Das Klassik-Prisma  
 Bernd Stremmel

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5. Sinfonie e-Moll op. 64

Andante, Allegro con anima – Andante cantabile, con alcuna licenza –

Valse, Allegro moderato – Andante maestoso, Allegro vivace

Seit mehr als einem Jahrhundert steht Tschaikowskys 5. Sinfonie in der Gunst des Publikums ganz obenan. Der Komponist zweifelte einige Jahre an seinem Werk, erst umjubelnde Aufführungen unter seiner Leitung auch im Ausland führten zu einem Umdenken in Bezug auf den Wert seiner Komposition. Die 5. Sinfonie wird häufig als Tschaikowskys Schicksals-Sinfonie apostrophiert, das Schicksalsthema erscheint gleich zu Beginn des Kopfsatzes, Klarinette mit Streicherbegleitung, und zieht sich durch die ganze Sinfonie. Zweimal begegnet man ihm im 2. Satz, etwa in der Satzmitte und kurz vor Satzschluss bricht es im dreifachen forte unvermittelt herein, im 3. Satz auch vor Satzende, jetzt jedoch sehr leise. Auch das Finale wird mit diesem Thema eingeleitet, nun aber in Dur, und nach siegreichen Kämpfen darf es wie in einem Triumphmarsch das Werk strahlend beenden. Dann ist es höchste Zeit für das beglückte Publikum. Bei einer Programmgestaltung ist diese Sinfonie am Ende eines Konzerts ist ein todsicherer Treffer.

In den Ecksätzen nach der jeweiligen langsamen Einleitung bedient sich der Komponist der Sonatenform, jedoch nicht im strengen klassischen Sinn, es ist mehr eine äußere Organisationsform, das heißt, dass die Themen wechselnd aneinander gereiht werden, eine motivisch-thematische Arbeit findet nur in Ansätzen statt. Damit steht Tschaikowsky jedoch nicht allein unter den Komponisten der Romantik.

Im 1. Satz ist das dritte Auftreten des „Schicksalsthemas" (T. 21-30) dynamisch subtil gestaltet: Takt für Takt modifiziert der Komponist die Lautstärke. Tschaikowskys Vorgaben erfüllen Klemperer, Szell, Matacic, Kletzki, Karajan-71 und -74, Dutoit, Järvi, Norrington und Muti. Das Seitenthema der Streicher (T. 116 – 127) wird von kurzen herabfallenden Achtel-Noten der Holzbläser unterbrochen, meist hört man nur die beiden ersten Noten, Markevitch, Stokowski und Sinopoli bringen jedoch mehr. Viel Weltschmerz legen Mitropoulos, Matacic, Bernstein, Sinopoli und vor allem Stokowski in die folgenden vier Takte 128-130, poco meno animato. Letztgenannter Maestro verkürzt (=strafft) die Exposition wie die Reprise um jeweils vier Takte.

Den 2. Satz hat der Autor des Booklets von Masurs Teldec-CD als „Lied ewiger Sehnsucht" bezeichnet, vielleicht dachte er beim Schreiben an das Hornsolo nach den Streicherakkorden oder an das folgende Solo der Oboe in Fis-Dur (T. 24), das entfernt an Wagners Tristan erinnert. Die 16 Streicherakkorde werden von vielen Dirigenten als selbstständige Einleitung verstanden, danach beginnt dann das schon genannte Hornsolo. Neeme Järvi und Sinopoli z. B. sehen das anders: das Horn setzt auf den letzten D-Dur-Akkord auf und entwickeltsein Thema, während die Streicher weiter begleiten, jedoch nicht mehr in dem starren Metrum wie zuvor und bringen hiermit die Musik in Fluss. Leider spielt die das Horn begleitende Klarinette oft sehr schüchtern, als traue sie sich nicht. Beim ersten Auftreten des „Schicksalsthemas" (T. 99 ff) heben Mrawinsky, Bernstein-DG, Kubelik, Nelson und Pletnjew Bass-Posaune und Bass-Tuba kräftig hervor, sie können jedoch auch nicht verhindern, dass die Musik auf unaufgelösten Sekundakkorden stehenbleibt. Die Lösung gibt es dann einen Takt später (T. 112), jedoch nicht bei sehr vielen Interpretationen. Hier sollte die Erregung von zuvor nachhallen, vielleicht Betroffenheit vermitteln, entsprechend dürfen die Pizzicati der Streicher nicht leise und gepflegt erklingen, zumindest in den drei ersten Akkorden sollten das Besondere spürbar sein, wie bei Matacic, Sinopoli, Szell und Furtwängler. Bei der Übertragung der Aufnahme von Acetatplatten (Plattenwechsel) auf CD entstand eine viel längere Pause als von Furtwängler vorgesehen. Aufmerksamen Tontechnikern wäre diese ärgerliche Nachlässigkeit nicht durchgegangen. Zuletzt noch eine Replik zu Mrawinsky, bei ihm klingen die Pizzicato-Akkorde eher nachdenklich, vielleicht betroffen.

Den 3. Satz hat Tschaikowsky als Valse bezeichnet, sicher dachte er an eine der vielen Walzerszenen aus einem seiner Ballette, leicht und locker, keinerlei Tiefsinn suchend, sollte das kleine Stück interpretiert werden. Auch in diesem Satz gibt es wieder ein Klarinetten-Solo (die Klarinette ist in diesem Werk das heimliche Hauptinstrument), neben den begleitenden Streichern schreibt Tschaikowsky als Farbtupfer an mehreren Stellen einzelne leise Töne der gestopften Hörner, sollte etwa damit an das Schicksal erinnert werden? Sehr viele Dirigenten „vergessen" die gestopften Hörner, Svetlanov, Wand, Sinopoli, Dudamel, Jansons, Pappano, Solti-live, Bernstein-DG, Kubelik, Järvi, Muti, Norrington und Maazel denken daran.

Das Finale beginnt wieder mit dem „Schicksalsthema", nun aber in Dur. Das folgende Allegro vivace im alla breve Takt darf nicht zu langsam gespielt werden, woran viele Aufnahmen leider scheitern. Manche Dirigenten geben hier ein schnelles Tempo vor, vergessen dann aber ihre ursprüngliche Absicht, folglich sinkt die Spannung. Eine Herausforderung für die Interpreten ist auch die formale Anlage als Sonatensatz mit einer jeweils langen Exposition, Durchführung und Reprise. Letztere hält kaum Überraschungen vor und kann bei mäßigem Tempo leicht langatmig klingen. Um das zu vermeiden, griffen die „alten" Dirigenten dabei zu Kürzungen im Notentext: Stokowski springt von T. 186 in der Durchführung zu T. 202 und lässt bereits früher drei Takte aus, Mengelberg von T. 218 zu T. 324, dann noch einmal im finalen Triumphmarsch von T. 472 zu T.490, Rodzinski und Szell von T. 210 zu T. 316, Furtwängler von T. 218 zu T. 324, van Kempen fügt nach T. 217 nochmals die Takte 202-209 und springt dann in den Takt 316. Eine Problemstelle im öffentlichen Konzert war zu früheren Zeiten der H-Dur-Abschluss in T. 497/80. Nichtkenner der Sinfonie klatschten danach, da sie glaubten, die Sinfonie sei zu Ende. Stokowski half sich damit, dass er die Pauke weiterspielen ließ bzw. einfach die Takte 467-471 strich. Paul van Kempen griff zu einem Kniff und ließ das 3. Horn eine große Sexte (es = klingend a) spielen, damit erzeugte er einen unaufgelösten Septakkord und die Unwissenden merkten, das noch etwas kommt.

Ob mit all diesen Operationen der Wille des Komponisten verfälscht wird, sollte man bei den Selbstzweifeln Tschaikowskys seinem Werk gegenüber, nicht einfach von der Hand weisen.

Mitropoulos

New York Philharmonic Orchestra

CBS Sony

1954

42‘46

5

I E Andante!, HT bewegt, pulsierend, animato, II ausdrucksvolle Spannungsbögen, Klarinette und Fagott T. 28 f lassen aufhorchen, III sehr lebendig, pulsierend, IV souverän, animato – transparentes Klangbild, keine verschleppten Tempi, Nebenstimmen immer einbezogen

Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1976

47‘12

5

 

Solti

London Symphony Orchestra

Andante

1994

43‘44

5

live

Markevitch

London Symphony Orchestra

Philips

1966

43‘09

5

Tschaikowsky für Tsch.-Verächter: M. legt größten Wert auf die Darstellung der Musik als irgendwelcher Inhalte; Klarheit, Präzision, nicht demonstrativ auftrumpfend

Fricsay

Berliner Philharmoniker

DGG

1949

44‘15

5

 

Fricsay

Radio-Sinfonie-Orchester Berlin

audite

1957

43‘50

5

live

Mrawinsky

Leningrader Philharmonie

DGG

1960

42‘43

5

 

Mrawinsky

Leningrader Philharmonie

DGG

1956

43‘41

5

 

Szell

Cleveland Orchestra

CBS Sony

1959

45‘39

5

 

Krips

Wiener Philharmoniker

Decca

1958

44‘52

5

I bewegt, con anima, II einleitende Akkorde schlicht, keine vermeintliche Bedeutung, HT immer bewegt, III man spürt den Tanzcharakter, IV mit großer Vitalität, mitreisend – sehr transparenter Klang, auch die kleinste Stimme ist immer nachzuhören

Sinopoli

Philharmonia Orchestra London

DGG

1992

45‘17

5

I E herb, tiefes Ausloten des Notentextes, HT aufgewühlt, energetisch, II con anima, mit Nachdruck, III farbenreich, inspiriert, Nebenstimmen nicht übersehend, IV Allegro vivace wie explodierend, immer pulsierend, pointiert, souverän

Svetlanov

Staatliches Sinfonie-Orchester der UdSSR

Melodya

Scribendum

1967

47‘52

5

S. dirigiert die 5., als sei sie die Pathetique, hochemotionale Teilnahme, bei aller Dramatik erklingt bei ihm die Musik epischer, bevorzugtes Blech, breites Klangpanorama, deutlicher Bassbereich, III russischer Walzer, kein Wiener

Gergiev

Wiener Philharmoniker

Philips

1998

45‘48

5

live – diesseitige, frische und lebendige live-Aufführung, die überzeugt

Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

EMI

1944

47‘09

5

aus romantischem Geist musiziert, intensive Gestaltung, kleine und größere Tempomodifizierungen , kompaktes Klangbild

 

Klemperer

Philharmonia Orchestra London

EMI

1963

45‘27

4-5

sachlich, klar, trotzdem nicht unbeseelt, immer deutliche Stimmführungen, transparentes Klangbild – Tschaikowsky von jeglicher Aufführungstradition befreit

Kletzki

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

EMI

1967

44‘54

4-5

live – atmospärisch dichtes Musizieren, inspiriert, Blick auch auf Nebenstimmen, farbiges transparentes Klangbild, keine deutsche Klarinette, III lebendig, geradezu aufgekratzter B-Teil, IV Übergang T.57 f nicht überzeugend

Pletnjew

Russisches National Orchester

DGG

1995

46‘25

4-5

stimmige Tempi, meist lebendiges Musizieren im Sinne der Partitur ohne Extravaganzen, transparenter Klang

Monteux

Boston Symphony Orchestra

RCA

1958

43‘43

4-5

 

Monteux

Boston Symphony Orchestra

WHRA

1957

43‘31

4-5

live

Monteux

Orchestre National Paris

M&A

1958

44‘24

4-5

live

Szell

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

EMI

1966

46‘00

4-5

live

Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS Sony

1959

47‘41

4-5

ziemlich geradlinig und deutliches Musizieren, eher als ein klassisches denn ein hochromantisches Werk verstanden, einige Portamenti in den 1. Vl.

Dorati

London Symphony Orchestra

Mercury

1961

46‘44

4-5

I sehr bewegter HT, einfühlsam dargeboten, II farbenreich, III sehr lebendig und elegant, IV Blechgeschmetter – etwas heller, spitzer Klang, offen, Transparenz auch im Bläsersatz, spitze Oboe

Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1971

49‘11

4-5

 

Karajan

Philharmonia Orchestra London

EMI

1953

49‘58

4-5

 

Karajan

Wiener Philharmoniker

DGG

1984

47‘59

4-5

Soundtrack einer Videoproduktion

Masur

Gewandhausorchester Leipzig

Teldec

1987

47‘07

4-5

I E sehr langsam, bedeutungsvoll, HT etwas zögerlich, II farbig, souverän, III sehr lebendiger B-Teil, IV E wieder sehr langsam, HT lebendig, zupackend – sehr gutes Klangbild

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

DGG

1988

52‘37

4-5

live

Dutoit

Orchestre Symphonique de Montreal

Decca

1988

46‘18

4-5

farbenreiches Musizieren, zupackend, geschmeidig, elegant, etwas pauschale Dynamik

Kempe

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1975

45‘42

4-5

live – Musik entwickelt sich wie selbstverständlich, ohne Zutun des Dirigenten, simmige Tempi, elegant, auch bei Tutti-Höhepunkten immer schlank, III bei B endlich einmal Klarinette und Fagott zu hören, nicht nur Fg. T. 37 ff

Chailly

Wiener Philharmoniker

Decca

1980

47‘59

4-5

Debut des jungen Chailly: zupackend, vielschichtig, gut disponierend, farbig, spontanes Musiziergefühl

Fricsay

Wiener Symphoniker

Orfeo

1955

42‘29

4-5

live

van Kempen

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1951

43‘40

4-5

kompakter Klang mit geringerer Transparenz, I hellwaches Musizieren, Blick auch auf Nebenstimmen, II Themen ausdrucksvoll nachgezeichnet, Spannungsbögen!, IIIintuitiv, rhythmische Energie nutzend, IV konzentrierte Einleitung, statt des Strichs hätte man ein schnelleres Tempo wählen können, zusätzliche Beckenschläge in T. 502 f

Järvi, Neeme

Gothenburgh Symphony Orchestra

BIS

2004

46‘54

4-5

Ernsthaftigkeit und Konzentration, atmosphärisch dichtes Musizieren, „russische Seele" treffend, sehr klares Klangbild – III trotz flüssigen Tempos etwas zu schwer, IV sehr bewegter HT, con spirito

Matacic

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1960

42‘40

4-5

I E Andante, HT emphatisches Musizieren, II Spannungsbögen!, Solo-Horn T. 8 ff mit Vibrato, III pulsierend, IV con anima, lebensbejahend – weitgehende Beachtung von Tschaikowskys dynamischen Vorgaben, transparentes Klangbild, Orchester jedoch nicht immer mit Feinschliff

Abbado

Chicago Symphony Orchestra

Sony

1985

45‘31

4-5

klar, konzentriert, geschmeidig, sich vor Exaltiertheit hütend, "moderner" Zugriff, große dynamische Bandbreite, IV HT con anima

Schüchter

Nordwestdeutsche Philharmonie

Electrola

forgotten records

1956

47‘04

4-5

I E langsam, kaum schwerblütig, bewegter, farbenreicher HT, II stimmungsvoll, deutliche Nebenstimmen, III weniger elegant, etwas blass, deutliche Trompeteneinwürfe T. 104-111, IV mit Geschmack, hellwaches Musizieren – transparenter Klang

Kurz

Staatskapelle Dresden

Eterna

Ars vivendi

1978

44‘00

4-5

I sorgfältig erarbeitet mit Blick auch auf Nebenstimmen, II darstellerische Konzentration, III im A-Teil eher sachlich, IV sehr solide, immer deutlich

Cantelli

Orchester der Mailänder Scala

EMI

1950

44‘29

4-5

Immer mit Drive, ungekünstelt und unbeschwert, kein tiefsinniges Ausloten der Partitur, für den Zeitpunkt der Aufnahme recht guter Klang, transparent – III inspiriert, IV emphatisch

Muti

Philadelphia Orchestra

EMI

1991

49‘08

4-5

I mäßiges Tempo, Musik jedoch geformt, konzentriert, II viel Innenspannung, III farbenreiches Musizieren, IV ähnlich wie Satz 1

Gatti

Royal Philharmonic Orchestra London

HMF

2003

45‘05

4-5

I Gatti macht deutlich: trotz vieler Einschränkungen ist das Grundtempo ein Allegro!, bewegt pulsierend, II geschmeidig, vielschichtig, Pk. T. 16 ff zu leise, III jenseits aller Routine, Pk. im B-Teil zu leise, IV deutlich, warum ab T. 234 langsamer?, Triumphmarsch ab T. 472 ohne den Stempel des Besonderen

 

Wand

NDR Sinfonie-Orchester

RCA

1994

47‘07

4

live – sachlich, jedoch nicht kühl, Blick immer wieder auch auf Nebenstimmen gerichtet, ohne Zeitdruck, Tschaikowsky mit geringerer emotionaler Komponente, eher klassisch als romantisch, II sehr farbig T. 33-43

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1975

49‘10

4

 

Silvestri

Philharmonia Orchestra London

EMI

1957

47‘11

4

mäßige bis sehr mäßige Tempi in den drei ersten Sätzen, im HT des Finales jedoch con fuoco, Presto T. 504 ff wie eine Befreiung

Ashkenazy

Philharmonia Orchestra London

Decca

1978

46‘08

4

Interpretation mehr ein Pflichtprogramm, solide, die langsamen Abschnitte leiden etwas unter Spannungsabfall, III gefällt am besten

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS Sony

1960

47‘40

4

 

Rodzinski

Royal Philharmonic Orchestra

London

Westminster

1954

44‘37

4

R. hält das Blech im Zaum, mit viel Geschmack gespielt, III sehr durchsichtig, das etwas langsamere Tempo kommt der Musik zugute, IV leider langer Sprung von T. 210 zu T. 316

Jansons

Oslo Philharmonic Orchestra

Chandos

1986

43‘09

4

In den Ecksätzen natürlicher Zugang zur Musik, lebendiges Musizieren, energetisch, die Mittelsätze erreichen nicht diese Höhe: II Klarinette bei A zu zurückhaltend, Klarinetten-Solo T. 67-70 nücjhtern, insgesamt routiniert

Ozawa

Berliner Philharmoniker

DGG

1989

44‘56

4

 

Pappano

Orchestra di Santa Caecilia Roma

EMI

2006

47‘59

4

live - solide, den langsamen und leisen Abschnitten fehlt es oft an Spannung, II Höhepunkt T. 56-58 domestiziert – kaum Publikumsgeräusche

Fedossejew

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Moskau

Melodya

JVC

1981

46‘12

4

I E geringe dynamische Bandbreite, II Musik wenig gegliedert, eins geht ins andere über, Cellothema T. 33 ff geht im Gesamtklang unter, III sehr bewegt, schwebend, IV sehr schnell, ziemlich plakativ

Barbirolli

London Symphony Orchestra

EMI

1959

43‘57

4

I temperamentvoller HT, II die großen Linien nachzeichnend, natürlich, III B-Teil: Spiccato der Streicher weniger ausgeprägt, IV routiniert, spontanes Musizieren – kompakter Klang mit geringerer Transparenz

Furtwängler

RAI Orchester Turin

M&A

1952

47‘49

4

live – Furtwängler-Dokument abseits seines normalen Repertoirs, I HT im Tempo bedächtig, bei Crescendi Beschleunigungen, II langsames Grundtempo, Riesenpause nach dem Höhepunkt T. 107, F. steuert Höhepunkte von weit her an, III schleppend, B-Teil schneller; zu bedeutungsvoll, IV Sprung von T. 217 zu T. 324, bei T. 217 wackelt das Orchester ein wenig, Publikum klatscht in der Generalpause T. 471

Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1974

50‘05

4

I die russische Seele beschwörend, II H. lässt sich viel Zeit, con anima, III A-Teil etwas steif, B besser, IV etwas gebremstes Tempo – insgesamt sehr sorgfältig

Ozawa

Boston Symphony Orchestra

DGG

1977

46‘31

4

 

Nelsons

City of Birmingham Symphony Orchestra

Orfeo

2008

46’05

4

insgesamt sehr solide, Nelsons halt sich an Tschaikowskys Vorgaben in Bezug auf Tempo und Dynamik, I Pizzicati T. 135 u. 139?, II Hornsolo nicht mit den vorhergehenden Streicherakkorden verbunden, III A etwas geglättet, B Gegenstimmen kommen zu ihrem Recht

Mehta

Los Angeles Philharmonic Orchestra

Decca

1977

43‘32

4

I zupackend, lebendig, Blick nach vorn gerichtet, II fließend, etwas nüchtern, Solo-Horn mit leichtem Vibrato, III lebendig, IV lebendig, jedoch etwas glatt, routiniert

Kubelik

Wiener Philharmoniker

EMI

Testament

1960

45‘24

4

I emphatisch, K. macht deutlich: große Sinfonie, bei Tutti-Höhepunkten darf das Blech loslegen, II stimmige E, musikantisch, III Pizzicati der tiefen Streicher zu fest und etwas zu laut, wenig elegant, IV sehr betriebsam, jedoch nicht immer mit Schliff

Cantelli

NBC Symphony Orchestra

Archipel

1952

43‘38

4

live – I langsames Seitenthema, II sehr lebendig, III bewegt, pulsierend, insgesamt mehr al fresco, diszipliniertes Publikum – sehr hell klingende Oboen (fast plärrend), Klarinetten und Fagotte schaffen ein bisher ungewohntes Klangbild

Dudamel

Simon Bolivar Youth Orchestra of Venezuela

DGG

2008

47’59

4

live – in den Sätzen 1 und 2 zu zurückhaltend, zu langsame Tempi, Orchester geht nicht aus sich heraus, austauschbar, IV im HT überschlägt sich dann die Musik, ähnlich hätte man es sich schon früher gewünscht

Poppen

Deutsche Radio-Philharmonie Saarbrücken und Kaiserslautern

Oehms

2010

46‘03

4

live – sehr solide, jedoch auch etwas fest musiziert, ich wünschte mir mehr Lockerheit, eine Beziehung des Dirigenten zum Werk wird nicht deutlich, am besten der farbig musizierte 2. Satz, hier überzeugen auch die gut aufgebauten Bögen, dagegen ist das Finale in vielen Strecken zu langatmig

Konwitschny

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin

Urania forgotten records

1954

46‘41

4

I schwerblütige E, kaum Tempokontrast zum HT, wird allmählich schneller, fatalistische Stimmung, II bedeutungsvolles Musizieren, III zu steif, IV schwere Gangart, blechgepanzert, sentimental, pessimistisch – etwas stumpfes Klangbild mit geringer Transparenz

 

Böhm

London Symphony Orchestra

DGG

1980

50‘58

3-4

I deutliches Musizieren (Bläser bei T. 227 ff), ohne Schwung, etwas lustlos und neutral, II einleitende Akkorde zu bedeutungsvoll, insgesamt schwere Gangart, Musik droht zu zerfallen, III wenig Esprit, IV gefällt am besten, jedoch etwas starr, erdverbunden

Sanderling

Berliner Sinfonie-Orchester

Eterna

Denon

1979

49‘17

3-4

I E wie eine Klage, HT etwas sachlich, sparsames Espressivo, II keine Entwicklung in T. 1-8, etwas zäh, wenig Noblesse bei Ziff. B, T. 108 ff ausdruckslos, III ohne Eleganz, IV T.75-78 mangelnde Präzision – Streicher und Bläser nicht immer auf demselben Niveau

Maazel

Cleveland Orchestra

CBS

1981

46‘39

3-4

geglättet, gepflegt, neutral, kaum als Herzensangelegenheit zu orten

Previn

Royal Philharmonic Orchestra London

Telarc

1984

45‘57

3-4

zwiespältiger Eindruck: farbenreiches Muszieren in den schnellen Partien, teilweise aufgekratzt und pulsierend, Leerlauf in den weniger lauten und langsameren Partien, hier scheint er mit der Musik wenig anfangen zu können – opulentes Klangbild, saftiger Klang, opulente Blechbläser in den Tutti-Abschnitten drücken die restlichen Instrumente an den Rand

Rostropovitch

London Philharmonic Orchestra

EMI

1976

51‘54

3-4

zelebriert und buchstabiert, II Anfangschoral fast unhörbar leise, sehr zäh, III zäh, B-Teil etwas besser, IV Einleitung und Finale total verschleppt, HT überzeugend

Temirkanov

St. Petersburger Philharmoniker

RCA

1992

48‘49

3-4

I lastende E, immer wieder den Fluss der Musik gebremst, sehr langsames Horn-Th., die vielen Rücknahmen des Hauptzeitmaßes verleiten zum Schleppen, III Musik zieht am Ohr vorüber, ist jedoch nicht greifbar, IV erst T. 58 kommt die Musik in Fahrt, Pauke jetzt sehr hervorgehoben

Litton

Bournemouth Symphony Orchestra

Virgin

1989

48‘50

3-4

I mit angezogener Handbremse, II recht zäh, Musik zerfällt in Abschnitte, III etwas hausbacken, ohne Pfiff, IV HT relativ schnelles Tempo, jedoch wenig locker musiziert, T. 374 ff Thema ohne Konturen

Stokowski

New Philharmonia Orchestra London

Decca

1966

50‘21

3-4

 

Mengelberg

Berliner Philharmoniker

Telefunken

1940

43‘03

3-4

 
 

Celibidache

London Philharmonic Orchestra

Decca

P 1951

50‘05

3

 

Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI

1991

57‘11

3

live

Eschenbach

Philadelphia Orchestra

Ondine

2005

50‘09

3

I statische Einleitung, keine Spannung, HT ziemlich dröge, blutleer, II Klarinettenbegleitung T. 16-23 zu leise; schleppend, kaum Spannung, „Schicksalsmotiv" T.99 ff ohne Biss, III distanziert, asketisch, IV E blutleer, Tschaikowsky beginnt erst richtig ab T. 58, jedoch zu spät, nicht immer mit Biss

Stokowski

NDR Sinfonie-Orchester Hamburg

Tahra

1952

43‘33

3

live

Hinweise zu Interpreteten:

Pierre Monteux

Die drei hier vorgestellten Aufnahmen mit Pierre Monteux entstanden innerhalb von zwei Jahren. Der gelobten RCA-Studio-Produktion mit dem Boston Symphony Orchestra wurden vor ein paar Jahren zwei live-Aufnahmen zur Seite gestellt, die eine mit dem selben Orchester wurde ein Jahr zuvor mitgeschnitten, die andere ein Jahr später mit dem Orchestre National Paris. Interpretatorisch sind bei ziemlich gleichen Tempi kaum Unterschiede auszumachen, die live-Aufnahmen klingen insgesamt jedoch partiell lebendiger, jedoch nicht immer mit der Präzision der Studio-Einspielung. In allen Aufnahmen ist in lauten Tutti-Abschnitten keine differenzierte Durchzeichnung gegeben, grell und scharf klingendes Blech beeinträchtigt in den live-Mitschnitten das Klangbild. In diesen Aufnahmen müssen mehr oder weniger Publikumsgeräusche in Kauf genommen werden, bei der 57er Aufnahme auch ständiges leichtes Bandrauschen. Auffallend ist, dass Monteux kaum ein echtes Piano bringt, obwohl Tschaikowsky nicht damit gespart hat.

Leopold Stokowski

Stokowski wirft mit der Interpretation der 5. Sinfonie einen Blick zurück ins 19. Jahrhundert. Glaubt man den Aussagen einiger Autoren, soll diese seine Lieblingssinfonie von Tschaikowski gewesen sein soll, immerhin sind vier Aufnahmen bekannt. Im Jahre 1952 spielte er sie mit dem NDR Sinfonie-Orchester in Hamburg. An diesem Abend nahm sich der Dirigent die Freiheit, alles das aus der Partitur herauszuholen und dem Publikum zu unterbreiten, was seiner Meinung nach im Notentext zwischen den Zeilen zu lesen sei, aber vom Komponisten nicht extra hervorgehoben wurde. So verstanden, muss man es als Hilfe, als Unterstützung der ursprünglichen Absichten Tschaikowskys interpretieren. Einzelne Abschnitte werden regelrecht inszeniert, wie z. B. im 2. Satz die Takte 32 ff, später fügt St. des größeren Effektes willen in T. 54 auf 4 vor dem Höhepunkt eine zusätzliche Trompetenstimme sowie ein kurzer Wirbel auf der kleinen Trommel hinzu, oder im selben Satz T. 65/66 vor dem Klarinettensolo. Was beim Hören sofort auffällt, sind die ständig wechselnden Tempi, Tempo Rubato wird zum Prinzip erhoben, dann die Beschleunigungen oder Verlangsamungen gekoppelt mit Crescendo- und Diminuendo-Stellen. Manche Partien klingen überzeugend, andere doch sehr kitschig, wie im 2. Satz die T. 171 ff. Der Valse-Satz ist zum Mittanzen nicht geeignet, wie ein Wirbelwind fegt das Orchester durch den B-Teil. Dann verzichtet der Maestro im Finale auf einige Takte Musik (s. o.) und fügt noch im abschließenden Marsch für Trompeten und Hörner Bindebögen hinzu (T. 546 ff). Alle diese Eingriffe manchen Tschaikowskys Musik noch interessanter, die Frage nach Tschaikowskys Absichten bleibt jedoch im Raum stehen. Die spätere Studio-Aufführung mit dem Londoner New Philharmonia Orchestra ist nicht vollkommen frei von Stokowskis Mätzchen, insgesamt jedoch mehr der gedruckten Partitur verpflichtet. Die Tempi sind inzwischen langsamer geworden. Ein großer Pluspunkt ist hier das sehr gute Klangbild, jedoch bleibt die Dynamik im unteren Bereich hinter den Erwartungen zurück. Am besten gefällt mir der 3. Satz.

George Szell

Tschaikowskys Musik zählte gewiss nicht zum Kernrepertoire von Szell, er gehörte jedoch zu den Tschaikowsky-Dirigenten wie z. B. Mrawinsky, Fricsay, Solti und insbesondere Klemperer, die den Notentext sehr ernst nahmen, die die Aufführungstradition ignorierten und trotzdem zu höchst befriedigenden Interpretationen gelangten. Die Studioproduktion mit seinen Cleveländern ist superp, wenn auch der eine oder andere Hörer etwas an russischer Seele vermisst. Bereits die langsame Einleitung lässt aufhorchen, das Orchester wird immer straff geführt, ohne ihm eine gewisse Eleganz zu verwehren, wie immer bei Szell erklingt die Musik immer lebendig und sehr deutlich. Der furios gespielte Schlusssatz krönt eine prächtige Aufnahme. Die Konzertaufnahme mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, einem Klangkörper, mit dem Szell viele male musiziert hat, klingt etwas beseelter als das technisch doch bessere Cleveland Orchester, das im 1. Satz doch lockerer spielt als die Kölner Mannschaft. Im 4. Satz zieht Szell das Tempo ab Ziffer M merklich an, springt dann aber nach T. 209 zum T. 316, im Studio erfüllt er jedoch streng die Partiturvorgabe.

Jewgenij Mrawinsky

Mrawinskys Deutungen der letzten Tschaikowsky-Sinfonien wurden seit ihrem Erscheinen immer wieder gelobt und als Referenzaufnahmen herangezogen. Sie haben Schule gemacht, mittlerweile gibt es eine Anzahl meist junger Dirigenten, die sich die Musizierweise des russischen Meisters mindestens teilweise zu eigen gemacht haben, wie da sind: den Notentext sehr ernst nehmen, Klarheit im Aufbau, Verbannung jeglichen Schwulstes, Vermeidung alles Glatten, stimmige Tempi, klangliche Schärfe. Die beiden vorliegenden Aufnahmen liegen schon Jahrzehnte zurück, haben jedoch nichts von ihrer interpretatorischen Gültigkeit eingebüßt, auch wenn man heute zu klanglich besseren Platten greifen kann. Die beiden Interpretationen gipfeln jeweils im Finale, wenn nach der Einleitung in deutlichem Kontrast die Musik im Allegro vivace, bei ihm ein A. con fuoco, förmlich explodiert, in der jüngeren Aufnahme lässt sich das noch eindrucksvoller erleben. Hier profitiert der Hörer auch vom etwas verbesserten Klangbild. Übrigens wurden beide Aufnahmen bei Europa-Tourneen des Orchesters im Wiener großen Konzerthaussaal produziert.

Herbert von Karajan

In seiner ersten Aufnahme der 5. Sinfonie mit dem Londoner Philharmonia Orchester scheint sich Karajan in Tschaikowskys Welten wohl zu fühlen; einfühlsam, nicht sentimental, immer das rechte Maß findend, könnte man die Aufnahme beschreiben. Wenn sie dann doch nicht ganz oben auf dem Treppchen steht, ist es dem Klang der (von mir schon mehrfach bemängelten) Oboe geschuldet, die sich oft in den Vordergrund spielt und aus dem Klang der Holzbläser herausfällt, im 4. Satz in den T. 59-65 klingt sie wie ein Signalhorn der Eisenbahn! Im 3. Satz hat der Maestro noch nicht das richtige Händchen. Das Klangbild ist noch etwas flach, jedoch noch hinreichend transparent. Karajans nächste Aufnahme der 5., jetzt mit seinen Berlinern, besticht durch einen wesentlich besseren Klang. Leider deckt der üppige Streicherapparat an Höhepunkten (z. B. in Satz 1 T. 194 ff) die Bläser, auch das Blech, etwas zu. Im 2. Satz T. 142 ff neigt der Dirigent zu einem Breitwandsound, insgesamt zeigt Karajan hier mehr Gefühle als früher. Vier Jahre später ging er mit der 5. und seinen BPh erneut ins Studio, diesmal für die DGG. Die Aufnahme zeigt nun einen Mischklang, vor allem in den Tuttipartien, die Musik bekommt weiche Konturen und klingt oberstimmenbetont, der Klang verliert dabei jedoch an Deutlichkeit. Schöne Stellen werden ausgekostet, insgesamt klingt die Musik jetzt mehr nach Karajan als nach Tschaikowsky. Seine letzte Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern geht klangästhetisch wieder einen Schritt zurück: die Musik klingt wieder herber, besitzt mehr Konturen und ist eher der Partitur verpflichtet. Das Blech der WPh klingt offener als das der BPh. In allen vier Aufnahmen geht die Musik im 2. Satz etwas schleppend voran. Für mich ist trotz der Einschränkungen die Aufnahme von 1971 hier erste Wahl.

Georg Solti

Von Solti liegen mir zwei Einspielungen vor, seine Studioproduktion aus den 70er Jahren sowie ein Konzertmitschnitt mit dem LSO von den Salzburger Festspielen. Obwohl Tschaikowskys Musik Soltis Musizierhaltung entgegenkommt, mächtige Klangentfaltung des vollen Orchesters, Aufbau von Höhepunkten, großer Sound, gefühlvolle gesangliche Abschnitte, hält sich der ungarische Maestro im Zaum und hütet sich in diesen Aufnahmen vor Übertreibungen. Er dirigiert die 5. Sinfonie eher klassisch, was nicht heißen soll, das er der Musik etwas schuldig bliebe, im Gegenteil. Sowohl die lyrischen als auch die dramatischen Abschnitte werden genau kalkuiert dargeboten, Solti hat nicht nur die Partitur sondern auch sein bekannt sanguinisches Temperament im Griff. Hervorragend ist auch die klangtechnische Seite dieser CD. Beim Salzburger Mitschnitt von 1987 lässt der Dirigent die Zügel ein wenig lockerer, ohne seine vorher beobachteten Maximen zu vergessen. Die Tempi sind in allen Sätzen etwas schneller, hier und da klingt die Musik auch ein wenig gelöster. Das Klangbild ist transparent, das Orchester gut abgebildet, die Brillanz der Studioproduktion wird jedoch nicht erreicht.

Sergiu Celibidache

Die Aufnahme der 5. Sinfonie in e-Moll mit dem London Philharmonic Orchestra zählt zu den ganz wenigen Studioproduktionen, sie lassen sich an einer Hand abzählen, des rumänischen Maestros. Sehr bekannt und geschätzt wurde sie von Sammlern wohl kaum, entsprach sie doch in keiner Weise dem Tschaikowsky-Bild, das andere Dirigenten von op. 64 entworfen hatten. In den ersten beiden Sätzen kommt die Musik kaum vom Fleck, im Kopfsatz vermisst man einen Tempokontrast zwischen der sehr langsamen Einleitung und dem folgenden Allegro con anima, erst später zieht Celi das Tempo etwas an. Bei Dirigierschülern geradezu verpönt ist das Schnellerwerden bei Crescendostellen und das Langsamerwerden beim folgenden Diminiendo, Celibidache setzt es wider die Regel mehrmals ein. Der 2. Satz wird als Adagio zelebriert, fast wie gefroren erklingt hier die Musik. Auffallend die nun abrupten Tempiwechsel vor Höhepunkten. Bei den Sätzen 3 und 4 sind die Unterschiede geringer. Im Vergleich zu der noch etwas älteren Fricsay-Aufname von 1949 weist die Decca-Platte ein sehr flaches Klangbild mit geringerer Dynamik auf, die Musik klingt zu stumpf. Der EMI-Konzert bietet einen von Celi nicht autorisierten Konzertmitschnitt mit den Münchner Philharmonikern an. Im Vergleich zur Decca-Platte sind die klanglichen Verhältnisse nun fabelhaft zu nennen, die Musik kommt plastisch aus den Lautsprechern. Das ist jedoch das einzig Positive, was über die CD zu vermelden ist. Die Tempi sind insgesamt noch langsamer geworden, auch in Satz 3 (weniger) und 4. Im zweiten Satz verselbständigen sich die Akkorde in den ersten acht Takten, ohne erkennbaren Bezug auf das nun Folgende. Ein kleiner Lichtblick sind die geradezu expressionistisch aufgefallenen Takte 33-38. Ich sehe auch bei dieser CD insgesamt keinen Gewinn für die Tschaikowsky-Diskografie.

Ferenc Fricsay

Fricsays erste Plattenaufnahme fand 1949 in der Berliner Jesus-Christus-Kirche statt und war gleich zu Beginn seiner Karriere als Schallplattendirigent ein großer Wurf, blieb auch zu Recht lange Jahre im Katalog der DGG. Die Aufnahme klingt auch nach mehr als 60 Jahren immer noch erstaunlich gut. Fricsay führt die Berliner Philharmoniker noch straffer durch die Partitur als Mrawinsky sein Orchester. Der 2. Satz wird hier sehr geschmeidig gespielt, wie selbstverständlich, Tempowechsel fallen kaum auf. Bei Fricsay hat man den Eindruck, als wenn dieser Satz die Blaupause für den Schlusssatz der Pathetique sei. Der Finalsatz ist der Höhepunkt der Aufnahme: sehr lebendig, energiegeladen, die Melodieverläufe werden immer sehr deutlich herausgestellt. Das lässt sich auch bei den fff-Einsätzen der Celli und Kontrabässen in den Takten 234 und 250 hören, die in vielen Aufnahmen wenig beachtet werden. Die beiden anderen Interpretationen Fricsays wurden im Konzertsaal mitgeschnitten. 1955 in Wien mit den Symphonikern und zwei Jahre später in Berlin mit seinem Radio-Sinfonie-Orchester. Letztere Aufnahme ziehe ich wegen der etwas größeren Deutlichkeit des Musizierens so wie dem besseren Klangbild dem Wiener Mitschnitt vor. Inzwischen hat sich ein Auffassungswandel vollzogen: bereits 1955 nimmt er die langsame Einleitung des Kopfsatzes deutlich langsamer und nachdenklicher, das verstärkt sich in der RSO-Aufnahme noch einmal, hier klingen die Takte noch tragischer, auswegloser. Auch im 3. Satz setzt der in den live-Mitschnitten den B-Teil etwas mehr von den A-teilen ab.

Leonard Bernstein

Bernstein dirigiert Tschaikowskys 5. aus dem Bauch heraus, die schnellen Abschnitte in den Ecksätzen sind lebendiger denn je zu erleben, jugendlich, locker, engagiert, jedoch auch etwas schnoddrig burschikos. Dazu kommen die vielen auch unvermittelten Temposchwankungen, die darauf hindeuten, dass ihm effektvolles Musizieren hier sehr angebracht erscheint, im 2. Satz führt das in den T. 142 ff zum Breitwandsound, im Presto des Finales T. 504 ff klingt dann die Musik wie entfesselt. Die langsameren Abschnitte bleiben dagegen eher neutral. Soviel zur New Yorker Studio-Produktion von 1960. 28 Jahre später hat Bernstein seine frühere Auffassung nicht vergessen, lässt insgesamt jedoch kultivierter musizieren, die Extreme werden nicht mehr so deutlich herausgestrichen, der Walzer wird nun sinntreffender gestaltet. Die langsame Einleitung zum Finale lässt er bedeutungsvoller spielen, das folgende Allegro ist nicht mehr ausschließlich ein Schwelgen in Emotionen sondern ein pulsierendes Musikstück, in das die Höhepunkte überzeugend eingebunden sind. Insgesamt überzeugt mich diese Aufnahme, da sie nun an Souveränität im Umgang mit der Partitur gewonnen hat, auch wenn die Tempi insgesamt langsamer geworden sind.

Seiji Ozawa

Warum die DGG den japanischen Maestro zweimal bei der 5. Sinfonie ins Aufnahmestudio gebeten hat, ist mir ein Rätsel. Er nimmt zur Partitur kaum Stellung, die Musik kommt gefällig aus den Lautsprechern, aber das ist doch etwas zu wenig. Ozawa vertraut eher auf die Qualität seiner beiden Orchester, und die kann sich sehen lassen. Das Klangbild der jüngeren Berliner Aufnahme ist der Bostoner überlegen, das äußert sich u. a. in der größeren Präsenz der Holzbläser, die sich nur in lauten Tutti-Stellen dem Gesamtklang einordnen. Was noch für die Berliner Philharmoniker-CD spricht, ist das etwas schnellere Tempo, bei dem manche Stellen mit eine größeren Stringenz aufwarten.

Auch in Zukunft werden immer wieder Neuaufnahmen von Tschaikowskys 5. Sinfonie auf den Markt drängen, neue Einsichten sind dabei kaum zu erwarten.

eingestellt am 20. 07. 13

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