Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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1. Klavierkonzert e-Moll op. 11

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Rubinstein

Skrowaczeswski

New Symphony Orchestra of London

RCA

1961

40‘25

5

I unverzärtelt, tempokonstant, runder, leuchtender Klavierton, Rubinstein spielt sich nicht in den Vordergrund, Einzelheiten werden nicht ausdrücklich unterstrichen, II Nocturne, warm, trotz rubati nie den Faden verlierend, III Orchester in Begleitpartien nicht immer restlos deutlich

Arrau

Inbal

London Philharmonic Orchestra

Philips

1970

42‘16

5

 

Zimerman

Giulini

Los Angeles Philharmonic Orchestra

DGG

1978

40‘03

5

live

Zimerman

Kondraschin

Concertgebouw Orchester

DGG

1979

38‘48

5

 

Perahia

Mehta

Israel Philharmonic Orchestra

Sony

1989

37‘18

5

live – I erfrischend belebte Einleitung, Perahia und Mehta drängen nach vorn, kommen auch bei ruhigen Passagen nicht ins Schleppen, II sehr schönes Miteinander

Sokolov

Rowicki

Münchner Philharmoniker

Eurodisc Denon

1977

43‘13

5

eher lyrische Darstellung, persönliche Sicht des Pianisten, die überzeugt, da Konzept konsequent durchgehalten wird, III pizzicato der Celli prima!

 

Argerich

Rowicki

National-Philharmonie Warschau

Frequenz

1965

35‘01

4-5

live

Demidenko

Schiff, Heinrich

Philharmonia Orchestra London

hyperion

1993

40‘50

4-5

Cellist Schiff vergisst die Streicher nicht; schöner, erfüllter Mittelsatz, lebendiges Rondo, nicht darüber hinweg

Lang

Mehta

Wiener Philharmoniker

DGG

2008

40‘01

4-5

live – I souveränes Klavierspiel, Satz wird in Teile unterschiedlichen Charakters aufgeteilt, II schön gesungen, Orchester etwas zurückhaltend, III Lang sucht neue Lösungsansätze, freies Klavierspiel ohne die Fesseln des Notentextes

Czerny-Stefanska

Smetacek

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1955

38‘03

4-5

sehr konzentriertes Klavierspiel, eingebettet in das Orchester, das klanglich leider etwas zurückgesetzt ist, kaum Tempoveränderungen, III im A-dur Teil bei C könnte das Klavier duftiger klingen

Lipatti

Ackermann

Tonhalle Orchester Zürich

EMI

1950

36‘32

4-5

live

Leonskaja

Ashkenazy

Tschechische Philharmonie

Teldec

1998

39‘14

4-5

live - männliches Klavierspiel, ziemlich stabile Tempi, aufmerksame Begleitung, flottes Rondo

Zacharias

 

Kammerorchester Lausanne

MDG

2004

40‘36

4-5

I gelassen, Pianist gerade in den ruhigen Passagen mit viel Ausdruck, nie hektisch, geradliniges schnörkelloses Klavierspiel, Orchester folgt bestens, II relaxed, Orchester etwas zahm

Pollini

Kletzki

Philharmonia Orchestra London

EMI

1960

38‘40

4-5

ein junger Meisterpianist gibt seine Visitenkarte ab, aufmerksame Orchesterbegleitung, II weniger zwingend, III am besten gelungen

Gilels

Kondraschin

Moskauer Philharmoniker

Melodya

Brilliant

1962

39‘40

4-5

live, viele Publikumsgeräusche verursachen Unruhe, spontaner,freier und darum auch überzeugender gespielt als bei Ormandy, letzter Satz am überzeugendsten

Gilels

Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS

P 1965

39‘38

4-5

klassische Interpretation, Orchester streng geführt, I schöne Einleitung, nicht gefühlig, II stilistisch zwischen Rubinstein und Anda, blitzsauber, Wärme, III domestizierter, nicht das Feuer der live-Aufnahme

Berezowsky

Nelson, John

Ensemble Orchestral de Paris

Mirare

2007

37‘19

4-5

I dramatische Sicht, gute aufmerksame Begleitung, viele Details, III schnelles Tempo ein Gewinn für die Musik?

Lhevinne, Rosina

Barnet

Alumni of the National Orchestral Association

Philips

~ 1963

37‘36

4-5

I beseeltes Klavierspiel, ad hoc-Orchester sehr aufmerksam, II überlegen gestaltet, Lhevinne steht ganz über dem Notentext, III mehr Ruhe, aber auch weniger Intensität

Arrau

Klemperer

Kölner Rundfunk Sinfonie-Orchester

Nota Blu

1954

40‘40

4-5

live

Argerich

Abbado

London Symphony Orchestra

DGG

1968

37‘39

4-5

 

Argerich

Dutoit

Orchestre Symphonique de Montreal

EMI

1998

37‘46

4-5

 

Zimerman

 

Polish Festival Orchestra

DGG

1999

45‘36

4-5

 

Rubinstein

Barbirolli

London Symphony Orchestra

EMI

1937

33‘18

4-5

I Orchester außer im Tutti meist nur im Hintergrund agierend, Rubinstein schneller, kämpferischer, mehr passionato, weniger die lyrischen Stellen auskostend, II Barbirolli mehr als nur Begleiter, III einige unsaubere Orchesterstellen

Hofmann, Josef

Barbirolli

Sinfonie-Orchester

VAI

1938

33‘40

4-5

Klavier steht im Mittelpunkt, II Hofmann - der Sänger, III männliches Klavierspiel, überlegen, dramatisch zugespitzt

Bolet

Dutoit

Orchestre Symphonique de Montreal

Decca

1989

42‘43

4-5

persönliche Sicht, quasi als Anti-Virtuosenkonzert, relaxed – I etwas belegtes Klangbild, die Tontechnik blieb hinter ihren Möglichkeiten zurück

Kupiec

Skrowaczewski

Sinfonie-Orchester des Saarländischen Rundfunks

Oehms

2003

39‘15

4-5

endlich einmal eine adäquate Begleitung, die versucht der Partitur entsprechend alles deutlich zu machen. Kupiec spielt unverzärtelt, jedoch mit ein wenig einförmiger Tongebung

Davidovich

Marriner

London Symphony Orchestra

Philips

P 1980

41‘01

4-5

gradliniges, kraftvolles, unverzärteltes Klavierspiel, aufmerksame Orchesterbegleitung, III langsameres Tempo verschafft der Pianistin Freiraum für fantasiereiche Ausgestaltung des Soloparts

 

Gelber

Bour

SWF Sinfonie-Orchester

SWR unveröffentlicht

 

39‘31

4

Pianist spielt das Werk nicht als Schaustück, I Bläserstimmen könnten mehr hervortreten, II Ruhe, III im Tempo zurückhaltend, relaxed, mehr Abschnitte als das Ganze, am Schluss setzt Bour eigene Akzente

Anda

Galliera

Philharmonia Orchestra London

EMI

Testament

1956

38‘00

4

I Anda legt eher Wert auf auf eine brilliante, technisch bestens abgesicherte Interpretation als auf Gefühlstiefe, rubati haben da wenig Platz, II sehr sorgfältig, jedoch distanziert, III Rondo-Thema gewichtig, schöne Details

Ashkenazy

 

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

Decca

1997

38‘57

4

Orchester gut präpariert, III aufmerksame Pizzicati der Celli

Harasiewicz

Hollreiser

Wiener Symphoniker

Philips

P 1959

39‘22

4

alles sehr solide, lässt nirgends aufhorchen, mit mehr Poesie als Virtuosität

Horszowski

Swarowsky

Wiener Symphoniker

Vox

P 1952

38‘16

4

etwas gepresster stumpfer Klang, Horszowski kein Sensualist, verliert sich nicht in den Klang sondern achtet immer auf den musikalischen Fluss, sorgfältige Orchesterbegleitung, III freier als in den anderen Sätzen gespielt

Kern

Wit

Warschauer Philharmoniker

HMF

2004

39‘34

4

I immer, wenn sich die Möglichkeit bietet, stürmt Kern furioso durch den Satz, II Klavierton zu gleichförmig – insgesamt gute Begleitung

Pires

Krivine

Chamber Orchestra of Europe

DGG

1997

41‘38

4

I störende Tempowechsel, Streicher fast immer zu leise, wie ein Raunen im Hintergrund, Pires überzeugend!, III Musik mehr buchstabiert als gesungen, Begleitung wieder zu leise

Askenase

Otterloo

Residentie Orkest Den Haag

DGG

1959

41‘21

4

I wechselnde Tempi, II keineswegs verträumt, III gradliniger als im 1.Satz, schnörkellos

Blechacz

Semkow

Concertgebouw Orchester Amsterdam

DGG

2009

41‘00

4

I O.-Exposition gestampft, leicht behäbig, Klavierspiel könnte mehr Farbe vertragen, II Pianist zurückhaltend, scheu, gute Begleitung, III mehr Einsatz und Kontur

François

Frémaux

Orchester der Oper Monte Carlo

EMI

1965

39‘25

4

aufmerksames Orchester, I François fängt ganz langsam an, verbindlicher als 1954, III lässt sich mehr Zeit, nicht nur hingeknallt

Weissenberg

Skrowaczewski

Conservatoire Orchester Paris

EMI

1967

41‘34

4

Klavierklang zu metallisch, I Tempowechselbäder, II ruhig und besonnen, ab T.63-68 dann hochdramatisch, III effektvolle Klavierpassagen stehen im Vordergrund

 

Ax

Ormandy

Philadelphia Orchester

RCA

1978

40‘43

3-4

I keine oder nur rudimentäre Interaktion zw. Solist und Orchester, II viel besser, wie ausgewechselt, III mehr Routine

Vásáry

Semkow

Berliner Philharmoniker

DGG

1965

41‘02

3-4

solide - bei lyrischen Stellen ohne emotionale Stellungnahme, Klavierklang insgesamt weniger kernig, mehr topfig, III temporeduziert

Yundi Li

Davis, Andrew

London Symphony Orchestra

DGG

2006

38‘24

3-4

I Pianist klanglich zu sehr im Vordergrund, Orchester kann wenig eigene Akzente beisteuern, flüssiges Tempo, II Yundi Li meist zu unruhig, unterscheidet kaum zwischen Melodietönen und Ausschmückungen/Arabesken, III Bravourstück, fast atemlos heruntergespielt

Cziffra

Rosenthal

Orchestre National de l‘ORTF

Philips

P 1967

39‘51

3-4

rhapsodisch freies Klavierspiel, Orchester bei Begleitung meist wie hinter einem Vorhang

François

Tzipine

Conservatoire Orchester Paris

EMI

1954

34‘33

3-4

Flügel harter Klang, lieblos exekutiert, marzialischer Klang, kein richtiger Zusammenhang, immer nur Abschnitte, François betont in beiden Aufnahmen im 1. Satz jeweils den Vorschlag in T. 284-286/T. 300-302 auf eins, das macht sonst niemand, 2. Satz überzeugender, da lyrischer, 3. Satz T. 207 Saite gerissen?

Gulda

Boult

London Philharmonic Orchestra

Decca Philips/DGG

1954

37‘01

3-4

Bearbeitung!! Gulda entwickelt keinen idiomatischen Chopin-Ton, klingt doch sehr deutsch

 

Mustonen

Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestra

Decca

1994

40‘21

3

I Pianist hebt T.197 f, T.183 f usw. statt der 8-tel die 16-tel hervor, T.191 f dann umgekehrt, eigenwillige, gewöhnungsbedürftige Artikulation: Rückschritt vom Steinway zur Hammerflügelimitation, II nur in ruhigen Partien befriedigend, III irgendwie spieldosenhaftes Geklingel – Blomstedts kompetende Orchesterführung bewegt sich auf einsamer Flur!

Nakamura

Fistolari

London Symphony Orchestra

Sony

1984

40‘42

3

I anfangs mäßiges Tempo, das sich ändert, sobald die Solistin einsetzt, sie behandelt das Konzert wie ein Concerto brillante, II drauf los, sobald sich eine Gelewgenheit bietet, III springlebendig, unstet, kein übergeordnetes Konzept

Ausführung mit Hammerflügel und Originalinstrumenten, bzw. Rekonstruktionen:

Dang Thai Son

Brüggen

Orchester des 18. Jahrhunderts

NIFC

2005

40‘03

5

Erard-Flügel von 1849! - live – sehr gutes Miteinander

Ax

Mackerras

Orchestra of the Age of Enlightenment

Sony

1997

39‘19

4-5

I transparentes Klangbild, Details gehen nicht verloren, II bester Satz, III Str. T.128-160 zu leise



Chopins zwei Klavierkonzerte sind in erster Linie Virtuosenkonzerte, wie sie von Zeitgenossen wie Moscheles, Kalkbrenner (Widmungsträger), Dreyschock, Thalberg gepflegt wurden und dazu dienen, die pianistischen Fähigkeiten des Solisten ins rechte Licht zu stellen. Im Gegensatz zu zeitgenössischen Konzerten wird die Musik durch Chopins Kunst des individuellen unverwechselbaren Klaviersatzes voller Ausdruck und Raffinement geadelt. Man sollte bedenken, dass das e-moll Konzert etwa gleichzeitig mit den Etüden op.10 entstand, die auf dem Feld der Klaviertechnik neue Maßstäbe setzten, sowohl technisch als auch ausdrucksmäßig. Die beiden Konzerte knüpfen nur formal an die durch Mozart entwickelte und von Beethoven weitergeführte Konzertform auf der Basis der Sonatenform an. Der Kopfsatz unseres e-Moll Konzerts besteht zwar noch aus Orchester- und Soloexposition, Durchführung, Reprise und Coda, eine wirkliche thematisch-motivische Arbeitet, ein Mit- oder Gegeneinander von Solist und Orchester oder einzelnen Instrumenten findet man jedoch selten.

Der Satz beginnt mit einer längeren Orchesterexposition, in der beide Themen vorgestellt werden, das 1. zweigeteilt: a) festlich schreitend, maestoso T. 1-24, b) lyrisch bewegt T. 25-36, beide in e-moll. Das 2. Thema beginnt leise und cantabile T. 61 in E-Dur, es bewegt sich klassisch in einem Vorder- und Nachsatz von je 8 Takten nur vom Streichorchester gespielt (im Nachsatz darf ein Horn mit einem Viertonmotiv aus Dreiklangstönen einen farblichen Akzent beisteuern, der leider von sehr vielen Dirigenten sträflich vernachlässigt wird), anschließend wiederholen Bläser zusammen mir den Streichern die Partie. Charakteristisch für die f-Abschnitte des 1. Themas ist ein 6-Ton-Motiv der tiefen Streicher und Fagotte (zweimal hintereinander gespielt), das von einer Posaune verstärkt wird, T. 45-48, T. 111-114 (gut bei Boult, Skrowaczewski, Frémaux, Mehta, Wit und Krivine). Dieses Motiv verwendet Chopin in der Durchführung noch mehrmals, allerdings nur im Orchester. Nach diesem überwiegend festlich heroischen Anfangsauftritt zieht sich das Orchester zurück und überlässt dem Solisten weitgehend das Feld. Der Satz ist mit 689 Takten sehr umfangreich auch für Konzerte der damaligen Zeit. Einige Interpreten erlauben sich Kürzungen, die auf Aufnahmen aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts überliefert sind. In Artur Rubinsteins erster Aufnahme unter Barbirolli von 1937 erleben wir einen Sprung von T. 23 zu T. 121, damit besteht dieser Abschnitt lediglich aus 40 statt 138 Takten. In der ein Jahr später entstandenen Aufnahme des seinerseits sehr berühmten Josef Hofmann, Dirigent ist wiederum Barbirolli, finden wir denselben Sprung, ebenso bei Rosina Lhevinne, Samsons François, Dinu Lipatti und noch bei Martha Argerich vom Warschauer Chopin-Wettbewerb 1965. Sogar der knapp halb solange Schlusssatz blieb bei Rubinstein-37 von Kürzungen nicht verschont.

Nun einige Anmerkungen zu den Tempi. Chopin gibt jeweils ein Grundtempo vor, das während des ganzen Satzes beizubehalten ist. Allerdings notiert er öfter meist am Ende einer längeren Phrase ein rallentando oder ritardando, also ein Langsamerwerden. Darauf fordert er jedoch mit der Bezeichnung a tempo eine Rückkehr zum Grundtempo. Viele Interpreten vertrauen Chopins Tempovorstellungen nur teilweise. Das im Takt 57 beginnende 2. Thema wird oft langsamer genommen, das von Chopin notierte cantabile und legato wird als Aufforderung verstanden, dass Tempo zu drosseln, ebenso auch die Anweisung dolce. Kann man davon ausgehen, dass dies im Sinne des Komponisten geschieht? Ein Beispiel: am Ende der Orchester-Exposition T. 123 ff verlangsamt der Dirigent Andrew Davis allmählich das Tempo, seine Kollegen Anatole Fistulari und Heinrich Schiff warten bis T. 131, nehmen dann aber fast eine Vollbremsung vor, die Musik steht fast still und der Solist kann sich bei seinem ersten Auftritt der vollen Aufmerksamkeit des Publikums gewiss sein. Diese ff-Partie des Klaviers ist quasi eine Kadenz, thematisch basiert sie auf den Takten 1 und 2 vom Satzbeginn. Die meisten Pianisten verlassen auch das Taktgefüge und spielen ganz frei, zuletzt bei Lang Lang zu beobachten. Danach folgt gleich das lyrische Thema 1b, Klavier mit sparsamer Streicherbegleitung, leise und espressivo. Der junge Grigory Sokolov spielt diese Takte sehr leise, zart und innig, nicht mezzoforte, wie einige seiner Kollegen. Takt 222 beginnt das 2. Thema in E-dur, von sehr vielen Klavierspielern langsamer gespielt, sehr langsam vom schon erwähnten Sokolov (übrigens eine seiner äußerst seltenen Studio-Einspielungen), Lipatti, Weissenberg und Zimerman-99. Wie schon die Orchesterexposition endet auch die Soloexposition mit einer leisen, wenn der Dirigent aufmerksam reagiert, auch ausdrucksvollen Streicherpassage T. 377-384. Nach Chopins Tempovorstellung lassen Ackermann, Smetacek und Rowicki/Sokolov spielen. Am Beginn der folgenden Durchführung wählen die meisten Pianisten wieder ein langsameres Tempo und ziehen es dann ab T. 408 bei der Anweisung risoluto wieder an. Auch in der Reprise hören wir das 2. Thema ab T. 573 (nun in G-Dur) wieder gedehnt, sehr deutlich bei Arrau, Lipatti und Blechacz, extrem bei Zimerman-99.

Dem Ausdruck entsprechend belebt Chopin in der Mitte des 2. Satzes (T. 66 ff) die Begleitung der Streicher, nur wenige Dirigenten haben ein Gespür für die adäquate Umsetzung dieser Musik: Giulini, Skrowaczewski, Marriner, Ashkenazy und Inbal. Bei Christian Zacharias bleibt diese Stelle nahezu unbeachtet.

Zwei Hinweise noch auf das abschließende Rondo (in Form eines Krakowiaks): In Takt 272 wechselt der Komponist plötzlich von der E-Dur-Grundtonart zum weit entfernten Es-Dur!! Viele Pianisten spielen etwas langsamer und/oder leiser: Arrau, Lipatti, Ashkenazy, Zimerman-78, Zacharias, Kakamura, Blechacz. Bei Perahia, Zimerman-99, Lang und Davidovich klingen diese sieben Takte wie aus einer anderen Welt, großartig!! In T. 320 ff hat Chopin in den Klaviersatz eine fortlaufende 16-tel-Bewegung als Mittelstimme hineinkomponiert, sie ist sehr gut zu hören bei Cziffra, Lipatti und Davidovich.

Dinu Lipatti Mitte der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts brachte der Plattenkonzern EMI eine bis dato unbekannte Aufnahme des e-Moll Konzerts mit Lipatti auf den Markt, ohne Angabe eines Dirigenten und Orchesters. Kritiker und Musikfreunde mutmaßten verwundert über diesen seltsamen, bisher unentdeckten Fund. Der Klavierpart dieser Aufnahme war so brillant gespielt, wie es eines Lipatti würdig war, trotzdem blieben Zweifel bezüglich der Echtheit. Diese stellten sich einige Jahre später als begründet heraus, als Musikfreunde eine Übereinstimmung in allen musikalischen Parametern auf einer anderen LP konstatierten, nämlich der Einspielung von Halina Czerny-Stefanska, der Tschechischen Philharmonie Prag unter Leitung von Vaclav Smetacek, entstanden 1955 und veröffentlicht bei Supraphon unter der Bestell-Nr. SUA 10130. Diese Platte war im westlichen Ausland bis dato so gut wie unbekannt geblieben. Die polnische Künstlerin Halina Czerny-Stefanska lebte von 1922-2001, sie studierte u. a. bei Cortot in Paris und gewann zusammen mit der russischen Pianistin Bella Davidovich, der Mutter des Geigers Dimitri Sitkovetzky, den 1. Preis beim Warschauer Chopin-Wettbewerb 1949. Die „enttarnte" Lipatti-LP wurde unter Bedauern sofort vom Markt genommen und EMI konnte bald eine echte Lipatti-Aufnahme, die bis dato unbekannt geblieben war, nachschieben. Sie ist ein Mitschnitt des schweizerischen Rundfunks aus der Tonhalle Zürich mit dem Tonhalle Orchester unter Leitung von Otto Ackermann aus dem Jahre 1950, der klangtechnisch jedoch einige Wünsche offen lässt. Ich vermute die CD beinhaltet die Kopie eines privaten Mitschnitts der Radioübertragung des Konzerts. Ackermann begleitet sehr aufmerksam und sorgfältig, er bringt ein breites Tempo im 1. Satz, das Lipatti übernimmt. Wir erleben ein männlich kraftvolles (=maestoso) Klavierspiel, das trotz der akustischen Abstriche noch voll überzeugen kann. Außer der oben erwähnten Aufnahme von Halina Czerny-Stefanska existiert noch eine (frühere?) dieser polnischen Meisterpianistin, die in Zusammenarbeit mit Witold Rowicki und der Warschauer National-Philharmonie bei Polskie Nagrania entstand, in Deutschland auch von Telefunken auf den Markt gebracht wurde. Diese Platte habe ich jedoch nicht hören können.

Mit Claudio Arrau liegen mir zwei Aufnahmen vor, ein Mitschnitt aus Köln mit dem Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter Leitung von Otto Klemperer sowie eine Studioproduktion mit dem London Philharmonic Orchestra unter Leitung von Eliahu Inbal. Bei dem gestrengen Begleiter Klemperer spielt Arrau ziemlich frei, romantisch. Arraus Finger waren jedoch damals schon nicht mehr so quicklebendig wie die der meisten anderen Kollegen, insgesamt liegt hier eine eher dramatische Sicht vor. Bei Inbal gestaltet er den Klavierpart musikalisch folgerichtig, organisch. Wir hören keine Bravourketten, sondern eines folgt ziemlich logisch dem anderen, die Teile werden miteinander verbunden, insofern wertet er Chopin auf, da er ihn vor allem als Musiker adelt, ohne den Virtuosen zu unterdrücken. Keine Beschleunigung sondern Beibehaltung des Tempos in den Takten 179 ff und 621 ff. Auch im 3.Satz genaue Befolgung der Partiturvorschrift, z. B. T. 207 f: die meisten Pianisten spielen da abwärts bis zum Zielton ff, das macht Effekt! Nicht so Arrau, der genau das vorgezeichnete diminuendo einhält. Inbal steuert eine einfühlsame Begleitung bei, die Holzbläser-Soli vor allem im 2.Satz kommen gut zur Geltung.

Mit Martha Argerich kenne ich drei Aufnahmen, die älteste entstand 1965 im Umfeld des Warschauer Chopin-Wettbewerbs. Hier spielt die Pianistin sehr ausdrucksvoll, vorwärtstreibend und steht mit dem Orchester ständig in Interaktion, eine überzeugende Aufnahme. Die folgenden Studio-Produktionen klingen etwas akademischer, nicht mehr so urwüchsig, etwas glatter. Virtuosität wird nicht erlebt sondern vorgeführt, sehr auffällig gerade in den Schlusssätzen.

Auch Krystian Zimerman hat das e-Moll Konzert dreimal vorgelegt. Warum binnen eines Jahres gleich zwei Produktionen, mit Giulini und Kondraschin, veröffentlicht werden mussten, bleibt Geheimnis der DGG. Zum 150. Todestag des großen polnischen Pianisten erarbeitete Zimerman beide Konzerte mit einem eigens dafür zusammengestellten Orchester, dem Polish Festival Orchestra, ging damit auf Tournee und spielte sie am Ende für die DGG ein, Zimerman trat dabei in Personalunion als Dirigent und Pianist auf. Auch wenn er im Booklet Argumente für diesen Doppeleinsatz ins Feld führt, überzeugen mich die beiden älteren Aufnahmen mehr. Die Amsterdamer Produktion ist im 1. Satz schneller, dramatischer als die aus Los Angeles, in der das Orchester etwas kompakt klingt. Zimermans Klavierspiel ist kraftvoll, betont Zusammenhänge und gestaltet intensiv die lyrischen Abschnitte. In den Rondo-Sätzen konzertieren Solist und Orchester hervorragend miteinander. Die beiden Dirigenten sind aufmerksame Partner. In seiner neuesten Aufnahme stören mich unmotivierte Tempovariationen vor allem im 1. Satz, traumverloren führt er das Thema 1b in der Reprise vor. Insgesamt wird abgesehen vom Rondo viel langsamer musiziert. Der Orchesterklang erscheint mir im 1. Satz etwas bullig, das verliert sich jedoch im weiteren Verlauf. Das Orchester folgt aufmerksam dem Pianisten und es kommt zu einem guten Miteinander, auch die sonst vernachlässigten Bläserpartien kommen angemessen heraus (2. Satz). Im 3. Satz allerdings stören im Tutti-Klang hervortretende Trompeten.

Musikfreunde, Dirigenten und Musikologen haben sich bis zum heutigen Tag kritisch über Chopins Instrumentation geäußert. Tatsächlich lassen sich einige Ungeschicklichkeiten nicht übersehen, z. B. die Bläserstelle T. 293-299 (Fagott, Flöte, Klarinette), ähnlich T. 310-314. So etwas fällt bei fast allen Dirigenten unter die Pulte, auch bei Aufnahmen mit Hammerflügel und Originalinstrumenten, nicht so bei Zacharias, Blomstedt und Skrowaczewski in seiner neuesten Aufnahme mit Ewa Kupiec, in ihr hören wir die eindeutig beste Orchesterbegleitung. Allein schon deshalb lohnt diese CD. Manche Dirigenten beschränken sich auf die Gestaltung der Tuttipassagen sowie weitgehend auf die Begleitung, während andere, immer wenn die Partitur dies anbietet, in einen Dialog mit ihrem Solisten treten: Klemperer, Kondraschin, Skrowaczewski, Blomstedt, Mehta, Ashkenazy, Inbal.

Zwei Komponisten der Romantik glaubten Chopins Orchestersatz verbessern zu müssen, um die Intentionen des Komponisten besser herauszuarbeiten: Carl Tausig und Mily Balakirew. Die Bearbeitung des ersteren kenne ich nicht, die von Balakirew erscheint gerade wieder auf einer neuen Gulda-CD mit Chopin-Werken bei DGG. Interessanterweise wird auf dem Cover nicht auf diese Tatsache hingewiesen, mancher Käufer wird sich wundern ob der neuen Klänge, wenn er die CD zum erstenmal abspielt. Die Aufnahme entstand 1954 in London unter Leitung von Sir Adrian Boult bei Decca. In der verdienstvollen Philips-Edition „Die großen Pianisten des 20. Jahrhunderts" wurde sie vor Jahren wiederveröffentlicht, ohne dass die Musikkritik von ihr Kenntnis nahm. Was ist nun bei Balakirew anders? Hier die auffälligsten Eingriffe: 1. Satz: das 2. Thema (T. 61-76) wird statt von den Violinen von der Klarinette gespielt, liegende Harmonietöne der Streicher werden von Holzbläsern unterstützt, z.B. T.216 ff. Bei einigen Hornstellen ( T. 230 ff, 247 ff, 287 ff) höre ich keine Hörner, sie scheinen gestrichen worden zu sein. Ebenfalls fehlt die Fagottstelle T. 581 ff. Bei T. 356 ff werden die Holzbläserstimmen von Streichern gespielt, statt vorher p nun ff. Dass in T. 450 ff die Fagottstimme von Geigen übernommen wird, halte ich für sinnvoll, was mir bei der Übernahme von Fagott- bzw. Klarinettenstimmen durch Oboen (T. 499 f und 504 f) jedoch nicht einleuchtet. Die Partie bei Partiturbuchstabe N (T.621 ff) wurde unter Hinzufügung von neu erfundenen Violin- und Oboenstimmen umgestaltet. Im 2. Satz werden wiederum Fagott- bzw. Klarinettenstimmen durch Oboen ersetzt. Auch im 3. Satz gibt es bei T. 252 ff eine Neukomposition des Orchesterparts.

eingestellt am 09.04.2010

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