Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Tragische Ouvertüre d-Moll op. 81

Den beiden Ouvertüren von Brahms begegnet man im Konzertsaal selten, um so mehr jedoch auf Tonträgern, meist als Füller. In der LP-Ära war die Tragische Ouvertüre meist mit der 3. Sinfonie gekoppelt, mit der sie stimmungsmäßig verwandt ist.

In diesem Werk spielen die vier Hörner eine große Rolle, allenthalben schauen sie aus dem Stimmengeflecht heraus oder haben hervorgehobene Aufgaben zu übernehmen, wie z. B. von T. 100-105. Hier hat das F-Horn erst eine Quinte zu spielen, gleich danach eine Oktave zum hohen g (piano), dieser Ton kommt bei live-Mitschnitten, wenn überhaupt, oft unsauber. Gut hört man die Stelle bei Walter, Klemperer, Otterloo, van Beinum, Gielen, Sawallisch und Metha. In den Takten T. 126-133 sind markante Oktavsprünge zu bewältigen. Selten hört man sie deutlich, so bei Abravanel, Szell, Münch, Ancerl, Harnoncourt, Maazel-BP, Joo und Chailly.

Toscanini

Philharmonia Orchestra

Testament u.a.

1952

12‘09

5

live - animato

Toscanini

BBC Symphony Orchestra

EMI

1937

12‘40

5

sehr dramatisch, expressiv

Klemperer

Philharmonia Orchestra

EMI

1957

12‘13

5

streng, expressiv

Walter

New York Philharmonic Orchestra

CBS   UA

1953

12‘16

5

konzentriert, gespannt

Walter

Columbia Symphony Orchestra

CBS

1960

13‘19

5

trotz etwas langsameren Tempos immer noch überzeugend

Cantelli

NBC Symphony Orchestra

Testament

1951

12‘30

5

live - passionato

Giulini

Philharmonia Orchestra

EMI

1962

13‘09

5

konzentriert, animato, nicht so stürmisch wie Toscanini

van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

Decca

1958

14'08

5

mit Hingabe, gewichtig, gute Balance, bleibt im Tempo

Münch

Boston Symphony Orchestra

RCA

1955

12'18

5

dramatische Grundhaltung, aufmerksames Dirigat

Tennstedt

London Philharmonic Orchestra

BBCL

1983

13‘43

5

live – schwerblütig, mit Nachdruck, kleine Unebenheiten im Zusammenspiel trüben nicht den positiven Gesamteindruck

Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1958

11‘48

5

zügig und konzentriert durchs Werk

Thielemann

Sächsische Staatskapelle Dresden

DGG

2011

12'20

5

live – mit spürbarer Hingabe, Spannungsbögen brechen nicht ein, dunkelgetöntes Klangbild, Crescendi mit gleichzeitigen Beschleunigungen

 

Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1953

14‘09

4-5

sehr schöner Mittelteil, Aufnahme klingt anfangs etwas übersteuert

Abendroth

Gewandhausorchester

Tahra

1945

14‘15

4-5

live, kurz vor Kriegsende, klanglich nicht gut erhalten; Brahms-Ton

Chailly

Gewandhausorchester Leipzig

Decca

2013

12'32

4-5

von musikalischer Energie sprühende Interpretation, verliert jedoch ab der Reprise etwas an Spannung, Pk. durchgehend zu leise

Busch

Dänischisches Radio-Sinfonie-Orchester

DGG      EMI

1950

12‘29

4-5

live – kleine Unebenheiten im Orchester, die Musik spricht aus sich selbst, Partitur ist die alleinige Richtschnur

Lehmann

Berliner Philharmoniker

DGG

forgotten records

1952

14'33

4-5

schwerblütig, konzentriert, kompakter Klang

Szell

Berliner Philharmoniker

Testament

1969

12‘52

4-5

live – nicht so deutlich im Detail wie 1964, dafür aber brahmsischer

Otterloo

Residenz Orchester Den Haag

Philips

Challenge

1952

12‘26

4-5

konzentriert, energisch

Horenstein

Orchestre National de L’ORTF

M&A

1956

12‘19

4-5

live – drängend, aufgewühlt, in piano-Abschnitten zu laut

Maazel

Berliner Philharmoniker

DGG

1959

11‘23

4-5

dramatische Ouvertüre

Maazel

Cleveland Orchestra

Decca

1976

12'29

4-5

aufmerksames Dirigat, weniger Druck als in Berlin

Galliera

Philharmonia Orchestra

EMI

1956

12‘32

4-5

eher dramatisch als tragisch

Gielen

SWF-Sinfonie-Orchester

hänssler

1995

12'33

4-5

sehr klar, kammermusikalisch, ohne romantischen Fettansatz

Mehta

Wiener Philharmoniker

Decca

~ 1976

13‘01

4-5

mit spürbarer Vitalität und Sensibilität

Abravanel

Utah Symphony Orchestra

Vanguard

P 1962

12‘07

4-5

Brahms-Ton

Kempe

Berliner Philharmoniker

EMI      Testament

1960

12‘15

4-5

Drive, aufgefächerter Bläsersatz

Böhm

Wiener Philharmoniker

DGG

1977

13‘32

4-5

markante Trompeten T. 146 f und T. 155

Sanderling, Kurt

Staatskapelle Dresden

RCA

1972

13‘11

4-5

vorwärtsdrängend, markante Pauke

Krips

Philharmonia Orchestra

EMI

Testament

1963

14‘05

4-5

weniger tragisch als elegisch, wunderbare Bläsermomente

Szell

Cleveland Orchestra

Sony

1964

14‘20

4-5

mit Röntgenaugen, kaltes Feuer

Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Teldec

1988

13‘28

4-5

scharfe Klanglichkeit, konzentriert

Markevitch

Staatliches Sinfonie-Orchester der UdSSR

Philips        DGG

1963

13‘24

4-5

Brahms in Moskau, mit sürbarer Hingabe, anfangs abgespecktes Pathos, etwas kompakt im Klang , in den Bässen auch stumpf

Ansermet

Orchestre de la Suisse Romande

Decca

1963

13'05

4-5

spürbare Affinität zur Musik, Klang etwas kompakt, Differenzierung im unteren Bereich nicht ausgeschöpft

Joó

Philharmonisches Orchester Amsterdam

Cascade

~ 1975

13‘21

4-5

durchsichtig, Brahms-Ton, kleine Unebenheiten im Orchester

Schuricht

Orchestre National Paris

forgotten records

1955

13'09

4-5

live, Paris – mit spürbarer Hingabe, aufgewühlt, Dynamik im p-Bereich zu großzügig

Schuricht

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Scribendum

1961

11‘40

4-5

dramatische Sicht, helles Klangbild, geringfügige Orchesterpatzer, zu schnell produziert?

Schuricht

London Symphony Orchestra

BBCL

1964

13‘43

4-5

live, London – Schuricht dirigiert noch erstaunlich frisch, könnte in der Dynamik etwas differenzierter sein

Schuricht

Sinfonie-Orchester des SDR Stuttgart

hänssler

1964

13'03

4-5

live, Stuttgart – Brahmston, Orchester nicht immer präzise, Rundfunkaufnahme klanglich kaum optimal

Boult

London Symphony Orchestra

EMI

1970

13'49

4-5

Eher sachlich als gefühlsbetont, präzise Tongebung, sehr gut der langsame Abschnitt T. 264-299 mit den gedämpften Geigen

Young

Philharmoniker Hamburg

Oehms

2010

13'26

4-5

entschiedener Zugriff, mit innerer Spannung

Davis

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

RCA

1889

14‘27

4-5

schöne Pizzicati in den Bässen

Tilson Thomas

London Symphony Orchestra

Sony

1989

13‘37

4-5

treffliche Hörner, sorgfältig

 

Ancerl

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1963

14‘01

4

breit ausladend, aber nicht schleppend, durchsichtiges Klangbild

Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1978

13‘21

4

Leidenschaft hält sich in Grenzen

Monteux

London Symphony Orchestra

Philips

1962

12‘58

4

betont die große Linie, einige Stellen dabei etwas pauschal

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS   Sony

1964

13'03

4

emotionsgeladen, vorwärts strebend, breite Ausdrucksskala

Beecham

London Philharmonic Orchestra

EMI u.a.

1936

12‘19

4

ein Jahr vor Toscanini: geschlosseneres Klangbild, aber etliche Details nicht zu hören, gelassener

Herbig, Günter

Berliner Sinfonie-Orchester

Berlin Classics

1978

13‘10

4

einige interpretatorische Lücken

Haitink

Concertgebouw Orchester

Philips

1970

13‘30

4

nicht alle Stellen gleichermaßen gelungen

Sawallisch

Wiener Symphoniker

Philips

Decca

1961

12'31

4

immer aufmerksam der Partitur auf der Spur

Sawallisch

London Philharmonic Orchestra

EMI

1990

12‘33

4

lässt der Musik mehr Zeit als 1980

Muti

Philadelphia Orchestra

Philips

1988

13‘38

4

eher große Linie als Details

Boult

London Philharmonic Orchestra

Nixa

P 1956

12‘43

4

Brahms-erfahrener Dirigent, Orchester nicht top

Abbado

Berliner Philharmoniker

DGG

1989

12‘50

4

live – genaue, jedoch nicht detailversessene Interpretation, vital, teilweise schwungvoll

Behlohlávec

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1988

13‘03

4

B. hütet sich vor emotionsbesetztem Vortrag, geradlinig, etwas distanziert

Barbirolli

Wiener Philharmoniker

EMI

1967

12‘59

4

Streicher-betont

Jochum

London Philharmonic Orchestra

EMI

1976

12‘11

4

Streicher nicht immer profiliert

Skrowaczweski

Hallé Orchestra Manchester

IMP

1986

14‘13

4

schlankes Orchesterspiel, S. Achtet auf Details, einige Unebenheiten im Orchester

Stokowski

National Philharmonic  Orchestra

Sony

1977

11‘31

4

wechselnde Tempi, etwas aufgesetzt

Haitink

London Symphony Orchestra

LSO

2003

15‘00

4

live – Aufnahme tritt auf der Stelle, im Klang schlanker als 1990

Haitink

Boston Symphony Orchestra

Philips

1990

14‘55

4

pastos, etwas mächtig, aber nicht schwerfällig, im Mittelteil Routine?

Mengelberg

Concertgebouw Orchester

Teldec u.a.

1942

14‘28

4

wechselnde Tempi, Retusche T. 146 f

 

Eschenbach

Houston Symphony Orchestra

Virgin

P 1992

14‘38

3-4

gebremstes Tempo, etwas starr

Sanderling, Th.

Philharmonia Orchestra

Darpro

1996

14‘28

3-4

weniger Biss als bei Vater Kurt, etwas zäh, wenig Nachdruck

Sawallisch

Bayerisches Staatsorchester

Orfeo

1980

11‘31

3-4

etwas eindimensional, nur der Notentext

Masur

New York Philharmonic Orchestra

Teldec

1995

12‘55

3-4

live – etwas glatt, Mittelteil zu schnell, Beziehung zum Werk?

Harnoncourt

Berliner Philharmoniker

Teldec

1996

14‘15

3-4

zögerlich, etwas neutral, Scheu vor Emotion, einige ungehörte Details T.126ff

Giulini

Wiener Philharmoniker

DGG

1989

15‘23

3-4

live – schleppendes Tempo, schwache Erinnerung an die POL-Aufnahme

Bernstein

Wiener Philharmoniker

DGG

1981

14‘11

3-4

live - schleppendes Tempo, die Interpretation hat kein richtiges Ziel, im Tutti bräsiger Klang

Levine

Wiener Philharmoniker

DGG

1992

13‘48

3-4

breiter Pinsel, Bläser kommen nur in ruhigen Passagen zum Zug, vordergründig

Barenboim

Chicago Symphony Orchestra

Warner

1993

14‘04

3-4

gepflegt, aber nicht aufregend oder gar fesselnd

 

Haenchen

Niederländisches Philharmonisches Orchester

Delta

1990

14‘21

3

Nervösität zu Beginn, etwas eindimensional, Nebenstimmen nicht immer beachtet, wenig Schwung, Klangbild wenig aufgefächert

Knappertsbusch

Wiener Philharmoniker

Decca

P 1958

12‘17

3

Aufnahme klingt wie wenig geprobt

Knappertsbusch

Wiener Philharmoniker

Orfeo

1955

13‘01

3

live – man spürt Knas Vertrautheit mit der Musik, Aufnahme klingt jedoch ungeschliffen, holprig, wie wenig geprobt, sehr viele Huster im Salzburger Sommer

Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1970

14‘14

3

Streicher etwas schlanker als 1961, mit Blech Breitwandsound

Karajan

Wiener Philharmoniker

Decca

1961

13‘59

3

etwas dick und schwerfällig, aufdringliches Blech, Einzelheiten werden überdeckt

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1977

14‘17

3

schwerfällig, schleppend

Gergiev

London Symphony Orchestra

LSO

2012

14'26

2-3

live – einfallslos, geringe Spannung, schwerfällig

Previn

Royal Philharmonic Orchestra

Telarc

1990

15‘06

2-3

sehr schleppend, Mittelteil kontrastlos, gute Aufnahmetechnik

Krivine

Bamberger Symphoniker

Denon

1992

12‘54

2-3

hört sich an wie ohne Probe aufgenommen, sehr streicherbetont



Beim Vergleich fällt auf, dass vor allem italienische Dirigenten im interpretatorischen Spitzenfeld anzutreffen sind, von denen es man nicht unbedingt erwartet hätte. Einen deutschen Dirigenten vermisse ich insbesondere: Wilhelm Furtwängler. Mit den Berliner Philharmonikern hat er die Ouvertüre (in Berlin) nur zweimal in seine Konzertprogramme aufgenommen, 1933 im Festkonzert zum 100. Geburtstag von Brahms und dann noch einmal 1942. Warum er um das Werk einen Bogen machte, ist schwierig nachzuvollziehen, wahrscheinlich bevorzugte er die 3. Sinfonie, die er wie auch die anderen Brahms-Sinfonien immer wieder aufführte. Scheinbar ist kein Mitschnitt überliefert, auch John Hunt verzeichnet in der 6. Auflage seiner Furtwängler-Diskographie keine einzige Aufnahme der Tragischen Ouvertüre.

eingestellt am 10.12.05

ergänzt am 01.07.16

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