Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Chopin home



Nocturne e-Moll op. 72 Nr. 1

Andante - 1827



El Bacha

Forlane

1996

3‘42

5

linke Hand kommentiert die rechte, Ballade en miniature

Horowitz

EMI

1935

4‘36

5


Horowitz

RCA

1952

3‘53

5

dramatisch, schöner, leuchtender Klavierton

Horowitz

RCA

1953

3‘54

5

live – dramatisch

Richter

Praga

1972

4‘05

5

live – leuchtender Diskant, im Erzählton

Pires

DGG

1996

3‘57

5

belebter Bass kommentiert rechte Hand, penible Umsetzung der Vortragsbezeichnungen

 

Novaes

VOX

~ 1955

4‘06

4-5

mit Würde und Noblesse

Rubinstein

RCA

1965

4‘42

4-5

gelassen, fast meditativ

Katin

Olympia

1989

4‘33

4-5

Atmosphäre

François

EMI

1959

3‘11

4-5

männlich, unverzärtelt, stellenweise dramatisch, balladesk

Harasiewicz

Philips

1963

4‘21

4-5

gesungen, wie eine Arie

Pollini

DGG

2005

3‘28

4-5

etwas distanziert, schlanker Ton

 

Godowsky

Philips

1928

3‘33

4

bewegt, oberstimmenbetont, kräftiger Bass, viele Rubati

Kupiec

Koch/Schwann

1997

5‘07

4

Adagio – Atmosphäre, 2 Textvarianten

Leonskaja

Teldec

1992

4‘24

4

ruhig, nicht sonderlich einnehmend, Augenmerk auch auf Mittelstimmen, 3 Textvarianten

Askenase

DGG

1954

4‘19

4


Rubinstein

EMI

1937

4‘01

4

etwas nüchtern

Ashkenazy

Decca

1980

4‘11

4

dramatisch, etwas breiter „Strich"

Ohlsson

EMI

1978

4‘16

4

trotz langsamen Tempos keine richtige Ruhe

Engerer

HMF

1993

3‘58

4

unruhig, wenig Atmosphäre

Freire

Teldec

1975/78

4‘31

4

linke Hand müsste leiser spielen, stellenweise etwas virtuos


Barenboim

DGG

1981

4‘19

3-4

etwas einförmig, der H-dur-Teil hebt sich nicht ab, Innigkeit stellt sich nicht ein

Arrau

Philips

1978

4‘10

3-4

Adagio, ziseliert, wenig elegant, Achtel der linken Hand zerfallen in Einzeltöne

Castro

Arte Nova

1997

3‘46

3-4

neutral, linke Hand greift nicht gestaltend ein, Sensibilität?

Buchbinder

EMI

1986

4‘57

3-4

Adagio, zu langsam, zäh

 

Vásáry

DGG

1965

3‘09

3

sehr unruhig, linke Hand zu laut, Triolen nicht zusammenhängend gespielt

 



Nocturne cis-Moll op. posth.

Lento con gran espressione - 1830

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Pires

DGG

1996

3‘56

5

 

Zitterbart

Tacet

1991

3‘27

5

gesungen

El Bacha

Forlane

1997

3‘54

5

 

Kosuge

Sony

2004

4‘16

5

sehr poetisch, ganz für sich selbst gespielt

Pletnjew

Virgin

1988

4‘17

5

con gran espressione


Ohlsson

EMI

1979

3‘41

4-5

ausdrucksvoll, im Mittelteil etwas unruhig

Katin

Olympia

1989

3‘54

4-5

Interpretation 5, Klang 4

Novaes

VOX

~ 1955

3‘34

4-5

 

Askenase

DGG

1954

4‘05

4-5

poetisch

Barenboim

DGG

1981

4‘31

4-5

langsam und sehr ruhig, Atmosphäre

Ashkenazy

Decca

1981

3‘57

4-5

 

Engerer

HMF

1993

3‘52

4-5

schlicht, im Metrum

Szpilman

Sony

1948

3‘34

4-5

erinnert stellenweise an eine Polonaise, ein stolzer Pole spielt Musik seines Landsmanns - topfiger Klang

Szpilman

Sony

1980

3‘22

4-5

etwas weniger ausdrucksvoll


Freire

Teldec

1975/78

3‘44

4

 

Castro

Arte Nova

1997

3‘52

4

gradlinig

Weissenberg

aura

1968

3‘49

4

live

Harasiewicz

Philips

1968

3‘46

4

 

Planès

HMF

2000

4‘32

4

sehr ruhig

Leonskaja

Teldec

1992

4‘05

4

Einleitung: Achtel zu gewichtig, bremsen den Fluss der Musik, schlicht

Arrau

Philips

1978

4‘26

4

sehr gewichtig, könnte in der Lautstärke differenzierter sein

Kupiec

Koch/Schwann

1997

4‘42

4

wechselnde Tempi, Phrasierungsbögen in der Einleitung werden ignoriert


Barto

EMI

P 1991

5‘10

3-4

verzärtelt


Vásáry

DGG

1965

3‘40

3

starke Rubati, biegt sich den Notentext nach seinen Vorstellungen zurecht

 



Nocturne Es-Dur op. 9 Nr. 2

Andante - 1830/31

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Rubinstein

RCA

1965

4‘25

5

klangschön, dezente Rubati

Sofronitzki

Brilliant

1949

4‘07

5

live – leuchtender Ton, strahlt Ruhe aus

Pires

DGG

1996

4‘23

5

klangschönes und plastisches Klangbild, dezente Rubati, Nocturne!!

Leonskaja

Teldec

1991/92

5‘00

5

klangschöne Aufnahme

 

Solomon

EMI

1942

4‘49

4-5

Zwiesprache mit sich selbst, nach innen, nicht nach außen gespielt

Engerer

HMF

1992/93

4‘29

4-5

plastisches Klangbild

Haas, Werner

MDG

1971

4‘43

4-5

ruhig, stimmungsvoll

Pollini

DGG

2005

3‘58

4-5

mit dem Silberstift, Pollini tritt hinter die Komposition zurück

Katin

Olympia

1989

4‘48

4-5

sehr ruhig, im häuslichen Salon

Horowitz

RCA

1957

4‘23

4-5

con forza-Stelle T. 30 ff am gewaltigsten von allen Einspielungen

Magaloff

Philips

1974

4‘33

4-5

klangschön, im Konzertsaal

Askenase

DGG

1954

4‘05

4-5

sehr klar, unverzärtelt

Harasiewicz

Philips

1963

4‘47

4-5

empfindsam, altmodisch im Stil, starke Rubati T.16 und 24, aber doch überzeugend

 

François

EMI

1966

4‘10

4

linke Hand sehr dezent, unterstützt nur die Harmonie

El Bacha

Forlane

1997

4‘15

4

fast keine Rubati, schlank, weniger Sentiment

Novaes

VOX

~ 1955

4‘09

4

verkappter langsamer Walzer

Barto

EMI

P 1991

6‘15

4

Adagio molto, das Stück zerfällt jedoch nicht

Kupiec

Koch/Schwann

1997

3‘54

4

verkappter langsamer Walzer, im Konzertsaal

Rubinstein

EMI

1936

4‘23

4

sehr viele Rubati

Cortot

EMI/Naxos

1929

4‘12

4

sehr frei im Tempo und Metrum, Arabeske

Cortot

EMI/Naxos

1949

4‘07

4

ähnlich wie 20 Jahre zuvor, ständig wechselnde Tempi

Godowsky

Philips

1928

3‘46

4

etwas sachlich

Castro

Arte Nova

1995

4‘25

4

im Konzertsaal, wenig Eigenes

Li

DGG

2001

4‘17

4

im Konzertsaal, emotionale Beteiligung

 

Freire

Teldec

1974/76

4‘32

3-4

Beziehung zum Werk?

Ohlsson

EMI

1978/79

4‘05

3-4

kapriziös, unruhig

Ashkenazy

Decca

1981

3‘57

3-4

viele Einzelabschnitte, wenig Zusammenhalt

Arrau

Philips

1977/78

4‘44

3-4

etwas zu vorsichtig vorgetragen, quasi prima vista

Buchbinder

EMI

1986

4‘27

3-4

keine Wärme, mehr Noten als Musik

Barenboim

DGG

1981

4‘31

3-4

Beziehung zum Werk?

Vasary

DGG

1965

4‘32

3-4

ständig wechselnde Tempi, sehr unruhig

 



Nocturne F-dur op. 15 Nr. 1

Andante cantabile (A) – con fuoco (B) 1830/33

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Richter

M&A

1963

4‘57

5

live Leipzig – A: ganz für sich allein gespielt

Maisenberg

Glissando

1995

5‘33

5

live – A: sehr ruhig und zart, extrem in Tempo und Ausdruck

Ogdon

IMP

P 1986

5‘16

5

A: zart, extrem in Tempo und Ausdruck

El Bacha

Forlane

1998

4‘29

5

 


Pires

DGG

1995

4‘15

4-5

 

Engerer

HMF

1992/93

4‘50

4-5

 

Argerich

EMI

1965

3‘31

4-5

A: schneller als üblich, B: heftig

Leonskaja

Teldec

1991/92

5‘01

4-5

A: langsam, B: gut – schöner Klang

Pollini

DGG

2005

3‘56

4-5

fast ohne Rubati, es geht also auch

Horowitz

RCA

1957

4‘13

4-5

 

Rachmaninoff

Telarc

1927

5‘20

4-5

Reproduktionsklavieraufnahme, A: lk. Hd. erinnert etwas an das Regentropfen-Prelude, Rach. singt die Melodie, B: meno con fuoco; sehr viele arpeggierte Akkorde

Sofronitzki

Melodya-BMG

1960

4‘15

4-5

live, A: arpeggiert häufig

Ohlsson

EMI

1977/79

4‘06

4-5

aufmerksame linke Hand

Perahia

Sony

1994

3‘58

4-5

A: flüssig gespielt

Richter

Philips

1988

4‘29

4-5

milder als 1963

Katin

Olympia

1989

4‘11

4-5

 

Freire

Teldec

1974/76

4‘29

4-5

 


Askenase

DGG

1952

4‘55

4

A: langsam, gelassen

Kupiec

Koch/Schwann

1997

4‘37

4

 

Rubinstein

RCA

1965

4‘17

4

B: Anfang undeutlich

Pollini

EMI

1968

4‘09

4

Rubati

Novaes

VOX

~ 1955

4‘09

4

 

Harasiewicz

Philips

1963

4‘09

4

 

Godowsky

Philips

1928

3‘43

4

 

Ashkenazy

Decca

1983

4‘18

4

 

Castro

Arte Nova

1995

4‘01

4

 

Rubinstein

EMI

1937

3‘47

4

B: Anfang undeutlich

Arrau

Philips

1977/78

5‘02

4

mit (zu)viel Nachdruck

Vasary

DGG

1965

4‘59

4

A: etwas zäh und vertrödelt, B: gut guter Klang


François

EMI

1966

3‘43

3-4

A: schnell ; eher Impromptu als Nocturne

Cortot

EMI/Naxos

1951

4‘26

3-4

viele Rubati, einige Akkorde werden arpeggiert, rechte und linke Hand schlagen nicht immer gleichzeitig an (=zeitbedingt), B: harmlos

Barenboim

DGG

1981

4‘26

3-4

.....kann ich auch spielen"



Beim Hören von op. 15 Nr. 1 kommt mir fast regelmäßig der 2. Satz von Schuberts A-dur-Sonate D. 959 in den Sinn. Jeweils in der Mitte der beiden Stücke (Teil B) erleben wir einen mehr oder weniger heftigen (emotionalen) Ausbruch. Die Lösungen beider Komponisten nach dieser Aufwallung, die bei Schubert als Katastrophe empfunden werden kann, sind recht unterschiedlich. Bei Chopin gibt es keine Konsequenzen, die Musik erklingt nun wieder wie zu Beginn, der Mittelteil war nur eine Episode. Bei Schubert hat der B-Teil seine Spuren hinterlassen, die Musik klingt nun noch rätselhafter als zu Beginn: Musik hat eine Geschichte.

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Nocturne Des-Dur op. 27 Nr. 2

Lento sostenuto - 1835

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Rubinstein

RCA

1965

6‘11

5

überlegen

Sofronitzki

Melodya-BMG

1960

5‘02

5

live – Poet am Flügel

Bolet

Marston

1980

6‘25

5

live – technisch nicht auf der Höhe von Pollini, aber welche Atmosphäre!

Pires

DGG

1995

6‘27

5

 

Pollini

EMI

1968

5‘24

5

 

Pollini

DGG

2005

4‘48

5

trotz schnelleren Tempos überzeugend, wunderbares Legato-Spiel – erinnert mich an eine Barcarole

Lipatti

EMI

1947

5‘41

5

 

Katin

Olympia

1989

6‘30

5

sehr ruhig, viel Atmosphäre, etwas Hall


Rubinstein

EMI

1936

6‘12

4-5

 

Fleisher

Vanguard

2004

6‘52

4-5

strahlt viel Ruhe aus, langer Atem

Backhaus

Ermitage

1953

5‘27

4-5

live – dass Backhaus ein überzeugender Anwalt Chopins war, weiß man bereits seit seiner Etüden-Einspielung von 1928

Solomon

EMI

1942

5‘17

4-5

zart

Zitterbart

Tacet

1991/92

5‘26

4-5

dynamische Schattierungen!

El Bacha

Forlane

1999

5‘28

4-5

 

Kissin

RCA

1993

5‘50

4-5

live – Konzertsaal-Atmosphäre

Kupiec

Koch/Schwann

1997

5‘30

4-5

kann trotz schnelleren Tempos für sich einnehmen

Cziffra

Philips

P 1963

5‘33

4-5

 

Weissenberg

aura

1969

5‘58

4-5

live – für den Konzertsaal, mit Aplomb


Lang Lang

DGG

2003

6‘06

4

live - detailverliebt

Lugansky

Teldec

2001

6‘07

4

ruhig, keineswegs auftrumpfend

François

EMI

1966

5‘29

4

kleine Ballade

Zacharias

EMI

1975

5‘26

4

SWF-Aufnahme

Mautner

Sony

1995

6‘06

4

anfangs etwas vorsichtig

Godowsky

Philips

1928

5‘22

4

zieht bei bewegteren Stellen das Tempo an, verfügt hier nicht über die Delikatesse von Rubinstein oder Pires

Engerer

HMF

1992/93

5‘45

4

etwas zu gradlinig

Leonskaja

Teldec

1991/92

5‘58

4

etwas zu gradlinig

Novaes

VOX

~ 1955

5‘16

4

 

Horszowski

BBCL

1983

5‘45

4

live

Ashkenazy

Decca

1983

6‘42

4

Salonstück, etwas zurückhaltend

Arrau

Philips

1977/78

6‘14

4

etwas zu gewichtig

Askenase

DGG

1952

4‘51

4

etwas Routine im Spiel?

Barenboim

DGG

1981

6‘25

4

 

Castro

Arte Nova

1995

5‘26

4

 

Harasiewicz

Philips

1963

5‘08

4

Routine im Spiel


Buchbinder

EMI

1986

6‘49

3-4

etwas mehr dynamische Differenzierung hätte gut getan, con anima und dolicissimo unterbelichtet, keineswegs jedoch con forza

Freire

Teldec

1974/76

5‘50

3-4

unruhige Bassbegleitung vor allem in Abschnitt I und II

Ohlsson

EMI

1979

4‘47

3-4

erst in Abschnitt III ein Nocturne , zu schnell

Vasary

DGG

1965

5‘56

3-4

schöner langsamer Beginn, ab T. 14 viel schneller, bei kürzeren Notenwerten beschleunigt Vasary zusätzlich und wird dann hektisch

 



Nocturne As-Dur op. 32 Nr. 2

Lento - 1837

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Sokolov

NDR

1999

5‘48

5

live Helmstedt,unveröffentlicht - im Erzählton, setzt Chopins Vorgaben bestens um

Pires

DGG

1996

4‘39

5

jeder Abschnitt etwas schneller


Rubinstein

RCA

1965

5‘45

4-5

poetische Darstellung, A‘: appassionato nicht getroffen

Barenboim

DGG

1981

5‘32

4-5

Barenboim macht deutlich, dass die ersten beiden Takte für sich stehen. Alles ziemlich gut getroffen

Engerer

HMF

1992/93

5‘22

4-5

appassionato bereits in B

El Bacha

Forlane

1999

4‘48

4-5

A und A‘ flüssig, B richtiges Tempo

Askenase

DGG

1952

5‘07

4-5

B etwas zu schnell

Ashkenazy

Decca

1982

5‘40

4-5

nimmt sich Zeit, nachdenklich


Kissin

RCA

1993

5‘37

4

live – noch nicht ganz freigespielt

Ohlsson

EMI

1978/79

4‘39

4

B zu früh laut, A‘ wenig appassionato

Katin

Olympia

1989

5‘14

4

B anfangs schon zu laut, A‘ kein appassionato, wenig Profil

Kupiec

Koch/Schwann

1996

4‘12

4

B molto agitato! laut

Pollini

DGG

2005

4‘32

4

Takte 1 u. 2 eher beiläufig, A flüssig, B schon am Anfang nicht mehr piano, A’ appassionato nicht überzeugend, da vorher schon zu laut

Harasiewicz

Philips

1963

4‘45

4

 

Arrau

Philips

1978

5‘13

4

B bereits anfangs etwas zu laut, etwas schwerfällig. Arrau hält zwischen B und A‘ etwas inne und lässt so das appassionato wirkungsvoll eintreten!

Novaes

VOX

~ 1955

4‘42

4

B passionato

Rubinstein

EMI

1937

4‘47

4

A schön gesungen, aber zu schnell, B zu laut, leidenschaftlich A’ appassionato=laut


Vasary

DGG

1965

4‘12

3-4

A linke Hd. etwas zu laut, B zu laut, aber sehr leidenschaftlich, dass setzt sich in A‘ fort

Leonskaja

Teldec

1991/92

6‘37

3-4

alles schön, jedoch wenig abwechslungsreich, eindimensional

François

EMI

1966

4‘51

3-4

A linke Hd. inegale Begleitung, B gleich schon mf, alles etwas schwerfällig, zu gewichtig, A‘ ff soll appassionato vortäuschen

Castro

Arte Nova

1995

4‘32

3-4

insgesamt etwas neutral



Chopins As-dur Nochturne op. 32 Nr. 2 ist, wie die meisten, dreiteilig angelegt, wobei der dritte Teil ziemlich dem ersten (A) entspricht, den dritten nenne ich A‘, zwischen diesen beiden liegt ein etwas bewegterer Mittelteil (B). Teil A trägt die Überschrift Lento, Klavierspieler zerbrechen sich den Kopf, ob dieses Lento für den kompletten 1.Teil gilt oder nur für die beiden ersten Takte. Chopin schließt das Werk mit eben denselben beiden Takten, nun im pp , schreibt aber extra nochmals Lento darüber, eigentlich müsste dieser 3. Teil doch auch Lento gespielt werden müssen. Oder meint Chopin mit Lento nur diese beiden Takte? Die Mehrheit der Interpreten spielt in diesem Sinne, d. h. langsamer Anfang, dann bewegt weiter. Über den Teil B hat Chopin die Tempoangabe piu agitato gesetzt, also etwa: mehr angetrieben oder forciert; aus dem 4/4-Takt wird nun ein 12/8-Takt, die Viertelnoten werden zu Achtel-Triolen, ein Beispiel für eine auskomponierte Beschleunigung. Zwei Drittel des B-Teils sollen im leisen Tempo gespielt werden, dann nach einem crescendo erst ff. Viele Interpreten spielen diesen Teil zu schnell und schon am Beginn zu laut. Dann stehen sie am Anfang des 3. Teils A‘ vor dem Problem: wie schaffe ich eine überzeugende Lösung für diesen Teil, den der Komponist appassionato im ff gespielt haben möchte? Das appassionato (leidenschaftlich) und das ff ereignete sich bei ihnen bereits am Ende von Abschnitt B! Die Realisierung von Chopins Notentext will genau überlegt sein.

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Nocturne c-Moll op. 48 Nr. 1

Lento - 1841

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Sokolov

NDR

1999

6‘05

5

live Helmstedt, unveröffentlicht – Sokolov erzählt

Sofronitzki

Brilliant

1949

5‘50

5

live

Gilels

Brilliant

1949

5‘37

5

live

Ohlsson

EMI

1978/79

5‘44

5

kerniger Klavierton

Pletnjew

Virgin

1988

6‘16

5

 

El Bacha

Forlane

1999

6‘19

5

 


Castro

Arte Nova

1997

5‘47

4-5

 

Pollini

DGG

2005

5‘06

4-5

 

Ashkenazy

Decca

1979

6‘20

4-5

 

Lugansky

Erato

2001

6‘32

4-5

 

Hewitt

hyperion

2004

6‘53

4-5

Teil C: viele Rubati, mehr kontrolliert als erlebt, schöner Klavierklang

Foldes

DGG

P 1958

5‘50

4-5

 

Pires

DGG

1996

6‘41

4-5

Pires gelingt es, den Erzählton von A in Teil C wieder aufzugreifen

Kupiec

Koch/Schwann

1997

6‘03

4-5

 


Engerer

HMF

1993

5‘57

4

 

Katin

Olympia

1989

5‘56

4

 

Rubinstein

RCA

1965

5‘50

4

 

Rubinstein

EMI

1937

4‘37

4

 

Harasiewicz

Philips

1963

5‘23

4

eine Ballade ?

Mautner

Sony

1995

6‘19

4

 


Barenboim

DGG

1981

6‘13

3-4

eher schön als wahrhaftig

Vasary

DGG

1965

5‘28

3-4

 

Leonskaja

Teldec

1991/92

6‘39

3-4

Tempi nivelliert

Askenase

DGG

1954

5‘36

3-4

 

Noveas

VOX

~ 1955

5‘33

3-4

Tempi nivelliert

Arrau

Philips

1978

6‘18

3-4

 

François

EMI

1966

6‘29

3-4

 

Weissenberg

aura

1969

5‘43

3-4

live – etwas topfiger Klang


Ney

Colosseum

1961

6‘20

2-3

Teil C gefingert, Elly Ney stand nicht mehr über dem Werk



Das Nocturne c-Moll op. 48 Nr. 1 ist zwar ein beim Publikum und Interpreten beliebtes Werk, aber nicht leicht zu gestalten. Für einige Klavierspieler scheint der Notentext nicht leicht zu entschlüsseln zu sein, wie sich beim vergleichenden Hören herausstellt. Mehrere Parameter müssen zu einem Ganzen zusammengefügt werden: das Tempo, die Lautstärke, die Artikulation sowie der Charakter der 3 Abschnitte, also die Vorstellung des Interpreten, wie es klingen soll.

Den drei Abschnitten hat Chopin jeweils ein anderes Tempo zugewiesen, Abschnitt A steht überschrieben lento, also langsam. Die linke Hand gibt mit ihren Akkorden aus Viertelnoten das Tempo vor und begleitet lakonisch die rechte Hand, die eine, zugegeben nicht besonders eingängige, Melodie vorträgt. Dieser Teil beginnt und schließt in c-Moll. Es ist nicht Beethovens c-Moll, nicht kämpferisch, schicksalsbeladen, sondern eher melancholischer Art. Abschnitt B trägt die Tempobezeichnung Poco piu lento, also noch etwas langsamer, auch wechselt Chopin nun nach C-Dur, es wird ein feierlicher Choral mit teilweise arpeggierten Akkorden intoniert, in dem die Grundtonart C-Dur, anders als im Teil A, immer wieder bestätigt wird. In Takt 39 ist die Ruhe jedoch vorbei, wenn chromatische Sechzehntel-Triolenketten unisono in beiden Händen dem Abschnitt eine ganz andere Wendung geben. Dem schließt sich in Takt 49 Teil C an, überschrieben mit Doppio movimento, also im doppelt schnellen Tempo. Chopin gibt noch einen zusätzlichen Hinweis zum Charakter des Abschnitts: agitato – vorwärtstreibend. Bei genauerem Hinschauen/-hören fällt auf, dass dieser letzte Abschnitt eine Variante des ersten darstellt. Zur Oberstimme gesellt sich nun eine unruhige, aufwühlende Begleitung meist in Achtel-Triolen. Beide Abschnitte sind jeweils 24 Takte lang, in Teil C schließt sich noch eine Coda an, die im pp endet (wieder c-Moll).

Was machen nun die Interpreten mit diesem in sich so gegensätzlichen Stück, Nocturne überschrieben?

Zunächst fällt bei fast allen deutlich auf, dass die Tempi in den beiden ersten Abschnitten wider Chopins Absicht, identisch sind. Lediglich Ashkenazy, Ohlsson und El Bacha spielen etwas langsamer; andere, wie François, Leonskaja und Pires, beginnen langsamer, ziehen danach jedoch das Tempo wieder an. G.Novaes nimmt den B-Teil sogar noch etwas schneller.

Vielen Pianisten fällt es schwer, den Charakter von Teil A zu treffen, die Musik schreitet voran, aber es passiert nichts, nur wenige können eine überzeugende Lösung anbieten, allen voran Sokolov, der eine Geschichte zu erzählen scheint, auch Pires und Kupiec, können dies, nur nicht so ausdrucksvoll. V. Sofronitzki spielt hier molto espressivo, Gilels kommt ihm nahe, während Pletnjew und Angela Hewitt sehr lastend vorankommen.

Die letzten beiden Takte vor Abschnitt B gestaltet Sokolov meisterhaft: in T. 23 die entschlossene Bekräftigung des Abschlusses von Abschnitt A in c-Moll, danach die sanfte Verwandlung in die C-Dur-Welt, alles auf kleinstem Raum. Dem Spiel vieler Interpreten hört man nicht an, dass da eine Tür aufgetan wird, die in eine andere Welt führt. Lediglich bei Rubinstein-RCA, Foldes, François, Pollini, Ohlsson, El Bacha und Kupiec ist der Stimmungswechsel erfahrbar. Wenig ausdrucksvoll klingt diese Stelle bei Weissenberg. Ziemlich bald verdrängen die erwähnten chromatischen 16tel-Triolen-Ketten die feierliche Stimmung und sorgen für Unruhe. Die ersten fünf sollen leise beginnen und lauter werden, erst danach schreibt Chopin ein molto crescendo vor. Diese Anweisung befolgen richtig Gilels, Harasiewicz, Sokolov, Ohlsson, Lugansky und Sophie Mautner. Alexis Weissenberg zieht das Tempo hier an, das klingt dann sehr virtuos gedonnert, aber entspricht es noch Chopins Absicht?

Nach dieser Stelle und dem ff-Schluss des B-Teils kann Chopin nicht (wie im F-Dur-Nocturne op. 15 Nr. 1) einfach den A-Abschnitt wiederholen, sondern gibt der Melodie von A eine andere , eine vier- bis fünfstimmige schnelle, meist akkordische Begleitung in Achtel-Triolen, bei. Alles soll in schnellem Tempo, agitato, gespielt werden, ohne die Melodie zu vernachlässigen, was nicht selten missrät. Die Pianisten bewältigen dieses Problem auf unterschiedliche Weise: einige ignorieren Chopins Tempovorschriften und spielen nur unmerklich schneller, damit kommt die Oberstimme zu ihrem Recht, alles klingt geordnet, aber wenig aufregend, z. B. bei Arrau, François, Barenboim und Leonskaja. Nur mehr oder weniger schnell spielen den C-Teil Rubinstein, Askenase, Harasiewicz, Pollini, Novaes, Katin, Ashkenazy, Pires, Pletnjew, Engerer, Castro und Sokolov, letzterer überzeugt aber sehr. Andere Pianisten halten sich an Chopins Tempovorstellung, es gelingt ihnen jedoch nicht, Oberstimme und Begleitung den richtigen Stellenwert zuzuweisen: Vasary und Mautner.

Tempo und Charakter überzeugend in Einklang zu bringen gelingt nur wenigen: Sofronitzki, Gilels, Ohlsson, Kupiec, Hewitt (aber nicht überschwänglich, mehr kontrolliert als erlebt) und Weissenberg (Temporelationen zwischen Teil A und B stimmen jedoch nicht).

eingestellt am 12.10.08

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