Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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7. Sinfonie d-Moll op. 70



Szell

Cleveland Orchestra

Sony

1960

35‘32

5

 

Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Decca

1985

36‘17

5

 

 

Monteux

London Symphony Orchestra

RCA

~1960

37‘03

4-5

 

Neumann

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1981

36‘50

4-5

 

Davis, Colin

Concertgebouw Orchestra

Philips

1976

36‘08

4-5

prägnanter gezeichnet als die live-Aufnahme

Sawallisch

Philadelphia Orchestra

EMI

1991

37‘13

4-5

 

Kertesz

London Symphony Orchestra

Decca

1964

37‘03

4-5

I praller Orchesterklang, Musizieren im Überdruck, II etwas deftig, trifft aber den Nerv der Musik, IV etwas schwerfälliger als Szell beim selben Tempo

 

Belohlavec

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1994

38‘14

4

 

Dorati

London Symphony Orchestra

Mercury

1963

37‘10

4

durchsichtiges Klangbild, jedoch etwas spitz, III im Tutti schneidend, IV in der Mitte geht die Puste aus

Davis, Colin

London Symphony Orchestra

LSO live

2001

39‘43

4

live – I langsamer als 1976, nicht mehr so schlank, II Hörner mehr zurück, nicht so zwingend wie beim COA, IV in den Blechpartien etwas wuchtiger

Kubelik

Berliner Philharmoniker

DGG

1971

37‘40

4

 

Kubelik

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1978

37‘41

4

 

Kubelik

Wiener Philharmoniker

Decca

1956

35‘59

4

 

Barbirolli

Hallé Orchestra Manchester

Nixa

P 1959

35‘30

4

etwas belegter Klang

Giulini

London Philharmonic Orchestra

EMI

1976

40‘38

4

verschlepptes Tempo im 1. Satz

Giulini

New Philharmonia Orchestra

BBCL

1969

38‘21

4

live

Giulini

Concertgebouw Orchestra

Sony

1993

43‘37

4

verschlepptesTempo im 1. Satz

Järvi, Neeme

Scottish National Orchestra

Chandos

1986

36‘36

4

I Anfang etwas zu laut, deshalb nicht geheimnisvoll, kompakte Tutti, II insgesamt etwas nüchtern, plakativ, III überzeugender als zuvor, IV schlanker als Giulini, bester Satz

Inbal

Philharmonia Orchestra

Teldec

1990

39‘08

4

II zu neutral, nur Höhepünktchen, IV könnte etwas schneller sein

Harnoncourt

Concertgebouw Orchestra

Teldec

1997

38‘43

4

live – I Temposchwankungen, schöner Schluss, IV stellenweise etwas schwerfällig

 

Previn

Los Angeles Philharmonic Orchestra

Telarc

1988

37‘47

3-4

I Klang wird durch einen Schleier zugedeckt, nichts duftet, II besserer Klang, engagiert musiziert, III klingt sehr nach Pflicht, IV bester Satz

Bongartz

Dresdner Philharmonie

Berlin Classics

1962

37‘26

3-4

 

Rowicki

London Symphony Orchestra

Philips

1971

37‘56

3-4

 

Kubelik

Concertgebouw Orchestra

RNM

1950

36‘32

3-4

live

Maazel

Wiener Philharmoniker

DGG

1983

39‘13

3-4

I steril, von außen betrachtet, IV lustlos

Jansons

Oslo Philharmonic Orchestra

EMI

1992

36‘47

3-4

Klangbild etwas stumpf, I Themen werden nicht entschieden genug formuliert, kein Biss, II Einzelstimmen werden nicht zu einer Einheit verschmolzen, III fesselt nicht, eher Pflicht, IV Musik bleibt an der Oberfläche

 

Davis,Andrew

London Symphony Orchestra

Sony

1979

38‘48

3

II Themen werden nicht bis zum Ende verfolgt, sondern von anderen verdrängt, IV Holzbläser im Klang nicht gut aufgefächert

Marriner

Academy of St.Martin-in-the-Fields

Capriccio

1990

38‘11

3

I nüchtern, neutral, II Holzbläser oft unterbelichtet, Blech T. 90 f nicht zu hören, III Stimmverläufe nicht immer bis zum Ende zu verfolgen, IV ohne Geheimnis

Levine

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1984

38‘43

3

I kaum Lautstärkedifferenzierung, nicht vorgesehene Ritardandi, II kompakt, Einzelheiten gehen unter, III viel Fett, IV zu undifferenziert, meist nur Oberstimme

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

Sony

1963

40‘17

3

Sinfonische Dichtung? Zusammenhänge werden nicht zwingend miteinander verbunden, plakativ, III etwas schwerfällig, Mittelteil wenig gestaltet, IV Bernstein klebt an den Noten

Rostropovich

London Philharmonic Orchestra

EMI

1980

40‘08

3

mehr buchstabiert als musiziert, klingt stellenweise wie prima vista

 

Chung

Wiener Philharmoniker

DGG

1995

37‘00

2-3

vieles bleibt unterbelichtet, Melodieverläufe werden nicht konsequent nachgezeichnet, alles klingt irgendwie verwaschen oder grob



Für das Verständnis von Dvoraks 7. Sinfonie d-Moll sind zwei Begebenheiten von Wichtigkeit:  

Im Januar 1884 hörte der Komponist in Berlin zum erstenmal die 3. Sinfonie F-Dur seines Mentors und Förderers Johannes Brahms, welche einen tiefen Eindruck bei ihm hinterließ. Im selben Jahr ernannte ihn die London Philharmonic Society zum Ehrenmitglied und ermunterte ihn zur Komposition einer neuen Sinfonie. In einen Brief an seinen Bonner Verleger Simrock zitiert er eine Bemerkung von Brahms bezüglich der 6. Sinfonie, in der dieser sich eine neue Sinfonie (Dvoraks) "ganz anders vorstelle". Daran muss Dvorak bei der Komposition seiner 7. Sinfonie immer gedacht haben. Heraus kam schließlich ein sehr ernstes, seriöses Werk ohne einen Anflug von (böhmischer) Folklore. Moll-Tonarten beherrschen alle Sätze und am Schluss muss er sich zum hellen strahlenden D-Dur geradezu durchringen. Sogar im 3. Satz, dem traditionellen Satz mit Tanzcharakter, vermeidet Dvorak die Nennung „Furiant" in der Überschrift und setzt nur Vivace darüber. Viele Musikfreunde, auch ich, halten die 7. als die beste Sinfonie des böhmischen Meisters. Die Nr. 7 scheint gemeiselt zu sein, während die beiden späteren Sinfonien mit dem Pinsel entworfen wurden. Der Musikschriftsteller und Kritiker Karl Schumann nannte sie einmal Dvoraks „Pathetique". Ohne Zweifel stand Brahms‘ 3. bei der Komposition Pate, ein Hinweis ist die Entschiedenheit der Ecksätze mit ihren lyrischen melancholischen Abschnitten. Im 1. Satz erinnert sich Dvorak des letzten Satzes von Brahms' 3. , der leise beginnt und leise wieder endet. Auch im 2 .Satz klingt Brahms durch: das 2. Thema in Klarinetten und Fagotten wird taktweise von 2 Noten (Viertel, Halbe) der Streicher begleitet (T. 40 ff). Bei Dvorak fällt die Passage kürzer aus (T. 18-23), ist aber ähnlich komponiert: die Melodie der 1. Geigen und Celli wird taktweise von 2 Viertelnoten in Bläsern und Kontrabässen kommentiert. Dvoraks starke kompositorische Erfindungs- und Gestaltungskraft hinderte ihn jedoch davor, eine bloße Kopie der Brahmsschen Vorlage abzuliefern. Trotz der genannten Anklänge ist es reinster Dvorak.

Im 4. Satz höre ich in den Takten 425-430 Anklänge an ein Lohengrin-Motiv, es meldet sich bereits T. 251 in der Klarinette.

Nur wenigen Dirigenten gelingt es, die Themen und Motive des 1. Satzes streng aufeinander zu beziehen und nicht als Episoden aneinander zu reihen (auch von Brahms abgesehen?). Bei langsamen Tempi ist die Gefahr besonders groß (Giulini). Die Musik drängt nach vorn, das muss man hören können!

Am Schluss des 4. Satzes erlauben sich die meisten Dirigenten einen Eingriff in den Notentext: um der unisono-Melodie von Oboen, Klarinetten und Fagotten, die sich gegen das laute Blech und die Streicher durchzusetzen haben, Geltung zu verschaffen, lassen sie ein Horn, oder anfangs auch eine Trompete mitspielen (T. 425-429), ich denke, dass Dvorak dies im Sinne der Deutlichkeit hingenommen hätte.

Zwei Dirigenten haben uns mehrere Aufnahmen hinterlassen: Kubelik und Giulini. Für Giulini ist Dvorak nicht der böhmische Musikant, sondern scheint, nach seinen Platten zu urteilen, vornehmlich ein großartiger Klangarchitekt zu sein mit vor allem in den Ecksätzen (Nr.7) dämonischen Zügen. Seine Aufnahmen sind vorzüglich gelungen, auch die spätere langsamere mit dem Concertgebouw Orchester. Ich würde sie sofort höher platzieren, wenn da nicht die zu langsamen, teilweise verschleppten, Tempi im ersten Satz wären, trotz schöner Holzbläserdetails.

Rafael Kubelik hat die 7. Sinfonie dreimal im Studio produziert, die hier vorliegenden aus Wien und Berlin, sowie eine ältere mit dem Londoner Philharmonia Orchestra, die ich jedoch nicht kenne. Dazu kommen die beiden Mitschnitte aus Amsterdam und München. Kubeliks Auffassung der 7. hat sich im Laufe der Jahre kaum gewandelt, so dass ich beim Kauf nur raten kann, die klanglich besten ins Kalkül zu ziehen, also die Studio-Aufnahme aus der Berliner Jesus-Christus-Kirche oder den Münchner Mitschnitt aus dem Herkulessaal. In der DGG-Aufnahme ist die Pauke etwas zu leise. Beim 2. Satz hört sich die Berliner Aufnahme etwas strenger an als die aus München, die wiederum rhapsodischer klingt, in beiden ist die schöne Hornstelle T. 25/26 gut zu verfolgen. Das Klangbild der Wiener Aufnahme ist leicht flächig, geringes Bandrauschen überhört man jedoch schnell. Im 2. Satz lässt die komtrastierende Begleitung der Solo-Bratschen zu den Holzbläsern aufhorchen, von vielen Dirigenten übersehen! Der 3. Satz kommt recht urwüchsig daher, die Klangkultur der Streicher aus Berlin und München gefällt mir jedoch besser. Der Mitschnitt aus Amsterdam von 1950 wurde statt auf Tonband auf Acetat-Platten festgehalten, so dass Störungen unvermeitlich sind. Das Klangbild ist verschleiert, die Orchester-Tutti fallen recht kompakt und klobig aus, die Aufnahme ist also etwas für Kubelik-Sammler. In allen Aufnahmen nimmt Kubelik den Anfang des 1. Satzes etwas langsamer, zieht danach aber das Tempo fast unmerklich an. Auch das 2. Thema lässt er in allen Aufnhmen deutlich langsamer spielen.

eingestellt 2004

letzte Ergänzung: 16.05.10

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