Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Dvorak home

Cellokonzert h-Moll op. 104



Fournier

Berliner Philharmoniker Szell

DGG

1961

38‘22

5

Fournier erzählt op. 104

Fournier

Kölner Rundfunk Sinfonie-Orchester Szell

medici arts

1962

35‘51

5

 

Navarra

National Symphony Orchestra Rudolf Schwarz

Testament

1954

37‘07

5

 

Queyras

Prague Philharmonia Belohlavec

HMF

2004

39‘58

5

 

 

Fournier

Philharmonia Orchestra Kubelik

EMI Testament

1948

37‘48

4-5

 

Feuermann

National Orchestral Assoziation Barzin

Philips

1940

35‘20

4-5

live – Cello stellenweise molto espressivo

Mainardi

Berliner Philharmoniker Lehmann

DGG forgotten records

1955

40‘01

4-5

Mainardi saugt die Töne aus seinem Cello

Fournier

RSO der italieninischen Schweiz Scherchen

Ermitage

1962

37‘53

4-5

live

Rostropovitch

Tschechische Philharmonie Talich

Supraphon

1952

39‘10

4-5

 

Perényi

Budapest Festival Orchestra Ivan Fischer

Hungaroton

1987

37‘23

4-5

feurig, Solist und Dirigent auf einer Wellenlänge

Sàdlo

Tschechische Philharmonie Neumann

Supraphon

1976

38‘56

4-5

harmonisch

Hoelscher

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg Keilberth

Telefunken

1958

37‘19

4-5

Orchester etwas flächig, zurückgesetzt

Maisky

Berliner Philharmoniker Mehta

DGG

2002

36‘48

4-5

live

Schiff, Heinrich

Concertgebouw Orchester Davis

Philips

1980

38‘20

4-5

 

Schiff, Heinrich

Wiener Philharmoniker Previn

Philips

1992

37‘23

4-5

 

Gutman

Philadelphia Orchestra Sawallisch

EMI

1991

39‘09

4-5

überzeugend, sehr konzentriert, schlanker Celloton, 3. Satz fällt etwas ab

Nelsova

London Symphony Orchestra Krips

Decca

1951

40‘59

4-5

 

Mørk

Oslo Philharmonic Orchestra Jansons

Virgin

1992

39‘14

4-5

feuriges Cello

Feuermann

Staatskapelle Berlin Taube

Parlaphon Naxos

1928/29

33‘16

4-5

Feuermann treibt an, 2. Satz nicht so expressiv wie 1940

Janigro

Kölner Rundfunk-Sinfonie- Orchester E. Kleiber

Archipel

1955

37‘16

4-5

live – etwas knallige Tutti, Kleiber achtet auf das Tempo

 

Piatigorsky

Philadelphia Orchestra Ormandy

RCA History

1946

36‘26

4

für damalige Zeit gutes Klangbild

Harrell

Philharmonia Orchestra Ashkenazy

Decca

1982

42‘02

4

differenzierter als bei Levine

Helmerson

Gothenburg Symphony Orchestra N. Järvi

BIS

1983

38‘58

4

geschlossen, klassisch, 2. Satz etwas zu schnell

Wispelwey

Budapest Festival Orchestra Ivàn Fischer

Channel Classics

2006

39‘48

4

Cello bei p-Stellen zu leise, entfernt sich für Augenblicke aus dem musikalischen Zusammenhang, diszipliniertes Orchester! I nicht genügend intensiv, III Tempo manchmal zu sehr zurückgenommen, schadet der der Stringenz der Musik

Starker

London Symphony Orchestra Dorati

Mercury

1962

37‘54

4

Orchester im Tutti etwas kurz angebunden, spitz, nicht so gut durchhörbar, metallische Hörner

Fournier

BBC Symphony Orchestra Davis

BBCL

1973

37‘53

4

live

Rostropovitch

Berliner Philharmoniker Karajan

DGG

1968

41‘14

4

 

Fournier

Sinfonie-Orchester des NDR Schmidt-Isserstedt

Tahra

1956

37‘32

4

 

Ma

New York Philharmonic Orchestra Masur

Sony

1995

40‘29

4

 

Ma

Berliner Philharmoniker Maazel

Sony

1986

42‘15

4

Yo-Yo Ma spielt etwas scheu, befangen, als fühle er sich nicht recht wohl in der Rolle des Solisten

Vogler

New York Philharmonic Robertson

Sony

2004

38‘49

4

Initiative geht vom Solisten aus, Orchester etwas blass

Casals

Tschechische Philharmonie Szell

EMI

1937

35‘11

4

Orchester sehr im Hintergrund, schlanker Celloton, keine richtige Atmosphäre

Piatigorsky

Boston Symphony Orchestra Münch

RCA

1960

41‘58

4

oft romantisch schwelgend, viele Rubati, Cello stellenweise etwas angestrengt

May

Tschechische Philharmonie Neumann

Supraphon

1983

39‘09

4

Solistin engagiert bei der Sache, heller Celloton, Orchester spielt stellenweise nur Pflichtprogramm

Rose

Philadelphia Orchestra Ormandy

CBS

P 1966

38‘50

4

heller Celloton, Rose zieht die Töne wie Mainardi, ausladende Tutti

Gerhardt

BBC Symphony Orchestra N. Järvi



38‘45

4

leidenschaftlich, jedoch nicht gut differenziert

Harnoy

Prager Sinfonie-Orchester Mackerras

RCA

1994

38‘19

4

 

Nelsova

St. Louis Symphony Orchestra Süsskind

VOX

 

36‘49

4

 

Harrell

London Symphony Orchestra Levine

RCA

1975

41‘54

4

musikantisch, saftig, lustbetontes Musizieren

Metzger

Nürnberger Symphoniker Maga

Intercord

1972

36‘04

4

musikantisch, mit Schwung, Cello fast immer vor dem Orchester

Tortelier

London Symphony Orchestra Previn

EMI

1977

39‘12

4

insgesamt zu viele Rubati, 2. Satz, T. 61 ff Cello beiläufig statt molto passionato, Streicher nicht auf der Höhe!

Shafran

Estonia Symphony Orchestra N. Järvi

Melodya

1979

38‘27

4

ausdrucksstarkes Cello, Dirigent hält die Zügel sehr locker, Orchester im Klangbild etwas zurückgesetzt, Stimmverläufe nicht immer gut zu verfolgen, mehr Oberstimmen, Tempomodifikationen, Musik schleppt sich stellenweise dahin

 

Mainardi

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks E. Jochum

Tahra

1950

42‘19

3-4

live – Klangbild insgesamt zu pauschal, wenig gestaffelt, in lauten Tutti-Abschnitten übersteuert, I Jochum gibt Raum für die langsamen lyrischen Abschnitte, teilweise behäbig, III Anfang lahm und verwackelt, etwas langsames Grundtempo, kein Vergleich mit der hervorragenden Studioproduktion unter Fritz Lehmann

Schiefen

Orquesta Filarmonica Gran Canaria Leaper

Arte Nova

1995

40‘00

3-4

Orchester etwas pauschal, Holzbläser eher als Block, viele Stellen von der Gestaltung unbewältigt

Maisky

Israel Philharmonic Orchestra Bernstein

DGG

1988

43‘29

3-4

 

Kliegel

Royal Philharmonic Orchestra Halàsz

Naxos

1991

42‘13

3-4

Tempowechselbäder, insgesamt zu langsam und mit geringer Spannung

Navarra

Rundfunk Sinfonie-Orchester Prag Stupka

Multisonic

P 1951

35‘09

3-4

live – Navarra stellenweise sehr feurig, jedoch zu sehr im Vordergrund, uneinheitlicher Aufnahmepegel

Rostropovitch

London Philharmonic Orchestra Giulini

EMI

1977

42‘42

3-4

 

Machula

Berliner Philharmonike Celibidache

M&A

1945

38‘45

3-4

live – heller, näselnder Celloklang, Temposchwankungen, Konzertdokument der unmittelbaren Nachkriegszeit

du Pré

Chicago Symphony Orchestra Barenboim

EMI

1970

42‘02

3-4

 

Gastinel

Orchestre National de Lyon Krivine

naïve/Valois

1996

39‘42

3-4

man gewinnt den Eindruck, dass die Ausführenden sich nicht ganz der Musik hingäben, sich nicht recht trauten, sie spielen oft mehr nebeneinander her als miteinander, Ausdruckspotentional der Musik nur halb erfüllt. Cellistin müsste mehr zupacken.


du Pré

Radio Sinfonie-Orchester Stockholm Celibidache

DGG

1967

45‘03

3

live

Antonin Dvorak schuf sein Cellokonzert während seines Aufenthalts in New York, wo er drei Jahre lang Direktor des Konservatoriums war. Das Konzert ist aber nicht, wie die zuvor entstandene 9. Sinfonie, mit Melodien der neuen Welt durchdrungen, sondern voller Erinnerungen an seine böhmische Heimat. Er schloss das Konzert im Februar 1895 ab, änderte aber unmittelbar nach der Rückkehr in seine Heimat den Schluss des 3. Satzes ab und fügte weitere 60 Takte hinzu, unter anderem zitierte er eine Variante seines Liedes Laßt mich allein in meinen Träumen gehn (aus op. 82) T. 68-73, dieses Lied wurde von der Schwester von Dvoraks Frau (seiner ehemaligen LIebe) sehr geschätzt. Noch in New York erfuhr er von der schweren Krankheit seiner Schwägerin und verarbeitete das Lied im 2. Satz, wo es etwa die Stellung eines 2. Themas einnimmt (T. 43-74). Nach ihrem Tode erfolgte die angesprochene Erweiterung. Jan Vogler hat in seiner Aufnahme dieses Lied beigefügt, einmal gesungen von A. Kirchschlager, dann auch die Melodie vom Cello gespielt. Das Booklet nimmt außerdem Stellung zum Verhältnis Dvoraks zu seiner Schwägerin.

Bei der Aufführung des Cellokonzerts bedarf es eines Konzepts, einer genauen Vorstellung von Dvoraks kompositorischen Absichten. Solist und Dirigent/Orchester müssen an einem Strang ziehen, wenn eine überzeugende Interpretation entstehen soll, die dem Werk, nicht den Interpreten gerecht wird. Sehr zum Gelingen trägt auch die Beachtung von Dvoraks Tempovorstellungen bei. Leider liegt hier vieles im Argen: etliche Dirigenten lassen z. B. die ersten 8 Takte des 1. Satzes langsamer und verhaltener spielen, als wäre es eine Einleitung, danach geht es erst richtig los (Bernstein, Giulini, Ormandy, Kubelik). In der Partitur steht von Anfang an Allegro, kein sostenuto! Im weiteren Verlauf des Satzes bremsen Interpreten an einigen Stellen schon viel früher als vorgegeben das Tempo ab. Nach den ruhigen Abschnitten geht es dann desto flotter und/oder pompöser weiter. Die von Dvorak als „grandioso" bezeichneten Tutti-Stellen, sollten großartig klingen, müssen sie deshalb (viel) langsamer gespielt werden? Emotionale Überfrachtung scheint Vorrang vor dem Nachvollzug von Dvoraks Willen zu haben, manchen Interpreten scheint jegliches Formbewusstsein abhanden gekommen zu sein. Gerade im 2. Satz mit seinen vielen accellerando- und rallentando-Stellen muss der Dirigent das Grundtempo eisern im Griff haben, sonst werden es im besten Fall nur schöne Stellen. Der Satz muss aufblühen, nicht dahinwelken! Gerade zeitgenössische Solisten und Dirigenten geben lyrischen Stellen viel Raum=Zeit und verlieren deshalb mehr oder weniger den musikalischen Zusammenhang.

Auf etwas anderes möchte ich noch hinweisen, was mir in Dvoraks Orchestermusik im Allgemeinen, in diesem Konzert jedoch besonders wichtig erscheint: ein aufgehelltes durchsichtiges Klangbild, das den Instrumenten ihren vorgesehenen Platz zuweist. Der Stimmführung sowie der Gewichtsverteilung innerhalb vieler kammermusikalisch eingerichteter Passagen, sehr oft bei den Holzbläsern, ist liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken. Romantisch verstandener Mischklang (Karajan, Giulini) ist hier völlig fehl am Platz! Beim Anhören der vielen Aufnahmen bleibt dem Hörer nicht die Weiterentwicklung des Waldhorns verborgen: Kann es in den 30er bis hinein in die 50er Jahre seine Herkunft als Blech-Instrument nicht leugnen, verströmt es heute bei leisen cantablen Stellen (2. Thema) einen weichen, runden und obertonreichen Klang. Interessierte können diese technische Errungenschaft schnell bei Mozarts Hornkonzerten testen, legen Sie die Aufnahme mit Dennis Brain/Karajan auf und vergleichen diese mit einer späteren! Auch die Oboe hat einen Klangwandel vollzogen. In der Zeit bis nach dem 2. Weltkrieg klang sie, auch wenn man nationale Schulen außer acht lässt, sehr hell, teilweise spitz und grell, schalmeienhaft. In Wien und besonders in England findet man diese Instrumente noch bis in die 70er Jahre. Bei Beethovens Eroica stört mich dies im 2. Satz. Die heute verwendeten Oboen klingen pastoser, runder, tragfähiger und veredeln den Holzbläsersatz.

Von Rostropovitchs Einspielungen und Konzertmitschnitten liegen mir drei vor: der 25 jährige spielte seine erste Aufnahme 1952 in Prag mit dem damals berühmtesten tschechischen Dirigenten, V. Talich, ein. 1968 erfolgte dann eine Aufnahme mit H. v. Karajan für die Deutsche Grammophon, und 1977 ging er abermals ins Studio, diesmal in London mit dem Dvorak-erprobten Dirigenten C. M. Giulini. Die Aufnahme erfolgte in der damals von der EMI propagierten Quadro-Technik. In allen drei Produktionen hört man Rostropovitchs Hang zur Übertreibung: leise Partien erklingen noch leiser, langsame noch langsamer als in der Partitur vorgeschrieben. Es scheint, als wenn er mit seiner Auffassung von diesem Konzert , die vom Höreindruck her sich schon früh gefestigt hatte, bei seinen Dirigenten auf offene Ohren gestoßen sei. In allen drei Aufnahmen hören wir Stellen, die vom Orchester ähnlich, jedoch abweichend vom Notentext, gespielt werden. Dvoraks Tempovorstellungen werden mehr (Giulini) oder weniger (Talich) in Frage gestellt (vgl. 2. Satz Anfang die T. 1-8 mit 9 ff). Im Vergleich der drei Einspielung ist Talichs Interpretation sehr nahe am Notentext: genaues, rhythmisches und vorwärtsstrebendes Orchesterspiel, das trotzdem Raum lässt für klangvoll schwelgende Holzbläser und Hörner. Die einkomponierten Rubato-Stellen kommen organisch und klingen nicht übertrieben. Insgesamt hören wir weniger Sound, dafür mehr von Dvoraks Absichten.

Karajans Aufnahme ist ein Klangereignis, in kaum einer anderen Einspielung klingen die Holzbläser in vielen Passagen so abgerundet, pastos, edel, jedoch keineswegs kitschig. Direkt nach ihrem Erscheinen wurde die LP mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Leider decken in Tutti-Stellen die Violinen übertrieben breit (glanzvoll) aufspielend viele Einzelheiten der Bläser zu. Rostropovitchs Aufnahme mit Giulini enttäuscht mich auf der ganzen Linie. Gleich zu Beginn des 1. Satzes nimmt der Dirigent die ersten acht Takte so langsam, als wäre es eine Einleitung (Allegro!!), insgesamt tritt die Orchesterexposition auf der Stelle, der Satz fängt erst mit Eintritt des Solisten so richtig an. Bis dahin dauerte es rekordverdächtig 4’05 min, im Durchschnitt benötigt man weniger als 3’30 min. Auch in Verlauf des Werkes immer wieder für mich übertriebene Verlangsamungen und nachfolgende Beschleunigungen. Hier liegt kein Konzert, sondern eine böhmische Rhapsodie für Cello und Orchester vor.

Von den zwei Interpretationen mit Zara Nelsova ist die Krips-Aufnahme geschlossener, organischer, z. B. T. 158 ff bzw. T. 285 ff klingen bei Krips vorbereitet, bei der späteren Süsskind-Produktion wirken sie viel schneller und als neuer Abschnitt, der zum vorhergehenden kontrastiert.

Der französische Meistercellist Pierre Fournier hat das Cellokonzert dreimal für die Schallplatte eingespielt, daneben existieren mehrere Mitschnitte, die teilweise auf CD gepresst wurden. Hören Sie den Anfang (Exposition) des 1. Satzes bei Szell-BPh: es gibt Aufnahmen, die schöner klingen, die die langsamen Stellen mehr auskosten, die die Holzblasinstrumente geradezu vorführen, dabei bleibt aber der kompositorische Zusammenhang auf der Strecke, das Werk wird verschleppt und zerfällt in Einzelteile und verliert den Charakter des Sinfonischen. Fournier und Szell entgehen diesen Gefahren, sehr plastisch und rhythmisch betont werden die einzelnen Formteile dargeboten, man spürt die Konzeption des Werkes, vom ersten Takt an haben die Interpreten schon das Ende im Blickfeld, hier liegt die überzeugendste, weil werkgerechte Produktion vor, die auch klanglich noch befriedigt. Sofort nach ihrem Erscheinen wurde die LP zu Recht mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Kaum zu glauben, dass es bei der Aufnahme in der Berliner Jesus-Christus-Kirche nicht immer harmonisch zuging. Ein ehemaliger Solospieler, der bei der Aufnahme mitwirkte, berichtete mir vor Jahren von den Problemen Szells, seine Vorstellungen auf Karajans Orchester zu übertragen. Möglicherweise wirkte die Überwindung dieser Spannungen wie ein reinigendes Gewitter. Ein Jahr nach der Plattenaufnahme trafen sich Fournier und Szell in Köln, um mit dem Kölner Rundfunk Sinfonie-Orchester Dvoraks Konzert im großen Sendesaal des WDR aufzuführen, inzwischen veröffentlicht bei medici arts. Das in Berlin erarbeitete Konzept hat auch hier Gültigkeit, lediglich die Klangtechnik des Rundfunks konnte mit derjenigen der DGG nicht mithalten: das Klangbild ist noch flächig, nicht so gut gestaffelt, nicht so saftig. Inzwischen hat auch die lobenswert rührige französische Plattenfirma Tahra einen Mitschnitt aus dem Jahre 1956 aus Hamburg vorgelegt. Der Solist war wiederum Pierre Fournier, am Pult stand der Chefdirigent des NDR Sinfonie-Orchesters Hans Schmidt-Isserstedt. Die Interpretation ist romantischer, man lässt sich mehr Zeit, das Orchester ist nicht so straff geführt, man vermisst nun die Spannung und Konzentration Szells. Die klangliche Seite der Aufnahme ist bescheiden: der Solist agiert meist im Vordergrund, das Orchester klingt in Tutti-Passagen pauschal, wenig durchsichtig. Die Schellack-Aufnahme mit Rafael Kubelik und dem Londoner Philharmonia Orchester aus dessen Frühzeit überzeugt mich auch, kann klanglich jedoch kaum befriedigen. 1954 entstand mit demselben Gespann eine Aufnahme für Decca mit den Wiener Philharmonikern, die ich nicht kenne, auf CD ist sie meines Wissens (noch) nicht erschienen. Der live-Mitschnitt aus Lugano mit Hermann Scherchen ein Jahr nach der DGG-Produktion ist dieser ähnlich, engagiert gespielt, leider agiert das Orchester an vielen Stellen etwas im Hintergrund, ein Phänomen bei Konzert-Aufnahmen aus der Mono-Ära. Der BBC-Mitschnitt unter Leitung von Colin Davis gefällt mir entgegen der Auffassung des Booklet-Autors nicht so gut, Davis hat Anlaufschwierigkeiten, das Orchester klingt wenig transparent und Fournier spielt nicht mehr so intensiv wie früher (vgl. z. B. 2. Satz T. 12 f), im 3. Satz kann man jedoch einem schönen Dialog zwischen Klarinette und Cello lauschen (T. 302 ff). Wenn es um Dvoraks Cellokonzert geht, kommt man an der Aufnahme mit Fournier/Szell/DGG nicht vorbei, wer aber in Klangfarben schwelgen möchte, greife eher zu den neueren Aufnahmen mit Yo-Yo Ma, Jean-Guihen Queyras oder Mischa Maisky.

Fünf Jahre jünger als Fournier war André Navarra, auch er erhielt seine Ausbildung in Paris. Seine vor drei Jahren einzig greifbare CD aus Prag leidet unter einer unzulänglichen Aufnahmetechnik sowie unter einem mangelhaften Mastering. Inzwischen hat Testament die Londoner EMI-Studio Aufnahme unter dem Dirigat des in Deutschland wenig bekannten Rudolf Schwarz wieder zugänglich gemacht. Die Aufnahme gehört zu den besten überhaupt: Navarra mit großem, flexiblen Ton, hellwachem Zusammenspiel, kein Verzetteln bei lyrischen Passagen, zwingend, überzeugend, Totaleinsatz (kommt besonders dem letzten Satz zugute), im 2. Satz gelingen die T. 22-25 schön nachdenklich. Die Klangtechnik rückt den Solisten zeitbedingt etwas in den Vordergrund.

Mischa Maisky hat zwei Aufnahmen bei der DGG gemacht, beides Konzertmitschnitte. Bernstein führt uns kein Konzert sondern eine Rhapsodie vor: die (längste 4’10 min) Einleitung tritt auf der Stelle, Bernstein beschleunigt hemmungslos und tritt dann stark auf die Bremse, alles klingt aufgesetzt und emotional überfrachtet, mehr Bernstein als Dvorak! Anders die Aufnahme mit Zubin Mehta aus der Berliner Philharmonie, die dem Werk gerecht wird. Anfangs klingt das Orchester noch ein wenig kompakt, im Verlauf wirkt es dann plastischer (wurde nachreguliert?). Der zweite Satz kommt mehr dramatisch als lyrisch daher.

Jaqueline du Prés heller, flattriger und teilweise rauer Celloton ist nicht meine Sache. Beim Anhören der beiden Aufnahmen gewinnt man den Eindruck, dass du Pré ein Naturtalent war, welches sich eine ursprüngliche jugendlich erfrischende Kraft bewahren konnte, sie zählte bei den Aufnahmen 22 bzw. 25 Jahre. Für mich klingen beide Aufnahmen, was die Solistin angeht, aus grobem Holz geschnitzt. Leider verstarb Jaqueline du Pré viel zu früh, eine künstlerische Fortentwicklung und Reife blieb ihr versagt. Möglicherweise hätte sie das Konzert in späteren Jahren anders gespielt, aber das muss Spekulation bleiben. Celibidache lässt noch langsamer spielen als Giulini, an vielen Stellen (2. Thema) steht die Musik fast still. Die Studio-Produktion unter dem Dirigat ihres Ehemanns Barenboim ist etwas schneller, aber nicht viel besser ausgefallen: der Streicherklang ist kompakt und an lauten Stellen von den Geigen dominiert, das Orchester folgt dem Cello, es findet kein richtiges Konzertieren statt.

Mit dem chinesisch-amerikanischen Cellisten YoYo Ma liegen inzwischen zwei Studio-Einspielungen vor: Im Jahre 1986 traf er in Berlin mit Lorin Maazel und den Philharmonikern zusammen. Das Ergebnis ist eine domestizierte überzüchtete Aufnahme, das Orchester und die Bläser-Solisten klingen fabelhaft, besser geht’s nicht. Da der Aufnahme dem Anschein nach kein anderes Konzept als allerbestes Instrumentalspiel vorliegt, klingt die CD seltsam leblos, anämisch, ohne rechte Führung. Neun Jahre später erfolgte beim selben Label eine Neuaufnahme mit den New Yorker Philharmonikern unter ihrem damaligen Chefdirigenten Kurt Masur. Obwohl diese CD mehr Fleisch hat als ihre Vorgängeraufnahme, kann auch sie mich nicht richtig überzeugen, die vielen unmotivierten Tempowechsel hemmen den Fluss der Musik. Mir scheint die Musik von außen betrachtet als von innen erlebt. In beiden Aufnahmen ergreift YoYo Ma selten die Initiative sondern wartet ab, bis er vom Orchester mitgenommen wird, für mich zu viel Bescheidenheit!

Auch von Heinrich Schiff liegen zwei Aufnahmen vor, der Solist spielt auf beiden sehr engagiert, immer sehr nahe an der Partitur, mir gefällt die frühere mit Colin Davis besser, sie ist vom Aufnahme-Team klanglich recht gut eingefangen, mit erfreulich differenzierten und warmen Holzbläsern (Davis ist von Haus aus Klarinettist), im 3. Satz gibt es nach T. 428 beim Solisten Intonationsmängel zu beanstanden, die Stelle ist jedoch kurz und Laien werden es kaum wahrnehmen. Die Previn-Aufnahme ist klanglich trotz Digital-Technik nicht wesentlich besser, klingt in den lauten Orchesterstellen etwas zackig, auch hier beim Solisten einige Intonationsprobleme, diesmal im 1. Satz.

eingestellt am 01.04.07

ergänzt am 24.05.10

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