Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Franz Schubert


8. (7.) Sinfonie h-Moll D. 759 „Unvollendete“


Allegro moderato – Andante con moto


Alle Klassikfreunde kennen die Unvollendete und oft stehen mehrere Interpretationen in ihrem Plattenregal. Sie haben sich in ihrem Hörerleben die Struktur des Werkes und ihren Klang eingeprägt und glauben zu wissen, wie es aufzuführen ist. Es ist nicht leicht, sich von eingefahrenen Hörgewohnheiten zu trennen und sich anderen Sichtweisen zu öffnen. Da hat es ein Interpretationsvergleich schwer, gerade dann, wenn er bei den meisten Lesern ohne Blick in die Partitur geführt wird. Bei der Unvollendetenliegt der Teufel“ sprichwörtlich im Detail, und da gibt der Notentext dem Interpreten kleine aber deutliche Hinweise aus der Hand des Komponisten, die leider von manchen Interpreten übersehen oder nicht ernst genommen werden.

Zunächst stellt sich in beiden Sätzen die Frage des Tempos. Schubert schreibt über den 1. Satz Allegro moderato, also mäßig schnell. Viele Interpreten wählen dieses Tempo, einige neigen mehr zum etwas schnelleren Allegro (z. B. Toscanini, Walter, Koussevitzky, Norrington, Levine, Zender, Zinman, Jacobsen), andere denken, Schubert habe hier ein langsameres Tempo gemeint (z. B. Furtwängler, Barbirolli, Gielen, Koopman, Keitel). Sicher ganz falsch ist es, das Anfangsthema T.1-8 in Celli und Kontrabässen ganz langsam zu spielen, quasi als Einleitung, als Motto, um dann ab T. 9 in einem hörbar schnelleren Tempo fortzufahren (z. B. Brüggen, Cantelli, geradezu hektisch C. Kleiber!). Stokowski lässt die ersten 8 Takte sehr wuchtig (bedeutend) und gar nicht pp im Streichersound vorführen. In den Takten 6-8 wird nur der Ton fis ausgehalten (9 Schläge). Krips, C. Kleiber und Haselböck setzen schon ungeduldig nach dem achten Schlag ein, auch Minkowski setzt schon im T. 8 ein (auch in T. 40 zu früh), Abbado-DG-87 dagegen gibt noch einen zehnten dazu.

Ab T. 13 hat der Dirigent darauf zu achten, dass Oboen und Klarinetten gleichberechtigt zu hören sind. Leider ist das oft nicht der Fall, die Oboen drängen sich vor, besonders die dünnen, spitzen aus England, aber auch aus Wien und Amsterdam (z. B. Menuhin, Immerseel, Vegh, Maag, Otterloo, Harnoncourt, Kertesz). Die beiden Bläser sowie die begleitenden Streicher scheinen die Musik zu schnell weiterführen zu wollen – vielleicht dachte Schubert so – jedenfalls versucht er mir zwei kräftigen überraschenden Tutti-Schlägen die Entwicklung aufzuhalten (deutlich bei Harnoncourt-COA, WF-Turin, Gielen, Kertesz-WP und C. Kleiber) was jedoch wenig hilft, erst durch einen neuen Einfall des Blechs und der Pauken erhält der Musik eine neue Wendung hin zum 2. Thema.

Im Übergang zum 2. Thema T. 38-41 gibt es wieder einen langen Halteton bei den Fagotten und Hörnern, insgesamt 9 Schläge lang. Harnoncourt-COA lässt nur 6 spielen. Mit dem Takt 42 beginnt das 2. Thema, am Anfang 2 Takte Klangteppich aus Kontrabässen, Bratschen und Klarinetten. Das Pizzicato der Bässe muss gut zu hören sein, nicht zu leise (Karajan-POL, Celibidache-aura), aber auch nicht zu laut. Es ist auch wünschenswert, dass sich die Klarinetten von den Bratschen klanglich unterscheiden. Im Takt 44 setzen dann die Celli mit ihrem schönen gesangsvollen Thema ein (pp=sehr leise zu spielen), ab Takt 53 wird es von Geigen in höherer Lage wiederholt, auch im pp! Einige Dirigenten lassen hier die Geigen (viel) lauter spielen (z. B. Stokowski, Horenstein, Schuricht-WPh, Krips, Masur, Neumann). Andere bringen das Thema langsamer (z. B. C. Kleiber, Sinopoli-Dresden).

Nachdem Schubert das 2. Thema ausführlich durchgeführt hat, folgt ab T. 105 bis zum Wiederholungszeichen in T. 109 ein langer Ton h von Oboen, Fagotten und Hörnern, während alle Streicher dazu kontrastierend gezupfte Töne spielen, alles pp!! In Blomstedts Dresdner Aufnahme klingt diese Stelle überraschend ganz fahl, ratlos. Die Bläser sind außerdem als Einzelstimmen zu unterscheiden, nicht als Block wie bei fast allen anderen Aufnahmen. Mich überzeugt diese Lesart ungemein. Zu Beginn der Durchführung ab T. 110 treten zu den genannten Bläsern noch Flöten, Trompeten und Posaunen hinzu. Im Takt 113 wechselt die Klarinette vom notierten Ton a zu c. Auf diesen kleinen Tonwechsel wartet der kundige Hörer meist vergebens. Lediglich P. van Kempen, Keilberth, Kempe, C. Davis, Immerseel, Maazel-WP, Kertesz, Gielen, Keitel, Dausgard und Muti schenken diesem Takt ihre Aufmerksamkeit.

Die Durchführung wird vom 1. Thema beherrscht, es beginnt wie am Anfang des Satzes, nun in e-Moll. Celli und Kontrabässe spielen immer tiefere lange Noten, alles ist sehr leise zu halten. Dann setzen Geigen ein (T. 122), zwei Takte später Bratschen und Fagotte (Engführung), in Takt 124 kommen dann noch Bläser hinzu, erst hier schreibt Schubert f vor, ab T. 139 ein Crescendo (lauter werden) und auf dem Höhepunkt T. 146 soll dann kurz ff erreicht werden. Der 25jährige Schubert schuf hier eine grandiose dramatische Steigerung. Leider misstrauen viele Dirigenten Schuberts Anweisungen und glauben ihn verbessern zu müssen: Die Geigen setzen schon in T. 122 viel zu laut ein (z. B. bei Kertesz, Levine, Cantelli-NBC), in Takt 124 ist dann schon ff erreicht. Furtwängler ergänzte Schuberts Instrumentation und fügte im Takt 146 noch Pauken hinzu. Der sonst so überaus korrekte Böhm beginnt T. 122 deutlich langsamer und beschleunigt dann das Tempo. Bei Karajan-75 wird T. 121 gedehnt. Bei Muti dürfen die philharmonischen Geigen aus Wien mit üppigem Vibrato glänzen. Harnoncourt beschleunigt diese Stelle, als misstraue er der Musik. Stokowski inszeniert hier einen mächtigen Auftritt im Hollywood-Sound, imposant! (Schuberts Absicht?). Nach diesem ersten Höhepunkt setzt Schubert noch einen zweiten drauf: T. 170-176 spielt das gesamte Orchester wie ein Ausrufezeichen das 1. Thema, jetzt in e-Moll. Posaunen wiederholen den Themenkopf zweimal in Engführung mit allen Holzbläsern (T. 178-180 und T. 182-184), während die Posaunen präsent im Klangbild stehen, versäumen ist die meisten Dirigenten, die Holzbläser nach vorn zu bringen, obwohl die Partitur kein p/pp vorsieht! Stattdessen beherrschen Geigen und Bratschen das Klangbild. Einigermaßen zufriedenstellend hört man die Takte nur bei Walter, Davis-Dres, Zinman, Fricsay, Harnoncourt, Norrington und einigen anderen lassen sich die Holzbläser bloß erahnen. Auch die restlichen HIP-Interpreten, von denen ich es erwartet hätte, werfen leider kein Licht auf Schuberts logische Instrumentation.

In Takt 218 setzt die Reprise ein. Einige Dirigenten haben das Tempo zuvor verlangsamt und lassen das Orchester jetzt wieder schneller spielen (z. B. Britten, C. Kleiber, Levine). Man könnte noch mehr beleuchten, aber ich beschränke mich zuletzt auf eine Stelle, die nach dem ersten Höhepunkt der Durchführung dreimal nacheinander erscheint: T. 150-153, T. 158-161 und T. 166-169. Der Hörer kennt die Stelle, Flöten und Geigen spielen leise jeweils 4 Takte metrisch versetzte Noten (zuvor Begleitung des 2. Themas), während die Streicher absteigend gezupfte Töne erklingen lassen. Aber Schubert hat dieser etwas ratlos klingenden Stelle noch 2 Fagotte beigegeben, die lange Haltetöne zu spielen haben und so die drei Stellen in einen magischen Klang verwandeln, falls die Fagotte beachtet werden, d. h. ein klein wenig lauter spielen dürfen. In den meisten Aufnahmen sind diese Takte glatt verschenkt! Einzig beim gelernten Klarinettisten Colin Davis in seiner Dresdner Aufnahme – angedeutet auch von Fricsay – klingt diese Stelle so, wie sie sich der Komponist (wahrscheinlich) gedacht hat.


Im 2. Satz möchte ich noch auf vier Stellen hinweisen, die mir für die Interpretation wichtig erscheinen. Zunächst wieder die Tempofrage, Schubert hat den Satz mit Andante con moto überschrieben, also gehend, schreitend, mit Bewegung. Wie im ersten Satz lassen einige Dirigenten etwas (zu) langsam spielen (z. B. Walter-NY, Neumann), andere halten sich eher an das con moto und geben ein schnelleres Tempo vor (z. B. Knappertsbusch, Münch, Markevitch, Norrington, Goodman), fast schon in der Nähe eines Allegros lassen Zinman und Jacobsen spielen. Das 1. Thema (E-Dur) wird ab T. 32 durch einen Marsch im ¾-Takt unterbrochen. Hier ist sehr darauf zu achten, dass man die Holzbläser und die Posaunen deutlich hört, Hörner und Trompeten jedoch müssen ein wenig zurücktreten. Die Stelle scheint mir eine Vorwegnahme des Trios aus seiner letzten Sinfonie zu sein. Schubert fasst jeweils vier Takte sinnhaft zusammen. Gelungen klingt es bei Furtwängler, Casals, Reiner, Krips, Gielen, Münchinger, Swarowsky, Maag, Fjeldstad, Kertesz, Holliger, Minkowski, Manacorda, Dausgaard sowie wenigen anderen.

Im 2. Thema (cis-Moll) ab T. 64 legt Schubert einen Klangteppich in den Streichern aus, über den sich die 1. Klarinette erheben darf. Die Qualität des Instruments und die Sensibilität und Atemreserven ihres Spielers sind zu bestaunen. In T. 82 erreicht die Musik dann Cis-Dur. Danach übernimmt die Oboe die Führung (enharmonisch gewechselt in Des-Dur). In diesen Takten liegt ein unheimlicher Zauber, der sich jedoch bei grobem, undifferenziertem Spiel nicht einstellt. Es scheint, als habe Schubert hier schon den Impressionismus vorausgeahnt.

Von ähnlicher Qualität ist der Schluss des 1. Teiles (T. 133-141): das 1. Horn wechselt sich taktweise mit Oboe, Flöte und Klarinette ab (alles pp!). Darunter wieder ein Klanggespinst aus Streichern (C-Dur), wobei die 2. Geigen pendeln: c-h-ais-h-c. Diese leise Pendel-Bewegung kommt bei vielen Interpretationen nicht deutlich heraus. In T. 140/41 erfolgt dann fast unmerklich die Modulation nach E-Dur in den Celli, Kontrabässen und Bratschen, alles von Schubert sehr subtil ausgedacht. Lehmann, Wand, Horenstein, Otterloo, Neumann, Sawallisch, Kletzki, Kertesz, Maazel-BR, Celibidache-aura, Zinman, Holliger und Dausgaard hatten das richtige Gespür für diese eindrucksvolle Stelle.


Ich muss gestehen, das Nicht-richtig-ernst-nehmen des Notentextes, die vielen Unterlassungen oder Übertreibungen können letztendlich die Unvollendete nicht gefährden, auch darin zeigt sich die Qualität dieser einzigartigen Komposition!


Hier nun die Aufnahmen:


Michael Gielen

SWR Sinfonie-Orchester Baden-Baden

SWR

2010

30'41

5

live, unveröffentlicht – Gielen durchleuchtet die Partitur, I molto moderato, sehr ernsthaft, molto espressivo, II großbogige Gestaltung, subtile Differenzierung – breite dynamische Palette, mit weitem Atem, eine Sternstunde!

Fritz Lehmann

Berliner Philharmoniker

DGG

1952

27‘14

5

W – I Lautstärke schon am Anfang genau dosiert, völlig unsentimental, nur die Musik, deutliche Pizzicati, II T. 130 ff !, genau kalkuliertes dim. bei T. 139 ff

Herbert Blomstedt

Staatskapelle Dresden

Berlin Classics

1980

24‘08

5

Holzbläser als Einzelinstrumente zu hören, nicht nur als Bläserblock, I T. 106-114 klingen nach der Engführung des 2. Th. ganz fahl

Herbert Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestra

Decca

1990

26‘22

5

W – I Dynamik in T. 66 sehr genau umgesetzt, T. 106-114 wie 1980, aber nicht ganz so überraschend, Klang nicht ganz so offen

Colin Davis

Sächsische Staatskapelle Dresden

RCA

1996

26‘56

5

W,

Günter Wand

Berliner Philharmoniker

RCA

1995

27‘28

5

W – live,

Günter Wand

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

DHM/RCA

1980

26‘50

5

W,

Günter Wand

Sinfonie-Orchester des NDR

RCA

1991

28‘00

5

W – live,

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

DGG

1952

23‘57

5

live,

George Szell

Cleveland Orchestra

CBS

1957

23‘09

5

sorgfältig und genau

Carlo Maria Giulini

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Sony

1995

28‘24

5

W – live, sehr ernst und konzentriert

Carlo Maria Giulini

Chicago Symphony Orchestra

DGG

1978

27‘34

5

W - sehr ernst und konzentriert

Fritz Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA

P 1961

23‘56

5

I Reiner Anwalt der Partitur, streng und herb, Holzbläser klanglich gut aufeinander abgestimmt, II sehr gute dynamische Abstufungen – gute Balance und Transparenz



Günter Wand

Münchner Philharmoniker

hänssler

2000

26'48

4-5

W – live,

Jascha Horenstein

BBC Symphony Orchestra

BBCL

1971

24‘51

4-5

live – I Klar und Va T. 42 ff. in guter Balance, Einsatz der Vl ab T. 77 allerdings zu laut, II moderates Tempo

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

audite

1953

23'06

4-5

live,

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

SWF

1954

23‘39

4-5

live,

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

WFG audite

1948

23‘24

4-5

live,

Wilhelm Furtwängler

Wiener Philharmoniker

EMI

1950

23‘23

4-5

nicht ganz so zwingend wie die live-Aufnahmen,

Bruno Walter

Wiener Philharmoniker

EMI

1936

21‘16

4-5

Bruno Walter

New York Philharmonic Orchestra

CBS Sony

1958

24‘54

4-5

Otto Klemperer

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

EMI

1966

25‘40

4-5

W – live,

Lorin Maazel

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

2001

25'08

4-5

W – live, I großer cresc.-Bogen ab T. 121, hätte anfangs leiser sein können, II bewegt, atmosphärereiche p-pp-ppp-Abschnitte – durchgeformt, klanglich sehr hohes Niveau

Wolfgang Sawallisch

Staatskapelle Dresden

Eterna

Philips

1967

28'12

4-5

W – I sauber musiziert, warm klingende Pizzicati der Bässe, Sawallisch hat das Tempo im Griff, II fast schon Adagio, sehr gute dynamische Staffelung, Atmosphäre – transparenter Klang

Kleiber, Carlos

Wiener Philharmoniker

DGG

1978

24‘22

4-5

W I Kleiber nimmt die ersten 8 Takte wie eine Einleitung, auch bei der W, ab T. 9 hektisch, 2. Th. deutlich langsamer, II subtil differenziert, artikulatorische Feinarbeit – sehr guter Analog-Klang

Peter Maag

Philharmonia Hungarica

Vox

Membran

1969

23‘29

4-5

Gut klingende Aufnahme, transparent und die Balance stimmt auch. Einige Nachlässigkeiten sind jedoch anzuzeigen: I T. 13 ff. spielen die Oboe lauter als die parallele Klarinette, Fagotte und Hörner verkürzen T. 39/40 ihren Ton d und in T. 53 setzen die Geigen zu laut ein. Das Andante ist weitgehend frei von solchen Nachlässigkeiten und besitzt Atmosphäre.

Colin Davis

Boston Symphony Orchestra

Philips

1983

26‘37

4-5

W,

Bernard Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1975

25‘52

4-5

W – sehr geschlossen klingend, plastisches Musizieren

Pierre Monteux

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1963

25‘08

4-5

W – konzentriert und zwingend, dramatisch, mit viel Klangsinn

Georg Solti

Wiener Philharmoniker

Decca

1984

28‘49

4-5

W – I intensiv, aber nicht düster, unspektakulär

Otto Klemperer

Philharmonia Orchestra London

EMI

1963

25‘01

4-5

W,

Otto Klemperer

Wiener Philharmoniker

DGG

1968

27‘34

4-5

W – live,

Otto Klemperer

Staatskapelle Berlin

Polydor archiphon

1924

22‘34

4-5

Igor Markevitch

Orchestre National Paris

EMI

1955

21‘58

4-5

klingt trotz ihres Alters erstaunlich gut

Paul van Kempen

Dresdner Philharmonie

DGG Berlin Classics

~ 1940

22‘51

4-5

Schuberts Partitur als Richtschnur, überzeugende Dynamik, Blick auf Details, II Atmosphäre

Josef Krips

Wiener Philharmoniker

Decca

1969

26‘43

4-5

W,

Herbert von Karajan

Philharmonia Orchestra London

EMI

1955

23‘24

4-5

Karajan viel näher bei Schubert als in späteren Aufnahmen

Paul Kletzki

Philharmonia Orchestra London

EMI Guild

1946

24'46

4-5

I ernsthaft, großer Spannungsbogen ab T. 122, II gute dynamische Abstufung, Atmosphäre

Christoph von Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Telarc

1983

25‘59

4-5

ernsthaft, jedoch hell und klar, geschliffene Darstellung, ruhige Tempi, sehr gute Dynamik

Eduard van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1957

24‘28

4-5

W – bewegte Tempi, I überwiegend dramatisch, Streicher T. 77-85 fast schon tänzerisch, II dichtes Musizieren

Willem van Otterloo

Residenz Orchester Den Haag

Philips Challenge

1959

26‘25

4-5

W – I konzentriert, ernst, vorwärtsstrebend, Oboe dominiert etwas, Einsatz T. 53 ff. zu laut, II Bläser T. 33 ff. in Bögen – helles Klangbild

André Cluytens

Berliner Philharmoniker

EMI Testament

1960

25‘34

4-5

moderate Tempi, Affinität zu Schuberts Musik, beeindruckend, I Balance zwischen Ob und Klar nicht immer ausgeglichen, in Tutti-Abschnitten breiter Klang, II weiche Streicher-Partien – überwiegend gute Dynamik, Klangbild insgesamt etwas eingedunkelt

Jewgenij Mrawinsky

Leningrader Philharmonie

Melodya-BMG

1978

26‘30

4-5

W, live – austarierte Dynamik, moderate Tempi, I T. 145 ein Paukenschlag zu viel, II Pizzicati der tiefen Streicher zu weich, T. 33 ff. Holz in Bögen – helles Klangbild

Rudolf Kempe

Bamberger Symphoniker

BMG

1963

24‘24

4-5

konventionell, jedoch intensiv musiziert, in lauten Tutti-Abschnitten Blech-bewehrt, I Klar und Vc T.42 ff. in guter Balance, II T. 33 ff. Holz in Bögen, die T. 113 ff. könnten etwas subtiler ausfallen

Karl Münchinger

Wiener Philharmoniker

Decca

1959

26‘38

4-5

W – konventionelle Darstellung, konzentriert, gute Orchesterleistung, überzeugende Dynamik, gemäßigte Tempi

Giuseppe Sinopoli

Philharmonia Orchestra London

DGG

1982

29‘11

4-5

W – monumental, die Tragische, I molto moderato

Giuseppe Sinopoli

Sächsische Staatskapelle Dresden

DGG

1992

24‘44

4-5

W – schnellere Tempi, I 2. Th jedoch langsamer

Karl Böhm

Berliner Philharmoniker

DGG

1966

22‘55

4-5

- konventionelle Darstellung, klangschön, I T. 122 ff. Crescendo mit Accelerando gekoppelt

Hans Zender

SWR Sinfonie-Orchester Baden-Baden

hänssler

2001

25‘31

4-5

W – II könnte etwas mehr Atmosphäre haben

Erich Kleiber

Berliner Philharmoniker

Teldec

1935

21‘55

4-5

I dramatisch, trotz des Alters gute dynamische Abstufung

Horst Stein

Bamberger Symphoniker

BMG/RCA

1986

25‘53

4-5

W – I ausgewogen, T. 13 ff. Ob lauter als Klar, II objektiv, geradlinig

Carl Schuricht

Wiener Philharmoniker

Decca

1956

22‘08

4-5

Dynamik im unterern Bereich nicht ganz zufriedenstellend, Blick auf Details

Oivin Fjeldstad

Oslo Philharmonic Orchestra

RCA

forgotten records

~ 1958

22'44

4-5

I Allegro, konventionell, spannungsvoll, I Atmosphäre, Dynamik im unteren Bereich nicht ausgeschöpft – transparenter Klang



Ferenc Fricsay

Radio-Sinfonie-Orchester Berlin

DGG

1957

23‘20

4

I ernsthaft, II Fricsay betont die unterschwellige Melancholie der Musik – Klangbild nicht optimal

Claudio Abbado

Chamber Orchestra of Europe

DGG

1987

26‘22

4

W – gepflegte Darstellung, I Pk zu leise, großer Spannungsbogen ab T.122, II Pizzicati von Vc/Kb meist zu leise

Claudio Abbado

Wiener Philharmoniker

audite

1978

24'30

4

live – konzentriert, innere Spannung, II weich, Atmosphäre, weiche, aber deutliche Pizzicati

Claudio Abbado

Wiener Philharmoniker

DGG

1971

25‘13

4

live – I schwerblütig, im Tutti streicherbetont, Ob setzt sich vor Klar (T. 13 ff.), großer Spannungsbogen ab T.122, II mit Hingabe, gemächliches Tempo, warum nicht mehr pp? - Pk viel zu sehr im Hintergrund

Benjamin Britten

English Chamber Orchestra

Decca

P 1972

24‘49

4

W – kein festes Tempo, dynamisch nicht ausgeglichen, ECO breit aufgestellt, Violinen stellenweise etwas dünn, II etwas nüchtern

Adrian Boult

Philharmonia Orchestra London

BBCL

1964

23'43

4

W, live – I schlankes Musizieren, Höhepunkte nicht forciert laut, durchsichtiges Klangbild, II bewegt, ziemlich geradlinig

Carl Schuricht

Orchestre National Paris

Erato

1963

22‘14

4

live – I traditionell, II dynamisch besser als früher

Wilhelm Furtwängler

RAI Orchester Turin

Myto

1952

23'37

4

live,

Serge Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

RCA

United archives

1945

24'00

4

deutlich besserer Klang als 1936 – I konzentriert, kraftvoll, Einsatz der Geigen T. 122 zu laut, II langsamer als früher, konzentriert, innere Spannung

Serge Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

Victor History

1936

20‘33

4

I Allegro, ähnlich wie Toscanini, aber wärmer und mit mehr Klangfarben, II Andante – deutliche Tempokontraste zwischen den Sätzen, kompakter Klang, ständiges Rauschen

Bruno Walter

Philadelphia Orchestra

Columbia History

1947

22‘26

4

Bruno Walter

Bayerisches Staatsorchester

BR Orfeo

1950

23‘13

4

live,

Karel Senja

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1950

23'10

4

I konzentriert, emotionsgeladen, kraftvoll, II Hrn zu Beginn gefährdet, T. 33-44 Bläser ordnen sich Str. unter, weniger farbiges Klangbild – leichtes Rauschen

Istvan Kertesz

Wiener Philharmoniker

Decca

1963

27‘33

4

W – I ernsthaft, konzentriert, II Differenzierung nicht immer ganz ausgeschöpft

Hans Swarowsky

Orchester der Wiener Staatsoper

hänssler

1957

26‘58

4

W – deutliches Musizieren, bei lauten Stellen leicht pathetischer Habitus, Dynamik im p-Bereich nicht ausgeschöpft, vor allem im 2. Satz, einige Unsauberkeiten beim Zusammenspiel

Sandor Vegh

Camerata Salzburg

Capriccio

1994

24‘46

4

W – Gespür für Schuberts Musik, gute Dynamik, I in den ersten Takten Bass akzentuiert, Vegh erreicht bereits vor T. 142 den ersten Höhepunkt

Pablo Casals

Marlboro Festival Orchestra

CBS Sony

1968

22‘45

4

I tragischer Unterton, Tutti-Akkorde stehen nicht immer, T. 53 zu laut eingesetzt, II feinfühlig, jedoch gewaltige Tutti-Entladungen - Saalgeräusche

Hans Knappertsbusch

Berliner Philharmoniker

audite

1950

23'11

4

Studio 28.01.- I konzentriert, schwerblütig, T. 1-8 schwer lastend, 2. Th. anfangs ganz zurückgenommen, II T. 113 ff. zu laut, Ob-Solo T. 207 ff. mit leichtem Vibrato

Hans Knappertsbusch

Berliner Philharmoniker

audite

1950

23'36

4

live 30.01. - ähnlich wie im Studio, noch etwas langsamer, Publikumsgeräusche

Hans Knappertsbusch

Bayerisches Staatsorchester

Orfeo

1958

20‘50

4

live – I gute dynamische Abstufung, II keine Aufmerksamkeit für Details

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1964

24‘02

4

Streicher-betont, monumental, wuchtig, HvK bedient bestens das Klischee von der Unvollendeten als Schuberts Schicksalssinfonie

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1975

25‘35

4

klanglich im Vergleich zur DGG-Platte etwas abgespeckt, aber immer noch Streicher und Oberstimmen-betont, Pizzicati am Anfang nur Beiwerk

Leonard Bernstein

Concertgebouw Orchester Amsterdam

DGG

1987

26‘37

4

W – live, mit mehr Anteilnahme, magischer Beginn der Durchführung

Joseph Keilberth

Bamberger Symphoniker

Teldec

1960

21‘55

4

I nur die große Linie, Pk T. 143-145 zu leise, II bessere Differenzierung als in Satz 1, jedoch etwas routinemäßig

Daniel Barenboim

Berliner Philharmoniker

CBS

1986

27‘16

4

W, gewichtiges Musizieren, laute ff-Akkorde klingen nach Bruckner, zurückhaltende Tempi

Thomas Beecham

Royal Philharmonic Orchestra

EMI

~ 1955

23‘10

4

erst im 2. Satz bei Schubert angekommen

John Barbirolli

Hallé Orchestra Manchester

BBCL

1965

23‘55

4

BBC Studio-Aufnahme, etwas belegter Klang, moderate Tempi, I konventionell, geringere Spannung, spitze Oboe fällt aus Holzbläserklang heraus

Charles Münch

Boston Symphony Orchestra

RCA

1955

23‘48

4

klingt trotz ihres Alters erstaunlich gut

Vaclav Neumann

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1966

23‘54

4

konventionelle Darstellung auf gutem Niveau

Jonathan Nott

Bamberger Symphoniker

Tudor

2003

28‘07

4

W – moderate Tempi, Klangbild wenig aufgefächert und farbig, z. B. T. 94 ff. im 1. Satz, II interpretatorisch auf höherem Niveau

Carl Schuricht

Sinfonie-Orchester des NDR

Tahra

1954

23‘34

4

I Pizzicati von Vc/Kb zu leise, II entspannt, Schuricht hebt Basslinie T. 96-111 mit Posaunen hervor und gibt ihr ein eigenes Gewicht

Eugen Jochum

Boston Symphony Orchestra

DGG

1972

22‘00

4

I klingt wie durchgespielt und aufgenommen, routiniert, II überzeugt mehr

Kurt Masur

New York Philharmonic Orchestra

Teldec

1997

26‘43

4

W, live – Schuberts Dynamik großzügig ausgelegt, teilweise ausladender Klang, II Holzbläser T. 90-95 im Einheits-piano

Hermann Abendroth

Rundfunk Sinfonie-Orchester Leipzig

Berlin Classics

1950

23‘10

4

live – traditionell, I T. 66 bereits cresc., Posaunen stechen etwas hervor, II T. 53-56 sehr gute Dynamik

Riccardo Muti

Wiener Philharmoniker

EMI

1990

26‘09

4

W - I blechbetont, eher al fresco, T. 122 ff. viel Vibrato

Neville Marriner

Academy of St.Martin-in-the-Fields

Philips

1983

26‘08

4

W - konventionell

Lorin Maazel

Berliner Philharmoniker

DGG

1959

22‘23

4

etwas streicherbetont, I Streicher T.94 ff. anfangs zu mächtig

Lorin Maazel

Wiener Philharmoniker

Sony

1980

27‘58

4

W – live, I konventionell, II gereifter, T. 133 ff. sehr plastisch

Istvan Kertesz

London Symphony Orchestra

Andante

1966

22'58

4

live – I ähnlich wie 1963, jedoch etwas weniger geformt, II dynamische Differenzierung nicht ausgeschöpft – helleres Klangbild, Publikumsgeräusche

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS

1963

25‘45

4

W – sauber musiziert, Pflichtstück?

Menuhin

Bath Festival Orchestra

EMI

1968

24‘47

4

W – konventionell, nicht sonderlich differenziert, f oft ff, II T. 33 ff. Bläser in Bögen, Holzbläser T. 90-95 im Einheits-piano

William Steinberg

Pittsburgh Symphony Orchestra

EMI

1952

21'27

4

I sorgfältig, wenig romantisches Flair, 2. Th. etwas langsamer, rit. T.96-103, II etwas nüchtern

Sergiu Celibidache

RAI Orchester Rom

IDIS

1958

23'19

4

live – konventionelle Darstellung, topfiger Klang – großer Spannungsbogen ab T. 122, II T. 33-44 u. T. 174-185 Bläser benachteiligt

Sergiu Celibidache

Radio-Orchester Lugano

aura

1963

23‘07

4

live – I etwas statisch, II distanziert

Guido Cantelli

Philharmonia Orchestra London

EMI

1955

22‘39

4

Hauptstimmen-betont, insgesamt etwas kultivierter



Herbert von Karajan

Wiener Philharmoniker

Andante

1968

22‘23

3-4

live – Salzburg-Routine, mehr an der Oberfläche

Josef Krips

London Symphony Orchestra

Decca

1950

22‘13

3-4

Karl Böhm

Wiener Philharmoniker

EMI

1940

25‘01

3-4

- genaues Musizieren, jedoch zu statisch, eher referiert als erlebt, entferntes Klangbild, II zu gemächlich

Clemens Krauss

Bamberger Symphoniker

Amadeo

1951

21‘03

3-4

live – wie durchgespielt, Tempomodifikationen

Arturo Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1950

21‘14

3-4

I dramatisch, kein Blick auf Details, in Rekordzeit durchgezogen, Dramatik überwiegt, II A. con moto, T. 33 stampfend, ab T. 65 merklich langsamer

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

Bayerischer Rundfunk

1988

24‘37

3-4

live – unveröffentlicht; langsam, matt, lustlos, wenig Spannung

Guido Cantelli

NBC Symphony Orchestra

AS-Disc

1953

21‘55

3-4

live – I T. 120 schon mf statt pp, II bewegt

James Levine

MET Orchestra New York

DGG

1993

23‘54

3-4

W – Tempiwechsel, etwas al fresco

Wilhelm Keitel

Putbus Festival Orchestra

Arte Nova

1997

27‘37

3-4

W – konventionell, unausgeglichenes Orchester



Leopold Stokowski

London Philharmonic Orchestra

Decca

1969

24‘38

3

sehr guter Klang – klingt alles schön und bedeutend (aufgeblasen), geht aber an Schubert vorbei

Willem Mengelberg

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Radio Years

1939

25‘01

3

W – live, Tempo-Wechselbäder, störende Geräusche der alten Acetat-Platten



Willem Mengelberg

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Membran

1942

22'24

2-3

I nach T. 8 ein zusätzlicher Takt, in jedem Takt ein anderes Tempo, Wechselbäder, T. 122 Str. spielen statt pp ein ff; Schubert lieferte die Vorlage zu Mengelbergs Sinfonie – künstliches Klangbild aufgrund der digitalen Bearbeitung der alten Platten


Interpretationen in historischer Aufführungspraxis und Original-Instrumenten


Antonello Manacorda

Kammerakademie Potsdam

Sony

2011

24'30

5

W – I sehr sorgfältig, farbenreich, am Ende von T. 169 scheint der letzte Ton der Fl und Kl vor dem folgenden ff-Tutti der Montage der Aufnahmetakes zum Opfer gefallen zu sein, II bewegt – große dynamische Kontraste, ziemlich ortskonstant, sehr gute Transparenz

Heinz Holliger

Kammerorchester Basel

Sony

2020

26‘49

5

W – I sorgfältig erarbeitet, mit langem Atem, II con moto, organisches Musizieren – breite Dynamik, sehr gute Balance und Transparenz



Roger Norrington

London Classical Players

EMI/Virgin

1989

21‘40

4-5

W – II etwas zackig

Jos van Immerseel

Anima Eterna

Sony

1996

23‘17

4-5

herbe Darstellung, sorgfältig, 2. Th etwas zurückgesetzt, II con moto – schlanker Klang, in lauten Abschnitten jedoch ausladend

Michi Gaigg

L’Orfeo Barockorchester

CPO

2018

25‘00

4-5

W, live – I farbenreich, breite Ausdrucksskala, zielstrebig durch die Partitur, II con moto – Dynamik im unterem p- Bereich nicht ganz ausgeschöpft, im 2. Satz besser



Roy Goodman

The Hanover Band

Nimbus

1989

23‘08

4

W – blechbetont an lauten Tutti-Stellen, sehr gute Balance und Transparenz, I feierlicher Eintritt der Trompeten und Posaunen T. 110, II con moto

Marc Minkowski

Les Musiciens du Louvre Grenoble

naive

2012

26'11

4

W - live, I konventionelle Interpretation, II wie selbstverständlich, Originalinstrumente kaum als solche zu hören

Frans Brüggen

Orchester des 18. Jahrhunderts

Philips

1996

26‘02

4

W – modertato! II Posaunen im Bläserchor zu stark

Eric Jacobsen

The Knights

Ancalagon

2010

21'42

4

I Allegro, schlankes Musizieren, moderner Zugriff, II Andante molto moto, fast wie abgespult – schlanker Klang, sehr gute Transparenz, stellenweise ganz leichte Tempovariierungen

Christoph Spering

Das Neue Orchester

naÏve

2002

19‘54

4

W – eindeutig Allegro, lebendiger also sonst, Dramatik beim 1. Th, Oboe lauter als Klarinette, II auch hier viel schneller, sorgfältig durchgespielt. Musik ohne die übliche Aura, Poesie der Takte 90-95 und 231-236 überspielt – elastisches Musizieren, sehr gute Balance und Transparenz



Martin Haselböck

Wiener Akademie

Novalis

1993

20‘23

3-4

W – 2. Satz überzeugt mehr als der erste, obwohl fast schon im Allegro-Tempo


Interpretationen in historischer Aufführungspraxis mit modernen Instrumenten


Thomas Dausgaard

Schwedisches Kammerorchester

BIS

2006

20'27

5

W- I Allegro, drängend, D. übernimmt in T. 81-84 nicht die Artikulation von T. 77-80, sehr sauber und einfühlsam musiziert, II bewegt – sehr gute Transparenz und dynamische Abstufung



Douglas Boyd

Musikkollegium Winterthur

MDG

P 2011

26'24

4-5

W – I auf dem Höhepunkt der Durchführung Spannung nicht ausgeschöpft – sehr guter Klang, gute dynamische Abstufung, sehr helle Pk

David Zinman

Tonhalle Orchester Zürich

RCA

2011

20'48

4-5

W – Allegro, hell, Partitur durchleuchtet, klangliche Schärfungen, Blick auf Details, aus einem Guss, II zu schnell, etwas nüchtern, Verzierungen bei Klar und Ob T. 76-80, 209-220 und 225-230

Charles Mackerras

Scottish Chamber Orchestra

Telarc

1998

24‘34

4-5

W – im Bereich des Gewohnten, farbiges Klangbild, sehr gute Balance und Transparenz, II Holz T. 33-44 in Bögen, Horn T. 139-144 zu laut

Ton Koopman

Niederländisches Radio - Kammerorchester

Erato

1996

28‘20

4-5

W – ernsthafte Darstellung, gemächliche Tempi



Nikolaus Harnoncourt

Concertgebouw Orchester

Teldec

1992

26‘12

4

W - I deutliche Tutti-Akkorde T. 28/29, geschärfter Trp-Klang, Tempi nicht immer stabil – helles Klangbild mit großer Transparenz



Nikolaus Harnoncourt

Chamber Orchestra of Europe

ica classics

1988

26‘40

3-4

W, live – Interpretation geprägt von Eigenwilligkeiten des Dirigenten: blechgepanzerte Tutti-Abschnitte, zu penetrant, Posaunen von Jericho?, I T. 8 entfällt, II Anfang eher im mf-Bereich, kein pp



Hinweise zu Interpreten und ihren Interpretationen:


Bruno Walter

Bruno Walter besaß eine hohe Affinität zu Schuberts Musik, das ist auch aus den vier mir bekannten Aufnahmen zu spüren. Die erste wurde im Jahre 1936 mit den ihm vertrauten Wiener Philharmonikern eingespielt. Sie zeichnet sich durch ein lebendiges Musizieren aus. Das Klangbild ist erstaunlich frisch, zeitbedingt jedoch etwas kompakt. In der Dynamik setzt er sich jedoch zu Beginn, dann T. 99 ff. sowie im zweiten Satz ab T. 113 hinweg, indem er Schuberts pp-Anweisung ignoriert. Im zweiten Satz befolgt er jedoch Schuberts Vorstellung, die Bläser ab T. 33 zu viertaktigen Blöcken spielen zu lassen. In der folgenden Aufnahme, 11 Jahre später für Columbia in Philadelphia eingespielt, hört man diese Takte nicht so deutlich, jedoch achtet er mehr auf Schuberts dynamische Vorstellungen. Lieder ist auf klanglicher Seite kein Fortschritt auszumachen: in tiefer Lage klingt die Musik etwas belegt. Eine weitere Produktion fand zu Stereo-Zeiten in New York mit den dortigen Philharmonikern statt. Die Aufnahme wartet mit einem räumlicheren Klang auf, Walter beginnt ziemlich klar, nicht geheimnisvoll. Im ersten Satz achtet er auch auf die Holzbläser in den T. 178/79 und 182/83, die meistens vom Blech und den Streichern weg gedrängt werden. Der zweite Satz erklingt jetzt viel langsamer, fast schon als Adagio. Der Dirigent nutzt dies jedoch durch eine gute Modellierung der Musik. Meine vierte Aufnahme ist ein Mitschnitt des Bayerischen Rundfunks aus dem zerstörten Nachkriegs-München, das der ehemalige GMD kurz besucht hatte. Der Klang ist jedoch kaum zufriedenstellend, etwas entfernt, die Geigen klingen in hohen Lagen spitz, viele Details kommen nicht so zur Geltung wie auf den Studio-Einspielungen.


Otto Klemperer

Vier Einspielungen mit Schuberts 8. liegen mit Klemperer vor. Die älteste wurde bereits 1924 mit dem Trichter-Aufnahmeverfahren in Berlin produziert, im zweiten Satz unterstützt ein Kontrafagott die Pizzicati der Kb. Aufgrund des durchsichtigen Klangbildes öffnet Klemperer den Blick auf viele Details. Fast 40 Jahre später erfolgt die zweite Studio-Einspielung, jetzt in London, seiner Hauptarbeitsstätte nach dem 2. Weltkrieg. Der Dirigent lässt sehr klar und unsentimental musizieren, d. h. jedoch nicht auf Emotionen gänzlich zu verzichten, wovon das große Crescendo ab T. 122 zeugt. Die Tempi sind, gegenüber früher, etwas moderater ausgefallen. Leider stört die spitz klingende Londoner Oboe das Klangbild der Holzbläser. Zwei Konzertmitschnitte ergänzen Klemperers Studio-Produktionen, sie entstanden drei bzw. fünf Jahre nach der POL-Aufnahme in München bzw. Wien. Klemperers Münchner Deutung besitzt mehr Nachdruck und kann mir einem wärmeren Klangbild aufwarten, in meinen Augen seine beste Darstellung der Unvollendeten. Beim Konzert mit den Wiener Philharmonikern bleibt sich Klemperer treu, seine Tempi sind jedoch etwas langsamer. Die hell klingende Wiener Oboe fällt etwas aus dem geschlossenen Holzbläserklang heraus. Außerdem werden etliche Publikumsgeräusche gratis mitgeliefert.


Wilhelm Furtwängler

Schuberts Unvollendete war ein feste Größe in Furtwänglers Konzertprogrammen. Fünf Mitschnitte sind hier aufgeführt, sowie die einzige Studio-Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahr 1950, die mich am wenigsten überzeugt. Furtwängler ahnte wohl, dass er sich im Konzertsaal dem jeweiligen Werk näher fühlte und es hier überzeugender gestalten konnte. Die maximal viereinhalb-Minuten-Takes der Schellackaufnahmen standen seinem großbögigen Musizieren diametral gegenüber und behinderten seine künstlerischen Aussagen. Als sich zu Beginn der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts die Langspielplatte durchsetzte, hatte sich Furtwänglers Aversion gegen Studio-Aufnahmen verfestigt, man kann von einem Wunder sprechen, dass nun doch noch einige LPs in Wien, London und Berlin produziert wurden, deren Bedeutung auch heute immer wieder gewürdigt werden.

Zurück zur 8. Sinfonie, die Auffassung des Dirigenten hat sich in den wenigen Jahren von 1948-1954 kaum gewandelt: Immer wieder ist man als Hörer gefangen von der immensen Sogwirkung der Musik in der Durchführung etwa ab T. 120. WF fügt auf dem ersten Höhepunkt T. 146/47 dezent Pauken hinzu, wie sie Schubert auf dem zweiten Höhepunkt T. 154-56 auch vorsieht. Auch auf dem dritten Höhepunkt T. 165-64 begegnet man ihnen folgerichtig wieder. Bei der Wiener Studio-Aufnahme regte sich das philologische Gewissen des Dirigenten und er verzichtete hier auf seine in Schuberts Sinne gemeinten Verbesserungen. Das Andante con moto gestaltet WF mit spannungsintensiver Beredtheit. Zu Beginn der Engführung von Bässen und Violinen – das Motiv kann man als Destillat der Bläserstelle T. 66-74 ansehen – lässt WF die Streicher zu laut beginnen. Einzig in der Studio-Aufnahme wird Schuberts p respektiert. Die beiden morendo-Stellen T. 82 (Klar) und T. 222 (Ob) werden beglückend getroffen.


Josef Krips

Von den beiden Aufnahmen mit Josef Krips kann ich nur die zweite, die jüngere empfehlen. Die erste leidet unter der Aufnahmetechnik von 1950, die den Klang insgesamt verfärbt, die Geigen klingen in hohen Lagen spitz, gekratzt, stahlig, vielleicht ist auch die Digitalisierung der alten Mono-Aufnahme misslungen. Weiterhin ist die Balance innerhalb der Bläser nicht gut abgestimmt, immer wieder drängt sich eine Schalmeien-Oboe nach vorn. Aber es gibt auch handwerkliche Fehler zu bemängeln, die Krips auch 1969 noch nicht abgelegt hat: Die Streicher setzen bereits in Takt 8 auf der Drei ein statt in T. 9. Später, nach Abschluss des ersten Themenbereichs, verkürzen Fagotte und Hörner ihr d. Der Pausentakt 62 wird statt drei Schläge auf zwei verkürzt, jedoch nicht nur von Krips, viele Dirigenten haben es zu eilig. In der fast 20 Jahre späteren Stereo-Produktion mit den Wiener Philharmonikern kann man hören, wie der Dirigent den Klang moduliert und eine Atmosphäre aufbaut, die man beim Londoner Sinfonie-Orchester nicht antrifft.


Günter Wand

Im letzten Viertel seines Dirigentendaseins widmete sich Günter Wand vor allem den geschätzten Repertoire-Stücken, u. a. auch Schuberts Unvollendeter, von der hier vier Aufnahmen vorliegen. Der Dirigent hat sich immer wieder in die Partitur vertieft und ihm gelangen gültige Aufnahmen, die alle empfohlen werden können.


Colin Davis

Beide Davis-CDs mit Schuberts 8. rangieren im obersten Feld in meinem diskographischen Überblick. Bereits die Bostoner-Aufnahme ließ aufgrund ihres ziemlich stimmigen Gesamteindrucks aufhorchen. Auf hohem Niveau wird sie noch übertrumpft durch die spätere Aufnahme mit der Dresdner Staatskapelle, die dem Hörer mit einem helleren Klangbild sowie mit noch mehr Arbeit an Details entgegentritt. Ausdrücklich soll hier auf die jeweils vier Takte ab 150, 158 und ab 166 hingewiesen werden, kurze Oasen zwischen lauten Tutti-Stellen, in der Schubert den beiden Fagotten magische Klänge verordnet. Sie sollen leise gespielt werden, jedoch keineswegs leiser als die Begleitmotive von Flöten und Klarinetten, die sich hier unterzuordnen haben! Davis hat die Bedeutung dieser Stelle erkannt, hätte seine Dresdner Fagotte jedoch noch mehr nach vorn rücken müssen. Alle anderen Dirigent wissen davon nichts und spielen darüber hinweg.


eingestellt am 01. 05. 07

überarbeitet und ergänzt am 27. 11. 21

 

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