Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Modest Mussorgsky

  Bilder einer Ausstellung – Originalfassung für Klavier

 

In Mussorgskys Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ begegnet sowohl dem Klavierspieler als auch dem Musikfreund ein eindrucksvolles Zeugnis von Programmmusik, das seine Wirkung auf den Hörer, sei es im Konzert oder beim Hören einer CD, nicht verfehlt. Der Anlass zur Komposition gab eine Ausstellung in St. Petersburg im Jahre 1874, in der zum Gedächtnis des Architekten und Malers Victor Alexander Hartmann Skizzen, Zeichnungen und Bilder des ein Jahr zuvor im Alter von 39 Jahren Verstorbenen gezeigt wurden. Mussorgsky hatte mit Hartmann in freundschaftlicher Verbindung gestanden. Einzelne Bilder müssen beim Komponisten einen solchen Eindruck hinterlassen haben, dass er begann seine Impressionen in Form von Klavierstücken in Musik umzusetzen. Noch im selben Jahr war das Werk abgeschlossen. Zum Druck beförderte es allerdings nicht Mussorgsky selbst, sondern Nicolai Rimsky-Korssakoff fünf Jahre nach des Komponisten Tod, er war es auch, der dabei Tempo- und Ausdrucksbezeichnungen hinzufügte, die stellenweise vom Autograph abweichen. Im Vorwort der Breitkopf & Härtel-Ausgabe wird berichtet, dass Mussorgsky das Bydlo-Stück bis auf den Schluss fortissimo gespielt haben soll, Rimsky-Korssakoff lässt es leise beginnen, erst bei der Wiederholung des A-Teils T. 38 ff. soll es mit höchster Kraft gespielt werden, aber ab T. 47 wieder nach und nach leiser. Sehr viele Stücke sind dreiteilig angelegt, ABA, wobei bei der Wiederholung der A-Teil umgestaltet wird.

Der in Deutschland lebende russische Pianist Andrej Hotejew veröffentlichte 2014 eine Neuausgabe nach Originalmanuskripten in der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg. Auf Schallplatten begegnet man allerdings nur Aufnahmen, denen der Erstdruck zugrunde liegt, allerdings sind auch hier und da kleine Abweichungen zu beobachten.

Es folgen hier Anmerkungen zu  einzelnen Stücken:

Promenade 1:

Dieses 24 Takte lange Stück spiegelt nach meiner Ansicht das Hin-und-Her-Gerissensein des Betrachters, in diesem Falle des Komponisten selbst, welchem Bild er sich zuerst zuwenden soll. In den Noten steht am Anfang nur das f-Zeichen. Die meisten Interpreten jedoch kolorieren die Musik mittels dynamischer Wechsel. Auch das bis auf wenige Ausnahmen vorgesehene non legato wird durch legato-Abschnitte aufgeweicht. Sehr viele Interpreten lassen den folgenden Gnom ohne Pause folgen.

Gnom:

Mussorgsky charakterisiert ihn als ungestalteten Zwerg, der sich höchst unruhig hin und her bewegt. Ein aggressiv klingendes Sechsachtel-Motiv eröffnet das Stück und wird in kurzen Abständen wiederholt. Beim ersten Auftreten soll es ff gespielt werden, weiter vermerkt der Notentext: sempre vivo, beim zweiten Erscheinen wird jedoch p verlangt und meno vivo, also zuerst laut und schnell, dann leise und weniger schnell. Das meno vivo wird von den Interpreten nicht immer beachtet, Ausnahmen sind Richter, Firkušný, Janis, Brendel -85, Bronfman, Vogt, Douglas, Varjon und M. Schirmer, die nur halb so schnell wie zuvor spielen,

Das alte Schloss:

Hier ist der nächtliche Gesang eines Minnesängers vor einem alten französischen Schloss festgehalten. Vier Strophen erklingen in Begleitung einer Laute (linke Hand mit Bordoun auf g sowie einer Mittelstimme). Der Notentext sieht vor, dass die linke Hand durchgehend im pp bleibt, die rechte etwas lauter spielen soll, diese Anweisung wird jedoch nicht immer befolgt. Gegen Ende (T. 98) ist in meiner Breitkopf-Ausgabe die Mittelstimme mit den Noten h-h-ais … vermerkt, so spielen es Moiseiwitsch, Katchen und Brendel-55. Alle anderen Pianisten lassen die fallende Melodie nicht mit h sondern mit cis beginnen. Der Grund dieser kleinen Abweichung bleibt vorerst ungeklärt.

Die Tuilerien – Streit der Kinder nach dem Spiel:

Das Stück gewinnt durch bewegtes Tempo, capriccioso vermerkt der Notentext. Ab T. 5 muss der Pianist in der linken Hand Dezimen greifen, was schmaleren Pianistenhände nicht immer leicht fällt, Es klingt aber sehr reizvoll, wenn der tiefste Ton (immer cis) als Vorschlag gespielt wird.

Bydlo:

Wie schon oben erwähnt, spielte Mussorgsky schon zu Beginn sehr laut, damit folgen ihm die meisten Interpreten wie Erdmann, Richter, Cherkassky, Berman, Ashkenazy, Pogorelich, Kissin und Entrement. Vogt, Osborne und Brendel-85 wählen ein f.

Samuel Goldenberg und Schmuyle:

Hier handelt es sich um zwei Bilder polnischer Juden, ein reicher und ein armer, die Mussorgsky in einen Zusammenhang bringt: das pompöse Gehabe des reichen trifft auf den geschwätzigen und vielleicht bettelnden armen. Zum Schluss ist wieder auf eine Textabweichung bei der Achteltriole hinzuweisen: Nach der Breitkopf-Ausgabe ist der letzte Triolenton ein cis, so spielen es Katchen und Brendel-55. Alle anderen nehmen dort ein b, wie der lange Schlusston.

Promenade 5:

Die erste Hälfte entspricht notengetreu der Promenade 1, danach geht es ähnlich weiter und schließt mit einer Kadenz nach B. Merkwürdig ist, dass dieser Akkord zwar betont, aber nur als Achtel zu spielen ist, wobei der obere Ton lange nachklingen soll, am besten gelingt dies Douglas. Cherkassky lässt allen Töne nachlklingen.

Katakomben:

Beim musikalischen Gang durch die Pariser Katakomben fallen die schroffen dynamischen Unterschiede sowie die unterschiedliche Dauer der punktierten Halben auf. Bei den ersten drei Akkorden scheint der Besucher zu warten und sich umzusehen, Mussorgsky versieht diese Noten zusätzlich mit einer Fermate. Auch im weiteren Verlauf scheint er hier und dort stehen zu bleiben, ebenfalls Fermaten. Mit dem vierten Takt wird eine langsame Bewegung angedeutet, der Klavierbass schreitet in Oktaven vom dis abwärts zum fis. In den Takten 15-22 bewegt sich die Mittelstimme in der linken Hand vom e chromatisch aufwärts bis zum g, und nach einer Unterbrechung von zwei Takten von his aufwärts über cis-d-e zum eis. In diesen Takten fehlen die Fermate-Zeichen, die Musik soll gemäß der Andeutung einer Bewegung etwas schneller erklingen. Diese Feinheiten wollen entdeckt werden, leider spielen viele Interpreten darüber hinweg.

Das große Tor von Kiew:

Die Musik scheint eine feierliche Prozession widerzuspiegeln, mit Gesang von Priestern (T. 30-46 leiser, entfernter, dann T. 64-80 lauter) und Glockengeläute (T. 81 ff. linke Hand). Auch die Promenade reiht sich in diesen festlich pompösen Schlusssatz ein. Die Sekundreibungen in der rechten Hand (T105/106) mögen einige Hörer an Fehlgriffe des Interpreten erinnern, nein, es war Mussorgskys Absicht.

Die einzelnen Sätze werden in den Kommentaren wie folgt abgekürzt wiedergegeben:

Prom

Promenade

Gnom

Gnom

Schl

Das alte Schloss

Tui

Die Tuilerien

Byd

Bydlo

Kük

Ballett der Küklein in ihren Eierschalen

Sam

Samuel Goldenberg und Schmuyle

Lim

Der Marktplatz von Limoges

Kat

Die Katakomben

Mor

Cum mortuis in lingua mortua

Hütte

Die Hütte auf Hühnerfüßen (Baba Yaga)

Tor

Das Große Tor von Kiew

 

5

Svjatoslav Richter

Praga

1956

29‘28

 

live,▼

5

Lars Vogt

EMI

1991

36‘03

 

sorgfältiges, blendend sauberes und differenziertes Klavierspiel, Mussorgskys Dynamik weitgehend übernommen – Schl: klanglich sehr differenziert dargestellt, Kat: metrische Unterschiede gewahrt, Tor: mehr maestoso als Allegro

5

Eduard Erdmann

Rundfunkaufnahme

 

28‘16

 

Solist lässt die Musik aus sich selbst sprechen und verzichtet auf aufgesetzte Verdeutlichungen, immer schlüssiges Metrum, rhythmisch genau – Pro I: schnell, Gnom: erster Takt nicht ff, bei den Wiederholungen ebenfalls, Kük: Erdmann legt mehr Wert auf leggiero als auf Tempo, Sam: Sam.Gold. weniger forsch auftretend als üblich – relativ guter Klang, nicht trocken

5

Rudolf Firkušný

Orfeo

1957

30‘23

 

live,▼

5

Vladimir Ashkenazy

Decca

1982

31‘49

 

aufmerksame Darstellung, farbig, gleichermaßen kraftvoll und vital als auch nuancenreich und feinfühlig, ausdrucksstark

5

Freddy Kempf

BIS

2006

31‘52

 

durchdachte  Interpretation, hält sich an den Notentext, eher sachliche Einstellung, kaum spekulativ, ohne Mussorgskys Ausdrucksgehalt zu vernachlässigen – Gnom: das Mürrische kommt gut heraus, Schl: melancholisch, Kük: A-Teil nicht pp, keinesfalls wild, Lim: meno mosso am Ende wie gewünscht, nicht zu schnell

5

Yefim Bronfman

Sony

1990

31‘34

 

Pianist spielt die „Bilder“ mitteleuropäisch, genau, klar, geschliffen, verbindlich, weniger im russischen Tonfall – Byd: zu Beginn mf, Lim: T. 16 ff. endlich einmal rhythmisch klar, Hütte: B-Teil deutliches non legato in der linken Hand

5

Richard Osborne

hyperion

2011

35‘34

 

Prom 1 und 5: locker hingeworfene Akkorde, keine Schwerarbeit, Byd: klingt schwerfällig, die Musik verliert sich am Ende in der Ferne, Lim: rhythmisch durchsichtig, klar, Kat: klare Trennung von Akkorden mit und ohne Fermate, viel Spannung, auch in Mor, Hütte: linke Hand im B-Teil leider legato, Tor: am Ende keine Überwältigung des Hörers vorgesehen – schöner Klavierklang

5

Paul Lewis

HMF

2014

33‘24

 

Pianist wird allen Facetten der Komposition gerecht, bestes Klavierhandwerk, geschmackvolle Darbietung – Schl: stimmungsvoll, Mittelstimme nicht vergessen, Tui: delikat, Kük: leggiero!, Lim: wie ein Scherzo, Mor: bewegt, Tor: genau zwischen f und ff unterschieden, dezente Bassvorschläge

 

 

 

4-5

Khatia Buniatishvili

Sony

2015

35‘25

 

Gnom: Teil A hier geht‘s zur Sache, Teil B T. 38 ff im p, Schl: zu viel Pedal, gezogen, Tuil: Presto, Byd: Musik verliert zu früh an Kraft, Kük: Tempo, gutes leggiero, Sam: T. 9 ff dolore, 32-tel-Triole in T. 24 verschluckt, Prom V: jetzt rauer als Prom I, Lim: einfallsreich, Kat: überzeugend, Hütte: feroce, B-Teil elektrisierend, Tor: überwältigendes Finale – Tempogegensätze herausgestellt, Klangbild leicht mulmig und unnatürlich

4-5

Byron Janis

Mercury

1961

29‘47

 

Janis nimmt sich als Interpret zurück und lässt die Musik eindrucksvoll sprechen – Schl: immer wieder Spannung-Entspannung, Atmosphäre, Tui: delikat, Byd: linke Hand konsequent bis zum Schluss tenuto, Kük: durchgeformt, Lim: ausgelassene Stimmung genau eingefangen, Kat: genau nach Vorlage, Mor: linke Hand führt, stabiles Tempo, Hütte: könnte etwas leiser sein, Tor: Akkorde zu Beginn und auch später jeweils mit Nachschlag im Bass wie T. 81-84, Schlusstakte mit zusätzlichen Oktavtrillern und vollgriffigen Schlussakkorden – aufgrund dieser Eingriffe im letzten Satz Herabstufung von 5 auf 4-5

4-5

Rudolf Firkušný

DGG          forgotten records

1960

31‘52

 

4-5

Shura Cherkassky

BBCL

1982

32‘53

 

live,▼

4-5

Leif Ove Andsnes

EMI

2008

31‘52

 

Der Pianist äußert sich im Booklet so, dass Mussorgskys pianistisches Vermögen nicht ausreichte, um seine gewaltigen Visionen in Noten zu fassen. Für ihn wirkten einige Sätze wie Skizzen, Werkzeichnungen, die als eine Aufforderung zur Verdeutlichung zu verstehen seien. In diesem Sinne nähert sich Andsnes dem Notentext. Gnom: T. 60-71 halbe Noten in Oktavtriller umgewandelt, erst links, dann rechts, Schl: abwechslungsreich, Byd: linke Hand immer zwei Akkorde als Einheit, Kük: B-Teil rechte Hand bei der Whlg. eine Oktave höher, Sam: T. 9-12 Bass um eine Oktave tiefer, Lim: auch hier stellenweise Oktavierungen nach oben, Kat: erster Akkord sehr lang, im Bass nachschlagende Töne sowie Oktavtriller, Tor: Vorschläge T. 22 ff. in Nachschläge umgedeutet, auch später, Notentext nicht immer 1 zu 1 übernommen, Kolorierungen, T. 111-113 Glissando – der Hörer muss entscheiden, ob ihm Andsnes Deutung zusagt, mir gefällt diese Darstellung. Aufgrund dieser weitgehenden Eingriffe Herabstufung von 5 auf 4-5.

4-5

Julius Katchen

Decca

1950

29‘43

 

Prom I und VII: Abwechslung mittels unterschiedlicher Lautstärkegrade, Gnom: mürrisch, gehetzt, kurze Vorschläge wenig beachtet, Schl: überzeugend erzählt, Tui, Teile A und B voneinander abgehoben, Lim: farbiges Spiel, Kat: Mussorgskys Dynamik nicht übernommen, Mor: Oktav-Triller zu sehr vorn, etwas nüchtern, Tor: T. 64 ff. nicht ff, sondern leise, heikle Takte 89-106 gemeistert – Aufnahme klingt russischer als die vom Russen Ashkenazy

4-5

Barry Douglas

RCA

1986

33‘39

 

Douglas‘ Spiel bleibt möglichst immer schlank, sehr durchsichtiger Klang, die Promenaden erfahren eine besondere Aufmerksamkeit – Gnom: Vielschichtigkeit herausgestellt, Byd: schwerer Karren, Kük: Triller im Trio nicht ganz gleichmäßig, Kat: im Einklang mit der Vorlage, Mor: intensiv, Hütte: bei der Wiederholung A-Teil wilder

4-5

Svjatoslav Richter

Philips

1958

29‘27

 

live,▼

4-5

Jewgenij Kissin

RCA

2001

34‘05

 

Gnom: Anfangsfloskel sehr stürmisch, auch später, Akkorde T. 19 und 23 voneinander kurz abgesetzt, Schl: zu viele Rubati (Kissin *1871 ?), dramatisiert, gezogen, Tui: pointiert, Byd: schwerer Karren, Kük: im schnellsten Tempo gemeistert, Lim: buntes Treiben, Kat: gefällt, Hütte: linke Hand im B-Teil legato, Tor: grandiosoKissin kann seine Virtuosität kaum verbergen, Klangfarbenpalette!

4-5

Ivo Pogorelich

DGG

1995

42‘10

 

Gnom: poco meno mosso, T. 38 ff. nur p, Schl: con molto dolore, delicatezza, Gesang eines Einsamen, Tui: Streit?, nur ein Necken, Byd: sehr gewichtig, Kük: leggiero!, Trio langsamer, Lim: elegant, Mor: Adagio, Musik steht fast still, Spannung durchgehalten, Hütte: linke Hand sowohl legato als auch non legato, Tor: sogleich ff, T. 64 ff. p, sempre maestoso, bei dem langsamen Tempo können die Takte 89-106 ihre Wirkung kaum entfalten – insgesamt gilt: polierte „Bilder“

 

 

 

4

Lazar Berman

DGG

1979

33‘13

 

Gnom: B-Teile p, Schl: poetisch, mit langem Atem, Tui: liebe Kinder, Lim: lebendig, nicht überstürzt, Kat: Metrum und Lautstärke nicht immer nach Vorlage, Mor: Atmosphäre, Hütte: zumindest A-Teil zu korrekt, Tor: mit Übersicht, zu Beginn sofort ff, T. 64 ff. p wie T. 30 ff.

4

Anatol Ugorsky

DGG

1991

36‘12

 

Ugorskys meist langsamere Tempi weichen von denen der meisten anderen Pianisten ab, insofern kann die Aufnahme für den einen oder anderen Hörer gewöhnungsbedürftig sein. Sie ermöglichen aber auch nahezu magische Momente wie in den Katakomben. Das Große Tor wird nach Partitur gespielt (Dynamik) und klingt erst in den letzten Takten triumphierend, nicht schon im ersten Abschnitt.

4

Shura Cherkassky

Orfeo

1961

29‘41

 

live,▼

4

Alexander Uninsky

Philips             forgotten records

1953

30‘45

 

insgesamt ansprechende Interpretation, Solist schenkt den Promenaden seine besondere Aufmerksamkeit, allerdings verzichtet er auf die fünfte – Tui: gutes non legato, Kük: disperat wie die Vorlage, Kat: Fermaten nicht immer nach Notentext, Kat: ab T. 11 nicht pp, Tor: T. 68-106 etwas bemüht

4

Denes Varjon

Capriccio

2001

33‘11

 

korrekte Darstellung, etwas domestiziert, ohne das gewisse Etwas – Gnom: B-Teil T. 38-57 p, Schl: viele dezente Arpeggien in der rechten Hand, Tui: zu sachlich, Byd: aufangs mf, Kat: korrektes Metrum, Mor: Oktavtriller rechts nicht immer gleichmäßig, Hütte: B-Teil linke Hand legato

4

Markus Schirmer

Tacet

2004

35‘17

 

Schl: Pianist verliert sich in der Betrachtung einzelner Thementeile, Tuil: brav, Lim: ohne Pep, Kat: inkonsequente Behandlung der Fermaten, Mor: die Oktavtriolen beginnen bereits im letzten Takt der Kat. und haben einen höheren Stellenwert als die Bassmelodie, Hütte: linke Hand im B-Teil legato, Tor: kraftvoll – solide Leistung, Klavierklang (Fazioli) gut eingefangen

4

Alfred Brendel

Philips

1985

33‘35

 

4

Alexis Weissenberg

EMI

1971

31‘00

 

Prom I: sorgfältig, objektiv, Tuil: Differenzierung zwischen p und pp nicht top,

Byd: linke Hand T. 1-20 sowie T. 38 ff. staccato, Prom IV: wie nebenher, Prom V:  etwas lustlos, das gilt auch für Lim, nur korrekt, Mor: fast schon entfernte Oktavtriller, überzeugt, Hütte: A-Teil mechanisch, B-Teil distanziert, Tor: Takte 64 ff. werden leise gespielt, wie zuvor T. 30 ff – insgesamt keine Herzensangelegenheit spürbar

 

 

 

3-4

Rudolf Firkušný

BBCL

1980

28‘47

 

live,▼

3-4

Alfred Brendel

Vox           Brilliant

1955

30‘17

 

3-4

Wladimir Horowitz

RCA

1947

29‘28

 

3-4

Wladimir Horowitz

RCA

1951

29‘09

 

live,▼

3-4

Mikaïl Rudy

Phaia Music

1980

31‘54

 

Tui: facettenreich, Byd: Beginn mf, T. 38 ff. ohne con tutte forza, Sam: einfallsreich, Lim. nach Vorlage, Kat: Fermaten nicht immer beachtet, Mor: etwas nüchtern, Hütte: A-Tel mit Schwung, B-Teil linke Hand legato – technische Seite der CD: Klavierklang  teilweise etwas gläsern, unverständliche Aufteilung der Tracks, von Track zu Track winzige Pause, hinterlässt einen etwas amateurhaften Eindruck, Rudys Interpretation hätte eine höhere Platzierung verdient

3-4

Philippe Entremont

Pro Arte

1989

29‘20

 

pianistisch fast alles richtig gemacht, Entremont geht zu wenig auf die Besonderheiten dieser Musik ein, aus der Distanz betrachtet, wie mit einem Tempomat durch die Musik, zu glatt – Kat: metrisch ungenau, Mor: ohne Atmosphäre, auch Hütte Teil B

 

 

 

3

Maria Judina

Melodya         Eurodisc

1967

33‘11

 

Aufnahme aus Judinas Todesjahr, Klaviertechnik nicht immer nach heutigen Maßstäben, wenig geschmeidiges Spiel – Gnom: expressiv, Schl: zu unruhig, es wird nicht klar, ob legato oder staccato/portato zu spielen ist, Byd: etwas widerspenstiges Tier, Mor: zu sehr buchstabiert, am Ende notenkonform, Hütte: zu hölzern, im B-Teil linke Hand legato, dazu nicht vorgesehene Wdhlg. sowie Textabweichung, Tor: darüber schweigt der Rezensent

2-3

Benno Moiseiwitsch

Decca-US      DGG

1961

24‘17

 

Diese Interpretation besitzt ihren Wert darin, dass sie uns Heutige an die Aufführungstraditionen (einiger Pianisten) aus der Zeit der Spätromantik und danach erinnert. Aufgrund ihrer Eingriffe in den Notentext, als vermeintliche Verbesserungen sowie einiger Kürzungen, viel mehr noch als Horowitz, ist sie uns heute mit Recht obsolet. Hier schiebt sich der Künstler vor den Komponisten.

 

Revidierte Ausgabe von Andrej Hotejew

 

4-5

Andrej Hotejew

Berlin Classics

2013

41‘16

 

Im Booklet geht Hotejew detailliert auf den Urtext und die späteren Änderungen ein. Für den „Normalhörer“ sind die Unterschiede eher gering, abgesehen von den teils mehr oder weniger langsameren Tempi. Ob sich diese Urfassung bei den Interpreten durchsetzt. bleibt abzuwarten.

 

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen

Wladimir Horowitz

Der russisch-amerikanische Pianist wird von mir nicht auf den oberen Rängen platziert, wie man es aufgrund seiner pianistischen Potenz erwarten dürfte, sondern weit unten. Ausschlaggebend für diese Entscheidung ist Horowitz Umgang mit Mussorgskys Notentext, den er glaubte verbessern zu müssen. Leider gehen diese „Verbesserungen“ so weit, dass er im Alten Schloss den dritten Gesang streicht und auch auf die fünfte Promenade verzichtet. Im Gnom spielt er das Anfangsmotiv langsamer als vorgesehen und fügt ab T. 67 Oktavtriller in der linken Hand hinzu. Die Achtelpausen im Kopfmotiv der Tuilerien, es durchzieht den ganzen Satz, werden nach Gusto beachtet. Im Bydlo setzt Horowitz Arpeggien für jeden zweiten Akkord der linken Hand, außer im Mittelteil. Bei Samuel Goldenberg und Schmyle verfolgt er eine pianistische Erschwerung mit der Einarbeitung von Vorschlägen der rechten Hand in den Takten 14-21, die bereits im Schmyle-Abschnitt T. 9-15 einen bizzarren Eindruck hinterließen. Mit den Fermaten in den Katakomben geht er sehr frei um, der letzte Akkord wird mit einem leisen Basstriller versehen, einzelne Akkorde erhalten zusätzliche Nachschläge. In den Außenabschnitten der Hütte der Baba Yaga geht es sehr wild zu, da braucht Horowitz seine Pranke nicht zu verstecken. Bei der Wiederholung des A-Teils greift der Pianist mit eigenen Ideen in Mussorgskys Vorlage ein und leitet virtuos zum Großen Tor von Kiew über, das unter der Überschrift „Grandioso“ gespielt wird und auch viele Eigenwilligkeiten aufzeigt. So spielten Virtuosen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, bei denen der jeweilige Notentext nur als Vorlage galt, um ihre schöpferischen Ideen sowie pianistische Potenz ins rechte Licht zu stellen. Horowitz war einer der letzte dieser Interpreten. Aus klangtechnischen Gründen ist die live-Aufnahme von 1951 der älteren aus dem Jahre 1947 vorzuziehen.

Shura Cherkassky

Zwei Konzert-Mitschnitte aus unterschiedlichen Jahren stehen hier zur Diskussion: 1961 spielte der den Zyklus in Salzburg, 21 Jahre später in London. Dieser Mitschnitt gefällt mir aufgrund der größeren Übersicht und Genauigkeit besser als der frühere. Cherkassky spielt in Salzburg wie ein Draufgänger, er ist den technischen Anforderungen voll gewachsen, trotzdem unterlaufen ihm einige Patzer. Sein Spiel verläuft hier mehr an der Oberfläche und versenkt sich weniger in Mussorgskys Klangwelt, so klingt die Musik hier etwas distanziert. Es sind aber auch gute Momente zu beobachten, etwa, wenn er das Ungestüme des Gnoms herausbringt, oder das alte Schloss wie eine Erzählung vorträgt, leider jedoch bei leicht aufgeweichtem Tempo, oder die Tuilerien, die in einem Tempo, fast schon Allegro durchgezogen werden. In London 1982 nimmt sich Cherkassky mehr Zeit und achtet auf eine genauere Ausführung. So stellt sich letztendlich auch mehr Spannung ein.

Rudolf Firkusný

Vom tschechischen Pianisten liegen mir drei Aufnahmen vor, eine Studio-Produktion der DGG, sowie zwei Konzertmitschnitte aus Salzburg und London. Die beiden erstgenannten stehen auf höchstem, bzw. sehr hohem Niveau und unterscheiden sich allein durch die live-Atmosphäre. Firkusný trifft den Ausdrucksgehalt der einzelnen Stücke auf das Beste, indem er sich an Mussorgskys Vorgaben hält, im Tempo, bei der Artikulation und der Handhabung der dynamischen Zeichen. Übertriebenes hat bei ihm keinen Platz. Lediglich im Alten Schloss besteht die Gefahr, dass das langsame Stück stellenweise an Spannung verliert. Der Marktplatz von Limoges gelingt in Salzburg noch lebendiger als im Studio. Der Klang dieser Aufnahme ist erfreulich präsent.

Der um 20 und mehr Jahre ältere Pianist wählt in London etwas schnellere Tempi als zuvor, die sich allerdings kaum als Vorteil ausweisen, so klingen im Gnom die Takte 8-16 etwas verwaschen, auch die staccato-Ketten der rechten Hand in den Tuilerien sind nicht gleichmäßig (Temposchwankung). Die Küklein in den Eierschalen werden zu schnell angegangen, bei der Wiederholung verliert Firkusný in den Takten 5-7 die Kontrolle über sein Spiel. Im Großen Tor von Kiew spielt er gleich zu Beginn schon ff statt f, so stellt sich kein Kontrast ein. In den Takten 47-63 schieben sich die Oktavketten vor die Melodie. Auf weitere Beispiele soll verzichtet werden. Erwähnt werden soll jedoch noch, dass der Pedalgebrauch insgesamt höher als früher ist. – Die Existenz der erstgenannten Aufnahmen macht diesen BBC-Mitschnitt entbehrlich.

Svjatoslav Richter

Nach dem vor Jahren veröffentlichten Mitschnitt des Sofia-Recitals von 1958 von Philips hat diese Aufnahme eine ernste Konkurrenz bekommen, und zwar von einem Mitschnitt aus Prag aus dem Jahr 1956, und der auch noch mehr Atmosphäre vermittelt. Wenn ich letztere CD vorziehe, dann nur aus Gründen der wesentlich besseren Aufnahme- und Wiedergabetechnik, nicht aus künstlerischer Sicht. Richter nimmt Mussorgskys Vorlage ernst und versucht ziemlich erfolgreich den Notentext umzusetzen. Er beginnt zügig mit der ersten Promenade und wechselt zugleich zum Gnom, dessen A-Teil ziemlich schroff erledigt wird. Das Ungestüme der Bewegungen wird hier gut nachgestellt. Bei den Küklein setzt Richter die leggiero-Vorschrift bestens um und verblüfft durch einen rasanten Schluss, der über das sonstige Angebot anderer Kollegen hinausgeht. Bei den Katakomben wird die extreme Lautstärke der Akkorde sowie die unterschiedlichen Längen (Fermaten, aber nicht immer) genau abgepasst. Auch bei den restlichen Bildern ist der Hörer bei Richter in den besten Händen.

Alfred Brendel

Brendels erste Aufnahme wurde bereits 1955 für Vox eingespielt, dann folgte 30 Jahre später eine weitere für das Philips-Label. In der frühen Aufnahme wählt der Pianist durchwegs schnelle Tempi, auf die Eigenarten und Besonderheiten der einzelnen Stücke wird weniger eingegangen, so gelingt es kaum Spannung aufzubauen. Alle Stücke werden mehr oder weniger grell angestrahlt, es ist mehr eine Draufsicht, die aufgrund ihrer geringen Differenzierung den Hörer ermüden kann. In der Neuaufnahme setzt sich er sich Eingehender mit Mussorgskys Notentext auseinander, die Tempi sind jetzt teilweise etwas langsamer, eine Herzensangelegenheit scheint ihm die Musik auch auf dieser Platte nicht zu sein. Bei einigen Stücken hätte ich mehr Spannung erwartet. Mich irritiert auch, dass der Orgelpunkt im Alten Schloss so stiefmütterlich behandelt wird.

Nicht vergessen zum Schluss: ein Dank an einen Freund des Klassik-Prismas, der mir einige Aufnahmen zur Verfügung stellte.

 eingestellt am 23.10.19

 

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