Das Klassik-Prisma  
  Bernd Stremmel

www.klassik-prisma.de

Diese Webseite ist urheberrechtlich geschützt.

Beethoven       home

Klaviersonate Es-dur op.81a

„Das Lebewohl" - „Les Adieux"

Neubearbeitung und Ergänzung 2012

 

Kuerti

Analekta

1974/75

18‘02

5

 

Kuerti

Monitor

 

16‘43

5

 

Solomon

EMI           Testament

1952

16‘06

5

I E traurig, HT überwundene Trauer, Zuversicht auf das Wiedersehen, II con espressione, III Solomon geht nicht bis an die Grenzen des ihm Möglichen, poco Andante: nicht so langsam und ausdrucksvoll

Schnabel

EMI u.a.

1933

15‘11

5

ahnungsvoller Übergang im 1. Satz

Gelber

Denon

1988

16‘08

5

 

Gulda, Friedrich

Amadeo

1967

14‘16

5

 

Gulda, Friedrich

Orfeo

1953

14‘26

5

 

Gulda, Friedrich

Decca

1950

14‘08

5

 

Serkin, Rudolf

Columbia          M&A

1951

15‘04

5

 

Moravec

Supraphon

1969

16‘26

5

I ahnungsvoller Übergang, HT Dreistimmigkeit in T. 58-61 und        T. 150-152 endlich einmal wirklich zu hören, im Finale ab T. 197 weißt M. mit den Akkorden Es-Dur-B-Dur deutlich auf den Beginn, so schließt sich der Kreis, II Adagio, tieftraurig, III sehr schnell – sehr gute dynamische Differenzierung

Korstick

Oehms

2008

16‘25

5

Korstick hat sein Spiel völlig unter Kontrolle, da sitzt jeder Ton, jeder Akzent, jeder Phrasierung, trotzdem macht es auf mich nicht den Eindruck des Kalten, Mechanischen, Distanzierten, nur vom Kopf Gesteuerten – eine Neudeutung im Geiste von Gulda, jedoch ohne dessen musikalische Imagination

Ciani

Dynamic

1970

16‘34

5

live – I E empfindsam, HT Interpretation jenseits der ausgefahrenen Wege, trotzdem überzeugend, II con molto espressione, III sehr lebhaft, teilweise wie explodierend

Lucchesini

stradivarius

1999-01

16‘36

5

live – geschmeidiges Klavierspiel, sehr gute dynamische Differenzierung, III kraftvoll, nicht zu schnell

 

Casadesus

Sony

1957

16‘04

4-5

I E gespannt, HT klar und prägnant, II Atmosphäre, III sehr lebhaft, jedoch gelöst

Pollini

DGG

1988

16‘06

4-5

pianistisch vollkommen, jedoch etwas keimfrei

Arrau

Columbia

1947/49

16‘22

4-5

 

Arrau

EMI

1958

16‘50

4-5

Klangbild leicht stumpf, nicht leuchtend

Arrau

Philips

1968

17‘05

4-5

 

Gilels

DGG

1974

17‘10

4-5

 

Serkin, Rudolf

Sony

1977

16‘50

4-5

live – sehr hell und offen klingender Flügel

Richter–Haaser

EMI

1964

15‘30

4-5

I HT bei allem munteren Treiben will der Scherz über die Trennung nicht weichen, II empfindsam, III sehr schnell, jedoch ohne Überschwang

Gelber

EMI

1963

16‘53

4-5

 

Ashkenazy

Decca

1973

17‘20

4-5

I E gespannt, HT langsamere Durchführung, II Adagio, zum Schluss scheint die Zeit stehen zu bleiben, III Immer den Ablauf unter Kontrolle

Barenboim

EMI

1966

18‘22

4-5

 

Barenboim

DGG

1983

18‘43

4-5

 

Pletnjew

DGG

1998

15‘50

4-5

 

Nat

EMI

1954

14‘06

4-5

Nat nicht Vollstrecker sondern Gestalter des Notentextes, heute eher eine Seltenheit unter seinesgleichen

Perahia

CBS

1984

16‘08

4-5

I E melancholisch, HT geheimnisvolle Durchführung, poetischer Schluss ab T. 234, II con moto, III sehr lebhaft, kultiviert

Oppitz

hänssler

2006

16‘28

4-5

I konzentriert, lebhaft, II technisch gut, jedoch etwas nüchtern, ohne Flair, III gefällt mir am besten, Attacke T. 116-121

Godowsky

Philips

1929

15‘34

4-5

Pianist der alten Schule, der sich die Freiheit der eigenen Sicht nicht nehmen lässt, kleine Rubati weisen darauf, Übergang zum Finale ohne Überschwang, mehr einzelne Abschnitte als ein Ganzes

Frank

RCA

M&A

1967-69

16‘07

4-5

I E gespannt, HT gelassen, etwas nüchtern, II suchend, III sehr belebt, anfangs die Sechzehntel wenig geschmeidig

Roberts

Nimbus

1985

17‘48

4-5

in sich ruhendes Klavierspiel, erinnert mich an Arrau, kräftiger, kerniger Klavierton, I E empfindsam, HT gelassen, II gute dynamische Differenzierung, ausdrucksvoll

Perl

Arte Nova

1994

16‘33

4-5

 

Gieseking

Arkadia

1949

13‘09

4-5

 

Andsnes

Rundfunkaufnahme

 

16‘00

4-5

live, unveröffentlicht

Badura-Skoda

Gramola

1970

14‘53

4-5

I Musik ohne Programm, flüssig, II gefühlvoll, III lebhaft, mit Schwung

Lewis

HMF

2005/07

16‘56

4-5

I E empfindsam, HT bei aller Bewegung klingt immer wieder Beklommenheit durch, II Stimmung des 1.Satzes setzt sich fort, III ohne Überschwang

Lortie

Chandos

1991

18‘03

4-5

I E langsam, HT teilweise das Tempo dramaturgisch abgebremst, III gelassen, keine neue Sicht

Kovacevich

EMI

2002

15‘28

4-5

I T. 95 ff verschwimmen etwas im Pedal, II melancholisch, kräftige sf, III T. 72-76 nicht so deutlich, auch bei der Whlg. und in der Reprise

 

Fischer, A.

Hungaroton

1977/78

16‘06

4

langsame Teile überzeugen mehr als schnelle

Kempff

DGG

1951

14‘00

4

 

Kempff

DGG

1964

14‘15

4

 

Schiff, Andras

ECM

2006

16‘37

4

live – den Notentext auf seinen Ausdrucksgehalt abklopfend, I nachdenklich, gelassen, in den f-Partien kräftig, III sehr schnell, ausgezirkelt, etwas gestelzt, wenig spontan

Backhaus

Philips

1954

15‘32

4

live

Rubinstein

RCA

1962

16‘33

4

etwas neutral, mehr klangschön als engagiert

Freire

Decca

2006

14‘53

4

I kein subito-Übergang von E zu HT, kleine Unebenheiten T. 210 ff, II eher an der Oberfläche, wenig espressivo, III etwas glatt, Routine auf höchstem Niveau

Gilels

Brilliant

1980

16‘22

4

live

Lill

Brilliant

 

17‘31

4

kerniger Klavierton, Lill lässt sich jedoch erst ziemlich spät auf die Musik ein

Zechlin

Berlin Classics

P 1969

15‘54

4

I insgesamt finden die leiseren Stellen größere Aufmerksamkeit, T.29-32 etwas vorsichtig, II etwas nüchtern, III solide

Brendel

Philips

1977

17‘02

4

 

Brendel

Philips

1994

16‘38

4

 

Arrau

Philips

1984

18‘05

4

 

Backhaus

Decca

1961

16‘00

4

 

Duchable

EMI

1995

15‘37

4

D. achtet weniger auf die deutschen Satzüberschriften

O’Conor

Telarc

1987

16‘33

4

 

El Bacha

Forlane

1992

14‘40

4

 

Ciccolini

Cascavelle

1997

17‘39

4

1. Satz Allegro: gewichtig wie Arrau, 3. Satz etwas brav

Yokoyama

Sony

1998/99

16‘50

4

pianistisch prima, Beethoven fordert noch mehr

Backhaus

Orfeo

1968

15‘50

4

live

Heidsieck

EMI

1967-73

17‘26

4

Spannung nicht immer gehalten

 

Brendel

Vox

Brilliant

1962-64

14‘52

3-4

Brendel auf dem Weg zu Beethoven

Goode

Nonesuch

1992

14‘59

3-4

wenig Atmosphäre, ohne Nachdruck

Nikolajewa

Melodya                DS

1983

16‘41

3-4

live, Publikumsgeräusche, gute Einleitung, Allegro teilweise unegal gespielt, T.104 f Gedächtnisfehler?, Andante ohne Gefühle, 3. Satz: manuell dem Satz nicht immer gewachsen

Buchbinder

Teldec

P 1980-82

15‘58

3-4

in den schnellen Teilen nur die Noten, eindimensional, im Andante übertrieben laute sf

Buchbinder

RCA

2011

16‘48

3-4

live

Várjon

Capriccio

1995

16‘19

3-4

schulmäßig, keine Beziehung zum Werk hörbar

 

Södergren

Calliope

2001

19‘45

5/3-4

 

Gröschel

Jägel

 

16‘47

4/1

digital-Übertragung nicht gelungen, pianistisch nicht immer ganz souverän

 

Interpretationen in historischer Aufführungspraxis und mit Hammerklavier:

Brautigam

BIS

2007

15‘28

5

I E unerhörter Übergang von T. 11 zu 12, HT Beethoven wäre wohl zufrieden, II ausdrucksvoll, III vivacissimamente, überschwänglich

Von Beethovens 32 Klaviersonaten sind einige mit Namen versehen, so auch die vorliegende, die als „Les Adieux-Sonate" in die Musikgeschichte eingegangen ist. In einem Brief vom Oktober 1810 kritisiert Beethoven das Leipziger Verlagshaus Breitkopf&Härtel, das in den Noten neben den deutschen Satzüberschriften „Das Lebewohl - Die Abwesenheit – Das Wiedersehen" auch die französische Übersetzung herausgebracht hatte. Er schreibt: „....Lebewohl ist was ganz anderes als Les Adieux. Das erstere sagt man einem herzlich allein, das andere einer ganzen Versammlung, ganzen Stadt." Der Adressat, dem die Sonate auch gewidmet wurde, war sein hochadeliger Schüler und jüngerer Freund Erzherzog Rudolph, der im Mai 1809 mit der kaiserlichen Familie vor den herannahenden napoleonischen Truppen nach Ofen floh und neun Monate später nach Abzug der Franzosen in die Hauptstadt zurückkehrte.

Beethovens Sonate reflektiert musikalisch den Abschied, die Abwesenheit und das Wiedersehen der Freunde, ohne in nachzeichnende Programmmusik zu verfallen, auch wenn man im Allegro des 1. Satzes Pferdegetrappel zu vernehmen meint. Wie in der Pastoral-Sinfonie sollte auch hier gelten „mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei."

Die Satzüberschriften lauten: 1. Adagio-Allegro, 2. Andante espressivo, In gehender Bewegung (d. h. nicht zu langsam), doch mit viel Ausdruck (ohne Pause folgt:) 3. Vivacissimamente, Im lebhaftesten Zeitmaße (d. h. so schnell wie möglich).

Der Beginn der Sonate lässt aufhorchen und sollte den Interpreten zur Stellungnahme veranlassen: drei absteigende Akkorde Es-Dur = Le- /B-Dur =be- / c-Moll = wohl . Wie sind diese Akkorde zu deuten, dann noch auf – wohl c-Moll? Für viele Klavierspieler scheint diese Akkordfolge keine Interpretationsaufgabe zu sein, wie ich beim vergleichenden Hören feststellen musste.

Pianisten, die noch auf Grund ihrer Ausbildung in der Aufführungstradition des 19. Jahrhunderts verwurzelt sind/waren (Godowsky, Schnabel, Kempff, Nikolajewa) erlauben sich eine persönliche Sicht auf die Sonate, wobei die Vorschriften/Vorzeichen des Notentextes nicht als etwas Unumstößliches sondern nur als Hinweise für den Interpreten verstanden werden. Aber auch jüngere Pianisten nehmen sich die Freiheit, Beethovens Noten nicht sklavisch nachzuzeichnen und erreichen eine persönliche und auch überzeugende Sichtweise (Södergren, Lortie, Pletnjew). Backhaus, Rubinstein, Gieseking, aber auch die meisten der heutigen Klavierspieler erlauben sich diese Sicht nicht, bleiben deshalb in ihren Wiedergaben oft etwas (zu) objektiv, neutral, lassen nicht immer eine besondere Beziehung zur Musik erkennen und manche von ihnen spielen dann nicht die „Lebewohl-Sonate", sondern Nr. 26 op. 81a (El Bacha, Heidsieck, Goode, Duchable, O’Conor, Yokoyama, Várjon, Perl).

Die überzeugendste Einspielung hat m. E. der bei uns viel zu wenig bekannte kanadische Pianist österreichischer Abstammung Anton Kuerti vorgelegt. Er spielt die Einleitung abgrundtief traurig, im folgenden Allegro herrscht Ungewissheit, Wehmut durchzieht trotz aller manuellen Bewegung den Satz. Im letzten Satz spürt man den Überschwang der Gefühle bereits vom 1. Takt an. Eine singuläre Leistung, wobei ich die Analekta-CD der Monitor-LP wegen der besseren Pressung vorziehe.

Nicht ganz so tiefschürfend, jedoch immer noch sehr ausdrucksvoll Solomon, Schnabel und die wenig bekannte Inger Södergren, die mich jedoch im letzten Satz nicht überzeugen kann. Man könnte meinen, dass in ihrer Lesart das Wiedersehen nur in der Vorstellung stattgefunden habe. Es fehlt der Darstellung auch die überschwängliche Freude bei der Rückkehr des Erzherzogs und Freundes. Södergren legt uns hier zwar eine interessante, aber im letzten Satz problematische Interpretation vor.

Kempffs Einspielungen überzeugen mich bei der „Lebewohl-Sonate" nur teilweise. Dem Übergang von der Einleitung zum Allegro des 1. Satzes fehlt die Spannung, das folgende weitausgreifende Thema klingt seltsam gestelzt, wenig geschmeidig, als stecke B. noch der Schmerz in den Gliedern. Den 2. Satz spielt er mir etwas zu schnell, im Schlusssatz jedoch wird etwas vom Überschwang der Gefühle beim Wiedersehen erlebbar.

Wilhelm Backhaus‘ Interpretationen zeignen sich alle durch frischen, bestimmten Zugriff auf das jeweilige Werk aus, grübeln scheint im fremd zu sein. Von den drei aufgeführten CDs gefällt mir die älteste von 1954 am besten, sie hat mehr Atmosphäre als die Studio-Einspielung von 1961, die allerdings mit einem furios gespielten Schlusssatz glänzt, der Allegro-Teil des 1. Satz ist jedoch etwas „gefingert" ausgefallen, Backhaus war damals bereits 77 Jahre alt. In der Aufnahme seines letzten Salzburger Klavierrecitals beachtet er die espressivo-Vorschriften der langsamen Einleitung und des 2. Satzes kaum, der Übergang zum Allegro des 3. Satzes hat kein Geheimnis, im Schlusssatz ist das Tempo nicht immer stabil.

Walter Gieseking machte im Anschluss an seine Meisterkurse an der Musikhochschule Saarbrücken, die Studenten saßen dabei, Aufnahmen für den Saarländischen Rundfunk, unvorbereitet und auch ohne Korrekturen, z. B. Bach (später von DGG übernommen), oder Beethoven-Sonaten. Die Lebewohl-Sonate stammt aus einer dieser Aufnahmesitzungen. Der Meister spielt gelöst und lebendig, kleine Flüchtigkeiten müssen in Kauf genommen werden. Am Überzeugendsten finde ich den 2. und vor allem den 3. Satz im lebhaftesten Zeitmaße. Vorsicht! Diese Aufnahmen wurden u. a. auch vom Label Andromeda veröffentlicht, das Band lief beim Transfer jedoch schneller. Bei Arkadia dauert die Sonate 13’09, bei Andromeda jedoch nur 12’24, dort kann der Hörer die Sonate statt in Es-Dur nun in E-Dur (!) vernehmen.

Rudolf Serkins Sichtweise der „Lebewohl-Sonate" hat sich seit seiner ersten Aufnahme aus dem Jahr 1952 kaum verändert, die Tempi sind jedoch etwas langsamer geworden. Bereits die Einleitung wird konzentriert und gleichzeitig differenziert gespielt. Das Allegro erklingt kräftig, zupackend, gewichtig, nicht gehetzt, eher gelassen. Nach einem ausdrucksvollen Andante, 1977 ist die Spannung jedoch nicht mehr auf dem Level von 1951, geht Serkin mit Elan das abschließende Vivacissimamente an, sehr überzeugend. Die frühere Aufnahme weist naturgemäß einen etwas entfernten und dumpfen Klang auf, beim Mitschnitt aus der Carnegie-Hall von 1977 hört man einen hell und offen klingenden Flügel.

Bei Claudio Arrau wird immer mit Nachdruck gespielt, die Vorschriften des Notentextes werden akribisch nachvollzogen, kein Detail geht bei ihm verloren. Doch nicht alles überzeugt vollends, z. B. könnte der 3. Satz – „im lebhaftesten Zeitmaße"- bei Arrau noch schneller sein, die technischen Voraussetzungen hierfür hat er an anderer Stelle nachgewiesen. Am besten gefällt mir seine erste Aufnahme, die in zwei Sitzungen 1947 und 1949 von der amerikanischen Columbia aufgenommen wurde.

In der Anlage ähnlich legt Emil Gilels seine beiden Aufnahmen der Lebewohl-Sonate aus. Beim live-Mitschnitt ist Gilels‘ Zugriff naturgemäß stellenweise spontaner ausgefallen, insgesamt spielt er freier und gelöster. Der Klavierklang ist hier ausgesprochen gut eingefangen, jedoch stören mich die vielen Huster aus dem Publikum. In der Einleitung phrasiert Gilels die Sechzehntel in T. 12 und 13 bei der Studioaufnahme genauer als später live. Der Hauptteil kommt eher gelassen, nicht Allegro molto, wie man es so oft hört, jedoch auch streng und konzentriert mit heftigen dynamischen Kontrasten. Im Andante esspressivo trifft der Pianist bei der DGG-Aufnahme den Ton der Beklemmung, des Trauerns überzeugender als auf der Brilliant-CD, hier erlaubt er sich auch kräftige sf, die vorher nicht auffielen, auch spielt er den Satz deutlich schneller als 1974. Auch das Finale klingt hier mehr vorwärtsdrängend, lebendiger. Die DGG-CD weist mehr auf den überlegenen Gestalter E. Gilels.

Man mag Friedrich Guldas Einspielungen für einseitig halten, für zu schnell und zu leichtfüßig gespielt, gewiss. Gulda aber vergewaltigt keineswegs den Notentext und bringt das Kunststück fertig, auch die langsame Einleitung sowie das Andante trotz schnellerer Gangart mit Leben und Poesie zu füllen. Das geforderte Tempo legt Gulda ohne Einbußen an Deutlichkeit (sogar elegant) hin. Übrigens auch Schnabel, Gieseking, Richter-Haaser und Perahia. Mit den neuen Veröffentlichung der Aufnahmen des österreichischen Rundfunks haben die bisherigen Ausgaben von Amadeo und Decca eine ernstzunehmende Konkurrenz bekommen.

Alfred Brendel war es vergönnt, im Laufe seines Pianistenlebens Beethovens 32 Sonaten dreimal aufzunehmen. Für die amerikanische Firma Vox, die hauptsächlich in Österreich junge Talente aufspürte und unter Vertrag nahm, war Brendel für Beethoven zuständig und

durfte alle Sonaten (von 1962-64), die Konzerte und kleinere Stücke einspielen, heute bei Brilliant neu herausgebracht. Im Falle der Lebewohl-Sonate bin ich nicht recht glücklich mit dem Resultat, klanglich bleibt die stumpf und mulmig klingende CD weit hinter dem des damals Möglichen zurück. Aber auch musikalisch darf man die Erwartungen nicht hoch ansiedeln, ziemlich unbekümmert ziehen Satz für Satz vorüber, eher ein Notenreferat als gestaltete Musik. Aber auch bei den beiden folgenden CDs für Philips (1977 und 1994) vermag Brendel kaum Funken aus Beethovens großartigem Aufriss zu schlagen, die beiden ersten Sätze klingen ziemlich unentschlossen, ratlos, ein wenig distanziert. Aber auch im schnelleren Finale kann der Pianist nicht den Eindruck eines Pflichtstücks verdrängen.

Gelbers erste Einspielung für EMI nimmt beim ersten Hören sofort für sich ein, alles ist schön und richtig, auch der 2. Satz wird mit Empfindung gespielt, insgesamt liegt hier eine gute bis sehr gute Interpretation vor. Die Denon-CD, 25 Jahre später aufgenommen, gefällt mir noch besser, vor allem in der Einleitung und den schnellen Sätzen, lediglich im Andante erreicht er hier nicht ganz die frühere Höhe.

Daniel Barenboims Interpretationen hört man an, dass der Pianist bei dieser Sonate ein Konzept verwirklicht: in der Einleitung ist Raum für Trauer und Schmerz über die Trennung, diese Stimmung wirkt auch noch im folgenden Allegro nach, ja strahlt sogar bis in den Andantesatz aus. Alles klingt nur kultiviert und schön. Wie mit einem Bleigewicht scheint die Musik im Allegro belastet. Die Gefahr der Verselbständigung der einzelnen Satzabschnitte ist gerade noch gebannt, bei der DGG-Produktion im Andante jedoch nicht mehr. Am Ende diese Satzes haben sich die beiden letzten Takte abgekoppelt, die Musik ist nur noch zart und schön. Im Finale ist in beiden Aufnahmen kein Überschwang zu spüren.

Buchbinders Beethoven-Deutungen leiden unter einer völlig unzureichenden dynamischen Differenzierung, piano scheint er kaum zu kennen, es ist meist durch mf ersetzt. So kann es nicht wundern, dass seine Darstellungen ein wenig nüchtern und einseitig klingen. An der anderen Seite der Lautstärkeskala ist B. dagegen nicht zimperlich, die vier aufeinander folgenden sf in den T. 11/12 und 27/28 des 2. Satzes werden von mal zu mal lauter gespielt, das klingt in der Dresdner live-Aufnahme fast brutal. Ein anderes Manko scheint mir der Hang zum schnellen motorischen Spiel zu sein, da gehen ihm 2011 im letzten Satz fast die Pferde durch, T. 69 legt er noch etwas zu, da ist nicht mehr alles unter Kontrolle. Das Buchbinder auch anders kann, beweist er in der Einleitung. Da achtet er T. 12-15 penibel auf die Beachtung von B. Bindebögen.

Sehr eigenwillig interpretiert auch Michail Pletnjew die Sonate: leichte Tempomodifikationen, Rubati um Zusammenhänge und Abläufe zu verdeutlichen, die Hände spielen nicht immer egal, der Notentext wird nicht als Perpetuum geboten sondern in bestimmter Weise gegliedert (z. B. 3. Satz a) T. 37-40, b) T. 41-44, c) T. 45-48, d) T. 49-52, deutliche Beschleunigung in T. 116-121). Andererseits werden einige Details beleuchtet, über die andere Pianisten hinwegspielen. Insgesamt liegt hier eine ernstzunehmende und mit Einschränkung überzeugende Sicht auf das Werk vor.

Die Wiederholung der Exposition im 1. Satz wird von allen Pianisten befolgt, die im 3. Satz bleibt von Godowsky, Casadesus, Kempff, Nat und Gulda-50 unbeachtet.

eingestellt am 29. 07. 07

ergänzt am 02. 10. 12

Beethoven       home