Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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4. Sinfonie A-Dur op. 90 „Italienische“

Neubearbeitung und Ergänzung 2014

Nicht alle Komponisten waren nach Abschluss einer Komposition restlos zufrieden mit ihrer Arbeit. Das Paradebeispiel ist Anton Bruckner, aber auch von Schumann wissen wir, dass er seine ursprüngliche zweite Sinfonie in d-Moll einige Jahre später nochmals gründlich umarbeitete. Sein Freund Felix Mendelssohn-Bartholdy komponierte auf seiner großen Italienreise 1830/31 eine „Italienische Sinfonie“, legte sie aber beiseite, da er noch nicht ganz zufrieden mit seinem Werk war. Abgeschlossen wurde sie erst zwei Jahre später in seiner Heimatstadt Berlin, als ihn von der London Philharmonic Society der Auftrag erreichte, für ein fürstliches Honorar von 100 Guineen eine Sinfonie, eine Ouvertüre sowie eine Vokalkomposition zu komponieren. Da nahm sich der Komponist die „Italienische“ wieder vor und führte sie zum Abschluss. Am 13. Mai 1833 wurde sie in London unter seiner Leitung uraufgeführt. Obwohl Publikum und Presse das Werk feierten, war der Komponist immer noch nicht zufrieden, eine im voraus geplante Drucklegung unterblieb vorerst. Bereits im Sommer desselben Jahres begann er mit der Umarbeitung der Sätze 2 bis 4 aus dem Gedächtnis (!), da die Partitur in London verblieben war. Auch diese überarbeitete Fassung war nicht als letztes Wort gedacht, blieb aber liegen, ohne dass sich Mendelssohn ihr nochmals zuwandte, und geriet in Vergessenheit. In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckte der Musikforscher Wulf Konold in der Berliner Staatsbibliothek das Manuskript der drei Sätze und richtete sie für eine Aufführung ein. So wurde sie am 30. 08. 1992 in Hamburg durch Gerd Albrecht und das Philharmonische Staatsorchester uraufgeführt, selbstredend mit dem nicht revidierten ( = bekannten) 1. Satz. Worin liegen nun die Unterschiede zwischen beiden Fassungen? Die etwas blockhaft zusammengesetzten Teile der einzelnen Sätze werden nun mehr miteinander verbunden, dadurch erscheint die Musik mehr verwoben und aufeinander bezogen als zuvor. Den umfangreichsten Umbau erfuhr der letzte Satz. Interessant ist auch, dass Mendelssohn den 3. Satz jetzt tatsächlich Menuett nennt, aus „con moto moderato“ wird nun „con moto gracioso“ und beim Finalsatz wird das ursprüngliche „Presto“ in „Allegro di molto“ herabgestuft. Nach Albrechts Pioniertat haben sich in Folge John Eliot Gardiner und Heinz Holliger der neuen Fassung angenommen. Alle diese drei Aufnahmen sind empfehlenswert; Gardiner setze ich aufgrund seiner mehr philharmonischen Lesart etwas zurück.

Nach mehrmaligem Hören gefällt mir die revidierte Fassung einfach besser, da sie insgesamt musikalischer gearbeitet ist. Ob sie sich aber im verkrusteten Konzertbereich durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.

Hier noch einige Anmerkungen zu den einzelnen Sätzen: Der 1. Satz ist in Sonatenform mit zwei Themen gearbeitet. In der Durchführung führt Mendelssohn dann ein drittes, rhythmisch betontes Thema ein, das fast die ganze Durchführung beherrscht und zu einem Höhepunkt geführt wird. Die Reprise nimmt dieses Thema auch auf. Das erinnert an den 1. Satz von Beethovens Eroica! – In den Takten 65-73  spielen die beiden Trompeten fanfarenartig ee-a; ee-a; fisfis-d und danach (tiefer) aa-fis/d. Einige Dirigenten lassen dort die Trompeten nicht nach unten sondern eine Oktave höher spielen (Klemperer-51, Celibidache, Toscanini, Boult, Stokowski, Tennstedt, Flor; Markevitch und Immerseel wiederholen hier das 3. Signal noch einmal), was im Sinne der musikalischen Entwicklung ist. Vermutlich hat das Mendelssohn auch so gemeint, aber die Trompeten vermochten damals das hohe a nicht sicher zu spielen, da die Instrumente noch nicht mit Ventilen ausgestattet waren.

Den 2. Satz soll Mendelssohn skizziert haben, als er in Neapel einer Prozession beiwohnte. Die marschmäßig klingende Musik hat etwas archaisches und ist wenig abwechslungsreich gearbeitet. Die markant spielenden tiefen Streicher bringen Bewegung in die Musik und verhindern ein Innehalten. Wenn der Dirigent hier zu schnell spielen lässt, geht der Gestus des Schreitens verloren. Überzeugend klingen hier Solti-85, Rieger, Abbado-67, Bernstein und Celibdache. Beim 3. Satz kann man eigentlich nichts falsch machen. Peter Maag und Charles Mackerras verweisen darauf, dass im Trio des 3. Satzes die Hörner und Fagotte bei ihrem zweiten Auftreten zweimal hintereinander ein Crescendo zu spielen haben. Oft wird es nicht beachtet oder nur angedeutet.

Die Wiederholungen im Trio werden von allen befolgt. Die Wiederholung der langen Exposition im Kopfsatz fehlt bei Beecham, Toscanini, Klemperer-60, Busch, Krips, Boult, Szell-51, Münch, Horenstein, Karajan, Celibidache, Markevitch, Solti-58, Cantelli, Maazel, Rieger, Dohnanyi, Tennstedt, Hager und Welser-Möst.

 

Szell

Cleveland Orchestra

CBS   Sony

1963

27‘33

5

 

Solti

Israel Philharmonic Orchestra

Decca

Membran

1958

25‘04

5

 

Krips

London Symphony Orchestra

Decca

1953

26‘24

5

I Anfang ohne richtiges Vivace, trotzdem sehr lebendig, prägnantes Orchesterspiel, II Andante, IV kein richtiges Presto, unaufgeregt, trotzdem mit viel Spannung – heller, spitzer Orchesterklang, sehr präsent, jedoch in Tutti-Abschnitten kompakt

Cantelli

Philharmonia Orchestra London

EMI    Testament

1955

27‘08

5

 

   

Klemperer

Wiener Symphoniker

Archipel

1951

26'35

4-5

live

Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1985

29‘51

4-5

 

Markevitch

Orchestre National Paris

EMI

1955

24‘13

4-5

I sehr lebendig, rhythmisch, federnd, überzeugend, II schnell, aber nicht darüber hinweg, III con moto, hellwach, fern aller Routine, IV mit Verve

Stokowski

National Philharmonic Orchestra

CBS   Sony

1977

29‘17

4-5

I lebendig musiziert, viel Klangsinn, Intensität, II Musik im Fluss, III mit Hingabe, Trio mit viel Espressivo, IV gezügeltes Presto, wirkt sich positiv auf die Artikulation aus, ferdernd

Bychkov

London Philharmonic Orchestra

Philips

1986

28‘49

4-5

I lebendig, straff, mit Schwung, Blick auf Details, Musik genau gezeichnet, II wie selbstverständlich, III lässt sich Zeit, Musik gut geformt, IV con spirito, mit Hingabe

Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestra

Decca

1989

29‘33

4-5

spannungsintensive Beredtheit, gelassen, Finale am Überzeugendsten

Busch

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Kopenhagen

DGG    EMI

1950

26‘57

4-5

live – I B. lässt sich Zeit, leuchtet aufmerksam in die Partitur, Atmosphäre, II aufmerksam und mit Hingabe durch die Partitur, III Musik kommt wie selbstverständlich

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1971

28‘12

4-5

I überzeugende Klangregie, überzeugendes Tempo, intensives Musizieren, Pauke etwas zu leise, II umsichtiges Dirigat, III Trio etwas langsamer, IV mit Schwung, die Nebenstimmen werden nicht vergessen

Cantelli

Philharmonia Orchestra London

EMI    Testament

1951

26‘17

4-5

 

Cantelli

NBC Symphony Orchestra

Testament

1951

25‘41

4-5

 

Abbado

Berliner Philharmoniker

Sony

1995

28'40

4-5

live

Abbado

London Symphony Orchestra

Decca

1967

28'11

4-5

 

Kondraschin

Concertgebuw Orchester Amsterdam

RCO

1979

29‘35

4-5

live – I darstellerische Konzentration, mit Hingabe, II Espessivo!, III aufmerksam, IV immer hellwach, kompositorische Feinheiten haben Vorrang vor Tempo

Szell

Cleveland Orchestra

CBS     UA

1951

24‘05

4-5

 

Gardiner

Wiener Philharmoniker

DGG

1997

27‘31

4-5

I sehr bewegt, gestochen scharf artikuliert, II Musik immer im Fluss, III geschmeidig, IV wie Satz 1

Horenstein

Orchestre National de l’ORTF

M&A

1961

25‘16

4-5

live – I sehr lebendig, mitreißend, II kaum eine Innehalten, III mit Intensität gestaltet, IV nie nachlassender Schwung – in den Tutti-Abschnitten kompakter Klang, Streicher rhythmisch nicht immer top

Maazel

Berliner Philharmoniker

DGG

1960

26‘13

4-5

I sehr schwungvoll, artikulatorische Feinarbeit tritt dagegen etwas zurück, Oboe vor der Reprise etwas zu viel Vibrato, II fließend, Klangebenen gut ausbalanciert, III Trio: gute Balance zwischen Fagott und Horn, IV mit Verve

Previn

London Symphony Orchestra

EMI

1978

29‘03

4-5

I Klangfarben der Bläser gut voneinander abgesetzt, II Gespür für die Klangfelder, IV immer pulsierend

Hager

English Chamber Orchestra

Novalis

1991

26‘36

4-5

umsichtiges Dirigat, stimmige Tempi, natürlich – gute Transparenz 

Chailly

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

Radio Berlin-Brendenburg

1985

28‘08

4-5

unveröffentlicht - I energetisch, theatralisch, II hellwach, III immer bewegt, jedoch nur wie durchgespielt, IV pulsierendes Presto – transparentes Klangbild

Boult

Royal Philharmonic Orchestra

ica classics

1972

25‘49

4-5

live – B. mit 83 Jahren noch voller Energie, II bewegt, III vielschichtig, IV mit jugendlichem Schwung

Norrington

SWR Sinfonie-Orchester Stuttgart

hänssler

2004

28‘10

4-5

live – I etwas langsamer als bei LCPL, farbigeres Klangbild, Einbezug der Nebenstimmen, II auch hier mehr Farbe, III Musik erscheint herzlicher, IV nicht so bewegt und konzentriert wie früher

Celibidache

Berliner Philharmoniker

BPh

1950 ??

28‘26

4-5

s. u.

Celibidache

Berliner Philharmoniker

EMI     audite

1953

29‘36

4-5

live – I Affinität zur Musik spürbar, großer Einsatz, II/III Lässt sich viel Zeit zur Gestaltung, IV voller Energie, rhythmisch betont

   

Davis

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1984

30‘28

4

I lebendig, verbindlich, geschmeidig, III fließend, unaufgeregt, IV con spirito – transparentes Klangbild

Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1954

25‘59

4

I vorwärtsdrängend, Streicher klingen etwas rau, insgesamt eher streng als locker, II sehr bewegt, keine optimale Balance zwischen Flöten und Streichern, III spannungsvoll, IV betont rhythmisch musiziert

Beecham

New York Philharmonic Orchestra

Columbia   Sony

1942

27‘04

4

I mit Hingabe musiziert, kompaktes Klangbild, II immer bewegt, III empfindsam, IV gezügeltes Presto, Saltarello-Rhythmus etwas fest

Abbado

London Symphony Orchestra

DGG

1984

29'44

4

Maag

Orquestra Sinfónica de Madrid

Arts

1997

29‘26

4

I solide, II Musik im Fluss, aufmerksame Gestaltung des Trios, IV Einbezug der Nebenstimmen, markante Pauke

Sawallisch

New Philharmonia Orchestra London

Philips

P 1967

29‘15

4

I alles richtig gemacht, das Besondere des Satzes vermittelt die Aufnahme jedoch nicht, II solide, III gut gestaltetes Trio, IV pointiert musiziert, jedoch wenig Drive – gute Orchesterleistung, transparenter Klang

Steinberg

Pittsburgh Symphony Orchestra

EMI

1959

28‘55

4

I mit viel Gespür für die Zusammenhänge und Farben dieser Musik, II etwas unruhig, III Musik im Fluss, IV spontanes Musiziergefühl – insgesamt nicht immer mit dem erwarteten Esprit; Orchester großformatig abgebildet, der Streicherklang könnte schlanker sein

KLemperer

Philharmonia Orchestra London

EMI

1960

27'06

4

Dohnanyi

Wiener Philharmoniker

Decca

P 1979

25‘29

4

I mit Hingabe, etwas zackig artikuliert, II Musik im Fluss, III geschmeidig, IV flirrende Streicher, pulsierend

D’Avalos

Philharmonia Orchestra London

Pickwick

1993

27‘00

4

solide, etwas robuste Tuttistellen

Tennstedt

Berliner Philharmoniker

EMI

1980

26‘08

4

Nerv der Musik getroffen; problematische Klangtechnik, die die Bläser, vor allem die Holzbläser vernachlässigt, diese sind viel zu blass abgebildet bzw. in den Hintergrund gerückt; I Oboensolo vor der Reprise mit zu viel Vibrato

Haitink

London Philharmonic Orchestra

Philips

1997

27‘40

4

I im guten Durchschnitt, II schnelles Andante, III fließend, auch etwas Routine, IV bester Satz – gute Transparenz

Münch

Boston Symphony Orchestra

RCA

1958

26‘17

4

Orchesterklang etwas dick, Streicher dominieren, aber doch durchsichtig, IV Saltarello-Rhythmus zu Beginn nicht profiliert

Delogu

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1977

27‘18

4

solide, Finale gefällt am besten

Ormandy

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

WDR

1957

29‘49

4

live, unveröffentlicht – I etwas philharmonisch breit, eingeebnete Dynmamik, II hier differenzierter, farbenreicher, IV wie Satz 1, Oboen T. 22-26 nicht vergessen

Masur

Gewandhausorchester Leipzig

Teldec

1987

28‘51

4

 

   

Masur

Gewandhausorchester Leipzig

BMG

1972

30‘16

3-4

 

Bernstein

Israel Philharmonic Orchestra

DGG

1978

30‘14

3-4

 

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS    Sony

1958

29‘42

3-4

 

Welser-Möst

London Philharmonic Orchestra

EMI

1992

30‘10

3-4

I verschenkter Beginn, danach souveräner, Auftrumpfen an ff-Tuttistellen, II Streicher mit etwas zu breitem Strich, III wie durchgespielt, IV Streicher meist zu gewichtig, kein Presto

Rieger

Münchner Philharmoniker

DGG

P 1952

29‘12

3-4

I R. lässt differenziert musizieren, jedoch etwas fest, II nimmt sich Zeit, Flöten treten etwas zurück, reduzierter Klang, III nur solide, IV kein richtiges Presto, ohne Saltarello-Drive, zu sachlich, wenig Esprit – durchsichtiges Klangbild

   

Levine

Berliner Philharmoniker

DGG

1988

28‘54

3

wie nur durchgespielt, routiniert, L. lässt sich nicht auf Mendelssohns Feinheiten ein, Streicher mit breitem Strich, im Tutti nicht optimal transparent, IV T. 27 ff Rhythmus so la la

Flor

Bamberger Symphoniker

BMG

1991

29‘48

3

I etwas erdenschwer, Th. in den Bässen T. 72-80 viel zu leise, Streicher-Passage zwischen Durchführung und Reprise hat wenig Spannung, II Flöten T. 11 ff zu leise, klanglich nicht gut differenziert, III Klangbild etwas eintönig, wenig Farben, IV klingt nach Routine

Interpretationen mit Instrumenten aus der Entstehungszeit:

Harnoncourt

Chamber Orchestra of Europe

Teldec

1992

28‘57

4-5

live – I lebendig musiziert, auch Nebenstimmen werden nicht überspielt, II ganz im Sinne der Partitur, IV sich vor Exaltiertheit hütend – transparenter Klang

Brüggen

Orchester des 18. Jahrhunderts

Philips/Decca

1992

28‘24

4-5

 

   

Immerseel

Anima Eterna

Sony

1994

29‘30

4

I einerseits lebendig, andererseits doch auch zurückhaltend, II nimmt sich viel Zeit, fast schon lastend, dadurch aber besserer Kontrast zum folgenden Satz, III zurückhaltend im Ausdruck, IV kein Presto, T. 22-26 Oboen nicht vergessen – Italien aus dem Blickwinkel eines „Nordlichts“

Brüggen

Orchester des 18. Jahrhunderts

Glossa

2009

29‘37

4

live

Norrington

London Classical Players

Virgin/EMI

1989

26‘46

4

I streng durchgeführt, wenig farbiges Klangbild, II sehr bewegt, III bewegt, stringent, immer nach vorne schauend, IV etwas statisch, das gilt auch für die anderen Sätze

Mackerras

Orchestra oft the Age of Enlightenment

Virgin

1987

28’18

4

I aufgewühlt, teilweise etwas robust, I Flöten laufen so nebenher, III etwas routiniert, IV stellenweise etwas derb, in ff-Tutti-Partien auftrumpfend

Revidierte Fassung von 1934 (incl. ursprünglichem Kopfsatz):

Albrecht

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Capriccio

1992

32‘14

5

live – insgesamt sehr fein gezeichnet, im Finale lässt er sich mehr Zeit als die Kollegen

Holliger

Musikkollegium Winterthur

MDG

2010

30‘49

5

H. widmet sich mit größter Aufmerksamkeit der Musik, etwas aufgespaltener Klang

   

Gardiner

Wiener Philharmoniker

DGG

1998

30‘46

4-5

die CD enthält beide Fassungen, die zu einem direkten Vergleich einladen

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen:

Otto Klemperer

Klemperers Aufnahmen, die fast zehn Jahre auseinander liegen, lassen den Unterschied zwischen des Dirigenten mittlerer Schaffensperiode, die kaum dokumentiert ist, und dessen Spätphase sichtbar werden. Beides mal wird intensiviert musiziert, jedoch mit unterschiedlichem Ergebnis. Beim Konzertmitschnitt mit den Wiener Symphonikern, einem Orchester, mit dem der Dirigent damals öfter musizierte, lässt er sich von Mendelssohns Schwung beflügeln, zumindest in den Ecksätzen. Im Kopfsatz stellt er die Signalwirkung des 1. Themas deutlich heraus, was zur Belebung dieses Satzes einen wichtigen Beitrag leistet. Das Klangbild ist für die Zeit erstaunlich durchsichtig. Zielstrebig geht es durch den 2. Satz, die Holzbläser kommen gut heraus, und das Finale ist ein fulminantes Presto, wie wir es von diesem Dirigenten (von seinen späteren Aufnahmen her) kaum kennen. Es ist mehr der Tanz eines Derwischs als ein Saltarello! Es sollte uns beglücken, dass dieser Konzertmitschnitt erhalten geblieben ist. Bei Klemperers Studioaufnahme wird auch intensiv musiziert, jedoch in allen Sätzen langsamer, besonders ist das im Finale zu spüren. Das Lockere und Duftigere vermisst man jedoch.

George Szell

Wie man es von Szells Aufnahmen kennt, ist auch hier die Musik immer bestens organisiert, quicklebendig und inspiriert geht es durch die schnellen Ecksätze. Den 2. Satz lässt Szell wirklich con moto musizieren, ohne die Musik zu überfahren oder Details zu vernachlässigen. Auch der 3. Satz ist bei ihm in besten Händen. In seiner ersten Aufnahme von 1951 spielen die Clevelander Musiker zwar engagiert, jedoch noch nicht so geschliffen und ohne den Klangsinn späterer Jahre. Das Klangbild ist zwar transparent, aber noch kompakt vor allem in den Tutti-Partien.

Georg Solti

Wie Szell hat auch Solti die Italienische Sinfonie zweimal aufgenommen. Die ältere mit dem Israel Philharmonic Orchestra, mit dem er regelmäßig konzertierte und Platten aufnahm, die heute fast vergessen sind. Im Falle von op. 90 ziehe ich sie der späteren Chicagoer Aufnahme noch vor. Hier wird noch frischer und lebendiger musiziert. Das Orchester trägt noch nicht die Patina seiner späteren Aufnahmen. Im 2. Satz lässt er das Thema durch durch Vc und Kb prägnant begleiten, die Stimmenverteilung ist immer ausgeglichen. In der jüngeren Produktion bleibt er langsamer und auch etwas verhalten. Im 3. Satz lässt sich Solti Zeit für die Abläufe; 1985 klingt die Musik aber etwas zu beschaulich und das Trio könnte sich mehr abheben.

Sergiu Celibidache

Nach intensivem Vergleichshören bin ich mir sicher, dass beide Aufnahmen identisch sind. Darauf deuten Stampflaute des Dirigenten genau an denselben Stellen hin, ebenso eingefangene Publikumsgeräusche, sowie einige Stellen, in denen das Orchester nicht optimal artikuliert. Auch wenn die klanglichen Verhältnisse sich unterscheiden, die Aufnahme von „1950“ hat ein geschlosseneres Klangbild als die von 1953, sollte davon ausgegangen werden, dass beim Remastern der alten Bänder je nach Klangvorstellung des Technikers das Klangbild unterschiedlich ausgefallen ist. Die verschiedenen Laufzeiten sind auf unterschiedliche Leerzeiten zwischen den Sätzen sowie eine minimale Verschiebung der Bandgeschwindigkeit zurückzuführen. Stutzig machen sollte auch, dass auf der Veröffentlichung der Berliner Philharmoniker (Berliner Philharmoniker – im Takt der Zeit, CD 5) das Aufnahmelokal verschwiegen wird.

Leonard Bernstein

Die Ecksätze der Italienischen Sinfonie müssten der Musizierhaltung des Maestros eigentlich sehr entgegenkommen. Bei der New Yorker Aufnahme kann man das auch hören, trotzdem kann sie nicht zufriedenstellen. Vordergründig weckt sie Begeisterung ob ihres lebhaften und temperamentvollen Musizierens. Anderseits wird doch immer wieder etwas nachlässig artikuliert, der Eindruck des Al fresco kann die Aufnahme nicht abschütteln. Etwas besser sieht es beim 20 Jahre später mitgeschnitten Konzert des Israel Philharmonic Orchestra aus, hier wird insgesamt viel gepflegter musiziert. Es fehlt hier jedoch Bernsteins Schwung und Ausdruckskraft, die Musik klingt etwas akademisch. Im 2. Satz vernachlässigt der Dirigent in beiden Aufnahmen die Flöten, die sehr zurücktreten müssen. Die Sony-Platte zeigt ein offenes Klangbild, während die DGG-Scheibe meist sehr geschlossen klingt. Es hat den Anschein, dass die DGG auch hier einem Klangideal folgt, das bei Karajan-Aufnahmen entwickelt und von den Technikern verinnerlicht wurde: der geschlossene homogene Klang, rund, mit wenig Ecken und Kanten. Dieses wird auch auf andere Orchesteraufnahmen übertragen, eventuell nur unterschwellig, auch bei Bernstein, was m. E. falsch ist, da es der Klangvorstellung dieses Dirigenten nicht gerecht wird.

Guido Cantelli

Mit dem italienischen Dirigenten sind trotz seiner nur kurzen Wirkungszeit drei Aufnahmen von Mendelssohns 4. entstanden. Die ersten beiden stammen aus dem Jahr 1951, eine wurde mit dem noch jungen Philharmonia Orchestra im EMI Studio Abbey Roads Nr. 1 produziert, die andere wurde bei einem Konzert im berühmten NBC-Studio 8-H mitgeschnitten, in dem auch die meisten Toscanini-Aufnahmen festgehalten wurden (trockener kompakter Klang). Bei der Studio-Aufnahme hatte Cantelli Vorbehalte und gab sie nicht frei. Deshalb wurde vier Jahre später eine neue Sitzung anberaumt, die nun in der Kingsway-Hall stattfand. Den Kopfsatz lässt Cantelli frisch, energetisch spielen. Beim NBC klingen mir die Streicher etwas zu sehr gedrechselt, beim POL-51 wird in der gleichen Gruppe jedoch nicht immer so genau artikuliert. Die letzte Aufnahme klingt mir etwas trockener als die Vorgängerinnen, sehr federnd spielen hier die Streicher auf dem Höhepunkt der Durchführung das 3. Thema, das überzeugt. Der 2. Satz klingt in New York sehr herb, leider treten die beiden Flöten etwas in den Hintergrund, das ist in London-51 besser, jedoch auch noch nicht optimal, dafür jetzt 1955. In der ersten POL-Aufnahme spielen die Bässe ihre staccato-Begleitung nicht so schroff wie beim NBC. Auch hier gefällt mir Cantellis letzte Aufnahme am besten, da die Geigen nicht so sehr dominieren. Beim 3. Satz sind die Unterschiede kaum erwähnenswert, wohl dagegen im abschließenden Saltarello, das in keiner Aufnahme mit einem forcierten Presto aufwartet. Beim NBC Orchester klingt es wenig locker, da hört man das große Orchester doch zu sehr. Am schönsten klingt dieser Satz 1955, ganz entspannt, wie selbstverständlich, als höre der Dirigent nur zu. Diese Interpretation gefällt mir am besten, da auch am meisten italienisch, vielleicht liegt das auch am Aufnahmeraum. Erwähnt werden sollte noch, dass Cantelli im Finale die eigenständige Melodie der beiden Oboen in den Takten 22 ff etwas hervorhebt, die sonst in der Begleitung meist untergeht.

Kurt Masur

Masurs spätere Aufnahme der Italienischen Sinfonie scheint mir etwas profilierter als die frühere ausgefallen zu sein. Problematisch in beiden Aufnahmen ist der Kopfsatz, der mit wenig Esprit aufwartet und eher wie eine Pflichtübung erklingt, besonders in der 1972er Produktion mit ihrem gemächlichen Tempo. In der 1987er Aufnahme wird der 3. Satz fast schon im Allegro-Tempo  musiziert, das gibt ihm Frische und Lebendigkeit. Das Finale zeigt nur ein verhaltenes Presto, die Streicher könnten hier etwas schlanker und rhythmischer spielen.

Claudio Abbado

Von Claudio Abbado sind drei Aufnahmen der italienischen Sinfonie verfügbar, die sich jedoch nicht wesentlich voneinander unterscheiden. Sein Konzept für diese Sinfonie muss schon zu Beginn seiner Laufbahn festgestanden haben und wurde während seiner Karriere kaum modifiziert, soweit man das von Tonträgern beurteilen kann. Da spielen z. B. Klarinette und Fagott in T. 31/32 des Kopfsatzes nicht f wie vorgesehen und die Bläserrufe vor der Reprise bleiben ohne Signalwirkung, in allen drei Aufnahmen. Das deutlich langsamere Tempo vom 2. Satz, das er 1967 vorlegt, gefällt mir besser als die „normalen“ Tempi der späteren Aufnahmen. Der Berliner Konzertmitschnitt ist hier farbenreicher und zeigt eine etwas deutlichere Artikulation, während die DGG-CD einen etwas neutralen Eindruck hinterlässt. Am überzeugendsten schafft Abbado den Finalsatz, fast atemlos in der ersten Aufnahme. Der Mitschnitt vom Berliner Silvesterkonzert 1995 stelle ich an die Spitze, hier steigert sich das Orchester von Satz zu Satz bis zum ausgelassenen Finale. Danach kommt die Decca-Produktion und zuletzt die der DGG mit demselben Klangkörper, die mit einem für dieses Label typischen Klangbild aus  dieser Zeit aufwartet: die Instrumente werden blockhaft zusammengerückt, insgesamt leicht entfernt mit ein wenig Hallbeigabe.

Frans Brüggen

Frans Brüggen hat seiner guten Aufnahme aus dem Jahr 1992 nun eine Neueinspielung folgen lassen, es handelt sich jetzt um einen live-Mitschnitt. Hier sind die Tempi durchweg etwas langsamer, aber auch die Spannung hält sich nicht mehr auf dem früheren Niveau. Das Klangbild ist etwas entfernt und künstlich. Am besten gefällt noch das abschließende Finale.

eingestellt 2004

letzte Ergänzung 30.06.2014

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