Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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8. Sinfonie h-Moll D. 759 „Unvollendete“

 

Allegro moderato – Andante con moto

 

Alle Klassikfreunde kennen die Unvollendete und oft stehen mehrere Interpretationen in ihrem Plattenregal. Sie haben sich in ihrem Hörerleben die Struktur des Werkes und ihren Klang eingeprägt und glauben zu wissen, wie es aufzuführen ist. Es ist nicht leicht, sich von eingefahrenen Hörgewohnheiten zu trennen und sich anderen Sichtweisen zu öffnen. Da hat es ein Interpretationsvergleich schwer, gerade dann, wenn er bei den meisten Lesern ohne Blick in die Partitur geführt wird. Bei der Unvollendetenliegt der Teufel“ sprichwörtlich im Detail, und da gibt der Notentext dem Interpreten kleine aber deutliche Hinweise aus der Hand des Komponisten, die leider von manchen Interpreten übersehen oder nicht ernst genommen werden.

Zunächst stellt sich in beiden Sätzen die Frage des Tempos. Schubert schreibt über den 1. Satz Allegro moderato, also mäßig schnell. Viele Interpreten wählen dieses Tempo, einige neigen mehr zum etwas schnelleren Allegro (z. B. Toscanini, Walter, Koussevitzky, Norrington, Levine, Zender, Zinman, Jacobsen), andere denken, Schubert habe hier ein langsameres Tempo gemeint (z. B. Furtwängler, Barbirolli, Gielen, Koopman, Keitel). Sicher ganz falsch ist es, das Anfangsthema T.1-8 in Celli und Kontrabässen ganz langsam zu spielen, quasi als Einleitung, als Motto, um dann ab T. 9 in einem hörbar schnelleren Tempo fortzufahren (z. B. Brüggen, Cantelli, geradezu hektisch C. Kleiber!). Stokowski lässt die ersten 8 Takte sehr wuchtig (bedeutend) und gar nicht pp im Streichersound vorführen. In den Takten 6-8 wird nur der Ton fis ausgehalten (9 Schläge). Krips, C. Kleiber und Haselböck setzen schon ungeduldig nach dem 8. Schlag ein, auch Minkowski setzt schon im T. 8 ein (auch in T. 40 zu früh), Abbado-DG dagegen gibt noch einen 10. dazu. Aufnahmebedingt verstärkt Klemperer in seiner ersten noch akustisch mitgeschnittenen Aufnahme aus dem Jahr 1924 die Bässe mit einem Kontrafagott.

Ab T. 13 hat der Dirigent darauf zu achten, dass Oboen und Klarinetten gleichberechtigt zu hören sind. Leider ist das oft nicht der Fall, die Oboen drängen sich vor, besonders die dünnen, spitzen aus England, aber auch aus Wien und Amsterdam (z. B. Menuhin, Immerseel, Vegh, Maag, Otterloo, Harnoncourt, Kertesz). Die beiden Bläser sowie die begleitenden Streicher scheinen die Musik zu schnell weiterführen zu wollen – vielleicht dachte Schubert so – jedenfalls versucht er mir zwei kräftigen überraschenden Tutti-Schlägen die Entwicklung aufzuhalten (deutlich bei Harnoncourt, WF-Turin, Gielen, Kertesz-WP und C. Kleiber) was jedoch wenig hilft, erst durch einen neuen Einfall des Blechs und der Pauken erhält der Musik eine neue Wendung hin zum 2. Thema.

Im Übergang zum 2. Thema T. 38-41 gibt es wieder einen langen Halteton bei den Fagotten und Hörnern, insgesamt 9 Schläge lang. Harnoncourt lässt nur 6 spielen. Mit dem Takt 42 beginnt das 2. Thema, am Anfang 2 Takte Klangteppich aus Kontrabässen, Bratschen und Klarinetten. Das Pizzicato der Bässe muss gut zu hören sein, nicht zu leise (Karajan-POL, Celibidache-aura), aber auch nicht zu laut. Es ist auch wünschenswert, dass sich die Klarinetten von den Bratschen klanglich unterscheiden. Im Takt 44 setzen dann die Celli mit ihrem schönen gesangsvollen Thema ein (pp=sehr leise zu spielen), ab Takt 53 wird es von Geigen in höherer Lage wiederholt, auch im pp! Einige Dirigenten lassen hier die Geigen (viel) lauter spielen (z. B. Stokowski, Horenstein, Schuricht-WPh, Krips, Masur, Neumann). Andere bringen das Thema langsamer (z. B. C. Kleiber, Sinopoli-Dresden).

Nachdem Schubert das 2. Thema ausführlich durchgeführt hat, folgt ab T. 105 bis zum Wiederholungszeichen in T. 109 ein langer Ton h von Oboen, Fagotten und Hörnern, während alle Streicher dazu kontrastierend gezupfte Töne spielen, alles pp!! In Blomstedts Dresdner Aufnahme klingt diese Stelle überraschend ganz fahl, ratlos. Die Bläser sind außerdem als Einzelstimmen zu unterscheiden, nicht als Block wie bei fast allen anderen Aufnahmen. Mich überzeugt diese Lesart ungemein. Zu Beginn der Durchführung ab T. 110 treten zu den genannten Bläsern noch Flöten, Trompeten und Posaunen hinzu. Im Takt 113 wechselt die Klarinette vom notierten Ton a zu c. Auf diesen kleinen Tonwechsel wartet der kundige Hörer meist vergebens. Lediglich P. van Kempen, C. Davis, Immerseel, Maazel-WP, Kertesz, Gielen, Keitel, Dausgard und Muti schenken diesem Takt ihre Aufmerksamkeit.

Die Durchführung wird vom 1. Thema beherrscht, es beginnt wie am Anfang des Satzes, nun in e-Moll. Celli und Kontrabässe spielen immer tiefere lange Noten, alles ist sehr leise zu halten. Dann setzen Geigen ein (T. 122), zwei Takte später Bratschen und Fagotte (Engführung), in Takt 124 kommen dann noch Bläser hinzu, erst hier schreibt Schubert f vor, ab T. 139 ein Crescendo (lauter werden) und auf dem Höhepunkt T. 146 soll dann kurz ff erreicht werden. Der 25jährige Schubert schuf hier eine grandiose dramatische Steigerung. Leider misstrauen viele Dirigenten Schuberts Anweisungen und glauben ihn verbessern zu müssen: Die Geigen setzen schon in T. 122 viel zu laut ein (z. B. bei Kertesz, Levine, Cantelli-NBC), in Takt 124 ist dann schon ff erreicht. Furtwängler ergänzte Schuberts Instrumentation und fügte im Takt 146 noch Pauken hinzu. Der sonst so überaus korrekte Böhm beginnt T. 122 deutlich langsamer und beschleunigt dann das Tempo. Bei Karajan-75 wird T. 121 gedehnt. Bei Muti dürfen die philharmonischen Geigen aus Wien mit üppigem Vibrato glänzen. Harnoncourt beschleunigt diese Stelle, als misstraue er der Musik. Stokowski inszeniert hier einen mächtigen Auftritt im Hollywood-Sound, imposant! (Schuberts Absicht?). Nach diesem ersten Höhepunkt setzt Schubert noch einen zweiten drauf: T. 170-176 spielt das gesamte Orchester wie ein Ausrufezeichen das 1. Thema, jetzt in e-Moll. Posaunen wiederholen den Themenkopf zweimal in Engführung mit allen Holzbläsern (T. 178-180 und T. 182-184), während die Posaunen präsent im Klangbild stehen, versäumen ist die meisten Dirigenten, die Holzbläser nach vorn zu bringen, obwohl die Partitur kein p/pp vorsieht! Stattdessen beherrschen Geigen und Bratschen das Klangbild. Einigermaßen zufriedenstellend hört man die Takte nur bei Zinman, bei Fricsay, Harnoncourt, Norrington und einigen anderen lassen sich die Holzbläser bloß erahnen. Auch die restlichen HIP-Interpreten, von denen ich es erwartet hätte, werfen kein Licht auf Schuberts logische Instrumentation.

In Takt 218 setzt die Reprise ein. Einige Dirigenten haben das Tempo zuvor verlangsamt und lassen das Orchester jetzt wieder schneller spielen (z. B. Britten, C. Kleiber, Levine). Man könnte noch mehr beleuchten, aber ich beschränke mich zuletzt auf eine Stelle, die nach dem ersten Höhepunkt der Durchführung dreimal nacheinander erscheint: T. 150-153, T. 158-161 und T. 166-169. Der Hörer kennt die Stelle, Flöten und Geigen spielen leise jeweils 4 Takte metrisch versetzte Noten, während die Streicher absteigend gezupfte Noten erklingen lassen. Aber Schubert hat dieser etwas ratlos klingenden Stelle noch 2 Fagotte beigegeben, die lange Haltetöne zu spielen haben und so die drei Stellen in einen magischen Klang verwandeln, falls die Fagotte beachtet werden, d. h. ein klein wenig lauter spielen dürfen. In den meisten Aufnahmen sind diese Takte glatt verschenkt! Einzig beim gelernten Klarinettisten Colin Davis in seiner Dresdner Aufnahme klingt diese Stelle so, wie sie sich der Komponist (wahrscheinlich) gedacht hat.

 

Im 2. Satz möchte ich noch auf vier Stellen hinweisen, die mir für die Interpretation wichtig erscheinen. Zunächst wieder die Tempofrage, Schubert hat den Satz mit Andante con moto überschrieben, also gehend, schreitend, mit Bewegung. Wie im ersten Satz lassen einige Dirigenten etwas (zu) langsam spielen (z. B. Walter-NY, Neumann), andere halten sich eher an das con moto und geben ein schnelleres Tempo vor (z. B. Knappertsbusch, Münch, Markevitch, Norrington, Goodman), fast schon in der Nähe eines Allegros lassen Zinman und Jacobsen spielen. Das 1. Thema (E-Dur) wird ab T. 32 durch einen Marsch im ¾-Takt unterbrochen. Hier ist sehr darauf zu achten, dass man die Holzbläser und die Posaunen deutlich hört, Hörner und Trompeten müssen ein wenig zurücktreten. Die Stelle scheint mir eine Vorwegnahme des Trios aus seiner letzten Sinfonie zu sein.

Im 2. Thema (cis-Moll) ab T. 64 legt Schubert einen Klangteppich in den Streichern aus, über den sich die 1. Klarinette erheben darf. Die Qualität des Instruments und die Sensibilität und Atemreserven ihres Spielers sind zu bestaunen. In T. 82 erreicht die Musik dann Cis-Dur. Danach übernimmt die Oboe die Führung (enharmonisch gewechselt in Des-Dur). In diesen Takten liegt ein unheimlicher Zauber, der sich jedoch bei grobem, undifferenziertem Spiel nicht einstellt. Es scheint, als habe Schubert hier schon den Impressionismus vorausgeahnt.

Von ähnlicher Qualität ist der Schluss des 1. Teiles (T. 133-141): das 1. Horn wechselt sich taktweise mit Oboe, Flöte und Klarinette ab (alles pp!). Darunter wieder ein Klanggespinst aus Streichern (C-Dur), wobei die 2. Geigen pendeln: c-h-ais-h-c. Diese leise Pendel-Bewegung kommt bei vielen Interpretationen nicht deutlich heraus. In T. 140/41 erfolgt dann fast unmerklich die Modulation nach E-Dur in den Celli, Kontrabässen und Bratschen, alles von Schubert sehr subtil ausgedacht. Lehmann, Wand, Horenstein, Otterloo, Neumann, Sawallisch, Kerstesz, Maazel-BR, Celibidache-aura und Dausgaard hatten das richtige Gespür für diese eindrucksvolle Stelle.

 

Ich muss gestehen, das Nicht-richtig-ernst-nehmen des Notentextes, die vielen Unterlassungen oder Übertreibungen können letztendlich die Unvollendete nicht gefährden, auch darin zeigt sich die Qualität dieser einzigartigen Komposition!

 

Hier nun die Aufnahmen:

 

Gielen

SWR Sinfonie-Orchester Baden-Baden

SWR

2010

30'41

5

live, unveröffentlicht – Gielen durchleuchtet die Partitur, I molto moderato, sehr ernsthaft, molto espressivo, II großbogige Gestaltung, subtile Differenzierung – breite dynamische Palette, mit weitem Atem, eine Sternstunde!

Lehmann

Berliner Philharmoniker

DGG

P 1951

27‘14

5

W – I Lautstärke schon am Anfang genau dosiert, völlig unsentimental, nur die Musik, deutliche Pizzicati, II T. 130 ff !, genau kalkuliertes dim. bei T. 139 ff

Blomstedt

Staatskapelle Dresden

Berlin Classics

1980

24‘08

5

Holzbläser als Einzelinstrumente zu hören, nicht nur als Bläserblock, I T. 106-114 klingen nach der Engführung des 2. Th. ganz fahl

Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestra

Decca

1990

26‘22

5

W – I Dynamik in T. 66 sehr genau umgesetzt, T. 106-114 wie 1980, aber nicht ganz so überraschend, Klang nicht ganz so offen

Davis

Sächsische Staatskapelle Dresden

RCA

1996

26‘56

5

W

Wand

Berliner Philharmoniker

RCA

1995

27‘28

5

W - live

Wand

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

DHM/RCA

1980

26‘50

5

W

Wand

Sinfonie-Orchester des NDR

RCA

1991

28‘00

5

W - live

Furtwängler

Berliner Philharmoniker

DGG

1952

23‘57

5

live

Szell

Cleveland Orchestra

CBS

1957

23‘09

5

sorgfältig und genau

Giulini

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Sony

1995

28‘24

5

W – live, sehr ernst und konzentriert

Giulini

Chicago Symphony Orchestra

DGG

1978

27‘34

5

W - sehr ernst und konzentriert


Wand

Münchner Philharmoniker

hänssler

2000

26'48

4-5

W – live, souveräne Darstellung, Dynamik im unteren Bereich nicht ausgeschöpft

Horenstein

BBC Symphony Orchestra

BBCL

1971

24‘51

4-5

live

Furtwängler

Berliner Philharmoniker

audite

1953

23'06

4-5

live

Furtwängler

Berliner Philharmoniker

SWF

1954

23‘39

4-5

live

Furtwängler

Berliner Philharmoniker

WFG audite

1948

23‘24

4-5

live

Walter

Wiener Philharmoniker

EMI

1936

21‘16

4-5

erstaunlich frisches Klangbild

Klemperer

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

EMI

1966

25‘40

4-5

W - live

Maazel

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

2001

25'08

4-5

W – live, I großer cresc.-Bogen ab T. 121, hätte anfangs leiser sein können, II bewegt, atmosphärereiche p-pp-ppp-Abschnitte – durchgeformt, klanglich sehr hohes Niveau

Sawallisch

Staatskapelle Dresden

Eterna

Philips

P 1967

28'12

4-5

W – I sauber musiziert, war klingende Pizzicati der Bässe, Sawallisch hat das Tempo im Griff, II fast schon Adagio, sehr gute dynamische Staffelung, Atmosphäre – transparenter Klang

Furtwängler

Wiener Philharmoniker

EMI

1950

23‘23

4-5

nicht ganz so zwingend wie die live-Aufnahmen

Kleiber, Carlos

Wiener Philharmoniker

DGG

1978

24‘22

4-5

W I CK nimmt die ersten 8 Takte wie eine Einleitung, auch bei der W, ab T.9 hektisch, 2. Th. deutlich langsamer, II subtil differenziert, artikulatorische Feinarbeit – sehr guter analog-Klang

Maag

Philharmonia Hungarica

Vox

Membran

1969

23‘29

4-5

Davis, Colin

Boston Symphony Orchestra

Philips

1983

26‘37

4-5

W

Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1975

25‘52

4-5

W

Monteux

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1963

25‘08

4-5

W – konzentriert und zwingend, dramatisch, mit viel Klangsinn

Solti

Wiener Philharmoniker

Decca

1984

28‘49

4-5

W – I intensiv, aber nicht düster, II unspektakulär

Klemperer

Philharmonia Orchestra London

EMI

1963

25‘01

4-5

W

Klemperer

Wiener Philharmoniker

DGG

1968

27‘34

4-5

W - live

Klemperer

Staatskapelle Berlin

Polydor archiphon

1924

22‘34

4-5

akustische Aufnahme

Markevitch

Orchestre National Paris

EMI

1955

21‘58

4-5

klingt trotz ihres Alters erstaunlich gut

Walter

New York Philharmonic Orchestra

CBS

1958

24‘54

4-5

I schnell, II langsam

van Kempen

Dresdner Philharmonie

DGG/Berlin Classics

~ 1940

22‘51

4-5

Krips

Wiener Philharmoniker

Decca

1969

26‘43

4-5

W

Karajan

Philharmonia Orchestra London

EMI

1955

23‘24

4-5

Kletzki

Philharmonia Orchestra London

EMI Guild

1946

24'46

4-5

I ernsthaft, großer Spannungsbogen ab T. 122, II gute dynamische Abstufung, Atmosphäre

Otterloo

Residenz Orchester Den Haag

Philips

1959

26‘25

4-5

W

Cluytens

Berliner Philharmoniker

EMI

1960

25‘34

4-5

Mrawinsky

Leningrader Philharmonie

Melodya-BMG

1978

26‘30

4-5

W

Sinopoli

Sächsische Staatskapelle Dresden

DGG

1992

24‘44

4-5

W

Kempe

Bamberger Symphoniker

BMG

1963

24‘24

4-5

Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA

~ 1958

23‘56

4-5

Sinopoli

Philharmonia Orchestra London

DGG

1982

29‘11

4-5

W – monumental, die Tragische

Böhm

Berliner Philharmoniker

DGG

1966

22‘55

4-5

Zender

SWR Sinfonie-Orchester Baden-Baden

hänssler

2001

25‘31

4-5

W – II könnte etwas mehr Atmosphäre haben

Kleiber, Erich

Berliner Philharmoniker

Teldec

1935

21‘55

4-5

I dramatisch, trotz des Alters gute dynamische Abstufung

Stein

Bamberger Symphoniker

BMG/RCA

1986

25‘53

4-5

W

Schuricht

Wiener Philharmoniker

Decca

1956

22‘08

4-5

Dynamik im unterern Bereich nicht ganz zufriedenstellend, Blick auf Details

Fjeldstad

Oslo Philharmonic Orchestra

RCA

forgotten records

~ 1958

22'44

4-5

I Allegro, konventionell, spannungsvoll, I Atmosphäre, Dynamik im unteren Bereich nicht ausgeschöpft – transparenter Klang


Abbado

Wiener Philharmoniker

audite

1978

24'30

4

live – konzentriert, innere Spannung, II weich, Atmosphäre, weiche, aber deutliche Pizzicati

Masur

New York Philharmonic Orchestra

Teldec

1997

26‘43

4

W - live

Britten

English Chamber Orchestra

Decca

24‘49

4

W

Boult

Philharmonia Orchestra London

BBCL

1964

23'43

4

W - live – I schlankes Musizieren, Höhepunkte nicht forciert laut, durchsichtiges Klangbild, Iibewegt, ziemlich geradlinig

Schuricht

Orchestre National Paris

Erato

1963

22‘14

4

live – I traditionell, II dynamisch besser als früher

Furtwängler

RAI Orchester Turin

Myto

1952

23'37

4

live

Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

RCA

United archives

1945

24'00

4

deutlich besserer Klang als 1936 – I konzentriert, kraftvoll, Einsatz der Geigen T. 122 zu laut, II langsamer als früher, konzentriert, innere Spannung

Walter

Philadelphia Orchestra

History

1947

22‘26

4

Walter

Bayerisches Staatsorchester

BR

1950

23‘13

4

live – unveröffentlicht, Klang etwas belegt

Senja

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1950

23'10

4

I konzentriert, emotionsgeladen, kraftvoll, II Hrn zu Beginn gefährdet, T. 33-44 Bläser ordnen sich Str. unter, weniger farbiges Klangbild – leichtes Rauschen

Kertesz

Wiener Philharmoniker

Decca

1963

27‘33

4

W – I ernsthaft, konzentriert, II Differenzierung nicht immer ganz ausgeschöpft

Vegh

Camerata Salzburg

Capriccio

1994

24‘46

4

W

Krips

London Symphony Orchestra

Decca

1950

22‘13

4

Knappertsbusch

Berliner Philharmoniker

audite

1950

23'11

4

Studio 28.01.- I konzentriert, schwerblütig, T. 1-8 schwer lastend, 2. Th. anfangs ganz zurückgenommen, II T. 113 ff zu laut, Ob-Solo T. 207 ff mit leichtem Vibrato

Knappertsbusch

Berliner Philharmoniker

audite

1950

23'36

4

Live 30.01. - ähnlich wie im Studio, noch etwas langsamer, Publikumsgeräusche

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1964

24‘02

4

streicherbetont, monumental, wuchtig, HvH bedient bestens das Klischee von der Unvollendeten als Schuberts Schicksalssinfonie

Bernstein

Concertgebouw Orchester Amsterdam

DGG

1987

26‘37

4

W – live, mit mehr Anteilnahme, magischer Beginn der Durchführung

Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Telarc

1983

25‘59

4

van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1957

24‘28

4

W

Fricsay

Radio-Sinfonie-Orchester Berlin

DGG

1957

23‘20

4

Klangbild etwas flach und grau

Keilberth

Bamberger Symphoniker

Teldec

~ 1959

21‘55

4

II etwas routinemäßig

Abbado

Chamber Orchestra of Europe

DGG

1987

26‘22

4

W – gepflegte Darstellung, I Pk zu leise, großer Spannungsbogen ab T.122, II Pizzicati von Vc/Kb meist zu leise

Barenboim

Berliner Philharmoniker

CBS

1986

27‘16

4

W

Beecham

Royal Philharmonic Orchestra

EMI

~ 1955

23‘10

4

erst im 2. Satz bei Schubert angekommen

Böhm

Wiener Philharmoniker

EMI

1940

25‘01

4

entferntes Klangbild

Barbirolli

Hallé Orchestra Manchester

BBCL

1965

23‘55

4

Knappertsbusch

Bayerisches Staatsorchester

Orfeo

1958

20‘50

4

live – I gute dynamische Abstufung, II keine Aufmerksamkeit für Details

Münch

Boston Symphony Orchestra

RCA

1955

23‘48

4

klingt trotz ihres Alters erstaunlich gut

Neumann

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1966

23‘54

4

Nott

Bamberger Symphoniker

Tudor

2003

28‘07

4

W – Klangbild mit wenig Klangfarben, kompakt

Münchinger

Wiener Philharmoniker

Decca

26‘34

4

W

Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1975

25‘35

4

Schuricht

Sinfonie-Orchester des NDR

Tahra

1954

23‘34

4

I Pizzicati von Vc/Kb zu leise, II entspannt, Schuricht hebt Basslinie T. 96-111 mit Posaunen hervor und gibt ihr ein eigenes Gewicht

Jochum

Boston Symphony Orchestra

DGG

1972

22‘00

4

I klingt wie durchgespielt und aufgenommen, routiniert, II überzeugt mehr

Abendroth

Rundfunk Sinfonie-Orchester Leipzig

Berlin Classics

1950

23‘10

4

live – traditionell, I T. 66 bereits cresc., Posaunen stechen etwas hervor, II T. 53-56 sehr gute Dynamik

Muti

Wiener Philharmoniker

EMI

1990

26‘09

4

W – I blechbetont, eher al fresco, T. 122 ff viel Vibrato

Marriner

Academy of St.Martin-in-the-Fields

Philips

1983

26‘08

4

W - konventionell

Celibidache

RAI Orchester Rom

IDIS

1958

23'19

4

live – konventionelle Darstellung, topfiger Klang - großer Spannungsbogen ab T. 122, II T. 33-44 u. T. 174-185 Bläser benachteiligt

Maazel

Berliner Philharmoniker

DGG

1959

22‘23

4

etwas streicherbetont, I Str T.94 ff anfangs zu mächtig

Maazel

Wiener Philharmoniker

Sony

1980

27‘58

4

W – live, I konventionell, II gereifter, T. 133 ff sehr plastisch

Kertesz

London Symphony Orchestra

Andante

1966

22'58

4

live – I ähnlich wie 63, jedoch etwas weniger geformt, II dynamische Differenzierung nicht nicht ausgeschöpft – helleres Klangbild, Publikumsgeräusche

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS

1963

25‘45

4

W – sauber musiziert, Pflichtstück?

Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

History

1936

20‘33

4

I Allegro, ähnlich wie Toscanini, aber wärmer und mit mehr Klangfarben, II Andante – deutliche Tempokontraste zwischen den Sätzen, kompakter Klang, ständiges Rauschen

Menuhin

Bath Festival Orchestra

EMI

1968

24‘47

4

W

Karajan

Wiener Philharmoniker

Andante

1968

22‘23

4

live – Salzburg-Routine, mehr an der Oberfläche

Steinberg

Pittsburgh Symphony Orchestra

EMI

1952

21'27

4

I sorgfältig, wenig romantisches Flair, 2. Th. etwas langsamer, rit. T.96-103, II etwas nüchtern

Celibidache

Radio-Orchester Lugano

aura

1963

23‘07

4

live – I etwas statisch, II distanziert

Cantelli

Philharmonia Orchestra London

EMI

1955

22‘39

4

Hauptstimmen-betont, insgesamt etwas kultivierter


Krauss

Bamberger Symphoniker

Amadeo

1951

21‘03

3-4

live – durchgespielt, Tempomodifikationen

Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1950

21‘14

3-4

I dramatisch, keinen Blick auf Details, in Rekordzeit durchgezogen, Dramatik überwiegt, II A. con moto, T. 33 stampfend, ab T. 65 merklich langsamer

Celibidache

Münchner Philharmoniker

Bayerischer Rundfunk

1988

24‘37

3-4

live – unveröffentlicht; langsam, matt, lustlos, wenig Spannung

Cantelli

NBC Symphony Orchestra

AS-Disc

1953

21‘55

3-4

live – I T. 120 schon mf statt pp, II bewegt

Levine

MET Orchestra New York

DGG

1993

23‘54

3-4

W – Tempiwechsel, etwas al fresco

Keitel

Putbus Festival Orchestra

Arte Nova

1997

27‘37

3-4

W – konventionell, unausgeglichenes Orchester

Stokowski

London Philharmonic Orchestra

Decca

1969

24‘38

3-4

sehr guter Klang – klingt alles schön und bedeutend, ist aber kein Schubert


Mengelberg

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Radio Years

1939

25‘01

3

W – live, Tempo-Wechselbäder, störende Geräusche der alten Acetat-Platten


Mengelberg

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Membran

1942

22'24

2-3

I nach T. 8 ein zusätzlicher Takt, in jedem Takt ein anderes Tempo, Wechselbäder, T. 122 Str. spielen statt pp ein ff; Schubert lieferte die Vorlage zu Mengelbergs Sinfonie – künstliches Klangbild aufgrund der digitalen Bearbeitung der alten Platten

 

 

Interpretationen in historischer Aufführungspraxis und Original-Instrumenten:

 

 

Manacorda

Kammerakademie Potsdam

Sony

2011

24'30

5

W – I sehr sorgfältig, farbenreich, am Ende von T. 169 scheint der letzte Ton der Fl und Kl vor dem folgenden ff-Tutti der Montage der Aufnahmetakes zum Opfer gefallen zu sein, II bewegt – große dynamische Kontraste, ziemlich tempokonstant, sehr gute Transparenz


Norrington

London Classical Players

EMI/Virgin

1989

21‘40

4-5

W – II etwas zackig


Goodman

The Hanover Band

Nimbus

1989

23‘08

4

W

Minkowski

Les Musiciens du Louvre Grenoble

Naive

2012

26'11

4

W - live, I konventionelle Interpretation, II wie selbstverständlich, Originalinstrumente kaum als solche zu hören

Brüggen

Orchester des 18. Jahrhunderts

Philips

1996

26‘02

4

W – I Moderato! II posaunen im Bläserchor zu stark

Jacobsen

The Knights

Ancalagon

2010

21'42

4

I Allegro, schlankes Musizieren, moderner Zugriff, II Andante molto moto, fast wie abgespult – schlanker Klang, sehr gute Transparenz, stellenweise ganz leichte Tempovariierungen


Haselböck

Wiener Akademie

Novalis

1993

20‘23

3-4

W – 2. Satz überzeugt mehr als der erste, obwohl beinahe schon im Allegro-Tempo

 

Interpretationen in historischer Aufführungspraxis mit modernen Instrumenten:

 

Dausgaard

Schwedisches Kammerorchester

BIS

2006

20'27

5

W- I Allegro, drängend, D. übernimmt in T. 81-84 nicht die Artikulation von T. 77-80, sehr sauber und einfühlsam musiziert, II bewegt – sehr gute Transparenz und dynamische Abstufung


Boyd

Musikkollegium Winterthur

MDG

P 2011

26'24

4-5

W – I auf dem Höhepunkt der Durchführung Spannung nicht ausgeschöpft – sehr guter Klang, gute dynamische Abstufung, sehr helle Pk

Zinman

Tonhalle Orchester Zürich

RCA

2011

20'48

4-5

W – Allegro, hell, Partitur durchleuchtet, klangliche Schärfungen, Blick auf Details, aus einem Guss, II zu schnell, etwas nüchtern, Verzierungen bei Klar und Ob T. 76-80, 209-220 und 225-230

Mackerras

Scottish Chamber Orchestra

Telarc

1998

24‘34

4-5

W

Koopman

Niederländisches Radio - Kammerorchester

Erato

1996

28‘20

4-5

W


Harnoncourt

Concertgebouw Orchester

Teldec

1992

26‘12

4

W - I deutliche Tutti-Akkorde T. 28/29, geschärfter Trp-Klang, Tempi nicht immer stabil – helles Klangbild mit großer Transparenz

 

Hinweise zu Interpreten und ihren Interpretationen:

 

Wilhelm Furtwängler

Schuberts „Unvollendete“ war ein feste Größe in Furtwänglers Konzertprogrammen. Fünf Mitschnitte sind hier aufgeführt, sowie die einzige Studio-Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahr 1950, die mich am wenigsten überzeugt. Furtwängler ahnte wohl, dass er sich im Konzertsaal dem jeweiligen Werk näher fühlte und es hier überzeugender gestalten konnte. Die maximal viereinhalb-Minuten-Takes der Schellackaufnahmen standen seinem großbögigen Musizieren diametral gegenüber und behinderten seine künstlerischen Aussagen. Als sich zu Beginn der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts die Langspielplatte durchsetzte, hatte sich Furtwänglers Aversion gegen Studio-Aufnahmen verfestigt, man kann von einem Wunder sprechen, dass nun doch noch einige LPs in Wien, London und Berlin produziert wurden, deren Bedeutung auch heute immer wieder gewürdigt werden.

Zurück zur 8. Sinfonie, die Auffassung des Dirigenten hat sich in den wenigen Jahren von 1948-1954 kaum gewandelt: Immer wieder ist man als Hörer gefangen von der immensen Sogwirkung der Musik in der Durchführung etwa ab T. 120. WF fügt auf dem ersten Höhepunkt T. 146/47 dezent Pauken hinzu, wie sie Schubert auf dem zweiten Höhepunkt T. 154-56 auch vorsieht. Auch auf dem dritten Höhepunkt T. 165-64 begegnet man ihnen folgerichtig wieder. Bei der Wiener Studio-Aufnahme regte sich das philologische Gewissen des Dirigenten und er verzichtete hier auf die in Schuberts Sinne gemeinten „Verbesserungen“. Das Andante con moto gestaltet WF mit spannungsintensiver Beredtheit. Zu Beginn der Engführung von Bässen und Violinen – das Motiv kann man als Destillat der Bläserstelle T. 66-74 ansehen – lässt WF die Streicher zu laut beginnen. Einzig in der Studio-Aufnahme wird Schuberts p respektiert. Die beiden morendo-Stellen T. 82 (Klar) und 222 (Ob) werden beglückend getroffen.

 

 

eingestellt am 01. 05. 07

überarbeitet und ergänzt am 01. 02. 16

 

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