Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Wolfgang Amadeus Mozart

 3. Hornkonzert Es-Dur KV 447

Allegro – Romanze, Larghetto – Rondo, Allegro

Neubearbeitung und Ergänzung Mai 2021

   

Die Nummerierung der 4 Hornkonzerte von Mozart, wie sie Köchel vorgenommen hatte, spiegelt nach neueren Forschungen nicht ihre genaue Entstehung wieder. Das als Nr. 1 bezeichnete D-Dur-Konzert KV 412 rückt auf den letzten Platz, wie neuere Untersuchungen von Mozarts Notenpapier ergeben haben, es ist auch von Mozart nicht mehr fertiggestellt worden. Am Anfang steht nun das Konzert Es-Dur KV 417, dann kommt Es-Dur KV 495, gefolgt von Es-Dur KV 447, mit Klarinetten und Fagotten. Es behält seinen angestammten 3. Platz. Während in den vorangegangenen Konzerten zu den Streichern zwei Oboen und zwei Hörner traten, werden letztere hier durch zwei Klarinetten und zwei Fagotte ersetzt, wodurch der Gesamtklang ein wenig eingedunkelt wird.

In meiner Übersicht finden sich zunächst die Interpretationen mit Ventilhorn und modernen Instrumenten. Im Anschluss daran solche mit Naturhörnern, wie sie zu Mozarts Zeiten gespielt wurden. Die damaligen Hornisten konnten Töne außerhalb der Naturtöne des betreffenden Horns, hier beim Es-Horn es, g und b, nur mit einer ausgeklügelten Stopftechnik (mit rechter Hand oder Faust im Trichter) erzeugen. Ignaz Leutgeb (in Salzburg „Leitgeb“ genannt), für den Mozart seine Konzerte verfasste, muss ein Meister dieser besonderen Tonerzeugung gewesen sein.

Dem ersten Satz liegt eine einfache Sonatenform zugrunde, ohne spezielle satztechnische und kontrapunktische Besonderheiten, die Mozart so liebte. Am Ende der Reprise ist dem Solisten Raum für eine Kadenz gelassen. Die meisten hier versammelten spielen hier eine eigene Kadenz.

Im langsamen 2. Satz nehmen wenige Solisten in T. 26 die 8 Achteln auf c, (klingend es) zum Anlass, hier eine kleine Verzierung anzubringen (Civil bei Kempe und Marriner, Tuckwell-EMI sowie Baumann bei Harnoncourt). Vielleicht übersehen sie, das im folgenden Takt 2. Violinen, Bratschen und Bässe die 8 Töne des Horns laut in g-Moll wiederholen, da sehe ich einen Zusammenhang, der nicht durch eine Verzierung abgewürgt werden sollte. Mich erinnert diese Stelle an das Auftreten des steinernen Komturs im Finale des „Don Giovanni“: ta-ta-ta-ta, die Oper wurde 1787 uraufgeführt, also in zeitlicher Nähe des 3. Konzertes.



5

Alan Civil

Neville Marriner

Academy of St. Martin-in-the-Fields

Philips

1971

14‘34


5

Alan Civil

Rudolf Kempe

Royal Philharmonic Orchestra London

EMI

1966

14‘33


5

Barry Tuckwell

Neville Marriner

Academy of St. Martin-in-the-Fields

EMI

1971

14‘26


5

Barry Tuckwell

Peter Maag

London Symphony Orchestra

Decca

P 1960

15‘10


5

Radovan Vlatkovic

Jeffrey Tate                    

English Chamber Orchestra

EMI

P 1987

15‘35


Solist mit schönem gerundetem Ton, souveräne Wiedergabe, Dirigent sorgt für einen farbigen Klang, lebendiges Musizieren, gutes Miteinander, sehr gute Balance und Transparenz, Höhepunkt ist der 2. Satz, in dem die Musik schön ausgesungen und viel Wärme spürbar wird

5

Alessio Allegrini

Claudio Abbado

Orchestra Mozart

DGG

2005-07

14‘51


ausdrucksvoller Hornklang, phantasievoller Vortrag, vor allem im Finalsatz, Abbado jetzt mit mehr Aufmerksamkeit und Inspiration, gutes Miteinander

5

Hermann Baumann

Pinchas Zukerman

St. Paul Chamber Orchestra

Philips

1984

16‘10


Baumann lässt die Herkunft des Waldhorns vom Naturhorn nicht vergessen, frisches und farbiges Musizieren, gute Differenzierung, stimmige Tempi, klangschöne Aufnahme


4-5

Dennis Brain

Hans Rosbaud

SWF Sinfonie-Orchester Baden-Baden

SWR Classic

1953

14‘58


4-5

Dennis Brain

Herbert von Karajan  

Philharmonia Orchestra London

EMI

1953

15‘56


4-5

Dennis Brain

Günter Wand

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

hänssler

1951

13‘45


4-5

Peter Damm

Neville Marriner

Academy of St. Martin-in-the-Fields

Philips Decca

1988

15‘53


4-5

Peter Damm

Herbert Blomstedt

Staatskapelle Dresden

Eterna Eurodisc

1974

15‘36



4-5

Alan Civil

Otto Klemperer

Philharmonia Orchestra London

EMI

1960

16‘05


4-5

Barry Tuckwell, Horn und Ltg.

Philharmonia Orchestra London

Collins Regis

~ 2000

14‘43


4-5

Richard Watkins

Richard Hickox

City of London Sinfonia

IMP

1987

14‘27


in den Ecksätzen ausdrucksstarkes Musizieren, mit ansteckender Spielfreude, immer locker bleibend, bewegt gespieltes Larghetto

4-5

Bruno Schneider

Bruno Giuranna

Orchestra da Camera di Podava e del Veneto

Claves

1991

15‘30


geschmeidiges Hornspiel, sorgfältige Wiedergabe, sehr solide, es sprühen jedoch keine Funken – gute Balance und Transparenz



4

Gerd Seifert

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1968

16‘39


Seifert versteht sein Horn-Handwerk und verfügt über ein gutes Gefühl für Mozarts Meisterwerk. Karajan begleitet aufmerksam, entfaltet jedoch einen breiten philharmonischen Klang, vor allem an Tutti-Stellen, der nicht so recht mit Mozarts eher kammermusikalisch konzipiertem Satz korrespondiert.

4

Felix Klieser, Horn und Ltg.

Camerata Salzburg

Berlin Classics

2018

14‘11


Hornton nicht immer weich, offener Klang, aufmerksam unterstützendes Orchester, insgesamt jedoch etwas pauschal, bewegte Tempi, auch im Larghetto

4

William Ver Meulen

Christoph Eschenbach

Houston Symphony Orchestra

IMP

1993

15‘24


I frisch voran, lustbetontes Musizieren, auch in der Kadenz, II sensibel, Atmosphäre, Allegro assai, etwas zu gehetzt – gute Balance und Transparenz

4

Günter Högner

Karl Böhm

Wiener Philharmoniker

DGG

1978

15‘20


Wiener F-Horn, Hornton nicht so klar, leicht verschattet; man meint, die Töne treten nicht immer vollständig aus dem Trichter heraus und einige blieben darin stecken; Holzbläser eher in den Orchesterklang integriert, Böhm dirigiert etwas pauschal, hört sich nach Pflicht an – I 2. Th. kein p

4

David Pyatt

Neville Marriner

Academy of St. Martin-in-the-Fields

Erato

1996

14‘54


Pyatt klingt so, als würde er nur 90% statt 100% investieren, er tritt weniger solistisch hervor, Hornglanz will nicht aufkommen, Marriner und seine Academy auf gewohnt sehr hohem Niveau – hier wird Mozarts Musik nicht richtig zum Leben geweckt



3-4

Dale Clevenger

János Rolla

Franz-Liszt- Kammerorchester

Sony

1987

16‘37


sachliche Musizierhaltung,  Solist zieht etwas, wenig Inspiration zu spüren, Orchester besser aufgefächert als bei Abbado

3-4

Dale Clevenger

Claudio Abbado

Chicago Symphony Orchestra

DGG

1984

15‘57


sachliche Musizierhaltung, nur Mozarts Noten, eine Interpretation wird nur wenig vermittelt, Tutti-Klang wenig aufgefächert, zu philharmonisch, Finale gefällt am besten

3-4

Miroslav Štefek

Karel Ancerl

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1966

14‘46


vermutlich älteres Horn – Orchesterklang weniger differenziert, Dynamik etwas pauschal, klingt eher nach einer Pflichtaufnahme – II bewegt

3-4

Jonathan Williams

Alexander Schneider

Chamber Orchestra of Europe

ASV

P 1986

14‘57


guter Solist, insgesamt zu unbekümmert gespielt, klingt wie nur durchgespielt, für ein Kammerorchester spielt das COE wie in einem sinfonischen Stil, Begleitung etwas lieblos

3-4

William Purvis

Orpheus Chamber Orchestra

DGG

1987

15‘38


Purvis spielt und gestaltet im Sinne der Partitur, Hornton jedoch etwas flattrig, klingt wie ein übertriebenes Vibrato, Orchesterbegleitung als Block, zu glatt, einige Verzierungen im 2. Satz

Interpretationen nach historischer Aufführungspraxis, teilweise mit Naturhorn und Originalinstrumenten

5

Anthony Halstead

Christopher Hogwood

The Academy of Ancient Music

Decca

1993

13‘44


geschmeidiges und aufmerksames Musizieren, con spirito, Halstead ein Virtuose auf dem Naturhorn, einige zusätzliche Verzierungen, bewegtes Larghetto

5

Hermann Baumann

Nikolaus Harnoncourt

Concentus Musicus Wien

Telefunken

1973

15‘29


Baumann ein Virtuose in der Beherrschung des Naturhorns; etwas asketischer Klang, bedingt durch Verwendung der Originalinstrumente, zweistimmiges Musizieren an wenigen Stellen  der eigenen Kadenz

5

Louis-Philippe-Marsolais

Matthieu Lussier

Le Violons du Roy

Atma

2016

14‘10


bewegtes und geschmeidiges Musizieren, abwechslungsreiche Gestaltung des Hornparts, gutes Miteinander, I T. 5-7 weniger transparent

5

Lowell Greer

Nicholas McGegan

Philharmonia Baroque Orchestra

HM-US

1988

14‘33


frisches Tempo in I, farbiges Klangbild, differenziertes Musizieren, beim Horn Unterschiede zwischen Naturtönen und gestopften Tönen gut zu verfolgen, gut geeignet zu Demonstrationszwecken


4-5

Johannes Hinterholzer

Ivor Bolton

Mozarteum Orchester Salzburg

Oehms

P 2006

14‘32


genau fokussierter Hornton, jedoch etwas eng oder schmal, so, als hätte er den Horntrichter noch nicht ganz verlassen; gutes Miteinander, geschmeidiges Orchester, immer bewegte Tempi, zweistimmiges Musizieren an wenigen Stellen der eigenen Kadenz, wie Baumann

4-5

Ulrich Hübner

Jos van Immerseel

Anima Eterna

ZigZag

2005

14‘50


Horn (weicher Ansatz) tritt im Gesamtklang etwas zurück, Hornist eher primus inter pares, Bläser immer präsent und verleihen dem Orchester einen farbigen Klang, lebendiges Musizieren mit Spielfreude


4

Ab Koster

Bruno Weil

Tafelmusik

Sony newton

1993

16‘22


Hornpart ähnlich Baumann, insgesamt solider Vortrag, moderate Tempi, wenig aufregend, gute Balance und Transparenz

4

Hubert Crüts

Collegium Aureum

DHM

1973

15‘30


Solist kommt mit viel weniger Stopftönen aus als Baumann, Orchester (ad hoc, Spieler treffen sich zu Arbeitsphasen) eher zum philharmonischen Stil neigend, jedoch mit weniger Feinschliff



Hinweise zu Interpreten und Interpretationen

Dennis Brain

Dennis Brain ist der Sohn des britischen Hornisten Aubrey Brain, der u. a. mit Adolf Busch musizierte und bei Plattenaufnahmen mitwirkte. Sein Sohn Dennis wurde Solo-Hornist des Philharmonia Orchesters London. Bevor er seine Gesamteinspielung mit Herbert von Karajan 1953 vorlegte, hatte er das 3. Konzert bereits zwei Jahre zuvor mit Günter Wand und dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester aufgenommen und im selben Jahr, jedoch fünf Monate vorher, mit Hans Rosbaud und dem SWF Sinfonie-Orchester Baden-Baden eingespielt, dabei war auch noch das Konzert KV 417. Diese Rundfunk-Aufnahmen blieben auf den Hörerkreis des jeweiligen Senders beschränkt und nur wenige wussten von ihnen. Erst infolge der Columbia-LP stiegen der Bekanntheitsgrad von Brain und der Mozart-Konzerte bei den Musikfreunden. Von früheren Gesamtaufnahmen habe ich keine Kenntnis. Die Aufnahmen mit Wand und Rosbaud sind mittlerweile in umfangreichen Boxen bei SWR Classic und hänssler greifbar. Karajan liefert zu Beginn des 1. Satzes einen wenig durchsichtigen Orchesterbrei, das ändert sich aber sofort zum Besseren, wenn der Solist auftritt. Dieser spielt souverän, sein Hornton ist genau fokussiert und geht wenig in die Breite. Die Bläser sind meistens in den Orchesterklang integriert. Das Miteinander von Solist und Dirigent ist zu loben, am besten gefällt der langsame Satz. Hans Rosbaud bringt mehr Licht in den Orchestersatz, Klarinetten und Fagotte nehmen den von Mozart vorgesehenen Platz ein. Brains Horn tritt mehr heraus, besitzt eine höhere Präsenz. Das POL spielt im Vergleich jedoch etwas frischer und lockerer. Günter Wand lässt in allen Sätzen etwas schneller spielen, so klingt das Larghetto weniger intensiv als bei Rosbaud und Karajan. Das Horn besitzt jedoch nicht immer die Präsenz, die bei Rosbaud erzielt wurde. Diese Interpretation stelle ich an die erste Stelle.

Alan Civil

Alan Civil hat Mozarts 3. Hornkonzert dreimal eingespielt. Bei der ersten Aufnahme stand Otto Klemperer am Pult des POL, Civil war zu dieser Zeit, als Nachfolger von Brain, Solo-Hornist des Orchesters. Klemperer agiert genau im Sinne der Partitur, lässt sehr akkurat und streng spielen bei etwas zurückhaltenden Tempi. Es fehlen etwas die Lockerheit und der Charme. Das spürt man in den anderen beiden Aufnahmen mit Kempe und Marriner besser. Marriners Orchesterbehandlung ist vom Feinsten, mit seiner wachen Aufmerksamkeit schafft er eine beste Balance zwischen Bläsern und Streichern. Viel Wärme strahlt der 2. Satz aus. Insgesamt ist hier das Horn mehr in den Orchesterklang eingebettet als bei den beiden anderen Aufnahmen. Noch einmal zurück zu Klemperer: hier sind die vier sfp in den Takten 49-51 (Horn, Streicher, Bläser) am genauesten fokussiert, das gelingt weder Kempe noch Marriner so deutlich.

Peter Damm

Damms erste Aufnahme entstand mit Blomstedt und der Staatskapelle Dresden, dessen 1. Solohornist er damals war. Die Platte ist also ein Heimspiel. Damm verfügte über einen schönen und genau fokussierten Hornton. Der Klang geht weniger in die Breite und klingt hier vielleicht etwas asketisch. Blomstedts Begleitung ist etwas zurückhaltend, als wolle er seinem Solospieler den Vortritt lassen. Höhepunkt ist hier der 2. Satz. Die zweite Aufnahme entstand 14 Jahre später in London mit Marriner und seiner Academy. Marriner lässt geschmeidiger musizieren, bei kleinerer Orchesterbesetzung, es gelingt ihm auch ein saftiges Klangbild.

Barry Tuckwell

Neben Civil war Barry Tuckwell Londons bekanntester Hornist in den 1960/1970er Jahren. Der Australier war langjähriger Solohornist des London Symphony Orchestra. Auch von ihm liegen drei Aufnahmen vor. Die erste vermutlich aus 1959 mit dem als Mozart-Interpret ausgewiesenen Peter Maag. Es ist eine gelungene Interpretation mit einem schönen langsamen Satz. Sie wird jedoch übertroffen von der folgenden, in der Neville Marriner und die Academy of St. Martin-in-the-Fields seine Partner waren. Hier kommen die Holzbläser besser heraus und das Orchester spielt geschliffener als das LSO. Im Final-Rondo bringt Marriner mehr Dramatik ins Spiel. Fast dreißig Jahre später nahm Tuckwell noch einmal das 3. Hornkonzert auf, dabei leitete er auch selbst das Philharmonia Orchester. Die Aufnahme bleibt aber hinter Maag und Marriner zurück. Das Orchester spielt gut, pflichtgemäß, aber nicht so locker und spritzig wie die beiden anderen. Die Holzbläser treten klanglich zurück und damit ist auch die Balance nicht ganz im Lot.

eingestellt am 31. 12. 04

letzte Ergänzung am 28. 05. 21

 

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