Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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La Mer

Drei sinfonische Skizzen

Von der Morgendämmerung bis zum Mittag auf dem Meer

Spiel der Wogen

Zwiesprache von Wind und Meer

 

Für die meisten Komponisten im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts war die Sinfonie nach den „Brocken“ von Brahms und vor allem Bruckner kein Gebiet, auf der sich noch kompositorische Meriten holen ließen, Mahler ist da die große Ausnahme. Reger wagte sich an diese Gattung heran, traute sich jedoch nicht zum finalen Schritt und kam über eine Sinfonietta nicht heraus. Strauss pflegte die in der thematisch-motivischen Arbeit weniger anspruchsvollere Sinfonische Dichtung und hatte damit großen Erfolg. Auch für Debussy war die Gattung Sinfonie kein Thema, da sie ihm aufgrund ihrer formal ziemlich festgelegten Gestaltung zu akademisch schien. Interessant ist jedoch, dass er zwischen den einzelnen Sätzen thematische Verknüpfungen zuließ, wie man es u. a. von Cesar Francks d-Moll-Sinfonie kennt. Eine weitere Parallele scheint mir die Zuspitzung der Musik und der abschließende triumphale Höhepunkt am Ende des letzten Satzes, so etwas findet man in seiner Orchestermusik nicht ein zweites Mal.

Debussy war als Anti-Wagnerianer bekannt und doch findet sich in der Partitur von La Mer eine Stelle, die sich wie Musik aus der Götterdämmerung 3. Akt anhört, es sind vier Takte im Finalsatz, T. 137/38 und T. 134/44. Die meisten Dirigenten weisen auf diese Wagner nachempfundene Musik hin, ausgenommen der spätere Ring-Dirigent Pierre Boulez, der kühl über diese Stelle hinweggeht! War sie ihm vielleicht peinlich? Im Anschluss an diese Stelle wechselt Debussy zu Bruckner mit seinem berühmten Rhythmus aus zwei Vierteln mit nachfolgender Vierteltriole, viele Dirigenten gehen kühl darüber hinweg, Immerseel dagegen bringt ihn sehr deutlich.

Bleiben wir noch beim Finalsatz. In der in schöner Handschrift verfassten Originalpartitur aus dem Jahre 1905 fügt Debussy unmittelbar vor Beginn (T. 237-244) ein zusätzliches Motiv für die Hörner und Trompeten ein, das zweimal wiederholt wird. Außerdem führt die Piccoloflöte ihre ganztaktigen Liegetöne weiter. Für die Druckausgabe der Partitur beim französischen Verleger Durand vier Jahre später tilgt der Komponist diese Stimmen wieder. Gerade die älteren Dirigenten finden die ursprüngliche Version überzeugender und bringen sie bei ihren Aufnahmen, allerdings nicht immer gleichmäßig, manche betonen eher die Hörner, andere die Trompeten: Monteux, Stokowski, Schuricht, Reiner, de Sabata, Ansermet, Münch (nur RCA), Mitropoulos und Mrawinsky. Aber auch jüngere bevorzugen die Erstfassung, wie Solti, Karajan, Dutoit, Celibidache, Davis, Ashkenazy, Abbado, Saraste und Tilson Thomas.

 

Abbado*

Lucerne Festival Orchestra

DGG

2003

23‘21

5

Abbado durchleuchtet die Partitur, sehr farbiges Klangbild, Klangfarben der einzelnen Instrumente bestens eingefangen, I deutliche Nebenstimmen, z. B. Hörner T. 115/118, T. 135/136 neu gehört, II hellwach, immer auf dem Sprung, zum Satzende hin zugespitzt, III mit ansteckender Begeisterung, emphatisch, souverän!

Paray

Detroit Symphony Orchestra

Mercury

1955

22‘06

5

I rhythmisch, durchsichtig, fein gezeichnet, spannungsvoll, II con spirito, III aufgewühlt, fiebernd

Münch

Boston Symphony Orchestra

RCA

1956

22‘50

5

 

Münch

Orchestre National de l’ORTF

Concert Hall    Scribendum

1966

22‘48

5

 

Ashkenazy

Cleveland Orchestra

Decca

1986

23‘11

5

I musikantisch, rhythmisch, nervös, emphatisch, sehr schön die Streicher in den T. 53-56, II Atmosphäre, III Spannung bis zum letzten Ton

Szell

Berliner Philharmoniker

Orfeo

1957

22‘03

5

 

Szell

Cleveland Orchestra

CBS   Sony

~ 1963

22‘56

5

 

Szell

Cleveland Orchestra

Ermitage

1957

22‘01

5

live

Szell

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

EMI

1962

21‘38

5

live

 

Markevitch

Lamoureux Orchester Paris

DGG       EMI

1959

24‘19

5

I sehr deutlich, in welcher Aufnahme spielen die Streicher so präsent bis T. 22 wie hier?, französische Bläser, weiche Hörner!, II trotz das etwas gezügelten Tempos vital, III immer hellwach und deutlich

Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

P 1977

22‘46

5

I pulsierend, nuancenreich, Atmosphäre, gute Bassgrundierung, II Transparent, sehr lebendig, III vital!


Monteux

Boston Symphony Orchestra

RCA

1954

22‘34

4-5

I impulsiver als Paray, aber auch unruhiger, herber, II dramatisch, zupackend, jedoch nicht immer ganz deutlich, III überzeugend

Barbirolli

Orchestre de Paris

EMI

P 1969

26’01

4-5

frisch, lebendig, mit viel Klangsinn, Barbirolli durchleuchtet die Partitur, Spannungsbögen, Atmosphäre, transparentes, farbiges Klangbild, das auch dem Schlagzeug überzeugend gerecht wird

Fournet

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1963

24’09

4-5

I darstellerische Konzentration, atmosphärisch dicht, moderates Tempo, II Blick auf jedes Detail, prickelndes Allegrotempo, III Spannungsbögen!, Finale nicht demonstrativ – farbiges Klangbild

Ansermet

Orchestre de la Suisse Romande

Decca

1957

22’57

4-5

I Musik eher als Klangfläche verstanden, trotzdem rhythmisch bewegter Organismus, II deutliches Glockenspiel sowie Triangel, sehr lebendig, zupackend, aufgewühlt, III etwas weniger fiebernd, fülliger Klang

Tilson Thomas

Philharmonia Orchestra London

Sony

1982

24‘46

4-5

immer sehr deutlich (Glockenspiel, wo hört man es so deutlich?), mit viel Klangsinn, Dynamik im unteren Bereich nicht immer top

Dutoit

Orchestre Symphonique de Montreal

Decca

1989

22‘53

4-5

I sehr transparent, die einzelnen Stimmverläufe gut nachgezeichnet, im Tempo etwas zurückhaltend, II rhythmisch, mit Verve, III die ganze Farbpalette Debussys erstrahlt, jedoch ohne letzte Deutlichkeit in der Differenzierung

Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

RCA      History

1938/39

23‘15

4-5

I eindringlicher Sonnenaufgang, mit viel Einfühlungsvermögen gestaltet, II/III überzeugende dynamische Gestaltung, emphatisch – kompaktes Klangbild, einige Details gehen verloren

Mitropoulos

New York Philharmonic Orchestra

CBS       EMI   

1950

22‘28

4-5

 

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1985

23‘52

4-5

 

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1964

22‘35

4-5

 

van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1957

25‘59

4-5

I ungekünstelt, natürlich, mit darstellerischer Konzentration, II mit Verve, pulsierend, III vielschichtig, prickelndes Allegrotempo

Silvestri

Bournemouth Symphony Orchestra

BBCL

1965

22‘15

4-5

live – Atmosphäre gleich vom ersten Takt an, con spirito, schwungvoll

Plasson

Orchestre du Capitole de Toulouse

EMI

1987/88

23’07

4-5

Partitur aufmerksam und mit Klangsinn nachgezeichnet, I Polyrhythmus T. 128-31 herausgehoben

Cantelli

Philharmonia Orchestra London

ica-classics

1954

22‘04

4-5

live

Cantelli

Philharmonia Orchestra London

EMI

1954

22‘39

4-5

 

Maazel

Cleveland Orchestra

Decca

1977

22‘20

4-5

I vielschichtig, farbenreich, jedoch kaum Spontaneität spürbar, II/III das Artifizielle betonend, Orchesterschaustück, Brücke von Debussy zu Ravel – orchestral bleiben keine Wünsche offen

Boulez

Cleveland Orchestra

DGG

1991

23‘29

4-5

 

Salonen

Los Angeles Philharmonic Orchestra

Sony

1996

22‘09

4-5

farbenreiches Musizieren, sehr bewegt, Salonen trifft den Nerv der Musik, transparentes Klangbild

Davis, Colin

Boston Symphony Orchestra

Philips

1982

23‘56

4-5

aus der Ruhe heraus musiziert, facettenreiches, bewegt pulsierendes und atmosphärisch dichtes Spiel

Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1960

24‘56

4-5

I mit der von Reiner gewohnten Sorgfalt, Satz zerfällt jedoch in Abschnitte, II nerviges Espressivo, rhythmisch pulsierend, III mit Hingabe, Spannungsbögen!


Celibidache

SDR Sinfonie-Orchester Stuttgart

DGG

1977

28‘10

4

I gelungener Sonnenaufgang, sehr langsam ausgebreitet, II geschmeidiger als früher, abwechslungsreiche Klangfarben, ausdrucksvoll, am beeindruckendsten in den Sätzen 2 und 3 sind die riesigen Spannungsbögen: von der äußersten Ruhe bis zum exaltiertesten Höhepunkt

Sabata

Orchestra di Santa Caecilia Rom

Testament

1948

23‘18

4

Sabata lässt die Musik sprechen, nimmt sich ganz zurück, ungekünstelt, zeitbedingte Portamenti

Mitropoulos

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

ica-classics

1960

22‘07

4

live

Mitropoulos

Berliner Philharmoniker

Orfeo

1960

22‘17

4

live

Previn

London Symphony Orchestra

EMI

P 1984

24‘27

4

bewegt pulsierend, warmherzig, farbiges Klangbild mit hoher Transparenz, jedoch auch etwas nivellierender, auftrumpfender Breitwandsound

Giulini

Philharmonia Orchestra London

EMI

1962

25‘15

4

 

Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1977

25‘11

4

 

Münch

RAI Orchester Turin

Tahra

1951

20‘44

4

live

Bernstein

Orchestra di Santa Caecilia Rom

DGG

1989

26‘28

4

 

Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1950

23‘07

4

sehr sorgfältig, jedoch sachlich, etwas distanziert

Silvestri

Conservatoire Orchester Paris

EMI

forgotten records

1958

23‘19

4

I etwas neutral, II sehr bewegt, Klangbild nicht optimal transparent, einiges verschwimmt, III mit viel Einsatz,, überschwängliches Finale

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS    Sony

1961

24‘03

4

 

Boulez

New Philharmonia Orchestra London

CBS   Sony

1968

24‘01

4

 

Celibidache

Berliner Philharmoniker

audite    M&A

1947

25‘36

4

I langsam, den Anforderungen der Partitur gerecht werdend, teilweise etwas trocken, II bewegt, kapriziös,, teilweise auch etwas starr, Spannungsbögen, III Orchester etwas rau, wenig geschmeidig, fehlende Erfahrung mit dem Werk – für 1947 erstaunlicher Klang, Mikros sehr nahe an den Instrumenten, jedoch auch viele Störungen aus dem Orchester heraus, sehr blechern klingende Becken

Stokowski

London Symphony Orchestra

Decca

1969

26‘28

4

ein Klangerlebnis, teils atmosphärisch dicht, teils geschmäcklerisch übertrieben, viel Rubato, einzelne Stellen werden regelrecht vorgeführt, wie z. B. in Satz I T. 122-131 – Ästhetik einer vergangenen Zeit

Karajan

Philharmonia Orchestra London

EMI

1953

23‘58

4

 

Mrawinsky

Leningrader Philharmonie

Russian Disc

1962

23‘25

4

live – I größtenteils wie mit Pastellfarben gemalt, II mehr zupackend, energetisch, III russischer Debussy

GIulini

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Sony

1994

26‘14

4

 

Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS   Sony

1959

24‘06

4

I Musik aus der Ruhe heraus entwickelt, II u. III facettenreich, locker, jedoch geringere Spannung

Barbirolli

Philharmonisches Orchester Bukarest

Archipel

1958

23‘04

4

live – nicht immer so deutlich wie in der späteren Version bei EMI, jedoch zupackender, drängender, Orchesterleistung auf niedrigerem Niveau – kompakter Klang, viele Publikumsgeräusche


Martinon

Orchestre National de l’ORTF

EMI

1973

24‘18

3-4

Martinon neigt zu einem Mischklang, nicht immer hinreichend transparent, dynamische Differenzierung nicht immer top, klingt etwas al fresco

Schuricht

Sinfonie-Orchester des SDR Stuttgart

archiphon

1962

23‘31

3-4

live – gute Darstellung, jedoch kompakter Klang, fast wie hinter einem Schleier, vielleicht deshalb manches nicht so deutlich – I ruhig, jedoch nicht schleppend, II Glockenspiel?

Horenstein

Orchestre National de l’ORTF

M&A

1966

25‘25

3-4

live – wenig offener Klang, teilweise wie verschleiert, vor allem die Streicher bleiben oft undeutlich, Klangfarben der Instrumente können sich nicht entwickeln, ohne Duft, Orchester spielt nicht in der 1. Liga – hellwaches Dirigat Horensteins, Hörner in Satz 2 T. 54-59 endlich einmal im Tempo

Saraste

Rotterdam Philharmonic Orchestra

Virgin

1990

23‘21

3-4

solide, eher kontemplativ, insgesamt wünschte ich mir Motive und Themen etwas schärfer gezeichnet, kaum richtig zupackend, geringe Spannung, etwas blasser Klang

Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI

1992

33‘10

3-4

live – I/III schleppend, zeitweiser Stillstand, die Farbe gebenden Harfen klimpern im 1. Satz T. 132-34 verloren im Raum, II bester Satz, hier passt Celis Konzept, stimmungsvoller Schluss – spätromantischer Ansatz

Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1976

23‘57

3-4

solide, sorgfältig, jedoch trocken musiziert, wo sind die besonderen Klangfarben?, Glockenspiel?

Rattle

Berliner Philharmoniker

EMI

2004

24‘14

3-4

Rattle neigt zu einem Mischklang, I Hörner T. 53-58?, teilweise deutliche Ritardandi, III geringe Spannung; positiv: gute dynamische Differenzierung im unteren Bereich!

Barenboim

Chicago Symphony Orchestra

Teldec

2000

25‘00

3-4

I solide Leistung, einige Durchhänger, II Spannung auf niedrigem Level, Musik nicht immer zu einem Ganzen geformt, etwas breit, III etwas schleppend, mit breitem Pinsel


Gergeiv

London Symphony Orchestra

LSO Eigenlabel

2004

25‘17

2-3

live – I oft nur ein Konglomerat von Motiven/Stimmen, wenig Entwicklung, der Rhythmus spielt hier eine untergeordnete Rolle, sehr ruhige Gangart, unentschlossen, II Hörner können ihre führende Rolle nicht ausspielen, eher nur eine Zutat, III unentschlossen, farblos

Denève

Royal Scottish National Orchestra

Chandos

2011/12

23‘49

2-3

I unzusammenhängend aneinander gereihte Abschnitte, vieles wird unklar wiedergegeben, die rhythmische Karte wird nicht gezogen, keine optimale Transparenz, II geringe Spannung, III kaum Sog-Wirkung, Hörner können ihre führende Rolle nicht ausspielen

 

Interpretationen in historisch informierte Aufführungspraxis und mit Originalinstrumenten:

Immerseel

Anima Eterna

ZigZag

  2012

25‘12

4-5

I facettenreiches Musizieren, ungekünstelt, konzentriert, II atmosphärisch dicht, manche Stellen wie neu gehört, deutliches Glockenspiel, III Musik wird nicht forciert – warmer Klang, Holz und Blech sehr gut austariert

 

*Die Einordnung von Abbados Aufnahme fand bereits vor seinem Tode statt.

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen:

George Szell

Von Otto Klemperer stammt das etwas boshafte Bonmot, das er nach einer Aufführung von La Mer mit Szell als Dirigenten äußerte: „Das war nicht La Mer, sondern S-Zell am See“ [Zell=österreichische Stadt am gleichnamigen See]. Wahrscheinlich schien Klemperer Szells Aufführung wenig elementar, zu genau gezeichnet. Leider besitzen wir von Klemperer keine Aufführung, um sie mit Szells Auffassung vergleichen zu können. Meiner Meinung nach kommt letzterer mit seinen vitalen Interpretationen Debussys Vorstellung sehr nahe. Wie eigentlich immer, durchleuchtet er auch hier die Partitur. Im ersten Satz stellt er in den Takten 93-95 die Motive der Oboe, des Englischhorns und der Klarinette zunächst als Begleitung zur Flötenmelodie deutlich heraus, sicher im Hinblick auf die folgenden Takte, in dem diese von Celli und Harfen molto crescendo verstärkt werden. Bei vielen Dirigenten bleibt diese Stelle unterbelichtet und blass. Auch die Polyrhythmik bei Flöten, Englischhorn und den zwei Solo-Celli T. 128-131 im selben Satz kommen bei diesem Kapellmeister immer klar heraus. Ganz obenan stelle ich den Salzburger Mitschnitt mit den Berliner Philharmonikern bei Orfeo, er hat für mich den wärmsten Klang. Von den beiden Aufnahmen mit dem Cleveland Orchester ziehe ich auch die live-Aufführung aus Lugano vor, sie ist in allen Sätzen die schnellste sowie agilste aller Szell-Aufnahmen, eine Ohrenweite, wie er die vielen Temporückungen in kurzen Abständen überzeugend darstellt. Auch die Studio-Produktion überzeugt durch inspiriertes, atmosphärereiches Musizieren, wobei die rhythmische Komponente voll ausgespielt wird. Die letzte Aufnahme stammt aus Köln mit dem dortigen WDR-Sinfonie-Orchester, mit dem Szell regelmäßig musizierte. Die Aufnahme wurde einst von EMI in der Reihe Great Conductors herausgebracht. Auch sie spiegelt Szells Tugenden wider, hier entpuppt er sich als Meister der Agogik, vor allem im Finale. Erwähnt werden sollte noch, dass Szell bei allen Produktionen im 2. Satz in den Takten 187-218 eine fulminante Steigerung hinlegt.

Charles Münch

Münch war ein überzeugender Anwalt der Tondichtung La Mer. Trotz ihre Alters überzeugt die Bostoner Aufnahme durch ein transparentes Klangbild, die Darstellung hat viel Atmosphäre, ist sehr lebendig gespielt, im 2. Satz partiell beinahe atemlos, rhythmisch, feurig, fast elektrisierend dann das Finale. Die spätere Aufnahme mit dem Pariser Orchestre National klingt präsenter, man meint, der Hörer säße in der 1. Reihe. Interpretatorisch fährt sie auf derselben Höhe, nur das Orchester spielt nicht so geschmeidig wie das BSO. Noch älter ist der live-Mitschnitt aus Turin, der in allen Sätzen schnellere Tempi vorlegt, im 2. Satz zu schnell, dabei gehen Einzelheiten (z.B. das Glockenspiel) oder die Stimmführung leicht verloren. Das Klangbild ist weniger transparent und weniger präsent, das Orchesterspiel auch manchmal etwas grob, die Kornette im Finale überschlagen sich fast. Im Konzertsaal wird diese Darstellung überzeugend geklungen haben.

Dimitri Mitropoulos

Mitropoulos‘ erste Aufnahme gefällt mir am besten: gleich zu Beginn überzeugt ein eindrucksvoll dargebotener Sonnenaufgang, auch im weiteren Verlauf wird mit viel Nachdruck musiziert. Der 2. Satz wird sehr bewegt, geradezu aufgewühlt musiziert. Im Finale bleibt er mehr episch, steigert die Musik dann jedoch zum Finale hin. Das helle Klangbild ist nicht immer hinreichend transparent, vielleicht kommen deshalb manche Stellen nicht ganz deutlich heraus. Kurz vor seinem plötzlichen Tode 1960 führte Mitropoulos La Mer mit den Berliner Philharmonikern in Salzburg auf sowie mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester beim WDR, einige Tage danach dirigierte er dasselbe Orchester, dessen erster Chef-Dirigent M. werden sollte, bei Mahlers 3. Sinfonie. Im Vergleich der letzten beiden Mitschnitte fällt die Kölner Aufnahme durch einen wesentlich besseren Klang auf. In der Darstellung können beide jedoch nicht ganz mit seiner Studio-Produktion mithalten, die Kölner kommt ihr jedoch ziemlich nahe, vor allem in den beiden letzten Sätzen. Die Berliner spielen hier ruhiger, im 2. Satz mit weniger Spannung.

Herbert von Karajan

Debussys La Mer hatte in Karajans Repertoire einen festen Platz, viermal hat er die Tondichtung für die Schallplatte aufgenommen. Obwohl das keine generelle Feststellung sein soll, muss doch gesagt werden, dass die DG-Aufnahmen hier besser klingen als die EMI-Produktionen. Die POL-Produktion hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck, im ersten Satz sind die Stimmverläufe nicht immer klar, die wichtigen Hörner spielen oft zu leise, der Vortragsstil ist etwas sachlich, als suche der Dirigent noch nach der richtigen Art der Aufführung. Wie ausgewechselt klingen dann die Sätze 2 und 3, leider sind die orchestralen Leistungen noch nicht auf dem späteren Niveau dieses Klangkörpers. Abgesehen vom 2. Satz wird in der Berliner EMI-Aufnahme am langsamsten gespielt, alles wird etwas zurückhaltend, weniger vital dargeboten. Dazu kommt noch eine Klangtechnik, die die Instrumente nicht klar trennt, sondern zum Verschmelzen neigt. Hier gefällt mir der Mittelsatz, da rhythmisch bewegt vorgetragen, am besten. Das Finale hat m. E. kaum Flair und klingt etwas distanziert. Bei ihrem Erscheinen im Jahre 1965 wurde Karajans erste DG-Einspielung von der Fachkritik und vom Publikum als eine vorzügliche, sowohl orchestral als auch klanglich, Umsetzung von Debussys Meisterwerk. Gleich zu Beginn hatte die Musik Atmosphäre, aber es fehlt ihr eine gewisse Lebendigkeit, im T. 77 sind Trompeten und Geigen nicht ganz zusammen. Besser dann wieder die folgenden Sätze, rhythmisch bewegt, pulsierend dargeboten. Seine letzte Aufnahme überzeugt dann auch im Kopfsatz und käme ganz nahe an die Spitzenaufnahmen heran, wenn sich Karajan nicht nur den „schönen Stellen“ widmen, sondern mehr auf den kompositorischen Zusammenhalt achten würde, klanglich ist sie ein Ereignis.

Sergiu Celibidache

Celibidaches Interpretationen haben seit je seine Hörerschaft gespalten. Die einen feiern sie als musikalische Offenbarung, die für die meisten anderen Dirigenten außerhalb ihrer Vorstellungskraft und den damit verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten lag. Die andere sehen die Resultate seiner Arbeit sehr kritisch, da seine teilweise minimalistische Betrachtung des Notentextes immer wieder mit langsamen, bei fortgeschrittenem Alter sehr langsamen Tempi einhergeht, was ihrer Meinung nach zur Langatmigkeit führt. Celis Interpretationen zu lauschen und von ihnen eingenommen zu werden hängt m. E. auch vom persönlichen Biotonus des Zuhörers ab, je nachdem er schnellere Tempi, einhergehend mit lebhafter und zupackender Gestaltung, bevorzugt, oder ob er mehr Gefallen findet an einer genüsslichen Ausbreitung der Partitur mit weitgehend kammermusikalischer Feinabstimmung und Blick auf die unterschiedlichen Klangfarben der Instrumente. Abgesehen davon stört immer wieder Celis Antreiben der Musiker beim Ansteuern von Höhepunkten, mit Geräuschen wie bei einer Dampflokomotive.

Carlo Maria Giulini

In der Londoner Aufnahme herrscht ein ruhiges Tempo, Giulini versteht sich auf einen flexiblen Einsatz von Rubato, er achtet auf jedes Detail, dabei wirkt die Musik stellenweise auch trocken. Mit langem Atem werden die wenigen Höhepunkte überzeugend aufgebaut. Das alles gilt auch für die Amsterdamer Produktion, die mit sehr gutem Klang für sich einnehmen kann. Wie bei vielen seiner späteren Aufnahmen ist sie mir jedoch zu langsam gespielt, stellenweise schon schleppend.

Leonard Bernstein

Bernsteins beide Aufnahmen von La Mer bleiben im Mittelfeld. Hier wird ruhig und überlegen auf hohem orchestralen Niveau musiziert, jedoch alles deutlich, überdeutlich, zu absichtsvoll und mit viel Nachdruck. Das Finale ist bei den New Yorkern zu schwerfällig, nahezu übergewichtig, zeichnet sich aber durch viel Sound aus. Klanglich hat die jüngere DG-Aufnahme die Nase vorn, die Klangfarben der einzelnen Instrumente werden sehr gut wiedergegeben, der Finalsatz ist mit 9’16 etwas langsam.

Pierre Boulez

Als CBS 1968 eine 3 LP-Kassette mit Orchesterwerken von Debussy herausbrachte, wurden die Aufnahmen von vielen Kritikern als kleine Sensation begrüßt, der Preis der Deutschen Schallplattenkritik ließ nicht lange auf sich warten. Nach Kritikermeinung wurden die Partituren hier doch endlich einmal von dem Fett, das sich in einer Jahrzehnte langen Aufführungstradition über diese gelegt haben sollte, gereinigt. Geflissentlich übersah man, oder wollte keine Kenntnis davon nehmen, dass Dirigenten wie Monteux, Horenstein oder Paray die Musik von Debussy schon immer in Klarheit und ohne Nebelschwaden aufführten. Wie hören sich nun Boulez‘ Interpretationen nach all den vergangenen Jahren aus? Eine Neuaufnahme erschien 1995 mit dem vielbeschäftigten La Mer-Orchester aus Cleveland bei der DGG. Die beiden Aufnahmen unterscheiden sich m. E. nur wenig, abgesehen vom nun besseren Klang der letzten CD sowie der gesteigerten Orchestervirtuosität des amerikanischen Orchesters, die schon eine Klasse für sich darstellt. Ansonsten scheint Boulez reine Kopfmusik spielen zu lassen, dafür spricht auch das genaue Herausarbeiten der Polyrhythmik in den Takten 128-131 des Kopfsatzes (bei NPOL am besten). Die Partitur erklingt wie mit einem Silberstift gezeichnet, etwas starr, asketisch (NPOL), viel Aktion, aber geringe Spannung.

Guido Cantelli

Die beiden hier vorgestellten Aufnahmen entstanden in einem Abstand von vier Tagen. 2013 veröffentlichte das kleine aber feine Label ica-classics den Konzertmitschnitt vom Edinburgh Festival 1954, der der Studio-Einspielung von Testament unmittelbar vorausging. Im direkten Vergleich überzeugt die live-Aufführung mehr, da sie mehr vom unmittelbaren Musizieren herüberbringt. Obwohl im Konzertsaal die Sätze nur wenige Sekunden schneller gespielt werden, klingen sie doch mit mehr Anteilnahme musiziert, das Orchester scheint mir auch plastischer und farbenreicher aufgezeichnet. Diese Bemerkungen sollen jedoch nicht die Studioeinspielung schmälern, die im Vergleich zu anderen immer noch ein hohes Niveau hält.

eingestellt: 25. 01. 14

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