Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Cellokonzert h-Moll op. 104

Allegro – Adagio ma non troppo – Allegro moderato



Antonin Dvorak schuf sein Cellokonzert während seines Aufenthalts in New York, wo er drei Jahre lang Direktor des Konservatoriums war. Das Konzert ist aber nicht, wie die zuvor entstandene 9. Sinfonie, mit Melodien der neuen Welt durchdrungen, sondern voller Erinnerungen an seine böhmische Heimat. Er schloss das Konzert im Februar 1895 ab, änderte aber unmittelbar nach der Rückkehr in seine Heimat den Schluss des 3. Satzes ab und fügte weitere 60 Takte hinzu, unter anderem zitierte er eine Variante seines Liedes Laßt mich allein in meinen Träumen gehn (aus op.82) T.68-73, dieses Lied wurde von der Schwester von Dvoraks Frau sehr geschätzt. Noch in New York erfuhr er von der schweren Krankheit seiner Schwägerin und verarbeitete das Lied im 2. Satz, wo es etwa die Stellung eines 2. Themas einnimmt (T.43-74). Nach ihrem Tode erfolgte die angesprochene Erweiterung. Jan Vogler hat in seiner Aufnahme dieses Lied beigefügt, einmal gesungen von A. Kirchschlager, dann auch die Melodie vom Cello gespielt. Das Booklet nimmt außerdem Stellung zum Verhältnis Dvoraks zu seiner Schwägerin.

Bei der Aufführung des Cellokonzerts bedarf es eines Konzepts, einer genauen Vorstellung von Dvoraks kompositorischen Absichten. Solist und Dirigent/Orchester müssen an einem Strang ziehen, wenn eine überzeugende Interpretation entstehen soll, die dem Werk, nicht den Interpreten gerecht wird. Sehr zum Gelingen trägt auch die Beachtung von Dvoraks Tempovorstellungen bei. Leider liegt hier vieles im Argen: etliche Dirigenten lassen z. B. die ersten 8 Takte des 1. Satzes langsamer und verhaltener spielen, als wäre es eine Einleitung, danach geht es erst richtig los (Bernstein, Giulini, Ormandy, Kubelik). In der Partitur steht von Anfang an Allegro, kein sostenuto! Im weiteren Verlauf des Satzes bremsen Interpreten an einigen Stellen schon viel früher als vorgegeben das Tempo ab. Nach den ruhigen Abschnitten geht es dann desto flotter und/oder pompöser weiter. Die von Dvorak als „grandioso“ bezeichneten Tutti-Stellen, sollten großartig klingen, müssen sie deshalb (viel) langsamer gespielt werden? Emotionale Überfrachtung scheint Vorrang vor dem Nachvollzug von Dvoraks Willen zu haben, manchen Interpreten scheint jegliches Formbewusstsein abhanden gekommen zu sein. Gerade im 2. Satz mit seinen vielen accellerando- und rallentando-Stellen muss der Dirigent das Grundtempo eisern im Griff haben, sonst werden es im besten Fall nur schöne Stellen, gleichzeitig zerbröselt die Musik. Der Satz muss aufblühen, nicht dahinwelken! Gerade zeitgenössische Solisten und Dirigenten geben lyrischen Stellen viel Raum=Zeit und verlieren deshalb mehr oder weniger den musikalischen Zusammenhang.

Auf etwas anderes möchte ich noch hinweisen, was mir in Dvoraks Orchestermusik im Allgemeinen, in diesem Konzert jedoch besonders wichtig erscheint: ein aufgehelltes durchsichtiges Klangbild, das den Instrumenten ihren vorgesehenen Platz zuweist. Der Stimmführung sowie der Gewichtsverteilung innerhalb vieler kammermusikalisch eingerichteter Passagen, sehr oft bei den Holzbläsern, ist liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken. Romantisch verstandener Mischklang (Karajan, Giulini) ist hier völlig fehl am Platz!

Beim Anhören der vielen Aufnahmen bleibt dem Hörer nicht die Weiterentwicklung des Waldhorns verborgen: Kann es in den 30er bis hinein in die 50er Jahre seine Herkunft als Blech-Instrument nicht leugnen, verströmt es heute bei leisen kantablen Stellen (2. Thema) einen weichen, runden und obertonreichen Klang. Interessierte können diese technische Errungenschaft schnell bei Mozarts Hornkonzerten testen, legen Sie die Aufnahme mit Dennis Brain/Karajan auf und vergleichen diese mit einer späteren!

Auch die Oboe hat einen Klangwandel vollzogen. In der Zeit bis nach dem 2. Weltkrieg klang sie, auch wenn man nationale Schulen außer acht lässt, sehr hell, teilweise spitz und grell, schalmeienhaft. In Wien und besonders in England findet man diese Instrumente noch bis in die 70er Jahre. Bei Beethovens Eroica stört mich dies im 2.Satz. Die heute verwendeten Oboen klingen pastoser, runder, tragfähiger und veredeln den Holzbläsersatz.



Pierre Fournier

Berliner Philharmoniker –

George Szell

DGG

1961

38‘22

5

Fournier erzählt op.104. s. u.

Pierre Fournier

Kölner Rundfunk Sinfonie-Orchester –

George Szell

medici arts

1962

35‘51

5

s. u.

André Navarra

National Symphony Orchestra –

Rudolf Schwarz

Testament

1954

37‘07

5

s. u.

Anronio Janigro

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester –

Erich Kleiber

Archipel

1955

37‘16

5

live – Kleiber achtet auf klassischen Stil, unverzärtelt, dramatico, Stringenz, Sog, Ritardandi werden nicht übertrieben, sehr gutes Miteinander, Solo-Cello klanglich nach vorn gezogen

Jean-Guihen Queyras

Prague Philharmonia –

Jirí Belohlavec

HMF

2004

39‘58

5

sehr gutes Miteinander, concertare!, I Queyras beim 2. Th. zu viel Vibrato

Emanuel Feuermann

National Orchestral Assoziation –

Leon Barzin

Philips

1940

35‘20

5

live – Cello mit viel Impetus gespielt, nicht mehr ganz so wild wie früher, etwas gezügelter und reifer








Enrico Mainardi

Berliner Philharmoniker –

Fritz Lehmann

DGG

~1955

40‘01

4-5

aufmerksames und sorgfältiges Orchester, jedoch nicht so feurig wie bei Fournier, Mainardi saugt die Töne aus seinem Cello

Pierre Fournier

Philharmonia Orchestra –

Rafael Kubelik

EMI

Testament

1948

37‘48

4-5

s. u.

Pierre Fournier

RSO der Italieninischen Schweiz –

Hermann Scherchen

Ermitage

1962

37‘53

4-5

live

Mstislav Rostropovitch

Concertgebouw Orchester Amsterdam –

Pierre Monteux

Tahra

1960

39‘15

4-5

live, s. u.

Mstislav Rostropovitch

Royal Philharmonic Orchestra London –

Adrian Boult

EMI

1957

38‘50

4-5

s. u.

Mstislav Rostropovitch

Tschechische Philharmonie –

Vaclav Talich

Supraphon

1952

39‘10

4-5

s. u.

Miklos Perényi

Budapest Festival Orchestra –

Ivan Fischer

Hungaroton

1987

37‘23

4-5

feurig, Solist und Dirigent auf einer Wellenlänge

Christian Poltéra

Deutsches Sinfonie-Orchester Berlin –

Thomas Dausgard

BIS

2014

37‘27

4-5

musikalisch und interpretatorisch bestens, sehr gutes Miteinander, lebendige Darstellung, Solist kniet sich in seinen Part, er könnte etwas mehr aus dem Orchester heraustreten, stellenweise wie sehr gute Kammermusik, Orchester bei lauteten Tutti-Abschnitten weniger aufgefächert,

Milos Sàdlo

Tschechische Philharmonie –

Vaclav Neumann

Supraphon

1976

38‘56

4-5

harmonisch, den Nerv der Musik ziemlich getroffen, I Horn beim 2. Th. etwas gepresst

Tibor de Machula

Wiener Symphoniker –

Rudolf Moralt

Philips

forgotten records

1953

35‘58

4-5

im Gegensatz zum Berliner Konzertmitschnitt sind Solist und Orchester immer sehr deutlich, rhythmischer Vortragsstil, Intensität, Machula: männlich, kraftvoll aber auch sensibel, Cello klanglich nach vorn gezogen

Ludwig Hoelscher

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg – Joseph Keilberth

Telefunken

1958

37‘19

4-5

Orchester etwas flächig, zurückgesetzt

Mischa Maisky

Berliner Philharmoniker –

Zubin Mehta

DGG

2002

36‘48

4-5

live, s. u.

Heinrich Schiff

Concertgebouw Orchester –

Colin Davis

Philips

1980

38‘20

4-5

s. u.

Heinrich Schiff

Wiener Philharmoniker –

André Previn

Philips

1992

37‘23

4-5

s. u.

Natalia Gutman

Philadelphia Orchestra –

Wolfgang Sawallisch

EMI

1991

39‘09

4-5

überzeugend, sehr konzentriert, schlanker Celloton, 3. Satz fällt etwas ab

Zara Nelsova

London Symphony Orchestra --

Josef Krips

Decca

1951

40‘59

4-5

s. u.

Truls Mørk

Oslo Philharmonic Orchestra –

Mariss Jansons

Virgin

1992

39‘14

4-5

auf sehr hohem Niveau musiziert, feuriges Cello, II warum zwischen T. 31 und 32 eine Zäsur?

Emanuel Feuermann

Staatskapelle Berlin –

Michael Taube

Parlaphon

Naxos

1928/

29

33‘16

4-5

Orchester-Tutti insgesamt (zu) zackig, Feuermann treibt immer voran, spiccato-Stelle T. 110 ff richtig hüpfend, 2. Satz nicht so expressiv wie 1940








Gregor Piatigorsky

Philadelphia Orchestra –

Eugene Ormandy

RCA
History

1946

36‘26

4

für damalige Zeit gutes Klangbild

Lynn Harrell

Philharmonia Orchestra –

Vladimir Ashkenazy

Decca

1982

42‘02

4

differenzierter als bei Levine

Frans Helmerson

Gothenburg Symphony Orchestra –

Neeme Järvi

BIS

1983

38‘58

4

geschlossen, klassisch, 2. Satz etwas zu schnell

Peter Wispelwey

Budapest Festival Orchestra –

Ivàn Fischer

Channel Classics

2006

39‘48

4

Cello bei p-Stellen zu leise, entfernt sich für Augenblicke aus dem musikalischen Zusammenhang, diszipliniertes Orchester! I nicht genügend intensiv, III Tempo manchmal zu sehr zurückgenommen, schadet der der Stringenz der Musik

Janos Starker

Philharmonia Orchestra London –

Walter Süsskind

EMI

1956

36‘56

4

Starker insgesamt weniger expressiv als Fournier, stattdessen eher eleganter, Süsskind lässt sein Orchester ausdrucksvoller spielen als Dorati

Janos Starker

London Symphony Orchestra –

Antal Dorati

Mercury

1962

37‘54

4

Orchester im Tutti etwas kurz angebunden, effektvoll, spitz, nicht so gut durchhörbar

Mstislav Rostropovitch

Berliner Philharmoniker –

Herbert von Karajan

DGG

1968

41‘14

4

s. u.

Pierre Fournier

Wiener Philharmonikern --

Rafael Kubelik

Decca

1954

37‘43

4

s. u.

Pierre Fournier

Sinfonie-Orchester des NDR –

Hans Schmidt-Isserstedt

Tahra

1956

37‘32

4

s. u.

Pierre Fournier

BBC Symphony Orchestra –

Colin Davis

BBCL

1973

37‘53

4

live, s. u.

Yo Yo Ma

New York Philharmonic Orchestra –

Kurt Masur

Sony

1995

40‘29

4

s. u.

Yo Yo Ma

Berliner Philharmoniker –

Lorin Maazel

Sony

1986

42‘15

4

Yo-Yo Ma spielt etwas scheu, befangen, als fühle er sich nicht recht wohl in der Rolle des Solisten

Jan Vogler

New York Philharmonic –

David Robertson

Sony

2004

38‘49

4

Initiative geht vom Solisten aus, Orchester etwas blass

Pablo Casals

Tschechische Philharmonie –

George Szell

EMI

1937

35‘11

4

Orchester sehr im Hintergrund, schlanker Celloton, keine richtige Atmosphäre

Gregor Piatigorsky

Boston Symphony Orchestra –

Charles Münch

RCA

1960

41‘58

4

oft romantisch schwelgend, viele rubati, Cello stellenweise etwas angestrend

Angelica May

Tschechische Philharmonie –

Vaclav Neumann

Supraphon

1983

39‘09

4

Solistin engagiert bei der Sache, heller Celloton, Orchester spielt stellenweise nur Pflichtprogramm

Leonard Rose

Philadelphia Orchestra –

Eugene Ormandy

CBS

P 1966

38‘50

4

heller Celloton, Rose zieht die Töne wie Mainardi, die Tutti ausladend

Anja Thauer

Tschechische Philharmonie Prag –

Zdenek Macal

DGG

1968

35‘42

4

gleichsam vital wie sensibel, erinnert an Fournier, ohne an dessen Meisterleistung heranzukommen, Balance Solist-Orchester noch nicht top, II poco accel. T. 29 eher ein Ritardando, T. 60-64 molto appassionato ohne Glut, III noch ohne Souveränität – LP eher ein Versprechen als eine gültige Aufnahme

Johannes Moser

Prag Philharmonia –

Jacob Hrusa

Pentatone

2014

38‘42

4

I Orchester tritt bei Solo-Stellen nach Mono-Art zu sehr zurück, Grandioso-Stellen wenig grandioso, Ritardandi werden fast immer zu früh begonnen (z. B. T. 220), II besserer Eindruck, ff-Klänge werden nicht durchgehalten und verlieren sich, III T. 30 undeutliche Stimmführung

Ofra Harnoy

Prager Sinfonie-Orchester –

Charles Mackerras

RCA

1994

38‘19

4

sehr gute Orchesterleistung, Transparenz und Atmosphäre, I Harnoy m. E. zu vordergründig, stürmt voran und bremst dann wieder stark ab, z. B. T. 166 oder T. 293, III T. 143 ff Cello ohne Spannung, auch T. 234 ff

Zara Nelsova

St. Louis Symphony Orchestra –

Walter Süsskind

VOX

~ 1960

36‘49

4


Lynn Harrell

London Symphony Orchestra –

James Levine

RCA

1975

41‘54

4

musikantisch, saftig, lustbetontes Muzizieren

Jörg Metzger

Nürnberger Symphoniker –

Othmar F. M. Maga

Intercord

1972

36‘04

4

musikantisch, mit Schwung, Cello fast immer vor dem Orchester

Paul Tortelier

London Symphony Orchestra –

André Previn

EMI

1977

39‘12

4

insgesamt zu viele Rubati, 2. Satz, T.61ff Cello beiläufig statt molto passionato, Streicher nicht auf der Höhe!

Daniel Shafran

Estonia Symphony Orchestra –

Neeme Järvi

Melodya

1979

38‘27

4

ausdrucksstarkes Cello, Dirigent hält die Zügel sehr locker, Orchester im Klangbild etwas zurückgesetzt, Stimmverläufe nicht immer gut zu verfolgen, mehr Oberstimmen, Tempomodifikationen, Musik schleppt sich stellenweise dahin








Enrico Mainardi

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks –

Eugen Jochum

Tahra

1950

42‘19

3-4

live – Klangbild insgesamt zu pauschal, wenig gestaffelt, in lauten Tutti-Abschnitten übersteuert, I Jochum gibt Raum für die langsamen lyrischen Abschnitte, teilweise behäbig, III Anfang lahm und verwackelt, etwas langsames Grundtempo, kein Vergleich mit der hervorragenden Studioproduktion unter Fritz Lehmann

Guido Schiefen

Orquesta Filarmonica Gran Canaria –

Adrian Leaper

Arte Nova

1995

40‘00

3-4

Orchester etwas pauschal, Holzbläser eher als Block, viele Stellen von der Gestaltung unbewältigt

Mischa Maisky

Israel Philharmonic Orchestra –

Leonard Bernstein

DGG

1988

43‘29

3-4

s. u.

Maria Kliegel

Royal Philharmonic Orchestra –

Michael Halàsz

Naxos

1991

42‘13

3-4

Tempowechselbäder, insgesamt zu langsam und mit geringer Spannung

André Navarra

Rundfunk Sinfonie-Orchester Prag –

Frantisek Stupka

Multisonic

P 1951

35‘09

3-4

live – Navarra stellenweise sehr feurig, jedoch zu sehr im Vordergrund, uneinheitlicher Aufnahmepegel

Mstislav Rostropovitch

London Philharmonic Orchestra –

Carlo Maria Giulini

EMI

1977

42‘42

3-4

s. u.

Tibor deMachula

Berliner Philharmoniker –

Sergiu Celibidache

M&A

1945

38‘45

3-4

live – heller, näselnder Celloklang, Temposchwankungen, Konzertdokument der unmittelbaren Nachriegszeit

Jaqueline du Pré

Chicago Symphony Orchestra –

Daniel Barenboim

EMI

1970

42‘02

3-4

s. u.

Anne Gastinel

Orchestre National de Lyon –

Emmanuel Krivine

Naïve Valois

1996

39‘42

3-4

man gewinnt den Eindruck, als wenn die Ausführenden sich nicht ganz der Musik hingäben, sich nicht recht trauten, sie spielen oft mehr neben einander her als miteinander, Ausdruckspotentional der Musik nur halb erfüllt. Cellistin müsste mehr zupacken.








Jaqueline du Pré

Radio Sinfonie-Orchester Stockholm –

Sergiu Celibidache

DGG

1967

45‘03

3

live, s. u.








Mario Brunello

Santa Caecilia Orchester Rom –

Antonio Pappano

Warner

2012

41‘57

2-3

live – I Tempowechselbäder, „schöne Stellen“ werden vom Solisten ausgekostet, Dvoraks Vorstellungen kaum beachtet, der Satz zerfällt in Einzelabschnitte, geschmäcklerisch, Orchester-Tutti T. 23 ff kaum aufgefächert, II Adagio molto, Musik tritt auf der Stelle, Pappano gelingt es nicht, den Orchesterklang aufzufächern und die vielen Details zu wecken – warum diese CD?


Hinweise zu Interpreten und Interpretationen:


Pierre Fournier

Der französische Meistercellist Pierre Fournier hat das Cellokonzert dreimal für die Schallplatte eingespielt, daneben existieren mehrere Mitschnitte, die teilweise auf CD gepresst wurden.

Hören sie den Anfang (Exposition) des 1.Satzes bei Szell-BPh: es gibt Aufnahmen, die schöner klingen, die die langsamen Stellen mehr auskosten, die die Holzblasinstrumente geradezu vorführen, dabei bleibt aber der kompositorische Zusammenhang auf der Strecke, das Werk wird verschleppt und zerfällt in Einzelteile und verliert den Charakter des Sinfonischen. Fournier und Szell entgehen diesen Gefahren, sehr plastisch und rhythmisch betont werden die einzelnen Formteile dargeboten, man spürt die Konzeption des Werkes, vom ersten Takt an haben die Interpreten schon das Ende im Blickfeld, hier liegt die überzeugende, weil werkgerechte Produktion vor, die auch klanglich noch befriedigt. Sofort nach ihrem Erscheinen wurde die LP zu Recht mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Kaum zu glauben, dass es bei der Aufnahme in der Berliner Jesus-Christus-Kirche nicht immer harmonisch zuging. Ein ehemaliger Solospieler, der bei der Aufnahme mitwirkte, berichtete mir vor Jahren von den Problemen Szells, seine Vorstellungen auf Karajans Orchester zu übertragen. Möglicherweise wirkte die Überwindung dieser Spannungen wie ein reinigendes Gewitter. Ein Jahr nach der Plattenaufnahme trafen sich Fournier und Szell in Köln, um mit dem Kölner Rundfunk Sinfonie-Orchester Dvoraks Konzert im großen Sendesaal des WDR aufzuführen, inzwischen veröffentlicht bei medici arts. Das in Berlin erarbeitete Konzept hat auch hier Gültigkeit, lediglich die Klangtechnik des Rundfunks konnte mit derjenigen der DGG nicht mithalten: das Klangbild ist noch flächig, nicht so gut gestaffelt, nicht so saftig. Inzwischen hat auch die lobenswert rührige französische Plattenfirma Tahra einen Mitschnitt aus dem Jahre 1956 aus Hamburg vorgelegt. Der Solist war wiederum Pierre Fournier, am Pult stand der Chefdirigent des NDR Sinfonie-Orchesters Hans Schmidt-Isserstedt. Die Interpretation ist romantischer, man lässt sich mehr Zeit, das Orchester ist nicht so straff geführt, man vermisst nun die Spannung und Konzentration Szells. Die klangliche Seite der Aufnahme ist bescheiden: der Solist agiert meist im Vordergrund, das Orchester klingt in Tutti-Passagen pauschal, wenig durchsichtig. Fourniers erste Studio-Aufnahme entstand 1948 in London mit dem noch jungen Philharmonia Orchester mit Rafael Kubelik am Pult überzeugt interpretatorisch, kann klanglich jedoch nicht mit der Berliner Aufnahme mithalten. 1954 entstand mit demselben Gespann eine weitere Aufnahme, jetzt für Decca mit den Wiener Philharmonikern, sie besitzt nicht die klangliche Präsenz der EMI-Aufnahme, bei Solo-Stellen tritt das Orchester hinter dem Solisten zurück. Auch scheint die Inspiration bei den Ausführenden nicht die Höhe der Vorgängerplatte zu erreichen. Der live-Mitschnitt aus Lugano mit Hermann Scherchen ein Jahr nach der DGG-Produktion ist dieser ähnlich, engagiert gespielt, leider agiert das Orchester an vielen Stellen etwas im Hintergrund, ein Phänomen bei Konzert-Aufnahmen aus der Mono-Ära. Der BBC-Mitschnitt unter Leitung von Colin Davis gefällt mir entgegen der Auffassung des Booklet-Autors nicht so gut, Davis hat Anlaufschwierigkeiten, das Orchester klingt wenig transparent und Fournier spielt nicht mehr so intensiv wie früher (vgl. z.B. 2. Satz T.12f), im 3. Satz kann man jedoch einem schönen Dialog zwischen Klarinette und Cello lauschen (T. 302 ff). Wenn es um Dvoraks Cellokonzert geht, kommt man an der Aufnahme mit Fournier/Szell/DGG nicht vorbei, wer aber in Klangfarben schwelgen möchte, greife eher zu den neueren Aufnahmen mit Yo-Yo Ma, Jean-Guihen Queyras oder Mischa Maisky.


Mstislav Rostropovitch

Von Rostropovitchs Einspielungen und Konzertmitschnitten liegen mir sechs vor:

Der 25 jährige spielte seine erste Aufnahme 1952 in Prag mit dem damals berühmtesten tschechischen Dirigenten Vaclav Talich ein, die nächste Studio-Einspielung erfolgte im Westen für EMI 1957 mit Adrian Boult am Pult, 1968 erfolgte dann eine Aufnahme mit Herbert von Karajan für die Deutsche Grammophon und 1977 ging er abermals ins Studio, erneut in London mit dem Dvorak-erprobten Dirigenten Carlo Maria Giulini. Die Aufnahme erfolgte in der damals von der EMI propagierten Quadro-Technik. Rostropovichs letzte Aufnahme erfolgte 1985 in Boston mit Seiji Ozawa am Pult. Daneben ist hier noch ein Mitschnitt aus dem Amsterdamer Concertgebouw vertreten, Pierre Monteux dirigierte das dortige Hausorchester.

In allen Produktionen hört man mehr oder weniger Rostropovitchs Hang zur Übertreibung: leise Partien erklingen noch leiser, langsame noch langsamer als in der Partitur vorgeschrieben, auch ist sein Vibrato ziemlich grenzwertig. An vielen Stellen wünschte man sich mehr ein zielgerichtetes Spiel. Rostropovich spielt im Augenblick und hat weniger das Folgende im Blick. Es scheint, als wenn er mit seiner Auffassung von diesem Konzert, die vom Höreindruck her sich schon früh gefestigt hatte, bei seinen Dirigenten auf offene Ohren gestoßen sei. In allen Aufnahmen hören wir Stellen, die vom Orchester ähnlich, jedoch abweichend vom Notentext, gespielt werden. Dvoraks Tempovorstellungen werden mehr (Giulini) oder weniger (Talich) in Frage gestellt (vgl. 2. Satz Anfang).

Monteuxs Aufnahme gefällt mir von allen am Besten, einmal weil man als Hörer spürt, dass Dirigent und Solist sehr gut miteinander agieren und Monteux hier von allen Kollegen für die beste Partiturnähe sorgt. Leider findet sich im ersten Satz ein (kleiner) Band- oder Masteringfehler, die Musik springt von T. 274 in T. 280.

Auch Talichs Interpretation ist sehr nahe am Notentext: genaues, rhythmisches und vorwärtsstrebendes Orchesterspiel, das trotzdem Raum lässt für klangvoll schwelgende Holzbläser und Hörner. Die einkomponierten Rubato-Stellen kommen organisch und klingen nicht übertrieben. Insgesamt hören wir weniger Sound, dafür mehr von Dvoraks Absichten. Das gilt auch für die Studio-Produktion mit Boult, davon gibt schon die genau formulierte Orchester- Exposition Zeugnis, immer, wenn der Cellist sich zu viele agogische Freiheiten nimmt, versucht der Dirigent ihn auf den Boden der Partitur zurückzuholen. Diese CD gefällt mir nach Monteux am Besten.

Karajans Aufnahme ist ein Klangereignis, in kaum einer anderen Einspielung klingen die Holzbläser in vielen Passagen so abgerundet, pastos, edel, jedoch keineswegs kitschig. Direkt nach ihrem Erscheinen wurde die LP mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Leider decken in Tutti-Stellen die Violinen übertrieben breit (glanzvoll) aufspielend viele Einzelheiten der Bläser zu.

Rostropovitchs Aufnahme mit Giulini enttäuscht mich auf der ganzen Linie. Gleich zu Beginn des 1. Satzes nimmt der Dirigent die ersten acht Takte so langsam, als wäre es eine Einleitung (Allegro!!), insgesamt tritt die Orchesterexposition auf der Stelle, der Satz fängt erst mit Eintritt des Solisten so richtig an. Bis dahin dauerte es rekordverdächtig 4’05 min, im Durchschnitt benötigt man weniger als 3’30 min. Auch in Verlauf des Werkes immer wieder für mich übertriebene Verlangsamungen und nachfolgende Beschleunigungen. Hier liegt kein Konzert, sondern eine böhmische Rhapsodie für Cello und Orchester vor. In seiner letzten Aufnahme aus Boston bemerkt man einen verschlankten Celloton, vielleicht verfügte der Solist nicht mehr über seine frühere Kraft. Ozawa lässt farbig aufspielen, leider hat die Aufnahmetechnik nicht für einen optimalen Klang gesorgt, etwas zu kompakt, das macht einer digitalen Aufnahme keine Ehre.


Zara Nelsova

Von den zwei Interpretationen mit Zara Nelsova ist die Krips-Aufnahme geschlossener, organischer, z.B. T 158 ff bzw. T.285 ff klingen bei Krips vorbereitet, bei der späteren Süsskind-Produktion wirken sie viel schneller und als neuer Abschnitt, der zum vorhergehenden kontrastiert.


André Navarra

Fünf Jahre jünger als Fournier war André Navarra, auch er erhielt seine Ausbildung in Paris. Seine vor drei Jahren einzig greifbare CD aus Prag leidet unter einer unzulänglichen Aufnahmetechnik sowie unter einem mangelhaften Mastering. Inzwischen hat Testament die Londoner EMI-Studio Aufnahme unter dem Dirigat des in Deutschland wenig bekannten Rudolf Schwarz wieder zugänglich gemacht. Die Aufnahme gehört zu den besten überhaupt: Navarra mit großem, flexiblen Ton, hellwachem Zusammenspiel, kein Verzetteln bei lyrischen Passagen, zwingend, überzeugend, Totaleinsatz (kommt besonders dem letzten Satz zugute), im 2. Satz gelingen die T.22-25 schön nachdenklich. Die Klangtechnik rückt den Solisten zeitbedingt etwas in den Vordergrund.


Mischa Maisky

Mit Mischa Maisky als Solisten sind zwei Konzertmitschnitte bei der DGG erschienen. Bernstein führt uns kein Konzert sondern eine Rhapsodie vor: die (längste 4’10 min) Einleitung tritt auf der Stelle, Bernstein beschleunigt hemmungslos und tritt dann stark auf die Bremse, alles klingt aufgesetzt und emotional überfrachtet, mehr Bernstein als Dvorak! Anders die Aufnahme mit Zubin Mehta aus der Berliner Philharmonie, die dem Werk gerecht wird. Anfangs klingt das Orchester noch ein wenig kompakt, im Verlauf wirkt es dann plastischer (wurde nachreguliert?). Der zweite Satz kommt mehr dramatisch als lyrisch daher.


Jaqueline du Pré

Jaqueline du Prés heller, flattriger und teilweise rauer Celloton ist nicht meine Sache. Beim Anhören der beiden Aufnahmen gewinnt man den Eindruck, dass du Pré ein Naturtalent war, welches sich eine ursprüngliche jugendlich erfrischende Kraft bewahren konnte, sie zählte bei den Aufnahmen 22 bzw. 25 Jahre. Für mich klingen beide Aufnahmen, was die Solistin angeht, wie aus grobem Holz geschnitzt. Leider verstarb Jaqueline du Pré viel zu früh, eine künstlerische Fortentwicklung und Reife blieb ihr so versagt. Möglicherweise hätte sie das Konzert in späteren Jahren anders gespielt, aber das muss Spekulation bleiben. Celibidache lässt noch langsamer spielen als Giulini, an vielen Stellen (2. Thema) steht die Musik fast still. Die Studio-Produktion mit Barenboim ist etwas schneller, aber nicht viel besser ausgefallen: der Streicherklang ist kompakt und an lauten Stellen von den Geigen dominiert, das Orchester folgt dem Cello, es findet kein richtiges Konzertieren statt.


Yo Yo Ma

Mit dem chinesisch-amerikanischen Cellisten YoYo Ma liegen inzwischen zwei Studio-Einspielungen vor: Im Jahre 1986 traf er in Berlin mit Lorin Maazel und den Philharmonikern zusammen. Das Ergebnis ist eine domestizierte überzüchtete Aufnahme, das Orchester und die Bläser-Solisten klingen fabelhaft, besser geht’s nicht. Da der Aufnahme dem Anschein nach kein anderes Konzept als allerbestes Instrumentalspiel vorliegt, klingt die CD seltsam leblos, anämisch, ohne rechte Führung. Neun Jahre später erfolgte beim selben Label eine Neuaufnahme mit den New Yorker Philharmonikern unter ihrem damaligen Chefdirigenten Kurt Masur. Obwohl diese CD mehr Fleisch hat als ihre Vorgängeraufnahme, kann auch sie mich nicht richtig überzeugen, die vielen unmotivierten Tempowechsel hemmen den Fluss der Musik. Mir scheint die Musik von außen betrachtet als von innen erlebt. In beiden Aufnahmen ergreift YoYo Ma selten die Initiative sondern wartet ab, bis er vom Orchester mitgenommen wird, für mich zu viel Bescheidenheit!


Heinrich Schiff

Auch von Heinrich Schiff liegen zwei Aufnahmen vor, der Solist spielt auf beiden sehr engagiert, immer sehr nahe an der Partitur, mir gefällt die frühere mit Colin Davis besser, sie ist vom Aufnahme-Team klanglich recht gut eingefangen, mit erfreulich differenzierten und warmen Holzbläsern (Davis ist von Haus aus Klarinettist), im 3. Satz gibt es nach T.428 beim Solisten Intonationsmängel zu beanstanden, die Stelle ist jedoch kurz und Laien werden es kaum wahrnehmen. Die Previn-Aufnahme ist klanglich trotz Digital-Technik nicht wesentlich besser, klingt in den lauten Orchesterstellen etwas zackig, auch hier beim Solisten einige Intonationsprobleme, diesmal im 1. Satz.


eingestellt am 01.04.07

überarbeitet und ergänzt am 02.04.17



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