Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Bela Bartok

 

Konzert für Orchester (1943)

 

Andante non troppo – Allegretto scherzando – Elegia, Andante, non troppo – Allegretto – Pesante Presto

 

Der ungarische Komponist verließ 1940 schweren Herzens seine Heimat und versuchte im Musikleben der USA Fuß zu fassen, was jedoch nicht gelang. Mittellos und an Leukämie erkrankt fristete er ein trostloses Leben, wobei er sich mit wenigen Auftragskompositionen soeben über Wasser halten konnte. Den Beginn des Jahres 1943 brachte er in einem New Yorker Krankenhaus zu. Dort besuchte ihn der russisch-stämmige Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra, Sergej Koussevitzky, um eine Orchesterkomposition zu bestellen, nicht zuletzt, um dem Komponisten zu unterstützen. Koussevitzky bot ihm 1000 Dollar an, die Hälfte, quasi eine Anzahlung, überreichte er Bartok als Scheck. Nach einer Erholung in einem Sanatorium in Saranac Lake beginnt er Mitte August mit der Arbeit. Bereits im Oktober ist das Werk abgeschlossen. Er nennt es „Konzert für Orchester“, komponiert in 5 Sätzen. Die Uraufführung erfolgte am 1. Dezember 1944 unter Leitung von Koussevitzky in Boston und war ein großer Erfolg, entwickelte sich sogar zu Bartoks beliebtester Komposition. Heute zählt es zum Standardrepertoire der großen Sinfonie-Orchester. Die Besetzung lehnt sich an Sinfonien aus spätromantischer Zeit an, etwa der von Mahler oder Richard Strauss. Drei Jahre vor Bartoks „Konzert“ schuf sein Freund Zoltan Kodaly, der während des 2. Weltkrieges die ungarische Heimat nicht verlassen hatte, bereits ein Konzert für Orchester. Ähnlich wie bei Bartoks Konzert handelte es sich um eine Auftragskomposition, jetzt des Chicago Symphony Orchestra zum 50jährigen Bestehen des Orchesters. Der Kriegsausbruch verzögerte die Uraufführung, die der Komponist eigentlich selbst vornehmen sollte. Kodalys Freund Bela Bartok nahm bei seiner Emigration das Manuskript mit in die USA, wo es ohne Mitwirken des Komponisten in Chicago uraufgeführt wurde. Diese Tatsache bedeutet, dass Bartok das Werk gekannt haben muss, mindestens flüchtig, bevor er mit der Arbeit an seinem Werk begann. Tonsprache wie Musikstile beider Komponisten gehen jedoch auseinander und verfolgen jeweils andere Richtungen.

Bartoks und Kodalys Konzerte sind die bekanntesten Werke dieses Namens, bereits 1925 verfasste Paul Hindemith, 1954 der polnische Komponist Witold Lutoslawski Stücke gleichen Namens, man begegnet ihnen jedoch seltener im Konzertsaal. Wikipedia listet eine Menge weiterer „Konzerte für Orchester“ auf ( https://de.wikipedia.org/wiki/Konzert_f%C3%BCr_Orchester – letzter Zugriff 08.01.2026), bei denen die meisten vermutlich kaum ihre Uraufführung überlebt haben.

 

Bartoks Konzert besteht aus fünf Sätzen, die folgendermaßen überschrieben sind:

1.  Introduzione T. 1-75 – Andante non troppo, Hauptteil T. 76-521 – Allegro vivace

2.  Giuoco delle Coppie („Spiel der Paare“) – Allegretto scherzando

3.  Elegia – Andante non troppo

4.  Intermezzo interotto, („unterbrochenes Zwischenspiel“) - Allegretto

5.  Finale – Presto

 

Hier einige kurze Anmerkungen zu den Sätzen:

(1) Im Hauptteil zwei Themen, Durchführung, Reprise, entspricht der Sonatenform.

(2) Zu Beginn ein achttaktiges Thema der kleinen Trommel, es wird paarweise von zwei Fagotten in Sexten fortgeführt. Nach diesem Muster folgen zwei Oboen (in Terzen), zwei Flöten (in Quinten), zwei gestopfte Trompeten (in Sekunden). Das verkürzte Thema der kleinen Trommel leitet zum choralartigen Mittelteil von Trompeten, Posaunen und der Tuba über. Hörner und Tuba folgen, jetzt viel leiser. Der paarweise Auftritt der Bläser vom Anfang wird im Schlussteil erweitert zu Dreier- und Vierergruppen, hauptsächlich der Bläser. Streicher und Harfe sekundieren.

(3) Die Musik der Elegie lässt Erinnerungen an die ungarische Heimat anklingen: Flatternde Rhythmen sowie Cymbalklänge, vorgetragen von Streichern und Harfe. Ab T. 29 bringt sich die Piccoloflöte unüberhörbar ins Spiel. Wie verlassen ist die Stimmung in den letzten sechs Takten, wenn sich alle Instrumente zurückgezogen haben und nur noch die kleine Flöte ihren klagenden Gesang in die Stille entlässt, ein magischer Eindruck.

(4) Im vierten Satz, nun wieder schneller als zuvor, stellt Bartok einer bewegten Melodie der Oboe im 2/4- bzw. 5/8-Takt zweimal ein Zitat aus Lehars Operette Die lustige Witwe entgegen.

(5) Die Musik des Finales besteht hauptsächlich aus einem dahinstürmenden Thema der Streicher, sehr virtuos, einem Perpetuum-mobile gleich. Immer wieder trifft man auch auf fugierte Melodien. Anklänge an ein Dies ira (Hörner T. 126-133) finden kaum Beachtung. Die wirbelnden Melodien vor allem der Streicher melden sich zurück und führen die Musik dem Finale entgegen.

Im Februar 1945, sieben Monate vor seinem Tod, überarbeitete Bartók das Werk nochmals. Die bedeutendste Änderung betrifft den letzten Satz, zu dem der Komponist einen längeren Schluss verfasste, Version 1 mit 606 Takten steht Version 2 mit 625 Takten gegenüber. Beide Versionen wurden veröffentlicht und werden bis heute aufgeführt. In allen hier aufgeführten Aufnahmen wird im letzten Satz der 2. Schluss gespielt.

 

 

 

5

Ferenc Fricsay

Radio Sinfonie-Orchester Berlin

DGG

1957

36‘42

 

sehr klar und deutlich, genaue Beachtung und Verdeutlichung von Details sowie Lautstärkerelationen, II Choral des Blechs T. 121ff. sehr plastisch, III klagende Oboe, molto espressivo

5

Georg Solti

London Symphony Orchestra

Decca

1965

36‘07

 

frisch, vital, teilweise grell

5

Rafael Kubelik

Boston Symphony Orchestra

DGG

1973

37‘55

 

Kubeliks letzte, jedoch beste Aufnahme, lebhafte Darstellung, I erregende Tremoli der Geigen und Bratschen, III intensiv gestaltete Elegia, V mit viel Schwung, spannungsvoll – gute Balance und Transparenz, immer deutliches Musizieren, offenes Klangbild

5

Herbert Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestra

Decca

1993

36‘35

 

I T.35-50 sehr erregt, II scherzando! mit Witz, III klagende Oboe, espressivo, V Paukensoli teilweise etwas zu kultiviert

5

Riccardo Chailly

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Decca

1995

38‘56

 

engagiertes Musizieren, überzeugend

5

Pierre Boulez

Chicago Symphony Orchestra

DGG

1992

36‘56

 

durchsichtig, analytisch, Blick aufs Detail, trotzdem intensiv

5

Pierre Boulez

New York Philharmonic Orchestra

CBS    Sony

1972

37‘14

 

I E direkter als 1992, insgesamt urwüchsiger, IV deutlicher, V größere Transparenz

 

 

 

4-5

Karel Ancerl

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1963

38‘36

 

I viele Details, Holz gut durchhörbar, es fehlt etwas Stringenz, II könnte pointierter gespielt werden, III espressivo! V mit Feuer, verschiedene Kompositionsebenen gut herausgestellt

4-5

Mariss Jansons

Oslo Philharmonic Orchestra

EMI

1990

38‘03

 

Atmosphäre und Schwung, I Holzbläser stellenweise etwas zurück

4-5

Guido Cantelli

NBC Symphony Orchestra

Testament

1951

39‘01

 

live – Cantelli identifiziert sich mit dem neuen Stück, I glühende Einleitung, insgesamt gelassene Tempi, spieltechnische und aufnahmetechnische Mängel

4-5

Zoltan Kocsis

Ungarische Nationale Philharmonie

Hungaroton

2002

36‘44

 

I klar, transparent, Blick immer nach vorn gerichtet, II hellklingende Klarinette, T. 165 ff. schneller, spielfreudig, jedoch etwas unruhig, III herb, Blick auf Details, IV nuanciert, mit einer gewissen Sinnlichkeit, V überwiegend ausgelassen

4-5

George Szell

Cleveland Orchestra

CBS       Sony

1965

34‘37

 

insgesamt sehr genau und klar dargeboten, klingt jedoch nicht so archaisch und urwüchsig

4-5

Eduard van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Decca

1948

36‘44

 

eine der ersten Aufnahmen des Werkes, IV Zitatstellen überdeutlich, V Trompeten T. 222 ff. betont hässlich

4-5

Fritz Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1955

37‘11

 

klanglich nicht so präsent, I Holz etwas zurückgesetzt, II klar, rhythmisch, Choral T.123 ff. ohne Magie, III bedrohlich

4-5

Georg Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1981

35‘24

 

klingt nicht mehr so urwüchsig-archaisch wie in London

4-5

Rafael Kubelik

Royal Philharmonic Orchestra London

EMI

1958

37‘16

 

etwas kompakter Klang, Holzbläser teilweise überdeckt, III sehr ausdrucksvoll

4-5

Rafael Kubelik

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1978

36‘14

 

live – Streicher oft mit breitem Strich, II Fagott zu Beginn zu hallig, kleine Trommel im Choral zu leise, III T.10 ff. Wechsel von Klarinette zu Flöte könnte etwas deutlicher sein

4-5

Herbert von Karajan

Philharmonia Orchestra

EMI

1953

37‘51

 

4-5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1965

38‘45

 

4-5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1975

38‘26

 

4-5

Ivan Fischer

Budapest Festival Orchestra

Philips

1997

36‘19

 

I farbiges Klangbild, saftig, II virtuose Darstellung, III sehr leiser Beginn – insgesamt passabel

4-5

Ivan Fischer

Budapest Festival Orchestra

Hungaroton

1989

37‘11

 

I Balance nicht immer wie erwartet, II offenes Klangbild, Kl. Trommel T. 32 deutlicher als 1997, III sehr leiser Beginn, Flöten am Satzende deutlicher als 1997 – geringe Unterschiede zur Philips-CD

 

 

 

4

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS       Sony

1963

37‘36

 

Ecken und Kanten etwas abgeschliffen, für Menschen die Bartok kennenlernen wollen, aber das Bizarre scheuen

4

Antal Dorati

London Symphony Orchestra

Mercury

1962

37‘04

 

plastische Pizzicati bei den Bässen, III Holzbläser könnten etwas hervortreten, V Horneinsatz T. 221 unterbelichtet

4

Jascha Horenstein

Orchestre National Paris

M&A

1961

38‘43

 

live – Orchester nicht Spitze, I magischer Beginn, im weiteren Verlauf jedoch nachlassend, III Spannung wird aufgebaut, jedoch nicht konsequent weiterverfolgt

4

Ernest Ansermet

Philharmonia Orchestra

BBCL

1958

36‘59

 

live – hat mehr Spannung als die frühere Studioeinspielung, Finale etwas blass

4

Ernest Ansermet

Orchestre de la Suisse Romande

Decca

1956

36‘49

 

I zügige Einleitung, Orchester nicht immer Spitze, II schöner Choral, besser als zwei Jahre später, IV geringere Spannung, V mehr referiert als empfunden

4

Lorin Maazel

Berliner Philharmoniker

DGG

1979

37‘43

 

I nicht ganz so analytisch wie Boulez, II musikantischer Ansatz – Orchester auf sehr hohem Niveau, Dirigent nähert sich der Partitur zu unentschieden, unpersönlich

4

Stanislaw Skrowaczewski

Radio Sinfonie-Orchester Saarbrücken

Oehms

2002

39‘33

 

insgesamt musikantischer Ansatz, I dritter Einsatz der Streicher in der Einleitung lauter, obwohl p

4

György Lehel

Tschechische Philharmonie

Praga

1979

36‘08

 

live – klanglich fehlt der Aufnahme etwas Saft, einige Ungenauigkeiten gehen wohl auf das Konto der live-Aufnahme

4

Zubin Mehta

Berliner Philharmoniker

Sony

1989

36‘04

 

im Vergleich zu Maazel mit demselben Orchester konventioneller, weniger differenziert, III Anfang seltsam starr und unbeteiligt, im weiteren Verlauf etwas unbekümmert, weniger Spannung

4

Hugh Wolff

Philharmonia Orchestra London

Teldec

1993

38‘46

 

I Einleitung: Tempodehnung beim Schwirren der Streicher, könnte ein klein wenig schneller sein, II kleine Trommel etwas dumpf, markante Bratschenstelle T. 87ff. verschenkt

4

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS       Sony

1959

39‘17

 

I bei schnellen Stellen etwas schwerfällig, hat für eine Studio-Einspielung nicht den letzten Schliff, III T.10 Wechsel Klarinette zu Flöte nicht gut zu vernehmen, oder war das Absicht? T. 29-33 Streicher zu laut, einige Übertreibungen, IV das liegt Bernstein, V trifft den Nerv der Musik, Feuerwerk, aber auch etwas plakativ

4

André Previn

Los Angeles Philharmonic Orchestra

Telarc

1988

38‘07

 

insgesamt etwas lustlos, Sätze 3 und 5 noch am besten

4

Istvan Kertesz

Berliner Philharmoniker

Orfeo

1962

38‘02

 

live Salzburg, I T. 63-75 accel. kommt nicht richtig voran; klangliche Wucht, auftrumpfend, II stumpfer Klang; Choral: kl. Trommel wenig präsent, III T. 29-33 wünschte man sich deutlicher, IV T. 80-83 Klar.1 von Streichern verdeckt, V Fl. T. 418 f. zu scharf – Kertesz gelingt es nicht immer dem Potential des Werkes gerecht zu werden, lange Pausen zwischen den Sätzen

4

Hans Schmidt-Isserstedt

Sinfonie-Orchester des NdR

EMI

1966

36‘20

 

live – Dirigent und Orchester steigern sich von Satz zu Satz

4

Erich Leinsdorf

Boston Symphony Orchestra

RCA

1962

36‘44

 

I ein wenig derb, aber mit Lust bei der Sache, IV Lehar-Zitate moderat

 

 

 

3-4

Adam Fischer

Staatliches Ungarisches Sinfonie-Orchester

Nimbus

1989

41‘50

 

I Einleitung zu langsam und zu verhalten, insgesamt ohne Schwung, es läuft so, II gelassen, Abschnitte könnten etwas mehr gegeneinander abgesetzt werden

3-4

Bernard Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1960

36‘25

 

I Holzbl. T. 63-68 zu leise, gestörte Balance, auch an anderen Stellen, Instrumente kaum miteinander, mehr nebeneinander, etwas äußerlich, wenig spannungsvoll, III Picc. und Oboe hören kaum aufeinander, T. 29-33 kaum Zusammenarbeit

3-4

Esa-Pekka Salonen

Los Angeles Philharmonic Orchestra

Sony

1996

38‘21

 

nicht sonderlich beteiligt, eher ein Pflichtstück

 

 

 

3

Rafael Kubelik

Orchestre de la Radiodiffusion Française

Rundfunkmitschnitt    forgotten records

1955

37‘27

 

live, Balance an vielen Stellen nicht wie gewünscht, helles französisches Holz, parallellaufende Instrumente nicht immer ausgewogen, I T. 482-509 unübersichtlich, III T. 9 ff. warum nicht delikater? wenig farbiges, eher graues Klangbild - Publikumsgeräusche

3

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

Rundfunk-Mitschnitt      EMI

1995

49‘26

 

live – langsam, zäh, jedoch sehr deutlich, teilweise wie buchstabiert

 

 

Herbert von Karajan hat drei Studio-Einspielungen hinterlassen, eine mit dem Philharmonia Orchestra, die beiden anderen im Abstand von 10 Jahren mit den Berliner Philharmonikern. Beim Vergleich hört man deutlich Karajans Wandlung zum absoluten Ästheten, alles muss sehr perfekt und mit höchster klanglicher Verfeinerung abgeliefert werden, alles Derbe, Rustikale, das stellenweise auch eingearbeitet wurde, wird hin zum absolut Schönen moduliert und geschliffen. Sicher trifft es nicht immer Bartoks Absicht, trotzdem nötigt es, was die Berliner gerade in der letzten Aufnahme vorführen, Bewunderung ab. Skrowaczewskis Interpretation, die ich vergleichend zu Karajans hörte, zeigt einen musikantischen Ansatz, stellenweise scheint er mir der Partitur näher zu sein, leider hat sein Orchester nicht das Format der Berliner. Karajan steht dem Werk insgesamt distanzierter gegenüber, die unbedingte Intensität seines Musizierens überzeugt aber dann doch. Wilhelm Furtwängler hat Bartoks Konzert in Berlin im Herbst 1950 auch aufgeführt, vielleicht erreicht uns irgendwann ein Rundfunkmitschnitt.

 

eingestellt am 18.07.07

ergänzt am 09.01.26

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