Das Klassik-Prisma  
 Bernd Stremmel

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1.Klavierkonzert Es-dur

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Richter

Kondraschin

London Symphony Orchestra

Philips

1961

18‘10

5

durchsichtiger Klang – I Solisten gut nach vorn geholt, II Rezitativteil scharf von Nachbarabschnitten abgehoben, schlanke Streicher, III Trgl. dezent, aber sehr präzise, IV etwas langsames Tempo unterstützt den grandioso-Charakter des Satzes

Zimerman

Ozawa

Boston Symphony Orchestra

DGG

1987

18‘23

5

I nimmt sich für die lyrischen Abschnitte viel Zeit, gute Verbindung von zur Schau gestellter Virtuosität mit lyrischer Versenkung, III noch nie so gehörtes Tremolo der lk.Hd T.184-89, IV nach Liszts Vorstellungen

Gieseking

Wood

London Philharmonic Orchestra

EMI u.a.

1932

17‘30

5

I anfangs großer Auftritt, II leuchtender Diskant, gibt auch einfachen Tonfolgen Gewicht, IV leidenschaftliches Musizieren, immer schlank und locker – für das Aufnahmejahr erstaunlich guter Klang

Anda

Ackermann

Philharmonia Orchestra London

EMI/Testament

1955

20‘09

5

I und IV den Satz ohne Hast neu durchleuchtet, Ackermann hält das Orchester zu genauester Diktion an, II großartig „sprechender" Triller (langsamer als gewöhnlich) T.56-76

Argerich

Abbado

London Symphony Orchestra

DGG

1968

17‘25

5

Argerich und Abbado im besten Einvernehmen, alles immer hell und durchsichtig, ohne romantische Emphase und Schwulst, trotzdem eindeutig ein Virtuosenkonzert

Gilels

Kondraschin

Staatliches Sinfonie-Orcherster der UdSSR

Brilliant

1949

18‘24

5

I die Ausführenden lassen sich Zeit, Themen können plastisch hervortreten, III rhythmisch akzentuiertes Spiel mit großem Einsatz – laute Tutti-Stellen kompackt, trotz des Alters der Aufnahme alles sehr deutlich

Janis

Kondraschin

Moskauer Philharmoniker

mercury/

newton

1962

17‘17

5

bestes Miteinander im Dienste der Komposition

Cherkassky

Fricsay

RIAS Symphonie-Orchester

audite

1952

18‘05

5

live – I E-Kadenz T.16ff: Cherkassky befolgt genau Liszts Anweisung un poco ritenuto e molto rinforzando, II der Pianist versenkt sich bei lyrischen Partien in Liszts Musik, geht in der Lautstärke fast bis zum Unhörbaren, ohne, dass die Spannung einbricht – Cherkassky verfügt über die Pranke eines Löwen aber auch über die Pfötchen eines Kätzchens

Cherkassky

Wallberg

Bamberger Symphoniker

Denon

1964

19‘35

5

gerade noch 5, jedoch nicht mehr so lebendig wie die live-Aufnahme mit Fricsay

 

Wild

Sargent

Royal Philharmonic Orchestra London

Chesky

1962

18‘43

4-5

straff und überzeugend musiziert, I sehr gewichtig

Arrau

Ormandy

Philadelphia Orchestra

Columbia

1952

19‘12

4-5

 

Arrau

Rosbaud

Rundfunk Sinfonie-Orchester Berlin

Urania/History u.a.

1942

18‘19

4-5

 

Benedetti Michelangeli

Mitropoulos

Orchestre del Maggio Musicale di Firenze

Tahra

1953

18‘55

4-5

live

Entremont

Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS

1959

18‘19

4-5

I mehr als Schaustück, Solisten müssen zurücktreten, II Philadelphia Streichersound, III rhythmisch akzentuiert

de Groot

Otterloo

Radio Philharmonisches Orchester Hilversum

Philips /

forgotten records

1951

18‘09

4-5

auf sehr hohem Niveau musiziert

Kempff

Fistulari

London Symphony Orchestra

Decca

1954

19‘10

4-5

helles Klangbild, etwas flach – nicht immer die große Geste, nicht Dauerspannung sondern auch immer wieder entspanntes Musizieren, III T.166-180 Klavier als Begleiter der Streicher

Duchable

Conlon

London Philharmonic Orchestra

Erato

1983

18‘29

4-5

seriöse Darstellung, ohne Pomp und auftrumpfende Dramatik, helles Klangbild, sehr durchsichtig, Duchable durchgehend sehr locker

Thibaudet

Dutoit

Orchestre Symphonique de Montreal

Decca

1990

17‘50

4-5

Liszts Passagenwerk und Läufe wie von Mendelssohn, sehr leicht und locker, Dutoit steuert duftige Orchesterbegleitung bei, leichtgewichtiger Liszt – Liszt für Liszt-Verächter

Katchen

Argenta

London Philharmonic Orchestra

Decca

1957

18‘35

4-5

Klangbild etwas mulmig, I grandioso T.90ff könnte noch prächtiger ausfallen, II T.9ff lk Hd. uneben, IV eindeutig Virtuosenfutter, jedoch nicht bis ins Letzte ausgefeilt

Farnadi

Scherchen

Orchester der Wiener Staatsoper

Westminster / Tahra

1951

17‘38

4-5

Scherchen immer Anwalt der Partitur

 

Beroff

Masur

Gewandhausorchester Leipzig

EMI

1977

17‘33

4

Liszt glatt poliert, Orchester könnte etwas präsenter sein

Pennario

Leibowitz

Royal Philharmonic Orchestra London

Chesky

1963

18‘05

4

Klangbild weniger aufgefächert, aufmerksames Orchester, I virtuos, II T.20-30 zu zahm, T.51ff nicht in ihrer Besonderheit erfasst – in Richtung Virtuosenkonzert gespielt

Berman

Giulini

Wiener Symphoniker

DGG

1976

19‘50

4

I Solostellen sehr zurückhaltend, fast privat, II T.9-32 auch wie für sich selbst gespielt, T.50 mit T.51 organisch verbunden, sonst nahezu immer getrennt, III Giulini achtet bei dem Triangel auf unterschiedliche Lautstärkegrade, deshalb nie aufdringlich, IV T.30-45 bzw. T.73-80 Solopart molto non legato

Bulva

Nazareth

Sinfonie-Orchester von Radio Luxemburg

Mediaphon

1986

18‘40

4

technisch alles auf das Beste, musikalisch jedoch etwas eindimensional, Virtuosenkonzert

Ax

Salonen

Philharmonia Orchestra London

Sony

1992

17‘59

4

I und IV relaxed gespielt, nicht auftrumpfend, immer präsent und klar, II T.51ff etwas zu robust – insgesamt weniger persönlich geprägte Auffassung

Bolet

Zinman

Rochester Philharmonic Orchestra

Vox u.a.

1979

19‘24

4

solide, Orchesterinstrumente teilweise etwas zurückgesetzt

Hoffmann

Ludwig

NdR Sinfonie-Orchester Hamburg

NdR

1961

17‘17

4

unveröffentlicht – I gelassen, II T.10ff leuchtender Diskant, lk.Hd. jedoch nur Begleitung, III Nachdrückliche Trillerstelle T.228-237

Lortie

Pehlivanian

Residenz Orchester Den Haag

Chandos

2000

17‘50

4

nachdenklich, lyrische Grundhaltung, schlankes Musizieren

Li

Davis, Andrew

London Symphony Orchestra

DGG

2006

17‘42

4

sehr viele Rubati, kein festes Tempo, Höhepunkte werden mit Tempobeschleunigungen angegangen, Klavierspiel stellenweise auch sehr filigran, Klangregie nicht immer optimal, Holz oft zugedeckt

Benedetti Michelangeli

Kubelik

RAI Orchester Turin

Frequenz u.a.

1961

18‘00

4

live

Rubinstein

Wallenstein

RCA Victor Symphony Orchestra

RCA

1956

17‘11

4

I bei der strepitoso-Stelle T.19-22 Erleichterung im Klavierpart?, II Solisten T.57-76 wenig espressivo, III nicht so schnell, stattdessen mehr gestaltet, IV eindeutig Virtuosenkonzert

Rubinstein

Dorati

Dallas Symphony Orchestra

RCA

1947

16‘11

4

I Allegro-Abschnitte sehr straff, gelungener Dialog zw. Solisten und Klavier T.52ff, II Streicher zu Beginn zu laut, auch T.33-35 sowie T.57-76, III sehr schnell, virtuos, Trgl. könnte etwas leiser sein, IV eindeutig Virtuosenkonzert

Arrau

Davis

London Symphony Orchestra

Philips

1979

20‘52

4

 

François

Silvestri

Philharmonia Orchestra London

EMI

1960

18‘33

4

Virtuosenkonzert, Orchester lediglich in Begleitrolle

 

Fischer, Annie

Klemperer

Philharmonia Orchestra London

EMI

1960/62

18‘34

3-4

zwischen Beginn und Fertigstellung der Aufnahme liegen zwei Jahre, I sehr durchsichtig und klar, man hat den Eindruck, als ob Klemperer nicht ganz hinter Liszts emphatischem Aufriss stehen würde, II etwas unentschlossenes Miteinander, III Zusammenspiel im Orchester nicht immer genau, IV Bläserstelle T.46ff zugedeckt, musikalische Zusammenhänge nicht immer klar

Brendel

Haitink

London Philharmonic Orchestra

Philips

1972

18‘01

3-4

I sehr gelassen, manche Solostellen wie z.B T.97ff klingen wie aus dem Zusammenhang herausgelöst, II anfangs Streicher kaum espressivo, T.10ff kühl, IV Orchester könnte außerhalb der lauten Tutti etwas mehr gefordert sein

Brendel

Gielen

Wiener Symphoniker

Vox / Brilliant

1957

19‘11

3-4

I etwas schwerblütig, II wie 1972, III etwas kühl und lustlos, IV ohne Feuer – bleibt hinter Liszts Erwartungen zurück

Berman

Kondraschin

Philharmonisches Jugend-Orchester Moskau

Brilliant

1952

18‘42

3-4

I einzelne Stellen, kein richtiger Zusammenhang, T.9-32 nach innen, nicht nach außen gespielt, III sehr lebendig – Jugendorchester schlägt sich tapfer, Spielkultur der Streicher könnte noch verbessert werden

Freire

Plasson

Dresdner Philharmonie

Berlin classics

1994

17‘27

3-4

I auf der einen Seite tiefes Versenken, andererseits stürmisches Vorwärtsdrängen, II T.69-76 ziemlich lieblos, III viel Oktavgeklingel, IV Danse macabre – Virtuosenkonzert, Orchester spielt nur Nebenrolle, Triumph zirzensischen Musizierens

Benedetti Michelangeli

Rohan

Yomiuri Symphony Orchestra

aura

1965

18‘41

3-4

live Tokyo

Cziffra

Dervaux

Conservatoire Orchester Paris

EMI

1957

18‘58

3-4

Cziffra und Dervaux beschwören das negative Bild des nur auf Effekte zielenden Komponisten Liszt, zirzensisches Spiel im Vordergrund

Berezowsky

Wolff

Philharmonia Orchestra London

Teldec

1994

16‘50

3-4

technisch mehr als super, musikalisch jedoch sehr einseitig, die vielen lyrischen Einsprengsel wirken wie unbeteiligt gespielt, leider steuert der Dirigent kaum gegen

Cliburn

Ormandy

Philadelphia Orchester

RCA

1968

18‘18

3-4

Orchester gefällt besser als Solist, der ziemlich unbeteiligt spielt, pflichtgemäß

 

Lipatti

Ansermet

Orchestre de la Suisse Romande

EMI

1947

19‘33

___

live - sehr starkes fortwährendes Rauschen überdeckt die Musik, Orchester im Hintergrund, kein Hörgenuss, eine gerechte Würdigung ist unmöglich, ausschließlich für eingefleischte Lipatti-Fans

 

Liszts 1.Klavierkonzert ist vorwiegend monothematisch gearbeitet, d.h. ein (Haupt-) Thema beherrscht das ganze Werk. Die Anregung für diese Form könnte der Komponist von Schuberts Fantasie für Klavier C-dur D.760, der Wandererfantasie, erhalten haben, Liszt hat sie sicher öffentlich vorgetragen und auch später (~ 1851) eine Bearbeitung für Klavier und Orchester angefertigt. Auch für die viersätzige Anlage des Konzerts kann die Wandererfantasie Pate gestanden haben. Mit dieser Viersätzigkeit habe ich jedoch meine Probleme, nicht weil Liszt eigentlich nur drei Sätze zählt, den 2.Satz jedoch in zwei musikalisch völlig anders geartete Abschnitte aufteilt, die durch einen dünnen Doppelstrich von einander getrennt sind. Im ersten Teil hören wir ein Notturno in ABC-Form, im zweiten ein als Allegro vivace überschriebenes Scherzo, in dem übrigens ein Triangel als Soloinstrument eingesetzt ist. Der konservative Wiener Kritiker Eduard Hanslick – nicht unbedingt ein Freund und Förderer Lisztscher Kompositionen – nannte das Es-dur-Konzert deshalb auch boshaft „Triangelkonzert". Diese beiden Teile des 2.Satzes sollten als zwei getrennte Sätze gezählt werden, bei vielen Plattenaufnahmen wird auch so verfahren. Mein Haupteinwand gegen eine Satz-Zählung ist jedoch der, dass Liszt gegen Ende des Scherzos erneut das Hauptthema des 1.Satzes einbringt, quasi als Anfang einer Reprise wie in der klassischen Konzertform (ab T.210), somit führt Liszt seine formale Konstruktion hier selbst ad absurdum.

Im Es-dur-Konzert liegt die musikalische Führerschaft eindeutig beim Solisten, er hat das musikalische Geschehen in der Hand, das Orchester sekundiert nur. Unmittelbar im Anschluss an das zweite Erscheinen des Themas im 1.Satz antwortet der Pianist in den Takten 37-41 dreimal hintereinander in jeweils wechselnden Tonarten mit einer aufsteigenden Akkordfolge. Bei sehr vielen Pianisten klingen die Akkorde irgendwie gleich, Kempff, Gieseking, Arrau, ABM, Anda, Thibaudet und Yundi Li jedoch spielen sie von mal zu mal nachdrücklicher nach dem Prinzip „Du musst es dreimal sagen!", das überzeugt. Das Notturno beginnt ausdrucksvoll und innig, wird vom Klavier aber schnell aus der stillen Kammer auf die Bühne gezerrt. Das Einleitungs-Motiv des Notturnos wird zweimal hintereinander gespielt: zuerst aufsteigend und absteigend von Celli und Kontrabässen, danach noch einmal von den Geigen, wobei die restliche Streicher nur Akkordtöne aushalten. An dieser Stelle werde ich immer an Webers Einleitung der Freischütz-Ouvertüre erinnert (T.3/4 und T.7/8). Bei Liszt setzt dann wieder der Pianist zu einem längeren Solo ein (T.9-32), wobei die rechte Hand zunächst eine ausdrucksvolle Melodie in langen Noten spielt, die sich aber bald zu einer leidenschaftlichen Passage (T.20ff) wandelt. Die linke Hand begleitet durchgehend mit auf- und absteigenden Tönen aus der jeweiligen Harmonie. Die meisten Pianisten spielen hier nach der Methode Melodie und Begleitung, also die rechte Hand spielt etwas lauter, nicht so bei Wilhelm Kempff und Byron Janis, die den Tönen der Begleitung durch geschickte Artikulation einen eigenen Duft verleihen. Die Stelle a poco piu appassionato (T.20ff) spielt ABM-53 mit großer Leidenschaft, gefolgt wiederum von Kempff und Li. Viele Klavierspieler knallen die Akkorde T.26-28 kraftvoll heraus, können dann aber nichts mit der folgenden leiser werdenden und dabei in die Tiefe fallenden Melodie anfangen. Nicht so Kempff, Gieseking (wieder die Alten!) und Anda, bei ihnen klingen die drei Takte nicht floskelmäßig sondern ausdrucksvoll beseelt. Dann folgt im 2.Satz der aufgewühlte Mittelteil, der wiederum mit einem Abstieg endet nun aber energicamente in Akkorden und nicht leiser zu spielen ist. Viele Pianisten werden jedoch leiser und lassen die Töne ausklingen. Gieseking, Farnadi und Bulva enden jedoch wie vorgeschrieben im Forte. Nun schließt sich wieder eine ruhige Melodie an, una corda quieto, also leise und mit gedrücktem linken Pedal (und nicht langsamer) zu spielen. Sehr zart klingt es bei Arrau-Rosbaud, Gilels, Kempff, Brendel, Lortie, Zimerman und Li. Cherkassky, Cziffra, Berman, François sowie Beroff werden noch ruhiger und spielen am Ende wie verlangt dolcissimo. Dann schließt sich der dritte Abschnitt (C) an. Der Pianist spielt 21 Takte lang einen Triller, der in der linken Hand mit gebrochenen Akkordtönen sekundiert wird. Interessant gestaltet der Komponist die Stelle mit begleitenden Solo-Instrumenten: Flöte, Klarinette, Oboe, Cello und wieder Klarinette. Der Pianist sollte die Ohren der Zuhörer jedoch nicht nur den Soloinstrumenten überlassen sondern auch seinen Flügel einbringen. Da überzeugt Geza Anda hier durch seine „sprechende" Trillerkette überlegen, das sollte man einmal gehört haben! Danach folgt der 3.Satz mit dem Solo-Triangel. Es sollte in verschiedenen Lautstärkegraden und rhythmisch exakt gespielt werden, keines falls zu laut, mehr dezent im Hintergrund, wie bei Richter, Entremont, Pennario, Berman-Giulini. Zu laut ertönt der Triangel bei Rubinstein-Dorati, de Groot und ABM-Rohan, zu leise bei Arrau-Davis, Brendel, Haitink und Lortie. In den beiden anderen Aufnahmen mit ABM sowie bei Ax klingt der jeweils letzte Triangelschlag zu lange nach. In den Takten 99 –104 sowie 129-136 werden die Spielfiguren des Klaviers durch eine Flöte verstärkt, hat Liszt da ungeschickt instrumentiert, da man sie kaum hört? Nicht übersehen haben sie Scherchen, Silvestri, Ludwig, Wood, Gielen, Wolff und Kondraschin bei Janis. Die Takte 164/65 werden von ABM geradezu herausgemeiselt, bei Arrau-42 und –52 zugespitzt, bei Cliburn klingen sie dagegen gleichgültig, harmlos. Beim bereits oben erwähnten Eintritt der Reprise in T.210 steht über dem zweiten ausgehaltenen Akkord der Bläser ein Fermate-Zeichen, d.h., dass dieser Akkord länger als sein Vorgänger ausgehalten werden soll (es fungiert wie ein Ausrufezeichen). Diese Fermate wird jedoch nur von sehr wenigen Dirigenten beachtet: Wood, Sargent, Leibowitz, Otterloo, Mitropoulos, Fricsay, Ackermann, Kondraschin, Conlon, Salonen und Plasson.

Das Hauptthema des Finales klingt fast wie eine Umformung des Notturno-Themas, einige Takte später erscheint es in erneuter Transformation in Posaunen, Fagotten und tiefen Streichern (T.17-19 und T.21-23). Dieser Satz ist von Liszt als Kulminationspunkt des ganzen Konzerts konzipiert, wo alle Themen und Motive zum Schluss in einer (etwas aufgeplusterten) Apotheose zusammengefügt wrden, neben virtuosem Klavierspiel ist in diesem Satz die Interaktion zwischen Solist und Orchester auch am dichtesten. Zum Schluss meiner Betrachtung des wachsenden musikalischen Grases ein Hinweis noch auf Liszts späteren Schwiegersohn Richter Wagner, dessen Venusbergmusik aus dem Tannhäuser von den Streichern T.110-115 zitiert wird.

Eindeutig als Virtuosenkonzert wird das 1.Klavierkonzert interpretiert von Rubinstein, François, Katchen, Cziffra, Bulva, Argerich, Freire und Berezowsky.

Der in Berlin ausgebildete chilenische Pianist Claudio Arrau wird meist mit Musik von Beethoven, Schumann und Brahms in Verbindung gebracht. Dass er jedoch auch ein vorzüglicher Interpret der Klavierkonzerte, der Sonate, der Etüden sowie weiterer Klavierstücke von Franz Liszt war, wird manchen Hörer vielleicht überraschen. Ich habe ihn 1968 sowohl als Interpret von Beethoven-Sonaten als auch Lisztscher Klavierstücke im Konzertsaal erlebt. Auf meinem Programmzettel notierte ich mir damals: so wie Arrau Liszt spielt, wirkt die Musik überzeugend. Arrau interessierte sich wenig für die äußeren, reißerischen Effekte, die es bei Liszt zur Genüge gibt, nicht für die gedonnerten Akkorde und glitzernden Läufe, sondern mehr für die kompositorischen Sinn-Zusammenhänge, für die lyrischen Tiefen, für den nachhaltigen Ausdruck und kam mit dieser Interpretationshaltung auch zu überzeugenden Ergebnissen. Drei Aufnahmen des Es-dur-Konzerts liegen mir vor, die älteste stammt aus Berlin und stand unter Leitung von Hans Rosbaud. Es handelt sich um eine hervorragende Interpretation (Notturno con anima, Finale furios), die Interpreten sind hellwach dabei, jedoch kann sich kein Genuss beim Hören einstellen, da viele Orchesterstellen klanglich zugedeckt sind, das Klangbild ist gepresst, einige Verzerrungen müssen in Kauf genommen werden. Die 10 Jahre später in Philadelphia produzierte Aufnahme ist da wesentlich besser, vor allem klanglich, die schon früher beobachteten Arrau-Tugenden kommen hier gut heraus. Nach dem Wechsel zum Label Philips Anfang der 60er Jahre konnte der Pianist sein Repertoire in noch größerem Umfang nach und nach in die Rillen bannen. Auch die Liszt-Konzerte wurden, nun unter Leitung von Colin Davis, nochmals produziert. Vielleicht kam die Aufnahme schon zu spät, hier wird wieder sehr sauber musiziert, jedoch nicht mehr mit dem Nachdruck früherer Jahre, bereits die ersten vier Takte klingen müde, der 2.Satz ist bereits zu langsam, das Finale kommt ohne Eleganz daher. Wer sich die Ormandy-Aufnahme besorgen kann, sollte da schnellstens zugreifen.

Mit Arturo Benedetti Michelangeli liegen mir drei Aufnahmen vor, allesamt Konzertmitschnitte mit verschiedenen Dirigenten. Die älteste Aufnahme stammt vom Maggio Musicale Fiorentino, ABM und Mitropoulos musizieren aus einem Guss, das Orchester unterstützt den Pianisten mit einer genauen musikalisch begründeten Begleitung, es wird gelassen musiziert, wenn von der Partitur verlangt, auch mit großer Geste. Negativ zu Buche schlagen die zu lange nachklingenden Triangel-Töne, ein im Finale nicht immer genau zusammenspielendes Orchester sowie ein Gedächtnisfehler des Pianisten in den Takten 70-72, der vermutlich wenigen auffällt. Die akustische Seite ist leider kaum überzeugend ausgefallen: an lauten Stellen ist das Klangbild leicht verzerrt und der Flügel klirrt in hohen Lagen.

Die Aufnahme unter Leitung von Rafael Kubelik wurde in Turin mitgeschnitten, die klanglichen Verhältnisse der Aufnahme sind hier wesentlich besser. Kubelik bleibt bei der Gestaltung des Orchesterparts jedoch hinter Mitropoulos zurück. Auch hier dämpft der Triangel-Spieler sein Instrument kaum ab, die Takte 70-72 klingen nun wie notiert. Bei allen Aufnahmen Benedetti Michelangelis gefällt mir besonders, wie er Liszts Musik zum Sprechen bringt. Die Aufnahme aus Tokyo unter Leitung von Jindrich Rohan sagt mir am wenigsten zu. Die Orchester-Tutti kommen knallig und wenig differenziert daher, es wird selten zwischen Haupt- und Nebenstimmen unterschieden, alles klingt recht pauschal. Auch der Triangel ist viel zu laut und die Beckenschläge (Achtel- und Viertelnoten) werden selten wie notiert gespielt. Das Überraschendste dieses Mitschnitts ist ABMs gewandelte Auffassung dieses Konzerts: nicht mehr so beherrscht wie vorher, was nicht ungenau heißen soll, sondern wir erleben ihn als Draufgänger, der ein Virtuosenkonzert zum Sieg führt. Im Nachhinein kann man nur bedauern, dass die EMI, ABMs damalige Plattenfirma, es versäumt hat, eine Studio-Aufnahme mit dem großen italienischen Künstler zu machen.

eingestellt am 28.04.11

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