Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Violinkonzert d-Moll op. 47

Jean Sibelius war einer der wenigen Komponisten, der das Geigenspiel voll beherrschte. In seinen Jugendjahren begann er mit einer Ausbildung zum Violinvirtuosen, gab sie jedoch zugunsten der Komposition auf. Sein einziges Konzert, das Violinkonzert in d-Moll op. 47, ist ein dankbares Werk für jeden Geiger, hier kann er zeigen, was er musikalisch und technisch zu bieten hat. Sibelius kommt ihm dabei sehr entgegen, da er den Solopart immer in den Vordergrund stellt und ihm den Vortritt bei der Einführung der Themen überlässt. Das Orchester hat mehr begleitende oder kommentierende Funktion, bedarf aber eines hellwachen Dirigenten, der miniziös und in Sekundenschnelle auf den Solisten reagiert. Der Komponist hat vor allem den Streicherpart rhythmisch vertrackt ausgestattet, dabei sollen die Instrumente sehr oft sehr leise spielen. Rhythmus, Artikulation und Lautstärke sowie das Zusammenspiel mit dem Solisten müssen penibel geprobt sein, um die intendierte Wirkung zu erbringen. Eine nur solide Begleitung des Orchesters reicht hier nicht aus! Einige Dirigenten gehen wahrscheinlich aus Gründen der Deutlichkeit nicht bis zum untersten Lautstärkelevel und verzichten dabei jedoch auf eine besondere Stimmung und Atmosphäre, das kann man vor allem bei älteren Aufnahmen beobachten, da mögen auch die Imponderabilien der damaligen Tonaufzeichnung eine Rolle gespielt haben.

Die formale Gestaltung des 1. Satzes entspricht lediglich äußerlich der überkommenen Konzertform, thematische Arbeit, wie sie in der Zeit der Klassik und Romantik üblich war, ist in diesem Satz nicht zu finden. Wiederholungen und Umformungen einzelner Motive haben eher assoziativen Charakter und geben dem Satz einen rhapsodischen Anstrich.

Über einem sehr leisen Tremolo der viergeteilten Violinen beginnt die Solo-Geige einen melancholischen Gesang, rhythmisch sehr abwechslungsreich gestaltet. Einige Interpreten (Gitlis, Gimpel, Zimmermann-08, Mutter, Rachlin, Kuusisto, Kavacos, Josefowicz, Frang) verzichten hier weitgehend auf Vibrato. Sibelius erweitert das Orchestertableau nun auch mit Klarinetten (tiefe Register), Fagotten und Hörnern sowie Bratschen, Celli und Kontrabässen. Ab Partiturziffer 1 hat man den Eindruck, die Solo-Geige müsse sich aus den Fängen des Orchesters befreien. Nach einer kleinen Kadenz folgt das erste Orchestertutti (Ziff. 2), nach einem Zwischenspiel ein zweites (Ziff. 4/5), und bei Ziff. 9 ein letztes. Beim zweiten Tutti (Ziff. 4) verlangt Sibelius ein Allegro molto, als Tempokontrast nach längeren mehr langsamen Abschnitten nur folgerichtig. Sehr viele Dirigenten lassen jedoch nur Allegro spielen, die Anweisung des Komponisten befolgen nur Anosov (bei Jul. Sitkovetzky), Norrington, Marriner (bei Josefowicz) und Rattle, ihnen am nächsten kommen noch Ormandy, Muti, Segerstam, Sandberg und Harding. Aber nochmal zurück zum Beginn, hier lassen einige Dirigenten zu laut spielen: Süsskind, Tennstedt, bei Sinopoli sind die Geigen dagegen fast unhörbar leise. Vor Partiturziffer 2 hat Sibelius bereits eine kürzere zweiteilige Kadenz für die Solo-Violine eingearbeitet. Im ersten Teil beginnt die Geige, quasi Kadenz 1, mit einer mehr als fünftaktigen 16tel-Kette auf der G-Seite, bei Gimpel-55 und Kuusisto klingt sie wild herausfahrend. Nach einem kurzen Innehalten folgt nun ein Largamente überschriebener Teil von Akkordbrechungen auch in 16tel-Noten, der nach und nach lauter und schneller gespielt werden soll. B.Gimpel, Tretjakov, Fried (DGG), Mintz und Belkin nehmen das L. bereits anfangs zu schnell, eine Steigerung ist dann nicht mehr möglich. Durch Hervorhebung einzelner Noten gibt Ida Haendel-Anc. dieser Stelle einen melodischen Anstrich.

Fünf Takte vor dem Orchestertutti bei Ziff. 4 spielt die Solo-Violine einen Triller mit zusätzlicher Unterstimme aus dem Hauptthema abgeleitet, für die beiden letzten Töne d und a bzw. zuletzt e und a sieht Sibelius jeweils eine andere Artikulation vor, die meisten Solisten differenzieren hier kaum bis unzureichend. Gimpel-55, Haendel, Chung, Hudecek, Zukerman, Tetzlaff, Bell, Hahn, Batiasvili, Anthony und Frang sind die Ausnahmen.

Nachdem das Orchestertutti bei Ziff. 4/5 im vierfachen p der Celli und Kontrabässe verklungen ist, beginnt bei Ziff. 6 die Durchführung, die ausschließlich von der Solo-Violine als eine umfangreiche Kadenz bestritten wird, bis auf einen sehr kurzen, wilden ff-Einwurf des Orchesters, zu Beginn. Keine leicht zu bewältigende Stelle in 32stel-Noten für Streicher, Pauke, Klarinetten und Fagotte über einer Grundierung der Blechbläser, sie klingt in den meisten Aufnahmen nach „auf Nummer sicher gespielt", ohne Risikobereitschaft und Spontaneität, wie z.B. bei Ormandy, Barenboim, die das Blech hervorheben, so bleiben die eventuellen Unebenheiten im Zusammenspiel verdeckt. Allein Marriners Academy lässt hier aufhorchen! Die großangelegte Kadenz ist natürlich ein Prüfstein für alle Geigerinnen und Geiger, wer sie nicht beherrscht, sollte die Finger vom Sibelius-Konzert lassen. Seit Jahrzehnten jedoch haben die angehenden Solisten in den bedeutenden Geiger-Schmieden wie New York und Moskau das notwendige technische Rüstzeug erworben, um solche Herausforderungen mit Leichtigkeit zu bestehen. Das Niveau ist mittlerweile so hoch, dass für eine individuelle Ausdeutung kaum Platz bleibt, die Interpretationen scheinen austauschbar zu werden. Speziell bei Sibelius lässt sich feststellen, dass sie kaum noch einen irgendwie finnischen/ nordischen Sibelius-Klang besitzen.

Auf eine kleine Stelle (ein Takt vor Ziff. 11) vor dem abschließenden Allegro molto vivace möchte ich noch hinweisen: nach dem langen Triller auf a leitet die Solo-Geige mit einem Auftakt (a-h-cis-d) in 16tel-Noten die schnelle Schlussphase ein. Für viele Geiger sind es nur schnelle 16tel-Noten, mehr nicht. V. Hudecek, B. Gimpel, G. Taschner, D. Oistrach, Ch. Ferras, V. Frang, L. Batiasvili, A.S. Mutter, Mullova-Norr., S. Khatchatrian, I.Haendel-57/-75, D. Sitkovetzky, L. Josefowicz, P. Kuusisto, J. Fischer und V. Repin spielen dagegen die 16tel wild herausfahrend, als wollten sie das Steuer herumreißen.

Ob im 2. Satz wenig oder viel Vibrato angebracht ist, lässt sich nicht mit Gewissheit konstatieren, der Komponist hat hier seine Vorstellungen nicht niedergelegt. Es gibt gültige Aufnahmen sowohl mit also auch ohne viel Vibrato. Letztendlich muss das persönliche Geschmacksempfinden hier entscheiden. Nach dem Einsatz der Violine treten zu den tiefen Bläsern in T. 9 auch Celli und Bässe hinzu, die aufsteigende Noten des B-Dur-Akkords spielen. Obwohl der Komponist keine entsprechende Angabe hinterlassen hat, lassen Lehmann, Roshdestvensky, Marriner, Maazel, Defossez, Barenboim und Sondergard hier pizzicato spielen. 4 und 5 Takte nach Ziff. 1, das Orchester spielt nun allein, begleitet die Pauke die unisono vorgetragenen Melodien der Streicher, Sibelius lässt sie leiser spielen als Streicher und tiefe Bläser, möchte sie aber gewiss nicht übergangen wissen. Sehr plastisch klingt sie bei N. Järvi und Salonen. Nach einem Aufbäumen des vollen Orchesters setzt bei Ziff. 2 wieder die Sologeige ein, während die Streicher in dem von der Pauke übernommenen Rhythmus einen leisen Klangteppich ausbreiten. Die Geigenpartie hat es technisch in sich, sie ist fünf Takte durchgängig zweistimmig angelegt: während die Oberstimme eine Melodie im 4/4-Takt spielt, wird sie von der Unterstimme mit Viertel-Triolen „begleitet", das klingt doch wieder wie eine Kadenz. Viele Geigerinnen und Geiger versuchen dies einigermaßen sauber und deutlich abzuliefern, am besten gefällt mir hier S. Accardo, am wenigsten Y. Yaron, meist wird die Tonfolge der Oberstimme jedoch zerrissen. Für David Oistrach sind diese fünf Takte auch eine gesangliche Partie, folglich spielt er die Oberstimme viel deutlicher. Nach Ziff. 4 steuern Orchester und Solist dem abschließenden Höhepunkt des Satzes auf einem Es-Dur Akkord zu, hier ist in den Aufnahmen sehr oft die Balance gestört, meist übertönt das Orchester die Solo-Geige, nur ganz wenige treffen Sibelius‘ Intention: Taschner, Oistrach-55, Gimpel-55, Haendel-57/-93, Hudecek, Sitkovetzky, Bell, Lin und Repin.

Sibelius soll vom 3. Satz einmal als einem danse macabre gesprochen haben, der englische Musikwissenschaftler Donald Tovey sah die Musik als Polonaise für Eisbären an, der Geiger Ilya Gringolts spricht von einer Tour de force. Zweifellos besitzt die stürmisch dahinfliegende Musik einen stark tänzerischen, gleichzeitig auch federnden Charakter, der bei der Aufführung nicht verlorengehen darf. Der Satz folgt in etwa dem überkommenen Rondo-Schema, also einem wiederkehrenden Ritornell mit zwei eingeschobenen Couplés, die beide auf demselben thematischen Material fußen. Das ganze Ritornell, ja der komplette Satz, gehört ohne Zweifel der Geige, das Orchester spielt nur eine mehr dienende Rolle. Die Streicher legen einen Teppich aus schnellen 8tel- und 16tel-Noten im daktylischen Rhythmus aus, denen man in allen Ritornell-Abschnitten wiederbegegnet: daa da da, zwölfmal erklingt er, bevor die Geige mit ihrem rhythmisch scharf gezeichneten Thema beginnt. Aus Übermut (?) gesellt Sibelius den Streichern die Pauke mit genau dem umgekehrten Rhythmus zu: da da daa, da da daa ... . Damit erhält der Klangteppich eine unbestimmte, gleichzeitig auch erregende Note, falls die Dirigenten auf Sibelius‘ Vorstellungen eingehen, wie Roshdestvensky bei Szeryng, Ancerl, Previn bei Chung, Norrington bei Mullova, Davis, Segerstam, Kamu, Belohlavek, Storgards. Ormandy hebt bei Stern sogar die Pauke ein wenig hervor. Bei Oistrach fehlt die Pauke nahezu, stattdessen dürfen die Streicher so richtig loslegen. Barenboim macht eigentlich auch nichts falsch, kann aber die rhythmische Energie nicht nutzen. Bei so ziemlich allen anderen Interpretationen fällt der Satzanfang moderat aus, wenig interessant! Die Dirigenten befolgen sklavisch den Anweisungen der Partitur, da steht für die Pauke mp sowie danach diminuendo, darunter aber auch marcato sempre, also soll sie nicht überdeckt werden! Für die Streicher, das sind hier Bratschen, Celli und Kontrabässe, ist hier f notiert, danach aber auch dim. Wenn der Paukist einen etwas festen Schlägel einsetzen würde, müsste sich die intendierte Wirkung auch bei leisem Anschlag von selbst einstellen. Bei einem späteren Ritornell (12 T. nach Ziff. 6) ist zu beobachten, dass bei vielen anderen Dirigenten jetzt Streicher und Pauke klanglich in einem ausgewogeneren Verhältnis stehen, hat man sich nun aneinander gewöhnt?

Anfangs wurde des exorbitant schweren Soloparts gedacht, kurz vor Ende des Satzes hat sich der Komponist mitten in den schwierigen Oktavaufschwüngen mit Doppelgriff-Oktaven und der D-dur Tonleiter samt Vorschlägen noch eine kleine Gemeinheit (?), vergleichbar mit einer Zirkusnummer, erlaubt, nämlich ein kurzes gleichzeitiges Zupfen der Töne d‘ und a‘ (3 T. nach Ziff.12). Hier kapitulieren viele Spieler, manche lassen das Pizzicato aus oder man hört es nicht (Haendel-75, D. Sitkovetzky, Kavacos, Little), andere spielen den leeren D-Dur Akkord mit dem Bogen (Haendel-57, Accardo, Oistrach). Nicht entgehen lassen sich das Pizzicato Stern-51, Haendel-93, B. Gimpel, Tretjakov, Fried, Zukerman, Tetzlaff, Yaron, Bell, Mintz, Shaham, Zehetmair, Josefowicz, Vengerov, Khachatrian, Gringolts, Suwanai, Fischer und Hahn.

 

Heifetz

Beecham

London Philharmonic Orchestra

EMI / RCA

1935

28‘00

5

 

Heifetz

Hendl

Boston Symphony Orchestra

RCA

1959

26‘36

5

 

Heifetz

Mitropoulos

New York Philharmonic Orchestra

M&A

1951

27‘30

5

live

Stern

Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS Sony

P 1958

28‘56

5

 

Stern

Beecham

Royal Philharmonic Orchestra London

EMI / CBS

1951

29‘14

5

 

Sitkovetzky, Julian

(Vater)

Anosov

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1953

27‘30

5

souveränes Geigenspiel, Instrument klanglich immer vorn, aufmerksames Dirigat, I animato, II Sitkovetzky stellenweise breites Vibrato, III sehr viel Spannung, die bis zum Schluss hält

Oistrach, David

Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS   Sony

1959

30‘38

5

 

Mullova

Ozawa

Boston Symphony Orchestra

Philips

1985

32‘22

5

Mullova absolviert ihren Part mit Musikalität und Temperament, hervorragende Grifftechnik, Orchester immer deutlich, heller, transparenter Klang, bestes Miteinander, Musik kommt völlig unangestrengt – Sibelius im Sonnenlicht, 3. Satz könnte etwas schneller sein

Mullova

Norrington

Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart

SWR

2000

30‘05

5

live – unveröffentlicht; ähnlich wie vorher, Läufe und Arpeggien gelingen M. nicht mehr immer so mühelos, etwas reduziertes Vibrato, N. durchleuchtet den Orchestersatz, deutliche Klarinetten und Fagotte!, legt vertrackte Rhythmen frei, 3. Satz könnte etwas lockerer sein

Lin

Salonen

Philharmonia Orchestra London

Sony

1987

33‘12

5

I Lin anfangs zurückhaltend, nicht auftrumpfend, überzeugendes Largamente, deutliches und diszipliniertes Musizieren, teilweise starker Bogendruck, aufmerksame Begleitung, II viel Vibrato, Orchester immer hellwach, sehr gute Horngruppe,      III deutlicher Tanzcharakter (Bär?)

Fischer, Julia

Maazel

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

SZ Klassik

2000

31‘31

5

live – erstaunliche musikalische Reife einer 17-Jährigen, bewundernswürdige Leichtigkeit, sehr schlanke Tongebung, weniger Vibrato als üblich, I Kadenz I nicht gehetzt, gestaltet!, II kein Seelenerguss, trotzdem intensiv und mit Wärme, erzählender Ton, III Tanzcharakter – diese Interpretation ist nicht die Erfüllung einer großen Hoffnung, nein, es war die Überreichung ihres Meisterstücks

Sitkovetzky, Dimitry

(Sohn)

Marriner

Academy of St.Martin-in-the-Fields

hänssler

1999

32‘54

5

spannungsgeladenes, fiebriges Geigenspiel, S. zieht die Töne, sehr gute Partnerschaft mit Sir Neville, Academy als großes Orchester, jedoch eher ein mitteleuropäischer Sibelius, II breites Vibrato der Solo-Vl., ausdrucksvoll, großer Spannungsbogen,       III Geigenfutter

 

Haendel

Rattle

City of Birningham Symphony Orchestra

Testament

1993

32‘49

4-5

live

Haendel

Ancerl

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1957

32‘28

4-5

live

Haendel

Berglund

Bournemouth Symphony Orchestra

EMI

1975

33‘51

4-5

 

Fried

Defossez

Rundfunkorchester Brüssel

DGG

1971

30‘36

4-5

live

Kuusisto

Segerstam

Helsinki Philharmonic Orchestra

Ondine

1996

33‘29

4-5

I lustbetontes Geigenspiel, anfangs kaum Vibrato, Kadenz I wild herausfahrend, Segerstam aufmerksamer Mitgestalter, II con molto espressione, III Tanzcharakter, könnte noch etwas beschwingter sein

Oistrach, David

Fougstedt

Finnisches Radio Sinfonie-Orchester

Ondine

1955

28‘50

4-5

live

Hudecek

Belohlavek

Radio Sinfonie-Orchester Prag

Panton

Supraphon

1976

29‘25

4-5

nicht so üppiger, silbriger, auch zu Schärfe neigender Geigenton, bestes Miteinander, I jugendliche, ungestüme, partiell dramatische Darstellung mit Profil!, II viel Vibrato, kaum sonor, insgesamt heller Klang, Spannung, III eindeutiger Tanzcharakter, vorwärtsdrängend, könnte noch leichter / lockerer sein

Mintz

Levine

Berliner Philharmoniker

DGG

1986

31‘34

4-5

großer Ton, viel Bogendruck,Levine und Orchester aufmerksame Mitgestalter, I Kadenz I Largamente bereits anfangs zu schnell, II innig, zurückhaltendes Vibrato,       III mäßiges Tempo, könnte etwas lockerer sein

Kremer

Muti

Philharmonia Orchestra London

EMI

1983

31‘16

4-5

Kremer und Muti ein Team, Solist immer sehr sauber, locker, I die Partitur durchleuchtet, jedoch weniger Leidenschaft, II dank einer klugen Regie hört man genau den Aufbau des Satzes, stimmungsvoll, III flott, jedoch nichts überhitzt, eher kaltes Feuer – für manche Hörer zu objektiv

Tetzlaff

Harding

Sinfonie-Orchester des NDR Hamburg

NDR

2000

31‘09

4-5

live - unveröffentlicht

Tetzlaff

Dausgaard

Dänisches Nationales Radio-Sinfonie-Orchester

Virgin

2002

32‘24

4-5

 

Suwanai

Oramo

City of Birmingham Symphony Orchestra

Universal Japan

P 2009

31‘59

4-5

heller schlanker Geigenton, lebendiges und nuancenreiches Geigenspiel, sehr gute Partnerschaft mit Oramo, I intensiv gestaltete Kadenz, II mit mehr Vibrato, konzentriert und ausdrucksvoll, III schwungvoll, lebendig, Tanzcharakter

Hahn

Salonen

Schwedisches Radio-Sinfonie-Orchester

DGG

2007

33‘04

4-5

klinisch sauber, alles äußerst genau und durchsichtig, wie eine Musteraufführung, jedoch irgendwie statisch, I mit 17’20 langsamster Kopfsatz, II voluminöser Geigenton, angemesseneres Tempo, III schneller Finalsatz

Josefowicz

Marriner

Academy of St.Martin-in-the-Fields

Philips

1994

31‘38

4-5

I anfangs wenig Vibrato, immer voller Einsatz, nicht immer nur Schönklang im Sinn, II etwas flattriges Vibrato, bringt trotz des langsamen Tempos Unruhe in den Satz, die Solistin sitzt mitten im Orchester, III sehr schnelles Tempo, fast atemlos, Tanzcharakter

Gringolts

Järvi, Neeme

Gothenbug Symphony Orchestra

DGG

2003

32‘27

4-5

Geigenton nicht zu üppig, G. spielt im Jetzt, hat nicht schon das Folgende im Kopf, beste Partnerschaft mit Järvi, II zurückhaltendes Vibrato, Järvi setzt Sibelius‘ Vorgaben aufmerksam um, Atmosphäre, III das zu langsame Tempo schmälert leider den überaus positiven Gesamteindruck

Yaron

Tennstedt

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

hännsler

1978

30‘40

4-5

live – breiter Strich und Bogendruck, deutlicher Klangteppich der Geigen zu Beginn; nordische Seele, con sentimento, II emotionale Darstellung, III wie eine Rhapsodie, umwerfend die Flageolettstelle – wichtige Alternativaufnahme

Gitlis

Horenstein

Wiener Symphoniker

VOX

1954-57

27‘55

4-5

Gitlis immer äußerst souverän, gute Partnerschaft mit Horenstein, Orchesterklang etwas kompakt, II Orchester vor Ziffer 3 zu leise, könnte etwas profilierter hervortreten, III Orchester etwas fest

Mutter

Previn

Sächsische Staatskapelle Dresden

DGG

1995

31‘30

4-5

hochemotionale, romantische Interpretation, manchmal haarscharf an der Grenze zum Kitsch, Violine immer con gran espressione, viel Vibrato, differenziertes Orchesterspiel, sehr gutes Zusammenspiel

Zimmermann

Storgards

Helsinki Philharmonic Orchestra

Ondine

2008

30‘18

4-5

 

Neveu

Süsskind

Philharmonia Orchestra London

EMI

1945

32‘37

4-5

I Streicher anfangs lauter als gewohnt, Neveu mit Ernst und äußerster Leidenschaft, II mit Hingabe, deutliches Orchester, III könnte ein wenig schneller sein, Tuttiklang ziemlich kompakt

Perlman

Previn

Pittsburgh Symphony Orchestra

EMI

1979

32‘18

4-5

 

Repin

Krivine

London Symphony Orchestra

Erato

1994

31‘24

4-5

warmer, sinnlicher Geigenton, Repin fühlt sich hörbar wohl bei Sibelius, Krivine aufmerksamer Begleiter,            II mit dem Herzen bei der Musik, III Tanzcharakter herausgearbeitet, R. alles mit Leichtigkeit, Terzenstaccati jedoch nicht optimal, Kr. etwas zurückhaltend

Taschner

Sandberg

Kölner Rundfunk Sinfonie-Orchester

WDR

1956

30‘46

4-5

live, unveröffentlicht – Taschner im 1. Satz mehr melancholisch, in den folgenden feuriger, immer sehr intensiv, Solist und Dirigent auf derselben Wellenlänge, Orchester klar, transparent, ohne Raunen, Streicher leider stellenweise auch sehr rau

Szeryng

Roschdestvensky

London Symphony Orchestra

Philips

1965

30‘35

4-5

Solist und Orchester immer sauber und kultiviert, objektiv, kein finnischer Akzent; man kann der Aufnahme nicht die Hochachtung versagen, sie reißt aber nicht mit

Francescatti

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS Sony

1963

28‘17

4-5

I genaue Zeichnung des Soloparts, schlanker, wenig auftrumpfender Geigenton, Bernstein als aufmerksamer Begleiter, II Nerv der Musik getroffen, sehr dichtes Musizieren, Spannung bis zum Satzende, III vielleicht etwas zu schnell (7’07), F. bei Ziff. 3 nicht so souverän wie gewohnt

Chung, Kyung Wha

Previn

London Symphony Orchestra

Decca

1970

30‘45

4-5

schlanke Tongebung, leicht und locker, keinesfalls ausladend, Previn passt sich bestens an, I eher objektiv,   II mehr Vibrato, ausdrucksvoll, III Tanzcharakter des Satzes wird deutlich, Chung spielt gelöster, gestopfte Hörner klingen hier übertrieben

Frang

Sondergard

WDR-Sinfonie-Orchester Köln

EMI

2009

32‘08

4-5

Frang – eine geigerische Kapazität, I Anfang wie entrückt, rhapsodische Gestaltung, Frang immer in Führung, Orchester nur Begleiter, bei Ziff. 2 wie gebremst, bei Ziff. 4 wenig geformt, orchestral nicht auf höchstem Niveau,      III sehr flott, fast atemlos dahineilendes Spiel, bester Satz

Gimpel, Bronislaw

Lehmann

RIAS Symphonie-Orchester Berlin

audite

1955

31‘02

4-5

Gimpel souverän und ausdrucksstark, Orchester zu sehr im Hintergrund, I anfangs wenig Vibrato, auch 1956, II sehr intensive Darstellung, III etwas zu langsam, der Funke kann nicht recht zünden

Gimpel, Bronislaw

Jochum

Berliner Philharmoniker

Tahra

1956

30‘37

4-5

live – Gimpel Ausdrucksmusiker, sehr viel Bogendruck, I largamente von Anfang an sehr schnell, danach klingt das Orchester bei Ziff. 2 zu behäbig, II molto espressivo!!, leidenschaftlich, großartig, III Vl. mit Paprika, sehr spannend – stumpfer Klang, nicht immer ganz durchsichtig, Band hat zu Beginn Gleichlaufprobleme

Bell

Salonen

Los Angeles Symphony Orchestra

Sony

1999

31‘58

4-5

Solist wartet mit bestem Rüstzeug auf, kein Rattenfänger, dafür nuancenreiches Violinspiel, Salonen aufmerksamer Begleiter, führt das Orchester bis an den untersten Rand der Lautstärkeskala, I Tremolo bei Ziff. 7 könnte lauter sein, II im Ausdruck zurückhaltend

Khatchatrian

Krivine

Sinfonia Varsovia

naÎ ve

2003

32‘20

4-5

Orchester/Dirigent und Solist leider nicht auf Augenhöhe, Orchester etwas pauschal, keine optimale Transparenz, I vom ersten Ton an singt die Geige, einerseits sehr zart, andererseits dramatisches Aufbäumen, II könnte etwas schneller sein

 

Perlman

Leinsdorf

Boston Symphony Orchestra

RCA

1966

29‘17

4

 

Ferras

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1964

33‘16

4

Orchester nicht immer genügend transparent, 3. Satz fällt zu sehr ab, nicht spritzig, Orchester etwas pauschal, Bläser vor und nach Ziff. 5?, vom rein Geigerischen ist eine Höherbewertung gerechtfertigt

Chang

Jansons

Berliner Philharmoniker

EMI

1996

31‘04

4

live – bestes geigerisches Rüstzeug, voluminöser Ton, starker Bogendruck, der nicht immer überzeugt, z. B. 1. Satz 10 Takte nach Ziff. 7, Orchester breit aufgenommen, stets präsent und transparent, einvernehmliches Musizieren,   II zu starkes Vibrato, zu viel Sahne, III Thema müsste schlanker, filigraner gespielt werden

Shaham

Sinopoli

Philharmonia Orchestra London

DGG

1991

30‘55

4

technisch bestens ausgerüsteter Geiger, klanglich immer im Vordergrund, Orchesterkonturen nicht immer genügend scharf gezeichnet, weniger Transparenz, Spannung nur auf mittlerem Niveau

Oistrach

Roschdestvensky

Moskauer Philharmoniker

Brilliant

1966

29‘14

4

live

Kennedy

Rattle

City of Birmingham Symphony Orchestra

EMI

1987

31‘41

4

Solo anfangs unter einem großen Bogen, lebendige und differenzierte Gestaltung, Geige immer deutlich vor dem Orchester, Rattle in bester Partnerschaft, II bei Ziff. 1 schneller, insgesamt ausdrucksvoll gestaltet, III Rattle überlässt Kennedy immer die Führung, Orchester an einigen Stellen etwas zu zurückhaltend

Belkin

Hirokami

Royal Philharmonic Orchstra London

Denon

1994

32‘10

4

blitzsaubere Technik, Belkin immer im klanglichen Vordergrund, I Largamente ohne Stringendo, Orchester mehr Begleiter als Mitgestalter, III ohne Feuer, wie ein Pflichtstück, transparenter Klang

Batiasvili

Oramo

Finnisches Radio Sinfonie-Orchester

Sony

2007

32‘30

4

live – I viel Bogendruck, überlegene Gestaltung des Soloparts, Orchester nicht immer optimal differenziert, nur Begleitung, II breites Vibrato, nicht immer optimale Transparenz, III Tanzcharakter nicht heraus gearbeitet,

Zimmermann

Jansons

Philharmonia Orchestra London

EMI

1991

31‘47

4

 

Zehetmair

Masur

Gewandhausorchester Leipzig

Teldec

P 1991

30‘53

4

romantische Aura auf ein Mindestmaß zurückgedrängt, Masur durchleuchtet die Partitur, gute Partnerschaft, schlanke Geige, Vibrato nirgends als Dauerzustand

Scholz

Sanderling, Michael

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin

Berlin Classics

2006

31‘47

4

I Scholz etwas blass, kann nicht so recht begeistern, II viel Vibrato, sehr viel Bogendruck, breiter Strich - Orchester könnte differenzierter spielen, Finalsatz überzeugt am meisten

Rachlin

Maazel

Pittsburgh Symphony Orchestra

Sony

1992

33‘55

4

klinisch sauberes, jedoch distanziertes Musizieren, R. anfangs kaum Vibrato, II wenig Spannung, III Solo-Eintritt kein Energico, insgesamt etwas lahm – Großstadt-Sibelius

Little

Handley

Royal Liverpool Philharmonic Orchestra

EMI

1991

32‘27

4

I eher Abschnitte als ein Ganzes, schlanker Geigenton, II solide, geringere Spannung, III spielen Solistin und Orchester nebeneinander her?

 

Fried, Miriam

Kamu

Helsinki Philharmonic Orchestra

Finlandia

Apex

1987

33‘34

3-4

I etwas gemächlich, stellenweise starker Bogendruck, finnisches Orchester beim Heimspiel, teilweise etwas robust, II sehr langsam, mächtig raunende Streicher, die in f/ff-Passagen rau klingen, III ohne Pfiff und Feuer

Kavakos

Vänskä

Lathi Symphony Orchestra

BIS

1990

35‘10

3-4

I Solist sehr ernst, zu langsam, vergrübelt, anfangs kaum Vibrato, geringe Spannung, Orchester nur Begleiter, II insgesamt zu leise, entrückt, Str. T. 17-19 u. T. 21 f fast nicht zu hören, sollte es nur ein Raunen im Hintergrund sein?, III besseres Tempo, Geige jedoch noch zu fest, klingt eher nach Pflicht

Tretjakow

Dmitrijew

Staatliches Sinfonie-Orchester der UdSSR

Melodia

Eurodisc

1973

30‘38

3-4

live – I Kadenz I wenig Stringendo, Tutti 5 T. nach Ziff. 6 wenig überzeugend, gemächlich, in Abschnitte zerfallend, geringe Binnenspannung, II Dmitrijew vermag kaum Spannung aufzubauen, III virtuose Passagen, die aufblitzen sollten, kommen eher wie gequält, Routine – Aufnahmetechnik nicht optimal, wenig Konzertatmosphäre

Anthony

Volmer

Adelaide Symphony Orchestra

Canary Classics

2009

31‘35

3-4

A: bestes Rüstzeug, mittlerer Ton, solide Orchesterbegleitung, geringere Transparenz, II Str. T. 17-19 etwas fest, klanglich wenig sinnlich, etwas grau, III mehr eine Pflicht

Zukerman

Barenboim

London Philharmonic Orchestra

DGG

1974

32‘59

3-4

Zukermans Ton macht seinem Namen alle Ehre, wird auch im größten Getümmel niemals hässlich, großer Ton, oft starker Bogenton, transparenter Orchesterklang, Barenboim nur Begleiter ohne ein erkennbares Konzept, II viel Vibrato, breit pinselndes Orchester, sehr ruhig, III ostinate Streicherbegleitung im Ritornell ohne rhythmische Energie und Akzentuierung – aufgrund der rein solistischen Leistung wäre eine Höhereinstufung angebracht

Vengerov

Barenboim

Chicago Symphony Orchestra

Teldec

1996

32‘58

3-4

V. mit meist breit ausladendem voluminösem Ton, kann jedoch auch wieselflink über die Saiten huschen, von Barenboim gehen kaum Impulse aus, I Oktavpassagen 4ff nach Ziff. 10 unsauber, zu schmalzig, II wenig Spannung, T. 17-20 weinerlich, III Orchesterbeginn viel zu weich, insgesamt harmloses Pasticcio

Accardo

Davis, Colin

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1979

34‘26

3-4

I Orchester sehr oft nur im Hintergrund, II fast keine Spannung, ziemlich blutleer, zäh, III kaum optimale Transparenz (vgl. vor und nach Ziff. 5)

Menuhin

Sir Adrian Boult

London Philharmonic Orchestra

EMI

1955

30‘14

3-4

Menuhin fest in der Tongebung, man hört, dass dieses Konzert für ihn ein schwerer Brocken ist, I einige Unebenheiten, Intonationstrübungen, Orchester könnte lebendiger sein, II Anfangsthema zu sehr gezogen, viel zu viel Vibrato, weinerlich, III kein schlackenloses Vl.-Spiel, bemüht, Orchester nicht immer transparent

Kulenkampff

Furtwängler

Berliner Philharmoniker

Archipel u.a.

1943

31‘37

3-4

live – der Hörer spürt, dass die Ausführenden nicht so vertraut mit Sibelius‘ op. 47 sind, wenig transparenter Klang, I bei Ziff. 4 Pesante, erst später schneller, Intonation nicht immer lupenrein und souverän, II ziemlich dichtes Klangbild, III Orchesterbeginn ohne Spannung, Satz klingt zu schwerfällig – nicht unbedingt ein Hörvergnügen, viele Publikumsgeräusche

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen:

Jascha Heifetz

Heifetz‘ schier unglaublichen manuellen Möglichkeiten, die auch noch die schwierigsten Geigenstücke mit Leichtigkeit absolvierten, wurden zu Lebzeiten und auch heute noch von vielen Kritikern in den höchsten Tönen gelobt, gleichzeitig warf man ihm jedoch vor, dass er gerade die Klassiker viel zu schnell und darum zu oberflächlich vortrage. Konzertstücke von Saint-Saëns und Sarasate, Violinkonzerte von Tschaikowsky, Vieuxtemps oder Waxman seien bei ihm in besten Händen, aber die Konzerte von Beethoven oder Brahms? Keine Meinungsverschiedenheiten dürfte es beim Violinkonzert von Sibelius geben, obwohl der Solist es im Vergleich zu anderen sehr schnell vorträgt, ist er jedoch aufgrund seines geigerischen Rüstzeugs und seiner Musikalität ein profunder Anwalt des schwierigen Stücks, Leidenschaft spricht vom ersten bis zum letzten Ton, sein Geschmack bewahrt ihn jedoch davor, in Sentimentalität abzugleiten. Sein Spiel bleibt immer elegant und sehr ausgeglichen. Die kompetenteste Begleitung steuert Sir Thomas Beecham bei, beide waren aufgrund vieler Konzerte sehr gut miteinander vertraut. Sir Thomas liebte es, Themen oder Motive sehr plastisch zu zeichnen, Höhepunkte erklingen sehr genau austariert, ohne akademisch zu klingen, den 2. Satz hört man hier con espressione. Das Klangbild ist zeitbedingt etwas kompakt ausgefallen. Außer der viel besseren Aufnahmetechnik fast 25 Jahre später beim Dirigenten Walter Hendl, überzeugt diese CD besonders im Finale, wo der Tanzcharakter des Satzes besonders deutlich zutage tritt. Der Blick wird immer auch auf’s Detail gelenkt, ohne das Große und Ganze aus den Augen zu verlieren, eindringlich auch der rauschhafte Schluss des Satzes. 1951 war Heifetz mit dem Sibelius-Konzert bei Dimitri Mitropoulos und seinen New Yorker Philharmonikern zu Gast. Auch wenn das Orchester bei lauten Stellen ziemlich ausladend agiert, achtet der Dirigent doch immer wieder auf die tiefen Orchesterinstrumente, denen in diesem Werk eine tragende Rolle zugewiesen ist. Auch hier erleben wir ein feuriges Finale, schnellstes Tempo mit 6’36.

David Oistrach

Oistrachs Aufnahme mit Eugene Ormandy ist ein Aktivposten der Diskographie des Sibelius-Konzerts. Oistrach ist vom ersten bis zum letzten Ton immer präsent, intensiv und genau, mit überlegener Ruhe hält er die Musik zusammen. Ormandy und sein Orchester sind ihm dabei gleichgesinnte Partner. Die Aufnahme ist trotz des Alters sehr durchsichtig gelungen. Aufhorchen lässt der Beginn des Finales, das Streicher-Ostinato im Daktylus klingt geradezu obsessiv, leider gilt das nicht für die Pauke mit ihrem Gegenrhythmus. Bereits 1954 gastierte Oistrach beim Helsinki Festival und spielte das Violinkonzert mit dem Radio Sinfonie-Orchester unter Leitung seines Chefdirigenten Nils-Eric Fougstedt. Die Aufnahme wurde wahrscheinlich nur mit einem Mikrofon aufgenommen, das in der Nähe des Solisten postiert war, entsprechend deutlich hört man ihn, weniger präsent das RSO. Insgesamt klingt mir diese Aufnahme ursprünglicher, spontaner, mehr mit der Komposition verbunden. Oistrach spielt hier leidenschaftlich, wenn nötig auch mit viel Bogendruck, das Orchester kann mit Ormandys Mannschaft jedoch kaum mithalten, in T. 8/7 vor Ziff. 10 ist die Intonation nicht sauber. Der 2. Satz wird von Oistrach mit breitem Vibrato, fast bis zur Grenze des noch Erträglichen, zelebriert. Den bisher positiven Eindruck schmälert jedoch der Schlusssatz, der schnellste aller von Oistrach, der recht harmlos beginnt und kein rechtes Profil gewinnt, schade. Die dritte mir vorliegende Aufnahme wurde 1966 live in Moskau mit den dortigen Philharmonikern unter Leitung von Gennadi Roshdestvensky gespielt. Letzterer ist leider nur Begleiter, kein Mitgestalter, die Folge ist eine geringere Spannung, die sich vor allem im Finale bemerkbar macht, obwohl der Satz eine halbe Minute schneller gespielt wird. Die rhythmische Energie der Streicher wird kaum genutzt.

Isaac Stern

Eugene Ormandy und sein Philadelphia Orchester waren bereits zwei Jahre zuvor bei Isaac Sterns Aufnahme ein dicker Pluspunkt. Durch sein sensibles Geigenspiel, unterstützt von einer außergewöhnlichen Musikalität, und Ormandys Partnerschaft gelingt ihm eine immer noch gültige Interpretation des Sibelius-Konzerts. Einige Jahre zuvor, noch zu Mono-Zeiten, spielte sich der jüngere Stern schon einmal mit Sir Thomas Beecham und dem Royal Philharmonic Orchestra als Partner an die Spitze. Was in der amerikanischen Aufnahme so für sich einnimmt, ist bereits hier vorgegeben, Sterns virtuoses, keine Schwierigkeiten kennendes, beseeltes Geigenspiel. Wer außer Heifetz hat die Kadenz im 1. Satz dermaßen souverän in die Rillen gebannt? Beecham ist ihm immer ein zuverlässiger Partner und Mitgestalter, auch wenn in puncto Präzision sein Orchester die Kollegen aus Philadelphia nicht immer erreicht. Höhepunkt in beiden Aufnahmen ist der Mittelsatz, in der eine gespannte Atmosphäre herrscht, trotz des im Vergleich zu späteren Einspielungen viel schnelleren Tempos.

Ida Haendel

Aus allen drei hier vorliegenden Aufnahmen spricht eine ansteckende Musikalität, die sich gleichermaßen auf alle Sätze des Violinkonzerts erstreckt. Ida Haendel identifiziert sich vollkommen mit dem Werk, als wär’s ein Stück von ihr selbst. Diese Haltung hat sie sich über Jahrzehnte bewahrt. Bereits in der ältesten Aufnahme aus Prag, im selben Konzert spielte sie übrigens noch Beethovens Violinkonzert, hört man ihre Selbstsicherheit, ihre Vertrautheit mit dem Werk aus jedem Takt heraus, Karel Ancerl ist leider nur Begleiter, das Orchester spielt etwas robust, der Klang wenig transparent, trotzdem hören wir hier eine hoch emotionale Darstellung, die überzeugt. Im 2. Satz spannt die Geigerin ganz lange Bögen und lädt sie mit viel Bogendruck und breitem Strich mit Ausdruck auf, molto patetico! Den 3. Satz stelle ich mir etwas lockerer vor, das gelingt in den beiden anderen Aufnahmen besser. Berglund lässt sich mehr Zeit, Haendel spielt hier etwas domestizierter, ihre Musikalität überträgt sich jedoch auf Dirigenten wie Orchester, trotz des langsamen Tempos im 2.Satz wird die Spannung gehalten, etwas lockerer gespielt erfreut das Finale. Insgesamt ist der Klang der Aufnahme sehr transparent. Das lässt sich auch vom Mitschnitt mit Simon Rattle sagen, besonders sind Klarinetten und Fagotte sehr gut abgebildet und verleihen gerade dem 1. Satz sein besonderes Kolorit. Haendels Feuer lodert noch immer, jedoch ist ihre Grifftechnik nicht mehr ganz auf dem bisher gehörten Niveau, außerdem könnten den einen oder anderen Hörer ihre (minimalen) Schnaufgeräusche stören. Am erfreulichsten ist, dass Solistin und Dirigent sich hier als gleichberechtigte Partner begegnen.

Itzhak Perlman

Dem israelischen Wundergeiger wird nachgesagt, dass er Wohlklang und genau dosierte Sinnlichkeit des produzierten Geigentons (A. Roeseler) anderen geigerischen Parametern voranstellt, dies gepaart mit einer stupenden Grifftechnik und Bogenführung prädestiniert ihn als Interpreten des Sibelius-Konzerts, tatsächlich hat er es auch zweimal aufgenommen. Die erste Platte durfte der gerade 21-Jährige mit Erich Leinsdorf und dem Boston Symphony Orchestra einspielen, leider war es kein Volltreffer, alles, was man an dem jungen Geiger bewunderte, ist hier zu hören. Das Orchester scheint jedoch nur pflichtgemäß zu sekundieren, die Transparenz bleibt unter dem damals Möglichen, das Orchester klingt zu kompakt, die Kontrabässe bringen wuchtige, jedoch wenig fokussierte Pizzicati. In der folgenden Aufnahme fordert und formt Andre Previn das Pittsburgh Symphony Orchester mehr als Leinsdorf, die Transparenz ist nun besser geworden, ein Nachteil sind jedoch die wesentlich langsameren Tempi in allen Sätzen, am wenigsten noch im Finale.

Miriam Fried

Um die einst exzellente Geigerin Miriam Fried ist es in den letzten Jahren still geworden, möglicherweise konzertiert sie auch nicht mehr. Dabei fing ihre Karriere so vielversprechend an, einer ihrer Schwerpunkte war das Sibelius-Konzert, mit der die rumänisch-israelisch-amerikanische Geigerin 1971 den Brüsseler Königin-Elisabeth-Wettbewerb gewann, in der Jury saßen Oistrach, Francescatti, Menuhin und Stern. Das Finalkonzert, bei dem sie Jury und Publikum gleichermaßen begeisterte, wurde mitgeschnitten und von der DGG herausgegeben. Schade, dass die Platte nur kurz auf dem Markt war und gewiss nur wenige Musikfreunde erreicht hat. Hier erlebt man eine Geigerin, die auf‘s Ganze zielt, Geigenspiel voller Kraft aber auch empfindsam in den entsprechenden Partien ist hier zu erleben. Gleich zu Beginn überzeugt die klug konzipierte kleine Kadenz, erwähnen sollte man auch die Gestaltung großer Bögen. Dirigent und Orchester unterstützen Fried nach Kräften. Der 2. Satz wird con molto espressione bei eingeschränktem Vibratogebrauch liebevoll gestaltet. Leider fällt das ziemlich schnell genommene Finale ab, dem Ostinato-Rhythmus, gleich zu Beginn und dann auch später, fehlt einfach die Profilierung, auch ist das Orchester meist zu sehr im Hintergrund. Fried spielt konzentriert und mit Verve wie zuvor, einige kleine Unsauberkeiten sollten nicht ins Gewicht fallen, aber es entsteht kein richtiges spannungsvolles Miteinander, schade. Jahrelang habe ich auf eine kommerzielle Aufnahme gewartet und war hocherfreut, als endlich 1988 das finnische Label Finlandia das Konzert mit Fried auf den Markt brachte. Leider wurde ich von der (abgesehen vom Schlusssatz) gemächlichen Gangart der Interpreten, Okko Kamu leitete das Philharmonische Orchester von Helsinki, enttäuscht, der Aufnahme fehlt es an Esprit und Feuer, die Musik schleppt sich ziemlich ereignislos dahin. Ein Auftritt in Frankfurt mit dem HR-Sinfonie-Orchester unter Leitung von Eliahu Inbal, ebenfalls mit dem Sibelius-Konzert, den ich im Radio mitschneiden konnte, enttäuschte ebenso, langsames Tempo, Inbal gelang es nicht das Orchester zu beflügeln und Akzente zu setzen. Der Mitschnitt hörte sich wie eine Pflichtvorführung an, ein Funke wollte nicht überspringen. Wie wichtig die Herausforderung eines wissenden Dirigenten für M. Fried war, zeigt ein anderer Konzertmitschnitt aus dem Jahre 1992 von einem europäischen Festival, das ich auch als Radio-Übertragung festhalten konnte, Yuri Temirkanov dirigierte damals das Philharmonische Orchester St. Petersburg. Hier ist ein nuancenreiches Violinspiel zu erleben, Fried überzeugt mit leidenschaftlichem Ton und Emphase, mir scheint, als würde hier in Zusammenarbeit mit dem russischen Dirigenten ein Konzept verwirklicht, das ich vorher so vermisste. Im Mittelsatz nimmt ihr einfühlsames Spiel für sich ein, das am Satzende fast in Traurigkeit mündet. Mit Feuer und Leidenschaft zieht das Finale dahin, eine außergewöhnliche Leistung. So etwas hätte Anspruch auf einer Silberscheibe veröffentlicht zu werden!

Miriam Fried gab ihre Musikalität an ihren Sohn, den Pianisten Jonathan Biss, weiter.

Frank Peter Zimmermann

Musikfreunde können unter zwei Aufnahmen des Sibelius-Konzerts mit dem deutschen Meistergeiger wählen. 1991 spielte er es in London mit Mariss Jansons ein. Die CD kann sich hören lassen, bestes geigerisches Rüstzeug hört man aus jedem Takt seines Spiels. Leider wuchert er nicht mit den Pfunden, er bleibt lediglich sorgfältig und geht kein Risiko ein, die Geige klingt stellenweise etwas distanziert und hat kein rechtes Feuer. Der am besten geglückte 2. Satz könnte etwas schneller sein. Beim Finale hat man das Gefühl, dass alles sitzt, trotzdem fehlt der Aufnahme etwas, zumal das Orchester keine Akzente setzt. Vielleicht war Zimmermann nicht mehr zufrieden mit dieser Einspielung und ging deshalb erneut ins Studio, jetzt mit John Storgards und dem Helsinki Philharmonic Orchestra, das hat sich gelohnt. Zimmermann spielt freier und geht souveräner mit dem Notentext um, insgesamt klingt es einfach spannender, vielleicht auch deshalb, weil alle Sätze etwas schneller genommen werden. Storgards und sein hell aufgenommenes Orchester sind ihm dabei ein hervorragender Partner. Die Spannung steigert sich von Satz zu Satz.

Christian Tetzlaff

Tetzlaffs CD-Aufnahme mit Thomas Dausgaard wurde zu recht gelobt als eine moderne Darstellung von Sibelius‘ sperrigem Konzert. Eine saubere Grifftechnik, schlanke Tongebung, nuancenreiches Geigenspiel sind dicke Aktivposten bei seiner Interpretation. Sehr deutlich kommt dies in der scheinbar mühelos gegeigten Kadenz zum Tragen. Der Dirigent steuert eine hellwache Orchesterbegleitung bei. Leider ist mir die emotionale Seite in den Sätzen 2 und 3 nicht ganz getroffen, die Sätze klingen zu objektiv gespielt. Trotz schnellen Tempos geht im Finale der Tanzcharakter verloren. Zum Vergleich bietet sich ein zwei Jahre früher entstandener Konzertmitschnitt mit dem NDR Sinfonie-Orchester unter Leitung von Daniel Harding an. Hier wird in allen Sätzen ein wenig schneller gespielt, das Orchester ist um das gewisse Etwas lebendiger, jedoch teilweise auch etwas robust. Dirigent und Solist musizieren im Einklang. Tetzlaff zeigt hier mehr Emotion, leider ist sein Part weniger fein gezeichnet als 2002. Insgesamt kann man von einer konventionelleren Interpretation sprechen, sie hat aber etwas mehr Fleisch und Blut und trifft für mein Empfinden den Sibelius-Ton besser.

Die etwas umfangreichere Erstfassung des Violinkonzerts von Sibelius hat Leonidas Kavakos eingespielt:

Kavakos

Vänskä

Lathi Symphony Orchestra

BIS

1991

39‘08

 

 

Sie ist auf CD gekoppelt mit der Zweitfassung, die oben vorgestellt wurde. Eine Bewertung lässt sich aufgrund fehlender Alternativeinspielungen nicht vornehmen.

Auch an dieser Stelle möchte ich mich bei einigen Lesern bedanken, die mir Aufnahmen außerhalb meiner Sammlung zur Verfügung gestellt haben.

eingestellt am 05.10.12

ergänzt am 01.11.12

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