Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Sinfonie g-Moll KV 550

Molto Allegro – Andante – Menuetto, Allegretto – Allegro assai

Die g-Moll-Sinfonie entstand zusammen mit den Sinfonien in Es-Dur KV 543 und C-Dur KV 551 im Sommer 1788. Neben einer früheren g-Moll-Sinfonie (KV183) ist es Mozarts einzige Sinfonie in einer Molltonart. Für Mozart war g-Moll eine besondere Tonart, die er bei stark persönlich geprägten Aussagen einsetzte, ähnlich wie später bei Beethovens c-Moll. Viele Musikologen vertreten die Meinung, dass die drei Sinfonien als Trilogie ohne direkten Anlass komponiert worden seien und eine Aufführung habe Mozart nicht mehr erlebt. Andere sehen einen Zusammenhang mit Mozarts wirtschaftlicher Misere zu dieser Zeit sowie die daraus resultierende Verzweiflung. Wieder andere vermuten, dass er in der g-Moll-Sinfonie schon seinen Tod habe nahen sehen, das muss jedoch als nicht belegbare Spekulation angesehen werden. Belegt ist dagegen, dass Mozart Zeit seines Lebens seine Musik fast immer im Hinblick auf eine Aufführung geschrieben hat, nicht für die Schublade, manchmal blieb ein Werk auch unvollendet liegen, wenn sich die Aufführungssituation änderte.

Unklar ist, warum der Komponist etwas später 2 Klarinetten zu der kleinen Bläsergruppe von 1 Flöte, 2 Oboen, 2 Fagotten und 2 Hörnern hinzugefügt hat, Trompeten und Pauken fehlen gänzlich, es existieren also zwei Fassungen der g-Moll-Sinfonie, eine mit Oboen und eine zweite mit Oboen und Klarinetten. Man weiß inzwischen, dass Mozart 1788 eine London-Reise anstrebte, die sich jedoch nicht verwirklichen ließ, so ist es ist nicht auszuschließen, dass die drei Sinfonien dort zu Gehör gebracht werden sollten. Belegt ist auch eine Tournee durch deutsche Städte und zu deutschen Höfen im Jahre 1789. In den dort von ihm veranstalteten Konzerten führte er auch mindestens eine Sinfonie auf, was liegt näher als eine seiner neuen. Belegt ist auch, dass Mozart 1791 er an den Veranstaltungen zur Kaiserkrönung Josefs II. in Frankfurt teilnahm und dort Konzerte gab, bei denen auch eine „schöne Sinfonie des Herrn Mozart“ gespielt wurde. Eine Umarbeitung der g-Moll-Sinfonie mit Hinzufügung von 2 Klarinetten spricht deutlich für eine vorangegangene Aufführung, vielleicht war Mozart mit dem bisherigen Bläserklang in der Erstfassung nicht zufrieden. In die Struktur der Sinfonie wurde nicht eingegriffen, jedoch einige Partien, die zuerst den Oboen zugeteilt waren, wurden jetzt den Klarinetten zugewiesen (vgl. 1. Satz T. 160-166, 2. Satz Durchführung T. 67-72, 4. Satz 2. Th. T.85-101, der Menuett-Satz blieb unverändert). Zusätzlich verstärken die Klarinetten den Tutti-Klang. In der nachfolgenden Tabelle habe ich die Interpretationen entsprechend der Verwendung der Klarinetten aufgeteilt, Jaap ter Linden ist hier mit Aufnahmen von beiden Fassungen vertreten.

Aus dem 1. Satz der g-Moll-Sinfonie spricht viel Unruhe, auch Traurigkeit und Verzweiflung, davon zeugen die vielen chromatischen Wendungen. Die Interpreten sollten jedoch darauf achten nicht zu übertreiben, Mozart war kein Freund von Sentimentalität. Sofort vom 1. Takt an, bevor die Geigen das Hauptthema anstimmen, breiten die Bratschen einen Klangteppich fortlaufend in Achtelnoten aus, in sehr vielen Aufnahmen bleibt er ziemlich unbestimmt als Murmeln im Hintergrund. Deutlich artikuliert, ohne ungebührlich hervorzutreten, spielen die Bratschen bei Beecham-37, Szell, Lehmann, Fricsay Suitner, Vegh, Blomstedt, Kubelik, Kegel, Norrington-SWR, Abbado-09 sowie Bernstein-WP.

Der 2. Satz bildet einen starken Kontrast zum ersten, er steht nicht wie üblich in der parallelen Durtonart B-Dur, sondern in Es-Dur. Trotz der ganz anderen Grundstimmung bedient sich Mozart auch hier immer wieder chromatischer Bewegungen, das beginnt bereits im 2. Takt in den Bässen, auch in den restlichen Sätzen sind sie Bestandteile des musikalischen Ablaufs.

Abseits aller Galanterie bleibt das Menuetto, dass streng im doppelten Kontrapunkt, mit ruppigen Synkopen gearbeitet ist. Da das Thema auftaktig beginnt, lassen die meisten Dirigenten die erste Viertelnote kurz, fast schon staccato, spielen. Im Notentext ist das nicht explizit vorgesehen, Toscanini, Kleiber, Krips-Dec, Fricsay, Bour, Britten, Menuhin, Giulini, Tate und das Collegium aureum verzichten auf das Staccato. Ein Lichtblick ist das liebliche Trio, das den Hörer in eine andere Welt entführt. Der Finalsatz schließt wieder an die Stimmung des Kopfsatzes an. Allegro assai fordert Mozart und treibt die Musik mit immer neuen kühnen Modulationen voran. Nur eine Episode bleibt das 2. Thema in B-Dur, in der Reprise führt es jedoch wieder zur Grundtonart g-Moll.

Es ist nicht auszuschließen, dass Schubert diese Sinfonie kennengelernt hat, Ähnlichkeiten der Sätze 2 und 3 seiner 5. Sinfonie in B-Dur mit der g-Moll-Sinfonie sprechen für diese Annahme.

Mozart sieht für alle Formteile in den Sätzen Wiederholungen vor, nur sehr wenige Dirigenten folgen ihm: Britten, Mackerras, Harnoncourt, Norrington, Muti, Herreweghe, Abbado-09, Russell Davies, Levine-WP, Pinnock, Gardiner, Jacobs sowie Hogwood/Schröder.

Folgende Interpreten verzichten auf alle Wdhlg., außer denen im 3. Satz: Beecham-46 und -54, Barbirolli, Strauss, Walter, Schuricht, Furtwägler-44 und -49, E. Kleiber, Karajan-42, Klemperer-62, Lehmann, Schüchter und Celibidache.

Die bisher nicht genannten Interpreten widmen sich der Wdhlg. sowohl im 1. als auch im 3. Satz. Einige davon auch den Wdhlg. vom 2. und 4. Satz, es wäre jedoch müßig, diese alle hier aufzulisten.

1. Fassung mit Oboen:

Originalinstrumente:

4-5

Christopher Hogwood

The Academy of Ancient Music

Decca

1981

35’25

schlankes Musizieren gemäß der Partitur, sehr ausgewogen, helles Klangbild, sehr gute Transparenz und Balance, lebendig gespielte Ecksätze, jedoch etwas steril

 

3-4

Jaap ter Linden

Mozart Akademie Amsterdam

Brilliant

2002

28’05

solide, sachlich, stellenweise brav (2. Th. in den Ecksätzen), Orchester auf hohem, jedoch nicht höchstem Niveau, Klang etwas basslastig



herkömmliche Instrumente:

5

Herbert Kegel

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig

Eterna Pilz

P 1990

23‘42

I aufgewühlt, erregt, II mit Feingefühl musiziert, III artikulatorische Feinarbeit, IV vital, Bläser immer einbezogen – sehr gute Transparenz

5

Herbert Blomstedt

Staatskapelle Dresden

Eterna Denon

1981

28‘21

I nur Allegro, mit Feingefühl, Melancholie, II Stimmenverläufe immer deutlich, farbiger und warmer Klang, III Tanzcharakter betont, farbiges Trio, IV lebendig - sehr gute Transparenz

5

Dennis Russell Davies

Stuttgarter Kammerorchester

ECM

1995

34‘26

eine ernste Grundstimmung durchzieht die ganze Interpretation, sehr gute Transparenz und Balance, hellwach am Notentext, farbige Bläser, insgesamt lockeres Musizieren, I nur Allergro

 

4-5

Carl Schuricht

Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart

archiphon hänssler

1961

23‘17


s. u.

4-5

Wilhelm Furtwängler

Wiener Philharmoniker

EMI

1948/49

24‘30

s. u.

4-5

Ferenc Fricsay

RIAS Symphonie-Orchester Berlin

audite

1952

27‘05

live – I mit Hingabe, jedoch etwas romantisierend, kein molto A., II mit Feingefühl, auch hier langsamer, IV sehr schnell, lebendig

4-5

Fritz Lehmann

Wiener Symphoniker

DGG forgotten records

1953

24‘37

mit Hingabe, trotz kompakten Klanges hinreichende Transparenz, II Adagio, Musik liebevoll nachgezeichnet

4-5

Neville Marriner

Academy of St. Martin-in-the-Fields

Philips

1970

26‘39

s. u.

4-5

Wolfgang Sawallisch

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon BMG

1980

28‘53


s. u.

4-5

Eugen Jochum

Bamberger Symphoniker

Orfeo

1982

30‘36

philharmonisch breites Musizieren, von Beethoven her gesehen, II liebevoll gestaltet, IV sehr schnelles Finale – sehr gute Transparenz, schöner Klang

4-5

John Barbirolli

Hallé Orchester Manchester

BBCL

1962

23‘42

I nur Allegro, eine tiefe Traurigkeit durch zieht den Satz, Achtel und Viertel des HT aneinander gebunden, II ruhig, liebevoll musiziert, IV in der Durchführung federnde Streicher – weicherer Klang als üblich

4-5

Sandor Vegh

Camerata academica Salzburg

Decca

1994

27‘27

kammermusikalische Darstellung, Holz immer präsent, gute Balance, ohne Vibrato, I nicht ganz molto Allegro

 

4

Ludwig Güttler

Virtuosi Saxoniae

Berlin Classics

1997

28‘55

solide, mehr die große Linie nachgezeichnet, Lautstärkedifferenzierung nicht immer ausgeschöpft

4

Charles Mackerras

Prager Kammerorchester

Telarc

1986

33‘30


die große Linie nachgezeichnet, I und IV aufgewühlt, aggressiv, II bewegt, wie durchgespielt, III fast molto Allegro – man hat den Eindruck, das Orchester leiste hier nur einen Dienst ab

4

Thomas Beecham

London Philharmonic Orchestra

EMI History

1937

25‘01

s. u.

4

Thomas Beecham

Royal Philharmonic Orchestra London

Columbia Sony

1954

24‘11

s. u.

4

Carl Schuricht

Orchester der Oper Paris

Ades

1964

23‘27

s. u.

4

Claudio Abbado

London Symphony Orchestra

DGG

1980

28‘42

Abbado unterstreicht deutlich den emotionalen Charakter der Sinfonie, das wirkt sich auch auf die Tempi aus, die allesamt langsamer als gewöhnlich gespielt werden, II romantisierend, jedoch nicht zelebriert

4

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

Tahra

1949

24‘01

live, s. u

4

Karl Böhm

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips DGG

1955

24‘57

s. u.

4

Karl Böhm

Berliner Philharmoniker

DGG

1961

26‘17

s. u.

4

Karl Böhm

Wiener Philharmoniker

DGG

1976

27‘02

s. u.

3-4

Daniel Barenboim

English Chamber Orchestra

EMI

1968

25‘16

I Achtelnoten der Bratschen nur ein Klangteppich, Bläser oft von zu lauten Streichern zugedeckt, III schwergewichtiges Menuett, IV auch hier Bläser im Hintertreffen, Oboe kommt im Bläsersatz nicht richtig heraus – etwas pauschal

3-4

Thomas Beecham

Royal Philharmonic Orchestra London

Somm

1946

23’34

live, s. u.

3-4

Wilhelm Schüchter

Nordwestdeutsche Philharmonie

Electrola forgotten records

1955

22’51

I nur Allegro, IV fast atemlos – Hauptstimmen vorn, Begleitstimmen oft im Hintergrund, Balance insgesamt nicht zufriedenstellend, kompakter Klang

3-4

Carl Schuricht

Radio-Sinfonie-Orchester Lugano

Ermitage

1961

22‘29

s. u.

3-4

Hans Knappertsbusch

Wiener Philharmoniker

Preiser Aura

1941

25‘48

romantisierend, kleine Rubati, Streicher führen, sind immer zu präsent, Holz spielt nur eine untergeordnete Rolle, kompakter Klang – trotz der Einwände spürt man doch eine Mozart-Nähe

3-4

Wolfgang Sawallisch

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Orfeo

1958

24‘07

live, s.u.

3-4

Herbert von Karajan

RAI Orchester Turin

DGG

1942

22‘40

s. u.

 

3

Helmut Müller-Brühl

Kölner Kammerorchester

WDR/KöKaOr

1997

22‘22

live – die Sinfonie scheint Dirigent und Orchester nicht herauszufordern, I gelassen, ohne beherzten Zugriff, IV etwas langatmig, bieder

 

2. Fassung mit Klarinetten und Oboen:

Originalinstrumente:

5

René Jacobs

Freiburger Barockorchester

HMF

2008

35‘25

I mit spürbarer Hingabe, con spirito, orchestrale Vehemenz, IV bei der 1. W wird J. bei T. 26 leiser und unterbricht in T. 28 für einen Moment die Musik, auch später noch einmal, dann geht es aber ohne Unterbrechung weiter – sehr gute Transparenz und Balance

5

John Eliot Gardiner

English Baroque Soloists

Philips

1989

34‘54


I und IV schnell, fast schon sportlich, geschliffen, klangliche Reibungen beim Holz herausgestellt, II bewegt – trotz des resignativen Tonfalls der Musik lässt Gardiner hier und da etwas Licht hinein

5

Nikolaus Harnoncourt

Concentus Musicus Wien

Sony

2012

34‘24

s. u.

5

Jos van Immerseel

Anima Eterna

ZigZag

2001

26‘18

stürmisch drängend in den Ecksätzen, farbig gespieltes Andante, hier wird das Abwechseln von Streichern und Bläsern zu Beginn der Durchführung immer ganz deutlich

5

Philippe Herreweghe

Orchestre des Champs-Elysées

PHI

2012

33‘02


sehr schnell, aber nicht auftrumpfend, eher melancholisch, immer wieder treten die Bläser heraus, II farbig, IV spürbare Vitalität

 

4-5

Roy Goodman

The Hanover Band

Nimbus

1989

27‘38

scharfe Klanglichkeit steht im Vordergrund, Musik immer unter Spannung

4-5

Marc Minkowski

Les Musiciens du Louvre Grenoble

DGA

2015

28’18

live – aufrührerische  Motorik in den Ecksätzen, kaum ein Atemholen, das ist für den 2. Satz aufgespart; sehr gute Orchesterleistung, gute Transparenz

4-5

Trevor Pinnock

The English Concert

DGA

1994

32‘45

Mozarts Musik genau und liebevoll nachgezeichnet, Extreme meidend, unspektakulär, sehr gute Transparenz und Balance

4-5

Roger Norrington

London Classical Players

EMI

1991

32‘34


eine der ersten englischen Aufnahmen mit Originalinstrumenten, schnelle Tempi in den Ecksätzen, sehr bewegtes Andante, insgesamt etwas gleichförmig

 

4

Collegium aureum

DHM

1972

27‘56

eine der ersten Aufnahmen mit Originalinstrumenten, um klare und genau Ausführung bemüht, feinfühliges Musizieren, kein emotionsgeladener Vortrag, in den Ecksätzen geringere Vitalität, II sich Zeit lassend, III etwas hausbacken

 

3-4

Jaap ter Linden

Mozart Akademie Amsterdam

Brilliant

2002

28’01

solide, sachlich, stellenweise brav (2. Th. in den Ecksätzen), Orchester auf hohem, jedoch nicht höchstem Niveau, Klang etwas basslastig



herkömmliche Instrumente:

5

Josef Krips

London Symphony Orchestra

Decca

1953

24‘20

s. u.

5

Erich Kleiber

London Philharmonic Orchestra

Decca EMI

1949

21‘42

Konzentration auf die Partitur, prägnantes Musizieren, streng, organisch, nirgends gefühlig, alles hörbar, II dynamische Feinarbeit, genau abgestuft

5

Otto Klemperer

Philharmonia Orchestra London

EMI

1956

26‘53


s. u.

5

Fritz Reiner

Pittsburgh Symphony Orchestra

Columbia Sony

1947

24‘12

schlankes Musizieren, vorbildliche Artikulation, deutliche dynamische Kontraste, II atmosphärisch dicht, Klangrede, IV federndes Orchesterspiel – erstaulich guter Klang, Transparenz

5

Fritz Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA

P 1957

25‘01

wie oben, der Klang hat etwas an Breite gewonnen, jedoch ohne die überwältigende Präsenz in den lauten Tutti-Abschnitten

5

George Szell

Cleveland Orchestra

CBS Sony

1967

26’07

s. u.

5

George Szell

Cleveland Orchestra

CBS Sony

1955

24’59

s. u.

5

George Szell

Berliner Philharmoniker

Orfeo

1957

24’56


live, s. u.

5

Harry Blech

London Mozart Players

HMV forgotten records

1953

23‘18

ansprechende Darstellung, I molto A., fast gehetzt, einige geringfügige Crescendi, etwas romantisierend

5

Hartmut Haenchen

Kammerorchester „C. Ph. E. Bach“

Berlin Classics

2014

27‘15

HIP - Haenchen durchleuchtet die Partitur und verweist auf die Dramaturgie der Bläser, sehr farbiges Klangbild – I mit Hingabe, II jähe Lautstärkekontraste, III schnell, IV 2. Th. etwas langsamer

5

Adam Fischer

Danish National Chamber Orchestra

Dacapo

2013

29‘37

HIP – I aufgewühlt, aggressiv, vor Spannung berstend, klangliche Schärfung, II die sich wiederholenden Achtel der Streicher zu Beginn ganz eng zusammen gerückt, Blick auch auf Nebenstimmen, IV vehement – immer prägnanntes Musizieren, sehr gute Balance

5

Heinrich Schiff

Northern Sinfonia of England

Virgin

P 1992

29‘23

I schnell, aber nicht forciert, auch nicht in Satz 3 u. 4, II bewegt – Schiff mit Feingefühl am Werk, farbiges Klangbild, malancholische Sichtweise, sympathische Interpretation

5

Benjamin Britten

English Chamber Orchestra

Decca

1968

37‘37

I und IV entschieden, mit Nachdruck, scharf geschnitten, II Adagio, mit Feingefühl bei der Sache, III erfülltes Trio, langsamer

 

4-5

Josef Krips

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1972

29‘01


s. u.

4-5

Richard Strauss

Staatskapelle Berlin

DGG

1928

21‘43


sachbezogenes, schlankes Musizieren, geradezu modern, transparenter Klang, die Unterschiede zwischen p und f sind deutlicher als in mancher späterer Aufnahme, 2. Th. in den Ecksätzen geringfügig langsamer, aufmerksam gestaltetes Andante

4-5

Charles Mackerras

Scottish Chamber Orchestra

Linn

2007

33‘42

Interpretationshaltung ähnelt der mit dem Prager Kammerorchester, jetzt jedoch geschliffener, schlanker und ausgeglichener, insgesamt profilierter

4-5

Claudio Abbado

Orchestra Mozart

DGG

2009

34‘55

gegenüber der LSO-CD abgeschwächte Emotionalität, die Trauer und das Aufbegehren wandeln sich hier in Melancholie, schnellere Tempi, II feinfühlig

4-5

Leonard Bernstein

Wiener Philharmoniker

DGG

1984

30‘48

live, s. u.

4-5

Colin Davis

Staatskapelle Dresden

Philips

1988

31‘15

philharmonisch-breiter Orchesterklang, starke Bässe, trotzdem gute Balance und Transparenz, schöne Holzbläserpartien, I dramatisch, II eher statisch als lebendig

4-5

Otmar Suitner

Staatskapelle Dresden

Eterna Berlin Classics

1975

25‘21

philharmonischer Klang, trotzdem sehr durchsichtig, I Thema hat anfangs keinen Drive, später dramatische Sicht, II solide

4-5

Günter Wand

Gürzenich Orchester Köln

Club Français du Disque

Testament

1959

25‘54

s. u.

4-5

Günter Wand

NDR Sinfonie-Orchester Hamburg

RCA

1994

25‘23

live, s. u.

4-5

Otto Klemperer

Philharmonia Orchestra London

EMI

1962

25‘20

s. u.

4-5

Otto Klemperer

New Philharmonia Orchestra London

Testament

1965

26‘24

live, s. u.

4-5

Ferenc Fricsay

Wiener Symphoniker

DGG

1959

28‘39

im Vergl. zu 1952 noch langsamere Tempi (ausgenommen Satz 3), I wie leidend, II mit großer Hingabe, IV A-Teil des Themas jeweils federnd – persönliche Sicht

4-5

Ernest Bour

SWF-Sinfonie-Orchester

Cascade 

1967

27‘21

I und IV schwungvoll energiegeladen, II feinfühlig, tatsächlich p – gute Tempi

4-5

Nikolaus Harnoncourt

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Teldec

1983

32‘36

s. u.

4-5

Roger Norrington

Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart

hänssler

2006

31’29


live – I fast schon gehetzt, farbiger Klang, Hörner im Tutti immer präsent, II sehr bewegt, lockeres Musizieren

4-5

Neville Marriner

Academy of St. Martin-in-the-Fields

EMI

1986

28‘35

s. u.

4-5

George Szell

Sinfonie-Orchester des NDR Hamburg

EMI

1959

24‘25

live, s. u.

 

4

Bruno Walter

Columbia Symphony Orchestra

CBS Sony

1959

25‘22

s. u.

4

Bruno Walter

Berliner Philharmoniker

Tahra

1950

23‘56


live, s. u.

4

Bruno Walter

New York Philharmonic Orchestra

CBS Sony

1953

24’01

s. u.

4

Bruno Walter

Concertgebouw Orchester Amsterdam

M&A

1952

23‘48

live, s. u.

4

Georg Solti

Chamber Orchestra of Europe

Decca

1984

26‘05

um genaueste Ausführung bemüht, Solti achtet auf die Proportionen, abgerundeter Klang, ziemlich perfekt, letztendlich doch etwas distanziert – I mit spürbarer Vitalität, II etwas romantisierend

4

Arturo Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1950

22’55

I aufgewühlt, jedoch etwas grob, leicht romantisierender Vortrag, Crescendi und Diminuendi, I bindet beim HT die Achtel und Viertel ziemlich zusammen, 2. Th. etwas langsamer, IV Presto, Virtuosenstück

4

Ivor Bolton

Mozarteum Orchester Salzburg

Oehms

2003

29‘15

entschiedener Zugriff, unspektakulär, sehr gute Balance, Bassbereich könnte transparenter sein, niemals ein richtiges p

4

Jane Glover

London Mozart Players

ASV

~ 1988

26‘46

I kraftvolles Musizieren, Bläser besonders in der Durchführung sehr deutlich, II bewegt, dynamische Unterschiede zwischen p und f könnten deutlicher ausfallen – insgesamt geschärfter Klang, dank auch der spitz klingenden Londoner Oboen

4

Joseph Keilberth

Bamberger Symphoniker

Telefunken DGG

P 1959

25’11

sorgfältig, philharmonischer Klang, p meist nur mf, insgesamt etwas kühl

4

Wilhelm Furtwängler

Wiener Philharmoniker

Orfeo History

1944

23‘16

s. u.

4

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1970

24‘59

s. u.

4

Herbert von Karajan

Wiener Philharmoniker

Decca

1960

24‘32

s. u.

4

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1976/77

24‘25

s. u.

4

Neville Marriner

Academy of St. Martin-in-the-Fields

Philips

1978

26‘11


live, s. u.

4

Emanuel Krivine

Philharmonia Orchestra London

Denon

1989

27‘33


I nur Allegro, eher melancholisch, ausladender philharmonischer Klang, mit einer gewissen Schwere, II sich Zeit lassend, sf ohne Akzent, farbig, delikat, IV sehr bewegt

4

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI

1994

25‘01


Mozarts Musik wie unter einem Vergrößerungsglas, großbesetztes Orchester, Musik wird so vergröbert gezeigt, romantisierender Vortragsstil, II getragen, gewichtig, IV jetzt angemessenes Tempo, drängend, jedoch etwas plakativ

4

Riccardo Muti

Wiener Philharmoniker

Philips

1991

37’35

Muti nur Koordinator, tritt hinter die Musik zurück, alles genau und ausgewogen, jedoch auch etwas distanziert, wenig Redundanz, letztlich einförmig, gutes Klangbild

4

Christoph von Dohnanyi

Cleveland Orchester

Decca

1990

27‘26


insgesamt mehr sachlich als emotional betont, sehr gute Transparenz und Balance, farbiges Klangbild

4

Carlo Maria Giulini

New Philharmonia Orchestra London

Decca

P 1965

26‘50

s. u.

4

Carlo Maria Giulini

Wiener Philharmoniker

Orfeo

1987

34‘19

live, s. u.

4

Peter Maag

Orchestra di Padova e del Veneto

Arts

1996

29‘03

 

I immer wieder Cresc./Dimin. im HT, deutliche Gegensätze zwischen lyrisch geprägten und dramatischen Abschnitten, II Hörner herausgestellt, IV wie fast überall, 1. Vl. T. 171 nicht sauber

4

William Steinberg

Pittsburgh Symphony Orchestra

Capitol EMI

1957

25‘40

prägnanntes Musizieren jenseits von Routine, I nur Allegro, überwiegend ernste, herbe Stimmung, II die große Linie nachgezeichnet

4

James Levine

Wiener Philharmoniker

DGG

1989

38‘01

im Vergleich zum Chicago SO bewusster musiziert, I zeigt mehr Emotionen, schärfer gezeichnet – farbigeres Klangbild, alle Wiederholungen

4

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS Sony

1963

27‘29

s. u.

   

3-4

Rafael Kubelik

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Sony

1980

27‘05

I kein molto A., sentimental, II sich Zeit lassend, sf ohne Akzent, kein p zu Beginn, III betulich, IV Vortragsweise gefällt – gute Transparenz und Balance

3-4

Jeffrey Tate

English Chamber Orchestra

EMI

1984

28‘11

I entschieden, II gediegen, III etwas gleichförmig, IV fast wie abgespult – geringe Transparenz im Streicherchor

3-4

Yehudi Menuhin

Sinfonia Varsovia

Virgin

1987

25‘19

I liebevoll musiziert, ohne emotionale Darstellung, II M. schlendert durch die Partitur, farbiges Spiel, III und IV schön, jedoch nicht profiliert, etwas zu gleichförmig

3-4

James Levine

Chicago Symphony Orchestra

RCA

P 1982

27‘31

unbekümmert, auf gutem Niveau wie durchgespielt, I lebendig, in der Durchführung aufgewühlt, IV sportlich, raue Streicher – insgesamt etwas glatt, geringe dynamische Differenzierung

3-4

Carlo Maria Giulini

Berliner Philharmoniker

Sony

1991

31‘2


s. u.

3-4

Orpheus Chamber Orchestra

DGG

P 1997

29‘51

Musizieren wie auf Knopfdruck, ziemlich stromlinienförmig, kaum einmal ein p, in den Mittelsätzen offener für die Facetten der Musik

3-4

Karl Ristenpart

Saarländisches Kammerorchester

Les Discophiles Francais

forgotten records

1955

27‘09


I kraftvoll, III Hörner hatten nicht ihren besten Tag, IV deutliche Schnitte – großbesetztes Kammerorchester, breit, forciert

 

3

Jane Glover

Royal Philharmonic Orchestra London

RPOL

1993

25‘36

 

insgesamt wenig differenziert, wie durchgespielt, dynamische Differenzierung nach philharmonischer Art nivelliert, sf ohne Akzentcharakter

 

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen:

Thomas Beecham

Schon zu Schellackzeiten nahm Sir Thomas mit dem von ihm gegründeten London Philharmonic Orchestra zahlreiche Sinfonien von Haydn und Mozart auf, darunter auch KV 550. Beechams vitale Musizierweise zeichnet sich schon hier ab und hält sich bis zu den letzten Aufnahmen kurz vor seinem Tode. Der philharmonisch geprägte Klang ist geschärft, die Streicher überwiegen in den Tutti-Abschnitten, das Holz wird leider von spitz klingenden Londoner Oboen beherrscht. Für den langsamen Satz nimmt sich der Dirigent Zeit und zeichnet Mozarts Melodien liebevoll nach, übrigens hebt er, in den anderen Aufnahmen auch, den Triller der Bratschen in T. 3 auf der zweiten Zählzeit hervor, darüber spielen die anderen Kollegen hinweg. Andererseits bleibt auch eine inkonsequente Artikulation beim Auftakt-Viertel des Themas im Menuett nicht verborgen. Beechams zweite Studio-Produktion der g-Moll-Sinfonie entstand 1954 mit dem auch von ihm gegründeten Royal Philharmonic Orchestra London. Der erste Satz erklingt hier, obwohl etwas schneller gespielt, nun ein wenig entspannter. Im ruhig gespielten Andante, jetzt weniger romantisierend als früher, fallen hier die sf nicht mehr so betont aus als früher. Im 3. Satz erklingt das Trio nun langsamer und immer zart. Neben diesen beiden Studio-Aufnahmen gesellt sich noch ein seltener Mitschnitt aus der Anfangszeit des RPOL. Leider klingt die Sinfonie zu kompakt und in den Tutti-Abschnitten übersteuert, so dass keine Empfehlung ausgesprochen werden kann. Im Gegensatz zu den genannten Platten erlaubt sich der Dirigent hier im stürmisch gespielten Finale doch einige Rubati, so rutscht die Musik hier doch zu einem Show-Stück ab.

Carl Schuricht

Schuricht interpretiert Mozarts Sinfonien noch aus dem (romantischen) Blickwinkel des 19. Jahrhunderts, philharmonisch-großformatig, jedoch ohne in Gefühligkeit abzugleiten. Lauter- und leiser-werden ist kein Tabu, wird vom Dirigenten jedoch mit Augenmaß eingesetzt. Das Klangbild ist noch kompakt, die vielen Streicher decken die Holzbläser in Tutti-Abschnitten zu. In den Ecksätzen lässt Schuricht energisch musizieren, im Finalsatz bremst er das Tempo beim 2. Thema etwas ab. Am besten gefällt mir der Mitschnitt mit dem SDR-Sinfonie-Orchester, hier klingt das Orchester schlanker, mit mehr Stilgefühl, jedoch auch etwas distanzierter. Beim Mitschnitt aus Lugano, einige Monate zuvor, spielt das Orchester zu grobkörnig, mit weniger Schliff, auch ist die Dynamik großzügig ausgefallen. Die Studio-Einspielung mit dem Pariser Opernorchester klingt gepflegter, jedoch zu großformatig.

Bruno Walter

Das Gemeinsame bei Walters Interpretationen der g-Moll-Sinfonie ist der männliche Vortragsstil in den schnellen Sätzen, im ersten Satz lässt er jedoch nur ein Allegro spielen, kein molto Allegro. Mit Hingabe und empfindsam lässt er das Andante erklingen, ein romantisierender Unterton darf hier nicht fehlen, was sich auch in der Verwendung von Crescendi und Diminuendi äußert sowie durch starke Ritardandi am Ende der Exposition und am Schluss bemerkbar macht. Die erste Studio-Produktion von 1953 ist liebevoll dargeboten, immer gewichtig, transparent trotz eines großbesetzten Orchesters. Kein Körnchen Schmutz darf Mozarts singuläre Musik trüben! In seiner zweiten Studio-Produktion, jetzt mit dem Columbia Symphony Orchestra, bekommt der Kopfsatz einen tragischen Unterton, diese Spielweise überzeugt, das Menuett darf männlich auftrumpfen und im Finale erhält die g-Moll-Tonart ein deutliches Ausrufezeichen zugestellt, übrigens auch in 1950, wobei wir beim Mitschnitt aus dem Berliner Titania-Palast von 1950 wären, der einen relativ guten Klang aufweist. Wie selbstverständlich wird Mozarts Musik von den Berliner Philharmonikern gespielt, das Publikum lauscht gespannt. Im Konzertmitschnitt aus Amsterdam zwei Jahre später erhält der Kopfsatz zusätzlich eine dramatische Dimension, leider wurde die Aufnahme auf Acetatplatten gespeichert, hier in der M&A-Bearbeitung jedoch sorgfältig aufgearbeitet, sie klingt aber etwas entfernt, kompakt und im Diskant nicht sauber.

Wilhelm Furtwängler

Es ist bekannt, dass Furtwängler Mozarts Musik nicht im Sinne eines Erich Kleiber oder Fritz Busch interpretierte, sondern eher aus dem Blickwinkel Beethovens oder sogar der Romantik. Er glaubte wohl, dass Mozarts unsterbliche Musik nur so richtig zur Geltung komme, wenn sie mit entsprechendem Nachdruck dargeboten würde. Der Komponist kann sich seiner späteren Interpreten nicht erwehren, nichts mehr ins rechte Licht rücken. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass er in der Mitte des 19. Jahrhunderts seine g-Moll-Sinfonie ganz anders geschrieben hätte.

Am besten gefällt mir Furtwänglers Studio-Aufnahme aus den Jahren 1948/49. Den Kopfsatz nimmt er unruhiger und aufgewühlter als vier Jahre zuvor und im Wiesbadener Konzert 1949, das vom Hessischen Rundfunk mitgeschnitten wurde, allerdings nimmt er das schnelle Tempo ab der Durchführung etwas zurück. Den 2. Satz lässt WF sehr ruhig, gewichtig und mit Spannung geladen vorüberziehen. In der Aufnahme des Reichsrundfunks von 1944 bringt er hier auch Nebenstimmen ans Licht. Das Trio des 3. Satzes ist in dieser Aufnahme etwas unterbelichtet abgebildet, als musizierten die Musiker in einem Nebenraum. In der Studio-Produktion ist dies korregiert. Dem Finale verleiht der Dirigent in allen drei Aufnahmen die nötige Vitalität, im Wiener Studio klingen die Geigen bei dem sehr schnellen Tempo T. 30 ff etwas unausgeglichen. Das Klangbild ist hier etwas klarer als bei den beiden anderen, jedoch ein wenig Streicher-lastig. Die Tempi der Sätze 1, 2 und 4 sind in Wiesbaden etwas langsamer. Hier bietet er im 3. Satz eine etwas abgewandelte Interpretation: während das Menuett mit emotionsgeladener Kraft und breit daherkommt, bleibt das Trio zurückhaltend empfindsam. 1944 wählt WF die zweite Fassung, später greift er zur ersten.

Otto Klemperer

Von Klemperer liegen mir drei Interpretationen vor, die innerhalb von neun Jahren in London mit dem Philharmonia Orchestra entstanden. Man ist mit Klemperers Tempowahl oft nicht einverstanden, richtig ist aber, dass er (fast) immer zum Kern der jeweiligen Musik vordrang, auch wenn er, wie hier, Mozarts Musik in ein philharmonisches Gewand kleidet. Am besten gefällt mir die älteste Aufnahme von 1956, noch in Mono. Tieftraurig lässt er das Thema des Kopfsatzes vortragen, in den lauten Tutti-Abschnitten stellt er sich trotzig dem Schicksal entgegen, eine hochemotionale Sicht. Sehr deutlich und transparent bleibt er im 2. Satz, die dynamische Differenzierung könnte es etwas deutlicher sein. Das Menuett lässt er derb aufspielen, aber das Trio bleibt glasklar. Im bewegt musizierten Finale gefällt u. a. das von den Geigen pulsierend vorgetragene Hauptthema.

In der sechs Jahre jüngeren Stereo-Aufnahme behält Klemper das durchsichtige Klangbild bei, lässt aber etwas langsamer musizieren, insgesamt ist es jedoch eine etwas mildere Sicht der Sinfonie. Beim Konzertmittschnitt aus dem Jahre 1965 geht Klemperer mit dem New POL noch mehr in die Breite. Mozarts Musik wird jetzt aus dem Rückblick von Beethoven dargeboten, jedoch nicht im Kopfsatz, der an die erste Aufnahme erinnert. Erwähnt seien auch die deutlichen Bässe in der Durchführung dieses Satzes. Der Klang der BBC-Aufnahme ist kompakt, kleine kurze Pegelschwankungen im ersten Satz sind nicht zu überhören. Trotzdem bleibt es eine noch gültige Interpretation.

George Szell

Szell lässt bei Mozart sehr sprechend musizieren, Klangrede gab es bei ihm schon vor Harnoncourt. Ein klar gegliederter Duktus gepaart mit messerscharfer Artikulation ist bei ihm eine Selbstverständlichkeit, daraus resultiert eine vorbildliche Transparenz. Die tritt uns bereits in der Mono-Aufnahme von 1955 mit dem Cleveland Orchester entgegen, die folgende Stereo-Produktion aus dem Jahre 1967 übertrifft diese lediglich um ein farbigeres Klangbild, bei dem die Bläser einen wesentlichen Anteil haben. Die Tempi sind ein wenig breiter ausgefallen, besonders im Andante, das auch etwas gelassener klingt.

Diese beiden Studio-Produktionen werden durch Konzertmitschnitte aus Salzburg und Hamburg ergänzt, aber keineswegs übertroffen. Die Berliner Philharmoniker spielten 1957 in Salzburg nicht so messerscharf wie die Kollegen aus Cleveland, stattdessen etwas entspannter. Der Kopfsatz klingt nun nicht mehr so herb wie 1955, sondern eher ernst und traurig, der 2. Satz ist noch etwas schneller genommen. Insgesamt ist es eine hervorragende Interpretation, die jedoch vom ORF nicht ihrem Wert gemäß aufgezeichnet wurde. Erst nach einigen Augenblicken vergisst man den etwas dumpfen, kompakten Klang. Beim Mitschnitt zwei Jahre später in Hamburg mit dem Sinfonie-Orchester des Norddeutschen Rundfunks tritt dieses Klang-Problem nicht auf. Das Orchester spielt jedoch nicht ganz so geschliffen wie die oben genannten, jedoch besser als viele andere auf Platten vertretene. Mit einem wirklichen Allegro assai, noch schneller als in den anderen Aufnahmen, schließt Szell die Sinfonie, das Orchester bleibt aber immer kontrolliert.

Karl Böhm

Karl Böhm tritt als Interpret hinter das Werk zurück, alles erklingt genau, korrekt, ausgezirkelt und schön. Seine Tempi sind meist stimmig und Überraschungen sind nicht vorgesehen. Das trifft auf alle drei hier aufgeführten Studio-Einspielungen mit drei verschiedenen Orchestern zu. Die erste wurde mit dem Concertgebouw, zusammen mit weiteren Mozart-Sinfonien, noch in Mono aufgezeichnet. Die Aufnahme wäre auch als stimmig zu bezeichnen, wäre sie nicht vom Handicap der mangelhaften Balance im Bläserbereich befallen: die Fagotte sind von Anfang bis Ende im Vergleich zu Flöte, Oboe und Horn klanglich zu sehr nach vorn gezogen. Freunden eines schönen Fagottklanges wird beim Hören das Herz höher schlagen. Das hat sich Mozart aber nicht so gedacht. Bei der folgenden Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern ist dies korregiert, jetzt ist der Klang insgesamt farbiger. Das Orchester hat nun mehr Gewicht, klingt auch breiter und philharmonisch dichter sowie auch langsamer, abgesehen vom Menuett-Satz. Die letzte Aufnahme Böhms mit den Wiener Philharmonikern entstand am Anfang seiner letzten Phase als Dirigent. Die Musizierhaltung entspricht der früheren, allerdings sind die Tempi im Kopfsatz sowie im Menuett noch langsamer ausgefallen, er „übertrifft“ damit noch Klemperers letzte Aufnahme.

Josef Krips

Zwei Studio-Produktionen stehen mit Krips zur Verfügung. Die Aufnahme aus 1953 mit dem Londoner Sinfonie-Orchester ist eine Spitzenaufnahme, hier wird Mozarts Musik wie selbstverständlich dargeboten. Trotz schneller Tempi in den Ecksätzen wirkt die Musik nie gehetzt, auch der etwas kompakte Klang des Sinfonie-Orchesters bleibt immer schlank und transparent, im Menuett wünschte man sich die Geigen jedoch etwas schlanker. Krips achtet auch immer auf deutliche Stimmverläufe. Fast zwanzig Jahre später erfolgte eine Neuaufnahme mit dem breiter klingenden Concertgebouw Orchester, die mit besserem Stereo-Klang punkten kann, davon profitieren vor allem die Bläser. Die Tempi sind nun in den meisten Sätzen etwas bis deutlich langsamer, der Dirigent nutzt sie um noch bewusster zu musizieren.

Herbert von Karajan

Karajan hat der Musikwelt vier Studio-Aufnahmen hinterlassen. Die erste entstand während des 2. WK mit dem Turiner RAI-Orchester. Hier meldet sich schon der Ästhetiker Karajan zu Wort, oberstimmenbetont lässt er das großbesetzte Orchester aufspielen, das etwas rau und kompakt klingt. Aus dem Kopfsatz spricht viel Traurigkeit, gepflegt kommt das Andante daher, die Hörner im Trio des Menuetts (recht schnell) leider nicht. Hurtig geht die Sinfonie zu Ende. Auch die anderen drei Interpretationen können mich nicht recht überzeugen, sie sind der ersten zwar klanglich weit überlegen und führen bessere Orchester ins Feld, leiden aber an dem zu breiten philharmonischen Klang, den HvK ausbreitet. Die Kopfsätze sind nun weniger gefühlsbetont, die Andante-Sätze mit den BPh klingen wie auf „schön“ getrimmt, fallen insgesamt aber ziemlich nüchtern aus. Dagegen lässt er hier bei den WPh einen romantisierenden Unterton gelten. Das Trio im 3. Satz ist 1970 ziemlich glatt ausgefallen, das Besondere wird nicht herausgestellt. Für die Finalsätze wählt er wie schon bei RAI ein sehr schnelles Tempo. Relativ am nächsten bei Mozart scheint mir die EMI-Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern von 1970 zu sein.

Günter Wand

Fast schon am Ende seiner Aufnahmetätigkeit für den französischen Plattenclub Club Français du Disque entstand mit dem Gürzenich-Orchester Köln eine Aufnahme der g-Moll-Sinfonie. Die Ecksätze werden nicht so schnell gespielt wie auf anderen Platten, Wand achtet aber auf schlanken Klang mit guter Transparenz, in lauten Tutti-Abschnitten gelingt das jedoch nicht immer so, trotzdem sind die Stimmverläufe gut zu verfolgen. Die Musik könnte im 2. Satz bei etwas schnellerem Tempo lockerer gespielt sein. Im Trio liegen p und f zu nahe beieinander. Wands zweite Aufnahme ist ein Mitschnitt mit dem NDR-Sinfonie-Orchester und nimmt auch aufgrund des besseren Klanges für sich ein, die Tempi sind nur geringfügig schneller. Wand scheut auch nicht einen leicht romantisierenden Tonfall, im 2. Satz zu beobachten.

Carlo Maria Giulini

Guilinis erste Aufnahme der g-Moll-Sinfonie wurde in London mit dem ihm vertrauten New Philharmonia Orchester für Decca (!) eingespielt. Schon hier zeigt er ein Werkverständnis, dass sich bei den späteren Aufnahmen noch verstärkt wiederfindet: Den Kopfsatz lässt er langsamer spielen als vom Komponisten gedacht, gleichzeitig wird die Musik emotional besetzt, beides verstärkt sich noch in den folgenden Aufnahmen. In Tutti-Abschnitten bringt Giulini eine klangliche Schärfung ein. Der Andante-Satz wird liebevoll gestaltet, auch später, in der Berliner-Aufnahme klingt er jedoch schon zu gezogen. Auch für das Menuett samt Trio lässt sich der Dirigent Zeit, bei den Berlinern klingt es geradezu schwerfällig. Im Finalsatz streicht er Mozarts Tempo-Zusatz „assai“, am geringsten noch beim NPOL, in dieser Aufnahme ist die dynamische Abstufung noch am besten, auch gefallen die federnden Violinen im 1. Thema, in den folgenden Produktionen wird mehr gewichtig musiziert. Die Londoner CD klingt transparent und besitzt eine gute Balance, auch die Berliner, die zusätzlich noch polierter ausgefallen ist. Der Konzertmitschnitt mit den Wiener Philharmonikern von den Salzburger Festspielen dagegen ist klanglich nicht ausgewogen, die Geigen dominieren im Tutti zu sehr und die Bläser treten hier sehr zurück, im 2. Satz fehlen die Hörner, insgesamt ist eine geringe Transparenz zu konstatieren.

Leonard Bernstein

In seinen späteren Dirigentenjahren hat Bernstein eine größere Nähe zu Mozarts Musik entwickelt. Mit seinem New Yorker Orchester pflegte er noch ein festes Musizieren aus dem Blickwinkel von Beethovens Sinfonien heraus samt ihrer Emotionalität. Im Kopfsatz lässt er deutlich Betroffenheit spüren, die sich in der Durchführung durch aufgewühltes Musizieren noch steigert. Kontrastierend dazu das Andante mit einem facettenreichen Vortrag. Das Menuett zieht bäuerlich derb vorbei, im Gegensatz dazu steht das Legato des Menuetts. Der Finalsatz ist quasi ein Selbstläufer, auch beim späteren Wiener Konzertmitschnitt. Hier wird insgesamt gestalteter und differenzierter musiziert, da sich Bernstein mehr auf die Partitur einlässt. Das Andante besitzt nun mehr Wärme. Gepflegter klingt auch das Menuett. Das Klangbild ist allerdings etwas distanzierter als früher.

Neville Marriner

Marriners Musizierstil mit der von ihm gegründeten Academy kommt Mozarts Musik sehr entgegen, beim Kauf einer CD kann man eigentlich nichts falsch machen, das trifft auch auf die g-Moll-Sinfonie zu, von der hier drei Einspielungen vertreten sind. 1970 wählte er die 1. Fassung mit Oboen, 1986 die 2. mit Klarinetten, immer von einem großbesetzten Kammerorchester gespielt. In beiden Aufnahmen ist der Hörer Zeuge eines beherzten Musizierens in den schnellen Sätzen, stringent, sehr gepflegt, geschmeidig und ausgewogen, bei immer transparentem und gerundetem Klang. Bei Tutti-Stellen bilden starke Bässe das klangliche Fundament des Streicherchores. Der langsame Satz wird mit viel Klangsinn und spürbarer Hingabe dargeboten. Eine emotionale Stellungnahme scheint Marriner bei seinem Musizieren nicht im Vordergrund zu stehen. Die spätere EMI-CD ist der Vorgänger-Version klanglich überlegen, die mit etwas Hall aufwartet. In dieser Aufnahme bringt Marriner auch die 1. W. im Andante-Satz. Genau zeitlich in der Mitte zwischen diesen beiden Aufnahmen wurde in Straßburg ein Konzert der Academy sowie den Solisten Jessey Norman und Alfred Brendel aufgezeichnet und auf 2 LPs von Philips herausgebracht (2. Fassg.). Alles was bisher schon geschrieben wurde, trifft im Großen und Ganzen auch hier zu, das Klangbild ist jedoch etwas kompakt und in den lauten Tutti-Partien ein wenig basslastig.

Wolfgang Sawallisch

Die beiden hier vertretenen Aufnahmen sind sehr unterschiedlich ausgefallen. 1958 gastierte er mit dem Concertgebouw Orchester bei den Salzburger Festspielen. Vermutlich fehlte es an hinreichender Probenzeit, die Streicher klingen etwas rau, kantig, ohne den rechten Schliff. Auch die dynamische Differenzierung ist pauschal ausgefallen. Da können die überzeugend gestalteten Ecksätze nicht gegenhalten. Der Klang ist kompakt, die Geigen klingen zu spitz.

Die Prager Studio-Aufnahme überzeugt nicht nur durch ein deutlich besseres Klangbild sondern zeigt auch interpretatorisch mehr Profil in allen Sätzen.

Nikolaus Harnoncourt

Harnoncourts historisch-informierte Aufnahmen von Mozart-Sinfonien spielte er mit dem großbesetzten Amsterdamer Concertgebouw-Orchester ein, was für die meisten der Musiker gewiss Neuland bedeutete. Die Ecksätze in der g-Moll-Sinfonie werden fast atemlos durchgezogen, mit angerautem Klang in den Tutti-Stellen. Die vielen Wechsel zwischen lauten und leisen Passagen stehen unvorbereitet schroff nebeneinander. Hüpfend wird die Musik im Menuett, dass Trio ist deutlich langsamer. Insgesamt kann die Interpretation einer gewissen Starrheit nicht entgehen. Der Dirigent sorgte für ein transparentes Klangbild. Fast dreißig Jahre später spielte er die Sinfonie mit seinem Hausorchester, dem Concentus Musicus, in großer Besetzung, erneut ein. Die Anfangstakte des 1. Satzes sind so artikuliert, als steige die Musik aus einem Nebel auf, übrigens auch schon beim COA. Der Ansatz entspricht im Großen und Ganzem dem der früheren Aufnahme, es wird allerdings ein wenig langsamer musiziert. An vielen Tutti-Stellen stechen nun die Hörner heraus, auch in den anderen Sätzen. Geringfügige Tempomodifikationen sind Harnoncourts Interpretationsmuster eigen und entgehen nicht dem geübten Ohr.

eingestellt am 03.03.2017 

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