Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

www.klassik-prisma.de

Diese Webseite ist urheberrechtlich geschützt.      

home

 

Scheherazade op. 35

Sinfonische Suite für Orchester nach „Tausendundeiner Nacht“

 

1. Meer und das Schiff des Sindbads – Largo e maestoso – Lento

2. Die Erzählung des Prinzen Kalender – Lento – Andantino

3. Der junge Prinz und die Prinzessin – Andantino quasi Allegretto

4. Fest in Bagdad – Das Meer – Das Schiff zerbricht an einem magnetischen Felsen – Allegro molto. Allegro molto e frenetico

 

In den Jahren nach Hector Berlioz‘ Tod schaffte es neben Richard Wagner nur ein Komponist, die technischen Möglichkeiten des großen, nach Beethoven noch verbesserten Orchesters, mit bewundernswerter Bravour herauszustellen und seinen Absichten gefügig zu machen, nämlich Nikolai Rimsky-Korssakoff. Die Skala der Orchesterfarben ist bewundernswert und auf die jeweilige Situation genau abgestimmt. Es ist kein Wunder, dass sich Dirigenten und Orchester immer wieder von der Klangzauberei der Scheherazade-Suite angezogen fühlen, auch die Schallplatte ging von Beginn an nicht an dem Werk vorbei.

Bevor auf die 42 hier versammelten Einspielungen eingegangen werden soll, möchte ich noch auf einige Stellen hinweisen:

1. Satz: Nach dem ersten Violinsolo ist das Meer über längere Zeit Begleiter des Hörers, dafür sind Bratschen und Celli zuständig; ein Auf und Ab im Sechsviertel-Takt schafft eine ständige Bewegung, die bei den Interpretationen von lasch bis heftig wechseln kann. Immer deutliche Wellen „hört“ man z. B. bei Gergiev. Silvestri gliedert jeden Takt und markiert das dritte Viertel leicht als Auftakt zum vierten, was eine ruhige, beruhigende Bewegung suggeriert.

Auf dem Höhepunkt nach chromatisch fallenden Dreitonmotiven der Hörner bringen Fagotte sowie Bass-Posaune und Tuba 9 Takte vor Partitur-Buchstabe E zweimal ein aus dem Sultan-Thema entwickeltes markantes Motiv, wobei die Noten g-fis auf der Zählzeit 6 nur von den beiden Fagotten ausgeführt werden sollen. Viel saftiger klingt es dagegen bei Beecham, Reiner, Stokowski, Markevitch, Steinberg, Fricsay, Silvestri Bernstein, Muti, Temirkanov, Ozawa-DG, Ashkenazy und Previn, die auch Posaune und Tuba auf 6 mitspielen lassen. Das wiederholt sich noch einmal 4 Takte vor Buchstabe K.

2. Satz: Laut Partitur sollte die Lautstärke des Solo-Fagotts sowie der Solo-Oboe angeglichen werden, was jedoch selten zu beobachten ist, oft setzt die Oboe lauter ein. Richtig klingt ist z. B. bei Ansermet und Ozawa. Wenn bei Buchstabe B die Streicher einsetzen, wird es bei vielen Aufnahmen noch lauter, von der Partitur ist dies jedoch nicht abgedeckt.

3. Satz: Hier bedarf es eines umsichtigen Dirigats sowie eines angemessenen Tempos (Partitur: quasi Allegretto), auf das die Musik nicht in Redseligkeit abgleitet. Als Höhepunkt des Satzes sollten die Abschnitte D bis I gelten, wo die ursprünglich etwas getragene Melodie der Streicher in ein tänzerisches Kleid gesteckt und dazu locker von allerhand Schlagzeug (Kleine Trommel, Tamburin, Triangel) begleitet wird, der Komponist verlangt hier ausdrücklich grazioso. Leider übersehen viele Dirigenten die Wünsche des Komponisten im Hinblick auf die Lautstärke: Dort steht für die Klarinette ein dreifaches Piano, für die bei Buchstabe E folgende Flöte ein Forte. Leider wird hier oft wenig differenziert. Sehr einfühlsam kann man es bei Markevitch sowie Maazel hören.

Einige Dirigenten (Stokowski-34, Ormandy-62, Fricsay) erlauben sich im 3. Satz einen Strich von fast 38 Takten nach L bis P, immer an derselben Stelle. Die mir bekannte Studienpartitur aus dem Eulenburg Verlag aus dem Jahre 2011 gibt keinen Hinweis auf eine von dieser abweichenden Druckausgabe, sollte aber angenommen werden. Auch das Autograph könnte Aufschluss geben.

Im 4. Satz ist es wichtig, dass der Dirigent während  der längeren Abschnitte etwa mittels zu früh einsetzenden Forte-Spiels die Spannung nicht verliert, hier sollte klug dosiert werden.

Die Handlung des Stückes vom grausamen Sultan Schahriar und seiner Geliebten Scheherazade darf als bekannt vorausgesetzt werden. Das in allen Sätzen anzutreffende Violinsolo soll Scheherazades betörende Stimme verkörpern, wenn sie dem Sultan ihre Geschichten aus Tausendundeiner Nacht erzählt. Manchmal kann man hören, wie der Sultan ungeduldig oder unzufrieden über die Erzählung mit seiner Stimme drohend eingreift. Im Laufe der vier Sätze werden seine Einwürfe jedoch sanfter. Beim Zerschellen von Sindbads Schiff scheint er zu triumphieren, im Unterton scheint aber eine Freude über Scheherazades Erzählkunst mitzuschwingen, die es fertiggebracht hat, seinen Groll über die Untreue der Frauen zu überwinden.

In der Regel werden diese Violinsoli von dem Konzertmeister der jeweiligen Orchester gespielt, die sich so gut wie möglich in eine weibliche Rolle hineinzuversetzen haben, was selten überzeugend gelingt. Lediglich Lorand Fenyves bei Ansermet, Christopher Warren-Green bei Ashkenazy, Jaap van Zweden bei Chailly sowie Rainer Honeck bei Ozawa gelingt der Geschlechtertausch. Als einzige Konzertmeisterin kennt Midori Seiler bei Anima Eterna dieses Problem nicht.              

 

5

Pierre Monteux

London Symphony Orchestra                                                 Hugh Maguire, Vl.

RCA        Decca   

1958

40‘11

 

I lebendige Erzählung, gute Spannungsbögen, II lebhaft, sehr abwechslungsreich, hervorragende Soli der Bläser, III Monteux gliedert den Satz in Haupt- und Nebenstimmen, achtet auf deutliche Stimmführungen, immer lebendig, IV meist schnelles Tempo, Spannung steigt nach und nach vom 1. Takt an bis zur Peripetie bei Buchstabe Y, unterschwelliger Sog

5

Constantin Silvestri

Bournemouth Symphony Orchestra                                      Gerald Jarvis, Vl.

EMI

1966

45‘29

 

Silvestri findet den richtigen Zugang zur Scheherazade und nimmt seine Hörer mit, agogische Finessen immer im Sinne der Partitur, im Gegensatz zu Stokowski, der das eigene Ego immer der Partitur überstülpte – farbiges Klangbild, in großen Bögen musiziert, immer lebendig, überzeugende Tempi

5

Thomas Beecham

Royal Philharmonic Orchestra London                                  Steven Staryk, Vl.

EMI

1957

45‘30

 

mit großer Einfühlsamkeit in Rimskys Märchenwelt unterwegs, satte Farben, rhythmische Delikatesse, überzeugende Tempi, sehr gute Balance, Hinwendung zu Details, angepasste Dynamik, stimmungsvoll - I flache Wellen, II Fagott und Oboe, später auch Celli, recht frei erzählend

5

Fritz Reiner

Chicago Symphony Orchestra                                               Sidney Harth, Vl.

RCA

1960

44‘23

 

I Spannungsbögen, in Tutti-Abschnitten etwas Streicher-lastig, lebendig, farbiges Klangbild, bei Traquillo (B) ruhiger, aber nicht langsamer II plastisches Musizieren, hervorragende Soli der Bläser, bei Buchstabe C deutliche Pauke samt Doppelvorschlägen, plastische Pizzicati bei F und L schaffen eine besondere Atmosphäre, III nachdenkliches Musizieren mit einem Schuss Melancholie, viel Espressivo, bei D mit rhythmischer Finesse, IV frenetico, trotz der vielen lauten Tutti-Abschnitten gelingt Reiner noch eine gewisse Eleganz – Klang mit weniger Saft als man es sonst von Reiner gewohnt ist

5

Kyrill Kondraschin

Concertgebouw Orchester Amsterdam                              Hermann Krebbers, Vl.

Philips

1979

44‘20

 

I immer Wechsel zwischen Orchester- und Kammermusik, nie plakativ, vornehmes Solo-Cello, II gute Transparenz, Stimmführungen werden freigelegt, III immer lockeres Musizieren, Sensibilität für Farben, IV prägnant formuliert, auch bei schnellem Tempo immer locker

5

Yuri Temirkanov

New York Philharmonic Orchestra                                              Glenn Dicterow, Vl.

RCA

1991

48‘00

 

saftiger und farbiger Klang, breite Ausdrucksskala, atmosphärisch dichtes Musizieren, russische Seele, rhythmisch akzentuierter Votrag, im Finalsatz überdeutliches Schlagzeug

5

Riccardo Muti

Philadelphia Orchestra                                                        Norman Carol, Vl.

EMI

1982

45‘16

 

Muti als profunder Anwalt von Rimsky-K. Instrumentationskünsten, leuchtende Klangfarben, plastisches Musizieren, immer auch geschmackvoll – I nur flache Wellen, II Fagott anfangs zu leise, IV äußerste rhythmische Präzision, bei Buchstabe X sehr gute klangliche Differenzierung im Blech

 

4-5

Jos van Immerseel

Anima Eterna                                                                           Midori Seiler, Vl.

ZigZag

2004

43‘00

 

HIP-Interpretation – I sehr detailreich, Klangfarben der Instrumente kommen gut heraus, II Solo-Violine zu Beginn als Ganzes, nicht in Teilen; Klarinette bei Buchstabe F etwas zu mechanisch, Fagott bei L einfallsreicher, III hier vermisst man etwas an Eleganz, IV sehr gute Differenzierung verschiedener Abschnitte, Haupt- und Nebenstimmen deutlich voneinander abgehoben – gute Transparenz und Balance

4-5

Charles Dutoit

Orchestre symphonique de Montreal                                                 Richard Roberts, Vl.

Decca

1983

45‘09

 

I farbenreich, Dutoit leuchtet in die Paritur, große Bögen, II anfangs zurückhaltendes Fagott, aufmerksames Dirigat, sehr lebendig, farbiges Klangbild, III Celli decken bei Holzbläser zu, deutliches non legato der 1. Violinen bei B, IV con anima, eine der besten Darstellungen dieses Satzes

4-5

Seiji Ozawa

Wiener Philharmoniker                                                            Rainer Honeck, Vl.

Philips

1993

42‘39

 

s. u.

4-5

Seiji Ozawa

Boston Symphony Orchestra                                                   Joseph Silverstein, Vl.

DGG

P 1978

44‘45

 

s. u.

4-5

William Steinberg

Pittsburgh  Symphony Orchestra

Capitol          EMI

1955

43‘30

 

I fließendes Musizieren, immer prägnant, Steinberg hält das Blech immer am Zügel, II mit spürbarer Vitalität, immer hellwach, III nach Buchstabe D immer rhythmisch betont, IV sehr lebendig, pulsierend, farbenreich, spannungsvoll; eine der besten Darstellungen dieses Satzes – sehr gute Balance, in lauten Tutti-Abschnitte jedoch kompakt

4-5

Mariss Jansons

London Philharmonic Orchestra                                              Joakim Svenheden, Vl.

EMI

1994

45‘05

 

I gegliederter Ablauf, dynamischer Reichtum, II deutliche Vorschläge der Pauke bei Buchstabe C spannungsvolle Gestaltung con anima, III rhythmisch prononcierter Vortrag, bei A Celli decken Bläser zu, IV weitgehend lockeres Musizieren, immer lebendig, guter Aufbau, nach der Peripeti große Trommel deutlich zusammen mit Posaunen und Trompete

4-5

Ernest Ansermet

Orchestre de la Suisse Romande                                                   Lorand Fenyves, Vl.

Decca

1960

43‘23

 

s. u.

4-5

Lorin Maazel

Berliner Philharmoniker                                                               Leon Spierer, Vl.

DGG

1985

45‘17

 

Tutti-Abschnitte im Breitwandsound, hier und da auch etwas plakativ, besonders im letzten Satz, Maazel achtet jedoch immer auf einen detaillierten Vortrag und leuchtet in die Partitur; die Aufnahmetechnik unterstützt die spezifischen Klangfarben, vor allem der Solo-Bläser, die mit bewundernswerten Leistungen eingefangen sind; das Finale fällt dagegen etwas ab, der dynamische Aufbau vor dem Maestoso-Höhepunkt nach Buchstabe W ist nicht durchgeformt, das klingt dann etwas kalkuliert, sachlich kühl

4-5

Ferenc Fricsay

Radio-Sinfonie-Orchester Berlin                                               Rudolf Schulz, Vl.

DGG

1956

47‘03

 

I nicht eilen, präzise ausgeführt, Klang ohne Parfüm, Solo-Geige exakt, aber wenig verführerisch, II Klangfarben der Bläser herausgestellt, III rhythmisch präzise Diktion, gezähmtes Schwelgen, IV farbiges Klangbild, kein Spannungseinbruch, Fricsay achtet immer auf das Schlagwerk – gute Transparenz und Balance

4-5

Valery Gergiev

Orchester des Kirov Theaters St. Petersburg                                  Sergei Levitin, Vl.

Philips

2001

46‘33

 

I gewichtig, schweres Schiff?, Wellen immer präsent, Solo-Horn nach Buchstabe B nicht überzeugend, Balance in Tutti-Abschnitten nicht top, etwas kompakter Klang, II Solo-Violine immer sehr präsent, viele Details, die sonst überspielt werden, spannungsreich, hier überzeugender Klang, III immer sehr deutlich, IV herausgestellte Orchestervirtuosität, zuletzt Raserei

4-5

Mstislav Rostropovitch

Orchestre de Paris                                                               Luben Yordanoff, Vl.

EMI

1974

47‘18

 

Rostropovitchs vielversprechender Einstieg als Konzertdirigent, Interpretation belegt Zuneigung zu diesem Werk, sehr farbiger Klang – I stimmungsvoll, zurückhaltendes Tempo (auch im 2. Satz), 1. Horn könnte etwas hervortreten, II nach Buchstabe G Besuch in Nibelheim?, Streicher bei O/P nicht top, III Läufe der Flöten und Klarinetten bei C mit wenig Ausdruck, IV überzeugende Gestaltung dieses Satzes

4-5

André Cluytens

Orchestre National de la Radiodiffusion Française

Pathé                            forgotten records

1952

45‘07

 

I überzeugender Satzaufbau, II fantasiereiche Gestaltung, III Übergänge immer sehr deutlich geformt, IV sehr rhythmisch – Dynamik im p-Bereich nicht immer top, kompaktes Klangbild, jedoch einigermaßen transparent

4-5

Igor Markevitch

London Symphony Orchestra                                                         Erich Gruenberg, Vl.

Philips

1963

42‘23

 

I Musik immer in Bewegung, Spannugsauf- und Abbau, deutliches Wellenschaukeln, II rhythmisch-betontes Musizieren, jedoch nicht mit der Präzision von Monteux und Reiner, Klarinette und Flöte nach G nicht deutlich, III Klarinetten-Solo nach D tatsächlich ppp, zu Beginn von F Retusche: tiefes Blech statt Geigen, bis H bewegt, tänzerisch, IV anfangs weniger bewegt, erst bei W wird es ernst, insgesamt geringere Spannung – gute Balance

4-5

Antal Dorati

Minneapolis Symphony Orchestra                                             Rafael Druian, Vl.

Mercury

1958

40‘24

 

I schneller als üblich, Solo-Vl. nach Buchstabe F mit viel Vibrato, II immer sehr fließend gehalten, spannungsvolle Gestaltung, con anima, III sehr farbig, auch durch konsequent wechselnde Tempi, A ohne Holz, IV auch hier sehr schnell, immer farbig, sehr rhythmisch, messerscharfes Akkordspiel, teilweise auch knallig, Orchester-Virtuosität herausgestellt

 

4

Charles Mackerras

London Symphony Orchestra                                                     Kees Hulsmann, Vl.

Telarc

1990

45‘00

 

I geschmeidiges Musizieren, Partitur durchleuchtet, bei Buchstabe F wird Orchestervirtuosität vorgeführt, poliert, Solo-Vc mit viel Vibrato, II sowohl Fagott als auch Celli-Soli zu zurückhaltend, Streicherbegleitung bei F und L fast unhörbar, insgesamt etwas distanziert, III Celli decken Oboe und Englischhorn zu, weniger Spannung, etwas kühl, IV ohne emotionalem Überschwang, mehr Virtuosität als Rimsky-Korssakoff – immer farbiges Klangbild

4

Riccardo Chailly

Concertgebouw Orchester Amsterdam                                             Jaap van Zweden, Vl.

Decca

1993

46‘39

 

I schwerblütig, ernst, II Solo-Bässe als Begleitung des Fagotts zu leise, diese spielt sehr ernsthaft, III bei Buchstabe D Dynamik genau umgesetzt, IV immer sehr locker, vornehm - Chailly hütet sich vor emotionsgeladenem Vortrag, immer geschliffenes Musizieren, handwerklich alles Bestens, mehr mitteleuropäisch als russisch geprägt

4

Leopold Stokowski

London Symphony Orchestra                                                      Erich Gruenberg, Vl.

Decca

1964

45‘35

 

s.  u.

4

Leopold Stokowski

Philadelphia Orchestra

Victor     HMV     Andante

1934

44‘12

 

s. u.

4

Lovro von Matačič

Philharmonia Orchestra London                                                    Manoug Parikian, Vl.?

EMI     Testament

1958

43‘55

 

I darstellerische Konzentration, anfangs etwas unentschlossen, solide, II Fagott-Solo etwas zu beiläufig, musikantischer Ansatz, Präzision nicht immer höchstes Gebot, III große Linie wichtiger als Details, bei Buchstabe F deutlich verschiedene Ebenen, wie ein Scherzo, IV Matačič steigert sich von Satz zu Satz, Trompete versteckt sich am Ende von X hinter Hörnern, deutliche Celli bei V

4

Ernest Ansermet

Conservatoire Orchester Paris                                                      Pierre Nerini, Vl.

Decca     EMI

1954

41‘55

 

s. u.

4

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra                                             John Corigliano, Vl.

CBS   Sony

1979

46‘38

 

I etwas schwergängig und Streicher-lastig, II solide, aber etwas distanziert, wo ist der heißblütige Bernstein?, bei Buchstabe C Balance in der Holzbläsergruppe gestört, III mehr referiert als mit Anteilnahme musiziert, bei A decken Celli das Englischhorn zu, IV jetzt wie ausgewechselt: viel Schwung, Schlagzeug wird geweckt, Zusammenspiel jedoch nicht immer top

4

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker                                                                    Michel Schwalbé, Vl.

DGG

1967

46‘24

 

insgesamt Streicher-lastiger Klang, bei lauten Abschnitten auch aufgeplustert und al fresco, I Generalpause T. 5 verkürzt, Wellen?, II ausdrucksstarke Kontrabässe in Begleitung des Fagotts, Streicher 1 nach Buchstabe D nicht präzise, ansonsten jedoch souveränes Musizieren, III Englischhorn nach A verdeckt, bei Buchstabe M sehr viel Pathos, IV martialisch, starr, immer unter Druck; der Sog und das Zerschellen wird kaum vermittelt

 

3-4

Leopold Stokowski

Royal Philharmonic Orchestra London                                      Erich Gruenberg, Vl.

RCA

1975

44‘10

 

s. u.

3-4

Myung-Whun Chung

Orchestre de I’Opéra Bastille                                                  Frédéric Laroque, Vl.

DGG

1992

41‘28

 

I 1. Horn bei Buchstabe B zu zurückhaltend, Balance zugunsten der Streicher verschoben, deshalb etwas blass, II Fagott klebt etwas an den Noten, nicht so lebendig wie die folgende Oboe, bei Buchstabe F Streicher als Begleitung der Klarinette zu leise, auch bei L als Begleitung des Fagotts, etwas farblos, III französischer Rimsky-K., bei A decken Celli die Holzbläser zu, etwas steif, ohne Pep, IV immer wieder schnelle Abschnitte, die dann später  gebremst werden, auf dem Höhepunkt schafft die 1. Trompete die vielen hohen c nur mit Mühe

3-4

Jewgenij Svetlanov

London Symphony Orchestra                                                     John Georgiadis, Vl.

EMI

1978

49‘26

 

I eher ein Andante, zäh, geringe Transparenz, Pizzicati der Streicher bei Buchstabe B zu leise, Wellenbewegungen?, insgesamt wenig Duft, II zögerliches Tempo, Kontrabässe in Begleitung des Fagotts kaum hörbar, Posaune und Trompete bei D zu leise, III etwas schwerfälliges Musizieren, kaum elegant, kaum grazioso bei den Bläserstellen, etwas spröde, IV bester Satz, hier überzeugt Svetlanov, adäquates Tempo

3-4

Sergiu Celibidache

SWR Sinfonie-Orchester Stuttgart                                              Hans Kalafusz, Vl.

DGG

1982

49‘44

 

erzählender Vortragsstil, immer mäßige Tempi, mit einer fast entwaffnender Ruhe, die schon in Behäbigkeit umschlägt – III Soli der Holzbläser nach E kaum grazioso, jedoch schöne Holzbläserdetails an späteren Stellen, IV weit und breit kein Magnetberg in Sicht

3-4

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI

1984

54‘06

 

alle Sätze jetzt noch langsamer, jedoch werden auch einige wunderbare expressionistische Klänge freigelegt

3-4

Rudolf Kempe

Royal Philharmonic Orchestra London                                           Alan Loveday, Vl.

EMI

P 1971

45‘45

 

I deutliches Musizieren, Streicher-lastig, Balance dort nicht top, Klangbild weniger farbig, geringere Spannung, II zahmes Fagott, dagegen Oboe kokett, III Celli dominieren bei Buchstabe A zu sehr, viele Einzelabschnitte, mehr kontrolliert als emotional beteiligt, Orient ausgeblendet, IV nur wie ein Pflichtstück

3-4

Vladimir Ashkenazy

Philharmonia Orchestra London                                          Christopher Warren-Green, Vl.

Decca

1986

45‘58

 

klangschöne Aufnahme, jedoch mehr sachlich als einfühlsam, eine besondere Zuneigung zum Stück wird nicht evident, ohne die selbstverständliche Präzision der besten Interpretationen – II deutliche Vorschläge der Pauke bei Buchstabe C, 2. Posaune bei D zu moderat, III keine besondere Aufmerksamkeit bei D-H, IV kaum Entwicklung der Spannung, das Maestoso auf der Peripetie kommt zu selbstverständlich

3-4

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra                                                            Norman Carol, Vl.

RCA

1972

47‘24

 

s. u.

3-4

Daniel Barenboim

Chicago Symphony Orchestra                                                   Samuel Magdad, Vl.

Erato    Warner

P 1993

48‘02

 

I Streicher-lastig (1. Geigen), Tutti-Klang wenig differenziert, II vier Solo-Bässe zu leise, Crescendo mit Accelerando kombiniert, III Celli decken Oboe zu, Soli bei Buchstabe D und E zu behäbig, Streicher dominieren auch hier, insgesamt ohne Pep, IV wer hier nur die letzten 5 Minuten hört, wird meinen: gut gemacht – aber es sind schon 43 Min. vergangen

3-4

Eduard van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam                                                    Jan Damen, Vl.

Philips      EMI

1956

41‘03

 

I Beinum setzt sofort auf Tempo und hält die Musik in Fluss, Wellenbewegungen etwas indifferent, die große Linie gezeichnet, II  Oboe leiert etwas bei Buchstabe A, recht forsches Tempo nach O, wie ein Reißer, III zu nüchtern, al fresco, IV ohne orientalische Düfte – wenig farbiges Klangbild, mehr sachlich als emotional beteiligt

 

3

Zubin Mehta

Los Angeles Philharmonic Orchestra                                        Sydney Harth, Vl.

Decca

1975

45‘48

 

I sich Zeit lassend, farbige Gestaltung, II Posaune bei Buchstabe D ohne forza, Solo-Klarinette nutzt bei F kaum Gestaltungsmöglichkeit, im Gegensatz zu Fagott bei L, insgesamt wenig inspiriert, III insgesamt langsam und gewichtig, auch im rhythmisch geprägten MT, bei M vermisst man Herzblut, IV Mehta hält sich als Gestalter zurück, mehr ein Koordinator, das reicht hier jedoch nicht

3

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra                                                             Anshel Brusilow, Vl.

CBS   Sony

1962

44‘09

 

s. u.

3

André Previn

London Symphony Orchestra                                                       John Georgiadis, Vl.

RCA

P 1968

46‘04

 

I Musik tritt zu sehr auf der Stelle, Solo-Vl. bei Buchstabe F zurückhaltend, II bei D Phrasierung von Streichern, Posaunen, und Trompeten nicht einheitlich, eher sachlich als temperamentvoll, III A Celli decken Holz zu, IV Sechzehntel bei M verwischt, zu wenig Spannung, am Höhepunkt dürfen sich Trompeten hinter den Hörnern verstecken - das Werk klingt wie ein Pflichtstück, wahrscheinlich erging es Scheherazade nach dem Ende wie ihre Vorgängerinnen

3

Hermann Scherchen

Orchester der Wiener Staatsoper                                                 Rudolf Streng, Vl.

Westminster

1957

46‘40

 

I unruhig, beschaulich, Solo-Geige mit viel Vibrato, II Fagott und Oboe in der E ohne Spannung, wenig Farbe, ab Buchstabe B schneller und interessanter, aber ohne innere Beteiligung der Musiker, es klingt wie nur einstudiert, III und IV insgesamt wenig farbiger Klang, zu distanziert, gestalterische Blässe, zu lahm

3

Loris Tjeknavorian

Armenisches Philharmonisches Orchester Erivan

ASV     Brilliant

1991

43‘31

 

Orchester schlägt sich achtbar, jedoch ohne den Leistungsstand guter mitteleuropäischer Klangkörper zu erreichen, bei Tuttistellen tritt das Blech zu plakativ hervor, insgesamt isrt das Klangbild etwas flach sowie wenig farbig, ohne Leuchtkraft – II Pizzicati bei den Solostellen bei F und L zu leise, IV Becken nach B nur mit Metallschlägel angeschlagen

 

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen:

 

Leopold Stokowski

Dem Dirigenten Stokowski wurde schon zu Lebzeiten nachgesagt, dass er beim Musizieren sein Augenmerk mehr auf den äußerlichen Effekt als die musikalische Substanz legte. Stücke,  die sich durch Kraft, Farbigkeit des Klanges und Virtuosität auszeichneten, kamen seinem Geschmack entgegen und ihnen wurde in seinen Konzertprogrammen sowie Schallplattenaktivitäten ein bevorzugter Raum zugewiesen. So verwundert es nicht, dass er Rimsky-Korssakoffs Scheherazade-Suite mehrmals für die Schallplatte produzierte, wobei die fortgeschrittene Auf- und Wiedergabetechnik gewiss auch eine wichtige Rolle spielte.

Meine älteste Platte wurde 1934, kurz vor Ende seiner langen Ära als Chefdirigent des Philadelphia Orchesters, aufgenommen. Schon hier wird der Hörer Zeuge von Stokowskis  Eigenarten und Vorlieben: Das Orchester klingt Streicher-lastig und wenn möglich werden Portamenti eingesetzt, die ein Fließen der Melodien suggerieren sollen. Dabei kann die Musik leicht an den Rand des Kitsches abgleiten, Hollywood lässt grüßen. Ein weiterer Negativpunkt zeigt sich in Stokowskis Hang zur partiellen Bearbeitung des Notentextes, um eine vermeintliche Verbesserung oder/und höhere Deutlichkeit der Absichten des Komponisten herauszustellen. In seiner ersten Aufnahme fügt er im 2. Satz beim Buchstaben N ein Xylophon hinzu, auch im 3. Satz findet man kleinere Retuschen bei den Buchstaben D und E. Viele aus Stokowskis Zuhörerschaft sahen ihm diese „Verbesserungen“ nach und genossen letztlich die überwältigenden Eindrücke. Bei seinem Hang zum al fresco-Musizieren gehen auch viele Details verloren. Die Aufnahme klingt gewiss effektvoll und kann einen starken Eindruck bei den Zuhörern hinterlassen, hat sich jedoch um Etliches von der Partitur entfernt.

 30 Jahre später erfolgte eine weitere Aufnahme, jetzt mit dem London Symphony Orchestra in Deccas neuem „Phase 4-Stereo“, das sich durch eine hohe Klangtreue, Breite und Präsenz auszeichnet. An vielen Stellen ist sie nun dramatischer, exaltierter ausgefallen, allerdings empfinde ich den Klang insgesamt etwas rauer. Die Streicher spielen immer wieder mit breitem Strich auf und dominieren oft das Klangbild. Sechs Takte nach Buchstabe M fügt Stokowski zweimal ein Tamtam hinzu, um dem Höhepunkt ein ultimatives Gewicht zu verleihen, sehr theatralisch, aber auch etwas kitschig. Eine ähnliche Wirkung soll durch je einen zusätzlichen Trompetenstoß 7 nach U und 8 vor Z erreicht werden. Auf die ganze Suite bezogen sind es jedoch nur kurze Momente. Der Hörer muss hier selbst entscheiden, ob er Stokowskis Auffassung nachgibt.

Mit 93 Jahren kommt noch eine letzte Aufnahme von Scheherazade. Neues kann uns der Maestro nicht mehr erzählen. Das Royal Philharmonic Orchestra spielt zwar am deutlichsten von allen drei Klangkörpern, insgesamt ist der Klang jedoch weniger präsent, weniger saftig und es wird mit weniger Herzblut musiziert als bei der Vorgängeraufnahme.

 

Ernest Ansermet

Innerhalb von nur sechs Jahren hat Ansermet die Scheherazade zweimal in die Rillen gebannt, zunächst in Paris in Mono, dann in Genf in Stereo mit seinem Orchestre de la Suisse Romande. Ansermets früheres Wirken als Ballettdirigent scheint an einigen Stellen, besonders im 3. Satz, durch und führt zu einer Bereicherung der Klangpalette. Andererseits ist sein vorausschauendes und geradliniges Musizieren nicht zu überhören, was nicht heißen soll, er lege weniger Wert auf Details. Im Finalsatz z. B. verbindet er kurz vor Schluss die Achtelnoten der triumphierenden Posaunen und Trompeten mit denen der großen Trommel, so wie es der Komponist will, die aber kaum so eindringlich herauskommen wie in Ansermets Pariser Aufnahme. Leider klingt diese bei lauten Tutti-Abschnitten rau und weniger rund. Die sowieso schon enge Mensur des französischen Horns wird im 1. Satz zusätzlich mit Vibrato angereichert, das finde ich nicht überzeugend. Die Genfer Stereo-Aufnahme beweist durch vollen, runden und farbigen Klang, der mehr in die Breite geht, ihre Berechtigung. Auch klingt die Solo-Violine hier einfühlsamer. Im Finalsatz kommen jetzt bei Buchstabe K die zweiten tiefgelegenen Holzbläserketten, die leicht untergehen, so deutlich wie sonst nirgends, da sie fast immer von Trompeten und Posaunen verdeckt werden.

 

Eugene Ormandy

Der ungarische Dirigent legt die Scheherazade recht extrem aus. Wichtig scheint ihm eine klanglich überrumpelnde Wirkung auf seine Zuhörerschaft zu sein. Das Klangbild ist vor allem in Tutti-Abschnitten arg Streicher-lastig, schon in der Nähe eines Hollywod-Sounds. Zusammen mit auftrumpfendem Blech wird die Musik dann arg plakativ. Dabei gehen viele Details und Instrumentationskünste verloren. Die frühere Aufnahme von CBS ist klanglich der späteren in RCAs Quadro-Technik weit unterlegen. Ormandy nimmt sich jetzt drei Minuten mehr Zeit, jedoch bleibt die Grundtendenz seiner Auffassung dieselbe, auch wenn die Trompete vor J nicht so aufdringlich plärrt als früher und die Vorschläge der Pauke bei C im 2. Satz deutlich herausgearbeitet werden. Gleich zu Beginn verkürzt der Dirigent die Generalpause in Takt 5 und ziemlich am Ende markiert kein Tamtam den letzten fff-Höhepunkt. Das verwundert bei einem Dirigenten, dem eine gelungene klangliche Verwirklichung eines Musikstückes eingebunden in den strukturellen Zusammenhang immer sehr am Herzen lag.

 

Seiji Ozawa

Der japanische Dirigent entpuppt sich bei Rimsky-Korssakoffs Reißer als ein Sensualist, mit einem untrüglichen Sinn für Klangfarben, plastisches Musizieren sowie differenziert wiedergegebene rhythmische Abläufe. Interpretatorisch jedoch bleibt er in bekannten Bahnen. Im ersten Satz stellt er ein üppiges Gemälde von Sindbads Schiff vor das innere Auge des Zuhörers. Im letzten Satz lässt er sehr locker, fast sportlich, musizieren; hier und da klingt die Musik jedoch auch ziemlich grell. Leider spielen die Streicher mit einem etwas dicken Strich auf. Manch einem Hörer wird Ozawas Interpretationsansatz als etwas vordergründig, da zu plakativ, vorkommen. Die letzte Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern empfinde ich klanglich als etwas dunkler als die aus Boston, sie besitzt jedoch etwas mehr Tiefenstaffelung. Hier gelingt es dem Dirigenten, das Redselige des dritten Satzes zu mindern. Auch das Schlagzeug bleibt immer schlank.

 

Immer wieder versorgen mich Freunde des Klassik-Prismas mit zusätzlichen Aufnahmen, herzlichen Dank!

 

eingestellt am 13.11.17

    home