Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Klaviersonate A-Dur D. 959

Allegro – Andantino – Schero, Allegro vivace – Rondo, Allegretto

 

Neubearbeitung und Ergänzung Mai 2018

 

Etwa ein Jahr nach Beethovens Tod im März 1827 begann Franz Schubert mit der Arbeit an nicht nur einer, sondern gleich drei Klaviersonaten, die wir heute Lebenden als die bedeutendsten erkennen, die nach Beethoven entstanden sind. Zumindest die beiden ersten in c-Moll und A-Dur haben deutlichen Beethoven-Bezug: in der c-Moll-Sonate überrascht uns Schubert mit der Tonart c-Moll, die er oft als Haupttonart einer Komposition gemieden hat, vielleicht deshalb, weil Beethoven gerade sie mit einigen seiner bedeutendsten und bekanntesten Werken verbunden hat. Ebenso überrascht uns der kämpferische Duktus der beiden Ecksätze.

In der A-Dur-Sonate lässt sich Beethovens Einfluss nicht auf den ersten Blick erkennen, da er nicht direkt greifbar erscheint. Das Hauptthema des 4. Satzes hat Schubert zweiteilig angelegt, die zweite Hälfte erinnert an die Stimmung aus dem 2. Satz von Beethovens e-Moll-Sonate op.90, deren Thema ebenfalls zweiteilig angelegt ist. Schubert bezieht sich hier auch auf den zweiten Abschnitt (T. 9 ff). Die andere Verbindung zu Beethoven wird der Leser spekulativ nennen, vielleicht hatte Schubert auch solches nicht im Sinn, als er den 2. Satz komponierte. Mir drängt sich der Vergleich mit dem 2. Satz des 4. Klavierkonzerts (T. 123-144) auf, dieser Satz wird in der Beethoven-Rezeption mit dem griechischen Helden Orpheus in Verbindung gebracht. Das mythologische Geschehen um Orpheus und seiner Eurydike könnte sich auch in Schuberts Musik widerspiegeln, es ist allerdings nur eine private Spekulation!

Schubert nimmt jedoch nicht allein Bezug auf das Schaffen des bewunderten Vorbildes, sondern lenkt auch den Blick auf eigene Werke: auf das etwa zur selben Zeit entstandene Heine-Lied „Der Atlas“ aus dem posthum zusammengestellten (dritten) Liederzyklus „Schwanengesang“. Zwei immer wiederkehrende Viertelschläge in der Klavierbegleitung prägen dieses Lied, diese charakterisieren auch den Beginn des Hauptthemas sowohl der c-Moll als auch das der A-Dur-Sonate. Aus diesem Grunde werden beide auch „Atlas-Sonaten“ genannt. Nicht überhörbar ist auch der Rückgriff auf die kleine a-Moll Sonate D. 537, deren Thema des langsamen Satzes nun als Hauptthema des Finalsatzes von D. 959 auf beglückende Weise verwandelt wiederkehrt. Im Vergleich zu Schuberts letzter Sonate in B-Dur besitzt die in A-Dur sowohl beim Publikum als auch bei Ausführenden einen weniger hohen Stellenwert. Der Grund liegt möglicherweise darin, dass in die B-Dur-Sonate viel über Schuberts bevorstehenden Tod hineingeheimnist wird und so von vielen als bedeutungsvoller angesehen wird. Dieses Argument kaunn jedoch kaum zutreffen, da die drei letzten Sonaten zur selben Zeit entstanden sind. Mir fällt auf, dass etliche Pianisten die A-Dur-Sonate nicht in ihrem Repertoire hatten/haben, wie z. B. Rubinstein, Backhaus, Curzon, Richter, Gilels, Anda, Haskil und Lupu.

 

Werfen wir nun noch einen Blick auf die einzelnen Sätze:

 

Der 1.Satz weist  zwei Hauptthemen auf, das erste in  A-Dur, das zweite in E-Dur; die Exposition soll/kann? der Tradition gemäß wiederholt werden, dann kommen noch vier Takte als Überleitung hinzu. Am Ende der Exposition bringt Schubert dreimal dasselbe Motiv in einer Kadenz H7 – E-Dur, danach noch einmal (T. 129), nun aber geht die Musik von G- nach C-Dur! Viele Spieler lassen die Besonderheit dieser Stelle spüren, allein bei Alfred Brendel in seiner ersten Einspielung von 1971, die nicht seine beste ist, klingt dieser magische Takt wie ein Übergang in eine andere Welt, kein anderer trifft Schuberts Vision hier so eindringlich. In der jetzt folgenden Durchführung fehlen die sonst den Satz weitgehend bestimmenden allgegenwärtigen Achteltriolen, die die Musik vorwärtstreiben aber auch Unruhe bringen. Die Musik, die sich aus dem gerade verklungenen 2. Thema entwickelt, ist C-Dur bzw. H-Dur als Wechseltonart verpflichtet, dann geht es über c-Moll und a-Moll in Steigerungen mit weit ausholender Gestik in E-Dur weiter, bis in T. 198 triumphal die Reprise mit dem Hauptthema („Atlas-Thema“) erscheint. Der Satz endet jedoch nicht mit großem Aplomb, sondern im pp. Hier und auch im 4. Satz der Sonate fällt es Schubert scheinbar schwer, den Satz zum schulmäßigen Ende zu führen; nach Generalpausen gibt es jeweils einen neuen Anlauf, bis die richtige Lösung gefunden ist. Ähnlich verfährt er im 4. Satz seiner letzten Klaviersonate in B-Dur: hier bringt Schubert das Thema mehrmals mit einem langen und lauten g-Akkord zum Stehen, danach darf die Musik quasi wieder wie vor vorn anfangen und weitergeführt werden.

 

2. Satz: Die Musik beginnt recht simpel, führt zu einer unerwarteten Katastrophe und endet einigermaßen versöhnlich. Im Teil A (fis-Moll) hat der Interpret mit den linken Hand fast in jedem Takt auf der Zählzeit 2 den Ton cis zu spielen. Diese penetrant wiederholte Note verbreitet Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit (gut: Schnabel, Kuerti, Schiff). Auf einem Hammerflügel aus der Schubert-Zeit klingt dies noch eindringlicher als auf einem modernen Instrument. Der Übergang zum düsteren B-Teil klingt in den ersten Takten heiterer, wie eine Erlösung aus der Erstarrung, was sich aber schnell als Trugschluss herausstellt (sehr gut von Staier). Viele Pianisten lassen den Mittelteil bereits T. 73 oder 77 beginnen, etwas zu früh. Es scheint eher wie ein Suchen nach einem versöhnlicheren Fortgang zu klingen. Erst ab T. 85  beginnt die Katastrophe mit dem Tonartwechsel nach c-Moll. Die Takte nach dem Höhepunkt in cis-Moll (!) (T. 123-144) müssen streng im Tempo unter genauester Beachtung  der dynamischen Vorzeichen gespielt werden, inhaltlich gehören sie noch zum Vorhergehenden. Wir wissen es nicht, aber es ist denkbar, das Schubert hier an den zweiten Satz von Beethovens 4. Klavierkonzert gedacht hat (s. o.). Erst die beiden letzten Takte (145/46) mit den Tönen g-fis und eis-dis leiten in eine versöhnliche Welt über (Teil A‘, trotz fis-Moll wie in A). Viele Spieler haben diese Stelle nicht richtig verstanden (z. B. Uchida, Piazzini, Zitterbart, Endres), indem sie A‘ im Ausdruck wie bei A erklingen lassen, dabei aber Schuberts versöhnlicheren Tonfall übersehen. In diesem Satz lässt sich sehr gut erfahren, dass gute Musik eine Geschichte haben kann.

 

3. Satz:  Auf kleinem Raum zeigen sich große dynamische Unterschiede vom ff bis zum pp. Schubert schreibt über den Satz Allegro vivace, nicht Allegro molto, wie es uns einige Spieler (Erdmann, Serkin, Brendel, Piazzini, Kovacevich, Goode) glauben machen wollen. Eine undeutliche Artikulation sowie verschluckte Noten sind dann die Folge. Im Trio schreibt Schubert im sechsten Takt unvermittelt g-Moll, nicht G-Dur wie im zweiten Takt, einige Interpreten weisen mehr oder wenig deutlich auf diesen kleinen Unterschied: z. B. Schnabel, Leonskaja, Sokolov, Goode, Lupu, Lonquich und Uchida.

 

4. Satz:  Schubert nennt diesen Satz ein Rondo, eine Verbindung zur Sonatenform mit Exposition, Durchführung, Reprise und Coda lässt sich m. E. jedoch nicht überhören. Auffallend sind wie im ersten Satz die allgegenwärtigen Achteltriolen als Begleitung, außer beim Hauptthema, das dann, wenn nicht zu schnell gespielt, eine überlegene Ruhe ausstrahlt (z. B. bei Staier, Pollini, A. Fischer, Perahia).

 

Die lange Wiederholung der Exposition im ersten Satz (128+4 Takte) wird von den meisten Pianisten gespielt, Ausnahmen: Schnabel, Kempff, Erdmann, Schuchter, Badura-Skoda, Brendel, Klien, A. Fischer, Zechlin, Cherkassky, Perahia-87, Levine, Damgaard, Lewis und Helmchen.

 

 

5

Rudolf Serkin

CBS        Sony

1966

42‘08

 

s. u.

5

Grigory Sokolov

BR

2005

43‘44

 

live – Bad Kissingen, unveröffentlicht, s. u.

5

Grigory Sokolov

SWR

2005

44‘32

 

live – Schwetzingen, unveröffentlicht, s. u.

5

Krystian Zimerman

DGG

2016

38‘46

 

Schubert nähert sich kurz vor seinem Tode noch einmal Beethoven: I markant akzentuiert, wild, trotzig, ernst, II Fortsetzung des Stils von Satz 1, A wie eine Enttäuschung, B aufrührerisch, A‘ tief traurig, III Scherzo unechte Fröhlichkeit, Trio Erinnerung an Satz 2, IV Resignation, letztes Aufbäumen (Durchführung), Abschied – großartig! – Dynamik im p-Bereich recht großzügig, sehr emotional geprägte Interpretation, Aufnahme aus einem Guss, jenseits des Mainstreams – in Satz 2 leise dumpfe Töne im Hintergrund (Flügel?)

5

Maurizio Pollini

DGG

1983

39‘13

 

s. u.

5

Alexander Lonquich

EMI

1993

43‘43

 

I ma non troppo, klingt jedoch nicht verschleppt, 1. Th. sehr gewichtig, aufmerksam interpretiert (T. 129!), überlegen, II moderato, sehr gute dynamische Staffelung, III alles ausformuliert, Intensität, das gilt auch für IV

5

Michael Korstick

CPO

2010

41‘45

 

I musikalische Energie freigesetzt, Lyrik jedoch nicht vernachlässigt, II Adagio, wie ein Trauermarsch, vorbildliche Differenzierung, B meisterhafte Gestaltung; extreme Deutung, jedoch überzeugend, III Scherzo voller Dramatik, herbes Trio, IV immer wieder überzeugender Spannungsauf- und –abbau, zweites Thema wie ein Abschied

 

 

 

4-5

Anton Kuerti

Analekta

1984

41‘45

 

live – I hohes Maß an Expressivität (T. 129), überzeugend, II A-Teil empfindsam, B deutlicher Beginn in T. 85, gewaltig, jedoch nicht gedonnert, III Scherzo bereits in Beethoven-Nähe, melancholisches Trio, IV Klangrede – insgesamt breite dynamische Skala

4-5

Christian Zacharias

MDG

2006

41‘38

 

s. u.

4-5

Christian Zacharias

EMI

P 1995

40‘56

 

s. u.

4-5

Paul Lewis

HMF

2002

38‘03

 

I Akzente könnten etwas kräftiger sein, II persönliche Sicht, III differenzierte Darstellung, IV Allegretto, nicht zu schnell, die Schönheiten der Musik auskostend – sehr gute dynamische Gestaltung

4-5

Christoph Eschenbach

DGG

Brilliant

1973

40‘18

 

ungeduldig, mit rhythmischer Energie, aber auch Sensibilität für die lyrischen Abschnitte, II prägnant formuliert, mehr sachlich als gefühlsbetont, III pulsierendes Scherzo, IV markant akzentuiert, tragfähige Spannungsbögen – guter Klavierklang; eine Aufnahme, die man immer wieder gern hört

4-5

Walter Klien

Vox

1971/73

36‘13

 

I energisch, eigenständig, heller Klang, II Teil A‘ viel leiser, fast verklärt, mit Fantasie bei der Sache, was auch für die restlichen Sätze gilt

4-5

Murray Perahia

Sony

2002

39‘34

 

s. u.

4-5

Murray Perahia

Sony

1987

35‘47

 

s. u.

4-5

Radu Lupu

Decca

1975

37‘44

 

I Tempo ziemlich konstant, kraftvoller Vortrag, aber auch das Lyrische beachtend, II etwas zu schnell, weniger ausdrucksvoll, IV vorwärtdrängend, überzeugend

4-5

Alfred Brendel

Philips

1987

37‘04

 

s. u.

4-5

Paul Badura-Skoda

RCA

1967

36‘36

 

s. u.

4-5

Paul Badura-Skoda

RCA

1968/71

36‘06

 

s. u.

4-5

Wilhelm Kempff

DGG

1968

35‘42

 

gelassen, Blick auf Einzelheiten, die Achteltriolen sprechen, II auch in die größten Finsternis bringt Kempff Helligkeit

4-5

Artur Schnabel

EMI

1937

34‘25

 

s. u.

4-5

Philippe Bianconi

Lyrinx

2000

42‘27

 

I zweiter Themenbereich etwas langsamer, insgesamt überzeugend, III im Scherzo unterschiedliche Handhabe der Arpeggien, IV immer ganz nahe bei Schubert - Sinn für Klangfarben

4-5

Ingrid Haebler

Philips      Decca

1968

42‘35

 

I die vielen staccato-Noten des Satzes bestimmen zu sehr die Interpretation, etwas kapriziös, II A schlicht, B dramatisch, A‘ hier mehr Intensität als vorher, III Scherzo und Trio gut voneinander abgesetzt, IV Musik akribisch ausformuliert

4-5

Leif Ove Andsnes

EMI

2001

38‘28

 

I Allegro, Musik vorwärtstreibend, II konzentriert, erhaben, III stürmisch bewegtes Scherzo, IV schnell, deswegen auch viel dramatischer, allerdings strahlt das 1. Thema keine Ruhe aus – insgesamt schnellere Tempi als gewohnt

4-5

Shura Cherkassky

BBCL

1970

35‘03

 

live – I geradliniges Musizieren, Schubert ernst genommen, jenseits von Routine, einige verschluckte Noten, II mit Hingabe, zu Beginn des B-Teils (zu) viel Pedal, gebremste Dramatik, III prickelndes Allegro, nuancenreich, nachdenkliches Trio, Pianist lässt sich von der Musik herausfordern, mit viel Gestaltungskraft und Klangsinn – gute dynamische Differenzierung

4-5

Dieter Zechlin

Berlin Classics

P 1973

37‘50

 

I kämpferisch, dramatisch, 2. Thema etwas langsamer, II schwerblütig, Zechlin unterstreicht T. 77 bis zum B-Teil die chromatische Bass-Bewegung, A‘ resignierend, III mäßiges Tempo, dabei gut gestaltet, Trio erinnert hier an Teil A‘ von Satz 2, IV erzählender Tonfall, beredte Achteltriolen

 

 

 

 

4

Alan Marks

Nimbus

1994

44‘01

 

live – I mäßiges Tempo, Th. nicht ganz klar (Bass), bei der W jedoch besser, aufmerksamer Übergang vor der Durchführung, immer wieder Blick auf bestimmte Stellen gerichtet, II A mit kleiner Pause vor B abgesetzt, anfangs wie suchend, dann nicht stürmisch, sondern herb, III Akkorde ohne Arpeggien, kapriziös, IV keine ausgeprägte Dramatik, eher eine Vorführung der Schönheiten von Schuberts Musik – immer wieder Stellen der Selbstvergewisserung in allen Sätzen; eine persönliche Sicht auf D. 959

4

Gerhard Oppitz

hänssler

2007

45‘26

 

Oppitz trifft den Kern der Musik, jedoch zu kompakt (Personalstil?), alles klingt gleichbedeutend, geringes Klangfarbenspiel - I dramatisch, mit Hingabe, erdverbundenes Spiel, es fehlt etwas an Delikatesse, teilweise zu viel Pedal, II schwer und schleppend, überzeugender B-Teil, III gebremstes Vivace, etwas fest

4

Mitsuko Uchida

Philips

1997

41‘37

 

kraftvolles Musizieren, Lautstärkegrade insgesamt manchmal höher als vorgesehen, I zwei Tempi im 2. Thema, II Adagio, III variables Tempo im Trio

4

Jorge Bolet

Decca

1988

38‘33

 

I immer vorwärts, jedoch ein wenig distanziert, dynamische Differenzierung im p-Bereich nicht ausgeschöpft, II hier besser, glaubhafter, Atmosphäre in A‘, III etwas zu zögerlich, Trio gefällt besser, IV mehr entspannt als angespannt – leuchtender Klavierklang, gut abgebildet

4

Annie Fischer

Palexa

1984

32‘34

 

live – volles Risiko im Konzertsaal, I kein Verweilen, kleine Unsauberkeiten, II zu schnell, IV erfüllte Interpretation

4

Alfred Brendel

Philips

1999

38‘09

 

live, s. u.

4

Alfred Brendel

Philips

1971

38‘22

 

s. u.

 

 

 

4

Gerrit Zitterbart

gutingi

1997

38‘45

 

live - I T.13 ff zu zahm, II con moto, zu schnell, nach dem cis-Moll-Ausbruch verbindlich, III Trio eher dem Scherzo verpflichtet, IV konzertant – Dynamik in ihrer Breite kaum ausgeschöpft

4

Alain Planès

HMF

1997

43‘16

 

I mehr bei den Noten als bei Schubert, trocken, II Andante, empfindsamer A-Teil, B aufgewühlt, A‘ wie A, gute dynamische Differenzierung, III luftiges Scherzo, empfindsames Trio, IV ernsthaft, etwas herb

4

Elisabeth Leonskaja

Amadeo

1984

41‘15

 

s. u.

4

Steven Kovacevich

EMI

1994

37‘53

 

I an lauten Stellen melden sich die Stahlsaiten, II con moto, immer den Blick nach vorn, Teil B hinterlässt im Teil A‘ keine Spuren, III schnelles Allegro, kein p im Scherzo, jedoch im Trio, IV vital, stellenweise auch etwas grob zupackend, Achteltriolen T. 17 ff immer als Widerpart zum Thema

4

Andras Schiff

Decca

1993

41‘13

 

I etwas hölzern, dachte er schon an die B-Dur-Sonate?, II con moto, viel mehr Passion spürbar, III kämpferisches Trio, IV Schubert auf der Spur

4

Michel Dalberto

Denon       Brilliant

1995

42‘48

 

I teilweise zu gewichtig, mehr einzelne Abschnitte als Zusammenhänge, II guter B-Teil, IV Klangfarbenpalette könnte reicher sein

4

Richard Goode

Nonesuch

1978

38‘57

 

I tadellos, aber ohne Ecken und Kanten, gut: I T.129, II con moto, III Allegro molto, IV schnelles Tempo, vielleicht deshalb etwas glatt

4

Carmen Piazzini

Arte Nova

1991

40‘21

 

I Musik hätte mehr Klangfarben vertragen können, stellenweise zu neutral, II A etwas wenig Ausdruck, B überzeugender, A‘ wie vorher, III Piazzini tritt hinter den Notentext zurück, IV gut bewältigt, jedoch wenig eigene Gestaltung

4

Martin Helmchen

Pentatone

2007

37‘48

 

I weniger Dramatik, eher empfindsam, Potenzial des Satzes nicht ganz ausgeschöpft, II eher ein Adagio, schwerblütig, im B-Teil fehlt es an Nachdruck, Teil A‘ eher empfindsam als betroffen, III gefälliges Scherzo, empfindsames Trio – Potential der Musik nicht immer ausgeschöpft, Helmchen wagt nicht das Äußerste, bleibt zu verbindlich schön

4

Alfred Perl

Oehms

2005

38‘52

 

I etwas einförmig, III Trio bei Achteln Tempo schneller, IV Klang durch übermäßigen Pedaleinsatz vernebelt

4

Michael Endres

Capriccio

1994

38‘30

 

heller Klang, I nur nach vorn geblickt, II Teil B technische Übung?, man vermisst ab T. 200 eine gewisse Unerbittlichkeit,  IV etwas geschäftsmäßig, mehr Noten als Musik

4

Eduard Erdmann

EMI

1956

31‘53

 

s. u.

4

Gilbert Schuchter

Tudor

P 1988

39‘17

 

I/IV insgesamt etwas zu vorsichtig, , II Andante, feine dynamische Abstufungen, III vorsichtig, nichts gewagt, Trio mehr gestaltet – schöner Klavierklang

 

 

3-4

Elisabeth Leonskaja

Teldec

1992

44‘49

 

s. u.

3-4

Claudio Arrau

Philips

1982

42‘06

 

Aufnahme kam leider zu spät, mehr bewältigt als gestaltet, IV am besten gelungen

3-4

John Damgaard

TIM

P 2002

37‘35

 

Aufnahme etwas verhallt, Temposchwankungen, I und IV mehr einzelne Abschnitte als Zusammenhänge

3-4

Valery Afanassieff

Denon

1997

52‘07

 

gängige Interpretationsmuster meidend, gefrorene Musik, Klang erinnert an Hammerflügel

3-4

John O’Conor

Telarc

1993

41‘41

 

keine besondere Affinität zum Notentext spürbar, sachlich, nicht mehr, teilweise mulmiger Klang

3-4

David Levine

Virgin

1990

36‘23

 

I/IV brav die Noten erzählt, keine eigene Stellungnahme

3-4

Jonathan Biss

Wigmore Hall

2009

39‘08

 

live – I die ersten sechs Takte des Themas nicht als Einheit gespielt, bei der W besser, noch zu viel Gewusele T. 82 ff, mehr Einzelabschnitte als ein großes Ganzes, II in den A-Teilen etwas indifferent, B-Teil zu sehr gedonnert, III Scherzo zu sehr referiert, Achtelmotive T. 2 und 14 ungenau, IV Beginn der Durchführung ohne richtige Formung, unmotivierte Beschleunigung der Sechszehntelketten T. 173 ff

 

 

Interpretationen nach historischer Aufführungspraxis und mit Hammerflügel

 

 

5

Andreas Staier

Teldec

1996

41‘17

 

Staier wird dem Werk in all seinen Facetten hervorragend gerecht, Höhepunkt: 2. Satz.

 

 

4-5

Paul Badura-Skoda

Arcana

1991

38‘57

 

s. u.

 

 

Anmerkungen zu Interpreten und Interpretationen:

 

Schuberts Klaviersonaten haben recht spät in das Repertoire der Klavierspieler gefunden und fanden auf dem Schallplattenmarkt im Gegensatz zu Beethoven, Chopin, Schumann, Liszt, Grieg und anderen geringere Resonanz. Die Sammlungen der Klavierstücke (Moments musicaux, Impromptus) hatten es dabei viel leichter beachtet zu werden als die Sonaten.

Pioniere der Schubert-Sonaten auf dem Konzertpodium waren in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und noch später Artur Schnabel und Eduard Erdmann.

 

Artur Schnabel

 

Im Anschluss an seine Gesamtaufnahme der Beethoven-Sonaten durfte Schnabel in London für HMV einiges von Schubert auf Schallplatte einspielen, u.a. die Klaviersonaten D-Dur D.850 „Gasteiner“, sowie die beiden letzten in A-Dur und B-Dur. Leider sind der 1. und 3. Satz der A-Dur-Sonate etwas hektisch ausgefallen, ein Platz in der Spitzengruppe bleibt ihr deshalb verwehrt.

 

Eduard Erdmann

 

Im Gegensatz zum üppig dokumentierten Œuvre von Schnabel fällt das von Erdmann nur winzig aus: das 3. Klavierkonzert von Beethoven, Haydns f-Moll-Variationen, 3 Intermezzi op. 117 von Brahms, Schumanns 8 Fantasiestücke op. 12 sowie als umfangreichstes Vermächtnis vier Klaviersonaten (D. 664, D. 958-960), die Impromptus D. 899  sowie Deutsche Tänze von Schubert. Erfreulicherweise sind einige Rundfunkmitschnitte erhalten und teilweise publiziert worden: u. a. die genannten Schubert-Sonaten sowie mehrmals das Klavierkonzert in f-Moll von Max Reger. Erdmann fühlte sich mehr als Musiker, als Komponist denn als Pianist. Bei seinen Interpretationen lenkte er den Blick auf die Totale des Werkes, weniger auf seine Einzelheiten. Im Falle der A-Dur-Sonate ist ein Gestaltungswille, eine persönliche Handschrift unüberhörbar. Leider wirken einige Passagen etwas flüchtig, nicht genügend durchgearbeitet. Abgesehen vom 2. Satz wirkt die Sonate bei ihm etwas zu unruhig.

 

Rudolf Serkin

 

Auch Rudolf Serkin hat sich zeitlebens für Schubert eingesetzt, leider fand er bei seiner Schallplattenfirma nicht immer die gebührende Unterstützung, so dass uns leider außer Kammermusikeinspielungen nur wenige Aufnahmen erhalten geblieben sind. Die Einspielung der A-Dur-Sonate ist davon die beste und nimmt gleichzeitig die Spitzenposition ein. Den 1. Satz nimmt er im Tempo gelassen, die Musik kann atmen, lyrische Momente kommen nicht zu kurz, Akzente sitzen an den richtigen Stellen und werden mit Nachdruck ausgeführt. Das Scherzo, mehr Allegro molto als Allegro vivace, kommt eher unwirsch als elegant daher, der letzte Satz endet mit einem feurig gespielten Finale.

 

Paul Badura-Skoda

 

Der österreichische Pianist scheint mit seiner ersten Aufnahme dieser Sonate, die im Jahre 1967 in Rom entstand, nicht zufrieden gewesen zu sein, da er ein Jahr später in Wien eine Neuaufnahme startet, das Scherzo wird jedoch erst 1971 in diese Einspielung eingefügt. Tatsache ist, dass die Spielzeiten der übrigen Sätze fast bis auf die Sekunde genau übereinstimmen. Das neue Scherzo ist nun eine halbe Minute schneller ausgefallen, und damit auch leichter gespielt, was mehr überzeugt. Außerdem spielt Badura-Skoda 1967 in T. 49 zwei vom Drucktext abweichende Noten, 1971 ist dies korrigiert. Bei den restlichen Sätzen gibt es kaum Unterschiede. Im Kopfsatz herrscht ein expressiver Vortragsstil, gleich zu Beginn der Durchführung beschleunigt der Pianist das Tempo und schafft so mehr Dramatik, in der zweiten Aufnahme beginnt er die Beschleunigung bereits am Ende der Exposition. Der Andante-Satz wird ernsthaft gespielt, mit einem dramatischen B-Teil. Der Schlusssatz ähnelt in Badura-Skodas Auffassung ziemlich dem Kopfsatz, auch hier hört man wieder Beschleunigungen in der Durchführung. Vom Klang her gefällt mir die erste Produktion, aufgrund einer größeren Klarheit, etwas besser.

Nach den beiden Klavier-Einspielungen wagte der Pianist, dessen Affinität zu Tasteninstrumenten aus der Zeit Mozarts, Beethovens und Schuberts durch seine Sammeltätigkeit derselben bekannt war, auch eine Gesamtausgabe der Schubertsonaten. Sie entstand zwischen 1991-1996 beim Label Arcana. Etwa zwanzig Jahre später kamen dann noch einmal Aufnahmen einzelner Sonaten, auf historischen Hammerflügeln gespielt, bei Genuin heraus, sie stammen aus den Jahren 2008-2015. Die Arcana-CD mit der A-Dur-Sonate steht auch hier zur Debatte. In den schnellen Ecksätzen wagt der Pianist eine dramatischere Lesart, die die der früheren Einspielungen übertrifft. Alle Sätze werden etwas schneller gespielt, auch die Wiederholung der Exposition wird beachtet. Das Klangbild ist sehr trocken und damit auch durchsichtig. In den Mittelsätzen schafft Badura-Skoda einen hohen Grad an Expressivität. Im Vergleich zu allen drei Aufnahmen gefällt mir diese am besten.

 

Alfred Brendel

 

Brendels Aufnahmen sind uneinheitlich ausgefallen, ohne dass von der einen zu der anderen eine Verbesserung festzustellen wäre. Bei der 1971er-Produktion ist der Klang in der Mittellage etwas mulmig, im ersten Satz gibt es große Temposchwankungen, der B-Teil im zweiten Satz ist etwas zu glatt ausgefallen, der dritte viel zu schnell und unstet. Hier besonders, aber auch in den beiden anderen Aufnahmen lässt im Kopfsatz der Übergang von der Exposition in die Durchführung aufhorchen! Die Produktion aus dem Jahr 1987 gefällt mir am besten, aber auch hier ist der dritte Satz noch zu schnell. Das ändert sich erst 1999. Der erste Satz klingt aber immer noch nicht erfüllt, auch nicht der vierte, betroffen macht hier der Teil A‘ im zweiten Satz.

 

Elisabeth Leonskaja

 

Als die georgisch-jüdische Pianistin 1984 aus der UdSSR ausgewandert war und sich in Wien niederließ, bot ihr die österreichische Firma Amadeo quasi als Promotion einen Schallplattenvertag an, wobei auch die Schubertsche A-Dur-Sonate eingespielt wurde. Acht Jahre später nahm sie beim bekannteren Label Teldec noch einmal auf. Im Vergleich stellt sich heraus, dass auf der Teldec-CD in allen Sätzen langsamer gespielt wird. Der Kopfsatz ist jetzt zu statisch ausgefallen, die Musik zerfällt in einzelne Abschnitte mit wenig Zusammenhängen. Im Andantino riskiert Leonskaja Rubati, wirkt insgesamt in beiden Aufnahmen weniger statisch. Am besten gefällt mir der dritte Satz, in dem sie auf den g-Moll-Takt hinweist. Im Finale bevorzuge ich erneut die frühere Aufnahme, die Musik ist flüssig gespielt, sie plätschert nicht dahin wie später, dieser fehlt auch eine innewohnende Dramatik.

 

Grigory Sokolov

 

War Rudolf Serkin mehr der Klassik als der Romantik verpflichtet, so ist es bei dem russischen Ausnahmepianisten Grigory Sokolov eher umgekehrt. Die Formverläufe werden von ihm herausgearbeitet, wenn nötig auch herausgemeißelt. Unter seinen Händen dürfen die Passagen, Akkorde leuchten, die Klangfarben erhalten einen viel höheren Stellenwert als bei mehr der Klassik verpflichteten Interpreten. Dazu gesellt sich ein immenser Ausdruckswille. Da Sokolov Studioaufnahmen ablehnt, sind wir auf Konzertmitschnitte angewiesen, wenn wir seiner Kunst in den eigenen vier Wänden lauschen wollen. Im Jahre 2005 spielte der Künstler an verschiedenen Orten u. a. die A-Dur-Sonate. Die beiden genannten Aufnahmen ähneln sich sehr und es fällt mir schwer, die eine vor der anderen zu empfehlen. Die Kissinger-Aufnahme ist stellenweise etwas dramatischer ausgefallen – noch dramatischer als bei Serkin -, das Andantino spielt er schwermütig, im letzten Satz fallen die belebten, niemals mechanisch exekutierten Achteltriolen positiv auf. Im Konzertmitschnitt aus dem Schwetzinger Schloss klingt der Flügel weicher, der 2. Satz, noch langsamer als in Kissingen dargeboten, tritt uns versöhnlicher entgegen. Insgesamt lässt Sokolov hier ein etwas milderes Licht auf die Sonate fallen. Bei Sokolov hat man am Schluss des Werkes den Eindruck: jetzt ist die Sonate definitiv zu Ende. Bei seinem Kollegen Zacharias, von dem auch zwei Einspielungen vorliegen, und anderen Interpreten meint man zu hören: jetzt ist Schluss, weil Schubert es so in die Noten geschrieben hat.

 

Christian Zacharias – Murray Perahia – Maurizio Pollini

 

Die beiden CDs von Zacharias geben ein hervorragendes Abbild von Schuberts Musik, wobei die neuere von MDG noch eindrucksvoller ausgefallen ist, auch im klanglichen Bereich. Ähnliches lässt sich von den beiden Aufnahmen mit Murray Perahia berichten. Die Aufnahme aus 2002 besitzt ein weiches, stellenweise wattiertes Klangbild. Für die Spitzengruppe fehlen sowohl Zacharias als auch Perahia das gewisse Etwas. Das hat Maurizio Pollini zu bieten, der uns einen anderen, gleichwohl auch überzeugenden Ansatz bietet. Meisterhaft ist der Klang zwischen Bass und Diskant ausbalanciert, nicht getüftelt. Die Dynamik ist vorbildlich gestaffelt, kein Auftrumpfen, wo gefordert viel Legato. Pollini musiziert mit spürbarer Hingabe, sehr gespannt, widmet aber auch den ruhigen Teilen seine Aufmerksamkeit.

 

eingestellt am 15. 05. 08

neu bearbeitet und ergänzt am 23. 05 2018

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