Das Klassik-Prisma  
 Bernd Stremmel

www.klassik-prisma.de

Diese Webseite ist urheberrechtlich geschützt.

Beethoven          home

Klaviersonate Es-dur op.27 Nr.1

„Sonata quasi una Fantasia"

 

Schnabel

EMI u.a.

1932

15‘10

5

I gelassen, jedoch auch molto espressivo, II wie ein Verfolgter, III molto espressivo, IV fieberndes Suchen

Sokolov

BR unveröffentlicht

2009

16‘11

5

live Kissinger Sommer – I wie ein Capriccio: locker leicht, nur nicht tiefsinnig!, III überlegen, alles unter einem Bogen, IV Intensiv

Solomon

EMI

1956

16‘18

5

I wie Schnabel, jedoch beherrschter, III mit Inbrunst, IV anfangs etwas zu ausgewogen

Kuerti

Analekta

1974/75

17'07

5

I starker Kontrast zwischen rechter und linker Hand, Gestaltungswille, II Beethoven-Feuer – breite dynamische Palette, phänomenale Anschlangskultur

 

Gulda

Orfeo

1953

14‘40

4-5

 

Gulda

Amadeo/Universal

1969

14‘16

4-5

 

Gelber

Denon

1987

14‘29

4-5

I Andante wie eine Bagatelle, stürmisches Allegro, II T.89ff klingt wie aus den Fugen geraten, auseinanderbrechend, III Adagio mit weniger Ausdruck, Bass anfangs zu leise, IV noch energischer, ausgelassen

Gelber

EMI

1966

15‘51

4-5

II wie 1987, III Bass könnte etwas lauter sein, weniger ausdrucksvoll, IV energisch, deutliche sf, T.44ff gut

El Bacha

Forlane

1984

14‘59

4-5

I rasendes und espressives Allegro reist den Hörer „aus dem Schlaf", T.97-86 dynamisch gut abgetönt, II fließend, T.89ff überzeugend, III Andante, jedoch mit Ausdruck, IV molto Allegro – sehr guter Klang

Gilels

DGG

1980

16‘06

4-5

I kontrastreich, schnelles Allegro, II unwirsch, Allegro molto, IV kraftvoll resolut

Kempff

DGG

1951

15‘47

4-5

I unbeschwert, flüssig, II unaufgeregt, jedoch den Nerv der Musik treffend, III ruhig, fließend, ausdrucksvoll, IV mit Hingabe

Kempff

DGG

1965

14‘29

4-5

ähnlich wie 1951, noch etwas gelassener

Brautigam

BIS

2005

14‘50

4-5

Hammerflügel – I Melodie im Bass beim Hammerflügel deutlicher, II am Ende stürzt die Musik förmlich zusammen, III ausdrucksvoll, IV sehr schnell, Brautigam arbeitet die Erweiterung des Tonraumes sehr gut heraus

Ciani

Dynamic

1970

15‘42

4-5

I Thema. Jeweils 3. und 4. Takt etwas langsamer, Var.1 Akkorde ausgebreitet, Allegro schnell, Töne verschwimmen fast, T.75f ausdrucksvoll, wehmütiges Satzende, II f-Stellen kräftig, bissig, III molto espressivo, IV ausdrucksvoll – Vorsicht! privat-Aufnahme mit einem Tonbandgerät während des Konzerts, sehr viele und auch störende Publikumsgeräusche, kaum optimale Klangbalance

Lewis

HMF

2006

15‘28

4-5

I bewegtes Andante, sehr schneller Allegroteil, Tempo 1 auffälliger Lagenwechsel, II Allegro vivace, trotz etwas langsameren Tempos T.89ff gelungen, III fast ein Andante, mehr korrekt als ausdrucksvoll

Korstick

Oehms

2007

15‘47

4-5

I alles sehr korrekt, gestochen scharf, stürmisches Allegro, II B tolles Reiterstück, T.89ff wie auf einer Rutschbahn, III Gefühl im Kopf, IV sehr schnell, stürmisch

Brendel

Vox/Brilliant

1962-64

14‘33

4-5

 

Brendel

Decca

2008

15‘47

4-5

live

Pires

DGG

2000

15‘25

4-5

I schön, jedoch ohne eigene Ideen, II, dämonisches Allegro molto, III ausdrucksvoll, aber auch etwas nachdenklich, IV individuelle Lösung

Couvert

ZigZag

2004

15‘28

4-5

I staccato-Tonleiter li.Hd. T.5/6 u.a. immer vor dem sf etwas leiser, stürmisches Allegro, II könnte etwas schneller sein, III con espressivo, IV überzeugend

Serkin

CBS/Sony

1980

16‘14

4-5

I sehr gelassen, II konzentriert, kein überstürztes Tempo, III con espressione, IV gelassen, schönes non legato zu Beginn, Artikulation T.50-55 nicht ganz deutlich, Adagio espressione wie eine Befreiung

Cziffra

EMI

1968

17‘38

4-5

der Virtuose Cziffra wendet sich mit Erfolg einer wenig gespielten Beethoven-Sonate zu und kommt zu zwar nicht immer restlos überzeugenden, jedoch bedenkenswerten Ergebnissen

 

Schiff

ECM

2005

15‘31

4

live – I sehr ausdrucksvolles Satzende, III Andante con moto, IV Durchführung T.106-120 kommentierende 16-telnoten, ungewohnte Akzente

Franck

RCA/Music&Arts

P 1971

15‘56

4

I T.5-8 sf bei Wdhg. stärker, T.75f Melodie im Diskant als logische Folge einer Entwicklung hervorgehoben, III ruhig und ausdrucksvoll, IV T.2, 83 und 168 Triller beginnt schon auf dem ersten Achtel, deutliche sf in T.264

Lucchesini

stradivarius

1999/2001

15‘03

4

live – ähnlich wie bei El Bacha, zu viel Pedalnebel, III weniger ausdrucksvoll, IV kraftvoll, zu viel Pedal beim Thema

Grinberg

Melodya

1964

15‘20

4

I flüssiges Andante, Var.1 etwas lauter, stürmischer Mittelteil, II sf-Stellen wie Peitschenhiebe – durchsichtiges Klangbild, Flügel klingt im f hart

Kovacevich

EMI

1999

14‘24

4

eine der stärkeren Beethoven-Aufnahmen des Pianisten, II überzeugend, III Bass anfangs zu leise, weniger expressiv, IV kräftig, Tempo I T.256ff fehlt die nötige Konzentration

Brendel

Philips

1977

15‘13

4

 

Brendel

Philips

1993

15‘45

4

 

Nat

EMI

1955

13‘23

4

I schnelles Andante, jedoch keineswegs oberflächlich oder harmlos, II Oberstimme im Mittelteil könnte etwas mehr hervortreten, III eher ein Andante, IV Musik als Selbstläufer, nicht immer mit äußerster Sorgfalt

Gulda

Decca

1957

15‘17

4

 

Arrau

BBCL

1960

16‘48

4

 

Arrau

Ermitage

1971

17‘12

4

live

Nikolajewa

Melodya/Deutsche Schallplatten

1963

15‘45

4

live – IV T.261 falscher Ton auf eins

Backhaus

Decca

1952

14‘21

4

I Var.1 etwas langsamer und breiter, II Mittelteil könnte etwas lockerer sein, A‘ Pedal verwischt die Artikulation, III unruhig, Andante, rechte Hand schlägt bei Akkorden oft nach, IV T.27ff nicht deutlich artikuliert

Backhaus

Decca

1969

14‘22

4

I wie vorher, insgesamt etwas lauter, II Mittelteil könnte auch hier etwas deutlicher sein, III wie 1969

Pollini

DGG

1991

15‘00

4

technisch bewundernswert schlackenlos bewältigt, poliert, I kontrastreich: ruhiges Andante - Allegro molto, II T.89ff kein Ereignis, da zu gut gemacht, III intensiv, jedoch etwas glatt, IV perfekt, jedoch kühl

Fischer, Annie

Hungaroton

1977/78

15‘38

4

I poetischer Schluss T.79ff, II Mittelteil: Bassnoten ungleichmäßig, III diesseitiges Adagio, Triller im Thema T.2, 6, 83 und168 bereits auf b (nicht as), auch ungleichmäßig, insgesamt nicht ganz souverän

Gieseking

EMI

~ 1955

14‘15

4

 

Heidsieck

EMI

1967-73

15‘47

4

I flüssiges Tempo, T.13-20 eigenständig, II unruhig, III trotz bewegten Tempos ausdrucksvoll

Zechlin

Berlin classics

1966-69

15‘43

4

etwas bedeckter Klang, III weniger ausdrucksvoll

Arrau

Philips

1962

17‘21

4

 

Arrau

Philips

1984

17‘29

4

 

Ashkenazy

Decca

1978

15‘47

4

I sehr ruhiges Andante, sf übersehen!, III schlicht, weniger espressiv, IV stürmisch, Ashkenazy vergisst nicht die vielen p-Vorzeichen, am besten gelungen

Oppitz

hänssler

2004

15‘28

4

I viel Pedal, Konturen verschmimmen etwas, auch im Allegro, dies hätte dem 2.Satz besser zugestanden, zahme sf, III stellenweise zu laut, weniger innig, IV zupackend, leider kein richtiges p und pp

Haas, Werner

unveröffentlichte Rundfunkaufnahme

 

13‘46

4

I Andante farblos, Allegro zupackend, II im angemessenen Tempo, T.89ff re.Hd. führt zu sehr, III Andante, deutlicher Bass, wenig espressivo, IV Haas jagt durch die Musik!, Lautstärkedifferenzierung könnte besser sein

Bulva

Mediaphon

1986

15‘30

4

Mittelsätze am besten, IV T.126-28 kein staccato, T.263 Triller durchgehend a-b, kein b-c

Badura-Skoda

Gramola

1969

15‘13

4

II gewichtig, III schlicht, IV etwas hölzern

Barenboim

DGG

1983

16‘31

4

I ernst, T.75f mehr Ausdruck als 1969, II T.58ff Oberstimme könnte sich besser vom Bass abheben, III ruhevoll und zart, etwas intensiver als 1969 gestaltet, auch sf T.264

Barenboim

EMI

1969

16‘35

4

I ernst, ausdrucksvoller Schluss T.79ff, II Tempo zu langsam, Mittelteil etwas steif, zieht das Tempo zum Satzende etwas an, III schön gesungen, IV korrekt, jedoch eher an der Oberfläche des des Notentextes

Perl

Arte Nova

1995

16‘31

4

I A sehr gesanglich, B schnelles Allegro, IV gut gemacht, aber es fehlt doch etwas an Feuer

Ohlsson

Arabesque

1999

17‘21

4

I längere Pausen nach T.83 und 84, II phrasiert, abgesehen vom Mittelteil, immer streng taktweise, III nicht unter einen großen Bogen gefasst

 

Goode

Nonesuch

P 1993

15‘10

3-4

I A schlicht und einfach, B Allegro molto, II betont zu sehr den Dreiertakt, III weniger ausdrucksvoll, IV ohne individuelle Fingerzeige, T.263 sf ?

Pommier

Erato

1992

16‘01

3-4

I schnelles Allegro, T.75f: „jetzt ist es aber zu Ende", III T.13ff linke Hd. schlägt nach, IV zu gepflegt, kein Risiko eingehend

Lortie

Chandos

1998

17‘10

3-4

II langsamer und sonor, insgesamt bester Satz, III trotz langsamen Tempos weniger ausdrucksvoll, IV zu gepflegt, kein Risiko eingehend

Ciccolini

Cascavelle

1997

14‘36

3-4

I A-Teil geglättet, bei der Wdhg. besser, B Allegro molto, III Andante, zu klar, harmlos, IV etwas routiniert, Lautstärkedifferenzierung könnte besser sein

Yokoyama

Sony

1998/99

14‘56

3-4

I Andante fast schon Allegro, II kein Allegro molto, T.89ff zu absichtsvoll, IV etwas schnell, jedoch wenig ausdrucksvoll, T.264 sf ?

Roberts

nimbus

1984

16‘01

3-4

farblos, dynamische Palette zu gering, 3.Satz am besten

 

O’Conor

Telarc

1993

15‘04

3

im Gegensatz zum Forellenquintett vermisse ich hier Inspiration, I schön, aber Leerlauf, G-dur Bass-Akkorde in der Lk. Hd. (Mittelteil) trotz schnellen Tempos schwerfällig, III korrekt, jedoch wenig espressivo, IV ziemlich zahm, ohne Feuer

Lill

ASV/Brilliant

1976-80

18‘28

3

I müder Beethoven, Lichtblick T.75/76, II kein Allegro molto, T.89ff gelungen, III lastend, espressivo hält sich in Grenzen, lk.Hd.stellenweise zu leise, IV Inspiration ?, nur die Noten

Gould

CBS/Sony

1979

20‘55

3

I maniriert, G. übertreibt die staccato-Viertel, lk.Hd: aus legato wird staccato, T.10 Verzierung r.Hd, Allegro unauffällig, II fast alles non legato III lento, lastend, T.25f verlängerte Triller, IV teilweise Spieldosenmusik, Artikulation T.27-40 verändert, „Konzept" mit stoischer Ruhe durchgezogen, sf T.264 harmlos

 

In der Sonate Es-dur op.27 Nr.1, die wie das Schwesterwerk in cis-moll auch den Beinamen „Sonata quasi una Fantasia" trägt, müssen wir eine der schwierigst zu bewältigenden Klaviersonaten Beethovens erkennen, nicht von der klaviertechnischen Seite her, sondern als Aufgabe der Interpretation. Rellstabs in die Irre führende Bezeichnung „Mondscheinsonate" für die Schwestersonate op.27 Nr.2 hat ihr das Leben zusätzlich schwergemacht, da Musikfreunde die angeblich so viel interessantere cis-moll-„Namens"-Sonate bevorzug(t)en. Dabei ist es gerade die vorliegende Es-dur-Sonate, die sehr viel vielschichtiger, interessanter gearbeitet ist, was sich jedoch nicht auf den ersten Blick offenbart. Als Komposition scheint sie simpel gearbeitet zu sein, der Interpret muss nur die Noten spielen und die richtigen Tempi wählen, dann kann er nichts falsch machen, könnte man meinen. Es stellt sich hier jedoch die Frage der bewussten Wahrnehmung des jeweiligen musikalischen Materials und der Intensität ihrer Ausführung, immer auch unter dem Blickwinkel „quasi una Fantasia". Der 1.Satz im Andantetempo ist eine Liedform, also locker geformt, ähnlich einer Bagatelle. Die Musik (überwiegend Akkorde und Tonleitern) wird klanglich verdichtet, rhythmisch erweitert, bleibt jedoch irgendwie statisch, keine Entwicklung im Sinne von Variationen, wie man sie von Beethoven sonst kennt. Die Dynamik spielt sich fast nur im Bereich pp und p, abgesehen von einigen Synkopen, ab. Die Musik wechselt in den ersten vier Takten – ich nenne es der Einfachheit halber das Thema - von Es-dur nach B-dur und zurück (mit Wiederholung), im folgenden 2.Teil des Themas (T.5-8) von B-dur nach Es-dur, jeweils im 4.Takt deutlich kadenziert (auch wiederholt). Im 2. Takt fügt Beethoven zu dem B-dur-Septimen-Akkord zusätzlich noch das obere b hinzu, dabei entsteht eine leichte Reibung zwischen as und b. Rudolf Serkin und (etwas weniger deutlich) Annie Fischer heben diese an allen Stellen deutlich heraus. Daniel Barenboim spielt jeweils den Ton b nach der Synkope im 4.Takt abgesetzt (EMI), bzw. staccato (DGG), obwohl der Notentext keine Veranlassung dazu bietet (auch bei den Wiederholungen in folgenden Takten). In den T.9-12 folgt eine 7-stimmige Variation der Anfangstakte mit Kadenz, wie vorher ebenfalls zu wiederholen. Backhaus wird hier etwas langsamer und breitet die Akkorde deutlich aus. Alfred Brendel stellt in seiner ältesten Aufnahme die Oberstimme deutlich heraus. Grinberg spielt diese 4 Takte etwas lauter. Variation 2 T.13-20 führt Var.1 weiter, beginnt jetzt in C-dur, kadenziert jedoch sehr schnell wieder nach Es-dur. Danach wiederholt der Komponist wörtlich die ersten 4 Takte, wobei er zu Beginn die Auftaktnote b hinzufügt, in der Wiederholung werden aus den beiden Vierteln nun 4 Achtelnoten. Der zweite Thementeil soll auch mit den 4 Achteln, seine Wiederholung mit 8 16-tel-Wechselnoten ausgeführt werden, jeweils mit den schon erwähnten Kadenzen. Friedrich Gulda spielt diesen ersten Teil sehr gelassen, fast simpel, so als wolle er zeigen, wie einfach doch die Musik gestrickt sei, Beethoven fehlten die Ideen. Arrau gliedert in seiner ersten Aufnahme für Philips die Musik jeweils streng in Abschnitten zu 4 Takten. Cziffra formt jede einzelne Variation mit Hingabe, dabei geht der Zusammenhang jedoch etwas verloren. Auch Sokolov betrachtet die Variationen, bei ihm blickt der Hörer eher wie in ein Kaleidoskop und sieht das musikalische Material immer etwas anders beleuchtet, dabei bleibt er in seinem Spiel immer leicht und locker.

Ein schneller Allegroteil unterbricht die ruhig dahin fließende Musik. Viele Pianisten wählen sogar eine überstürztes Tempo und führen einen scharfen Kontrast herbei: Schnabel, Grinberg, Gilels, Ciccolini, Pollini. Danach greift Beethoven das Andante-Thema wie im Anfang des Satzes wieder auf, bei der Wiederholung muss der Spieler „die Hände wechseln", die Bassmelodie liegt jetzt oben. Gulda hebt das demonstrativ hervor, so als wolle er sagen „Beethoven fällt hier nun wirklich nichts mehr ein". Hinweisen möchte ich noch auf den Schluss des Satzes mit der nun zwangsläufig veränderten Kadenz (T.75f). In der rechten Hand wird hier nun zum ersten und einzigsten Mal in diesem Satz das dreigestrichene es (=Grundton) erreicht. Schnabel, Solomon und Arrau spielen diese Stelle sehr ausdrucksvoll. Bei Alfred Brendel und Anton Kuerti klingen die Töne wie deklamiert, bei Schiff klappert die rechte Hand etwas nach (?). Den nun folgenden Ausklang tönen Annie Fischer und El Bacha wunderbar dynamisch ab, poetisch, das sollte man gehört haben. Die meisten Interpreten scheinen sich bei diesem Satz einer Sinnsuche, einer Stellungnahme zu verweigern und spielen nur den Notentext, oft auch sehr perfekt, das ist jedoch keine befriedigende Lösung.

Im 2.Satz, einem Scherzo – Allegro molto e vivace – im ¾-Takt, stellt Beethoven taktweise gebundene fließende Viertelnoten jeweils am Ende solchen, die staccato gespielt werden sollen, gegenüber. Die fließenden Viertel sollen leise, die 3 Takte mit staccato-Noten laut gespielt werden. Bei der Wiederholung erschwert der Komponist die Ausführung, indem er eine Verschiebung um jeweils eine Achtel in der rechten Hand vorschreibt. Somit verliert die Musik an Bodenhaftung, die Töne schwimmen einfach davon, wie aus den Fugen geraten (Gelber). Für den Interpreten ist es wichtig, dass er diese Verschiebung nicht zu deutlich herausarbeitet, sonst klingt es schwerfällig und trifft nicht die von Beethoven intendierte Absicht. Arrau macht dies „vorbildhaft" falsch, auch bei Nikolajewa, Cziffra, Ashkenazy, Heidsieck, Yokojama klingt die Musik dort zu absichtlich. Bei Gulda-53 und –69 klingen die Töne holprig, wie verfremdet, die Musik scheint zu verschwimmen, ähnlich bei El Bacha, Pommier und Perl. Zwischen die beiden Teile hat Beethoven ein reiterhaftes Intermezzo in As-dur gefügt, das mich an seine Bagatelle As-dur op.33 Nr.7 erinnert. Ashkenazy wiederholt den Takt 78 nochmals.

Nun folgt zum ersten Mal bei einer Beethoven-Sonate kein selbstständiger langsamer Satz, jedoch auch keine Einleitung zum Finale, dazu ist die Musik in sich geschlossen und zu gewichtig. Beethoven sah das Adagio und das Allegro doch als zusammengehörig an, darauf deutet im Finale die verkürzte Rekapitulation des Adagio espressivo ab T.256 hin, die er ausdrücklich mit Tempo I, also Adagio, bezeichnet. In diesem Adagio con espressione entwickelt sich die Musik wie ein ausdrucksvoller Gesang während des gesamten Satzes über ständig pulsierenden Achteln im Bass. Sie sollte nicht zu leichtig und flüssig gespielt werden. In den Takten 13-16 schlägt die rechte Hand jeweils um eine 16-tel-Note versetzt nach, ähnlich wie im Scherzo ab T.86ff. Bei Pommier, Goode und Perl klingt es so, als wenn die Bassnoten „zu spät" gespielt würden. Am Ende des Adagios entwickelt der Komponist, wie improvisiert eine Spannung, aus der das Finale zwangsläufig heraustritt.

Dieser Satz scheint das Ziel der Entwicklung der vorangegangenen drei Sätze zu sein, wie übrigens auch in der cis-moll-Sonate und anderen Werken Beethovens (z.B. 5.Sinfonie). Ihm liegt jedoch keine reine Sonatenform zugrunde, wie auch in der vorangegangenen sogenannten Trauermarsch-Sonate As-dur op.26, die keinen einzigen Sonatensatz enthält. Beethoven schreibt hier ein Zwischending aus Sonate und Rondo mit einer Durchführung in der Mitte. Es ist der längste Satz des Werkes und auch technisch am anspruchvollsten. Die Musik versucht hier aus dem bisherigen bescheidenen Tonumfang auszubrechen und in bisher verwehrte Weiten vorzustoßen (sehr gut von Gelber getroffen). Das darf ein Interpret nicht akademisch brav klingend oder routiniert vortragen, eine gepflegte Vortragsweise kann nicht die Energien freisetzen, die in die Musik einkomponiert sind. Auch ein überschnelles Tempo ist keineswegs Voraussetzung für ein zwingendes Ergebnis. Yves Nat, Aldo Ciccolini, Paul Badura-Skoda, Richard Goode, Daniel Barenboim, Garrick Ohlsson, Gerhard Oppitz, Louis Lortie, Yukio Yokoyama, Jean-Bernard Pommier treffen nicht den Nerv der Musik, Maurizio Pollini bleibt zu kühl. Kurz vor Ende des Satzes lässt Beethoven innehalten (Tempo I) und beschwört nochmals die Stimmung des langsamen Satzes. In der letzten Brendel-Aufnahme (2008) klingen die Takte 256ff wie ein „Lebe wohl". Ein langer Triller und synkopische Akkorde, Beethoven setzt im Diskant dreimal hintereinander das sf-Zeichen, und dann folgt der Übergang zum abschließenden Presto. Bei Gould klingen die sf-Synkopen harmlos, bei Goode und Yokoyama werden sie kaum beachtet, mit Nachdruck gespielt hören wir sie von Schnabel, Solomon und Arrau. Gulda spielt sie wie eine Reminiszenz an die sf-Synkope vor dem Triller, auch so Ashkenazy, Schiff, Lill und Ohlsson. Ob sich der Komponist bei der Komposition der Fuge in seiner vorletzten Klaviersonate As-dur op.110 an diese Stelle und den ganzen Satz erinnert hat, ist denkbar, muss jedoch offen bleiben. Einen individuellen Interpretationsansatz bietet uns Maria Joao Pires: die klopfenden Bass-Achtel der linken Hand werden ab T.35 von 16-teln umspielt, ab T.43 wird gleichzeitig die Musik leiser und scheint ab T.48 zu verschwimmen, erst T.56 mit den Akkordbrechungen in B-dur wird der bekannte Zustand wiederhergestellt. Dasselbe wiederholt die Pianistin konsequenterweise in der Reprise ab T.203. Nach dem Willen des Komponisten sollen alle vier Sätze ohne Pause hintereinander gespielt werden, fast alle Pianisten halten sich daran, lediglich Werner Haas und Friedrich Gulda machen vor dem dritten Satz eine Pause.

Walter Gieseking wird von Joachim Kaiser in seinem bekannten Buch „Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpreten" vorgeworfen, dass er zu schlicht, zart, quasi-mozartisch spiele und ihm deshalb keine befriedigende Lösung gelungen sei. Das ist teilweise richtig, Gieseking war eine andere Musikauffassung eigen als etwa Schnabel oder Arrau, nicht das Tiefsinnige und Schwerblütige, das Dramatische lag ihm, dafür hatte er einen untrüglichen Sinn für Farben und Stimmungen, für den Duft eines Stückes, da war er den genannten Kollegen überlegen. Was macht er nun in der Es-dur Sonate? Zunächst einmal nimmt er Beethovens Untertitel „quasi una Fantasia" ernst. Er beginnt den 1.Satz ganz locker und hebt jeweils die ersten beiden Viertelnoten kurz voneinander ab, dann folgt die Halbe, die Musik schwebt im Ungefähren, wie bei einer Bagatelle. Beethoven setzt penibel während des ganzen Satzes jeweils staccato-Punkte unter die ersten beiden Viertel. Alle anderen Interpreten verbinden die beiden Viertel mit der nachfolgenden Halben zu einem gebundenen Dreitonmotiv, sehr viele treten zusätzlich noch das rechte Pedal und lassen den Klang der Akkorde miteinander verschmelzen. Bei Giesekings Lesart bekommen die Dreitonmotive etwas Leichtes, Lockeres, Improvisatorisches (quasi fantasia), ich finde diese Haltung legitim, da aus dem Notentext begründet, auch wenn kein anderer Interpret sich Gieseking anschließt. Im 2.Satz spielt er etwas zu gelassen, ohne Pedal, dadurch wird die Musik zu deutlich, aber auch etwas harmlos, die Dämonie, die sich hinter der rhythmischen Verschiebung ab T.89 verbirgt, bleibt wie bei vielen anderen außen vor. Der 3.Satz wird con espressione dargeboten, flüssig, leider ist der Bass durchgehend zu leise geführt. Im Finale spielen T.35-43 die Mittelstimmen Wechselnoten, ab T.44 gesellen sich die 16-tel als deutliche Unterstimme zu den Achteln der linken Hand und führen sie weiter, auch in der Reprise T.211ff. Das spielt Gieseking so deutlich wie kaum ein anderer.

Claudio Arrau nimmt Beethovens Notentext wie in allen seinen Interpretationen sehr ernst, alles, was die Noten beinhalten, findet man getreulich wiedergegeben, also müsste man von einer gelungenen Interpretation sprechen, wenn da nicht Beethovens Untertitel stünde: „quasi una Fantasia". Alles klingt fest gefügt, da wo es gerade auf das Ungefähre, das Vorwärts-Tasten, das Spiel der Fantasie ankommen soll! Man muss also ein Missverständnis auf höchstem Niveau feststellen. Arraus Interpretationen aller hier aufgelisteten Interpretationen sind sehr ähnlich: der 1.Satz wird sehr gewichtig und sonor dargeboten, der 2.Satz gelingt eher sachlich, die Verschiebung T.89ff ist meist sehr deutlich zu vernehmen. der dritte Satz hat Innenspannung, in der letzten Aufnahme klingt die Melodie teilweise wie buchstabiert und das Finalrondo allzu mächtig. Arrau hebt im Finale deutlich die drei sf am Ende des Adagio-Einschubs in T.264 hervor.

Friedrich Gulda hat der Nachwelt drei vollständige Zyklen der 32 Klaviersonaten hinterlassen. In seiner ersten Aufnahme (Radio Wien), die erst 2010 von Orfeo zugänglich gemacht wurde, beginnt er den Anfangssatz gelassen, einfach, schlicht, als wolle er sagen: „hier hat Beethoven keine Ideen, kein richtiges Konzept", auch klanglich klingt die Musik ausgedünnt. In der vier Jahre später für Decca erstellten Aufnahme spielt Gulda noch langsamer, im Andante-Tempo, wie gelangweilt. Auch in der letzten – bekanntesten – Produktion von Amadeo spielt er gelassen, simpel, die letzte Variation vor dem Allegro T.33ff bringt er jetzt dramatischer, ärgerlicher, weil im Notentext nichts passiert. Alle drei Interpretationen treffen m.E. sehr gut den Nerv der Musik. Den 2.Satz spielt Gulda schnell, 1953 klingen die Takte ab 89 verfremdet, holprig, 1969 scheint die Musik an derselben Stelle zu verschwimmen, sich irgendwie aufzulösen. Die Decca-Aufnahme klingt da verbindlicher, aber auch weniger aufregend. Ein starkes Espressivo war noch nie Guldas Stärke, auch hier im 3.Satz nicht, aus dem Adagio macht Gulda, wie übrigens andere auch, ein Andante, am besten gefällt mir die erste Aufnahme von 1953, hier lässt sich Gulda etwas mehr Zeit. Auch Beim Finale hat diese CD die Nase vorn, Gulda bringt den Satz energisch, wie sich endlich frei spielend, ähnlich klingt die letzte Aufnahme. 1957 spielt er etwas domestiziert, in allen Aufnahmen hören wir einen richtigen Presto-Schluss. Die Decca-Aufnahme klingt gegenüber den beiden anderen etwas stumpf.

Alfred Brendel hat der Musikwelt drei Gesamtaufnahmen der Beethoven-Sonaten hinterlassen. Im Falle unserer Es-Dur-Sonate wurde von Decca noch ein Mitschnitt aus seiner Abschiedstournee veröffentlicht. Dies zeigt, dass Brendel diese Sonate zumindest schätzt, dafür spricht auch, dass es die einzigste Beethoven-Sonate auf diesem Mitschnitt ist. Alle vier Einspielungen können als gelungen bezeichnet werden, eine eindeutige Empfehlung mag ich jedoch nicht auszusprechen, da interpretatorische Stärken (und Schwächen) bei allen vier Einspielungen verteilt sind. Beim 1.Satz ziehe ich seine älteste Aufnahme aus den 60er Jahren (Vox, jetzt Brilliant) vor: der Abgesang des Themas T.7/8 wird incl. der Wiederholungen in seiner Diktion fünfmal unverändert gespielt, beim sechsten mal kehrt Beethoven die Verhältnisse um und legt die Bassmelodie in den Diskant, verstärkt somit die Intensität dieser Stelle. Brendel führt hier das Ausdruckspotential dieser zwei Takte 77/78 zwingend vor. In der ersten Philips-Aufnahme können wir das auch noch erleben, danach klingt es matter. In seiner Vox-Aufnahme hebt Brendel in Var.1 (T.9-12) auch die Melodie klar hervor, in den anderen Aufnahmen hören wir sie nur zurückgesetzt. Der Scherzo-Satz in c-moll gefällt mir am besten dank entschiedenster Gestaltung in den Aufnahmen von 1977 und 2008. Den Charakter des 3.Satzes trifft Brendel in allen Aufnahmen recht gut, ausgenommen 1977, wo er zu objektiv nüchtern zu Werke geht. In seiner letzten Aufnahme – bilde ich mir ein – dort deutlich ein „Lebe wohl" herauszuhören und im Finale T.256ff nochmals verstärkt. Bei Vox ist der Übergang zum Finale nach den letzten Trillern ausdruckvoll gestaltet. Im letzten Satz verweise ich erneut auf diese Platte, wo der Pianist am Ende der Durchführung (T.156-166) aufhorchen lässt, wenn er auf das fünfmalige Seufzermotiv im Bass hinweist. Klanglich gefällt mir die erste Philips-Aufnahme mit ihrem runden vollen Klangbild am besten.

eingestellt am 19.06.2011

Beethoven           home