Das Klassik-Prisma

 

 

 Bernd Stremmel

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Joseph Haydn

 

Andante con variazioni f-Moll Hob. XVII:6

 

In der Originalhandschrift (1793) ist das vorliegende Klavierstück, übrigens das letzte von Haydn, als Sonata  bezeichnet. In einer Originalkopie mit den Korrekturen des Komponisten ist das Stück allerdings mit un piccolo Divertimento“ überschrieben, also ein kleines Stück zur Unterhaltung, Unterhaltendes kann man in diesen oft ausdrucksstarken Takten jedoch kaum finden. Heute firmiert es in der Musikwelt als Andante con variazioni. Es ist tatsächlich ein Variationwerk, aber nicht derart, wie wir es kennen, in der ein gegebenes Thema mehrmals hintereinander verändert vorgestellt wird, sondern es sind gleich zwei Themen, die abwechselt je zweimal variiert werden, dabei steht das erste in Moll, das zweite in Dur. Musikologen sind der Meinung, dass diese Art der Variationen auf Carl Philipp Emanuel Bach (Sonate c-Moll Wq 50 Nr. 6) zurückgehen soll.

Schematisch lässt sich die Abfolge der Variationen folgendermaßen darstellen:

 

 

Tonart

Anzahl Takte

Wiederholung

 

Th 1

f-moll

12

x

 

Var 1 M

f-moll

17

x

 

Th 2

F-Dur

10

x

 

Var 1 D

F-Dur

10

x

 

Var 2 M

f-moll

12

x

 

Var 3 M

f-moll

17

x

 

Var 2 D

F-Dur

10

x

 

Var 3 D

F-Dur

10

x

 

Var 4 M

f-moll

12

x

 

Var 5 M

f-moll

17

x

 

Var 4 D

F-Dur

8

x

 

Var 5 D

F-Dur

10

x

 

Einschub

 

5

x

von Haydn entfernt

Var 6 M

f-moll

12

-

= Th 1

Var 7 M

f-moll

12

-

bis T. 172  = Var 1 M

Coda

F-Dur

59

-

 

 

Wie aus der Tabelle zu entnehmen ist, arbeitet Haydn in den beiden Themen und den Variationen nicht mit den üblichen acht Taktzahlen, was etwas verwundert. Viele Autoren subsummieren die beiden Themen in Moll und Dur zu den Variationen, obwohl Haydn unzweideutig Andante con variazioni vermerkt.

 

Sehr erstaunt war ich, als ich die Interpretationen von Christiane Schornsheim und Ronald Brautigam hörte, die bis dato ungehörte fünf Takte nach der fünften Dur-Variation spielen (Einschub). Sie als Hörer werden sie auch nicht kennen. Haydn bleibt in seiner Musik objektiv, schlendert von Variation zu Variation und lässt sich nicht in die Karten schauen. Plötzlich – nach Var. 5 D – merkt man als Zuhörer, dass aus ihm schiere Verzweiflung bricht, wie man sie vorher von diesem äußerst disziplinierten und diskreten Komponisten, der alles Private außen vor lässt, noch nie gehört hat. Der Grund für diesen plötzlichen heftigen Gefühlsausbruch werden wir nicht mehr in Erfahrung bringen können.

 

Musikologen berichten, Haydn habe das Stück vor Drucklegung nochmals überarbeitet und eine Coda angefügt. Vielleicht hat der Komponist diese fünf Takte wieder gestrichen, die allerdings die Rückführung nach f-Moll umso schmerzhafter erscheinen lassen. In den Erstdruck gingen die fünf Takte nicht ein, auch die späteren brachten sie nicht. Erst ein ungarischer Verlag, ein Discounter im Verlagswesen, setzte sich über Haydns Willen hinweg und machte diese Takte nach ca. 200 Jahren zugänglich.

 

Als höchst erfreulich muss man das interpretatorische Niveau der einzelnen Darbietungen anerkennen, ich kann Ihnen keinen misslungenen Aufnahmen nennen.

 

Bei der Umsetzung der erwartenen Wiederholungen sieht es so aus: die Mehrheit der Interpreten erfüllen Haydns Wunsch und spielen alle, manchmal mit Ausnahme einer, oft ist es die Variation 2 D, ein Grund ist mir nicht ersichtlich. Einige Musiker der älteren Pianistengeneration verzichten konsequent auf alle Wiederholungen, das ist mit o. W. gekennzeichnet.

 

 

5

Friedrich Gulda

hänssler

1959

14‘24

 

live, Gulda greift jede Gelegenheit zur Gestaltung auf, z. B. das Spielerische in Var. 4 D, lebendige Darstellung

5

Ragna Schirmer

Berlin Classics

2001

14‘02

 

festes Tempo, differenziert, dynamische Abstufungen, verbindlicher Klang, Gefühl muss sich nicht verbergen, kleine Verzögerungen bei Doppelschlägen, Wiederholung Var. 2 D fehlt

5

Jevgeny Sudbin

BIS

2010

14‘44

 

organisches Musizieren, fantasievoller Umgang mit dem Notentext, dezenter Einsatz des rechten Pedals, p-Stellen könnten noch leiser sein, Wiederholung Var. 2 D fehlt

5

Christian Zacharias

EMI

P 1978

15‘14

 

geschmeidiges Klavierspiel, Pianist möchte mit farbigem Spiel der Dur-Variationen den melancholischen Moll-Variationen entgegenwirken, dramatisches Finale, Wiederholung Var. 2 D fehlt

5

Eduard Erdmann

DGG

1948 oder 1949

12‘16

 

mit viel Spannung, punktierter Rhythmus immer im Blick, Moll-Dur-Wechsel herausgestellt, dramatischer Schluss, Wiederholung Var. 2 D fehlt

5

Wilhelm Backhaus

Decca

P 1958

9‘22

 

natürliches Musizieren in Artikulation und Dynamik, Musik atmet, o. W.

5

Wilhelm Backhaus

Ermitage

1960

9‘00

 

live, wie zuvor, o. W., abgesehen von Var. 4 D

5

Alain Planès

HMF

2001

16‘41

 

sehr sorgfältig, Planès stellt die Moll-Dur-Gegensätze stärker heraus als andere, Mikro dicht am Instrument

5

Svjatoslav Richter

Live Classics

1992

12‘45

 

live, Andante con moto, Musik gestaltet, melancholische Moll-Abschnitte, in den Variationen 4/5 sowohl in Moll als auch in Dur herausgestellte Skalen – leise dumpfe Geräusche (Pedal?)

5

Michael Korstick

Oehms

2004

14‘10

 

einfühlsamer Umgang mit dem Notentext, Dramatik der Coda nicht übersehen, Var. 2 D ohne Wiederholung

5

Alfred Brendel

Philips

1985

15‘29

 

kein durchgehend festes Tempo, Brendel passt es den musikalischen Gegebenheiten (dem vermeintlichen Inhalt) an, fantasievolle Gestaltung mit leicht romantisierendem Einschlag

5

Alfred Brendel

Decca

2008

11‘17

 

ähnlich der früheren Aufnahme, ab Var. 2 M verzicht Brendel auf die Wiederholungen – der Pianist begleitet jetzt mit leisen akustischen Kommentaren

5

Alicia de Larrocha

Decca

1976

13‘11

 

bei den Wiederholungen hier und da geringfügige Änderungen in der Artikulation, am Ende oft leichtes Ritardando, blitzsauberes Musizieren, sehr klar und transparent

5

Jevgenij Koroliov

hänssler

2004

17‘28

 

sehr sorgfältig, objektive Darstellung, Variationen in Dur geringfügig schneller

   

 

4-5

Carl Seemann

DGG

P 1959

8‘47

 

sorgfältig, jedoch wie nur durchgespielt, Seemann bringt wenig Persönliches ein, Musik eher graziös, ohne Schwere, Var. 3 M ohne sf, o. W.

4-5

Marc-André Hamelin

hyperion

2008

12‘38

 

pianistisch blitzblank, festes Tempo, differenziert, dynamische Abstufungen, bei aller Bewunderung doch zu artifiziell, Wiederholung Var. 2 D fehlt

4-5

Michail Pletnjew

Virgin

1988

8‘02

 

schnelles Andante, zielstrebig durch das Werk, ab Var. 4 M etwas schneller, ab T. 175 nochmals, später jedoch wieder zurückgenommen, hier und da schaut Beethoven um die Ecke, o. W.

4-5

Arthur Rubinstein

RCA

1960

10‘01

 

anfangs sehr ruhig, ab T. 30 etwas schneller, auch Var. 4 D schneller, in Var. 2 M (T.56-60) Sechzehntel der linken Hand nicht nachschlagend sondern betont, eigene Dynamik, o. W. – „als wär’s ein Stück von Mozart“

4-5

Rudolf Buchbinder

Teldec

1975

16‘51

 

einige leichte Rubati in Moll-Variationen, ab T D ein wenig schneller, die zahlreichen Zweiunddreißigstel-Läufe zu mechanisch, aus f wird schnell ein ff,  Wiederholung in Var. 2 D fehlt

4-5

Clifford Curzon

BBCL

1961

8‘53

 

abwechslungsreiche Darstellung, Moll-Abschnitte geringfügig schneller, Curzon entdeckt in den Dur-Variationen 4 du 5 das Spielerische der Musik, sf  in Var. 3 M bleiben unbeachtet,  o. W.

4-5

Annie Fischer

BBCL

1958

8‘31

 

Andante con moto, Pianistin spielt durch das Werk, als wäre es Haydns „Bilder einer Ausstellung“, sf  in Var. 3 M bleiben unbeachtet, o. W.

   

 

4

Claudio Arrau

M & A

1938

8‘52

 

auch damals bei Arrau alles sehr sorgfältig und gewichtig, jedoch weniger locker und spritzig, Th D etwas schneller, am Ende vieler Variationen sanftes Ritardando, o. W.

4

Clara Haskil  

Naxos

1934

6‘04

 

eine ihrer frühen Aufnahmen, am Ende einer Variation sanftes Ritardando, o. W, Haskil springt aus unerklärlichen Gründen in Var 7 M (T. 168) in die Coda (ab T. 210) - Bratkartoffelrauschen

4

Jörg Demus

Warner Fonit

1989

10‘01

 

etwas hölzernes Klavierspiel, bei Doppelschlägen jeweils winzige Verzögerung, sf  in Var. 3 M bleiben unbeachtet, T. 133 Zweiunddreißigstel-Triolen am Ende nicht wie vorgesehen, o. W.

   

Interpretationen mit Hammerflügel

   

5

Ronald Brautigam

BIS

1998-2002

14‘54

 

fantasievoller Umgang mit dem Notentext, die Dur-Variationen etwas belebter, das Spielerische kommt gut heraus, Brautigam achtet auf Moll-Dur-Gegensätze, Dramatik der Coda besonders herausgestellt, Instrument: Paul McNulty nach Anton Walter, etwas (Kirchen-) Hall

5

Christiane Schornsheim

Capriccio

2004

16‘28

 

fantasievoller Umgang mit dem Notentext, Schornsheim achtet auf Moll-Dur-Gegensätze, Instrument: Broadwood-Hammerflügel

 

 eingestellt am 20. 11. 20

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