Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Till Eulenspiegels lustige Streiche

 

Sinfonische Dichtung, nach alter Schelmenweise in Rondoform op. 28

 

 

Im Till Eulenspiegel von Richard Strauss begegnet uns ein Werk von hoher Originalität, großer Einfallskraft, Konzentration und musikalischer Dichte, es überragt die bisher geschaffenen Tondichtungen des Meisters um einiges. Die Orchesterbesetzung ist erweitert auf vierfaches Holz (incl. kleine Flöte, Englischhorn, D-Klarinette, Bassklarinette und Kontrafagott), 4 (teilweise 8) Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen und Tuba. Die Anforderungen an die Spieler sind enorm und gegenüber seinen bisherigen Orchesterwerken noch gesteigert, z.B. bei den Hörnern, denen schnelle chromatische Passagen in hoher Lage abverlangt werden. Ein Orchester ohne Spitzenkräfte an den Pulten ist kaum in der Lage das Werk adäquat vorzustellen. So kann es nicht verwundern, dass unter den hier verglichenen Aufnahmen viele als hochwertig einzustufen sind und kein ausgesprochener Flop anzutreffen ist. Dass der Till auch eine großartige Orchester-Show ist, zeigen nicht zuletzt auch die so verschiedenartigen Aufnahmen Szells, Dohnanyis, Karajans, Maazels. Bernstein, stellenweise Erich Kleiber scheinen in Anlehnung an Tills Späße eine derbere Gangart dem Werk angemessen, andere Dirigenten versuchen dem Hörer das Stück zu erzählen, Krips, oder Swarowsky. Überraschend für mich ist die erstaunliche Klangqualität bereits um 1930 zu Schellackzeiten sowie in den frühen 1950ern (Fricsay, Karajan-POL).

 

Hier noch ein paar Hinweise für Leser mit Partitur, sie dienen einem besseren Verständnis von Strauss‘ Absichten:

 

-        Das 1. Hornthema (T.6-11) ist langsamer zu spielen als seine Wiederholung (T.14-19).

 

-        Beim geheimnisvollen Abschnitt von T. 111 zu T. 133 werden viele Dirigenten nervös oder sie besitzen nicht die Ruhe innerhalb dieser quirligen Musik.  Wie ist es anders zu erklären, dass bei sehr vielen Aufnahmen Notenwerte verkürzt und Instrumente, vor allem die Celli und Kontrabässe, zu früh einsetzen? Unbedingt ist auch noch auf die Spielanweisung grazioso für die Sechzehntel-Noten der Bässe, Flöte und der 1. Violine hinzuweisen. Leider wird dieses Hin- und Hertändeln Tills kaum dargestellt.

 

-        Virtuose Hornpassagen (T.139-151) sollten nicht von Streichern verdeckt werden, Strauss lässt an diesen Stellen die Trompeten schweigen! In den Takten 150/51 lässt er die drei Trompeten zwei Schläge lang schnelle Zweiunddreißgstel spielen. Dieser Flatterzungeneffekt wird nur von ganz wenigen Dirigenten herausgestellt.

 

-        In Takt 194 schreibt Strauss für die Basstuba einen gebrochenen aufsteigenden B-Dur Dreiklang, sehr kurz, Sechzehntel-Triole und Achtel; fast alle Dirigenten verstärken die Tuba mit Kontrabässen (pizzicato). Der Effekt ist nun, dass man die Tuba nicht mehr hört, außer bei Furtwängler-Turin.

 

-        In den Takten 245-252 schreibt der Komponist p oder sogar pp vor, plötzlich ertönt in Takt 253 ein lauter Paukenschlag verstärkt durch 3 Posaunen und Tuba. Bei dieser Stelle, „wütend“ schreibt Strauss, schlägt die bisherige Stimmung plötzlich um, die Musik wird lauter und lebhafter. Leider lassen viele Dirigenten über diese Stelle hinweg spielen, wodurch der Witz verloren geht. Bei Jochum ist hier die Hölle los, aber auch Albrecht, Dorati, Zinman, Furtwängler-Turin, Horenstein und Abbafo-BP haben das richtige Gespür für diese dramatische Stelle.

 

-        Auf dem Höhepunkt, wenn das ganze Orchester sich ausgetobt hat (T. 287-290), schmettern alle vier Hörner unisono die ersten fünf Noten des Till-Themas, der letzte Ton wird dann ff vom Englischhorn übernommen. Ein ff in diesem Instrument klingt mickrig, ist bei weitem nicht so laut wie das der Waldhörner, aber man kann den Ton gut hören, da alle anderen Instrumente für einen Augenblick schweigen. Leider widmen nur wenige Dirigenten dieser Stelle ihre Aufmerksamkeit und lassen das Englischhorn in seiner Weise laut vernehmen: Maazel, Keilberth, Furtwängler-WPh, Dohnanyi, Ashkenazy, Dorati, Keilberth, Maazel, Berglund, Blomstedt-SF, Cambreling, Abbado-LSO, Honeck, Keilberth, Sawallisch und Roth. Bei anderen erklingt es leiser oder gar nicht.

 

-        Nach dem kurzen Gassenhauer T.374-385 (Tempoangabe leichtfertig), wird die Musik ruhiger, man liest jedoch in der Partitur kein langsamer, in T.393 stattdessen schnell und schattenhaft. Diese Anweisung wird kaum beachtet. Albrecht, Markevich, Fricsay, Haitink, Dorati-55, Abbado-BP und Roth bleiben im vorherigen Tempo und verlangsamen den Fluss der Musik erst bei dem ersten Oboen-Solo T. 403, alle anderen bereits bei T. 393. Dann wirkt die folgende Stelle (T. 410 ff.) schneller, Strauss schreibt aber etwas gemächlicher in die Partitur.

 

-        In der Gerichtsszene (T. 575 ff.) wird die Situation für Till, dargestellt von der D-Klarinette, immer prekärer, zweimal spielt sie das Till-Motiv, drohend umrahmt von ganztaktigen Akkorden von tiefen Bläsern und Streichern. Beim dritten Mal muss der Klarinettenspieler das kurze Motiv eine Oktave höher intonieren (Partitur: entstellt). Entstellt, grotesk hört man es lediglich bei Bychkov, Albrecht, Zinman, Roth, Solti-BP, Blomstedt-SF, Maazel-Clev. Maazel-BR und Krips.

 

-        Zuletzt noch ein Hinweis auf Tills Hinrichtung: Beim Zuziehen des Stranges (T.617/18) steht bei den hohen Flöten zwischen den beiden Tönen a und g ein Crescendo-Zeichen, also lauter-werdend zu spielen, wenn der Strang die Luft abdrückt. Fast alle Dirigenten übersehen dies und lassen die Flöten erst leise, danach laut spielen. Nur Kempe, Keilberth, Krips, Berglund und Jansons-COA verwirklichen Strauss‘ Absicht.

 

 

Der Hörer kann sich die Frage stellen, ob er all die instrumentalen und artikulatorischen  Finessen aus der Aufnahme hören muss, ohne das die „Satisfaction“, wie Mozart einst bemerkte, darunter leidet. Ja und nein, Straussens Sinfonische Dichtung ist musikalisch so stark, dass sie auch ohne diese „Gewürze“ auskommen kann.

 

Lorin Maazel

Cleveland Orchestra

CBS      Sony

1979

15‘43

5

höchst virtuose, aber dem Werk dienende Interpretation; mit mehr Nachdruck als bei POL, jedoch nicht ganz so locker, noch bessere Transparenz; kleine Trommel T. 573 ff. tatsächlich „dumpf“

Lorin Maazel

Philharmonia Orchestra London

EMI

P 1974

14‘57

5

Till von Anfang an ein Draufgänger, Orchesterfinessen auf Silbertablett präsentiert

Lorin Maazel

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

RCA

1996

15‘42

5

ein wenig gemäßigter

Christoph von Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Decca

1991

15‘00

5

Dohnanyi knüpft an Szell an, jedoch besserer Klang - prächtige Hörner in Bestform präsentiert, fabelhaft

Fritz Reiner

Wiener Philharmoniker

Decca   RCA

1956

14‘45

5

plastisch, durchsichtig bis zum 3. Fagott, saftig

George Szell

Cleveland Orchestra

Sony

1957

14‘15

5

äußerst differenziert und genau, an bestimmten Stellen sehr drastisch, völlig durchsichtig zum Mitlesen, bis auf das Äußerste gespannt, alles leicht und locker

Pierre Monteux

Boston Symphony Orchestra

M&A

1960

13‘54

5

live, stellenweise drastisch zugespitzt, bedrohlich, Trompete oft weit vorn

Fritz Busch

BBC Symphony Orchestra

EMI

1934

13‘52

5

durchsichtig, junger Till

Richard Strauss

Wiener Philharmoniker

DGG

Berlin Classics

1944

15‘20

5

Strauss als 80jähriger: erstaunlich

Gerd Albrecht

Wiener Symphoniker

Koch

P 2001

14‘49

5

Dramaturgie des Stückes herausgearbeitet, Klang sehr gut aufgefächert, Blick immer auch auf Details, Bässe setzen T. 131 zu früh ein

Herbert von Karajan

Philharmonia Orchestra

EMI

1951

15‘09

5

s. u.

Herbert von Karajan

Wiener Philharmoniker

Decca

1960

14‘54

5

s. u.

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1972

15‘26

5

s. u.

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1986

15‘54

5

s. u., Till hat schon etwas Fett angesetzt, opulenter Klang

Herbert Blomstedt

San Francisco Symphony

Decca

1994

14‘37

5

lebendige Darstellung, Blick auf Details, farbiges Klangbild

Ferenc Fricsay

Berliner Philharmoniker

DGG

1950

14‘03

5

vitale, stellenweise zugespitzte Interpretation, Höhepunkt von langer Hand vorbereitet, erstaunliche Aufnahmequalität von 1950

Rudolf Kempe

Berliner Philharmoniker

EMI         Regis

1958

15‘25

5

Musik konsequent dargeboten, zugespitzt musiziert, durchsichtiges Klangbild, bei ff-Tutti etwas kompakt

Rudolf Kempe

Staatskapelle Dresden

EMI

1970

14‘34

5

alles da, jedoch nicht so artifiziell wie bei Szell

Igor Markevitch

Orchestre National Paris

EMI

1956

14‘37

5

maßvoll, gut dosierte Lautstärke, guter Monoklang

Karl Böhm

Staatskapelle Dresden

DGG

1957

14‘53

5

etwas kompakter Klang mit leichtem Hallanteil, nicht so agil wie Reiner und Szell, gelassener, obwohl nicht langsamer – immer deutliches Musizieren, Flatterzunge der Trompeten T. 150/51

Karl Böhm

Berliner Philharmoniker

DGG

1963

15‘06

5

der Dresdner Aufnahme klangtechnisch überlegen, jedoch nicht musikalisch

Hans Swarowsky

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

WDR-Aufnahme

1960

15‘12

5

live, unveröffentlicht – Swarowsky erzählt

Erich Kleiber

Sinfonie-Orchester des NDR Hamburg

EMI

1953

13‘21

5

live – sehr lebhaft, stellenweise drastisch

Eugen Jochum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1960

14‘34

5

sehr klare Darstellung, sehr vital, jedoch nicht überhitzt, immer deutliche Einsätze der Hauptstimmen

Eugen Jochum

Bamberger Symphoniker

BMG

1984

14‘31

5

Jochum mit 82: lässt die Bamberger aufblühen, Holzbläser heben sich gut ab – Orchestervirtuosität, jedoch nicht nur zur Schau gestellt

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

DGG

1943

14‘55

5

live, erstaunlich guter Klang – s. u.

Joseph Keilberth

Berliner Philharmoniker

Teldec

P 1967

16‘10

5

lebendiges, lustbetontes und farbiges Musizieren; eine Platte, die mir gut gefällt- im Klang etwas Hallanteil

Vladimir Ashkenazy

Cleveland Orchestra

Decca

1988

14‘18

5

immer lebendiges Musizieren, sehr gute Transparenz, Stimmführungen freigelegt, auch hier fabelhafte Hornstellen

William Steinberg

Pittsburgh Symphony Orchestra

Capitol     EMI

1954

13‘58

5

vital, mitreißend, draufgängerisch, immer schlank musiziert, Klangbild nicht so transparent wie im digital-Zeitalter, jedoch einigermaßen plastisch

Mariss Jansons

Concertgebouw Orchester Amsterdam

RCO

2008

15‘43

5

live, s. u.

James Levine

Münchner Philharmoniker

Oehms

2002

14‘51

5

live, sehr lebendig, die drastischen Momente herausgestellt, Pauke und große Trommel dürfen hier richtig loslegen, Bässe setzen T. 131 zu früh ein

Semyon Bychkov

WDR Sinfonie-Orchester Köln

hännsler

2007

15‘17

5

überzeugende Darstellung, D-Klarinette T. 597 „entstellt“, genau getroffen

David Zinman

Tonhalle Orchester Zürich

Arte Nova

2001

14‘02

5

überzeugende Darstellung, differenziertes Klangbild, jedoch nicht üppig

 

 

 

 

 

 

 

George Szell

Cleveland Orchestra

CBS         UA

1949

13‘52

4-5

Zusammenspiel noch nicht so geschmeidig wie später

Arturo Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1952

15‘11

4-5

etwas gepresster Klang, jedoch durchsichtig; die ersten beiden Horn-Soli im selben Tempo, 1. Violine dominiert sehr oft, Lautstärke im p zu pauschal, kaum pp

Erich Kleiber

Berliner Philharmoniker

Teldec

1930

14‘07

4-5

klanglich kompakt, Kleiber ist um Durchsichtigkeit bemüht

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

Polydor     DGG

1930

14‘46

4-5

s. u.

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

DGG       WFG SWF

1953

15‘46

4-5

live, s. u.

Wilhelm Furtwängler

Wiener Philharmoniker

EMI

1954

16‘08

4-5

s. u.

Josef Krips

Wiener Symphoniker

Orfeo

1972

15‘20

4-5

live – Krips illustriert Tills Streiche, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger, 1. Hornthema bereits schnell, Einsätze T. 113, 177 und 131 zu früh, T. 393 ff. langsamer – offenes, farbiges Klangbild

Wolfgang Sawallisch

Philadelphia Orchestra

EMI

1993

15‘20

4-5

live – plastisches Musizieren, detailbetont, maßvoll, lebendig, aber kaum spritzig – Einsätze T. 131 und 136 zu früh

Georg Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1975

14‘56

4-5

s. u.

Otto Klemperer

Staatskapelle Berlin

archiphon

1929

13‘24

4-5

stürmisch, drastische Stellen, Schellackklang

Otto Klemperer

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

EMI

1956

14‘30

4-5

live – etwas gemütlicher Till

Otto Klemperer

Philharmonia Orchestra

EMI

1960

14‘54

4-5

ein klein wenig schwerfällig

Jascha Horenstein

Bamberger Symphoniker

VOX

1954

13‘46

4-5

der Hörgenuss wird bei dieser durchweg guten Interpretation durch ständiges leises Rumpeln getrübt, Übertragung von LP direkt auf CD?

Leonard Bernstein

New York Philharmonic

Sony

1959

14‘51

4-5

die beiden ersten Horn-Soli im selben Tempo, T. 391 Tempo reduziert – sehr lebendig, saftig, teilweise grell, manchmal auch pauschal

Claudio Abbado

Berliner Philharmoniker

Sony

1992

14‘21

4-5

live – Abbado geht mit Hingabe auf die Partitur ein, der Klang hat mehr Saft als 1981, schwungvolles Musizieren

Claudio Abbado

London Symphony Orchestra

DGG

1981

14‘41

4-5

insgesamt sachliche Darstellung,

virtuose Hornstellen fabelhaft vorgeführt, jedoch eher an den Höhepunkten isoliert

Karel Ancerl

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1962

14‘40

4-5

locker musiziert, ohne aufgesetzten Druck, klanglich nicht mehr taufrisch

Andris Nelsons

City of Birmingham Symphony Orchestra

Orfeo

2013

15‘19

4-5

da Nelsons immer wieder auf Details eingeht, leidet darunter ein wenig die Stringenz des Musizierens; sehr gute Transparenz, praller Klang, Till ein Pykniker?

Mariss Jansons

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

2009

16‘14

4-5

live, s. u.

Mariss Jansons

Wiener Philharmoniker

Rundfunk-Mitschnitt

2000

15‘12

4-5

live, s. u.

François-Xavier Roth

SWR Sinfonie-Orchester Baden-Baden und Freiburg

hännsler

2012

14‘22

4-5

aufmerksames Dirigat, jedoch etwas glatt, Tills Tod zu beiläufig

Paavo Berglund

Stockholm Philharmonic Orchestra

RCA

1989

14‘54

4-5

anfangs etwas gezogen, T. 393-409 nicht „schnell und schattenhaft“, Holzbläser gut abgebildet, vieles sehr deutlich, praller und farbiger Klang

Antal Dorati

Minneapolis Symphony Orchestra

Mercury

1955

14‘04

4-5

erstaunlich durchsichtiger Klang, jedoch etwas kompakt und weniger farbig, Bässe setzen T. 131 zu früh ein, auf dem Höhepunkt T. 567 ff schneller – vitale, energische Darstellung

Sylvian Cambreling

SWR Sinfonie-Orchester Baden-Baden und Freiburg

hännsler

2005

13‘51

4-5

sehr gute Darstellung, ziemlich konstante Tempi, Klangbild könnte etwas saftiger sein

Herbert Blomstedt

Staatskapelle Dresden

Denon

1989

14‘40

4-5

nicht so drastisch wie manch andere Aufnahmen, eher vornehmer – breite Dynamik, Aufnahme  klingt etwas obertonarm, was gerade bei Musik von Strauss ein Manko ist

Marc Albrecht

Orchestre philharmonique de Straßburg

Pentatone

2007

14‘51

4-5

aufmerksames Dirigat, Solo-Horn klingt zu Beginn nicht rund, T. 567-572 Achtel-Rhythmus der Streicher und Holzbläser wird vom Blech gedeckelt, Tutti-Klang etwas pauschal, Transparenz nicht immer bestens

 

 

 

 

 

 

 

Georg Solti

Berliner Philharmoniker

Decca

1996

15‘14

4

live, s. u.

Sergiu Celibidache

Berliner Philharmoniker

M&A

1947

15‘35

4

live – Hörner (Instrumente) noch nicht von der Qualität späterer Jahre, überzeugt mehr als 1971

Sergiu Celibidache

Radio Sinfonie-Orchester Stockholm

DGG

1971

16‘32

4

live – fast immer sehr deutlich, jedoch auch gezogen gespielt

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

Myto

1954

16‘06

4

live Turin, s. u.

Serge Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

RCA    UA

1945

14‘57

4

sehr lebhaft, Dynamik nicht ausgeschöpft, begünstigt plakatives Musizieren, CD-Übertragung bei UA nicht optimal

Franz Konwitschny

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1952

13‘59

4

einige Partien nicht ganz ausgeformt, teilweise drastisch aufspielendes Blech, dynamische Differenzierung etwas plakativ, Einsätze T. 113, 116 und 121 zu früh; Gerichtsszene T. 573 ff. im selben Tempo, wie es Strauss wollte – an hohen und lauten Stellen leichtes Klirren

Joseph Keilberth

Wiener Symphoniker

Orfeo

1955

15‘11

4

live – klanglich nicht so überzeugend wie die Berliner Studio-Aufnahme, ab T. 465 plötzlich lebendiger, nachdem die Musik bisher quasi wie in  Wartestellung verharrt hat, Einsätze der Flöte T. 117 und der Bässe T. 131 zu früh

Thomas Schippers

Cincinatti Symphony Orchestra

VOX

1976

14‘56

4

nicht mit höchster Spannung, warum T. 191 ff. deutlich langsamer?, T. 393-409 fast schon Adagio, Tills Tod T. 617/18 zu beiläufig – Klangbild nicht so farbig wie bei anderen Aufnahmen dieser Zeit

Kurt Masur

Gewandhausorchester Leipzig

Philips

1989

15‘10

4

live - eher Pflicht als Kür

Charles Mackerras

Royal Philharmonic Orchestra

RPO

1995

14‘32

4

ab T. 157 etwas unterbelichtet, ablösende Bläser nicht deutlich

Ferdinand Leitner

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1972

14‘00

4

live – gelassen, gute Kapellmeisterleistung

Neville Marriner

Sinfonie-Orchester des SDR Stuttgart

Capriccio

1990

15‘38

4

lebendig, 1. Hornsolo etwas unruhig, sonst überzeugende Hörner – Klangbild könnte transparenter sein

Rickenbacher

London Philharmonic Orchestra

EMI

1985

14‘46

4

eher schwarzweiß als farbig

Krauss

Wiener Philharmoniker

Teldec

1941

14‘53

4

kompakter Klang, nicht immer ganz deutlich

Knappertsbusch

Staatskapelle Berlin

History

1928

14‘41

4

nicht immer präzise zusammen , historischer Klang

Gustavo Dudamel

Berliner Philharmoniker

DGG

2013

15‘40

4

live – gefällige Interpretation, dynamische Differenzierung nicht immer top, Achtel in T. 604 nicht legato, Epilog in den ersten Takten etwas fest, guter Klang

Antal Dorati

Detroit Symphony Orchestra

Decca

1980

14‘48

4

viel moderater als die frühere Aufnahme, auch ohne deren Drive,  jedoch besserer Klang

 

 

 

 

 

 

 

Edo de Waart

Minnesota Orchestra

Virgin

1991

14‘58

3-4

Spannung insgesamt nicht wie gewünscht, T. 393-409 nicht „schnell und schattenhaft

Bernard Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

P 1983

14‘48

3-4

Philipps‘ erster digital-Till, neue Technik noch nicht voll im Griff, Transparenz bei Tutti-Stellen durch Hall belastet; gemütlicher Till, geringe Spannung, Bässe setzen T. 131 zu früh ein

Daniel Barenboim

Chicago Symphony Orchestra

Erato

1990

15‘15

3-4

Transparenz nicht immer optimal, Holzbläser könnten besser aufgegliedert sein, klanglich nicht durchgeformt, oberstimmenbetontes Musizieren – Tempoverdopplung T. 197 übersehen, T. 393 ff. langsamer, Oboe T. 403 ff. zu leise, Gerichtsszene laut, jedoch nicht bedrohlich

Georges Pretre

Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart

hänssler

1997

15‘45

3-4

mehr Einzelabschnitte als ein Ganzes, großzügiger Umgang mit dem Notentext, man wünschte sich auch mehr Transparenz

Rafael Frühbeck de Burgos

Dresdner Philharmonie

Berlin Classics

1994

15‘56

3-4

Musik läuft ab, aber es ereignet sich wenig, zu vorsichtig angegangen, T. 14 ff ohne Drive, T. 81 wieder langsamer, Tutti-Achtel T. 558-566 (ff) zu schwergängig – Klang nicht immer so transparent wie erwartet

Manfred Honeck

Pittsburgh Symphony Orchestra

Reference Recordings

2012

14‘22

3-4

Till als Reißer, jedoch etwas vordergründig und weniger sorgfältig: T. 111-132 Pausen sowie lange Notenwerte verkürzt, T. 567-572 Achtel-Rhythmus der Streicher und Holzbläser wird vom Blech zugedeckt, sonst jedoch  durchsichtiges Klangbild, die ff-Tuttistellen oft zu grell und aufdringlich

Henry Lewis

Royal Philharmonic Orchestra London

Decca

1970

15‘39

3-4

T. 95 ff. könnten etwas drängender klingen, einige Durchhänger, Dialog zwischen Horn und Oboen T. 516-529 lässt aufhorchen, Blech im ff vulgär (Absicht?), das Besondere des Till wird kaum getroffen

 

 

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen

 

Wilhelm Furtwängler

 

Außer dem Don Juan hat Furtwängler immer wieder auch Till Eulenspiegels lustige Streiche aufgeführt und zweimal aufgenommen. Die für mich überzeugendste Interpretation entstand 1943 während eines Konzerts in der Alten Berliner Philharmonie, die auch mit einem erstaunlich guten Klang punkten kann. Furtwängler führt nicht nur die virtuos gestaltete Partitur vor (z. B. Flatterzunge T. 150 f., Blechbläserattacken, vertrackte Rhythmen), wie man es in neueren Aufnahmen immer wieder erlebt, sondern lässt auch Tills Streiche lebendig werden, etwa durch angemessene Rubati. So dehnt er in T. 374 die Töne von Klarinetten und Geigen ein wenig, um dann im folgenden Takt umso lebendiger und fröhlicher in den kurzen Gassenhauer einzusteigen. Seine Werksicht hat bis heute nichts von ihrer Überzeugungskraft verloren.

Bereits im Jahre 1930 nahm er für Polydor den Till Eulenspiegel auf, eine überzeugende Leistung, die jedoch durch den kompakten Klang nicht die Deutlichkeit von späteren Jahren erreicht. Der erste Horneinsatz ist nicht ganz geglückt. Auf dem Mitschnitt aus dem Berliner Titania-Palast aus dem Jahre 1953 wird nicht ganz so konzentriert musiziert wie zehn Jahre zuvor; hier und da gibt es kleine Ungenauigkeiten, darunter leidet auch die Inspiration. Die letzte Aufnahme des Till entstand auf einer Tournee der Berliner Philharmoniker in Turin. Nach dem langsameren Tempo zu urteilen, scheint Till hier schon die 50 überschritten zu haben. Der Klang ist etwas kompakt sowie leicht verfärbt. Auch stört das leise Rauschen der Acetatplatten.

Von allen Furtwängler-Aufnahmen klingt die Studio-Produktion mit den Wiener Philharmonikern aus demselben Jahr am deutlichsten, z. B: kurze Stelle der Bassklarinette T. 82. Sie verfügt über den besten Klang, ist aber etwas langsamer, besonders da, wo er schon früher das Tempo etwas zurücknahm. Unverständlich sind die verfrühten Einsätze der Bässe T. 113 und T. 131, dieser Malus unterlief ihm in den anderen Aufnahmen nicht.

 

Herbert von Karajan

 

Die älteste der vier Studio-Produktionen mit Herbert von Karajan wurde 1951 in London mit dem Philharmonia Orchester erstellt. Schon hier zeigt sich deutlich seine Sichtweise des Till. Das Orchester beginnt nach Partitur-Angabe gemächlich, zieht dann das Tempo an und entwickelt so nach und nach Spannung. Das überzeugt. Mit prägnantem, kraftvollem und farbenreichem Spiel nimmt der noch junge Klangkörper für sich ein. Der Klang ist für das Aufnahmejahr erstaunlich transparent, in den lauten Tutti-Stellen müssen jedoch Abstriche gemacht werden. Die Platte mit den Wiener Philharmonikern, nun bei Decca, entstand knapp 10 Jahre später. Auch hier wird der Hörer durch ein lebendiges, präzises und plastisches Musizieren erfreut. Das Klangbild hat nun gegenüber früher mehr Saft und verfügt über eine größere Breite und Tiefe.

Die folgenden beiden Aufnahmen entstanden in Berlin für die Deutsche Grammophon Gesellschaft. Der Klang ist nun etwas artifizieller und wird von Aufnahme zu Aufnahme langsamer, Karajan geht gelassener an die Partitur heran. Der Klang der 1972er Platte ist gegenüber der Wiener Vorgänger-Aufnahme ein wenig geschlossener, interpretatorisch bewegt er sich jedoch auf der erprobten Bahn. Die Berliner Musiker erreichen jedoch noch etwas mehr Schliff als ihre Wiener Kollegen. Damit geht leider auch ein mehr oberstimmenbetontes Musizieren einher. Bei Karajans letzter Produktion des Till Eulenspiegel gewinnt man den Eindruck, dass der opulente Klang, nun digital aufgenommen, einen höheren Stellenwert besitzt als die Musik insgesamt. Zum Schluss sei noch auf die teilweise ungenauen Einsätze der Streicher und Flöten zwischen T. 113 und  T. 131 hingewiesen. Mein Favorit ist die Platte mit den Wiener Philharmonikern.

 

Georg Solti

 

Straussens Till Eulenspiegel musste wie ein gefundenes Fressen für den Ausdrucksmusiker Georg Solti gewirkt haben. Das ist aus seiner Aufnahme mit dem Chicago Symphony Orchestra heraus zu hören, sie hat viel Licht zu bieten (saftiger Klang), zeigt jedoch auch einige Schattenseiten. Wunderbar deutlich lässt der Maestro aufspielen, er wirft auch immer einen Blick auf die Hörner, die bestens zur Geltung kommen, ohne sich vorzudrängen, auch da, wo man sie auf anderen CDs kaum hört, z. B: T.147-152 oder T. 532-543. Der gracioso-Anweisung für die Bässe, Flöte und erste Geigen in den Takten 113-122 wird leider kaum Rechnung getragen. Einige Minuten später, vor dem Höhepunkt, habe ich den Eindruck, dass das Orchester bei seiner stürmischen Achtelbewegung (T. 561-566) nicht mehr ganz genau zusammen ist. Wenige Takte danach kommt der Tutti-Akkord T. 581 kaum deutlich markiert. Diese beiden misslungenen Stellen hätten bei der Aufnahme umgehend korrigiert werden müssen. Beim Konzertmitschnitt der Berliner Philharmoniker kommen sie wie es sich Strauss gedacht hat. Die Aufnahme ist insgesamt weniger artifiziell mit geringerem Erregungspotential. Insgesamt wird auch etwas weniger deutlich musiziert. Anzumerken wäre noch, dass die Bässe in T. 131 zu früh einsetzen und das Orchester ab T. 209 entgegen der Partitur wenig lebhaft spielt.

 

Mariss Jansons

 

Mit dem lettischen Dirigenten liegen mir drei Interpretationen vor, die letztlich alle zu empfehlen sind. An die Spitze stelle ich die Aufnahme mit dem Concertgebouw Orchester Amsterdam, als dessen Chefdirigent Jansons von 2004-2015 fungierte.  Er lässt immer sorgfältig und deutlich musizieren, wählt kein extrem schnelles Tempo, so dass viele Einzelheiten im Orchester ans Licht geholt werden, die meist verloren gehen. Das Klangbild ist hervorragend. Fast dieselbe interpretatorische Höhe erreicht die Aufnahme mit dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks ein, die allerdings geringfügig langsamer ist und auch weniger Drive zeigt. Bei der Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern ist das Klangbild geschlossener, nicht so schlank, wie man es von den beiden oben genannten kennt, auch werden weniger Details zu verfolgen sein.

 

 

Es freut mich, dass mir immer wieder Freunde des Klassik-Prismas mit Bereitstellung weiterer Aufnahmen meine Arbeit unterstützen und auf diese Weise die Aktualität verbessern helfen. Herzlichen Dank.

 

 

eingestellt am 29.06.07

neu bearbeitet und ergänzt am 09.03.18

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