Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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4. Sinfonie Es-dur „Romantische"

1. Fassung 1874

Norrington

SWR Sinfonie-Orchester Stuttgart

hänssler

2007

60‘29

5

live – meist flüssiges Tempo, immer lebendig und inspiriert, I Allegro, wie vorgesehen

 

Inbal

Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks

Teldec

1982

68‘05

4-5

korrekt, erste Aufnahme der Erstfassung



2. Fassung 1878/90

Wand

Berliner Philharmoniker

RCA

1998

68‘33

5

live

Wand

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

DHM/RCA

1976

64‘14

5

 

Wand

NDR Sinfonie-Orchester Hamburg

RCA

2001

71‘57

5

live

Wand

Münchner Philharmoniker

hänssler

2001

71‘26

5

live

Böhm

Wiener Philharmoniker

Decca

1973

67‘50

5

klar und intensiv, versetzte Einsätze im Blech sehr gut zu verfolgen, „die Analytische"

Klemperer

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

EMI

1966

60‘48

5

live

Walter

Columbia Symphony Orchestra

Sony

1960

66‘11

5

 

Abbado

Lucerne Festival Orchestra

Eigenlabel

2006

64‘09

5

live

Jochum

Berliner Philharmoniker

DGG

1965

64‘15

5

 

Jochum

Staatskapelle Dresden

EMI

1975

64‘58

5

 

Jochum

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

DGG

1955

65‘22

5

 

Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestra

Decca

1993

67‘17

5

atmend, spannungsvoll, auf Details eingehend, penible Beachtung der Binnendynamik, keinesfalls plakativ

 

Klemperer

Philharmonia Orchestra

EMI

1963

60‘28

4-5

 

Kempe

Münchner Philharmoniker

EMI

1972

63‘48

4-5

live

Kempe

Münchner Philharmoniker

Acanta Scribendum

1975

65‘02

4-5

 

Abbado

Wiener Philharmoniker

DGG

1990

68‘25

4-5

 

Skrowaczewski

Radio Sinfonie-Orchester Saarbrücken

Oehms

1998

70‘27

4-5

könnte in den Ecksätzen etwas schneller sein

Celibidache

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Stockholm

DGG

1969

68‘53

4-5

live

Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI

1988

79‘01

4-5

live

Janowski

Orchestre Philharmonique de Radio France

Virgin

1990

62‘50

4-5

I klangschöne, ausgeglichene Aufnahme, I Tremolo zu Beginn ganz leise

Kubelik

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Sony

1979

67‘02

4-5

sehr gelassen, I stellenweise sehr ruhig, III gute dynamische Abstufung im leisen Bereich

Schuricht

Sinfonie-Orchester des SdR

archiphon hännsler

1955

69‘00

4-5

live – flüssiges Musizieren, ziemlich tempokonstant, in lauten Tuttistellen wenig transparent

Kertesz

Wiener Philharmoniker

Decca Testament

1965

61‘10

4-5

konstante Tempi, klar, durchsichtig, IV viele Details gerade in Tuttipassagen

Suitner

Staatskapelle Berlin

Berlin Classics

1989

64‘30

4-5

ansprechende Interpretation auf hohem Niveau, III Horn nicht ganz top

Böhm

Staatskapelle Dresden

EMI

1936

63‘16

4-5

objektiv, dem Anlass angemessen

Haitink

Wiener Philharmoniker

Philips

1985

68‘30

4-5

etwas bedächtig

Zsoltay

Süddeutsche Philharmonie Stuttgart

Mediaphon Cantus

1970

62‘29

4-5

engagierte Leistung eines Orchesters aus der dritten Reihe, hellwach dirigiert, immer im Tempo, transparenter Klang, Lautstärkedifferenzierung nach unten im Argen, II Allegretto, keineswegs erdenschwer, jedoch ausdrucksvoll, schön: gedämpftes Horn T. 152-54

Andreae

Wiener Symphoniker

Orfeo

1953

60‘44

4-5

live – Dokument des schweizer Bruckner-Apologeten, klanglich kompakt, nicht immer transparent, Blech im Tutti etwas verzerrt

 

Herreweghe

Orchestre de Champs-Elysées

HMF

2005

64‘15

4

setzt Harnoncourts Vorstellungen besser um, objektiv, transparent, am Schluss fehlt die letzte Hingabe

Masur

New York Philharmonic Orchestra

Teldec

1993

66‘57

4

live – I liebevoll nachgezeichnet, III Abstimmung beim Blech in Tuttistellen nicht immer optimal, Konzentration lässt im Verlauf des Konzerts nach

Otterloo

Residentie Orkest Den Haag

Philips

1953

63‘41

4

lebendige Darstellung, saftige Pizzicati der Kontrabässe, Lautstärkedifferenzierung im p-Bereich nicht optimal

Kabasta

Münchner Philharmoniker

M&A

1943

59‘56

4

Erinnerung an den Bruckner-Dirigenten O. K., Verzerrungen im Klangbild, I dramatisch, III Intonationstrübungen bei Horn und Celli bei O, IV bewegt, dramatisch, accelerando T. 59 ff,

Haitink

Concertgebouw Orchester

Philips

1965

63‘42

4

 

Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1981

63‘01

4

Interpretation etwas glatt, Solti achtet auf präzisen Ablauf, Einzelheiten scheinen ihm nicht so wichtig zu sein

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1975

64‘06

4

 

Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1970

69‘26

4

 

Sinopoli

Staatskapelle Dresden

DGG

1987

66‘49

4

dionysischer Bruckner wie bei Jochum, ohne dessen kontrollierten Überschwang

Beinum

Concertgebouw Orchester

APL

1952

61‘45

4

live – I gut, jedoch nicht so überzeugend wie bei Otterloo, II im vorgesehenen Andante-Tempo, III wenig souveränes Blech, Trio etwas zu schnell, IV Trompete sticht etwas hervor

Muti

Berliner Philharmoniker

EMI

1985

69‘38

4

auf gutem Niveau

Barenboim

Berliner Philharmoniker

Teldec

1992

68‘17

4

nicht immer genügend ausgeformt

Tennstedt

Berliner Philharmoniker

EMI

1981

70‘20

4

in lauten Tuttis etwas betulich, ruhiger, ausdrucksvoller 2. Satz

Tennstedt

Berliner Philharmoniker

Testament

1981

69‘05

4

live

Harnoncourt

Concertgebouw Orchester

Teldec

1997

62‘58

4

live – wenig sinnlicher Klang, preußischer Bruckner

Ormandy

Philadelphia Orchestra

Sony

1967

63‘09

4

recht gut gespielt, jedoch keine besondere Affinität zu Bruckner erkennbar

Klemperer

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

Nota blu Andromeda

1954

55‘16

4

live – „Die Dramatische"

Maazel

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

1999

73‘01

4

live - Klangbild durchsichtig, präsent, jedoch nicht immer abgerundet (Gasteig-Akustik?), I distanziert, nicht mit dem Herzen dabei, von außen betrachtet, gleich der Anfang seltsam fahl, geheimnislos, II besser, Musik gestaltet, präsente Pauke T. 229 ff, III schöne Details (Holzbläser), irgendwie fehlt jedoch der Schwung, Trio: stelle ich mir in diesem Zusammenhang etwas langsamer vor, Höhepunkt T.79ff etwas aufgesetzt, nicht ganz organisch, stellenweise etwas steif, mehr Einzelabschnitte als ein Ganzes, Tempo m.E. zu langsam

 

Rattle

Berliner Philharmoniker

EMI

2006

71‘03

3-4

live – insgesamt zu ausladend, gespreiztes Klangbild, wenig strukturierter Tuttiklang, Haupt- und Nebenstimmen nicht immer deutlich von einander getrennt, exponierte Tutti-Akkorde nicht immer präzise, I T. 280 ff ohne auf das Ziel bei K T. 287, II kein scharf umrissener Aufbau T. 101-120, III Streicher zu stark bei F, IV keine organische Entwicklung, tritt oft auf der Stelle, geringere Spannung – schöne ppp-Stellen

Richter, Karl

Radio Sinfonie-Orchester Berlin

Altus

1977

72‘38

3-4

live – I 1. Horn anfangs nicht im Tempo, Tempowechselbäder, II wie ausgewechselt, stellenweise etwas grob, wenig geschliffen, IV Richter nimmt sich insgesamt viel Zeit, ist aber anfangs zu schnell und viel zu unruhig, ausdrucksvolles Finale

Klemperer

Wiener Symphoniker

VOX     Membran

1951

51‘17

3-4

 

Konwitschny

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1952

70‘07

3-4

problematisches Blech, expressive pizzicati im 2. Satz

Horvat

Sinfonie-Orchester des Österreichischen Rundfunks

SSC

 

62‘26

3-4

1. Satz mehr referiert als erlebt, eingeebnete Lautstärke, selten mal ppp

 

Rögner

Rundfunk- Sinfonie-Orchester Berlin

Berlin Classics

1984

58‘12

3

alles ziemlich schnell, keine Geheimnisse, alles viel zu direkt – guter Klang

Eschenbach

Orchestre de Paris

Ondine

2003

73‘19

3

live – 1. und 4. Satz zu langsam, wie zelebriert, Temposchwankungen, Temporelation zw. 1. und 2. Satz stimmen nicht, am Schluss nur Klangbrei

3.Fassung 1888

Furtwängler

Wiener Philharmoniker

Decca

1951

65‘03

5

live München

Furtwängler

Wiener Philharmoniker

DGG

1951

66‘22

5

live Stuttgart

Vänskä

Minnesota Orchestra

BIS

2009

62‘45

5

Glückes genug"

 

Knappertsbusch

Wiener Philharmoniker

Decca Testament

1955

59‘51

4-5

 

 

Knappertsbusch

Berliner Philharmoniker

History

1944

59‘50

4

 

Walter

NBC Symphony Orchestra

History

1940

58‘24

4

live – Störgeräusche der alten Acetatplatten vor allem im 4. Satz

 

Steinberg

Pittsburgh Symphony Orchestra

EMI

1956

55‘14

3-4

Lautstärkedifferenzierung im p-Bereich wenig differenziert, im Tutti kompakter Klang, einige Retuschen, I T. 179 ff nicht geheimnisvoll, II Sprung von T. 128 zu T. 190, IV Vc und Kb setzen zu Beginn kräftige Akzente, obwohl pp



Dem Käufer einer CD mit einer Bruckner-Sinfonie begegnet häufig auf der Hülle der Vermerk „Original-Fassung", bei einer Sinfonie eines anderen Komponisten fehlt dieser, warum? Um diese Frage sachgerecht beantworten zu können, sollte man einen Blick in Bruckners Kompositionswerkstatt werfen. Bevor er sein als 1. Sinfonie benanntes Opus veröffentlichte, waren schon zwei andere entstanden, eine in f-Moll und eine in d-Moll, später als „Nullte" bezeichnet. Bruckner wurde bei seiner Arbeit immer wieder von Selbstzweifeln bezüglich seiner wahren Absichten aber auch im Hinblick einer Aufführungsmöglichkeit gequält. Schwer zu schaffen machten ihm auch die Anfeindungen führender Wiener Musiker, vor allem aber des einflussreichen Kritikers und Brahms-Freundes Eduard Hanslick. An allen Sinfonien außer Nr. 6, 7 und 9 nahmen der Komponist, aber auch seine Schüler Ferdinand Löwe und Josef Schalk, immer wieder Änderungen, Kürzungen und Umarbeitungen vor. Die Eingriffe dieser nahm Bruckner billigend in Kauf, wenn sich eine öffentliche Aufführung abzeichnete, jedoch wollte er sie nicht als seine definitive Fassung anerkannt wissen. Bei der 4. Sinfonie sieht die Sachlage wie folgt aus:

 Die 1. Fassung wurde 1874 abgeschlossen, zwei Jahr später nochmals revidiert, eine öffentliche Aufführung ergab sich jedoch nicht. Die Sinfonie hat im Großen und Ganzen noch einen Sturm-und-Drang-Charakter, vieles ist ursprünglich frisch empfunden und immer wieder abwechslungsreich gestaltet. Wiederum zwei Jahre später, inzwischen war die 5. Sinfonie vollendet, holte er die 4. wieder aus der Schublade und unterzog sie einer gründlichen Revision, formte dabei seine Themen zu ausgedehnten Blöcken und ersetzte das Scherzo durch ein völlig neues Stück, das uns geläufige sogenannte „Jagd-Scherzo". Es ist heute neben dem Hauptthema vielleicht die bekannteste Musik der Sinfonie. Auf die Frage, warum Bruckner den ursprünglichen Satz, der sich in seiner Stimmung an den vorangegangenen Satz anlehnt, eliminierte, und das neue Scherzo einfügte, konnte die Musikforschung bisher noch keine Antwort geben. Möglicherweise passte Bruckner die Gestalt des neuen Satzes besser zu der erwähnten blockhaften Anordnung der restlichen Sätze, als das in seiner Art etwas rhapsodische ürsprüngliche Scherzo. Ich muss gestehen, dass mir dieses, formale Gesichtspunkte außer acht lassend, gefällt. 1878 war diese Arbeit abgeschlossen, die in der Bruckner-Forschung als 2. Fassung der 4. Sinfonie bezeichnet wird. Wieder kam es zu keiner Aufführung. Mit dem Finalsatz war Bruckner immer noch nicht vollständig zufrieden und unterzog ihn einer abermaligen Revision, diese Arbeit wurde 1880, also nach der Komposition der 5. bis 8. Sinfonie beendet. Die 2. Fassung mit dem nunmehr revidierten Finale wurde im Februar 1881 in Wien mit den Philharmonikern unter Leitung von Hans Richter erfolgreich uraufgeführt. Bruckner war glücklich über diesen Erfolg beim Publikum, jedoch der erste Höreindruck bewog ihn, noch einige Änderungen in der Instrumentation vorzunehmen und den 2. Satz zu kürzen. In dieser Fassung wurde sie im Dezember 1881 von Felix Mottl in Karlsruhe aufgeführt.

Eine Drucklegung in Deutschland scheiterte. Der berühmte in New York wirkende Dirigent Anton Seidl wollte in der Neuen Welt einen Verleger finden und forderte die Partitur an. Bevor sie (Ausgabe der Uraufführung) auf die Reise geschickt wurde, musste sie sich einer erneuten sorgfältigen Durchsicht des Komponisten gefallen lassen, die der alten Welt verborgen blieb, aber auch in der Neuen kaum zur Kenntnis genommen wurde, sie fristete jahrzehntelang in der New Yorker Columbia Universitäts-Bibliothek ein unbeachtetes Dasein, bis sie eines Tages wiedergefunden und der Brucknerforschung zugänglich gemacht werden konnte. Diese Fassung müssen wir als Bruckners letztes Wort in Bezug auf die 4. Sinfonie ansehen, als letztendgültige (=3.) Fassung ansehen.

1889 erschien in Wien ein Erstdruck, der sich jedoch nicht mit Bruckners bis zu diesem Zeitpunkt dargelegten Absichten zu decken schien und in Vergessenheit geriet, obwohl Bruckner-Dirigenten wie Furtwängler und Knappertsbusch diese Ausgabe ihren Aufführungen zugrunde legten. Die unterstellte mangelnde Authentizität - Bruckner hatte seine Änderungen nicht in sein Autograph übernommen oder auf separaten Notenblättern festgehalten, sondern in eine Kopie seiner Schüler und Helfer Schalk und Löwe notiert - erwies sich inzwischen als haltlos. Die dritte Fassung stellt eine Überarbeitung der zweiten aus den Jahren 1878/80 dar, die Unterschiede zwischen beiden beziehen sich vor allem auf Dynamik, Artikulation, Phrasierung und Tempo und betreffen hauptsächlich das Scherzo sowie das Finale. Dem Hörer wird der gekürzte und leise endende Scherzo-Schluss vor dem Trio sogleich auffallen. Signifikant sind auch im Finale die Beckenschläge beim ersten Auftreten des Hauptthemas T. 76 sowie ziemlich am Ende T. 507 und T. 511. Die Takte 379-412 werden ausgelassen und durch eine Neufassung ersetzt. Interessierten Musikhörern sei das informative Booklet der Vänskä-CD empfohlen, in dem Benjamin Korstvedt miniziös auf Bruckners Änderungen eingeht.

Ab dem Jahr 1932 erschien eine wissenschaftlich abgesicherte Gesamtausgabe der Werke Anton Bruckners bei der Internationalen Bruckner-Gesellschaft, die von Robert Haas herausgegeben wurde. 1936 kam der Band mit der 4. Sinfonie (Stand 1878/80) heraus, er erhielt zur Unterscheidung zur früheren Veröffentlichung (1889) den Zusatz „Original-Fassung". R. Haas kannte zu diesem Zeitpunkt Bruckners spätere Änderungen noch nicht. Erst seinem Nachfolger Leopold Nowak war es vergönnt, diese in seiner 1953 erschienenen „neuen" Original-Fassung einzuarbeiten und der Musikwelt bekannt zu machen. Er nannte sie jedoch auch Fassung 1878/80, etwas verwirrend, da er die späteren Änderungen einarbeitete, welche die Gestalt der Fassung 1878/80 jedoch nicht wesentlich beeinflusste. Von der Bearbeitung 1888 hatte Nowak Kenntnis, die Authentizität schien ihm jedoch nicht ausreichend. Als Original-Fassung müssen wir heute alle von Bruckner ausdrücklich sanktionierten Ausgaben erkennen: die 1. Fassung von 1874, die 2. Fassung in den Editionen R.Haas und L.Nowak sowie die 3. von 1888, die Benjamin Korstvedt bei der internationalen Bruckner-Gesellschaft Wien editiert und neu vorgelegt hat (2004).

Zur Diskographie:

Für die erste Gesamtaufnahme einer Bruckner-Sinfonie wurde die 7. ausgewählt, die Aufnahme entstand 1924 in Berlin mit der dortigen Staatskapelle unter Leitung von Oskar Fried noch akustisch, vier Jahre später wurde diesselbe Sinfonie wiederum in Berlin mit den Philharmonikern unter Leitung von Jascha Horenstein produziert, nun im elektrischen Aufnahmeverfahren. Die 4. Sinfonie wurde zum erstenmal vollständig 1936 in Dresden mit der Sächsischen Staatskapelle unter Leitung von Karl Böhm für HMV eingespielt, ein Jahr später folgte die 5. Sinfonie mit denselben Künstlern. Böhms Aufnahmen lagen die soeben erschienenen Original-Fassungen von Robert Haas zugrunde. Die zweite Aufnahme wurde 1951 mit den Wiener Symphonikern unter Leitung von Otto Klemperer für VOX produziert. Die Musiker spielten jedoch nicht aus den Noten der Haas-Ausgabe, die der soeben aus dem amerikanischen Exil nach Europa zurückgekehrte Klemperer vermutlich noch nicht kannte.

Nach meiner Erkenntnis nehmen die Schallplattenfirmen die Begriffe „Ausgabe R.Haas", „Ausgabe L.Nowak" oder „Original-Fassung" auch heute noch nicht sehr genau. Furtwängler ließ angeblich die Haas-Ausgabe spielen, was durchaus glaubhaft ist, da die Nowak-Ausgabe damals noch nicht erschienen war. Tatsächlich benutze er die 3. Fassung, von der jedoch kaum jemand Kenntnis hatte.

Nach dem vergleichenden Hören von mehr als fünfzig Aufnahmen muss ich feststellen, dass sich die Originalfassung von L. Nowak inzwischen durchgesetzt hat. Trotzdem gibt es namhafte Dirigenten, die sich auf Nowak berufen, hier und da jedoch Zusätze bringen, ohne sich auf die 3. Fassung zu beziehen, etwa den erwähnten Beckenschlag im letzten Satz beim ersten Höhepunkt hinzufügen (T. 76 auf 2): z. B. Jochum in allen drei Aufnahmen. Karajan-75, Tennstedt, Skrowaczewski, Horvat und Barenboim bringen ihn auch. In den beiden Aufnahmen unter Leitung von Bruno Walter spiegelt sich die geänderte Quellenlage wider: während der Mitschnitt von1940 sich wie bei Furtwängler und Knappertsbusch der 3. Fassung von 1888 bedient, obwohl er sich dessen vermutlich explizit nicht bewusst war, so wendet sich der älteste hier vertretene Dirigent in seiner späten Aufnahme zwei Jahre vor seinem Tode noch der Neuausgabe von Leopold Nowak zu.

Auf eine Besonderheit im 4. Satz möchte ich noch hinweisen, die auch von Interpreten übersehen wird: da hat doch Bruckner, wie zuvor schon Joseph Haydn zu Beginn seiner „Schöpfung", tatsächlich ein „Chaos für Orchester" komponiert. Der Satz beginnt leise und langsam, das Anfangsmotiv erscheint viermal in ganzen Noten, danach zweimal in halben und dann wieder viermal in Viertelnoten, unterbrochen jeweils durch eine Viertelpause, danach in Viertelnoten ohne Pause. Bruckner komprimiert also das Motiv und schafft den Eindruck einer Beschleunigung. Zusätzlich spielen ab T. 29 die Hörner das Horn-Motiv aus dem Scherzo in Viertelnoten mit Triolen, ab T. 34 dasselbe in Achteln, wobei Horn 1 und 2 zwei Achtelnoten mit anschließender Achteltriole fortlaufend spielen, Horn 3 und 4 gleichzeitig den Rhythmus umgekehrt darbieten. Ab T. 35 treten drei Trompeten mit dem Scherzo-Motiv in Vierteln mit Triolen dazu, von T. 39 an Trompete 1 nicht mehr triolisch zusammen mit Holzbläsern und Violine 1. Die anderen Streicher legen einen flirrenden Klangteppich aus. Im Takt 35 verstärken noch die drei Posaunen wiederum mit dem Scherzo-Motiv den aus den Fugen geratenen Klang. Das alles steht unter einem riesigen crescendo-Bogen ab Takt 27. In den Takten 39 bis 42 überlagern sich dann alle Rhythmen zu einem gewaltigen Klangkonglomerat, dem Chaos. Bruckner löst dann die gewaltig aufgebaute Spannung in den folgenden Takten auf mit dem Kunstgriff auf, indem er alle Spieler unisono, also dieselben Tönen spielen lässt. Manche Dirigenten schwächen die gewaltige Wirkung ab, indem sie von T. 39 bis 42 die 1. Trompete und die Tenorposaune lauter als alle anderen Instrumente spielen lassen und so einen einigermaßen geordneten Verlauf der Musik vortäuschen, z.B. Celibidache. Das nachfolgende Unisono spricht aber m. E. gegen diese Lösung.

Zu den Interpretationen:

Zwei unterschiedliche Ansätze schälen sich heraus, die m.E. beide ihre Berechtigung besitzen:

Dirigenten wie Furtwängler, Kabasta, Knappertsbusch, der jüngere Bruno Walter, Jochum und Celibidache neigen dieser Auffassung zu, während vor allem Günter Wand , Haitink, Böhm, Harnoncourt und Skrowaczewski den erstgenannten Ansatz vertreten.

Die Aufnahmen Wilhelm Furtwänglers faszinieren immer wieder durch ihr lebendig organisches Musizieren. Beide entstanden während einer dreiwöchigen Europa-Tournee, das Konzert in München am 29. 10. 51 war das letzte, das Stuttgarter Konzert fand eine Woche zuvor statt. Leider hatte der 1. Hornist an diesem Abend keinen guten Tag, gleich beim ersten Einsatz kiekst er, und auch bei späteren Solostellen ist eine gewisse Unsicherheit oder Nervosität zu spüren. Die japanische Furtwängler-Gesellschaft hat 2007 eine CD dieser Aufführung herausgebracht – die mir vorliegt -, in der mit allerlei technischem Aufwand diese Problemstellen „bereinigt" wurden, leider hat nach meinem Dafürhalten die Präsenz des Klanges ein wenig darunter gelitten, es klingt etwas nach Weichzeichner. Die Aufnahme des Münchner Konzerts ist m. W. augenblicklich nicht auf dem Markt. Interessierte Käufer sollten genau auf das Aufnahmedatum achten!

Otto Klemperers Aufnahmen zeichnen sich aus durch recht flüssiges Musizieren bei nahezu konstantem Tempo, auffallend die recht schnell genommenen Kopfsätze. Es wird klar und durchsichtig musiziert, Gefühligkeit war nicht Klemperes Sache. Die live-Aufnahme aus München gefällt mir am besten, alles ist sehr klar bei ausgeglichenem Klangbild.

Eugen Jochums stets lebendige, beredte Interpretationen überzeugen immer wieder, er lässt plastischer musizieren als z. B. Wand, das ist keine Frage der Aufnahmetechnik, eher der Auffassung des Werkes. Jochum setzt mehr auf Kontraste, wirkt lebendiger, fügt jedoch von Bruckner nicht vorgesehene Beschleunigungen oder kleine Crescendi ein, wenn es ihm wichtig erscheint. Obwohl er sich auf die Nowak-Ausgabe von 1878/80 stützt, weicht er an zwei Stellen deutlich von ihr ab.

  1. Er lässt im 1. Satz, ziemlich am Ende der Durchführung, die 1. Trompete in Anlehnung an Takt 282 in Takt 285 nach dem c noch ein e und g (notiert) spielen, so erklingen nacheinander die Dreiklangsnoten c-e-g-c, womit die Klangwirkung noch eine Verstärkung erfährt. Furtwängler, Knappertsbusch 1955 verfahren ebenso. Es ist denkbar, dass diese Ausführung auf einen von Bruckner früher notierten Einfall zurückgeht, der vom Komponisten später wieder verworfen wurde.

  2. Alle drei Aufnahmen bringen den schon oben erwähnten Beckenschlag im 4. Satz. In der Berliner Aufnahme ist die Wirkung überwältigend, da Jochum auch das Tempo in den folgenden Takten ein klein wenig anzieht.

Alle drei Produktionen sind gelungen, die Spielzeiten der jeweiligen Sätze decken sich bis auf ein paar Sekunden. Das jeweilige Klangbild erreicht jedoch nicht ganz die Durchsichtigkeit der Aufnahmen Günter Wands, alle später entstanden sind.

Karajans beide Aufnahmen mit seinen Berliner Philharmonikern sind kurz hintereinander für zwei miteinander konkurrierende Firmen entstanden. Die frühere EMI-Produktion scheint mir deutlicher und geschliffener zu sein als die DGG-Aufnahme, die jedoch lebendiger und saftiger klingt. Hier lässt das Trio im 3. Satz aufhorchen, in dem sich zu Beginn des Ländler-Trios Flöte und Klarinette deutlich abwechseln (auch bei Blomstedt), oft hört man hier einen Mischklang. Die DGG-Aufnahme bringt den Beckenschlag im 4. Satz, die von EMI nicht. Auf eine fragwürdige Retusche im 1. Satz möchte ich noch hinweisen: kurz vor der ersten lauten tutti-Stelle lässt Karajan in T. 47 die 1. Violinen nach oben oktavieren, eingeleitet mit einem kleinen Portamento, das klingt ausgesprochen kitschig! Bei der entsprechenden Stelle in der Reprise (T. 409) lässt er ebenso verfahren. Diese Karajan-Marotte kann man in beiden Aufnahmen bewundern. Positiv vermerkt sei noch, dass alle Aufnahmen der Berliner Philharmoniker, auch bei Tennstedt, Muti, Wand und Barenboim, mit einem ausdrucksstarken Blech glänzen, sehr weich im Ansatz, aber auch majestätisch und ausgeglichen im Forte.

Von Günter Wand habe ich vier Aufnahmen jeweils mit einem anderen Orchester vergleichend hören können, eine vierte mit dem NDR-Sinfonie-Orchester aus dem Jahr 1990 ist auch noch auf dem Markt, lag mir jedoch nicht vor. Wand lässt, darin ist er Klemperer ähnlich, nur die Musik auftreten, nicht den Interpreten. Sie wird nicht zelebriert sondern ereignet sich, das Werk klingt von innen heraus, logisch, zwingend und dabei sehr überzeugend, jedoch selten überschwänglich. Seine NDR-Aufnahme von 2001, seine letzte Aufnahme überhaupt, ist etwas milder ausgefallen als die Vorgänger, ebenso der Mitschnitt aus München, der ca. sechs Wochen vorher entstand, jedoch etwas weniger Atmosphäre aufweist als jener.

Oft wird der Name Sergiu Celibidache mit Anton Bruckner in Verbindung gebracht, mehr als der anderer Komponisten. Für viele Musikfreunde ist es der charismatische Bruckner-Apostel. Von den beiden veröffentlichten live-Mitschnitten gefällt mir der aus der Berliner Philharmonie mit dem Schwedischen Radio-Sinfonie-Orchester besser als der fast zwanzig Jahre später in der Münchner Philharmonie aufgenommene. In der DGG-Aufnahme wird noch nicht so absichtsvoll, so bedeutsam, dafür aber wesentlich flüssiger gespielt als bei der EMI-Produktion. In München zerfallen die vier Hornrufe gleich zu Beginn in Einzelabschnitte, vieles klingt viel zu langsam und zäh. Ähnlich wie Jochum beschleunigt Celibidache an manchen Stellen, seine Rolle als „Einpeitscher" des Orchesters stört gerade an solchen Stellen doch sehr. Ich möchte noch auf den Schluss des 4. Satzes in seiner Interpretation hinweisen: Hier lässt er bei Buchstabe V (T. 477) Geigen und Bratschen bis zum Schluss sehr akzentuiert spielen, die schwirrenden Zweiunddreißigstel-Noten sowie der triolische Rhythmus sind nicht mehr hörbar. Das klingt sicher sehr wirkungsvoll, entspricht m. E. jedoch nicht Bruckners Absicht: ab T. 515 ändert er die Spielfiguren der Bratschen, bei Buchstabe Z treten noch 2. Oboe und 2. Klarinette verstärkend hinzu. Dies geht jedoch im lauten Schlussgetümmel unter. Trotz der genannten Mängel gelang es Celibidache Bruckners sinfonischen Kosmos dem Hörer dennoch überzeugend nahe zu bringen, im Konzertsaal wohl noch mehr als auf der Schallplatte, die er nicht mochte.

An dieser Stelle möchte ich an einen anderen Vorgänger Celibidaches am Pult der Münchner Philharmoniker erinnern, der seinerzeit auch als bedeutender Bruckner-Dirigent gefeiert wurde, Oswald Kabasta (1897-1946). Von ihm sind m. W. drei Aufnahmen mit Bruckner-Sinfonien erhalten geblieben, außer der oben genannten 4. Sinfonie, die 9., beide für den Rundfunk produziert, sowie eine reguläre Plattenaufnahme für Electrola der 7. Sinfonie aus dem Jahr 1942 mit. Die 4. ist in den Ecksätzen dramatisch ausgefallen, leider ist das Klangbild bei lauten Stellen durch kleine Verzerrungen etwas gestört.

Rudolf Kempe war zeitlebens als einer der kompetentesten Bruckner-Interpreten anerkannt. Leider hat die Schallplattenindustrie dieses Potential kaum genutzt, außer der 4. und 5. mit den Münchner Philharmonikern bei Acanta ist noch eine Aufnahme der 8. mit dem Tonhalleorchester Zürich bekannt, aufgenommen 1974 von Tudor. Hier kann ich noch auf eine live-Aunahme des Bayerischen Rundfunks zurückgreifen, aufgenommen 1972 im Herkulessaal der Residenz, drei Jahre vor der Studio-Produktion mit demselben Orchester. Sie wurde in der lobenswerten Serie Great Conductors of the 20th Century der EMI veröffentlicht. Bruckners Musik war bei Kempe immer fließend, er vermochte es große Bögen zu schlagen und sensibel auszufüllen, auch war er einem prallen saftigen Tuttiklang nicht abgeneigt, was sich im live-Mitschnitt etwas mehr mitteilt als in der Studio-Produktion. Insgesamt liegen hier zwei gelungene Aufnahmen vor, die knapp unterhalb der der Spitzenaufnahmen rangieren.

Im Dezember 1981 gastierte Klaus Tennstedt bei den Berliner Philharmonikern, auf dem Programm stand neben Beethovens 2. Klavierkonzert auch Bruckners 4. Sinfonie. Fast 20 Jahre später veröffentlichte das britische Label Testament den Mitschnitt vom 14. 12. 81. Parallel zu den Konzerten erstellte die EMI eine Studioeinspielung von Bruckners Es-dur-Sinfonie im großen Saal der Philharmonie mit den selben Künstlern. Die Unterschiede zwischen live- und Studio-Aufnahme sind gering. Tennstedt gibt sich mehr als Ausdrucksmusiker denn als Konstrukteur oder gar als Tüftler. Die Musik ist immer im Fluss, auch an Stellen, die er langsamer nimmt als vorgesehen, so zum Beispiel im 2. Satz, das Bruckner mit Andante, quasi Allegretto überschrieben hat. Der Dirigent liebt es, Kompositionsabschnitte mit ihrem jeweils unterschiedlichen Ausdruckspotential blockhaft gegeneinander zu setzen, in lang gezogenen Bögen zu musizieren, dabei kommt ihm Bruckners Musik entgegen. Was mir weniger gefällt ist Tennstedts (Un)Art, bei crescendo-Stellen parallel dazu auch das Tempo anzuziehen. Bei der live-Aufnahme hört man die Solostellen des Holzes etwas entfernt aus dem Orchesterplenum.

Bernard Haitink setzt auch heute noch gern eine Bruckner-Sinfonie aufs Programm. Nach Jochum war er der zweite Dirigent, der eine Gesamtaufnahme der Sinfonien Bruckners (mit seinem Concertgebouw Orchester) vorlegte. Später entstanden weitere Aufnahmen und Mitschnitte mit anderen Orchestern. Die CDs aus Amsterdam und Wien haben beide ihre Meriten, aber auch Schatten. Gleich zu Beginn tritt beim COA die Flöte zu sehr nach vorn, das ist in Wien besser gelungen. Im 2. Satz müsste hier die Musik bei Buchstabe B etwas mehr Nachdruck aufweisen, die frühere Aufnahme glänzt mit schönen Pizzicati. Beim etwas schnellen Scherzo beim COA leidet etwas die Gestaltung, das wurde bei den WP korregiert. Diese Aufnahme übertrifft auch im Finale die frühere, in der das Orchester bei V nicht über genügend Atem und Nachdrück verfügt.

Im Beiheft von Nikolaus Harnoncourts Aufnahme ist dargelegt, dass er durch Verwendung von Blechblasinstrumenten aus der Brucknerzeit einen durchsichtigen Orchesterklang auch noch im lautesten Tutti erreichen wollte, um den Holzbläserchor nicht durch das Blech zuzudecken. Leider zeitigen auf der CD die Absichten selten Früchte, Worte und Taten finden bekanntlich kaum eine volle Deckung.

Nach der erfreulichen Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahre 1990 legt Claudio Abbado nun eine Einspielung mit dem Lucerne Festival Orchestra vor, eine Formation von Musikern, die sich dem Maestro schon seit Jahren besonders verbunden fühlen. Diese enge Beziehung schlägt sich auch in der neuen Produktion von Bruckners 4. nieder. In der Wiener Aufnahme wird sehr kultiviert, ausgesprochen klangschön mit weichem Blech musiziert, die Tempi sind gelassen, dabei kann sich die Musik in Ruhe entfalten. Ein Nachteil, der auch bei vielen anderen Orchesterproduktionen der DGG auffällt, ist der etwas kompakte, wenig differenzierte Klang bei lauten Tutti-Stellen, in der bestimmte Instrumente untergehen. Das große Plus der Neueinspielung ist, dass gerade dieses Manko behoben ist. Das Klangbild zeichnet sich durch eine sehr gute Transparenz aus. Alle vier Sätze werden ein wenig schneller gespielt, eine Freunde beim Hören sind die quicklebendigen Holzbläser. Abbado gelingt eine von ersten bis zum letzten Takt wunderbar inspirierte Interpretation.

eingestellt am 05.01.08

ergänzt am 12.07.12

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