Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Beethoven

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Egmont – Ouvertüre op. 84

 

Goethes Trauerspiel „Egmont" fügte sich gut in das Weltbild des freiheitsliebenden Beethoven, des Kämpfers gegen staatliche Willkür und Unterdrückung. Entsprechend passioniert ist die Ouvertüre gelungen. Außer ihr verfasste Beethoven zwischen 1809 und 1810 für Aufführungen des „Egmont" am Theater an der Wien zwei Lieder der Klärchen, vier Zwischenspiele, ein Larghetto zu Klärchens Tod, ein Melodram (Egmonts Tod) und eine Siegessinfonie. Gesamtaufführungen der Egmont-Musik kommen im Konzertsaal selten vor, auch Plattenaufnahmen sind ganz rar, umso beliebter ist die Ouvertüre. Das Werk gliedert sich in Einleitung, Hauptteil und Finale (Siegessinfonie).

In der 24-taktigen Einleitung (Sostenuto, ma non troppo) hat Beethoven keinerlei Tempovarianten vorgesehen, trotzdem zerfällt bei den meisten Aufführungen die Musik in fünf Abschnitte, die in unterschiedlichen Tempi absolviert werden: Introduktionsakkord auf f mit nachfolgenden Akkorden der Streicher im Schreittempo – weiche, besänftigende Melodiefloskeln von Holzbläsern und Streichern – erneuter Tuttiakkord auf f mit nachfolgenden Akkorden des Orchesters wiederum im Schreittempo – erweiterter Holzbläsersatz nach Des-Dur führend – und von T. 15-24 eine geheimnisvolle Musik aus einem Sechstonmotiv der 1. Geigen, abwechselnd unterstützt von Holzblasinstrumenten, über pulsierenden 2. Geigen und Bratschen. Dazu erklingt eine charakteristische Bassmelodie der Celli und Kontrabässe. Ähnlich wie in der Friedhofsszene des „Don Giovanni" runden fahl klingende Hörner und Trompeten das Klangbild ab.

Die Länge des Einleitungsakkords ist aufgrund des Fermatezeichens nicht ganz festgelegt, die des zweiten Akkords im Takt 9 jedoch genau auf drei Halbe-Schläge, entspricht sechs Viertel. Bei sehr vielen Aufnahmen begnügen sich die Dirigenten jedoch mit fünf Vierteln, sie verkürzen also den Akkord, was eigentlich ein Fehler ist. Bei der Betrachtung der Tempi der einzelnen Abschnitte, die dort jedoch unterschiedlich ausfallen, sind die fünf Viertel nun logisch, da die Interpreten sich auf die fortschreitenden folgenden Akkorde in den Takten 10 und 11 beziehen, die wie die Anfangsakkorde im schnelleren Tempo gespielt werden als die Melodiefloskeln der Holzbläser. Noch langsamer erklingt dann der fünfte Abschnitt der Einleitung. Erst die meisten der Dirigenten der HIP-Bewegung, die sich Beethovens Notentext neu erschließen und Traditionen der Aufführungspraxis in Frage stellen, führen die ersten 24 Takte der Ouvertüre ziemlich in einem Tempo aus, so wie es der Komponist niedergeschrieben hat.

Der Hauptteil ist in Form eines Sonatensatztes mit Exposition, Durchführung und Reprise ausgeführt. Auch wenn Beethoven Allegro als Tempo angibt, wählen etliche Dirigenten ein viel schnelleres. In den Takten 47-54 sollte eine fallende Bassmelodie c-b-g-e, die zweimal erklingt, nicht im Orchesterklang untergehen, was jedoch leider oft der Fall ist. Deutlich hört man sie bei Szell, Wand, Schmidt-Isserstedt, Giulini, Maazel, Goodman, Norrington, Harnoncourt, Zinman und Chailly. In der kurzen Durchführung ab T. 116 schreibt Beethoven von T. 116-145 für das 1. Fagott liegende sehr leise Töne vor, die einen geheimnisvoll fahlen Klang beisteuern, sofern das Instrument von den anderen nicht zugedeckt wird. Sehr gut bringt das Immerseel, zufriedenstellend hört man es bei Barbirolli, Böhm, Wand, Fricsay, Markevitch, Horenstein, Cluytens, Abbado-WP, Kempe, Tennstedt, Chailly, Fey und Harding.

Am Ende des Allegroteils kommt die Musik vor dem Finale zur Ruhe (T. 279-286), Klarinetten und Fagotte, dann noch die 1. Oboe schaffen mit langgezogenen Tönen (je zwei Takte) eine gespannte Atmosphäre. Einige Dirigenten, auch welche der jüngeren Generation, meinen diese ohne Absicherung des Notentextes noch verlängern zu müssen: Weingartner, Toscanini, Busch, Abendroth, Horenstein, Keilberth, Karajan, Ozawa, Maazel, Schmidt-Gertenbach, Tennstedt, Marriner, Brüggen und Harding.

Am Ende der Ouvertüre wird die Siegessinfonie, letztes Stück der Bühnenmusik, vorweggenommen. Als Kontrapunkt zu den schmetternden Hörnern und Trompeten, aber auch zu den Holzbläsern und Streichern, liefert der Komponist in den T. 299/300 und 305/306 eine Melodie in Celli und Bässen, unterstützt vom 2. Fagott, leider geht sie im großen Orchester-Getümmel meist unter, nur wenige Dirigenten bringen sie einigermaßen deutlich: Klemperer, Furtwängler, Schmidt-Isserstedt, Giulini, Haitink, Ozawa, Immerseel, Zinman und Thielemann. In diesem Finale kommt auch die Piccoloflöte zum Einsatz, solistisch hebt sie sich in den Takten 311/312, dann nach den Paukenwirbeln T. 321/322 und T. 327/328 sowie in den letzten fünf Takten hervor und krönt hier in allen Aufnahmen die jubelnde Musik. Davor wird sie jedoch nur stiefmütterlich behandelt. Vernehmbar, jedoch noch zu leise, kommt sie bei Klemperer-POL57, Tennstedt-EMI, Davis, Marriner, Norrington-SWR und Fey, besser bei Abbado-WP und Brüggen, richtig überzeugend nur bei Klemperer-POL58 und –60, Zinman und Chailly. Bei Karajan-84 hat sie auch am Ende nichts zu vermelden.

Szell

Wiener Philharmoniker

Decca

1969

8‘17

5

GA

Szell

Cleveland Orchestra

Sony

1966

8‘31

5

 

Szell

Wiener Philharmoniker

Orfeo

1969

8‘37

5

live

Furtwängler

Berliner Philharmoniker

Polydor                 DGG

1933

8‘22

5

 

Furtwängler

Berliner Philharmoniker

DGG

1947

8‘53

5

live

Fricsay

Berliner Philharmoniker

DGG

1958

8‘52

5

E gespannt, HT bewegt, mit Intensität

Klemperer

Staatskapelle Berlin

DGG              archiphon

1927

8‘38

5

 

Klemperer

Radio-Sinfonie-Orchester Berlin

audite

1958

9‘01

5

 

Klemperer

Philharmonia Orchestra

EMI

1957

8‘55

5

 

Jochum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

P 1967

8‘06

5

 

Busch

Los Angeles Symphony

Busch-Society         Guild                  Urania

1946

8‘20

5

live – mit Emphase dirigiert, entferntes Klangbild, Rauschen, nur für Busch-Fans

 

Toscanini

NBC Symphony Orchestra

M&A u. a.

1939

8‘17

4-5

live, HT sofort starkes Crescendo, schneidende Akkorde, kompakter Klang, überzeugendes Finale

Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

History u. a.

1947

8‘16

4-5

stringentes Musizieren, kompaktes Klangbild

Wand

Sinfonie-Orchester des NDR

NDR

1991

8‘59

4-5

live, unveröffentlicht – transparenter Klang, Holz gut abgebildet, Wands gestaltende Hand überall spürbar

Wand

Gürzenich Orchester Köln

Club Français du Disques             Testament

1961

8‘51

4-5

sehr klar musiziert unverschnörkelt, transparentes Klangbild, Basslinie T. 47 ff und 181 ff sehr deutlich

Giulini

RAI Orchester Turin

EMI

1968

8‘24

4-5

live, E Holz viel Vibrato, akzentuiertes Musizieren, Spannung

Szell

Staatskapelle Dresden

Andante

1965

8‘06

4-5

live

Szell

Tschechische Philharmonie

Sony

1963

8‘05

4-5

live – etwas rau

Kleiber, Erich

NBC Symphony Orchestra

M&A

1948

8‘04

4-5

live

Jochum

London Symphony Orchestra

EMI

1977

8‘42

4-5

 

Kletzki

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1964

8‘43

4-5

streng, gewichtig, Basslinie T. 15 ff gut nachgezeichnet, schöner Bläserklang

Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1976

8‘45

4-5

Bässe als Grundpfeiler des opulenten Orchesterklanges, in der Durchführung Holz entfernt

Furtwängler

Wiener Philharmoniker

SWF

1953

8‘42

4-5

live

Klemperer

Philharmonia Orchestra

M&A u. a.

1960

9‘26

4-5

live - Wien

Klemperer

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

medici arts

1955

8‘42

4-5

live

Monteux

London Symphony Orchestra

Decca

1961

8‘18

4-5

immer den Blick nach vorn, viel Brio, etwas klassizistisch

Markevitch

Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks

HR

1982

9‘49

4-5

live, Rundfunkaufnahme, unveröffentlicht – gewichtige Streicher-Akkorde in der E, mehr Spannung und gewichtiger als Berliner Aufnahme des selben Jahres

Leibowitz

Royal Philharmonic Orchestra

Chesky

Menuet

1961

7‘25

4-5

sehr schlankes Musizieren, stringent, Klangbild etwas belegt

Barbirolli

Hallé Orchestra

BBCL

1966

8‘00

4-5

live, E mit mehr Nachdruch als 1949, HT con brio

Gielen

Sinfonie-Orchester des SWF

SWR

 

7‘33

4-5

live, E etwas nüchtern, HT viel Brio, Blick immer nach vorn gerichtet, schlanker heller Orchesterklang

Janowski

Dresdner Philharmonie

Rundfunkaufnahme

2002

8‘02

4-5

live, stringentes Musizieren, Blick immer nach vorn, überzeugende Siegessinfonie

Karajan

Philharmonia Orchestra London

EMI

1953

8‘24

4-5

 

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1970

8‘15

4-5

 

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1985

7‘57

4-5

 

Abbado

Wiener Philharmoniker

DGG

1987

7‘57

4-5

E etwas nüchtern, HT stringent, klangschöne Aufnahme

Abbado

Berliner Philharmoniker

DGG

1991

8‘00

4-5

live, GA, wie 1987

Kempe

Berliner Philharmoniker

EMI

1957

8‘37

4-5

breite, fast schon majestätische E, kleine Unebenheiten, darstellerische Konzentration, Orchesterklang nicht so rund wie später

Kempe

Münchner Philharmoniker

EMI

P 1974

8‘22

4-5

E ernst, in der Darstellung wie früher, Orchesterklang nicht so nah wie bei den BP

Ozawa

Saito Kinen Orcherstra

Philips

1997

8‘09

4-5

vorwärtsdrängend, konzentriert

Markevitch

Radio-Sinfonie-Orchester Berlin

IMP

1982

8‘17

4-5

stringent, empathisch

Thielemann

Wiener Philharmoniker

Sony

2005

8‘50

4-5

live, E moduliert, T. 24 Ritardando, HT 2. Th. etwas gewichtiger, 1. Vl. T. 263-266 und 271-274 gebunden

 

Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1953

7‘44

4

Anfangstakte nicht überzeugend, oberstimmenbetontes Musizieren, überzeugendes Finale, etwas entferntes Klangbild

Schuricht

Wiener Philharmoniker

archiphon

1956

8‘36

4

live, HT con brio, Vl. T. 42 ff nicht genau zusammen

Kertesz

Bamberger Symphoniker

Eurodisc

~ 1964

9‘08

4

ernste Grundhaltung, konzentriert

Kertesz

London Symphony Orchestra

BBCL

1964

9‘17

4

live – wie im Bamberger Studio

Bernstein

Wiener Philharmoniker

DGG

1980

8‘51

4

live, Musik mehr modelliert als früher, Bernsteins Freude am prallen Paukenklang auch hier nicht zu überhören

Maazel

Cleveland Orchestra

CBS Sony

1974

8‘31

4

nur die Musik

Böhm

Wiener Philharmoniker

DGG

1971

9‘19

4

gespannte E, ausgezirkeltes Musizieren, Genauigkeit steht ganz oben

Davis, Colin

Sächsische Staatskapelle Dresden

Philips

1991

9‘00

4

etwas persönlicher als 1985

Davis, Colin

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

CBS

1985

9‘05

4

ohne Lob und ohne Tadel, etwas stumpfe Bässe

Rögner

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin

Berlin Classics

1982

8‘26

4

T. 9 verkürzt, Holz gut getrennt abgebildet, stringentes Musizieren, Siegessinfonie etwas nüchtern

Barbirolli

Hallé Orchestra

EMI

1949

7‘57

4

E etwas nüchtern, HT con brio, vor allem im Tutti kompakter Klang

Keilberth

Berliner Philharmoniker

Teldec

1960

8‘35

4

gespannte E, HT ausladend, mit Nachdruck

Haitink

Concertgebouw Orchester

Philips

1985

8‘44

4

nur die Musik

Giulini

London Philharmonic Orchestra

BBCL

1975

9‘31

4

live – nicht so gespannt wie die Turiner Aufnahme, etwas starr und zu gewichtig

Cluytens

Berliner Philharmoniker

EMI

~ 1959

9‘08

4

breit genommene Eingangsakkorde, insgesamt weniger geschliffen, eher etwas herb musiziert

Tennstedt

London Philharmonic Orchestra

EMI

1984

8‘36

4

ohne persönliche Handschrift

Jochum

Bamberger Symphoniker

BMG

1985

9‘13

4

 

Horenstein

Orchestre National Paris

M&A

1954

8‘48

4

live, mit Nachdruck musiziert, Orchester leider nicht immer auf dem Niveau Horensteins

Marriner

SWR Sinfonie-Orchester Stuttgart

Capriccio

1991-94

8‘36

4

Marriner tritt hinter das Werk zurück, ohne Lob und ohne Tadel

Müller-Brühl

Kölner Kammerorchester

Naxos

2004

7‘56

4

E zerfällt in Abschnitte, einleitende Akkorde abwartend, HT stringent

Schmidt-Gertenbach

Sinfonia Varsovia

Arte Nova

1997

8‘52

4

sauber musiziert, ohne Lob und ohne Tadel

Ansermet

Orchestre de la Suisse Romande

Decca

1958

8‘24

4

klassizistische Darstellung, sehr helles Klangbild

Mengelberg

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Columbia            Naxos

1931

7‘54

4

E T. 15 ff etwas rührselig, vor dem 2. Thema langsamer, Singessinfonie sehr kompakt

 

Abendroth

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin

Tahra

1954

8‘20

3-4

live – HT Musik fast durchgepeitscht, 2. Th. jedoch etwas langsamer, kompakter Klang, im Tutti wenig transparent

Abendroth

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin

Bella Musica

1951

8‘16

3-4

live – E ohne Intensität, sonst wie 1954

Walter

Columbia Symphony Orchestra

CBS

~ 1959

7‘55

3-4

E schneller als gewohnt, T. 9 verkürzt, ähnlich wie 1954, nur im besseren Klanggewand, Verlangsamung vor dem 2. Th. weniger stark, kein Tempokontrast zum Finale

Walter

New York Philharmonic Orchestra

Sony

1954

7‘56

3-4

E schneller als gewohnt, T. 9 verkürzt, HT A.assai, vor dem 2. Th. langsamer

Masur

Gewandhausorchester Leipzig

Philips

1972

8‘35

3-4

in der E Holz zu viel Vibrato, Klang im Tutti etwas kompakt, Streicher ein wenig rau

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS

~ 1969

8‘52

3-4

musikantisch, nicht sonderlich differenziert, Pauke in Tuttiabschnitten immer sehr präsent

Schmidt-Isserstedt

Wiener Philharmoniker

Decca

1967

9‘15

3-4

kein großer Aufriss, sondern Abschnitte, moderates Tempo, Pluspunkt: Streicher der WP

Tennstedt

London Philharmonic Orchestra

BBCL

1991

9‘03

3-4

live, geringere Spannung, breites Klangpanorama beeinträchtigt Prägnanz, 1. Fl. T. 58-81 und später immer ein wenig herausgehoben

Weingartner

Wiener Philharmoniker

EMI                    Naxos

1937

7‘57

3-4

Tempomodifikationen, Siegessinfonie eher beiläufig, kompakter Klang mit geringer Transparenz in Tuttiabschnitten

Dohnanyi

Wiener Symphoniker

Philips

~ 1960

8‘21

3-4

Beethovens Musik nur durchgespielt

 

Stokowski

New Philharmonia Orchestra

Decca

1973

8‘45

3

E Tempomodifikationen beim Holz, HT spitz klingende Geigen bestimmen weitgehend das Klangbild. insgesamt deftiger Streicherklang, zum Schluss wird Piccoloflöte demonstrativ herausgestellt, Egmont eine Orchestershow?

 

Mengelberg

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Grammofono          APL

1943

8‘10

2-3

live – Retuschen, instabiles Tempo



Interpretationen in historisch-informierter Aufführungspraxis:

Chailly

Gewandhausorchester Leipzig

Decca

2009

7‘58

5

aus einem Guss musiziert, Hörner treten T. 217-224 dezent hervor, Piccoloflöte hier am deutlichsten

Zinman

Tonhalle Orchester Zürich

Arte Nova

2004

7‘17

5

E im Tempo, HT mit Empathie, Hörner T. 217-114 etwas herausgehoben, Verzierung der Oboenstimme T. 285 f

 

Norrington

SWR Sinfonie-Orchester Stuttgart

SWR

2004

7‘27

4

live, unveröffentlicht, Konzept von LCPL auf Sinfonie-Orchester übertragen, Musik unerbittlich durchgezogen, irgendwie aber auch faszinierend, T. 279-286 Ritardando

Harding

Deutsche Kammerphilharmonie

Virgin

1999

7‘36

4

etwas nüchtern, nur die Noten

 

Fey

Heidelberger Symphoniker

hänssler

2004/6

9‘23

3-4

live, kaum Tempokontrast zwischen E und HT, Fey ändert die Artikulation der Vl. ab T. 47, mehr Abschnitte als das Ganze



Interpretationen in historisch-informierter Aufführungspraxis auf Originalinstrumenten:

Immerseel

Anima Eterna

ZigZag

2006

7‘09

4-5

E genau im Tempo, akzentuiertes Musizieren, Drive

Goodman

The Hanover Band

hyperion

1983

7‘51

4-5

sauber musiziert, vorwärtsdrängend, trotz Hall transparenter Klang

 

Hogwood

Academy of the Ancient Music

Decca

1987

7‘37

4

E bewegt, HT locker und frisch

Harnoncourt

Chamber Orchesta of Europe

Teldec

1994

8‘05

4

mehr Abschnitte als ein großes Ganzes, T. 278 mp statt f

 

Norrington

London Classical Players

Virgin / EMI

1988

6‘41

3-4

E neu gehört, in einem Tempo, HT rhythmisch, doch auch mechanisch durchgepeitscht, T. 279-286 Ritardando, Siegessinfonie fast Presto 

Brüggen

Orchester des 18.Jahrhunderts

Philips

1991

7‘30

3-4

E ziemlich im Tempo, HT durchgezogen, alles ist gleich wichtig

GA Gesamtaufnahme der Egmont Schauspielmusik                 

Hinweise zu Dirigenten und ihren Interpretationen:

Otto Klemperer

Klemperer besaß eine gute Hand für die Egmont-Ouvertüre, schon seine früheste Aufnahme, die 1927 in Berlin zur Zeit seiner fruchtbaren Tätigkeit an der Kroll-Oper entstand, lässt aufhorchen: einer gespannten Einleitung folgt ein intensiv gestalteter Hauptteil, streng und konzentriert mit deutlichen Akzenten. Die klangliche Seite sieht jedoch mager aus, das Klangbild ist wenig durchsichtig und die Aufnahme (Wachsmatrizen) rauscht stark. Von ähnlicher Intensität, monumental, ist ein Live-Mitschnitt mit dem RSO Berlin, klanglich auch nicht mehr ganz frisch, jedoch transparent, man hört sogar deutlich die Piccoloflöte. Auch die Londoner Studioproduktion gehört zur Spitzenklasse, leider fehlt der Siegessinfonie etwas an Überschwang. Die Live-Aufnahme von den Wiener Festwochen 1960 mit dem selben Orchester drei Jahre später ist etwas matter ausgefallen, auch ist sie klanglich nicht so deutlich gezeichnet, die Streicher klingen etwas rau. In der Live-Aufnahme mit dem Kölner RSO lässt Klemperer sehr streng beginnen, der Hauptteil ist dann allerdings etwas starr geraten, er klingt mir eher sachlich. Das Klangbild ist auch hier kompakt ausgefallen.

Wilhelm Furtwängler

Zu den ersten Aufnahmen, die Furtwängler Ende der 20er bis Mitte der 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit den Berliner Philharmonikern tätigte, gehörte auch Beethovens Egmont-Ouvertüre, die überzeugend gelang. Bemerkenswert die Schwere der Musik in der Einleitung, deutliches Nachzeichnen der Basslinie T. 15-21 und ein kämpferischer Hauptteil. Trotz des Alters ist diese Einspielung noch sehr hörenswert, wie auch der Mitschnitt von Furtwänglers erstem Konzert nach dem 2. Weltkrieg in Berlin. Monumental, aber auch betroffen erklingt hier die Einleitung, auch der HT gibt sich kämpferisch. Sehr gespannt gelingen hier die acht Überleitungs-Takte zwischen Allegro und der Siegessinfonie. Die dritte Aufnahme wurde auf einem Gastspiel der Wiener Philharmoniker im Kongresssaal des Deutschen Museums München mitgeschnitten. Diese Aufnahme ist normaler, klassischer, ausgefallen, sie besitzt nicht mehr die Intensität des Berliner Mitschnitts. Furtwängler beginnt in allen drei Aufnahmen das Pauken-Tremolo bereits ab T. 339, also zwei Takte zu früh. Eine Quelle für diese Lesart ist mir nicht bekannt.

George Szell

Der ungarisch/böhmische Dirigent scheint zur Egmont-Ouvertüre ein inniges Verhältnis entwickelt zu haben, fünf Einspielungen liegen mir vor, davon stammen drei aus Konzerten der Salzburger Festspiele mit jeweils anderen Orchestern. In der Einleitung entwickelt Szell nicht so eine gespannte Atmosphäre wie z. B. Furtwängler oder Jochum, das Allegro gelingt ihm jedoch immer sehr fließend, rhythmisch akzentuiert und stringent mit einem majestätisch klingenden Schluss. Am besten gefallen mir die Studio-Produktionen mit dem Cleveland Orchester und den Wiener Philharmonikern (aus der Gesamtaufnahme der Egmont-Musik). Die Aufnahmen von den Salzburger Festspielen wiederum mit den Wiener Philharmonikern, der Staatskapelle Dresden sowie der Tschechischen Philharmonie überzeugen musikalisch, klingen jedoch etwas kompakt und besitzen nicht immer eine optimale Transparenz, bei den Pragern klingen mir die Streicher etwas rau.

Eugen Jochum

Die Egmont-Ouvertüre ist ein Aktivposten in Jochums Beethoven-Diskographie. In allen Aufnahmen gelingt ihm eine gespannte Einleitung, deren Tempo im letzten Takt vor dem HT in ein wenig gebremst wird. Sehr deutlich hört man die Bassbewegung T. 15 ff beim LSO. Das Allegro hat Intensität und wird stringent durchgezogen, wobei 1977 und noch mehr 1985 Spannung und Tempo jedoch etwas nachlassen. Erwähnt werden sollte noch, dass 1977 in den T. 263-266 und 271-274 die 1.Violinen gebunden werden.

Herbert von Karajan

Legt man die Egmont-Ouvertüre mit Karajan auf, fallen sofort die sehr breit genommenen Anfangsakkorde (Takte 1-4 und 9-11), die wie ein Fanal klingen, ins Ohr. Bei der Aufnahme mit dem Philharmonia Orchestra hören sie sich wie ausgewalzt an, in den späteren Berliner Aufnahmen mildert der Dirigent den herben Klang etwas ab. Der Hauptteil ist überall durchgehend stürmisch bewegt. Beim POL bremst Karajan in der Siegessinfonie ab T. 329 das Tempo etwas ab, in seiner letzten Aufnahme wird der Piccoloflöte keine Aufmerksamkeit geschenkt.

eingestellt am 08. 12. 04

letzte Ergänzung: 04. 01. 13

 

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