Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Wotans Abschied und Feuerzauber

aus „Die Walküre“

Die Schlussszene aus Wagners Walküre hat bei Musikfreunden einen sehr hohen Stellenwert. Für viele ist sie die wunderbarste Musik des Nibelungen-Rings, ja Wagners überhaupt: überbordende, gewaltige Gefühlsausbrüche, aber auch zarte Momente nehmen den Hörer gefangen. Man sollte sich vor den Lautsprechern im Klaren sein, dass Tonträger das live-Erlebnis im Opernhaus nur unzureichend wiedergeben können.

Wagner hat diese Szene dreiteilig angelegt:

A „Leb wohl, du kühnes herrliches Kind…“

B „Der Augen leuchtendes Paar…“

C „Loge hör, lausche hierher…“

In den Kinderschuhen der Tonaufzeichnung war die komplette Szene zu umfangreich, um auf Schellacks festgehalten werden zu können, immerhin wurde aber bereits 1902 eine Aufnahme mit Anton van Rooy erstellt, mit Klavierbegleitung, allerdings lediglich der Anfang, so auch im Jahre 1921, als Heinrich Schlusnus von der DGG ins Studio geholt wurde. Auch mit Rudolf Bockelmann wurde 1930 in Berlin von HMV der Beginn der Szene produziert, heute steht die komplette Szene gleich zweimal zur Verfügung (s. u.).

Hier nun die untersuchten Aufnahmen von Wotans Abschied und Feuerzauber:

Frantz

Furtwängler

RAI Orchester Rom

EMI

1953

16‘01

5

live - GA

Schorr

Leinsdorf

Orchester der Metropolitan Opera

Naxos

1941

15‘36

5

live - GA

London

Leinsdorf

London Symphony Orchestra

Decca

1961

16‘06

5

GA

 

Frantz

Zillig

Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks

Cantus

1948

17‘04

4-5

GA

Uhde

Mitropoulos

Orchester der Metropolitan Opera

Living Stage

1957

13‘56

4-5

live

Björling, Sigurd

Karajan

Orchester der Bayreuther Festspiele

EMI

1951

16‘14

4-5

live

Bockelmann

Leonhardt

Orchester des Reichssenders Stuttgart

Preiser

1938

15‘16

4-5

 

Herrmann

Elmendorff

Sächsische Staatskapelle Dresden

Preiser

hänssler

1944

17‘52

4-5

 

Hotter

Knappertsbusch

Orchester der Bayreuther Festspiele

M&A

1956

15‘37

4-5

live - GA

Hotter

Knappertsbusch

Orchester der Bayreuther Festspiele

Walhall

1957

16‘09

4-5

live - GA

Hotter

Keilberth

Orchester der Bayreuther Festspiele

Golden Melodram

PAN

1953

15‘42

4-5

live - GA

McIntyre

Boulez

Orchester der Bayreuther Festspiele

Philips

1980

14‘19

4-5

live - GA

 

Frantz

Furtwängler

Orchester der Mailänder Scala

Virtuoso

Opera d’Oro u.a.

1950

15‘35

4

live - GA

Frantz

Moralt

Wiener Symphoniker

Gebhardt

Myto

1949

15‘48

4

live - GA

Frantz

Stiedry

Orchester der Metropolitan Opera

Gebhardt

1951

14‘46

4

live - GA

Bockelmann

Furtwängler

Orchester der Covent Garden Oper

Acanta

Myto

M&A

1937

15‘31

4

live

Herrmann

Böhm

Sächsische Staatskapelle Dresden

EMI ?

Myto

1943

17‘52

4

 

London

Knappertsbusch

Wiener Philharmoniker

Decca

1957

17‘31

4

 

Terfel

Abbado

Berliner Philharmoniker

DGG

2000

16‘09

4

 

Hotter

Krauss

Orchester der Bayreuther Festspiele

Foyer

Archipel

Orfeo

1953

15‘48

4

live - GA

Hotter

Keilberth

Orchester der Bayreuther Festspiele

(Decca)

Testament

Walhall

1955

15‘02

4

live - GA

Hotter

Keilberth

Orchester der Bayreuther Festspiele

Archipel

1954

15‘19

4

live - GA

Hotter

Solti

Wiener Philharmoniker

Decca

1965

17‘05

4

GA

Hotter

Kempe

Orchester der Covent Garden Oper London

Omega

Testament

1957

14‘04

4

live - GA

Stewart

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1966

17‘07

4

GA

Hotter

Hollreiser

Orchester des Bayerischen Rundfunks

Myto

1944

14‘23

4

s. u.

Bayerisches Staatsorchester

17‘45

Hale

Sawallisch

Bayerisches Staatsorchester

EMI

1989

15‘41

4

live - GA

Tomlinson

Barenboim

Orchester der Bayreuther Festspiele

Teldec

1992

16‘57

4

live - GA

 

Hotter

Keilberth

Orchester der Bayreuther Festspiele

Archipel

Myto

1952

15‘05

3-4

live - GA

Edelmann

Mitropoulos

Orchester der Metropolitan Opera

Living Stage

1957

13‘24

3-4

live - GA

Edelmann

Solti

Wiener Philharmoniker

Decca

1957

16‘16

3-4

 

Bailey

Klemperer

New Philharmonia Orchestra London

EMI

1969

19‘25

3-4

 

Herrmann

Fricsay

Orchester der Städtischen Oper Berlin

Myto

1951

19‘49

3-4

live

 

Eine der bedeutendsten Wotan-Darsteller in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war Friedrich Schorr, der ziemlich bald von den Nazis vertrieben wurde. Sein Wotan ist auf einem Mitschnitt einer Met-Aufführung vom Dezember 1941 erhalten, am Pult stand der ebenfalls exilierte Erich Leinsdorf (damals soeben 29 Jahre alt), Naxos hat diesen denkwürdigen Abend auf CD veröffentlicht. Schorr bringt die ersten Takte von Wotans Abschied sehr betroffen, er singt nicht nur seine Rolle, nein, er verkörpert sie auch. Leider ist an dieser Stelle seine Stimme (bühnenbedingt?) nicht so präsent wie wünschenswert. Ähnlich verhält es sich zu Beginn des Feuerzaubers bei den Worten, „Wer meines Speeres Spitze fürchtet…“. Das kann seine Darstellung jedoch keineswegs schmälern. Die letzten Takte gehen, wie meist üblich, im Jubel des begeisterten Publikums unter.

Rudolf Bockelmann trat bereits 1928 bei den Bayreuther Festspielen auf und war von 1932-1944 Mitglied der Berliner Staatsoper. 1937 sang er unter Leitung von Furtwängler anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten in London den Wotan, einige Ausschnitte davon sind erhalten geblieben, auch Wotans Abschied und Feuerzauber. Im Gegensatz zu Furtwänglers unbedingtem Gestaltungswillen singt Bockelmann hier sehr unpathetisch, bei „Wer meines Speeres Spitze fürchtet...“ tritt die Stimme leider (bühnendramaturgisch?) in den Hintergrund. Die Aufnahme ist leider mit viel Rauschen und Knistern überzogen.

Ein Jahr später erstellte der Reichsrundfunk Stuttgart eine (angeblich) komplette Walküre, in der Bockelmann die Wotan-Rolle übernahm. Leider sind nur Teile des 2. und der 3. Akt vollständig erhalten. Am Pult stand Carl Leonhardt. Bockelmanns runde Stimme kommt durch größere Präsenz hier viel besser zur Geltung, „Wer meines Speeres Spitze...“ klingt hier heldisch souverän.

Eine der bedeutendsten Wotan-Darsteller während des 2. Weltkrieges bis in die 50er Jahre war der Bass-Bariton Ferdinand Frantz, der leider viel zu früh mit nur 53 Jahren starb. Die hier aufgelisteten Aufnahmen stammen aus den Jahren 1948 bis 1954. Seine runde Stimme besitzt viel Kern und spricht in allen Registern gut an und verfügt auch über eine volle sichere Höhe. Gut abgebildet, wenn auch bei etwas wattiertem Klang (Digitalisierung?) ist sie bei Winfried Zillig (HR-Produktion), hingebungsvoll ist sein Singen in der Abschiedsszene, auch 1954. Loge wird nicht herbeizitiert, sondern eher gebeten. Anders in den folgenden Aufnahmen, wo er in herrischem Tonfall agiert. Zilligs Orchester spielt breit auf, bei durchsichtigem Klang. In den folgenden vier Mitschnitten ist Frantz‘ Stimme weniger präsent eingefangen, das mag an der Mikrophonaufstellung liegen. Seine Souveränität steht allerdings außer Frage. Rudolf Moralt bekennt sich mehr als Kollege Zillig zu Wagner, die Musik klingt jedoch auch etwas vordergründig, zudem ist die Aufnahme stellenweise leicht verzerrt. Bei Fritz Stiedry klingt die Stimme von Frantz heldischer, ist aber mehr ins Orchester eingebunden, welches jedoch nicht mit einem homogenen Klang aufwarten kann, alle Stimmen schein hier gleichberechtigt zu sein. Leider sind an der Met, wie auch in Furtwänglers Mailänder Mitschnitt, viele Publikumsgeräusche eingefangen, auch beginnen die Beifallssalven bereits während des Schlussakkords. Insgesamt liegt hier ein raues Klangbild vor. Bei den letzten drei Aufnahmen ist Wilhelm Furtwänglers formende Hand überall spürbar, er ist ein hervorragender Sängerbegleiter und lädt die „Zwischenspiele“ intensiv auf. Deutlich gliedert er diese Schlussszene in drei Abschnitte. Die Aufnahmen aus Mailand und Rom unterscheiden sich nicht wesentlich, abgesehen vom besseren Klang in Rom, hier wird er zum Schluss hin etwas langsamer. Das römische Publikum ist sehr diszipliniert. Furtwänglers Studio-Aufnahme der „Walküre“ aus Wien ist zugleich seine letzte Plattenaufnahme. Ferdinand Frantz‘ Stimme klingt hier leider schon etwas rau, oder war er nur indisponiert?

Josef Herrmann ist vielen heute nicht mehr bekannt, vielleicht auch deshalb, da er kaum ein posthumes Schallplattenleben vorzuweisen hat, für Künstler/innen der Kriegs- und Nachkriegszeit leider kein Einzelfall.

Drei Aufnahmen stehen zur Verfügung: Die älteste stammt aus Dresden, K. Böhm dirigiert die Sächsische Staatskapelle (1943. evtl auch früher), bei mir als Bonus in einer Myto-Box vorhanden. Möglicherweise stammt sie ursprünglich aus den Wagner-Aufnahmen der Electrola, die mit Böhm und Kräften der Semperoper für die Platte aufgenommen wurden. Herrmann hört man hier als hell klingenden Bassbariton, Böhm wählt ein zügiges Tempo, insgesamt sachlich, mehr erzählend als miterlebend. Das färbt auch auf Herrmanns Gestaltung ab. Immerhin hört man eine intensive Zuwendung zu Brünnhilde bei der Stelle „so küsst er die Gottheit…“.

Ein Jahr später nahm Karl Elmendorff mit denselben Mitwirkenden den 1. Akt der Walküre sowie Wotans Abschied und Feuerzauber auf. Ich besitze sie noch auf einer Preiser-LP. Elmendorff hat eine etwas andere Vorstellung von dieser Schlussszene als Böhm. Das Orchester eröffnet großartiger, pathetischer, damit einhergehend auch langsamer. Herrmanns Stimme ist etwas größer, aber auch ein wenig rauer. Auch hier die intensive Gestaltung bei „so küsst er die Gottheit…“. Danach eine lange Orchesterüberleitung. Die Stelle „Loge hör, lausche hierher“ gestaltet Herrmann in dieser Aufnahme intensiver, Wotan singt hier im Befehlston.

Nach dem 2. Weltkrieg war Josef Herrmann Ensemblemitglied der Städtischen Oper Berlin, an der der junge Ferenc Fricsay seit 1948 als GMD arbeitete, aus dem Jahre 1951 ist ein Mitschnitt einer Aufführung erhalten, die später im Radio ausgestrahlt werden sollte. Auf Protest von Herrmann kam es jedoch nicht dazu, da der Bassist sich an diesem Abend nicht in bester Disposition befand (Angaben des Booklets). Interpretatorisch neigen Fricsay und Herrmann mehr zu Elmendorff. Herrmann agiert an diesem Abend stimmlich nicht mehr so souverän wie früher, die Stimme ist enger und weniger heldisch. Fricsay gestaltet den Feuerzauber zu zäh, es scheint nicht seine Musik zu sein.

Der schwedische Bariton Sigurd Björling, von dem nur wenige Aufnahmen erreichbar sind, sang 1951 im Bayreuther Ring den Wotan, die EMI hat den Karajan-Ring mitgeschnitten, jedoch nur den den 3. Akt der Walküre veröffentlicht. Björling hinterlässt in der Wotan-Rolle eine gute Figur, auch wenn m. E. seine Höhe etwas eng ist. Das Wort „… nie“!“ am Ende wird übermäßig lang ausgehalten. Karajan achtet sehr auf einen transparenten Klang.

Im Jahre 1957 begann der Decca-Produzent John Culshaw in Wien mit seinen schon Kult gewordenen Wagner-Aufnahmen. Mit den Wiener Philharmonikern und Hans Knappertsbusch wurde eine LP mit Wagner-Monologen eingespielt, es sang Georg London (s. u.). Ohne zu diesem Zeitpunkt eine vollständige Ring-Produktion zu planen, nahm man auch den 3. Akt der Walküre auf, als Wotan wurde Otto Edelmann verpflichtet. Georg Solti stand damals erst am Anfang seiner Wagner-Karriere. Der Beginn von Wotans Abschied kommt sehr bombastisch aus den Lautsprechern, wie später auch in seiner Gesamtaufnahme. Edelmann verfügt über eine hellere Bassstimme, deren Töne vermutlich im hinteren Rachenbereich erzeugt werden. Von einer Rollenidentifikation ist in dieser Aufnahme wenig zu spüren, die Platte ist in erster Linie wegen Kirsten Flagstads Gestaltung der Brünnhilde von Interesse und Wert.

Vor dieser Studio-Produktion verkörpert Edelmann den Wotan an der Metropolitan Oper New York unter Leitung von Dimitri Mitropoulos, auch hier singt er etwas distanziert und an lauten Stellen klingt seine Stimme auch etwas hohl. Mitropoulos agiert routiniert am Pult der Met. Als Bonus enthält die Living Stage-Box aus derselben Met-Inszenierung der Walküre auch Wotans Abschied und Feuerzauber, Wotan wird hier jedoch von Hermann Uhde verkörpert, ein Bass von anderem Format, mit hörbarem Engagement und teilweise kämpferischer Stimme, wunderbar! Klangtechnisch ist die Stimme mehr in den Vordergrund gerückt. Auch Mitropoulos scheint hier einen besseren Abend zu haben, immer noch eine der schnellsten Aufnahmen.

Für ziemlich die meisten Musikfreunde nach dem 2. Weltkrieg galt Hans Hotter als die ideale Besetzung der Wotanrolle. Jahrelang verkörperte er sie in Bayreuth und auf den großen Bühnen der Welt. Rein stimmlich gesehen war seine große Zeit damals bereits abgelaufen, seine Stimme klang nicht gleichermaßen textverständlich, keinesfalls optimal, sie besaß nicht immer genug Kern im Inneren und klang oft hohl, auch verschluckte er oft Konsonanten im Anlaut eines Wortes. Dass Hotter trotzdem als die ideale Verkörperung des Wotan gehandelt wurde, hatte sicherlich auch mit seiner enormen Bühnenpräsenz zu tun, der noch in Nebenrollen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog. Ausdrucksintensität sowohl auf der stimmlichen als auch der darstellerischen Ebene sprachen für den Ausnahmekünstler. Andererseits gab es kaum Konkurrenz für den erfahrenen Sänger. Vor diesem Problem stand auch das Decca-Team unter Führung von John Culshaw bei der Besetzung des Wotan für die Aufnahme der Walküre mit Solti in Wien 1965.

In den zehn hier aufgelisteten Aufnahmen der Abschiedsszene der Walküre soll jedoch nicht nur die Problematik seines Singens gesprochen, als Ursache nennt Hotter selbst eine asthmatische Erkrankung, sondern auch das Positive in seinen Darstellungen herausgestellt werden. An guten Tagen gelang ihm auch das Heldische in der Wotan-Rolle glaubhaft herüberzubringen. Noch besser ist die eindrucksvolle Darstellung des Abschieds von Brünnhilde im Mittelteil der Szene, da war er absolute Weltklasse. Am besten gefallen mir die Bayreuther-Mitschnitte mit Hans Knappertsbusch, nicht nur wegen Hotter, der hier m. E. am meisten überzeugt, sondern auch wegen des Dirigenten, bei dem das Festspielorchester plastischer klingt und mehr Körper besitzt als bei Josef Keilberth, der sicher ein kompetenter Wagner-Dirigent ist, jedoch nicht das Format eines Kna  aufweist. Interessant ist der Vergleich der Ring-Mitschnitte aus dem Jahre 1953, in der Keilberth den ersten Ring dirigiert, den zweiten Clemens Krauss, die Besetzung ist die gleiche, außer dass bei Keilberth die Mödl die Brünnhilde singt, bei Krauss jedoch die Varnay. Bei Keilberth ist Hotters Stimme präsenter und auch heldischer, mit mehr Pathos eingefangen, die Orchesterleistung ist besser als früher, dagegen gibt der flexiblere Krauss dem Orchester noch mehr Farbe und Spannung. Hotter wirkt auch bei einer Ring-Aufführung in der Londoner Covent Garden Oper als Wotan mit, eine seiner besseren Leistungen, für Sammler ist hier gewiss auch das Dirigat von Rudolf Kempe interessant, der nach Kna den Bayreuther Ring übernimmt. Von Soltis Decca-Ring wurde schon gesprochen. Hotters teilweise schon schüttere Stimme hat nur noch wenig Kern, an einigen Stellen hält man in der Befürchtung den Atem an, dass sie nicht mehr richtig anspricht. Stattdessen liefern die Wiener Philharmoniker einen opulenten, rauschhaften Orchesterklang, der Dirigent kostet Wagners Instrumentierung voll aus. Unklar ist die Identität einer Aufnahme, die als Bonus einer Meistersinger-Aufnahme (Dir. Jochum, Sachs Hotter aus dem Jahre 1949) beigegeben ist (Label Myto). Sie soll 1944 in München unter Leitung von Heinrich Hollreiser aufgenommen worden sein, was der Bayerische Rundfunk auf Anfrage bestätigt, und ist damit der älteste Mitschnitt Hotters. Der BR nennt als Orchester das Bayerische Staatsorchester, Myto das Orchester des Bayerischen Rundfunks. Auch die Laufzeiten stimmen nicht überein, der BR gibt 17’45 an, Myto 14’23. Neue Erkenntnisse in Bezug auf Hotters Vortrag sind bei der Myto-Veröffentlichung jedoch nicht festzustellen.

Nur wenige Jahre stand der amerikanische Bass-Bariton Georg London im Zenit seines Könnens und der Aufmerksamkeit des Publikums. Ausdrucksvolles Singen bei großer Wortdeutlichkeit nehmen für seine Vorträge ein. Der Stimmumfang bleibt m. E. hinter dem von Frantz etwas zurück. Mit viel Pathos steigt Knappertsbusch in die Schlussszene der Walküre ein, London zeigt sich der Rolle, trotz langsamen Tempos, mit kraftvollem Vortrag gewachsen, auch im lyrischen Mittelteil. Hier hat man jedoch den Eindruck, London singe für sich selbst, es fehlt das inspirierende Gegenüber der Brünnhilde. In den Eckteilen ist Knas Tempo jedoch zu zäh. Dieselbe Szene aus der Londoner Gesamtaufnahme unter Leitung von Erich Leinsdorf ist lebendiger, was Georg London sehr entgegenkommt, hier singt er mit noch mehr Pathos als Ferdinand Frantz und Hans Hotter. Auch der Mittelteil gelingt hier mit mehr Anteilnahme des Sängers überzeugender. Insgesamt liegt hier eine der besten Aufnahmen dieser Szene vor. Das Klangbild ist heller und verfügt über mehr Transparenz als früher in Wien.

Mit dem Wechsel von Knappertsbusch zu Kempe in der Leitung des Bayreuther Rings übernahm Jerome Hines von Hotter die Rolle des Wotan. Mit seiner etwas kleineren Stimme liefert er eine achtbare Leistung ab, leider ist seine deutsche Aussprache nicht akzentfrei.

Theo Adam konnte seit 1952 bei den Bayreuther Festspielen seine Stimme zunächst in kleineren Rollen erproben, bis ihm von 1963-75 in wechselnden Inszenierungen die Rolle des Wotan anvertraut wurde. Die „Walküre“ unter Leitung von Karl Böhm wurde 1967 von der DGG mitgeschnitten, kurze Zeit später aber dem holländischen Philips-Label verkauft, als sich schon HvK für den Ring warmlief. Adam bringt einen hellen Bass-Bariton ins Spiel, der, ähnlich wie bei Hotter, etwas hohl und zumindest in dieser Aufführung auch flach klingt, die Aussprache ist nicht immer deutlich. Zusammen mit Böhm einigt man sich auf ein gezügeltes Pathos, Böhm ist hier nicht sonderlich inspiriert, spielt deshalb das Orchester weniger engagiert?

Eine überzeugendere Gestaltung von „Wotans Abschied und Feuerzauber“ ist in der Dresdner Ring-Produktion von 1981 überliefert, in der Marek Janowski am Pult stand. Auch wenn sich Adams Stimme nicht wesentlich verändert hat, zeigt sie doch mehr Präsenz. Ein großes Plus ist das Spiel der Dresdner Staatskapelle, die dem Bayreuther Orchester mit klangschönem und punktgenauem Musizieren deutlich überlegen ist.

Am Ende seiner langen Dirigenten-Karriere produzierte die EMI mit Otto Klemperer den 1. Akt der „Walküre“ sowie den Schluss der Oper, an einer vollständigen Aufnahme war Klemperer nicht interessiert. Die Rolle des Wotans übernahm der britische Bass-Bariton Norman Bailey, der die Partie glaubhaft vermittelte, leider ist seine Stimme zu sehr in den Orchesterklang eingebettet, den Klemperer extrem langsam, jedoch transparent, darbietet. Baileys Vortrag wird auf diese Weise ausgebremst, immerhin bleibt eine gute Textverständlichkeit.

Der Abstand zu den "Menschen" ist bei Thomas Stewart nicht so extrem wie bei anderen Darstellern (GA DGG Karajan). Er spricht von Auge zu Auge, nicht von oben herab, die Distanz ist geringer. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Stewarts Stimme nicht so heldisch klingt wie z. B. die von Frantz, London oder Hotter. Ein Wotan fast zum Anfassen. Karajan bevorzugt epische Breite vor dramatischer Zuspitzung.

Kommen wir nun zu zeitnahen Interpreten: Robert Hale sang den Wotan im Münchner „Ring“ mit Sawallisch am Pult, recht ordentlich, bei guter Textverständlichkeit. Allerdings sind einige Tonverfärbungen bei „Wer meines Speeres Spitze…“ nicht zu überhören. Sawallisch sorgt für einen schlanken und transparenten Orchesterklang.

Bryn Terfel singt Wotans Abschied intensiv, jedoch mit weniger Inbrunst als seine meist Bayreuth-erprobten Vorgänger. Der Dirigent bringt Licht ins Orchester. Terfel und Abbado sind sich einig, mit Pathos sparsam umzugehen, ohne in eine "Wagner-light"-Position abzugleiten.

Im Bayreuther Jubiläumsring 1976 ff verkörperte der neuseeländische Bass-Bariton Donald McIntyre überzeugend die Rolle des Wotan, hervorragend die Abschiedsszene mit Brünnhilde. Durch gleichermaßen musikalischen Vortrag wie ausdrucksvolles Singen macht er zusammen mit Boulez am Pult das Finale zum Höhepunkt des Werkes.

Einige Jahre nach McIntyre verkörperte der britische Bass-Bariton John Tomlinson den Wotan im Bayreuther Festspielhaus, zunächst in der Inszenierung Kupfer/Barenboim, danach auch bei Kirchner/Levine, erstere wurde von Teldec herausgebracht. Tomlinson singt gut, jedoch m. E. nicht so eindrucksvoll wie sein Vorgänger, Barenboim leitet das Orchester ohne Eile zum Finale hin.

eingestellt am 18.08.2016

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