Das Klassik-Prisma  
 Bernd Stremmel

www.klassik-prisma.de

Diese Webseite ist urheberrechtlich geschützt.

Beethoven    home

Klaviersonate D-dur op.10 Nr.3

Schiff

ECM

2004

21‘35

5

W – live, I wild, ungestüm, revolutionär, Nebenstimmen werden belebt, II Adagio mosso, expressiv, sehr gespannt, Sonate Nr.7 neu entdeckt

Zacharias

EMI

1979

24‘25

5

W

Gilels

DGG

1980

24‘38

5

W

Arrau

M&A

1938

20‘58

5

 

Solomon

EMI

1956

23‘53

5

W

Schnabel

EMI

1935

25‘00

5

W

Argerich

unveröffentlicht

1960

22‘01

5

W – WdR-Aufnahme, in den schnellen Sätzen kraftvoll, energisch, wie der junge B., ausdrucksstarkes Adagio, Oberstimme T.36, 38ff und T.72ff p, wie vorgezeichnet, deshalb nicht so ausdrucksvoll

Barenboim

EMI

1967

26‘01

5

W

Lortie

Chandos

1991

23‘22

5

W – Beethovens Notentext ganz dicht auf der Spur, I Presto, Drive!, II mit großer Ruhe und Konzentration den Gehalt der Musik auslotend

Pollini

DGG

2002

20‘20

5

W - I Presto voll im Griff, II Adagio, trotzdem ausdrucksstark, männlich, III Scherzo

Korstick

Oehms

2006

25‘47

5

W - I Musik im Fokus, II streng im Tempo mit viel Ausdruck

 

Horowitz

RCA

1959

22‘32

4-5

W – II sehr ausdrucksvoll, leider mit New Yorker Verkehrsgeräuschen im Hintergrund, IV zu große Pranke

Brautigam

BIS

2004

22‘33

4-5

W - Hammerflügel

Lucchesini

stradivarius

P 2001

23‘48

4-5

W – live

Richter

Praga

1959

21‘22

4-5

W – live Prag

Richter

BMC

1976

23‘08

4-5

W – live Budapest

Gelber

Denon

1995

25‘45

4-5

W

Kempff

DGG

1964

22‘29

4-5

W

Kempff

DGG

1951

21‘33

4-5

 

Ciani

Dynamic

1970

21‘21

4-5

W – live, Privataufnahme; I mit Intensität, II persönliche Gestaltung, tief empfunden, gespanntes Publikum, IV vorwärtsdrängend

Hewitt

hyperion

2005

25‘10

4-5

W – Fazioli-Flügel

Richter

CBS

1960

21‘59

4-5

W – live New York, USA-Debut

Bavouzet

Chandos

2011

23‘51

4-5

W – „französischer" Beethoven? – I schnell, aber gelassen, weniger dramatisch, II klar ausgewogen, III Menuett-Charakter gewahrt, IV beinahe ideal

Gulda

Orfeo

1953

21‘04

4-5

W – für die damalige Zeit schöner Klavierklang

Fischer, Annie

BBCL

1987

22‘22

4-5

W - I nervös im guten Sinne, II noch etwas langsamer?

Brendel

Philips

1995

24‘29

4-5

W

Zitterbart

Tacet

1989

21‘28

4-5

W - I gute Dramaturgie, II sensibel, jedoch zu schnell, IV überzeugend

Oppitz

hänssler

2004

23‘36

4-5

W

Arrau

hänssler

1973

24‘43

4-5

W – live

Arrau

Philips

1964

24‘18

4-5

W

Frank

RCA/M&A

1967/69

26‘01

4-5

W

Anda

audite

1955

20‘06

4-5

I lässt die Musik fließen, II nicht so getüftelt wie 1958

 

Barenboim

DGG

1982

24‘06

4

W

Gulda

Amadeo

1967

20‘44

4

W

Gulda

Decca

1955

23‘00

4

W – noch nicht so furios wie später, schöner 2. Satz

Kuerti

Analekta

1975

25‘14

4

W

Richter

EMI

P 1977

22‘09

4

W

Gilels

Brilliant

1980

22‘38

4

W – live Moskau, viele Publikumsgeräusche

Fray

Klav.Fest.Ruhr

2006

22‘09

4

W - live

Fischer, Annie

Hungaroton

1978

23‘24

4

W – einige Unsauberkeiten bzw. Flüchtigkeiten*

Gilels

BBCL

1980

23‘30

4

W - live

Perl

Arte Nova

1994

24‘26

4

W

Lill

ASV/Brilliant

1977

25‘23

4

W

Roberts

Nimbus

1984

22‘31

4

W

O’Conor

Telarc

1990

22‘33

4

W

Heidsieck

EMI

1967-73

23‘42

4

W

Nat

EMI

1955

20‘49

4

W - 2. Satz zu schnell

Gieseking

EMI

~ 1953

20‘07

4

 

Brendel

Philips

1972

24‘27

4

W

Lortie

Chandos

1991

23‘00

4

W

Anda

EMI

1958

21‘00

4

I T.53ff etwas nachdenklich, II Adagio mosso, viele Einzelabschnitte

Lugansky

Warner

2005

23‘40

4

W – II Oberstimme mit Begleitung

Perahia

CBS

1984

22‘56

4

W - I nicht so differenziert wie gewohnt, II Adagio

Zechlin

Berlin classics

~ 1968

22‘34

4

W – I zupackend, kräftige Akzente, II Andante, zu objektiv, T 71 Spannung nicht bis zum Ende durchgehalten, IV mehr Einzelteile als eine Zusammenschau

Badura-Skoda

Gramola

1970

21‘59

4

W

Arnold

ambitus

2003

23‘36

4

W

El Bacha

Forlane

1988

19‘38

4

2. Satz zu schnell, zu leichtgewichtig

Goode

Nonesuch

1992

22‘48

4

W

Fischer, Edwin

EMI

1954

20‘33

4

W

Ciccolini

Cascavelle

1996

22‘09

4

I Albertibässe etwas zu kräftig, III zu langsam, IV Spannung?

 

Ashkenazy

Decca

1979

23‘04

3-4

W - I sportiv, nur auf einer Ebene, II stellenweise überzeugend, III eigenwillige Betonungen

Brendel

VOX/Brilliant

1962

23‘31

3-4

W

Backhaus

Decca

1963

17‘56

3-4

I abgespult, II zu schnell, keine emotionale Beteiligung, IV wenig dynamische Schattierungen, Beethovens Humor?

Buchbinder

RCA

2011

22‘09

3-4

W – live, I al fresco, II Andante, kein pp!, T.65ff Überdramatisierung, anstelle eines zielgerichteten Aufbaus, T.72-75 wie eine Karikatur, IV T.3 kein Crescendo möglich, da zu laut begonnen, Übergang T.59/60 nicht pp sondern mf, insgesamt pauschal – Lautstärkedifferenzierung kaum optimal

Yokoyama

Sony

1998

20‘34

3-4

W – I am Ende der Durchführung nicht konsequent zum Höhepunkt, II eindimensional, IV flinke Finger, Musik hat kaum Zeit zum Atmen

Nikolajewa

Melodya

1983

23‘32

3-4

W – live, II Andante anfangs belanglos, bessert sich im Laufe des Satzes, III bremsen und beschleunigen, IV eigene Textvorstellungen

Pommier

Erato

1990

24‘19

3-4

W - II Adagio mosso, wenig ausdrucksvoll, III Menuett zu langsam

Kamenz

Oehms

2005

23‘41

3-4

I Zugang zum Satz?, II unmotivierte sf, fehlende Zusammenhänge, Spiel an der Oberfläche

           

Kovacevich

EMI

1998

20‘48

3

W – I gedonnert, wenig differenziert, II Adagio, wie prima vista

           

Gould

CBS

P 1965

20‘06

1

die Ecksätze rasend gespielt, wie ein Getriebener- II Beethoven mit vokalen Ergänzungen, IV Musik als Fratze – „ein merkwürdger Fall", nur für Gould-Fans

 

* A. Fischer hat die Aufnahme (Rundfunk-Produktion) nicht freigegeben.

W = Wiederholung der Exposition im ersten Satz

Hinweise zu einigen Pianisten:

Claudio Arrau ist mit drei Aufnahmen in dieser Übersicht vertreten. Bereits 1938 entstand in Stuttgart vermutlich eine Rundfunkaufnahme, die im Deutschen Rundfunk Archiv aufbewahrt wird und vor ein paar Jahren vom Label M&A auf CD herausgebracht wurde. Diese Aufnahme des 35jährigen Arrau ist in meinen Augen die überzeugendste, da sie bereits die arrauschen Tugenden, wie Genauigkeit der Artikulation, Klarheit und Ausgewogenheit des Klanges, beste Disposition der einzelnen Satzabschnitte enthält, jedoch gleichzeitig glaubhaft vermittelt, dass es sich bei vorliegender Sonate um ein Werk des jugendlichen, ungestümen, aber auch tief empfindenden Beethoven handelt. Seine Studio-Einspielung bei Philips klingt da viel gesetzter, jedoch auch ein wenig starrer sowie auch didaktischer: gleich zu Beginn des 1.Satzes macht Arrau ganz deutlich, dass sich das Tempo, hier ein Presto, nach den kürzesten (!) Noten zu richten hat. Das Label hänssler hat vor kurzem eine SWR-Aufnahme von den Schwetzinger Festspielen 1973 veröffentlicht. Diese ähnelt in den ersten drei Sätzen interpretatorisch der Philips-CD, jedoch ohnen deren Klang zu erreichen. Im letzten Satz bricht der Pianist jedoch aus seinem Interpretationsmuster aus und legt ein munteres und humorvolles Rondo hin. Zum Schluss komme ich noch einmal auf die frühe Aufnahme zurück, da meldet sich schon der gewissenhafte Exeget Arrau: in der Reprise des Kopfsatzes T.209f bringt der Pianist als Mittelstimme je vier Viertelnoten auf h ganz deutlich, die man sonst nirgends hört.

Mit dem Pianisten Svjatoslav Richter liegen mir inzwischen vier Aufnahmen vor: eine Studioproduktion bei EMI sowie drei Konzertmitschnitte aus Prag (1959), New York (1960) sowie Budapest (1976). Klanglich sind letztere unterschiedlich ausgefallen: in Prag stand das Mikro nahe am Klavier und fing einen hellen, natürlichen Klanvierton ein. Die New Yorker-Aufnahme klingt etwas entfernter, beide weisen hier und da störende Publikumsgeräusche auf. Die zuletzt veröffentlichte Budapester Aufnahme ist davon weitgehend verschont geblieben und klingt voll und warm, fast wie eine gute Studioproduktion. Das eine solche bei Alternativ-Aufnahmen auch per se am Überzeugendsten ausfällt, kann man hier nicht bejaen. Vorliegende EMI-Aufnahme gibt für sich genommen eine gute Interpretation her, sie lässt jedoch an keiner Stelle aufhorchen, für mich klingt sie etwas zu domestiziert, zu harmlos verbindlich im Vergleich zu den live-Mitschnitten. Im Konzertsaal geht es ums Ganze, während man im Studio notfalls korregieren kann. Den überzeugendsten Eindruck hinterlässt bei mir die Aufnahme aus Prag. Hier werden wir Zeuge eines kraftvollen, entschlossenen und konzentrierten Klavierspiels, der Blick des Pianisten ist immer nach vorn gerichtet. Der 3.Satz, trotz Menuetto-Überschrift, ist bei Richter eindeutig schon ein Scherzo, in all den drei anderen Aufnahmen steuert der Pianist da zurück. Im 4.Satz arbeitet er überzeugend das Unwirrsche, Verwegene und auch Skurile, aber auch die komponierten Stockungen eindrucksvoll heraus, hier hören wir eindeutig Beethoven als Hitzkopf. Der ein Jahr später beim umjubelnden Amerika-Debut in der New Yorker Carnegie-Hall entstandene Mitschnitt weist auch diese Vorzüge auf, aber alle Sätze klingen um ein Quentchen zurückgenommen, vielleicht war der nervöse Richter hier zu vorsichtig, um keinen Fehler zu riskieren. In Budapest erleben wir den um Erfahrungen mit op.10 Nr.3 reicher gewordenen und gereiften Pianisten. Wer jedoch jetzt eine altersweise Darstellung der D-dur-Sonate erwartet, wird durch Richters nach wie vor gewichtiges, kraftvolles und teilweise majestätisches Klavierspiel, das nun mehr Ruhe zeigt sowie über ein erweitertes Klangfarbenspektrum verfügt, eines besseren belehrt. Nach der Aufnahme aus Prag gefällt mir diese am besten, klanglich hat sie die Nase vorn.

Bei Richters Landsmann Emil Gilels, ebenfalls ein ausgewiesener Beethoven-Interpret, dem es nicht vergönnt war, seine Gesamtaufnahme der 32 Sonaten bei der DGG zu vollendeten, verhält es sich umgekehrt. Hier überzeugt mich die konzentrierte, inspirierte und von den Tempi überzeugende Studio-Aufnahme von 1980 am meisten. Der 1.Satz kommt stürmisch daher mit kräftigen Akzenten, wie im Konzertsaal, der 2.Satz ist ein ausdrucksstarkes Largo, vielleicht ein klein wenig zu statisch. Ihr am nächsten kommt die im selben Jahr live mitgeschnittene russische Aufnahme des Labels Brilliant. Auch hier ein stürmischer Kopfsatz, jedoch nicht ganz so differenziert wie im Studio. Der langsame Satz ist eher ein Andante, trotzdem kommt viel gilelssches Espressivo aus den Lautsprechern. Das Rondo, wieder nicht ganz so differenziert wie bei DGG, wartet statt dessen aber mit noch mehr Gespür für Beethovens Musik auf. Das rührige britische Label BBC Legends legte 2009 auch einen Konzertmitschnitt von Gilels vor, der (ebenfalls 1980) in der Cheltenham Town Hall aufgenommen wurde. Am Anfang stand auch die D-dur Sonate. Beim Vergleich fällt sofort das etwas entfernte Klangbild auf, da haben die russischen Techniker die Nase vorn. Gilels spielt insgesamt etwas vorsichtiger, nicht so zwingend in den schnellen Sätzen, man spürt keine treibende Energie. Der langsame Satz wirkt auf mich mehr referiert als erlebt, den stärksten Eindruck hinterlässt das Finale. Noch ein Hinweis: in allen Aufnahmen bringt Gilels die Achtel-Vorschläge wirklich als Vorschläge (T.53ff und T.233ff) und führt sie nicht mit der folgenden Viertel zu zwei Achteln zusammen. Manch ein Hörer wird diese Lesart beim ersten Hören aufhorchen lassen, da er gewohnt ist, sie von fast allen Pianisten als zwei Achtel aufzunehmen.

Unlängst brachte das Münchner Label Orfeo eine bis dato kaum wahrgenommene und diskutierte Gesamtaufnahme der 32 Sonaten heraus, eingespielt von Friedrich Gulda in den Jahren 1953/54 für die unter russischer Aufsicht stehenden österreichischen Rundfunkanstalt RAVAG, damit liegen uns jetzt drei Gesamtaufnahmen des Ausnahmepianisten Gulda vor. Im 1.Satz der Sonate kommt der Presto-Charakter in der 1967er-Amadeo-Aufnahme am besten heraus, am wenigsten in der Decca-Produktion von 1955. 1967 besitzt auch den meisten Drive, klingt sehr leicht und locker, man spürt jedoch kaum Beethovens Kampf mit dem thematischen Material, z.B. in der Durchführung, das wirkt dann doch etwas zu pianistisch, zu glatt. Im 2.Satz hält Gulda am einmal gewählten Grundtempo eisern fest. Die langsamste Aufnahme ist die von 1955, hier wagt Gulda tatsächlich ein Largo, er nimmt sich Zeit und versenkt sich in Beethovens Gedankenwelt. Die beiden anderen Aufnahmen sind auf die Sekunde gleich lang (8‘03‘‘), und doch hört man Unterschiede: die jüngste Aufnahme ist mehr ein Schlendern durch den Satz, während der Pianist 1953 Details mehr Beachtung schenkt. Welcher Aufnahme man beim 3.Satz den Vorzug geben soll ist schwer zu entscheiden, zeitlich unterscheiden sie sich nur geringfügig, die 1953er Produktion wirkt auf mich etwas nachdenklich. Im Final-Rondo ist diese Aufnahme mein Favorit, auf der Amadeo-CD klingt mir der Satz zu atemlos, während die Decca-CD eine mittlere Position einnimmt.

eingestellt am 08.04.05      

letzte Ergänzung: 14.08.12

Beethoven         home