Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Violinkonzert G-dur KV 216

Allegro – Adagio – Rondo, Allegro

Neufassung und Ergänzung 2021



Mozarts Violinkonzerte sind Frühwerke des 19jährigen Meisters, entstanden zur Zeit, als er noch Konzertmeister in Diensten des Salzburger Fürstbischofs war.

Gegenüber seinem ersten Konzert, das zwei Jahre früher entstanden ist, kann man hier im ersten Satz den kompositorischen Weg nachvollziehen, den Mozart inzwischen gegangen ist: Das Orchester ist jetzt nicht nur Begleiter, sondern mischt sich in die musikalische Entwicklung ein. Nicht nur die Orchesterexposition ist nun reicher an Melodien und Motiven.

Auch im zweiten Satz spielt das Orchester eine größere Rolle. Jetzt werden die beiden Oboen durch die weicher klingenden Flöten ersetzt, die hohen Streicher spielen mit Dämpfer, die tiefen meist Pizzicato, was allein schon einen klanglichen Reiz bewirkt.

Das Rondo ist musikalisch fantasievoll und abwechslungsreich gestaltet, im Mittelteil komponiert Mozart einen Andante-Einschub, der klingt wie ein kurzes Ständchen mit Gitarrenbegleitung. Weiter geht es mit einem Allegretto (T. 265 ff.), das entfernt an das damals bekannte Lied „Wilhelm von Oranien“ erinnert. Darüber hatte das Kind Mozart bereits 7 Variationen verfasst (KV 25). In diesen Takten bietet Mozart dem Solisten zweimal eine virtuosere Alternativfassung an, die vor allem von jüngeren Interpreten wie Tetzlaff, Scholz, Mullova, Zehetmair, Bell, Faust, Kavakos, Seiler, Carmignola, Talich, Skride, Tognetti, Neudauer, Contzen genutzt werden, aber auch schon bei Suk und Kremer zum Vortrag kommen.

Wie üblich können die Solistinnen und Solisten gegen Satzende ihr virtuoses Können zur Schau stellen. Dasselbe gilt auch für den langsamen Satz. Einige Geiger verwenden eigene Kadenzen wie Schneiderhan, Mintz, van Keulen, Zehetmair, Mullova, Tetzlaff, Scholz. Kavakos, Neudauer, Contzen und Manze. Am häufigsten kommen die beiden Kadenzen von Sam Franko sowohl für den ersten als auch für den zweiten Satz zum Einsatz. Auch die Kadenzen von Eugene Ysaye werden gespielt (Grumiaux, Francescatti und Dumay), ihre Ausdehnung steht jedoch nicht im rechten Lot zur Länge der Sätze. David Oistrach hat auch eine Kadenz zum Rondo komponiert (T. 377, wo von den übrigen Solisten ein Eingang gespielt wird). Thibaud, Francescatti und Perlman spielen hier auch eine Kadenz, es scheint, dass sich dieser wohl von der Einleitung zum letzten Satz von Beethovens 1. Sinfonie hat inspirieren lassen.



5

Arthur Grumiaux

Colin Davis – London Symphony Orchestra

Philips

1961

21‘57


5

Julia Fischer

Yakov Kreizberg – Niederländisches Kammerorchester

Pentatone

2005

23‘25


lebendiges Musizieren, nie auftrumpfend, wie selbstverständlich, partnerschaftliches Zusammenspiel, schlanker Geigenton, immer genau fokussiert, II überzeugende dynamische Schattierungen, wie Kammermusik

5

Isaac Stern

George Szell – Cleveland Orchestra

Sony

1962

23‘55


5

David Oistrach, Vl. und Ltg.

Philharmonia Orchestra London

EMI

1958

23‘56


5

Christian Tetzlaff, Vl. und Ltg.

Deutsche Kammerphilharmonie

Virgin

1995

21‘26


spontanes Musiziergefühl, temperamentvoll, gutes Zusammenspiel, farbiger Klang, intensiv gestaltetes Adagio

5

Frank Peter Zimmermann

Wolfgang Sawallisch – Berliner Philharmoniker

EMI

1995

21‘30


5

Katrin Scholz, Vl. und Ltg.

Berliner Kammerorchester

Berlin Classics

1997

24‘28


elastisches Musizieren, farbiges Klangbild, sehr gutes Miteinander, ausdrucksstark, gute Tempowahl, glänzende Oboen

5

Lena Neudauer

Bruno Weil – Deutsche Radiophilharmonie

hännsler

2013

21‘48


lebendiges Musizieren, gutes Tempogefühl, farbiges Klangbild, sehr gutes Miteinander, Neudauer mit schlanker Tongebung, II wie eine Gesangsszene, mit großer Empathie für die Musik, III hörbare Vitalität – sehr gute Balance und Transparenz



4-5

Arthur Grumiaux

Rudolf Moralt – Wiener Symphoniker

Philips

1953

21‘41


4-5

Arthur Grumiaux

Pablo Casals – Prades Festival Orchestra

INA-viove

1953

21‘51


live,

4-5

Frank Peter Zimmermann

Radoslaw Szulc – Kammerorchester des Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

hänssler

2013

22‘14


4-5

Wolfgang Schneiderhan, Vl. und Ltg.

Berliner Philharmoniker

DGG

1967

21‘31


heller, schlanker und flexibler Geigenton, gute Partnerschaft mit dem ziemlich transparent aufspielenden Orchester, gute Balance und Transparenz, II unbeschwert, locker

4-5

Julian Rachlin

Mariss Jansons – Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Warner

2004

24‘33


Jansons spielt (fast) die erste Geige, legt das musikalische Gerüst fest, ohne den Solisten fest an die Leine zu nehmen, I frisches Tempo, II spannungsvoller Vortrag, III stellenweise gläsener Geigenton

4-5

David Oistrach

Karel Ancerl – Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1954

23‘31


4-5

David Oistrach, Vl. und Ltg.

Berliner Philharmoniker

EMI

1971

25‘16


4-5

Itzhak Perlman

James Levine – Wiener Philharmoniker

DGG

1982

24‘17


selbstverständliche Perfektion, apollinischer Mozart, Spannung nicht auf höchstem Niveau, moderate Tempi in den beiden ersten Sätzen, Orchester bei Tutti-Stellen etwas dick

4-5

Itzhak Perlman, Vl. und Ltg.

Berliner Philharmoniker

EMI

2002

23‘20


live, Perlman als Solist und Dirigent in Berlin, schnellere Tempi als in Wien, I philharmonisch, II schöner Mozart, aber nicht unbedingt spannungsvoll, III lebendig, gefällt am besten

4-5

Isabell van Keulen, Vl. und Ltg.

Concertgebouw Chamber Orkest

Philips

1989

22‘00


großbesetztes Kammerorchester, gutes Miteinander, klare Artikulation, I mit Verve, II innig, III solide, etwas ernst

4-5

Anne-Sophie Mutter, Vl. und Ltg.

London Philharmonic Orchestra

DGG

2005

25‘42


4-5

Baiba Skride

Hartmut Haenchen – Kammerorchester C.P.E.Bach

Sony

2004

25‘01


souveränes Geigenspiel, differenziert, im Adagio innig, partnerschaftliches Musizieren, Bässe etwas zu stark aufgenommen; Skride erlaubt sich einige Abweichungen vom Notentext, sie klingen zwar schlüssig, sind aber nicht vom Komponisten legitimiert



4

Joschua Bell

Peter Maag – English Chamber Orchestra

Decca

1991

25‘32


sorgfältiges Musizieren, gute Partnerschaft, Orchester klingt in Tutti-Passagen ein wenig kompakt, Kadenz zu lang, II mit Bogendruck, Musik ausgesungen – auch die Eingänge geraten zu lang und damit zu gewichtig

4

Susanne Lautenbacher

Jörg Faerber – Württembergisches Kammerorchester

Bella Musica TIM

~ 1965

22‘45


vorzügliche Solistin, solide Orchesterbegleitung, eingeengte Dynamik, Bläser immer präsent, II Pizzicati der Bässe könnten prägnanter ausfallen

4

Henryk Szeryng

Alexander Gibson – New Philharmonia Orchestra

Philips

1969

24‘47


Szeryng agiert nicht so locker wie Grumiaux, das Orchester ist zu großformatig aufgestellt, III wenig locker, erdverbunden, wo bleibt der Esprit?

4

Szymon Goldberg

Walter Süsskind – Philharmonia Orchestra London

EMI

1951

23‘49


I zielstrebig voran, straff, großformatiges Orchester, Bläser gehen in Tutti-Abschnitten verloren, f-Stellen oft zu laut, prägnantes Geigenspiel, II Geige immer im Vordergrund, eher sachlich als gefühlsbetont, Vibrato im noch tolerierbaren Bereich, jeweils lange Kadenzen, III etwas sachlich, kaum Esprit

4

Arabella Steinbacher

Daniel Dodds – Festival Strings Lucerne

Pentatone

2018

23‘52


souveränes Geigenspiel, Orchesterbegleitung solide, ohne eigene Ambitionen, ausgewogene Balance, II ohne persönliche Note, III warum nicht etwas spritziger?

4

Leonidas Kavakos, Vl. und Ltg.

Camerata Salzburg

Sony

2006

22‘52


Kavakos mit schönem runden und tragfähigem Ton, jedoch nicht so locker wie z. B. Tetzlaff, Orchester weniger locker als erwartet, I geringere Spannung, II Solist und Orchester spielen eher neben- als miteinander, III mehr Pflicht als Kür

4

Gidon Kremer

Nikolaus Harnoncourt – Wiener Philharmoniker

DGG

1984

23‘53


Kremer mit differenziertem Vortrag, Harrnoncourt pflegt keinen jugendlichen Mozart, gutes Zusammenwirken, aber es fehlt die Frische, II sehr gelassen, stellenweise entrückt, III warum nicht lockerer?

4

Christian Altenburger

Helmut Winschermann – Deutsche Bachsolisten

Capriccio Delta

1987

23‘28


I Orchester etwas pauschal, nicht mit bester Balance, gemütliches Tempo, Solo-Geige wünschte man sich etwas lockerer, II schön, aber mit wenig Spannung, III Andante-Einschub kaum spritzig, insgesamt wenig Charme

4

Isaac Stern, Vl. und Ltg.

Columbia Chamber Orchestra

CBS Sony

1950

25‘00


4

Vladimir Repin

Yehudi Menuhin – Wiener Kammerorchester

Erato

1997

23‘41


Repin mit großem Ton, russische Schule, Menuhin antwortet mit großem Kammerorchester, jedoch traditionell pauschal, II Musik in romantischem Tonfall, davon zeugt auch die Kadenz in diesem Satz

4

Josef Suk

Libor Hlavacek – Prager Kammerorchester

Supraphon Eurodisc

1972/73

23‘34


I frisches Musizieren mit musikantischem Flair, Suk mit großem Ton, Bläser T. 19 ff. zu laut, II viel Bogendruck, etwas statuarisch, III zielstrebig nach vorn, mit rhythmischem Schwung

4

Leonid Kogan

Constantin Silvestri – Conservatoire Orchester Paris

Columbia Testament

1959

24‘22


Solist immer vorn, Stahlsaitenklang, individuelles Geigenspiel, keine spezielle Mozart-Affinität hörbar, großes Orchester, bei lauten Tutti-Stellen kompakter Klang, darunter leiden auch die Bläser

4

Jan Talich, Vl. und Ltg.

Talich Kammerorchester

Calliope

2005

23‘36


solide, jedoch nicht sonderlich mitreißend, zuverlässiges Orchester, II viele Drücker und Vibrato, III überzeugt am meisten

4

Anne-Sophie Mutter

Herbert von Karajan – Berliner Philharmoniker

DGG

1978

27‘12


4

Cho-Liang Lin

Raymond Leppard – English Chamber Orchestra

Sony

1986

25‘02


solide, eine besondere Zuneigung zu diesem Konzert nicht hörbar, entspanntes Musizieren, Lin immer mit schönem Ton, etwas belegter Klang

4

Zino Francescatti

Bruno Walter – Columbia Symphony Orchestra

CBS Sony

1958

26‘07


man spürt die Liebe zu Mozarts Musik, der jugendliche Mozart bleibt hier aber ausgeklammert, I etwas betuliches Tempo, II langsam, viel Bogendruck und Vibrato, etwas distanziert und wenig Spannung, III schwergewichtig

4

Marianne Thorsen

Øyvind Gimse – Trondheimer Solisten

2 L

2006

25‘06


nichts falsch gemacht, aber insgesamt etwas einfallslos und bieder, aus der Aufnahme spricht kaum Begeisterung, II Geigenton ein klein wenig eng, etwas gezogen, geringe Spannung, III solide



3-4

David Oistrach

Pierre Dervaux – Orchestre National Paris

forgotten records

1960

23‘04


live,

3-4

Leonid Kogan

Kyrill Kondraschin – Staatliches Sinfonie-Orchester der UdSSR

Brilliant

1959

23‘29


live – Kogan mit großem Ton, Orchester breit, mitunter auch etwas grob, II großer Mozart, III gelassen – viele Huster

3-4

Shlomo Mintz, Vl. und Ltg.

English Chamber Orchestra

Avie

2004

24‘17


Schlendern durch die Partitur, ohne richtigen Biss, auf „schön“ gespielt, Streicher im Tutti etwas kompakt, I gebremstes Tempo, II schön, aber wenig Spannung, III jetzt überzeugenderes Tempo, Orchester nur in der Rolle des Begleiters, Andante Einschub ohne Spannung

3-4

Pinchas Zukerman, Vl. und Ltg.

St. Paul Chamber Orchestra

CBS Sony

P 1982

26‘17


I etwas einfallslos, der Zusammenhalt der Musik wird kaum vermittelt, II klebriger Zucker-Mozart, III Andante wirkt wie verschlafen

3-4

Yehudi Menuhin

Georges Enescu – Orchestre Symphonique de Paris

EMI

1935

23‘35


3-4

Yehudi Menuhin, Vl. und Ltg.

Bath Festival Orchestra

EMI

1961

24‘21


3-4

Thomas Zehetmair,Vl. und Ltg.

Philharmonia Orchestra London

Teldec

1991

21‘44


3-4

Gioconda de Vito

Thomas Beecham – Royal Philharmonic Orchestra

EMI

1949

23‘39


I Solistin nicht immer intonationssicher, an einigen Stellen gekünstelt, Beecham aufmerksamer Begleiter, vor Eingang T. 151 deutliches Ritardando, II Vibrato, nicht mit höchster Spannung, III zu brav

3-4

Emmy Verhey, Vl. und Ltg.

Concertgebouw Kammerorkest

WvH Brilliant

1989

23‘41


etwas unausgeglichenes Geigenspiel, Orchester läuft mit, II Geige mit Vibrato, ungeformtes Orchester, III Andante ohne Esprit

3-4

Augustin Dumay, Vl. und Ltg.

Camerata Academica Salzburg

DGG

1996

23‘07


I hektisches Musizieren, angerauter Streicherklang, II viel Vibrato, eigenwillige Dynamik, teilweise gepresster Ton, III Geigenton nicht immer angenehm, etüdenhaft

3-4

Willi Boskowsky

Carl Schuricht – Wiener Philharmoniker

EMI

1960

25‘24


live, Solo-Exposition ein wenig langsamer, kein stabiles Tempo, Solist nicht immer schlackenlos, spindeldürrer Oboenklang, von Mozarts jugendlichem Aufriss ist hier nichts eingefangen, das gilt für alle Sätze, II Kadenz in dieser Art überflüssig



3

Váša Přihoda

Hans Müller-Kray – Sinfonie-Orchester des SDR Stuttgart

Podium

1953

24‘17


live – einerseits teilweise flattriger, andererseits saugender Geigenton, oft hoher Bogendruck, II Violine teilweise gläsern, einige Unsauberkeiten, Orchester zurückgestellt, III forcierte und gequetschte Töne – Přihoda hat seinen Zenit schon überschritten



2-3

Jaques Thibaud

Georges Enesco – Orchestre Radio Symphonique

Tahra

1951

28‘07


live, I mit Druck musiziert, sowohl Solist als auch Orchester etwas hemdsärmelig, kein Mozartstil, II viel Bogendruck, Intonationstrübungen und verschmierte Stellen, III ohne Esprit, Thibaud setzt T. 41 schneller ein als das Orchester zuvor, nach der Kadenz T. 377 Unstimmigkeiten zwischen Solist und Orchester – lange Kadenzen, kaum mozartisch empfunden, ein Anachronismus, völlig überflüssige CD


Interpretationen nach historischer Aufführungspraxis, teilweise auch mit Original-Instrumenten


5

Viktoria Mullova, Vl. und Ltg.

Orchestra of the Age of Enlightenment

Philips

2001

22‘08


Solistin und Orchester auf derselben Wellenlänge, fantasievolle Gestaltung, schlanker und flexibler Geigenton, I Mullova erzählt auf ihrer Geige, II die Musik spricht, duftig, III erfrischendes Tempo, sehr abwechslungsreich

5

Giuliano Carmignola

Claudio Abbado – Mozart Orchester

DGA

2007

20‘17


ideenreiche Umsetzung von Mozarts Partitur; nicht auftrumpfend, eher diskret bleibend; schlanker Geigenton, partnerschaftliches Musizieren

5

Midori Seiler

Jos van Immerseel – Anima Eterna

ZigZag

2000

23‘39


filigranes Geigenspiel, Seiler gestaltet ihren Part, sehr gutes Mitinander, immer lockeres Musizieren, II feinste Kammermusik



4-5

Richard Tognetti, Vl. und Ltg.

Australien Chamber Orchestra

BIS

2009

22‘16


I ausdrucksvolles Musizieren, schlanker Geigenton, klare Artikulation, reaktionsschnelles Orchester, II einfallsreiche Gestaltung des Soloparts, III mit Verve, inspiriertes Andante

4-5

Isabelle Faust

Giovanni Antonini – Il gardino Armonico

HMF

2015

21‘54


I lebendiges und pointiertes Musizieren, kräftige Akzente, schlanker Geigenton, einige Verzierungen, sehr gutes Miteinander, manchmal etwas atemlos, II etwas (zu) sachlich, kühl, III mit Verve, überzeugende dynamische Kontraste – Bass klanglich etwas stumpf

4-5

Thomas Zehetmair

Frans Brüggen – Orchester des 18. Jahrhunderts

Glossa

2005

22‘22




4

Andrew Manze, Vl. und Ltg.

The English Concert

HMF

2005

23‘57


Manze bemüht sich um individuellen Vortragsstil, Orchester weniger aufgehellt, bei einigen lauten Tutti-Stellen zu dick, II schön, aber wenig Spannung, Musik zieht sich hin, wie ermattet, Geigenklang stellenweise etwas gekünstelt, III sachlich, wenig Spannung

4

Henning Kraggerud, Vl. und Ltg.

Norwegisches Kammerorchester

Naxos

2015

21‘21


I fast Allegro assai, im jungendlichen Überschwang, aber auch etwas drauflos, hektisch, nicht immer mit letzter Sorgfalt, II einige Verzierungen, III apartes Andante, sonst wie abgeschnurrt – mehr artistisch als in künstlerischer Verantwortung

4

Daniel Hope, Vl. und Ltg.

Zürcher Kammerorchester

DGG

2017

21‘49


I sehr lebendiges Musizieren, aufmerksame Begleitung, II teils ohne, teils mit Vibrato, geschmäcklerisch, III einige Verzierungen, jedoch auch einige Mätzchen



3-4

Miriam Contzen

Reinhard Goebel – Bayerische Kammerphilharmonie

Oehms

2011

19‘50


I Allegro assai, etwas hektisch, jedoch kontrastreich, sehr schlanker Geigenton, II Andante, Musik kann nicht atmen, säuselnde Geige, kein echter Kontrast zu den Ecksätzen, Kadenz zu lang in Bezug auf die Kürze des Satzes, III Orchester tritt gegenüber der Solistin etwas zurück



Hinweise zu Interpreten und Interpretationen

David Oistrach

Neben den von ihm immer wieder verlangten „großen“ Konzerten von Beethoven, Brahms, Tschaikowsky und Sibelius spielte der russische Meister auch immer wieder gern Mozart. Drei Studio-Produktionen sind von KV 216 bekannt. Die älteste Aufnahme wurde 1954 in Prag mit Karel Ancerl eingespielt. Oistrach spielt hier sehr lebendig, männlich, mit tragfähigem Ton und Optimismus ausstrahlend. Ancerl ist ihm ein guter Partner und es gelingt ihnen ein völlig unverzärtelter Mozart. Der zweite Satz wird in großen Bögen gesungen, Ancerl zaubert in den Takten 19/20 eine kleine Szene, wegen ihrer Kürze bleiben die beiden Takte von vielen unbemerkt. Die Streicher klingen an lauten Stellen etwas rau, insgesamt besitzt die Aufnahme, trotz gute Balance und Transparenz, wenig Farbe.

Die folgende Studio-Produktion, vier Jahre später mit dem Philharmonia Orchestra aufgenommen, klingt jetzt viel angenehmer und besitzt mehr Fülle. Wie später in Berlin leitet Oistrach das Orchester in Personalunion. Nicht immer ist man als Hörer mit dieser Konstellation zufrieden, da das Orchester nur mitläuft, hier kommt es jedoch zu einer guten Partnerschaft. Oistrach spielt auch hier zuverlässig und ohne Stilbrüche. 13 Jahre später bringt EMI eine Gesamteinspielung aller Mozart-Konzerte mit den Berliner Philharmonikern heraus. Sie wurde nicht in der Philharmonie sondern im Gemeindehaus Zehlendorf, das in früheren Zeiten immer wieder als Studio und Konzertsaal genutzt wurde, produziert. Einige leise Verkehrsgeräusche der unmittelbaren Umgebung blieben den Mikrophonen nicht verborgen. Auch hier war Mozarts Geist anwesend, Oistrach spielt nun nicht mehr mit der früheren Frische. Das Adagio wird ziemlich langsam genommen, beim Rondo ist das Tempo kaum merklich langsamer als früher. Das Orchester klingt weniger präsent und transparent als in der älteren Aufnahme mit dem POL, die ihre Spitzenpostion beibehält.

Das französische Label forgotten records veröffentlichte einen Konzertmitschnitt, der 1960 in Paris entstand, hier spielte unter dem Dirigat von Pierre Devaux das Orchestre National. Vielleicht wurde hier dessen Vorstellung des G-Dur-Konzerts verwirklicht, als großes Konzert, weniger als Mozarts Kleinod. Das Orchester spielt ziemlich pauschal, robust und großformatig bei großzügiger Dynamik. Oistrachs Geige agiert fast immer im Vordergrund, mit etwas scharfem Klang. Viele Publikumsgeräusche und Huster zieren den völlig überflüssigen Mitschnitt.

Yehudi Menuhin

Im Alter von 19 Jahren durfte der junge Virtuose zum ersten mal Mozarts G-Dur- Violinkonzert aufnehmen, damals fast eine Sensation, heute beinahe Alltag. Dem musikalischen Eindruck haftet in der zeitlichen Rückschau jedoch nichts Sensationelles an. Das Orchester begleitet unter der Leitung seines Geigenlehrers und Komponisten Georges Enescu etwas pauschal, klanglich sind die Bläser fast immer zurückgesetzt, auch das gesamte Orchester tritt hinter dem Solisten zurück. Menuhin spielt recht unbekümmert, bei zunehmender Höhe lässt die Kraft der Tongebung nach. Im zweiten Satz bemüht er sich um ein ausdrucksvolles Spiel. Im Rondo spielt das Orchester zu schwerfällig, fast betulich, ohne Esprit; darunter leidet die gesamte Darbietung.

26 Jahre später bringt EMI eine Neuaufnahme aller Violinkonzerte mit Menuhin heraus. Hier begleitet ihn sein „Hausorchester“, das Bath Festival Orchestra, das auch in Personalunion von ihm geleitet wird. Auch hier will sich bei mir kein Mozart-Glück einstellen, das Orchester klingt zu groß, man wünschte sich eine differenziertere Vorgehensweise, auch bei Menuhins Geigenspiel. Sein Instrument produziert wenig Klangfarben, die Dynamik bewegt sich sehr oft im Bereich des mf. Das Rondo wird jetzt schneller als früher gespielt, das Orchester klingt aber zu schwerfällig mit eingeengter Dynamik.

Arthur Grumiaux

Drei Aufnahmen liegen mit dem belgischen Meistergeiger vor. Die älteste wurde in Wien aufgenommen, bei der Rudolf Moralt die Wiener Symphoniker dirigierte. Acht Jahre später musste eine neue Gesamteinspielung in Stereo her, hier dirigierte Colin Davis das London Symphony Orchestra. In dieser Neuaufnahme spielt Grumiaux leichter und lockerer, ohne den etwas herben Ton der früheren Aufnahme. Der zweite Satz strahlt, trotz eines etwas bewegteren Tempos mehr Ruhe aus, und verfügt auch über einen höheren Spannungsgrad.

Zur Zeit der ersten Aufnahme besuchte Grumiaux auch des Musikfestival im französischen Prades, das von Pablo Casals gegründet und geleitet wurde. Casals lässt beim G-Dur-Violinkonzert gewichter spielen, jedoch nicht langsamer. Leider ist das Klangbild kompakt ausgefallen, besonders in den Tutti-Abschnitten. Grumiaux passt sich bei seinem Spiel der Auffassung des Dirigenten an, jeder Anflug von Rokoko-Zärtlichkeit kann nicht aufkommen. Im Adagio nimmt er mehr Bogendruck, erreicht aber ein ruhiges Aussingen der Musik. Der Andante-Einschub im Rondo könnte etwas lockerer gespielt sein.

Bei der Wiener Aufnahme kann ein leises dumpfes Rauschen im Hintergrund als störend aufgefasst werden, bei Casals sind es die üblichen Publikumsgeräusche.

Isaac Stern

Stern ist nicht unbedingt als Mozart-Interpret aufgefallen, seine Interpretation des G-Dur-Konzerts mit einem männlich durchgeformten Geigenspiel kann sich jedoch hören lassen und übertrifft viele seiner Kolleginnen und Kollegen. Einen großen Anteil an diesem positiven Eindruck gebürt auch seinem Begleiter George Szell, der einen lebendigen und durchgeformten Orchesterpart beisteuert, das Zusammenspiel ist vorbildhaft. Im vergleichsweise langsamen Adagio werden große Spannungsbögen gezogen, die Musik kann atmen. Einen weniger vorteilhaften Eindruck hinterlässt Sterns frühe Aufnahme, in der er auch das Columbia Chamber Orchester leitet. Dieses agiert mir zu schematisch und auch zurückhaltend; klanglich ist es gegenüber der Geige zurückgestellt. Trotz des schnelleren Tempos gegenüber Szell klingt hier der Mittelsatz etwas gezogen.

Thomas Zehetmair

14 Jahre nach seiner Ersteinspielung hat sich Thomas Zehetmair erneut allen Mozart-Konzerten zugewandt. War das G-Dur-Konzert in der Erstaufnahme insgesamt mehr technisch als künstlerisch bewältigt und stellenweise etwas steril klang, ist die Neuaufnahme, in der Frans Brüggen das Orchester leitete, von größerer Dichte und Mozart-Nähe. Sein Geigenspiel ist jetzt differenzierter und besitzt mehr Farben. Der zweite Satz klingt wie eine Arie, wobei die Pizzicati der Bässe jetzt ein Quäntchen mehr Nachdruck vermitteln, das ist aber der entscheidende Unterschied gegenüber früher. Das Klangbild in lauten Tutti-Passagen fällt leider ein wenig dumpf aus.

Anne-Sophie Mutter

Ihre erste LP mit Mozart-Violinkonzerten unter Leitung von Herbert von Karajan machte die junge Solistin weltberühmt. Im Falle des G-Dur-Konzerts spielt sie sehr gleichmäßig, breit und mit viel Bogendruck. Karajan trägt sie auf Händen, kann aber sein fragwürdiges Mozart-Verständnis in der Instrumentalmusik nicht ablegen: Sein Orchester ist zu groß besetzt, bei Tutti-Stellen werden die Geigen vorgezogen und die Bläser müssen zurücktreten. Das klingt wie sein Beethoven-Spiel bei den beiden ersten Sinfonien. Die Tempi sind in allen Sätzen zurückgenommen. Der zweite Satz wird im romantischen Geist gespielt und mit viel Zuckerguss überzogen. Auch das Rondo klingt wenig abwechslungsreich.

Die reife Geigerin legt nach fast dreißig Jahren nun eine eigenverantwortete Neuaufnahme vor, bei der sie auch das London Philharmonic Orchestra leitet. Dieses Orchester spielt nun viel schlanker, mit mehr Mozart-Nähe. Auch die Geigerin hat zu einer lockeren Vortragsweise gefunden und es kommt zu einem guten Zusammenspiel. Der Knackpunkt ist auch hier das Adagio, das zwar schön gespielt, jedoch dabei etwas wie zelebriert klingt. Die Streicher wünschte man sich etwas pulsierender.

Frank Peter Zimmermann

Zimmermanns erste Aufnahme des G-Dur-Konzerts entstand in Zusammenarbeit mit Wolfgang Sawallisch und den Berliner Philharmonikern, wobei man sich über ein Musizieren in partnerschaftlichem Geist erfreuen konnte. Im Gegensatz zur Mutter-Aufnahme mit Chefdirigent HvK spielen die Musiker jetzt immer locker bei sehr guter Balance und Transparenz. Zimmermann erfreut mit schlankem und flexiblen Geigenton. Im Adagio gelingt ihnen ein beglückendes Mozart-Spiel. 18 Jahre später erfolgt nun eine Neuaufnahme des Konzerts im Rahmen einer Gesamteinspielung mit dem auf Mozart-Größe geschrumpften Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks, das der 1. Konzertmeister Radoslaw Szulc leitet. Zimmermanns Geigenton hat inzwischen ein wenig mehr Fülle zugelegt, auch spielt er jetzt etwas differenzierter. Im zweiten Satz gelingen ihm mehr dynamische Schattierungen als früher.Die orchestrale Seite kann jedoch weniger glänzen: Das Kammer-Orchester spielt weniger durchgeformt, eher etwas pauschal und bleibt in der Begleitrolle. Ein falscher Einsatz T. 149 wurde nicht bemerkt und korrigiert, hier setzt das Orchester eine Viertel zu spät ein. Klanglich ist die Neuaufnahme der alten überlegen.

eingestellt am 07.01.05

Neufassung und Ergänzung am 20.06.21



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