Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Beethoven

Fantasie für Klavier, Orchester und Chor c-Moll op. 80

Chorfantasie“

Neubearbeitung und Ergänzung 2013


Beethovens Chorfantasie zählt zu den ganz wenigen Werken sinfonisch-konzertanter Musik aus der Epoche der Klassik, in denen der Solist fast das ganze Stück hindurch die führende Kraft ist, nicht der Dirigent, der eher Koordinationsaufgaben übernimmt. Die einleitende Klavierfantasie sollte nicht referiert, ohne Stellungnahme des Pianisten gespielt werden, sondern etwas von Beethovens Feuer spüren lassen. Die entscheidenden Impulse gehen immer vom Klavier aus. Dessen Führungsrolle wird von etlichen Interpreten jedoch nicht wahrgenommen, entsprechend spannungsarm wird dann musiziert, man reiht Abschnitt an Abschnitt, ohne die Totale zu treffen.

Beethovens op.80 gliedert sich im Groben in drei Teile. Am Anfang steht die 26 Takte lange Fantasie des Soloklaviers, sie entstand erst bei der Drucklegung. Bei der Uraufführung improvisierte der Komponist am Flügel. Danach folgt ein langer konzertierender Abschnitt von Klavier und Orchester. Er beginnt mit einer Überleitung, die vor Eintritt des Chores noch einmal zitiert wird. Ab T. 60 intoniert das Klavier das spätere Chorthema, begleitet von zwei Hörnern. Diese spielen meist so leise, dass man sie kaum hört. Präsent und im richtigen klanglichen Verhältnis zum Flügel sind sie lediglich bei Klemperer, Norrington, Sanderling, Gamba und Weil zu hören. Nach dem Thema schließen sich drei figurative Variationen von Holzbläsern an, vom Klavier akkompagniert. Zinmans Solisten bringen jeweils auf der Fermate eine Verziehrung. Die folgende 5. Variation spielt das Streichorchester allein, anfangs solistisch als Quartett. Darauf erscheint das Thema wie triumphierend im vollen Orchester. Weiter geht es mit einem längeren Abschnitt, dessen musikalische Substanz teilweise auf Motiven des Themas beruht und sich ab T. 250 dramatisch aufbäumt. Diese Stelle erinnert mich an die etwa zu selben Zeit entstandene Egmont-Ouvertüre. Hörner, Oboen und Klavier bereiten ab T. 299 den Auftritt des Chores vor, womit der letzte Teil erreicht ist. Bronfman fügt T.423 auf der Fermate eine Verziehrung ein, wie die Orchestersolisten bereits vorher. Eine Textstelle in der 1. Strophe lautet „… die ewig blühn.“ Der Buchstabe g in ewig muss, da er am Wortausgang steht, wie ein ch* gesungen werden, das wissen kompetente Chordirektoren deutscher Zunge, einige leider jedoch nicht, ausländischen sei der Fehler verziehen. Richtig hört man es bei Klemperer, Böhm, Rivoli, Lehmann, Leitner, Chailly, Parrott, Harnoncourt, Barenboim, Simon und Weil.


* “Heilich, heilich, heilich…“ aus Schuberts Deutscher Messe, nichtHeilig, heilig, heilig, oder: Heilichkeit, nicht Heiligkeit!


Der ein wenig „schillernde“ Text von Chr. Kuffner passte nicht so recht in das ideologische Weltbild der Kulturwächter hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang. Johannes R. Becher verfasste auf Wunsch?, oder Weisung? von höherer Stelle oder auch aus eigenem Triebe einen neuen Text, der im folgenden abgedruckt ist. In den Aufnahmen, die in der ehemaligen DDR entstanden sind, fand er Verwendung.


Neue Textgestaltung von Johannes R. Becher:

Seid gegrüßt, lasst euch empfangen

von des Friedens Melodien!

Unser Herz ist noch voll Bangen,

Wolken dicht am Himmel ziehn.

Aber seine Lieder tönen,

und der Jugend Tanz und Spiel

zeugt vom Wahren und vom Schönen,

ordnet sich zu hohem Ziel.

Wo sich Völker frei entfalten

und des Friedens Stimme spricht,

muss sich Herrliches gestalten,

Nacht und Träume werden Licht,

Leben wird zu Lust und Wonne,

wird zu aller Wohlergehn,

und der Künste Frühlingssonne

lässt die Welt uns neu erstehn.

Großes, das uns je gelungen,

blüht im neuen Glanz empor.

Friede, Friede ist errungen“,

jubelt laut der Menschheit Chor.

Nehmt denn hin, ihr lieben Freunde,

froh die Gaben schöner Kunst.

Wenn sich Geist und Kraft vereinen,

winkt uns ewgen Friedens Gunst.


Serkin, Rudolf

Bernstein

Westminster-Choir

New York Philharmonic Orchestra

CBS Sony

1962

18‘18

5


Richter-Haaser

Böhm

Solisten und Chor der Wiener Staatsoper

Wiener Symphoniker

Philips forgotten records

1956

17‘49

5

stimmige Darstellung mit Kontur, Klavierfantasie!!, bewegter Variationsteil, in Tutti-Partien mit Chor und Orchester kompakter Klang


Richter

Sanderling

Staatl. Russischer Akademischer Chor Großes Rundfunk-Sinfonie-Orchester der UdSSR

Melodya BMG

P 1952

19‘12

4-5

expressives Klavierspiel, aufmerksames Miteinander, für die angegebene Aufnahmezeit recht präsenter Klang, russisch gesungen, rauer Chorklang mit Intonationsmängeln

Kissin

Abbado

RIAS Kammerchor

Berliner Philharmoniker

DGG

1991

18‘28

4-5

live – bis ins Letzte ausgezirkelt, darunter leidet etwas die Spontanität; im Gegensatz zu Serkin, der immer frei spielt, hat man bei Kissin den Eindruck des immer kontrollierten Spiels

Serkin, Rudolf

Serkin, Peter

Marboro Festival Orchester und Chor

Sony

1981

19’42

4-5

live

Serkin, Rudolf

Kubelik

Chor und Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1977

18‘25

4-5

live

Pressler

Masur

Rundfunkchor Leipzig

Gewandhausorchester Leipzig

Philips

1993

17‘52

4-5

sehr gutes Miteinander, insgesamt poetische wie auch virtuose (Klavier) Darstellung, überzeugende Chorleistung

Larrocha

Chailly

RIAS Kammerchor Radio Sinfonie-Orchester Berlin

Decca

1983

20‘45

4-5

gute Interpretation, leuchtender Klavierton, Tempo des Chorteils ein wenig bedächtig, schöner, transparenter Klang

Kraus, Lili

Rivoli

Chor und Philharmonisches Orchester Amsterdam

Concert Hall Scribendum Pianoforte

~ 1960

20‘10

4-5

kraftvoll gespielte Fantasie, silbriger Klavierton, aufmerksames Miteinander, helles, transparentes Klangbild, Chorsolisten zu Beginn etwas betulich

Katchen

Gamba

London Symphony Chorus and Orchestra

Decca

1965

19’02

4-5

Großer Auftritt” zu Beginn, expressives Klavierspiel, hell klingende Hörner (in C?), skandierende Chorsolisten, im ff-Tutti Chor zu kompakt, wenig idiomatisch

Foldes

Lehmann

RIAS Kammerchor Berliner Mottentenchor

Berliner Philharmoniker

DGG

1955

19‘07

4-5

partnerschaftliches Miteinander, vorzügliche Chorleistung, Klang zeitentsprechend mit mäßiger Transparenz

Panenka

Smetacek

Prager Rundfunkchor

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1971

19‘05

4-5

sympathische Interpretation, Klavierfantasie schneller als üblich, stimmungsvoller Variationsteil

Rösel

Kegel

Rundfunkchor Leipzig

Dresdner Philharmonie

Capriccio

1985

17‘58

4-5

sehr gutes Miteinander, hervorragende Chorleistung


Serkin, Rudolf

Ozawa

Tanglewood Festival Chorus

Boston Symphony Orchestra

Telarc

1982

19’56

4


Kootz

Konwitschny

Rundfunkchor Leipzig

Gewandhausorchester Leipzig

Eterna Berlin Classics

~ 1960

17‘45

4

erfrischende Interpretation, gutes Miteinander, zügige Variationen, sehr gute Chorleistung

Grimaud

Salonen

Chor und Sinfonie-Orchester des Schwedischen Rundfunks

DGG

2003

18‘57

4

Klavierfantasie in Abschnitten nicht unter einem großen Bogen musiziert, beim Einsatz der Soloflöte T. 76 Tempo abgebremst, Pizzicati T. 366-387?; trotz der Einwände gute Orchesterleistung, Chor klingt idiomatischer als die Chorsolisten zu Beginn

Brautigam

Parrott

Schwedischer Rundfunkchor und Rundfunk-Sinfonie-Orchester

BIS

2009

17‘23

4

alles sehr sachlich, korrekt, erfreulich frische Tempi, sehr gute Chorleistung

Curzon

Haitink

London Philharmonic Choiur and Orchestra

BBCL

1970

19’30

4

live – expressives Klavierspiel, Haitink aufmerksamer als bei Brendel, Aufnahme leicht verzerrt!!, Chor ohne Solisten, pauschal vorgetragen

Pollini

Abbado

Wiener Staatsopernchor Wiener Philharmoniker

DGG

1986

18‘10

4

perfekt, jedoch steril, unterkühlt

Dorfman

Toscanini

Westminster Choir

NBC Symphony Orchestra

Nuova Era u. a.

1939

15’56

4

live – Klavierspiel an einigen Stellen etwas spieldosenhaft, schnelles Grundtempo, Variationen im Geschwindmarsch, Orchester scharf gezeichnet, Vortrag insgesamt etwas zu starr, Chor wenig idiomatisch

Klien

Semkow

St. Louis Symphony Chorus and Orchestra

Vox

P 1979

19’48

4

bedächtiger Beginn, solide Leistung, Inspiration hält sich in Grenzen, Orchester im Tutti kompakt, akzeptabler Chor

Barenboim

Klemperer

John Alldis Choir

New Philharmonia Orchestra

EMI

1968

20’57

4

Klavierfantasie teilweise wuchtig, aber auch statisch, Barenboim an Klemperers Zügel, moderate Tempi, besonders im Chorfinale, dort kompaktes Klangbild


Ax

Mehta

New York Choral Artists

New York Philharmonic Orchestra

RCA

1983

19’28

3-4

live – nachdenklicher Beginn, viel zurückhaltender als Serkin, zu entspanntes Musizieren, fast schon lasch, z. B. fallen die Pizzicati der Streicher T. 366-387 als Kontrapunkt ganz unter den Tisch, akzeptabler Chor

Brendel

Haitink

London Philharmonic Choir and Orchestra

Philips

1977

20’24

3-4

zögerlicher Beginn, ohne Feuer, akademisch, wenig Spannung

Barenboim


Chor der Staatsoper Berlin

Berliner Philharmoniker

EMI

1995

19‘23

3-4

live – B. geht etwas ratlos mit der einleitenden Fantasie um, Orchester bleibt meist in der Begleiter-Rolle, Streicher-Begl. T. 295 ff anfangs total unterbeleuchtet, bei der 1. Strophe des Chorteils (Solisten) B. viel zu leise, kommentiert nicht, ebenso T. 474 ff und T. 530 ff

Demus

Leitner

Wiener Singverein

Wiener Symphoniker

DGG

P 1970

18‘54

3-4

hölzernes Klavierspiel, solide Chor- und Orchesterleistung, zwischen T. 13 und 14 minimale unmotivierte Verzögerung


Brendel

Boettcher

Stuttgarter Lehrergesangverein

Stuttgarter Philharmoniker

Vox Brilliant

1966

20‘24

3

die Musik tritt auf weiten Strecken auf der Stelle, zu vorsichtig, zu lange Pause vor dem Einsatz der Bässe T. 27, Orchester im Tutti etwas bemüht


Interpretationen in historischer Aufführungspraxis mit herkömmlichen Instrumenten:


Bronfman

Zinman

Schweizer Kammerchor

Tonhalle Orchester Zürich

Arte Nova

2005

18‘59

4-5

gelungene Interpretation, Musik hätte noch etwas mehr Zeit zum Atmen gebraucht, in den Var. 1-4 auf der jeweiligen Fermate Auszierungen, Männer-Solisten im Chor wenig locker

Aimard

Harnoncourt

Arnold Schönberg Chor

Chamber Orchestra of Europe

Warner

2003

19’19

4-5

Flötenvariationen T. 76-92 zu sehr buchstabiert, deutliche Begleitung der Bratschen und des Solo-Cellos T. 295-307, ebenso die Pizzicati T. 366-387, Chorsolisten bremsen Tempo, wenig schlank geführt


Interpretationen in historischer Aufführungspraxis mit Originalinstrumenten:


Levin

Gardiner

Monteverdi Choir

Orchestre Revolutionnaire et Romantique

DGA

1995

17’55

5

ausdrucksvolles Klavierspiel, stellenweise mit Auszierungen, sehr gutes Miteinander, lebendiges Musizieren, schlank geführter Chor

Tan

Norrington

Schütz Choir

London Classical Players

Virgin EMI

1989

17’39

5

sehr gute Interpretation, aufmerksame Partnerschaft, unmotivierte Verzögerung von T. 18 zu T. 19


Komen

Weil

Kölner Kantorei

Capella Coloniensis

DHM/BMG

2000

18‘11

4-5

begrenzte Klangentfaltung des Hammerflügels, lebendiges Miteinander, Blick auf Details, ausgeglichenes Klangbild


Newman

Simon

Chor und Orchester Philomusica Antiqua London

Newport Classic

P 1987

17’12

3-4

insgesamt frisches Musizieren, früher, hell klingender Hammerflügel, schneller Einstieg, warum T. 53-60 langsamer als das folgende Thema?, Thema gestelzt, auch T. 185-188, 193-194 und 196-198, T. 307-315 klingt seelenlos mechanisch, ebenso T. 365-387


Hinweise zu Interpreten und Interpretationen:


Rudolf Serkin

Der bekannte Beethoven-Spieler Rudolf Serkin wird die Chorfantasie geschätzt haben, er nahm sie zweimal im Studio auf, daneben existieren noch zwei Konzertmitschnitte aus Marlboro und München. Sein Klavierton ist, wenn gefordert, kraftvoll, immer hell, in den Höhen fast silbrig. Serkin beherrscht die durch die Alte-Musik-Bewegung wieder ins Bewusstsein der Interpreten gerückte Klangrede, die ich bei Harnoncourts Pianisten Aimard vermisse. Auch aufgrund seines musikalischen Temperaments hat man bei Serkin den Eindruck, der Komponist sitze selbst am Flügel. Noch die späte Aufnahme von 1981* vom Marlboro-Festival mit dem 78-jährigen Serkin, die nicht als Plattenproduktion gedacht war, ist zwar nicht so perfekt wie andere Aufnahmen, enthält jedoch mehr Beethoven und ist jenen vorzuziehen, die nur gut einstudiert und fast tadellos realisiert sind, aber nicht den Nerv der Musik treffen, wie z. B. die vor ein paar Jahren erschienene CD mit Grimaud und Salonen, die mir zu neutral ist. In seiner letzten Aufnahme mit Ozawa spielt Serkin jedoch nicht mehr so expressiv wie früher. Als Hörer hat man den Eindruck, Ozawa spiele hinter Serkin her, die Aufnahme ist detailgenau, jedoch auch etwas neutral und betulich (Einsatz der Streicher T. 124).

*Unter Leitung von Serkins Sohn Peter spielten im Orchester namhafte Lehrer und Solisten mit, wie Isidore Cohen, Felix Galamir, Julius Levine, David Soyer und Georg Faust.


eingestellt 2004

zuletzt bearbeitet am 02. 12. 13




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