nicht
immer genau zusammen |
3. Fassung 1889/90 – Ausgabe Nowack 1959 Mehr langsam, misterioso –
Adagio, bewegt, quasi Andante – Scherzo, ziemlich schnell – Finale Allegro |
|
|||||||||||
5 |
Günter Wand |
Kölner
Rundfunk-Sinfonie-Orchester |
DHM EMI |
1981 |
54‘32 |
|
||||||
|
▼ |
|
||||||||||
5 |
Günter Wand |
NDR -Sinfonie-Orchester
Hamburg |
RCA |
1992 |
53‘47 |
|
||||||
|
▼ |
|
||||||||||
5 |
Mariss Jansons |
Königliches
Concertgebouw Orchester |
RCO |
2007 |
57‘49 |
|
||||||
|
live, sorgfältiges Musizieren
mit langem Atem, intensive hellwache Gestaltung, Beachtung von Details, II
kaum Tempounterschiede zwischen den beiden ersten Sätzen, weiches Musizieren,
im lauten Tutti opulenter Klang, feierlich – ein Quäntchen überzeugender als
in München ▼ |
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||||||||||
Lorin
Maazel |
Symphonieorchester
des Bayerischen Rundfunks |
BR Klassik |
1999 |
58‘08 |
|
|||||||
|
Musik
bleibt immer im Fluss, geschmeidiges Musizieren; klares, in die Breite
gehendes Klangbild, breite Dynamik, II Maazel verleiht den einzelnen Themen
ihr spezifisches Gesicht, III Trio deutliches Vogelgezwitscher, IV
phantastische Orchesterleistung, plastisches Musizieren, nicht schleppend |
|
||||||||||
5 |
Eugen Jochum |
Symphonieorchester
des Bayerischen Rundfunks |
DGG |
1967 |
53‘03 |
|
||||||
|
gelöstes Musizieren, ausdrucksstark, I ruhiges Tempo, vorbildlich
gestaltete dynamische Abstufungen, ziemlich offenes Klangbild, weicher als
später in Dresden, II Sensibilität für Bruckners Musik, mit langem Atem, III
Trio etwas langsamer, IV T. 167 ff. weniger ruhig als später |
|
||||||||||
5 |
Eugen
Jochum |
Staatskapelle
Dresden |
Eterna EMI |
1977 |
54‘36 |
|||||||
|
Jochum
hat Bruckners Partitur im Griff, sorgfältig und sauber, dichtes Klangbild bei
lauten Tutti-Stellen, III derbe Tutti-Akkorde, IV gefällt besser als ▲ |
|
||||||||||
5 |
Karl Böhm |
Wiener Philharmoniker |
Decca |
1970 |
56‘26 |
|||||||
|
große Bruckner-Nähe,
helles und offenes Klangbild, I an lauten Tutti-Stellen geringere Balance, T.
35 cresc. nicht übersehen, II lebendige Darstellung, dynamische
Gegensätze herausgestellt, III rhythmisch betontes Musizieren, Trio etwas
langsamer |
|
||||||||||
5 |
Marek Janowski |
Orchestre de la Suisse Romande |
Pentatone |
2011 |
53‘05 |
|||||||
|
breites Klangpanorama, I
Janowski achtet auf genaue Abstufungen der Dynamik, vorbildlicher
Spannungsaufbau, bewegtes Musizieren, Stimmführungen gut zu verfolgen, II
sehr gute Balance und Transparenz, stimmungsvoller Ausklang, III Tempo sowohl
im Scherzo als auch Trio schneller als üblich, IV sehr lebendig,
Streicherbegleitung (Zweiunddreißigstel) immer deutlich |
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5 |
Klaus Tennstedt |
Symphonieorchester des
Bayerischen Rundfunks |
Profil Hänssler |
1976 |
52‘00 |
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live, überwiegend deutliches
Musizieren, I übersichtlich, guter Spannungsaufbau, nicht gehetzt, II mit
langem Atem, überzeugend, III guter Kontrast zwischen Scherzo und Trio, sehr
farbiges Trio, IV Allegro nach Partitur, zweites Th. langsamer, nicht
langsam, wie vorgesehen, zielstrebig das Satzende anpeilend |
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4-5 |
Riccardo Chailly |
Deutsches
Symphonie-Orchester Berlin |
Decca |
1985 |
55‘55 |
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breites Klangfeld, hell,
mit guter Balance und Transparenz, präsenter Bassbereich, überwiegend feste
Tempi; in dieser Aufnahme tritt das Horn mehr nach vorn, anstelle der
Trompete; III Trio etwas langsamer |
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4-5 |
Herbert Kegel |
Rundfunk-Sinfonie-Orchester
Leipzig |
Eterna |
1978 |
51‘47 |
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live, I sehr bewegt,
nach vorn spielend, Musik immer unter Spannung, ziemlich feste Tempi,
farbiges Klangbild, immer präsentes 1. Horn, II Kegel hat die Musik im Griff,
gute Balance und Transparenz, bewegtes Musizieren, III Sch.
zielgerichtet nach vorn, Trio deutlich langsamer, 1. Horn T. 57-64 deutlich,
IV vorwärtstreibend, präsentes Tannhäuser-Motiv T. 139-146, insgesamt etwas
rustikal |
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4-5 |
Stanislaw Skrowaczewski |
Radio-Sinfonieorchester
Saarbrücken |
Oehms |
1996 |
55‘15 |
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▼ |
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4-5 |
Hans Rosbaud |
SWF
Sinfonie-Orchester Baden-Baden |
SWR Classic |
1960 |
55‘36 |
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sauberes Musizieren,
dynamische Gegensätze nicht so ausgeprägt wie bei späteren Produktionen, Holz
gegenüber Blech zurückgesetzt, III Trio wesentlich langsamer: Tanz älterer
Bauern? IV Inspiration nicht auf höchstem Niveau |
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4-5 |
Mariss Jansons |
Symphonieorchester des
Bayerischen Rundfunks |
BR
Klassik |
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55‘39 |
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sorgfältig erarbeitet
und dargeboten, breite dynamische Skala mit feinen Abstufungen, besonders
auch im f-Bereich, ausgeglichene Tempi, das Blockhafte der Komposition
gut herausgearbeitet |
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4 |
Stanislaw Skrowaczewski |
London Philharmonic
Orchestra |
LPO-live |
2014 |
56‘32 |
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live, ▼ |
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4 |
Kurt Sanderling |
Gewandhausorchester
Leipzig |
Eterna Berlin Classics |
1963 |
63‘55 |
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in allen Sätzen
langsamere Tempi, besonders im Trio, I 3. Th. von anderen Instrumenten
umspielt, sowohl bei Ziff. D und auch später, mit viel Nachdruck
musiziert, II überwiegend ruhig, IV Blech
ausdrucksvoll, jedoch etwas zäh, anfangs rustikal – gute Balance und
Transparenz, offenes Klangbild |
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3-4 |
Herbert von Karajan |
Berliner Philharmoniker |
DGG |
1980 |
57‘05 |
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I lärmend, penetrant nach
vorn geholte Pk., Holz tritt nur an Solo-Stellen hervor, Blech übertönt fast
alles, hier vermisst man Feinfühligkeit, II HvK
lässt hier nicht „so schön wie möglich“ musizieren, raue Tutti-Stelle
Blech-beherrscht, III Trio langsamer – Beziehung zum Werk? vermutlich Sinfonie nur einmal, für die
Plattenaufnahme, einstudiert |
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3-4 |
Andris Nelsons |
Gewandhausorchester
Leipzig |
DGG |
2016 |
60‘31 |
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I Musik zerfällt in Abschnitte,
zögerliches Tempo, nach Spannungsaufbau T. 30 sowie T. 460 geringfügiges
Innehalten vor dem folgenden Takt (= 2. Th.), II hier adäquates Tempo, Musik
klingt trotzdem gezogen, III etwas schwerblütig, trotz Allegro- Tempo, IV Trp. T. 105-108 kaum ausdrucksvoll, Musik vor T. 451
(Apotheose) gebremst, keine Verbindung der beiden Abschnitte |
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3 |
Sergiu Celibidache |
SWR
Sinfonie-Orchester Stuttgart |
DGG |
1980 |
61‘56 |
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live, I immer wieder schleppendes
Musizieren, T. 30 Lautstärke vor Höhepunkt bei Ziff. A zurückgenommen,
nachlassende Lautstärke ab T. 31, Musik tritt auf der Stelle, auch in der Durchf., da hätte man mehr erwartet, herabgesetzte
Balance, II Satz zerfällt in Abschnitte, III zu Beginn ein Aufatmen, da jetzt
lebendig, leider nicht anhaltend, IV zäh |
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3 |
Sergiu Celibidache |
Münchner Philharmoniker |
EMI |
1987 |
65‘24 |
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live, noch langsamer als
1980, I Balance T. 20-30 wie ein Brei, bei Ziff. D muss Musik erst wieder
in Gang kommen, ein Zusammenhang fehlt, II Hrn. T. 154 ff. nicht integriert,
III man lässt sich Zeit, IV Tempowechsel bringen
Unruhe |
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3. Fassung 1890 – Ausgabe Bruckner/Schalk, Edition Rätting Mehr langsam, misterioso –
Adagio, bewegt, quasi Andante – Scherzo, ziemlich schnell – Finale Allegro |
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5 |
Carl Schuricht |
Wiener Philharmoniker |
EMI Preiser medici arts |
1965 |
55‘12 |
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I organisches
Musizieren, Choral „crox fidelis“ (T. 199 ff.) deutlich, II offene Stimmführungen,
stimmungsvoller Satzschluss, III Scherzo und Trio lockere Art, IV ausgewogen,
2. Th. (Streicher/Choral) ohne Überdruck, mit langem Atem dem Satzende
zustrebend |
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5 |
George Szell |
Cleveland Orchestra |
CBS Sony |
1966 |
55‘22 |
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▼ |
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4-5 |
George Szell |
Staatskapelle Dresden |
Andante |
1965 |
51‘30 |
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live, ▼ |
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4-5 |
Hans Knappertsbusch |
Wiener Philharmoniker |
Decca |
1954 |
53‘39 |
|
▼ |
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Hans Knappertsbusch |
Münchner Philharmoniker |
Living stage Melodram |
1964 |
59‘11 |
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live, ▼ |
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4 |
Hans Knappertsbusch |
Bayerisches
Staatsorchester |
Orfeo |
1954 |
51‘06 |
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live, ▼ |
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4 |
Charles F. Adler |
Wiener Symphoniker |
Spa M&A |
1953 |
54‘18 |
|
I streng, entlang des
Notentextes, heller Klang, jedoch etwas kompakt, besonders in
Tutti-Abschnitten, II flüssige Lesart, III drängend gespieltes Scherzo, Trio
im Tempo zurückgenommen, IV Allegro, Trp. T.105-108
wenig ausdrucksvoll, im lauten Tutti-Klang zu pauschal |
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3-4 |
Volkmar Andreae |
Wiener Symphoniker |
M & A |
1953 |
50‘45 |
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ziemlich geradliniges
Musizieren bei festen Tempi, helles Klangbild, Dynamik vor allem im p-Bereich
kaum top, I Blech meist vorn, teilweise penetrant, T. 32, 88 und 462 ohne
Fermate, T. 325 Geigen überdecken Holz, T. 474 Horn zu früh, T. 526 ff. wenig
transparent, II viel Bewegung im langsamen Satz, T. 155 Sechzehntel der
Flöten schneller als Horn, III derbes Scherzo, abwechslungsreiches Trio, IV
1. Th. sehr schnell, brutale Blechattacken |
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3-4 |
John Barbirolli |
Hallé
Orchestra Manchester |
BBCL |
1983 |
52‘53 |
|
live, laute
Tutti-Abschnitte mit gepresstem Klang, dabei herabgesetzte Balance und
Transparenz, insgesamt stumpfer Klang, Dynamik nicht immer nach Partitur, an
vielen Stellen leises Summen des Dirigenten, III Trio viel langsamer |
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3-4 |
Hans Knappertsbusch |
NDR
Sinfonie-Orchester Hamburg |
Tahra |
1962 |
60‘56 |
|
live, ▼ |
Hinweise zu Interpreten und
Interpretationen
Hans Knappertsbusch (Bruckner/Schalk, Rätting 1890)
Der Dirigent Hans Knappertsbusch wird seit
Jahren hauptsächlich mit dem Werk Richard Wagners verbunden. Er spielte nach
dem Neubeginn der Bayreuther Festspiele 1951 bis zu seinem Tode eine führende
Rolle auf dem Grünen Hügel. Die Mitschnitte des Bayerischen Rundfunks werden
von vielen Musikfreunden noch heute hochgeschätzt. Neben Wagner widmete sich
der „Kna“ hauptsächlich den Partituren von Anton
Bruckner. Auch hier kann der Musikfreund auf etliche Mitschnitte zurückgreifen.
Leider sind diese teilweise von minderer klanglicher Qualität. Studio-Einspielungen
existieren m. W. nur von den Sinfonien Nr. 3, 4, 5 (Wiener Philharmoniker) und
8. (Münchner Philharmoniker). Die hier besprochenen vier Aufnahmen der 3.
Sinfonie entstanden alle in dem Zeitraum von 1954 bis 1964. Knappertsbusch
lässt in der Regel mit großem Nachdruck musizieren, er stellt mächtige Akkorde
nebeneinander, das klingt dann wuchtig, wie ein gewaltiges Statement. Dabei
hält sich der Dirigent nicht immer an die in der Partitur vorgegebener Dynamik,
das klingt dann etwas pauschal. Auch die Stimmführungen sind nicht immer so
deutlich geraten, wie man sie als Hörer gerne hätte, darunter leidet auch die
Transparenz. Entsprechend ist der Klang belegt oder stellenweise auch
verschleiert. Alle Trios nimmt Knappertsbusch deutlich langsamer als das
umgebene Scherzo. Etwas schwerfällig
kommt auch das Finale aus den Lautsprechern. Das trifft vor allem auf das
zweite Thema zu. Bruckner schreibt dort langsamer in die Partitur, nicht
langsam. Die m. M. n. überzeugendste Darstellung ist die Studio-Einspielung
mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahr 1954. Hier kann man ein deutliches
Musizieren erleben, konzentriert, intensiv., mit dem relativ besten Klangbild.
Die Beschleunigung im ersten Satz ab T. 77 bis Ziff. C steht zwar nicht
in der Partitur, wirkt aber überzeugend. Als weniger glücklich empfinde ich das
Nachlassen der Intensität in den T. 159 und 160.
George Szell (Bruckner/Schalk, Rätting 1890)
George Szell war in den 1950er Jahren
bis zu seinem Tode 1970 einer der Hauptdirigenten bei den Salzburger
Festspielen. Dort traf man ihn nicht nur am Opernpult mit den Wiener
Philharmonikern, sondern auch immer wieder als Kapellmeister der führenden europäischen
Orchester, die ab 1957 mit ihren Auftritten den Konzertprogrammen Glanz
verliehen. 1967 brachte er auch sein Cleveland Orchestra ins große
Festspielhaus. Zwei Jahre zuvor stand er am Pult der Staatskapelle Dresden, das
Hauptwerk war Bruckners 3. Sinfonie. Er wählte die letzte Fassung aus dem Jahr
1890, die der Komponist zusammen mit seinen Schülern Schalk beim Verleger Rätting herausgebracht hatte. Ein Jahr später erfolgte in
Cleveland eine Studioaufnahme für CBS. Es ist nicht leicht zu beurteilen,
welcher Ausgabe man den Vorzug geben soll. Das Dresdner Orchester verfügte über
eine lange Erfahrung mit Bruckner, standen doch regelmäßig Dirigenten wie
Konwitschny, Böhm, Knappertsbusch, Kempe und Suitner
am Pult der Kapelle, letzterer sogar als Chefdirigent. Österreichische Kritiker
betonen eher eine authentische Darbietung der Dresdner Musiker und ziehen sie
dem amerikanischen Vortrag vor. Die Studioaufnahme bildet eine sorgfältige
Darbietung, Szell achtet auf Details und ein immer deutliches wie spannungsreiches
Musizieren. Die Dynamik ist bestens abgestimmt, ebenso die Balance und
Transparenz. Mit langem Atem wird der langsame Satz vorgestellt. Im
Konzertmitschnitt mir der Dresdner Staatskapelle erlebt der Hörer etwas mehr
Spannung und auch Dramatik. Das Orchester spielt jedoch mit weniger Schliff.
Die erste Trompete klingt etwas (zu) scharf, alle Sätze außer dem Scherzo
werden schneller vorgetragen. Das Tannhäuser-Zitat im Finale T. 139-146 kommt
deutlicher heraus als in Cleveland, jedoch weniger schön. In beiden
Interpretationen achtet Szell im Trio auf die Triller in den Bratschen, es ist
nur eine Begleitung, belebt aber den Vortrag. Beide Interpretationen haben ihre
Berechtigung. Letztlich muss der Hörer selbst entscheiden, welche Lesart ihm
authentischer vorkommt.
Günter Wand (1889)
Anton Bruckners Sinfonien traten erst
relativ spät in Günter Wands Fokus, dafür aber intensiver. Das
Schallplattenpublikum war erstaunt über die Aufnahmen mit dem Kölner
Rundfunk-Sinfonie-Orchester, heute WDR Sinfonie-Orchester
Köln, die in den 1970ern und frühen 1980er Jahre in Köln in Zusammenarbeit mit
der Deutschen Harmonia Mundi und der Electrola entstanden. Im Oktober 1971
führte der Gürzenich-Kapellmeister Wand Bruckners 8. Sinfonie in einem Konzert
des Gürzenich-Orchesters Köln auf, das vom WDR mitgeschnitten und später von
Harmonia Mundi als Doppel-LP auf dem Plattenmarkt angeboten wurde. Vielleicht
gab dies den Anlass, alle 9 Bruckner-Sinfonien mit dem bekannteren
Sinfonie-Orchester des WDR, bei dem Wand immer wieder zu Gast war, auf
Schallplatte nach und nach herauszubringen. Es blieb nicht aus, dass der eine
oder andere einflussreiche Kritiker Wand als Bruckner-Apostel titulierte. Das
klang gut, war aber eine sehr einseitige Meinungsäußerung, die übersah, dass
Wand in seiner jahrzehntelangen Eigenschaft als Kölner Generalmusikdirektor
sich allen Musikepochen und Stilrichtungen erfolgreich zuwandte. Nur auf dem
Plattenmarkt war er nicht vertreten, das traf auf den deutschen zu, aber nicht
generell. Wand arbeitete damals bereits einige Jahre mit dem französischen
Schallplattenclub „Club français du Disque“ zusammen, deren LPs nur Clubmitglieder erwerben
konnten, jedoch nicht in den öffentlichen Verkauf gelangten. Der Ruf als
„Bruckner-Apologet“ bewirkte jedoch, dass etliche Orchester ihn zu Gastspielen
einluden und eine Bruckner-Sinfonie erwarteten. Beim NDR, deren
Sinfonie-Orchester er in den 1980/90er Jahre leitete, stand auch immer wieder
eine Bruckner-Sinfonie auf dem Programm, z. B. beim jeweiligen
Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein-Musikfestivals. Auch in München, wo
Wand öfter mit den Philharmonikern spielte, wurde einige Bruckner-Sinfonien
gespielt. Sogar die Berliner Philharmoniker wollten Bruckner mit ihm spielen.
All diese Konzert wurden mitgeschnitten und landeten nach und nach als CD auf
dem Plattenmarkt.
Wands Musizieren zeichnet sich als
geradlinig, korrekt, frei von Eigenmächtigkeiten aus, immer der jeweiligen
Partitur verpflichtet. Eigene Vorstellungen treten nicht in den Vordergrund. So
ist es nicht verwunderlich, dass sich seine Interpretationen über die Jahre
hinweg kaum verändert haben. In einem Interview soll er einmal auf die Frage,
ob er Beethovens 9. Sinfonie wie Toscanini oder eher wie Furtwängler dirigieren
werde, geantwortet haben: wie Beethoven, das kann man so auch auf Bruckner
übertragen. Da tritt sein Bekenntnis zu absoluter Werktreue stark in den
Vordergrund. Die hier vertretenen Aufnahmen aus Köln und später aus Hamburg
sind sich ebenbürtig, auch wenn mehr als 10 Jahre auseinanderliegen. Der
spätere Konzertmitschnitt klingt im Vergleich ein wenig stumpf und besitzt eine
etwas geringere Transparenz. Die frühere Studio-Produktion besitzt etwas mehr
an Präsenz sowie ein breiteres Klangspektrum. Umgekehrt ziehe ich das Scherzo
in Hamburg aufgrund einer lockeren Spielweise der WDR-Aufnahme vor.
Stanislaw Skrowaczewski
(1889)
Der polnische Maestro hat sich in der
Musikwelt einen Namen als kompetenter Bruckner-Interpret erworben, davon zeugen
auch seine zahlreichen Aufnahmen. Von der 3. Sinfonie liegen mir zwei Aufnahmen
vor, aus Saarbrücken mit dem Radio-Sinfonieorchester, der heutigen Deutschen
Radio Philharmonie, mit der er viele Jahre als 1. Gastdirigent verbunden war,
sowie ein Konzertmitschnitt mit dem London Philharmonic Orchestra. Ein
lebendiges Musizieren ist auf beiden Aufnahmen zu erleben, das schließt auch
variable Tempi mit ein. Heute seltener zu beobachten sind die gleichzeitigen Crescendi und Accelerandi,
hier z. B. in T. 325-340 im Kopfsatz, die der Musik enorme Spannung verleihen,
wie auch die unterschiedlichen gleichzeitig erklingenden Rhythmen in T.
392.400. Auch über die kurzen cresc.-Zeichen T. 35 (auch immer wieder
später) geht der Dirigent nicht hinweg. Im langsamen Satz hält sich Skrowaczewski in der deutschen Aufnahme strenger an die
Partitur als in der Londoner, in der die Balance nicht immer überzeugt, in
welcher der Dirigent dem Orchester auch mehr Freiheiten erlaubt. In beiden
Aufnahmen kommt die Engführung T. 57-70 nicht gut heraus. Im dritten Satz
gefällt ein schlankes Musizieren, in London geraten die Tutti-Akkorde des
Blechs leider weniger präzise als in Saarbrücken. Das Trio wird in beiden
Aufnahmen etwas langsamer gespielt, gefällt aber durch einen kecken Ausdruck.
Im Finalsatz wird das 2. Thema im Tempo etwas zurückgenommen, auch T. 315 ff. (Saarbr.), in London weniger. Hier wünschte man sich jedoch
das Finale geformter. Der bessere Klang spricht eher für die Studio-Aufnahme,
beim Londoner-Mitschnitt ist er teilweise etwas dicht, mit weniger Transparenz.
Die Tempi bewegen sich im ähnlichen Bereich.
Herbert Blomstedt (1873)
Blomstedt widmet sich in den letzten 20
Jahren immer wieder Bruckners Sinfonien. Von der 3. liegen mir zwei
Interpretationen vor, die erste wurde mit dem Gewandhaus-Orchester
mitgeschnitten, die zweite mit den Berliner Philharmonikern. Im Tempo sind sich
beide ähnlich: In Leipzig wird der Kopfsatz etwas mehr als eine Minute
schneller gespielt, in Berlin sind es die Sätze 2 bis 4. Blomstedts Stärke ist
es die Musik zielstrebig nach vorn zu treiben und Spannungsbögen von langer
Hand vorzubereiten. Man kann immer wieder seinen langen Atem bewundern, auch
jetzt noch, nachdem er die Mitte des 90. Lebensjahres bereits überschritten
hat. Es fällt ihm nicht schwer die Musik lebendig zu halten und die Orchester
zum prägnanten Spiel anzuhalten. Das Berliner Blech besitzt hier einen etwas
schlankeren und gleichzeitig helleren Ton als das bei den Leipzigern.
Herzlichen Dank möchte ich den Freunden
des Klassik-Prismas sagen, die einige Aufnahmen außerhalb meiner Sammlung zur
Verfügung gestellt haben, zum Pläsier unserer Leserinnen und Leser.
eingestellt am
12.03.2025